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Full text of "Address by A. C. Miller, member Federal reserve board, delivered at Philadelphia, Saturday evening, December 21, 1918"

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Zeitschrift fur 

wissenschaftliche geographie 



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A* SvmpsoTb 
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( Analef de Ui l^niverstdoA. Chile t 




ARTES SCIENTIA VERITAS 



ZEITSCHEIFT 



FUR 



WISSENSCHAFTLICHE GEOGKAPHIE. 

In Yerbuaduiig mit 
TH. FISCHBl^ A. KIEU}flHOEF« 

a erOhheLi j. bein, s, rdqe, m sghunke; v. y. wubbb 

Ii«MHiig«gobeii wn. 

J. L K£TTLEB 

(UTalmaz)!. 



BATSTX) VITL 



WEIHARER 6B0GRAPHI8CHES INSTITUT 
in WBIUAR nad WIEN. 

18»1. 



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I 



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Inhalts-Verzeichnis des Vltl. Jahrgangs. 

AUFSATZE: S,He 
K. GANZENMULLER : 'tf dvaxotimatk^fa taiv hpvwv. — 'if riov 

KQOxoSei'hw liuvr. Kiira Kawar. - - T'^korewo Njansa .... 1 

E. H. WICH^IAXN : Die EutwickliuiK tier Elbe zwischen GeetftbacUt 

iind Rliinkt nfjflft . . . . . . . . . . . , . . . . . : 24 

A. FLSCHER : Csinond Fishers Thcoric dor Entstehung der Unebeii - 

heiten dcr Erdrinde , » ♦ . 41, 71 

F. FONCK: (Tlftscherphitnomene im sii.Uichen Chih- (hiorzu TaiVl 2) 53 
O. HEYFELDER; Geologische Untcrsuchnngen dea transkaapischen 

Gebieto-s im Jahrc 1880 (hinv.u Taf'cl 3i 67 

KKEBS: Arktoido und tropoidc Fonnoii dcr Produktion (hiiTzu Taf.4) 80 
O. LEHMANN : Das Kaincl, seine «:;('ui;raphi>c-hf Vcrbrcitung und dio 

Bediiifftinf^on seines Vorkommens 93 

E. LOFFLER : Enviignnffl'n iiber die jetzige Lage der Geographie . 132 

G. BERNI>T: Die IMaine de la Cran oder die ])rovenyaJi.scho 

Sahara 146, 184, 257 

F. HEIDERICH; Die geographischc Aasstellung des IX. deatschen 

Geographentages in Wien 164 

J. DAMIAX : Die Bergstiirze von St. Anna nnd Castelier in Sudtirol 171 

G. RQHLFS : Elektrizitatsaussemngen in der Sahara 207 

K. WEULE: Beitrtige zur ^lorphologie dcr Fladikiisten 211 

Die 04. Versaiumluiig dentscher Natiirforseher und Aerzte .... 302 
0. HALBIG : Varcnius' Stellmig in der Geschichte der Erdkunde nnd 

sein System tier allgemeincn Erdknnde 305 

J. I. KETTLER: Ueber die Arbeiti-n des Geographischen Inatituts 
zu Weimar, 1791 — 1891. Ein Beitrag znr Geschichte der 

Geographie 316, 382, 405 

A. HARXISCH; Afghanistan in seiner Bedeutung filr den Volker - 
verkehr, mit besonderer Beriicksichtigung englischer nnd rnssischer 
Quellon dargestellt 329 

H. SDIOXSFELD: Zu Marino Sanut.. dem Aelteien 892 

W. RUGE : Zur Geschichte der Karturrraphic- 393 

A. HARNI.SCH : Xaehtrago zu ^Afghanistan in seiner Bedeutung iur 

den Vulkerverkebr'- . . . . . . . . . . . . . . , . 441 



I 



IV luhalts-Verzeiclmis. 

BESPRECHUNGEN : 

H 0 p p (■ : Dir Pliiitograiumetrie odor BildiiK'S.skun.st. Weimar , 1889 

(bcspr. V. GrctscJid) 1 

Martus; A.stronomische Goographie. Leipzig, 1888 (Ix-gpr. v. Gretschel) 2 

"Wagiicr'.-j Geographiaclies Jahibuch (bcspr. v. A. KircJth<0 . . . . 171 

KARTEN : 

Tafel 1 ; Figiiron zu A. Fischcr'a Aufsatz. 

Tafel 2: Kiirt*' y.uni Anft^at/^ xihfv Gletscherphiino^noTio im siidlichon Chile; 
von K. Kit Tittle. 

Tafel 3 : Querdurchschnitt dea Kopct-Dag durch den Meridian von Kiail- 

Tafel 4; Mittlere Prozonte arktoider Produktion iind Mitteltom^teratureii 
des Juli und Januar (nach Spitaler) fiir die Zehn-Grad-Zonen 60*^ n. Br. 

bin 40" s. Hr. Von ^V. K i-chs. 
Taft'l 5: Die gfographisohe Verbrritmig de.s KameLs; von O. Lehniaiin. 
Tafel 6 : Karten und Profile zu iC WetUe's nBeitragen ziir Morphologte 

der Flachkiistftn'^. 



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*H dtfccmXijuouQa rtav Itftvtav, — 

H CM KQoxodHlon' Ufivr^. — Kura Kawar. —-^Jlkw^yN^ Njansa. 

Von Dr. Konr»d GanzenmQller. 

Aegypten, „em Geschenk des Nils", hat nur e i n e lebendige Quelle, 80 dass 
W'getation, Tier- und Mcnschenwelt auf das Wassor des Stromes und das ron 
:hiii seitwarts sich ausbreitende Grundwasser angcwicsen ist. Unzweifelhaft 
ntstand MhoD in iltester Zdt die Frage; Woher kommen diese segenspen- 
<!' mien Wftssennassen? Doch niemand war es, der auf dieselbe Antwort hatte 
crteilen konnen : daher hiess zuletzt sprichwortlich „caput Nili quaerere" etwas 
unmoglich zu Findendes suchen, oder etwas uomuglich Auszufuhrendes uuter> 
nehmen. 

Bio Xilquellfmgc hat die Bdsendm and Qeographen Mit dem grauen 
Altertuiii besehaftigt. Unscror an grossartigcn Entdcckungen ttberreichen Zeit 
st es geluogeu, eiuen bedcutendeu Teil des Niiquellgebietes sebr genau kennea 
a lemen ; diese unsere klame Kenntnis setst une in den Stand, die Berichte 
der Alten fiber den Ursprung des „gebeinmi8vol]en Stromes von Aegypten** 
1 ir}itig:er zu l>f'iir<'>ilLn . als das fruherhin geschehen konnte. EJs stellt sich 
licraus, dass maa m langst vergaogenen Jahrhunderten die weit im Innern 
(lea afrikanieohen Kontinents gelegenen Gegenden mitunter 
^enaucr gckannt hat, als gewohnlioh angenommen wird. 
AUerdings ist diese Kunde immer wieder Ycrloren gegangcn. 

Obwohl die Fharaonen im zweiteu Jalutausend v. Qhi, ilure £roborungeu 
\m Nfl anfwarto bis weit nacb SUd bin ansdehnten, so ist docb bis jitzt in 
(len Inschriften nichts aufgefnnden wordeii, woraus zu erkenoen ware, dass die 
aifPT^ Aegyptor tiber dm TTrspninci: des ihrifn ^hcilij^on Stromes", den sie Hapi 
oder den Verborgenea naimtcD, irgend Etwas erfahren hiittea. — Erst uater 
den Ton Liebe m Knnst und Wissenschaft erf&llten PtolemKern warden dnrch 
die am Roten Meere angel^ten Hafen and die damit verbundene Erweiterung 
dc? Handels nach dem Innern , sowie die mit den Einf^el)orncn angckiiiipfteii 
Vcrbindungen , femer durch die scit alten Zeiteu untcruommenen ISeelahrten 
itn Indiachen Ozean bis zom Kap Rhaptnm, dem jetzigcn Ras Uwnmbamkn, 
and weiterhin, and durch den Verkehr mit den dortigen Bewohnem die Lander 
lis ill (las Nilquellgebiet naher bekannt . und es konnte Eratosthenes 
(gest. iyt> V. Chr.), sowie nach dessen, Icider, verloren gegangeneiu Werko 
Strabo (gest. 24 n. Chr.) schreiben, dass sich (bei der Xnael Meroe) in den 
Xil zwei Fliisse ergiessen, von denen der eine Astaboras, der andere Astapos 
heisse, welch letztercn Einigc audi Astasobas ncnncn: denn der Astapus sei 
ein anderer, welcher aus einigenSeen von Siiden her fast in gerader 
Linie auf den Nil strome und die eigentliche Korperma^e desselben bilde^). 
Ptolemaus, der grSsste Geograph des Altertums, der Ton der Nachwelt 
teik flberans booh g^eiert, teils aber aaoh, nnd awar nngerechtfertigterweise^ 

<) 'Eftfi^SAova ^ tlf ror Nttioy Mo nortutoi' . . . iSc o ftiy 'Ama^oQae xaXttrat, . . . are^fx 

ano fitCTiuJffiat, xni a^ciby to xar' ev9eiar <aifia ro6 NsiXov xoibiov nouiv. Strabo XVIJ, 
1. 2 (?A. Krarix r III, p, 846). Bergmr, die geagiapbiBcbeii Fittgmente des Eratoetbenet. 
I^fsig 1880, S. mi. 

I 



■ - iv.. 

uber alle Massen gi schmiiht wordi u ist, war Bogar im stande, die La|;e yon- 
zwei Nilquellseeii im luneru von Afrika genauer zu bestimmen. 

Der dstliche derselben: dvatolixMiE^a tuiv lifivtav^ inA ' 
von ilnii unter 65<» Satlieher L&Dge und 7« sttdlicher Breite in die Earte eiii- 

gezeiclniet^). 

Am meisten scheint auf den ersten Blick die Angabe tier Lange von der 
Wirklichkeit abznweichen, and es wird ihm bis in dio neueste Zeit fast - 
/2;en]eiii dor Vonntrf fremncht, dass seine kaum der Fk'riicksichtigung wiirdigen 
Bestininiuii;{CM liuchst I'ehlerhaft seien . und dass er von jenen weit im Siiden 
gelegeueu Gebieteii eine ganz ucd gar unklare Vorstellung gehabt iiabe. — 
Prdfen wir die Sache genauer! 

Ptuleniiius giug niclit darauf aus, einc ansfiilirliche Erdbesclircibung zu 
verl'asscn. w'lv. sio von Eratosthenes und Strabo bereits vorhanden war, sondcrn 
er wolilo nur die geograpbischeu Objekte raumlich bestimmen ; er spricbt in 
Beinem grossen bis in die ferasteo G^ndeo der drei Erdteile der alien Welt 
bewundernswiirdig reichbaltigen Werke — von dorn ersten der acbt Riicbcr 
abgesehen fast bloss in Namen und Zahlen ; allein diese Kamen und Zablen 
6ind der Ausdruck seiner Gedanken, und wolien wir diese erfassen, so miissen 
wir jene Sprache veratdien lemen nnd diirfen durehaus nicht glauben , daBS 
„sein6 Breiten- und Langenangabeu zweifellos obne Wert" seien, wie dies noch 
neuerdings, und /war in einem mit alter Geographic sich befassenden Werke, 
ausgcaprucbeu wud'J. — Im Gegensatz bierzu wird mit vollstem B42cht von 
Alfred Kirchhoft anf die ZnverlisBigkeit der Angaben des Ptolem&iu 
bezUglich des Xilsystems bingewiescn und derselbe als „ein erlaucbter", 
seiner Zeit „ofieubar aus gauz lautern Nachhcbten sobopfender Qewabrsmann" 
bezeiciiuet'). 

Der groBM idte Geograpb beklagt sicb tm vierfcea Eapitet seines ersten 

Bucbes, dass westostliclje Abstiinde nur selten und nur ganz obngefUhr iiber- 
li<»fort seien . weil man die mathematiscben Hilfsmittel unbeacbtet liess , und 
ueil beispielsweise von gleicbzeitig beobacbteten MoudtinsternisseD , wie der- 
jenigen, wdlche H31 v. Cbr. zu Arbda in der ftinften, sn Eartbago in der 
zweiten Stunde sicb ereignetet aus denen jene Bestimmungen biitten gemacht 
werden konnen, nur wenige verzeichnet waren. ^Wir erfahren den Stand der 
Sonne auch obne dass sie uns denselben durch ihre Boten kund tbat; wir 
bringen den Chronometer in eino neue HemisphSre nnd aie bericbtet uns fiber 
ibren Stand an dem verlaasenen Ortc und befahigt uns, iba ail vergleichcn mit 
dem Stande an jenem Punkte dort." Aber solche Bestimmungen durch Beob- 
acbtung des Zeitunterscbiede^ wareu deu Alten uickt mciglicb ; ibre Zeitmesser 
konnten nur die Stellung der Sonne nun Horizont an einem bestimmtra Punkte 
durcb die von ihr entsandten Strablen angeben. Fast alle ptolemfti- 
s c h e n L U n g e n a n g a b e n b e r u h e n auf S c h ii t z u n g c n und zwar 
grosstenteils nacb der Bauer von Beisen. Dass man hierbei nicht zu matbe- 
matiscb genauen, sondem nnrzu nobngefabren Ergebnissen* gelangen 
konnte, ist selbstverstiindlicb. Ausserdem ist noch Folgendes zu beriicksicb* 
tigen : Pt<»leni:ius berechnet die Lanf^^o eines griissten Ivrcises der Erdkugel zu 
190000 Stadien; wic gross dieselbeu gcwcscu sind, dariiber fehlt uns zwar 
eine positive Ansknnft; es ist indes gewiss, dass die M^rzahl der Griechen 
und Itomer zu geiner Zt it unter einem Stadium eio Wegmass von 600 atti- 
scben Fussen £t 136,66 Pariser Linien oder 308,28 mm verstanden, so dass 



') . . . ^ uvajoXixuiti^a Twy Xifivwy H ror. C'. Ptol. gcogr. lib. IV, 7. (Ed. Wilberg, 

p. soa.) 

^) ,. . . his (Ptoleuiy's) latitudes and longitudM are clearly wortblm." Bonbary, 
A History of Ancient Geography among the Greeks and Romains from the Earliest Ages 
till the Fall of Roman Empire. London 1B7P. II, p. 614. 

■) Dr. Alfred Kircbboff, ,Die bydrographiache ZubehOr des aqaaiorialen Mata Naige' 
in Dr. A. PetenaaaaB Milteaungea XXSif (1886), 8. 



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Kura Kawar. — Ukerewe Njausa. 



40 fitftdien (nahezu) eine geographisohe Keile su8inacheii>). Dann hStte er 

aber niclit 500, sondern (rund) fiOO. (genau 601 ' 4) Stadien fiir einen Aequator- 
grad setzen sollen''). Da nun sein Erdnnif.mg 180000 IStudien oder 4 500 
Meilen, statt 216000 Stadien oder 5400 MoUeu betrugt uiid in demselbeii 
Yerhfiltniase alle Parallelkreise kleiner sind, als sie flclii Bollten, so ist von 
d e s P t o 1 emii u s Lii n g c n a n J,' ab c n immer d c r sochsteTeil ab- 
zu Ziehen. Dcnn wenn z. B. unter dem Aequator /.woi ( )rte von West nach 
Ost 1 000 Stadien vou einander entfernt gelegpn wiireu , so setzte er sie 2o 
anteiMDderi wfihreDd in Wirklichkeit dw eine Ort nur 2 — Vs® von 
dem andern abstand , da erst 1 200 Stadien oder 30 geographische Meilen 
einem Langcnunterscliied von 2*^ entsprechen. — „Ptolomjius hatte ursprung- 
licL im Siuue, alle Langen auf seine Sternwarte zu be^cieheu und uach ost- 
lichen imd WMdichen AbstSndm Ton Alexandria ra rechnen; sp&ter jedoch 
gab er diesen Gedanken wiedcr auf und kchrte zu dem willkiirlich gew&hlten 
Meridian des Marinus von Tyrus durch die gliicklichen Insoln, welclie als mit 
den Kanarien ideutisch betrachtet werden, zuriick, walu^clieiulich wegen der 
Beqnonliclikeit, dass er dann ^e Ortsbestimmnngen nur in dsUidien lAngen 
anaandrucken brauchte." — Die Schiitzungen nach der Dauer zurtickgelegter 
Reisen mussten um so mehr dem willkiirlidi Sclieincnden sich niihern, jc wcniger 
bekannt oder je weniger besucbt das Laud war, je grosser die Schwierigkeiten 
varen, wekihe Bodenbesch'affenheit, Klima, Art dier Bewohner n. s. w. dem 
Relsendcn bereiteten. Wohl pfiegten die alten Geograplien wegen der Kriim* 
mungen und Hindernisse des Weges die Uberlieferten Abstande zweier Orte 
zu verkiirzeu ; allein „8ie verfuhren nicht beherzt genug, und es wurdea dahet 
alle sa Waaser mid zu Lande mriickgelegten Entfenrangen flberachfttet** *). 

Die Differenzen der alien Langenangaben mit der 
Wirklichkeit wachsen, je weiter von West nach Ost fort- 
geschritten wird. So bestimmt Ptolemiius die geographische Lange von 
Karthago«) auf 34« 50' « (nach Absng dee eeeheten Teib) 29« 2*; in Wirk- 
lichkeit liegt es unter 27® 40^ O. F. und es boliiuft sich der Fehler auf 1* 22*. 
Alexandria') setzt er unter 60° 30' — 50" 25' : in Wahrhcit ist es unter 
470 40' gelegen, so dasa der Unterschied 2^ 45' betriigt; fomcr 8usa'): 84<> 
» 700, in WiiUichkeit m 80^; der Fehler iat auf 3o SO* angc wachsen. Wem 
fftDt die Regelmassigkeit in der &nahme der Differenzen von West nach Ost 
hin nicht deutlich in die Augen , und wer merkt nicht, dass die Liingen- 
bestimmungen des grossen alten Geographen doch mit etwas mehr Genauigkeit 
bereehnet sind, nnd dodi etwas grossefen Wort habeui als man bei fltlchtiger 
Benrteilung zu glauben geneigt ist! 

Kach diesen ErwSgungen kounte man, zur Langenbestimmung des Ptole- 
maus beziiglich des ostlichen Nilquellsees zuriickkehreud , zunachst von den 
05 Graden «/• = 10<*50' wegnehmen nnd wttrde dann bA*l(y erhalten; femer 
konnte man sagcn, da unter 47° 40' die Bestimmungen der Lftnge nm ^ 45*1 
unter Ofi" um 3° 30' von der Wirklichkeit abweiclien , so !5eien von den ge- 
fundeneu 54<> 10' uoch etwa 3^ io Abzug zu bringen, so dass 51*) 10' O. F. 
fibrig blieben. Wenn man wm eine nach don E^bnissen nenester Fonohung 
gezeichnete Karte, wie die von Br. G. A. Fisdier in Petermanns Mitteilungen 
von 1886, Tafel XIX, genau anselien wUrde , so wiirde man finden, dass der 
Ukerewe I^jansa, das umfangreiche Wasserbecken , aus welchem der Kiri, der 
spKtere Bahr el-Abiad oder weisse Nil, abstrSmt, sich von 31* 45* O. Gr. 



') 308,28 mm X WO — 184,968 m X 40 = 7398,72 m. (I geogr. Meile = 7420ni). 
*) (7398,72 m X 1& — 110981 m; ab«r) 308.28 mm X ^ X ^1>7& — 111304 m 
Oder 111,8 fan — 1 Aeqmrtorgrad. 

») PpHchel-Rugc, (Joschirhte der Erdkimde. Hthnohea 1877, 8. 54, 65. 
'I Ptol. IV. 3. (Kd. Wilberg, p. 262.) 

lb. (p. 277). 
•j lb. V, 13 (p. 296). 

1* 



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(490 25' 0. F.).W8 OT 34« 46' O. Gr. (52° 25' 0. P.) ausdehnt; in HBfo 
wircl (lerselbe von oiner Linie durchschnitten, welchc mit 33" 16' O. Gr. oder 
nahezu mit 51^ 0. F. zusammeniUllt. Man koonte nun sebr iiberrascht seiu 
tind sagon : Wie steht es nadi dem gofundeiieD Resultat niit dem oft erwShnten 

„uiigehcuren'' and „grossartigen Fehler** dcs PtoIemSoB? SoUte et blotser 

Zufiill st'in , (lass dir fkcrewc Njansa nacli den f»(»nanen Messungen der 
Forscluiijfisreisenden des neunzelinten Jahrhunderts fast gerade uuter derselben 
Liingc gcfunden wiirde, trater welcher ihn dor alte Geograph in seine Ssrto 
eingeaeichnet bat? 

Es diirftcn iride« liald nuftretende Bedenken zu der Frage Veranlassung 
gebeu, ob wobl das, was beziiglicb der JDifferenzen der alten Langenangaben 
mit der Wirklichkeit in bdcannteren Gegenden, wie am Earthago, Alexandna, 
Susa in Betracbt gezogen werdeu kaun, ancK fiir das weit entfernte Qebiet 

des ostlichen Nilqut llsccs massgcbond spi. 

Nur bocbst sclten giebt Ptolemaus Andeutungeu, wie cr zu den in seinem 
Werke aufgeiuhrten LSngen- nnd &eiteabestimmungcn gekommen ist; in Be- 
sng auf die Kenntnis der Ostkfiate too Afrika und des weiter im Innern ge- 

Ipf^cnen Laiulcs aber sagt cr, dnss or von Handelsleuten aus dem gliicklichen 
Arabieu (aus Jemen), welcbe das Meer \ipi das Vorgebirge Aromata (um das 
jetzige Has Hafun), nm Azania, um Bhapta — wddie iiberhanpt die game 
Kuste der Barbaren befuhren, gelernt babe, dass man sicb bei einer Fahrt 
iiiclit gerarlc iiacli Siiden, soTidern bis in die Gegend um das Rhaptum-Vor- 
gebirge (das jet/ige Ras Mwumbamku) uach Siidwesten und dann bis zum 
Eap Prasum (Delgado) nacb Slidosten vende, some dass er in !Briahrang ge- 
braichty die Seen, aus welclieii der Nil abstrome, seien nicbt in der Nahe des 
Ozeans, sondern im Birnieiilande gelegen^). Fernor scbreibt er, dass ein ge- 
wisscr Diogenes auf der iiuckfabrt von ludien, in der Gegend um das Vor- 
gebirge Aromata darch einen Nordwind yerscblagcn, Tunfandzwanzig Tage an 
der Troglodytoukliste liin^ctrieben wurde, sowio dass derselbc lurnacb in das 
Innere des Kontinents liis zu den etwas nordhcber als das Kap Rhaptum ge- 
legenen isiiquellsecn gekommen sei^). — Aus diesen Angaben lasst sich 
Bchliessen, dass Ptolemaus znn!icbst vorsucht haben wird, verschiedene Punkte 
an der OstkUste von Afrika in seine Karte einzuzeichnen , sowie dass er ber- 
nacb entweder von der Miindung des Eliajitus-Flussrs oder von dem Hhaptnm- 
Vorgebirge aus die Lage der Milquellseeu bestimmte. 

Sehen wir nun, wie er sicb die betreffende Kuste vorstcUt! 

Wenn man die bereits ervfihnte Karte von Dr. G. A. Fiselier zusammen 
mit der in Pt^ermnnus Mitteilungen von 1886 vor derst-lben (Tat'el XVIII) 
sich behndenden kartograpbischen Darstellung von Joachim Graf Pfeils Keisen 
in Ostafrika gonau betrachtct und die Angaben des Ptolemiius im siebeuten 
Eapitel des vierten Bucbes daneben b£It, wo er die Kuste innerhalb fUnf 
BrciteT),?raden inn l^'j (^rad der Lrinfje nacli Wpsten zuriickweichen b'isst , so 
fiiidet man, dass ein soiches Zuruckweichen (mit einem gleich darauf sich 
wieder bemerkbar maclienden Vorspringeu nacb Osteu nirgends auders sich 
zeigtt als Kwischen dem Has Schagga und dem Has Mwumbamku, und dass 
also I^aQCcit (i)i(K ux()oi' dem jetzigcn Kas Schag{<a. 'Pa.iivt a/.()fn' dem heutigen 
Ras Mwumbamku entsprechen muss, Bei dem Landvorspruug Scbagga ist der 

') Kai fir^y xtti itufa tdiy ana r^f 'Apa^at ifi( ev4aifuwos ^taneQaiovfiiyoiy tfjoti^tm htl 
til 'A^fMtUt iUti xiff 'A^aviay xai tit 'l^atra, TavTa tte miyra BoffittlfittV iSiMS luAovtttteaf ^ ftw 
9mf0fitp tiv ft nXwy fit] dx^i^iH^ tJyai nqog fucnr,u^Qiay, (tiXa nvtoy jiiy nfthf &v4lfta( Mw 

fit r.r iipnitit', Tr^y (f (rrio run' ' / 'aTiToiy irti to JlQ<iaor d'lav (lun'/nn- rioh^- ui'dToXaf xcu u f atj/utfi^ay ' 
xai ta( Mf4faf dt uip my 6 NtiXoi ^ci fxij tiuq' avrr^y eiyai ti^y tiukuaaay, ujU tVJoii'^tu ffvj(yt{>. 

PtoL J. 17. (Ed. Wilberg, p. 67.) 

') ^toyitrq ^iv ttyd ^ijoi twy elg ti^r 'Jtfdixiiy Ttkioytiuy meatQUpoyta, to Jivttgoy ore 
iyhHTO ictiTa ri AQtufAata, dnmc&rtyai vn6 w5 *Ajiapxtia, xai Jef/^ cjrofra t^y TouyXa- 
ovTiyi^y (ii tjuigat eixnat ndyie. nuQuyevlaSai fi( ruj kiuyctc: , 5.'>fi' o S'tiios ^^t, iSr ittt fd 
twy 'J\mttiv aK^ati^((*ov oXiytif voxuatsqov. Ftol. I, 9. (Ed. Wilberg, p. 28.) 



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~. _ ■ *. 



Eaia Kawftr. ~ Ukerewe N^MUft. 5 

gleicbuamige Ort am Meerc gelegen. ^ananionog ootiOi; xai axQot' iindct sich 
%ei Ptolem&us unter 3^ S. angegeben; Urt nnd Has Schagga H^en unter 
2° 35' S., uTul es ergicbt sich, dass der grosse alte Geograph die betreffenden 
Punkte nur um 25' zu weit siidlich angesetzt hat. Die ostlicho LriTif^n betrlif^t 
nach liim 74° = (nach Abzug des sechsten Teils) Ql*^ 40' ; in Wirklichkeit ist 
Sdiagga outer (40» 40' O; 6r. oder) 58« 20 O. F. gelegen — und ee zeigt 
sich der mcrkwihdi^; ' lioaclitonswerte Umstand, dass aucb hier das gauze 
Gebiot /.u ostlic)i in die Karte eingezeichnet ist und zwar der betreffeode Ort 
um 3" 20'. — bollte das wieder bloaser Zufall sein?! 

Die Hafeoatadt Tomke wOrde mit dem jetzigeii Talcaungn, die Mttndiuig 
dee Bhaptet-Flasaea mit deijenigen des Bnfu bei Pangani gnaammenfaUen* 

In Zu 
nach Ptol.: WirUicbkeit: &8tHch: 

Sa^faniupos oqhos xal Sxqoi Schagga 74o =61 "40* 58o20'O.F. 3o20' 

Tovltoj ifin6Qtov Takanngu . . . . 73*> =60«50' bT'SO' 3»20' 

Tantov Timatmi iy:^o)Mi Rufu-Mundimg 72" 30' m'> 2h' 58" 40' 3" 45' 

•Pojnw ax^v Kas Mwumbamku . . 73o 50' = 61° 32' 57o20' 4«12' 

Zu sQdlich: 

SoQemltovos oQfws »al Sxqop Sdiagga 3« B, 2*35' S. 25* 

TovixTj ifiStiQWv T-dhmu'Au .... 40 15' 3«40' 35' 

''Ptt:i wv rr'nattm r/.iinlai llufu-MUndung 7^ 6'' 25' 35' 

"Famw axQur Has Mwumbamku . . 8" 25' 7" 8' 1° 17'. 

A us dicscn beiden ubersichtUcheu Zusamraenstellungen ergiebt sicli, dass 
die Angabe der gegenseitigea Lage von Sarapion (Schagga) uud Tonike (Ta- 
Icaungu), was die geograpUsche Lftnge anbelangt, ganz und gar der WirUich- 
keit entepricht, indem beide Punkte um 3" 20' 7.11 ostlich angesetzt sind ; aller- 
dings flollte dann die MUnduiisr d -s Rhaptus - Flusses (des Rufu) um 25', das 
Ehaptum-Vor^ebirge (das Ras Mwumbamku) um 52' waiter westlich eingezeich' 
net worden sem. — iffinsicbtlicb der jBeetjmiDiing der Breite zeigt sich Ueber' 
einstimmung mit der Wirklichkeit bei Tonikc (Takaungu) und der Rhaptus- 
(Rufu-) Miiiidung, indem man beide Punkte 35' zu siidlich angej»cb( n 'iii lot. 
aber die Enttcrnang von Sarapion (Schagga) und Touike ist um 15', die vou 
der Bbaptns-Himdung bis tvan Kap Rhaptum (Ras Mwumbamka) am 55' za. 
gross ber.'c'nMi't. 

In Aubetracbt do^son . dass dicsc Berechnnnp;cn ntir nach Anjjabcn von 
Seefabrorn und Reisendeu ausgefulirt warden, durfteu jedoch diese Ditferenzen 
Iceine altsnschredclicben Fehler sein, und es wird ni^naitd bestreiten wollen, 
dass Ptolcmiius eine iiberraschend genaue Kenntnis des betreffenden Teils der 
Ostkiiste Afrik;is geliabt hat. Wer bei dcmselben durchweg mathematisch rich- 
iige Angaben linden will, moge sich ^ar uicbt mit ibm beschattigen. Wem 
indes scbon einmal aufgcfallen ist, wie nngebenerlicb ^der Nilquellsee nach 
Erkmidigungen^ im sechsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts dargestellt wurde^), 
oder wer die verhaltnismassig genaueu ptolemaischen Bestimmxinfjon b. zUglich 
der KjTummung des Nils in Nubien etwa mit der ganz unklaren Zeichnung des 
Nil-Laofes an? der Karte in „Barckhardt8 Travels in Nubia" von 1819 ver- 
glichen hat: der diirfte der Ansicht werden, dass man von den Langen- und 
BreitcD.mgabcn des Ptolemiius etwas mebr zn halten babe, als es bisher in 
der Kegel geschehen ist 



0 SIdsM einer Karte sines Teflet Ton Ost- nnd ZenttsNAfriks niit Angabe der irahr* 

schoinlichen Lage und Auadehnung des Sees von UniLirueHi iiLbst Itezeichnung der Grenzen 
ond Wohnutse der verschiedenen V&lker, sowie der Kurawau^agtrassen nach dem Innem 
gettStst ailf Angsben von zAblreicbon Eingeborenen und mohauiiuedanischen Keisenden und 
nummmengetesgea Ton Jacob £rluuci und Johann Bebnuum, Missionaire der .Chorclt MiM. 
800. of Loudon" in Oat-Afrika. Nack J. Erharto Original und der englbchen Ktotwnanfaahme 
g«sei«lniet Ton A. Petenmam. Petermuiu Uitleiloiigein II (1856), Tafel I. 



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I 



Nehmen wir nun an, dass er von dem Rhaptum-Vorgebirge aus die Lage ' 
des ostlichen Nilquellsecs zu bestiuiraen suchte, so ergiebt sich Folgendes : Das 
Eap Bhaptum liegt nach ihm unter 73^ bO", der See unter 65°; das macht 
einen LiinjjcnTintcrsclncd von 8" 50' = (nach Ahzu;^ dus si^chsten Teils) 7<'22'; 
in Wirklichkeit hctvAi^t dorsi'llte 57" 20' (Ra8 Mwumbaiiikii) - 50<i 55' (Mitte 
des Ukcrewe 2sjausja) = 6" 25' , uiid es hiitte deniuach Ptolemaus vou der 
Ensta am gerechnet das betreffende Wasserbecken ?<> 22^ — 6> 25' 57' za 
westlicli in seino Kartc einf,'ezeiclinct, wiilirend, wie oben nngefiilirt . die An- 
gabe dor Liiiige aut' 65" aul einou Punkt hinwpist, der 15' ostwiirts von der 
Mitte des Sees gelegea ist. Es schaeideu uber beide Liaien, sowobl die durcb 
einen Punkt 15' ostwftrte, als jene durch einen solchen 57' weetwdrto von der 
Mitte des Ukcrewe \jansa bedcutciidc Streckeii der weit ausf^cdelinten See- 
Hacbc, und ^^ ir werden das oine, wie das andere mai gcnau geuug auf dieses 
Wasserbecken hiugewiesen. 

Die letztere Differens von 57' wird indes kleinor oder verschwindet ganz, 
weiin in Bctracbt gezogen wird, dass der St e nacli der Ansicht des Ptolemaus 
niclit in nordwestlicber, sondcrn nahezu westliclicr liichtung von dem genanntcn 
Vorgebirge gelegen ist. Was die geograpbische Breite anbelaugt, so setzt er 
ihtt nSmlieh tmter 7« S. Das atimmt nun allerdings nicht bo genan mit der 
Wirklichkeit iiberein, wie die Angabe der Ltinge; doch ist dabei zu beriick- 
sicbtigen , dass cr das Kap Rhaptum um 1" 17' zu weit nach Siid verlegt, 
mitbin aucb den ostbchen Kiiquellsee. Nach Abzug von 1° 77' erhalten wir 
5* 43' 8. und warden damit (itn Zusammenhalt mit der LSngenangabe) auf die 
Gegend etwas sUdwarts von Tabora (in Unjanjembe, auf dem Wege nach dem 
(Jkerovve) hingewiesen ; dieselhe hi von dem Siidufer des Speke-Golfs 5« 43' — 
2" 30' = 3« 13', vou dem sUdlichsten Ende des Sees, vou dem 1883 durch 
A. M. Mackaj erforwbten weatlichen Arm des Jordan • NuUah*) aber nur 
50 43' _ 30 15' 20 28' entfernt. — Diese Differcnz von 2^jf diirfte denn 
doch kein gar so „ungeheurer Fehler" sein. und da an der hc/.eichneten Stellc 
eiu Wasserbecken sich nicht findet, aia nachsten aber der Ukerewe Njaosa 
liegt, so wird der grosse alte Geograpb keinen andereo See gemeint baben 
kSnnen, als eben diesen. 

Auf Grund vorstehender Erwftgiingen wird mit voUster Gewissheit anS" 

gesprochen wcrdon kJinnen : 

DesPtoicmaus d t ato/. i xioti tu v kifivuiv ist der Uke- 
rewe Njansa und kein anderer. 

Damit ist naturgeniasserweise Alles binfaUig geworden, was fruberhin be- 
ziiglicli dieses Wass( r]>eckens als Verniutiing ausgesprochen und niedergescliriebeu 
wordeu ist, und es ist nicht niitig, es im Eiuzeluen zu widerlegen; ja es ist 
beutzutage die bier n&ber begriindete Ansidit wobl bereits die allgemein an* 
genommene* ^ 

Unzweifelhaft sind in friiberer Zeit, wie dies auch noch jetzt der Fall 
ist, Handelskarawancn von der Gegend des heutigen Bagamojo aus auf den 
von Alters her bekannteu Wegen zuerst west- und nordwestwarts , dann nord- 
licb gezogen und baben die stets dnrcb Beicbtum an Ek&nten, sowiq. durdi 
iippige Fmebtbaikeit des Bodons sich auszeichnenden Gegenden nm den Uke- 
rewe Njansa erreicht; mit Handelsleuton ist untor anderen der oben erwahnte 
Diogenes in das Innere Afrikas gelangt, und auf diese Weisc hat man um 
150 n. Chr. eine genanere Kenntnis des Kilquellgebietes, 
namentUch aber des dstlichen Nilquellsees, gehabt, als man bisbor 
in der Begel za glauben geneigt war. 

') Boat Vojag|0 along the woatcrn sborea of Victoria NjSQza from Ug-anda to Kageye; 
and Exploration of Jordan XuUali. By A. M. Mackay in: Ptooeedinga of uie Royal Geogn^ 

phical Society VI ^Loudon 1^84), pp. 273-283. 



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Sun Kaww. — Vbrnva f^/um. 



7 



Yon einem g r i e c h i s c h o n iS ( li r i f t s t c H c r . dessen Namen man ' 
ebensowenig kennt, wie seine urspriingliche Quelle, aus welcher er geschopft 
hat, ist ein von J. Hudson 1712 verSffentlichtes Fragment') auf uns ge- 
kommen, welches eine ziemlich citii^chende Beschreibnng des Nil- 
Strom es entliUlt. Die Zfh iler Entstehuiifz; derselben kann nur oliiif^'ofiilir 
bestimmt werden. Da bekauut ist, dass der gegen Ende des vierten Jahr- 
hunderts lebende Ueliodoros aus Emesa, Biscbof von Trikka in Thessalien, in 
seiaem Roman Aii^iontxd zum ersten Mai ftir ^Abessinier** den N&meii 
nChamposidt'ii-' m'braudit , wclchpr audi in dom Fra;?ment vorkoramt . kann 
man behaupten , wie Dr. Fr. Si liii rn bcroils nachgewicRon . dass das Alter 
dessdben das funfte Jahihundeit uiclit iibersteigt^). Da indes von den in 
der betreffenden Bescbreibung neu angefuhrten Flass- und Ortenamen auch 
nicht einer sich bel Stepliarms Byzantinus, welclier um 500 sein geograpbiscbes 
"Worterbnch verfasstc. vortiiulet^), so lasst sidi weiter sajrcn. dass sie friilii-stens 
im secbsten Jabrbundert entstAnden ist. Dass sie aber wirklicb aus 
den ersten Jahrhnnderten des Mittelaltere stammt, und dass die darin sich 
fiiulemlen Angaben audi allfjemeiner bokaiiiit ^'cwordcn siiid. fi[dit daraus lier- 
vor, dass Massudi (iiin 950) in seinrn ^f^oUleiK n Wiesen'^ scbrcil)!*) , or babe 
auf einer Karte zur Geograpbie des Ptoleuiiius^) eine Zeicbnung des Nils ge- 
sehen, nadi welcher von d^ Mondgehirge swSlf Flflne herabkommeot die sich 
in zwei Seen saimnelii , doren Ausfliisse sich spiiter zu einera grossen Strome, 
dem Nil , vereiriij^en. — Eine ^onane Vergleichung der Angaben des unlx'- 
kannten griecbiscben Scbriftstellers mit dem, was wir gegenwartig iiber das 
Nilquellgebiet wissen, wird klar ergeben, dass dieselben auf wirklichen 
Berichten aus jenon entferntes Gegenden bemhen. 

Nadi der Besdireibun^' in dem Fra^^raent haben auf dem Mond- 
gebirge acbt Queilfliisse des Nils ihren Urspruug; vior kommen aus don 
westlichen und vier aus den ostlicheii Gebirg8teilon«J. (Die urstcn vier, welche 
alle mit Namen genannt sind , . ergiessen sicb in aen Katarakten-Sce.) Der 
erste aus den iistlidicn Tcilen des Mondi^ebir^es kommc-nde Fluss. winl weiter 
gesagt, ist nameulos. cr tiiesst durch das Land der Pygmaf^i. Auch der Name 
des zweiten, der sich mit dem ersten veieiiiigt, ist uubekannt ; ebenso der des 
dritten; der vierte aber heiest Charalas; sie ergiessen sich alle in den 



>) lownes Hudson, (teogmpliitt ▼etoris •eriplOTM Gneci minores. Owtam 1712. TV, 

ppb 88> 89: A-ff^-unjudttd tira ytrityQcrtj'txd, offov xai ^wSc fi'h'yin, atixSota, 

*) ,0m lulen, hvori de ber tilsigt«<le FragmtiuWr bleve optegneJe, lader der tag 
viftook neppe sige nogct Bestemt, men en Antyduing af dcros yngro Aldor give de imit- 
Jertid aUerade derved, at man i deres Skildring af Nilens evre Leb trteffer Habflannitniea 
Folk (rwv Xttfi^jtmiwy) Mifini under deres yngro Navn, og at de ikke bunne vtnre teldre 

end dot fomti' A arliu adrede, tor man islutte doraf. at de paaboran^-' sip di n ticrdf Rog 
»f de ajthiopinke Forta llinfrPr, dor i Slnfningon af det f^^rde Aarhundrede vate forfattede at" 
Hdtodor fra Eme-a, Bi^kop i Tiikka i Thesiialien.* — Prof. Dr. Fr. Schiern, En Oplysning 
aagaaende Oldiidens Kjendskab til NilonH Kildesoer. (Oversigt over det Kongelige danske 
ViaenakalMnies SeLskaba Forhandlinger og dete Medleramers Arbeider. Kj5bonhavn, ISGti, 
p. 174.) 

') Vei»L Stephani Byzantini ethniconuu quae aapersnnt ox recensione Augusti Mei> 
wSbL Bero&i 1849, pp. ^ 885, 687 «te. 

*) Mayoudi. Li s Prairiea d'or. Text arabe et tradQctuMi par !». BKbier de Mcijiuird 
et Pavet de Courteille. FariA 1S61. 1, p. 203. 

*) Hit LaaI^A» beseidiiMfc Vmavndi* wie am einer anderen Stelle (a. a. O. p. 188) 

hwvorgebt, das geographische Werk des Ptolemlne und xwar eine Ausgube uiit Karten, denn 
er lagt (ib. p 185), dass in domtielben die Meere mit Farben dargestidlt seien. (Da Ptole- 
mftas von verschiodenen .NilqaeUflU^soa" nichts erwUbnt, so muss man annohmen, dass auf 
dom betreffenden EartenUatt das nach leiner Zeit bekannt Qewordene ei|^niend eingeMich* 
net vrurde.) 

*') Al /iijy«£ row JVSrttev nvtaftov roi/ripj f^oiai try otQiijy. ix rov o^ovi Toi> fieydXov 
ofioitus ix tov tvtaohxoi. 



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Krokodilo II - See'). (Aus jedeni tier l)eiden Wasserbecken komraon zwei 
Fliissc, welche zusammentliessen , worauf douu ini Lando dcr Blefautenesser 
der >v-cstliclie mit dem dstlichen Fluss sicfi vereinigt ; der aaf diese Wmse enl- 
standene sogc naiintc ^grosse Strom'' Aiesst in nurdlickw Bkhtiing bis zu deal 
Lande der Ohampesiden, wo er durch eincn Nebenfluss verstarkt wird.) 

Was zuniich^t da^ in dem Fragment erwahntc Mondgebirge anbe- 
langt, so iindeu wir dasselbe in Uebereinstimmuug mit dem sehr geuau unter- 
ricbtetMA PtolemStts') in das Gfebiet im Sttden von den Nilqtiellseai verlegt. 
Daroelbe Gebirge war vor Alifussung der betreflfenden Besclircibnng au<^ von 
dem im viertoii .Taliilumdert iebenden Kircbenhistoriker Philostorgius erwahnt 
wordeu. Derselbe sagt, dass der nGeou** oder der Nil einer der vier aus 
dem Pandieae kouunenden Strdme ad, aowie dass d^elbe, naehdem er nntar 
dem Indischen Ozean binweggeflossen, im Westen wiedet- zum Vorscbein komme 
und zwar — am Fiisse des Mondgebirges; denn dastlhst brachen , wie 
erzahlt wird, in zicmiich weiter Entieruuug von einauder zwei machtige Quellen 
bervor , den Strom bOdend , der durcb Aethtopien fliesse vend sidetst fiber 
ausserordentlicb bobe Felsen hinwegstiirzend, in Aegyptcn eintrete'). Ferner 
bemerkt im fiinftcn Jahrliuudcrt dcr Noii !*1:ttoniktT Proklcn in seincin Kom- 
mentar zu dem Timaeus des Plato bei JUeb]>recbung der Ursachen der An- 
schwellung des Nils in Aegypten, daaa man aiob nicbt wundern dilrfe, bei den 
Katadu])en (d. i. dem grosson und kldnen Katarakt oberbalb Syene) keine 
Wolken zu seben, dcnn dcr Strom kf»!iirnc niclit aus den Katadupen, sonf!«^r!i 
aus dem Mondgebirge, welcbe» weuen seiner bedeuteudeo Hohe und wegeu 
der um daseelbe sicb anbSnfenden, an den Katadupen vorfibwgebenden Wolken 
so genannt werde^). Endlicb erwiibnt spater (im elfken Jahrbundert) der Erz- 
bischof Etistatbius von Tbessalonicli in scincm Kommcntar zu dcr Periegesis 
des Diouyslus von Cbarax, dass nacb der Aussage von Einigen der Nil auf 
dem Mondgebirge seinen IJrsprung babe, und dass er aus dem Zimint 
tragenden Land von den Grenzen Aethiopiens herstrSme*). — Bei keinem an- 
dcron i^riccliiscben SclirifNteller findet man eine so genauc Boschreibung von 
einzelnen QuellHiisseu uud von zwei grossen Seen, wie in dem Fragment*). 

Wenn man das in demselben iiber die vier aus den ostlicben Teilen, des 
Hondgo])irges kommenden QuellflUsse Ausgesprocbene mit der Darstellung anf 
eincr Kartc aiis '-rer Zeit, wie der inclirfach crwahnten in Petcrmanns 
Mitteiluugen von IbHU vergleicbt, so ergiebt sicb Folgendes: Ein bedeutender 
Zutfuss, den der Ukerewe Njansa zunacbst von Westen ber empfangt, ist der 
unter 1^ S. mUndende Kagera^ wdcben Stanley Alexandra-Nil nomt, uod 
von d&D. er aagt, dass er kein grSsseres dem Yiktoria-See znatrSmendes €^ 

') (H Si atmroiiiv SiXm rima^ rtcvtr^y i^ovot rofw. nfmof ftif I ria^t xi^y yijy 

TMy 11 vy u cii i-'i' nyoniuiii I'f, x'd 6 ihvTtQos ctytoyijAOi. ovTot ol 6vo iyovytat, xtti t^^s (tiovaiy 
lif. xai o tQttoi a>aaCi(t>i aymyvfioi. 6 rft litttQTtfi ta^ttxoi rtQoi tiyatoXai xaXthat Xa^tikas, 
aVTM ot ti^aaQti ^toyra ticpt'tiXovttiy tis xiya Xiuyr^y xaXovuiyriy iu>y KgoxodeiXmy. 

*) . . . ro tneHeXr^yr^i ogoi, iof ov vjioHrotum toe r^irae tU loc ^eila/v Xiuyta — 
I'tol. IV. 8. (I'M. WilWg, p. 28.) . 

') Vvnt .9(r'rr()()«' <(i'r^< exdidortu fdego{, vnh r !> rr;s .i'fijjvijf :■: aXoi a i r <i y utpof f'l' 
«i dvo nt^yits Xtytttti noitiy fieyttkus, dXktjktay ovx o'Juyoy dttarr^xviai XHiuUct' ^uuui ayaQV^dov- 
IthtK* KWt d(tt tf,i Ai9ionitt{ iytyi^tif ini rr^y At^'vnToy ;f<uP«', diit nnQtiy vi'^riXoTthtuy xtna- 
(ttnifuvoe. I'biloatorgii eodeeiMticw hutomu lib. X, 3. (Kd. Gotbofred 1643. pp. :;7 38.) 

**) Kai fifip Mai tt Jtepi tow KataJovnovi oQtnat yufii, 9av^a(fThy ovdiy, or yn{> ix 
jrji'riK,- iftQfTat TtQoitoi' r' .V'T/'),. luX fx Tojy £ t Xr^yaia>y ogtoy, a dia Tf> iT'o; 'jTroK- ixai./ ftif, 
xtti iwy TtQp( ixeiyoli tt^Qoi^ofieyajy yigmy^ nafjiwituy rotv Ktaaioiaoviy ixtivtus iytcj^o^iytoy 
piti^oaty ovm. Procli coowieiitariai In Platonifl Timnam. (Ed. C. E. Civ. Sdfaoieider. Vnr 
tifllaviie 1847, p. 86.) 

'') 'EttQot^ di tfum xw NetXoy at tvy r^e Ssk^yt^i ^'rot ix tuy Heliiyaiiitw io&v 
iur/in;t(u, xai arto rf^i xtyyofiio/jo^o^w yijt M T«3r Ai9uiitu»m jt^ftoimr, C. Mflller, Geo- 
griiphi Gr.uci minorfiH 11, p. 257. 

*) Vergl. Berichte der kgl. pr*'U8!<ischeu Akadciuic der Wissensrhaftca /.u Berlin aub 
deiu Jahre 18t>4 (rhilosophisch-historiscbe KImm). Berlin 1865, &. 360— i»62: U. Ftetbey, 
Uebor deu Oberlauf des Nils. 



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4 •" 



. ' Kara Kawar. — Ulnrewe IQaua. 9 

.wasser gefundeu babe, iJs dieses^), das au der MiiuduDg bei grosser Tiefe etwa 
186 (150 yards), bei Ndongo (nnter 1» 15' S., 31* SO* O. 6r.) 400 m 
(450 yards) breit sei»). Von don Eiiigobornen wird der Fluss als „Kutter 
des GewHSseis bei „Dscbind8cha" (d. i. des Abfltisses aus dem See bei den 
liipon-Falleii bezeichnet) ^. — Der „Alexaudra- Nil" entsteht aus der Ver- 
emigaDg des Rnen and des Kagera. Der erstere hat eeinen Ursprang in der 
Nahe des machtigen Berges Mfumbiro an der Grenze von Ruanda, der letztere 
koramt aus dem verscbiodeno Zuflusse aufnehmendcn See Akenjara. Stanley 
bekam 1876 auf seine Frageu uacb dem Ursprung und Lauf beidcr Flilsse 
▼on dem ESnig yon Earagwe dieselbe Anskunft, welche vor Jahrhnndwten 
irgendwie von einem in jenen entfemten Go^'ondcn Bcwanderten demjenigen 
gegeben worden soin mussten , auf dessen Boriclit der unbekaiuitc griecbischo 
Scbriftoteller sicb stUtzte, weon er den ersten Fluss durch das Land der P y g - 

' mften flieasen Ifisst, indem Bamamka Bagte, dam westwXrts vom (Stid-) Ende 
von Bnanda Zwerge wobnten, welcbe nor zwei Fass gross w&ren*). 

(Zwerge sclieinen in jenen Gegenden iiberbaupt besonderc Beachtung zu 
finden. So er/iildt Speke von dem nicbt ganz 90 cm erreicbeiulen „kleinen'". 
daKomal scbon ,,altea'', ini Tanzen u. s. w. geschickteu Kimeuya des Xouigs 
Kamrasi von Unyoro*) ond giebt von demselben eine Abbildung^); femw 

.Bchreibt Wilson, diuss an dem Hofe des Herrscbors von Uganda oinige Zwerge 
pcbalteii uiul f^loicb den friiberen Hofnan'cn eiiropiiiscber Fiirsten Kcbiitschelt 
und begiiniitigt werden und nicbt selten in den Besitz grosser Uerden an 

' jEQndeni, Ziegen nnd Scbafon gelangen**)*). 

Der Kagera nimmt nicbt wait vor seiner Mundung in den Ukerewe 
"Njansa den Ruesi auf, uiul es diirftt^ kaum einem Zweifel unterliegcn, 

■ dass der alte Scbriftsteller bei der Niederscbrift seiner Angabeu iiber zwei 
_'dem ustlicbenNilquellsee zustrumenden vor derErgiessung 

Ib denselben sieh Tereinigenden Fliissen den aus dem Ka- 
iser a und Ruesi entstebenden „ Alexandra- Nil" im Auge hatte. 

Als den zwcitgrossten Zufluss des Ukerewe Njansa bezeicbnet Stanley 
deu fcicbimiu') uud glaubt, dass er weit aus Sttden komme und dort Liwumbu 
kiiiMe. Indes bat Dr. G. A. Fbcber nacbgewiesen , dass dieser Liwambn in 
flor Wembare-Steppe in einem zur beissen Jabreszeit aus^etrockncten See sidi 
▼erliert^). — Aber unter 2" S. miindet vnn Osten ber der Kubana®) fnacb Stan- 
' Int in einem „engea Kanal'*); diesea Fluss bat Fischer im Januar 1886 iiber- 
* mritten ; er giebt nichts fiber die Wassermenge deeselben an, sagt aber, dass 

') ainto the b«j of Uzongora uaues the Al* \<uidra-Nile in one poweiM deep stream. — 
1 Imow no otber river to equal this in uia^itude amon^ the afflnents of the Victoria 

I^yauza. — At its mouth it i^i about 150 yards wido. — At the crossing', tin- river Kapeta 

■ 1»ofcwoen bauk aiid bauk was loO yards in width.* H. Stanley, Through the Dark Con- 
tiaent I, pn. 214. 481. 

*) aThe Waffanda call the Alexandni-Nile the ,Mother of the river at Jinja' or the 
inMni>nIIt*. lb. T, p. 215. Der K^nig Riimanika na^o aaf die Erkuudigtingon Staoleji 

- bexreffs dos Kaf^r'ra nacli dem ik^richt iHivsi'h Afrika-Koisendein: .Verily, mj river k a great 

- one; it is the mother of the riv<r at Jinja." lb. p. 450. 

*) Vkiajng-A in at the end of Ruanda. There is a race of dwarfs gpn.i wlii re west 
, af-MkniTaca calh>d the Mpundu, . . . who are oi^ two feet high.' Stanley, Through the 
^' IMi Continent 1, p. 470. 

- ' *) „Kiii)cnya, a littb- uM luau, lesn than a yard high, made his nlaam, and eat down 
^^empoaedlv. He then rns<' and daocod . . Speke, Journal, p. 561. 
») lb., p. 550: „Kim.3nya the Dwarf.*' 
• •) There are a few dwarfs to be aeen aboat the court (of Uganda), where they are 
' /prfrileged nnisances, like the jesters of the Middle Age«, and like them, they are petted 
fund ijuIu1;/o<], aitd oft^'n Ix'conu; posaesMd of btfge herdi of cfttUe, g^D■ite and aheepe.** 
■t^lVilgOP Ft lkin, Uganda I. p. 150. 

^ ,.Th*^ Shiineiyu river . . ., the Heeond largest afBuent of the Lake , . .** Stanley, 
gfa the Dark Continent I, p. 215. 
^ Petermann, MitteUungen XXXII (1886), S. 3d5. 
^ lb. 8. 866. VetgL TafU XDL 



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10 , ^ wttttHiJOtmiQa rwy kfit^^y, — *H tAf K^oMXm )d(ivti. ^ • 

er ein ^sebr tiefes Bett*< babe, das er wolil zur Zeit der RegengUsse gani 
Oder zum grtissten Teil ausfullen und ein ansehnliches Gewilsser sein wird. In 
Anbetracht dieses Umstandes diii-fte der R u b a n a mit dem in dem Fragment 
erw&bnten drittenFluss, der dem Krokodilen-8ee zufliesst, identisch aein. 

Der Ukerewe Njansa crhalt von Osten her noch verscliiedeno kleinere 
un{! j»rossere Gewiisser. Hiichst beachtenswert erscheint, dass unter 1^ S. ein 
Fluss miindet, der ausser Guaso Ngischu aucU Gori heisst. (Auf Stanleys 
Earte findet sieli nur der letztere Name.) Durch dieses Wort Gkni viid maa 
an die ersten zwei Silben der Bezeichnung 0 L a i a 1 a s erinnert, and man ist 
loicht goneipft anznnehmen, dass sich in dem Natnon Gori ein Teil der 
altcu Benennung erhalteu bat. Yon t^tanley wird der Gori ais ein zur 
Regefuseit grosser mScbtiger Elms beseicbnet*). 

Wie aus dem AngefUhrten klar hervorgeht, lassen sich die Anjzabeu des 
unbekannten griechisclien Schriftstcllers betreflfs der ZuHiissc des ostiichen Nil- 
quellsees ungezwnngen mit dem, was w^f Uber die dem Ukerewe Il^jansa zu- 
flieraeoden Gewftsser wissen, in voUste TTebereinstimmung bringen* 

Was eudlich die charakteristische Bezeiehnung „Kroko* 
dilen-See" anbelaii^^t, so ist dieselbe allerdings ^ep^enwiirtig nicht mehr 
gebraucblick ; doch ist es bocbst auffalleud, dass die Reisenden, weicbe in 
nnserer Zeit an das grosee Quellbecken des Nils gekotnmen sind, 
saumen, auf die in demsclben lebenden Krokodile aufmerksam su macbeo. 
So wird sciion in dem Benclit liber Spekes erste Reise auf diese gefalirlichen 
Reptilien hingewiesen*) ; ferner sagt Stanley, dass die im Suden der Ukerewe- ' 
Ittsel gelegene Gruppe kleiner Etumde, namens Kiregi, der Aufentbalt einer 
ausserordentlich grossen Anzahl solcher Tiere sei , und dass er daselbst (am 
13. De/^^mber 1875) in eineiu Kest achtundfuiifzipj Eier gesehen habe»); Wil- 
son bcmerkt, dass die zahlreich in dem See sicli iindenden Krokodile von den 
Eingeborenen sebr gefiirchtet wcrden*); von Mackay wird erwRhnt, dass er^ 
als ihn seine Boot&hrt von Uganda nach Kagehi (am 4. Juli 1883) an der 
Miindung des Kagera voriiberfiiliite, Krokodile von ungeheurer Gi- i'^se geseben 
babe und hinzugefiigt, dass seine Begleiter glaubten, es wohne in diosen Tieron 
die Seele des Flussgottes'^). So mag denn ganz naturgemasserweise in friiberer 
Zeit einmal das weit ansgedehnte Wasserbecken nach den in grosser Zabl in 
demselben lebenden , wepfon ihrer Gefalirlichkeit allgemein gefiircbteten , zum 
Teil wolii auch mit heiliger Scheu betrachtetcn Tieren benannt worden sein. 

Und wenn hier auch eine genaucro Zahlenangabe vermisst wird, so wird 
doch in Anbetracht der gefundenen auffallenden Uebcreinstimmnng des alien 
Berichtes mit der Wirkliciikcit kaum ein Zweifd dariiber obwalteu konnen, 
dass der K r o k o d i 1 e n - 8 e e e i n e s u n 1) <^ k a n n t e n g r i e c h i s c h e u 
Sch rifts tellers mit dem ustlicheu xsilquellseo des Ptole- 
m&us identisch ist, und dass in der ersten Zeit des Mittelalters noch ge- 
nauere Bericlite iiber das Nilqnellgebiet Torlagra, als dies am 160 n. Chr. oer 
Fall gewesen ist. 

Kan Yolk hat sich in einm* gttnstigereu Lage zur Erforsdiang der dap 
mals bekannten Erde befiinden, als die Araber, deren Herrscbaft sich mit 



*) „Gori is an important and j>ow«rful rivor during the niiny seafion," Stanley, 
Through the Dark Continent I, p. 165. 

*) ..Croco diles are found in the Nyanza Lake." Joum. R. G. S. XXIX (1859), p. 262. 

^) „. . . wi> peroeiTed a group of islets named Kiren. These are Che haants of en 
immense number of crocodilns, and a nest diseovered nora contained flfly^eij^t eggSi* 
Stanley, Through the Dark Continent I, p. 161. 

*) „. . . crocodiles are numcroos in the Lake, and much dreaded by the natives.*^ 
Wilson and FeltEint Ogaada I* p. 169. 

„Joly 4. Famed the month of Ki^era. Croeodiles «f enonnooa size guiu-d Una- 
month of the Kagera, and are regarded by boatmen as poseeased of the qpirit of the nwt^ 
god.** Froceodings R. Q. S. YU (18&4), p. 274. 



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V Kara Eawir. — Ukerewe Njaata. 11 

Haes^schritteu iiumer weiU-r uiul weiter ausbreitete uud die sich.uameutlich 
fft lintoinbdien nnd geograpfaischeD Stndien lungezogen fQhltoi. Eui gara be- 
sonderes Interesse fur Erdkunde zeigte Al - Maraun , der von 813 bis 833 
n. Chr. die AViirde cines Kalifen bekleidete. Es wurde unter Anilerem die 
Geographic des Ptolemiius iu das Arabisclie Ubersetzt, die geogruphischen 
Anmhanimgeii der QrieeheD nnd so anch donan Kenntnis des Nilquellgebiets 
wurden allgemein bekannt. ¥emse Bind die altcn Handolsverbindungen zwiscben 
Arabien und don Siidlandern wobl nie cjanz untorbro('hoii worden ; es waren 
im Laufe dci' Zcit au der Ostkiiste von AiVika vcrschiedcne sirabiscbe Handels- 
stidte entstanden, und nooh hinfiger als frttber mdgen Karawanen in das 
Innere von Afrika gekommen sein und von da weitere Nachrichtcn zuriick- 
gebracht haben. Unter dem erwiihnten Al - Mamun hat Abu Dscliafar al- 
Kharismi das Werk: Hasm al-ard, d. i. ^System der £rde" verfasst, welcbee 
kider terioren gegangen ist; indes ftlhrt Abulfeda, der es als ^Al-Hamnr". 
bezei<dmet>) , Verschiedenes avs demselben an; bier wird znm erstenmal ein 
unter dem Aequator gelegenes grosses Wasserbecken mit dem Namen Kura 
K a w a r benaunt. Nadi den Aogaben des Aegypters Ibn Junis (gest. 1008) 
criiSlt der See Kara fttnf Znflflase , velche anf dem yon Ost nacb West sich 
ansdehnenden Dschebel el-Koinr^) oder dem ,,weissen Gebirge'' ihren Ursprung 
haben. — Neben der Form Dschebel el-Komr tindet sich friihe schon die 
Schreibung; Dschebel el-Kamar*), d. h. „Mondgebirge" «^). Auf diesem ent- 
springen, nacb dem am Hofe Rogers II. (bis 1164 raer 1165) lebenden Geo- 
graphen Edrisi, nnter dem 16. Grad siidlicher Breite /ehn Fliisse, welche je 
ffint und funf in zwei Seen fallen , deren jeder wieder drei Abfliisse hat, die 
sich zuletzt vereiuigen und in ein nur wenig sUdwiirts von dem Aequator 
Begendes grosses Wasserbecken ergiessen*). Dieselben Angaben findet man 
bei Ibn Said (^gest. 1274 in Tunis) wiederholt. Diesem, sowie Eidrisi nnd dem 
Werk „A1-Mamur" folgt Abulfeda (sest. 1331). iiiit welchem das geographische 
Wissen der Araber seinen Hohepunkt erreichte. Derselbe schreibt: Die 
Quellen des Nils, des grossten und beriihmtesten , von keinem aoderen fiber- 
troffenen Stromes, sind im Sfiden des Aeqoators in wlisten und nur wMiig 
bekannten negeuden gelegon. Man wois*^ von den (Trioclion , namentlich von 
Ptolemiius, dass dieselben in dem Moudgebirge sicli linden, und zwar eut- 
springen daselbst zehn FlUsso, von deneu jeder einen Grad der LSnge Ton 
dem andcren entfernt ist ; sie fliessen je fiinf und fUnf in zwei unter 7> sttd- 
lidier Breite und unter 50 und 57° ostlicher Liinge gelegeiicn Seen : aus 
jedem von diesen strcimen wieder vier Fliisse; zwei von den ustlichen und 
SWii von den westlichen vereinigen sich , so dass es noch secbs Wassorlftufe 
9mA r die siofa in nordlicher I^ditnng in den grossen ronden See Kura er- 
giessen, welcher eine Aosdebnimg yon zwei Graden bs^ unter dem Aequator 

■) G^ographie d'AbonUiSda, tradnite de rAnibe ea Fma^ais et MeommgBte de notes 
fli dTMainiiMiMnti par H. IMaand. Paris 1848. I (Intradnotum), p. XLIU, nob 8. 



Ohnc \'okaIbe^eichnung aiud die Wdrter Kouir und Kamar — »«j — 
is der arabischen Scbrift cinander vdllig gleich. 

" ' i zusammenhilugende Gebirgskettea 
dus sich dort verachiedeno Hodi* 
— ^«.^«.w. v.»x. .^.^....Metk an einanderreihen, so daai ei 

wenigstens nahe liej^i, von einem ,,aiiutitorialen Oebirgsaug** 8u sprechcn. f,,I find between 
^ long. and 40" and from tho cqaator to 8. lat. 3*> a tua«s of peaks and highlands 
a remarkable equatorial eiorra.'' Burton. Joum. R. G. S. XXXV. London 1865, p. IS.) 




J[)e obaoon dw oas deux lacs aortttat traia riviires qui finisaent piur se r^unir ei 

r' I'Mouer dans nn tris- grand I^c ... Ce lac est «itu^ au-dossua, mais tr^s-prta de 
llgne ^quinoxiale." G^ogruphio d'Kdrisi traduitc de TArabe on Fran(,ais d'apri-s deux 
imczits de la bibliothique da roi et acuompaguee des notea par P. Am6dee Jaubort. 
' ' 1888. ^ fp. 88. 89. 



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liegt unrl vou 53*/j Grad tisUiclier Liinpe fliiic]i?( Iinitten wird»). (Ans ^wi^ii 
See fliesst der Nil von Aegypten nach Norden, der Nil vou Ma kdiu |chtt (untear 
54« der LSnge) nach Osten, der Nil Ton Gana (itnter 52») oach w«KiiMt) 
Urn 1500 (im An&ng dcs zelinten Jahrhund^rts der Hedschra^) hat Aolti9|H| 
al - M e mi f i alle zn seiner Zeit bekannten Anfjnben iiber den Strom Aegyptens 
,,mit grosser Klarheit und kritiscbem Schariblick*' zusammengestellt ; in 
anf das Kilquellgebiet wird von ihm iiii 'Weraiilidieii das hier bereita-'^ 
gef&hrte wiederholt'). 

Dies sind (lieBcrichtc (lorAraber; um dioselbon richtig verstebi 
und beurteileu lu kounen, muss man sick Folgondes vergegenwartigen : 
aratrischen Geographen kaoDten zaoJichst das, was PtolemSus bezQgUch 
Mondgebirges und sweier im Suden des Aequators gelegenen Seen angle 
sie h rritoii dann am spiitpren f^riechischen Schriftstellern, dass auf doni Afond-"^ 
gebu-ge melirere Fliisse entspringen, welche sicb in zwei Seen ergiessen, 
denen jeder AbflUsse bat ; endlieb haben sie durch Beisrade , wel<^e 
bis in das Innere Afrikas gelangt waren, von eiiiem grossen unter di _ 
Aequator sich befindcnden W a s s e r 1) e c k o ii sic here Kiin^e 
bekommen. — Um nun dasjenige, was sie selbst erfabruu, mit dcm, was 
von dea Griecben gelernt batten, in Einklang zu bringen, fUhrten sie un^ 
70 sudlieber Breite zwei Seen auf, die sio weiter niebt kanuten. (Dass 
selben mit den ilinon zufliessenden Gewassorn cin Er/engnis; blosser TlieoriQ'^ 
sind, diirfte namentlich aus der Bemerkung erbelleu, jede der zehn C^ucl 
Hege genan dnen Grad der Lange von der anderen entfernt, wabrend 
derartige Regelmiissigkeit dooh nii^ends auf der Erde anzutreffen ist.) Nt 
der Ansicbt der Griechen, wie man sie Ijei Ptolemaus und bei dem unbekann^ 
ton Verfasser des oben besprocbenen Fragments dargelegt findot, vereinigen 
sicb die AusflUsse der beiden Seen weiter im ISordou zu dem Nilstrom. Dies 
Yer^nigungsort glaubten nun offenbar die Araber in dem See Kvra oder Ki ^ 
Kawar, von dem sie eine sehr uuifassende Kenntnis bcsassen , gefunden zn 
baben. Ihre Angabe iiber die i^eographisclie Breite und Liin^e , sowie iibelr^ 
die Ausdebnuug dieses Wasserbeckeus setzeu genaue Beobachtuugeu vorai^^ 
irnd man moss annebmen, dass dieselben an Ort and Stelle von Solcben 
macbt wurden . welehe wirklieli dazn befahigt waren. — Wenn it I ri irons tn 
unserer Zeit eiii Ort wie Kafuro (uutcr 1" 40' iS., 31» 3' O. Gr.) m Karagwe^ 
„beine Bedeutung der 2siederlas8uiig vou zwei oder drei reichen Arabern" v« 
(lankt^), wenn Handelsleute aus Arabian und Sansibar in den Dorfem 
Xabulagala leben. und wctui sicb in Ictztert-r Stadt (in der Nilhe von Euba^i| 
sugar eine klcine Kolonie von solcben tindet' ) . so luocbten aucb Iriiherhin^l 
arabiscbe Hiiudler i^tandig in Orten jener Gcbiete wobnon, und es konntc)^ 
Beisende niebt nnr obne grosse Scbwierigkeit bis dabin mgedriingen s«^^ 






') „. . . ces itix rivieres ho dirigont vera le nord, cl se jettent dans un lac de forn^ 
ronde, sous lu ligne d'^quiuoxialo; c'cst le lac Koora . . . I>e ce Im, da c6t6 du nord* sort 
Nile d'Egypto". Rcinsnd, G^ographie d*Al)Oiilf(Sds II, pp. 89. 57. — ,.Oii IH dut 1« R< 
Al Mamur (juf> If lac f1.» Knnr.v est ihf fonne ronde, et qu'il est placf' sous Vequaieur; _ 
diam5tro est de dmx degrt ii, et aou centre C8t place sous lo 53*^ dogrd ct demi de lont^l^' 
tude, quant h, sa latitude, clle est zero." lb. pp. 45. 4t). .^uivant Ibn Said le lac del. 
Eoura eat situe aoua la ligne equinoxiale. C'eet de Ik aue •ortent du o6t6 du nc 
1« Nil d*Eg7pte, d« c6ti de ToiMnt le Hil de MMdaiehoa. et. da cdti de roeoidenti le 
de Oana ~ Sa rivo ocddentole ett looe le &2* degr4 de lengitnde, et ni riveorieatitle 
le 640." lb. p. 45. 

») 906 der Hedscbra = ISO' ( 

*) Le livro da ooanwt eteodu, traitant le tuut ce qui a, rapport a rheoreaz Nil iii| 
Jounal Asiatique. Troin^e «Me, torn. Ill (1837), pp. 97—164. 

*) „Kafurro owes ite importance to being a settlement of two Or three tkb JkaAt 
ders." Stanley, Through the Dark Continent I, p. 4515. 

'') „Tho Arab and half-breed traders from Zanxibar live mostly in the villages nt 
the town of Nabnlegdla. where tiiere is quite a little coloay of then.*' Wileon and JTelli 
Uguda I, pp. 2tOlI. 



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Km Kawar. — Dkerewe IQum. 18 

sondeni auch bei ihren Laiulsleuten freundliche Aiifnahme gefunden. sich 
kfilMre oder liingere Zeit dort aufgebalten, niihere ForscUungen gemacht und 
ikthM Nadiriohteii xnrttckgebradit haben. 

8(^011 ans der Bemerkong, dass das betreflfende Wasserbecken 

unter dem Aequator gelej^en sei , diirftc klar liervorgphen , dass der 
Sec Kura Kawar kein anderer, als der Ukerewe Njansa sein 
kauD. — Araber habeu die Liingeuaiigaben des Ptolemiius verbessert, 

und ihre Astronomen haben in Positionsbeatimmangen Grosses geleistet." 
Wenn Abulfeda sagt, dass der Mittelpiirikt des Kura Kawar (der Ukerewe-See 
wird , wie oben aiigegeben . in der Mitte von 50" .oC ( ). F. durchscbnitten), 
unter 53 '/a" ustlicber Lange sich hade, so weicbt seine Bestimmung nur um 
8* 40* von der Wirklichkeit ab. — Aucb von der grossen Amd^nnng des 
Wasserbeckens — nach ihren Angabon Uber zwei Liingongrade — batten sie 
eine ziemUch klaro V'orstellung. Eine durch don Ukerewe Njansa von der 
Miiudung des Kagera im Westen bis :£uni Eude der Ugoweb-£ai im Osten 
eraogene Linie erstredkt eidb fiber etwa drei Grade der L&nge. <— Wenn der 
Ukerewe-See auch nicht cine kreisfdrmigo Gestalt bat, so bilden doch seine 
Ufer hiiutig. namontlich im Nordosten und Siidwesten, Bogenlinien , so dass 
man in der That von einer grossen vielfach abgerundeten Was- 
■erflftok« sprechen kann. 

(„Die Araber waren besonders erfinderiscb in widernatttrlichen Gabel- 
teilungcn der Fliisse", und es werden zulet/.t - — theoretisch - alle Stroma 
Afrikas im Innern des Kontinentes zu einem Kuoteu /.usammeugetiochten ; aus 
rinem grossra See flienen aie nadi TerschiedeneD Himmelsgegenden bin. Wk 
wissen nun allerdings bestimmt, dass aus dem Ukerewe J^jansa einzig nnd 
allein der Kiri nacb Norden abstromt. "Wie indes die Araber dazu kommen 
konnten, von irgend einem AbHuss nach Westen zu sprechen, ist nicht schwer 
'dssoseben, wenn man bedenkt^ dass in nenerer Zeit zn Staolej anf seine Er^ 
knndigungen nach den dortigen Seen und Fltissen Ton einem ans dem nlamd 
Usm" stammenden, am Hofe des Kiinigs Rumanika von Karagwe lebenden 
Hanne gesagt worde, dass der Kivu-See sowohl den Rusisi-Fiuss nach dem 
Ts«ganjika*See absende, als auch mit dem Akenjara^ ans welchem der 
Kagera abstromt; in Verbindnng stefat*). Die Araber raSgeil seiner Zeit 
Aehnliches erfahrcn haben, und ihre Gcographen haben dann in der Theorie 
einen Termeintiiclien zweifacben Abschluss aus einem kleiucren See auf das 
grosse ibnen bekannte Wasserbeeken flbertragen — spater words nocb ein 
Abzugskanal im Oaten binzvgsfttgt — i nnd so dtirfte selbst disss ihre irrige 
Angabe mehr dafiir, als dagegen spntikm, dass der Kura Kawar mit dem 
Dkerewe Njansa identiscli ist.) 

. . Wenn dies indes trotzdem noch in Zweitel gezogen werden sollte; so 
mag sebiiss8li«dk fblgendes angelBhrt werden : das Ton Speke entdeckte grosse 

Wasserbeeken , aus welchem der Kiri, der spiitere Bahr-el-Abiad oder weisse 
Nil, abstromt , fiihrt seinen jetzigen Namen nach der im Sudosten desselben 
gele gen en Insel Ukerewe ; im Norden von dieser lindet sich ein anderes Eiland, 
am Ukara beisst und Ton Stanly sis „ gross und bsTSlkert" beseicbnet wird *). 
IPeroer fiihrt das im Siiden von dem Maroa-Fluss b'egrenztc Gcbiet am Ostufer 
4m Sees gelsgene Gebiet denselben Namen Ukara'), (auf fiscbers Karto: 



') „A native of WeHtern Usui said : Mkinyaga is west of Kivu I^ake, from wUoh the 
nti River iowt into the lake of Uzige (Tangu^jka) . . . Lake Kivu has a eoniMetMm 
tRM Ihe lake Akaamn.*' Stndey, Tbzon^ the Oaifc ConthiMit I. p. 469. 

*) ,, . . '. the laige and popnloiu iilaad of Ukaia.** Stanley, Tbtoogh tke Dark Con- 

tiaeni I, p. 162. 

*y Vorgl. „Boate Map of tlio R. G. S. Kast African Expedition from Mombaza t^) 
Kemia and Vietoria NTaava. Construcied from Mr. Jos. Thornton's Oiiginal Map" in: 
Throngb Maesai Ltiad. London 1885. 




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Ukira), und an dieses scliliesst sicli Kawirondo ') an, wahrerul die Kavrirondo- 
Bai , in welchc der weiter oben env'iihnte Gori iniindet, iu das Land ein- 
schneidet. — Die arabiscbe Bezeichnung Kura Kawar flillt offenbar mit 
den heate noch gebr&ttcUichen Namen U-kara vnd Kawir-ondo Wb^ 
sammen. Ja liacli deii von Clemens Deidiardt ..oiiigf'zogenen Erkundigungen" 
hat sich dio bctretlVnde B e n c- n ii u ii fz; 1) i s j e t /. t e r li a 1 1 e n . iiuieni der 
Ukerewe Ajausa bei deu dortigeu Bewohnem auch Baiiari dya Ukara, 
d. i. Meer too Ukara*), nnd Bahari dya Kawirond, d. i Ueer tod 
Kairiroud gcnannt wird. 

Der See Kura Kawar dcr Araber ist mit bin keia an- 
derer, als der Ukerewe Njausa, er fallt mit dem ustlichen 
Nilqnellsae des Ftolemftus, init dem Krokodilen-See eioea 
unbekannten griecbisclien Schr iftstellera xusammen, und 
aus dem im vorsteheiideti ar)gf fiihrten gtdit klar licrvor, dasis die Araber eine 
genauere Kenntnis des ^liquellgebietes besessen babea, als bisher gewdbnUcb 
angenommen worden ist 

Kachdem im Jalir§ 14'J6 durcb V'asco da Garaa der Seeweg iiacU Oat- 
indien entdedct word^ war nnd sich Europfter kfirzere oder liingere Zeit ata 

der Ostkiiste Afrikas auriiielten, musston diese mit ara1)ischen Handelsleuten 
in Beruhrung kommen und konnten leicht Erkundigungen iiher dip ini Tnnern 
gelegeueu Gegenden einziehen. So mochte der Pottugiese Duarte Pacheco 
Ton hohen Bergen nnd grosser) Wasserbeoken daselbst gehdrt haben and 
dadurch an die Berichte der Alten liber jenes Gebiet crinncrt worden sein; 
denn oflenbar mit Anlchnung an die Angaben des Pfolt^niiius schrieb derselbe 
(wabrscheinlicb 1505), dass der Nil im iSiideii vom Aciiuator auf dem Moud« 
gebirge entspringe und dass aidi seine Qaellflttsse in swei grossen 8eeB 
sammdn >). 

Genaueres muss indes der sji in'Kcl.n Pilot Martin Fernandez do Enciso, 
welcher sich von 1507 an liingere Zeit la Morabas aufhielt, iibcr die schwer 
zuganglichen Lander Inner • Afirikas erfahren haben. Nach der RUckkehr 
sein Yaterland hat derselbe eine Beschreibung aller Teile der Erde (mit ba- 
sondercr Beriicksichtigung Tndiens) 1519 in Sevilla veriiffentlicht. In diesem 
Werke, vdii welchem 1546 eine zweite Auilage erschien, ist zu lescu, das west* 
wartt> vun Mombas der sehr hohe ^Sthiopische Olymp" gelegen sei, sowie dass 
weiter nacli Went bin das Mondgebirge sich erstrecke; auf den siidlich vom 
Aequator sich erhobenden licrgen dieses Gebirges ('und auf den bis an das 
Ende von Afrika nach Wesfcen sich ausdehneuden „montes atalantes") habe 
der iS'il seiue C^uellen, welche in ein grosses, „Nilide" genanntes 
Wasserbecken iliessen, nach welchem der abstromende Fluss den Namen 
Nil fiihre ; dieser Fluss, mit dem sich verschiedeue von den montes atalantes 
kommeude Gew^isser vereiuigeu, wende sich nach Norden and durchstrome 



1) „Kavirondo lies on the north* \i4 comer of the Lsks (Ulnrewe)**. lb. p. 483. VeigL 
I'rocecdinge R. G. S. VL (1B84), pp. 315. 758 : Karte. 

*} Babari itammt an dsm InldMsbea : ^gz^ » Meer (grcwwr FIqib, Strom); eiae 

Bbaliche WortbUdmig ist mltani {^IkJL* — GroMbem), d. L „Hllnpt]iiig" — T«rgL C. 0. 

DQttner, HilfsbQchlein fih lIpii orst. u I'ntt iriclit in cler Suaheli-Spracho. Lfipzip 1887, S. 94. — 
Deegl. mcrikani, d. i. ungebleichttTr Bauuiwoiienstort iius Amoriksi. („The uaiue of the un* 
bloaolicd calico which coaatitutcs tho principal article of barter in tbo entcrior of Africa ia 
merikini, from the country where it is rnanufaftnr* '!.*' Wilson aiiJ Fnlkin, Uganda I, p. 20.) 

^) Do rio Nilo nos montes da Luiia naco alem cio cin ulo da cquinoxial contra ho 
poUo antartico . . . o olto fayndo fuaa fontes loguo faz dous grandea laguos*' . . 
Lnciano Cordeiru, I'hydrographie africttiae an XVI* si^e d'aprte 1m premi^Ke* explontioai 
portugttiees. Lisbonnc 1878, p. 19, not. 29. 



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16 



wiiste, sandige Opgenflc^n An einer aridern Stelle wird erwiibnt. dass auch 
der Kongo in dciu sehr grossen mid hohcn Mondgcbirge seiiieu Ursprung 
nehmfl und aus demselben See abstrSme, auB welclicm der — bei weitem 
grossere — Nil komme *). — Sfit dem ,,sphr hohen im Weston von ]\roraba8 
gelegenen iithiopisclien Olymj)"' kanu kciii andercr Rerg nls drr Kilimandscharo 
gemeint seiu , der sich nurd west warts von der genuunten Hafenstadt auf 
6 000 m erhebt; von den weiter nadi Weiten bis Unyamwesi sich hinziehen- 
den Hcihen Hiessen wirklicli (irewasser dora Ukrrewe Njansa zii. — Die Be- 
merkung. dass zwci Fliisse aus dem groasen im Nonlen des Mondgebirges sich 
ausbreitenden Wasserbeckeu abstrumen , erinnert an die obcu erw ahutcn Be- 
riohte der Arsber, oadi welchen Nil und Niger ihren Ursprung in dem Kara 
Kawar habeii ; als zweiter Fluss ist indcs von Eiiciso der Saire odor Congo 
gonnniit, welclien die Portugiesen in seiiiein unteren Laul'e iiiiher kenuen ge- 
lerat utid von dem sie scliun irlih eri'ulij;en halteu, dass er aus eiuem See ab- 
flieese «). Was aber die Bezeichnung NiUde flir das betreffende Wasserbecken 
anbelangt , so kanii dieselhe uninoglich auf Rcrichten aus jenem Gebiet be- 
mhen, da der Nnmf Nil nur in Nubien und Aogypton gebrauclilic}i. den Be- 
wohnern Inner-Alrikos aber guiizlich uubekannt ist ; diese Benenuung ist viel- - 
mehr d«r alten Geographie entDommen und willkfirlidi von Nordwest- nacb 
Zentral-Afrika iibertragen; denn nach Plinius niramt der Nil aus einera See 
dieses Namens im westlichen Mauretanien unweit des (atlantischen) Ozeans 
seinen Ursprung *). — Da £nciso offeubar irgendwelche genauere Kunde ron 
dem EilimaDdscharo batte, da er Ton diesem nacb West bin das Mondgebirge 
sich ausdebnen lasst und den — im Norden von demselben gelegenen — Nil- * 
quellsee in die Gegend unter dem Aequator verlegt , so ist man geneigt, bei 
seinen Angaben an den Ukorewc Njansa zu denkeu und anzunehmen, 
dass man in jener Zeit eine aDgemeine, venn anch nidit gaoz klare Eenntnis 
▼on demselben gehabt babe. 

(Anders? verhKU es sich jedoch mit dem, was man bei dem portugiesischen 
Geschichtschreiber Joao de Barros liest. Derselhe schreibt im ersten Kapiiel 
des sebnten Bncbes der im Jabre 1&&2 mchienenen ersten Dekade seines 
nossen Werkes tib^ Aaien, dass das, was die Portugiesen zu dem Ednigreicb 
Sofala rechnen, ein sehr weit ansgedehntes zwischcn zwei Armen eines grossen 
Flosses gelegenes, von dem Benomotapa beherrschtes Gebiet aei; der Fluss 
komme ans dem grdssten See Afrikas and dieser sei nm so merkwiirdiger, 
well ihn auch die alten Schriftstcllcr gekauut und geglaubt hiitten , dan aus 
ihm der beruhmte Nil abstrorae ; auch der Sairc nehme seinen Ursprung in 
ihm; man konne sagen, dass das grosse Wasserbecken dem westlichen Ozeau 
iiSher als dem Sstlicheu gclegen sei (!); dnrch zablreiche Zuflfisse werde es za 
einem schift'baren Meere iUr viele Fahrzeuge gemacht ; von ciner grossen Insel 
in demselben Itamen mitnnter mehx als dreissigtausend streitbare Hinner 



7 si oefte deile puerto (motubavii) elU vl luoulo 01iu|>u etiopico que 
es altilTlmo. y addsate del eftun Ioh monies do lana a do Ton los narcimientos del 
nilo." — ^iffte rio nilo iione fas nafciqiientot de 1a otn parte de la eaainodal ol auTtro 
en lo8 motttee de Imft, j tambien los tiene en los montee atatsntee al fln de afrioa faasia 
el ponicnte en una la gun a ffrande llarnaila n ill do, do donde tom6 el nombre el nilo; 
T elta agua delta la^na luJiue y otras quo a cUa lu allogau de los monies alalantea pa(- 
fta poK mnchoa deliertos de arenas . . Sunia d« geographia, que tiata de lodas las 
psrdase y moviadaa del maiulo: en efpecial de las Jndias. Fecba per Martin Fernandea 
d'eneiro. ^eiilla 1546. foL 47. 54. 

*) „Krio8 da iimnii ongo dizen que el rio de mauicongo uafce en las aierras y inontes 
de luna que Ion may grander y altas de una laguna graudo: y que de la mifma lagona 
narce otro rio que es mayor que el Tajo qp» va taaua otrs parts J que aqad ei el silo/* 
JUicifo, Soma de geographia, fol. j»4. 

•) Cordeiro, rijyilrographie alHcahie, p. 12. 

* Ni! 1 originem, ut Juba n x potuit < xquirere, in monte inferioria MamotaniaO, non 




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16 



bervWf um das benadibarte Festland mit Krieg za Qberziehtti; ddljeiuge 
Pluss, v,i Icher sich nacli Sofala wende , theile sich , naohdem er eine weite 
Streckc Landes durchflossen, in zwei Arme, von deneu der eine itinfundzwaozig 
Heilen von Sofala ^Caama", weitor im liinera des Landes aber ^^^ambere" 
gcnunnt werde i). — Diwer Cuama oder Zambere ist kein anderer , als der 
Sambesi. Die Bemerkiinpj, dfiss das Wasserbecken, a«s wclchem Nil, Congo 
und Sambesi abtiiessen, ein schiffbares Meer sei, die Erwahnuog einer grossen 
Ineel (statt Tieler EUande) in deEiselben mit kriegerisdier BevdUcBrang lasseii 
aUerdings an den See denken, in welchem der Kiri Beinen Ursprung nimmt^ 
da aber dus betreflTende Wasserbecken viel za weit nach Westen und Sudcn 
verlegt ist, so kann Barros bei dem Kiederschreiben der erwabnten Angaben 
unmoglich den Ukerewe Njansa im Auge gebabt baben.) 

(Yon derZeit der Erevzziige an standen die abeesinischen Kdnige, auf 

welcho man in der Mitte des vicrzcbuien Jabrhuudorts dco Titel des Erz- 
priesters Johannes ubertrug, mit Europa in Vorbiudung und man bekam ge- 
nauere Nachricbten iibcr jenes scbwer zugiinglicbe HocUlaud. BereiU auf der 
Karte der Brttder Francis und Dominique Pisigani aus dem Jabre 1867 
findet man den „lacus abaxie", den jctzigen Tsana-Sec, und seinen Abfluss, 
den blauen Nil, aufgezeichnet 2). und auf der 1457 — 1459 entstandenen Welt- 
karte des Era Mauro siebt man deu spiralfuriuig gcwundenen Lauf des 
,,Abai", des Babr el-Asrek, aemlicb genan angegeben ■— Yon 1520 bat 
der portugiesische Missionar Francisco Alvares sechs Jabre lang in Abessinien 
sich aufgchalten und einen grossen Teil des Landes bereist ; er ist Ids in die 
Gegend des Ursprungs des blauen Nils vorgedrungen und nur zwei Tagereisen 
Ton den Qudlen desselben entfwnt geblieben, welcbe anige Portagiesen wirk- 
licb erreicht( n ; diese bericbteteDf der Nil entspringe im Kouigrcii h Godscbam 
aus Seen (!) *), die ihrer Grosse wegen gleicli Jiloi ren seien f). und im Kiinig- 
reicb ,,Damote" babe ein anderer grosser FIush ^tiueti Urspruug, der in einer 
dem Nil entgegengesetzten Bicbtimg» wie man glaubc, zum Congo abfliesse*). 
— Als dies durch ein 1540 in Lissabon veroileutlichtea , 1576 ins Deutscbe 
ubersetztes Work ") iiber die „Lauder des Priesters Jcdiannes" allgemein be- 
kannt wurde, glaubte man den lang g^uchten Ursprung des „geheimnisToIlen 
Stromas von Acgypten" in d^ Hocbland von Abeesbien gefunden zu baben. 
~~ Im Jabre 14S2 war die Geographie des Ptolemaus in lateiniscber Sprache 
mit Karten in fTlm orseliionen , und man Icmte das, was die altcn Gricclien 
tiber das Nil^uellgcbiet wussten, genauer kennen. Um nun diese Angaben 



■) ,,Tndft ft t«rr», qn« eontoatM por Reyno de Sofalft b« humft gnoidc rogifio que ren> 
horea buui Priticip<"' Ocntio ehamado ncnoriKilap.i : a qual abra(,.io cm modo d;i ilhii dnue 
bra908 do hum no que pioctHk* do maes aotauci lago que toda a t^rra de AfriciV tciu, mui 
defejado de faber do» aDtigos efcriptores por for a cabo^a efcondida do illuftre Nilo, dondtt 
tambem procede o noUb Zaire qn« oonre per o fieyoo de Congo. Por a qual |Arte podemoa 
diser fer ebte gtSo IvLf^ mum Ticinho u noffo mar Oceano oooidental que ao' Uriratal (!)... 
rio8 qni^ 0 razt'in (luiifl liuin mar nauogauel de tnuitas velas, om que ha ilba que latn,ii 
de li maes de triuta mil liouitus que v^m pelejar com oh da terra tirme. — 0 rio que vein 
OOlrtnt So&Ia, defpob rjnt' fae dcflo l^i^^'o «• corre per muita diftancia To reparto em dou* 
btafH . . . e o oairo biafo fae abaixo de Sofala vinie oinquo legoae chamado Caaauw polio 

Jiae dentro peb fertSo outroe ponoR Ihe ebamSo Zambire." Bamw, Alia. Em lifboa 1628. 
, fot. 191. 

*} Pe«chel-Kugt», Geschiehte der Erdkunde. MiUichen 1877, S. 186. 

■1 J. Lolewel, geographic du moyen Ago. BnixeUee IBS>% Atlaa. PL ZXtV. 

^) , . e duew quo bo rio nillo naee ao reino de goyaiae: • bo oeo nadmento 
bo em grandea la70afi"(!). Voidadeca informMam dai terru do mreRe Joam. fegundo 
vie 0 elVit um) Jo padre Fnuieifco Alfwee. Em Lifboa 1540. Teii^. Coideiro* ri^rognpliio 
africaino, p. 2^, not. 35. 

„. . . e diietn que ha aelle graadea lagos como mare»« lb p :itj. not 4B. 

*) „E no rcjno de Damota diiem mMW bam grande rio e contrario bo Nilo parque 
cada bn ray pora onde vay : somente presume que vaj pora manicongo." lb. p. H7, not. HO. 

General Chronicii, Das ist : Wahrhaffte eigentliche vnd kurtze Bel'chreibuag vieler 
iMUnhatfter vnd sum theil biD daher vobekaimter Laodfcbaffteo. Franckfort am Mayu 1676. 



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Kura Kawar, — I kerewe Njansa. 



17 



mit den Entdeckungen der Fortugiesen in Einklang zu briiigen, hat man 
A-bessiniea sehr wcit nach Siid hin ausgedehnt nad im Norden 

von dem vermeintlich untcr 15 — 20 oder 23 '/a " S. ') gclcgcnon MondgeT>ir«^o 
2wei Nilquellseen mit 2sameu Zaire — im sudlichea Teile Zambre — und 
Zaflan, sowie im Nordosten von diesen den See „C!olue" aufgezeichnet , und 
zwar findet man, wie CSnrdmro nachgewiesen , diose Zeichnung zuerst auf der 
Kftrte des Diego Homem au«? dem Jalire 1558 Auf dieselbe AVeise liat 
dann Abraham Ortelius „da8 Eeich des Erzpriesters Joliauues" aui' Blatt 89 
fldnee 1579 nhter dem Titet: ^Theatrrm orbia terrarvm" veriiffentliclkten 
groiaen Kartenwerkes zur Darstellung gebracht. Es war ein eehr Ter- 
zerrtes Bild entstanden , das lange fur die Kartenzeichnung von Inner- 
Afrika massgebeud geweseu ist Darnacb sind auch die Angaben in deu ein- 
achlagigen geographisdien Werken jener Zdt zn benrteSen. So Heel man in 
dem 1573 in Granada erscbienenen ersten Band der Beeebreibung Afrikas TOn 
Mannol , dass der Nil ■ der grosste Strom der Erde, von den Abcssiniern in 
Hoch - Aetbiopien Aban Hi " genannt werde ^) und aus dem iui Osten von 
,,Gogiane'' nnd ,/Beguemedri im Westen ^on „Dambayii*' begrenzten See 
,.(jale'' komme «). — Godscham ist zwar im Suden , and Bembea im Norden, 
aber Bc^enieder ist. im Einklang mit dor ATiL^ihe de«» spanisclieu Autore, im 
Osteu des jetzigen Tsana-Sees gelegen, und es wird klar genug auf denselbeu 
hingewiesen. — Bis faiwher, bie in das Kdnigreiob Qodscbam, debnt sicb nach 
der damals herrschenden Heinnng das Mondgebiige oder das Gobirge von 
„rJeht" — „Rctb"' — aus''); Godscham hinwietlonim sei, wie Thevct in seinpr 
1575 in Pari9 veroffentlicbteu Cosmograpbie schreibt, jenseits des A equators 
aiof der siidlichen Erdh&Ute gelegen, nnd anf dem Mondgebirge in Godscham 
f&nden sicb fjanz sicher die Nilquellen «). — Livio Sanuto, dessen geo- 
graphische-^ ^Vi rk 1588 in Venedig crscliicii. s:\<^t, dass der Nil aus zwei sehr 
grossen, mcergieichen, im Kouigreich des Erzpriesters Johannes siidlicb vom 
Aequator gelegenen Seen abatrSme, nnd fdgt anedrttc^lich hinzta, dase man 
ttber die Lage dieser Wasserbecken nur die Bestimmung des Ptolemans kenne, 
der dieselbeii unter G " S. ansetze Aus dip^f^r letztPren Bemerkung diirfte 
deutlich erhellen, dass das nunmehr vorbandene Bild von dem Nilquellgebiet 
ein Brzengnis der Theorie war nnd durehans nicht aof einer genaueren 
Kenntnis von Zentral-Afrika, am aUerwenigsten auf etwa daselbst gemachten 
astronomischen Ortsbestiramungen bcruhte ; daher kann der See Zaflan auf 
keinen Fall mit dem Ukercwe Njansa identitiziert werden, und es ist alles auf 
denselben BezUgliche bier ausser acbt zn lassen.) 



>) qDie Montet Lanae. oder beiige de» Monda, weiche aaoh den Alien bekand g«wefen, 
li«M Ynttr dem Tropieo CfAprieorni.*' Geibardi M ereatoriB efc L Hondii A&uk Anfkerdam 
16%, Karte 3. 

*) Cordeiro, I'h} drographie africiune, p. 20. 

*) „E\ Nilo es el mayor de Iob rios, y los Abixinos de la aJta Ethiopia le llamaa 
Abaa Hi.*' Mwrtnol, Delcripoion goneral do Affinca. L QnuuMla 1573, foL 20. 

*) „La nriipera y mayor laguna que el NUo bMO Uamaa loflEthiopiot oafe, la qual 
tiene a Leuaiiw 1h pcooinoias do Qodoiio, y Begnontadri, y a Poaiento la do Dwabaya," 

lb. fol. 21. 

'') mEHob montes de la luna llamaa cf mOiiliM do Beht, <^ao fo eJlioaden largamente 
delde (d Polo Antartico al rejrno de JSfoeaa* j por el de Gogiaae, que oftan en la Alta 
BUdopta.** lb. M SO. 

•) „I1 efl certain, quo Nil proud l\\ fouico au Rovauiuo do Goiame, ouUro I'Equa- 
tenr, Umnt totb I'Antarctique et tort de montaigncs de Beth, que d'aatres nommeat les 
MontK do la Luno." La Cofmognqihie TniTerfoUo d'Aadri Therob, ooAnogiaphe da Roy. 
Paiifl 1575. I, fioL is. 

„T1 Inlo vafee in tv Regno del Pretesunni detto Ooiune da laghl due gran* 
diffimi, chi- ralToiuii^liano A. niari, liqaai la^i fono pofti di ccrtozza di la dall' Equinot- 
tiale verlb l Antaitico; ilche ancu non Ti difconuione dalln fituatione di Tolemeo, 
cbe gli pone in fei gradi Auflrali." Geograiia di M. Livio Sanvto diflinta in XII libri. In 
Vanezia 1588, foL 99. Vergl. die Karten fol. 108: tabvla VllI and fol. 136: tabvla XII. 

2 



18 



Von dem wirklichen Quell hecken des Nilstromes liat indcs um 
jene Zeit dcr Portugiese Duarte Lopes sichere Kunde bekommen. Derselbe 
war 1578 tiarli ilcm Kcinigreicli Congo al)g('r(nst uiid hatte dort zwolf Jahre 
vorweilt. Nach seiner Ruckkchr diktiorto er in Rora seinen lieisebericht dem 
Filippo Pigufetta, welclier das ihm Vorgetragene sogleich ins Italienische iiber- 
aetote >) und 1591 eine BMcbreibnng des Konigreichs Congo veroffentlichte, 
von welcher oine Ut-borRotzmig ins Deutsche in Frankfurt a. M. erschien *). 

— Tn dcrselben ist ira zelintoii Kapitel des zweiten Bucbes zu Icscn, der Nil 
komme aus einem unter 12^ S. gelegenen allenthalben von sehr bohen Bergeu 
umgebenen See und fliesse in n^Ucher Riobtung in dn aodeFee Waeser- 
becken, das von den bonachbarten Bewobnern seiner Grosso wegcn ein 
Moor genannt worde, 2 20 (italieniscbo) Mcilen^) in der Breite 
babe und gerade unter demAequator gelegen sei. Man liabe Kenntnis 
von demselben dnrch die AnzQcer, welche in der Nfthe des Congo wohnten 
und nadi jsnrti (rpgenden bin Handel trieben ; dieselben sagten, dass auf 
den Insoln des Sees Ijeute wohnten, die in grosscn Scliiffen 
fiibren, die schreiben konnten, die Zablzeichen, Gewicbt und Mass ge- 
bnuchten — was man am Congo niclit ilnde — , die ihre Hftuser avs Stein 
nnd Knlk batiten, und die abnbche Kleider triigen wic die Portugiesen*). 

— Was liber dieses zweite Wassprbeeken angeflibrt ist, stimmt alles — 
mit Ausnabme davon, dasa die Bewoimer schreiben konnen ^) und ihre Uauser 
aus Stein nnd Ealk bauen — mit dem ftberein, was wir gegen* 
wartig iiber den Ukerewe Njansa wissen, der wirklicb von dem 
Aequator durchschnitten und von einem Teil der Uferbewohner als 
„See'' (oder Meer) schlechthiu bezeicbnet wird>), der sicb ferner 
von West nach Ost 45 geographiscbe oder 180 italienische Heilen 
ausdehnt, so dass die Angabe des Lopes nur urn 40 Miglien von der Wirk- 
lichkeit abweicht. Dass dieBewohner dcr Tn<?eln, namentlich aber 
die im Norden und Nordwesteu der grossen Wassertiiicho wobnenden Wasoga 
nnd Waganda, nnerscbrockene Seefahrer stnd und sich sogar See- 
treffen liefern, wurde durch Stanley allgemein bekannt and ist dann durch 
Wilson bestiitigf worden ; der erste sab die vereioigten Bewohnor dcr Kiiste 
von Nakarongo bis Uganda mit 150 Kriegskabneu gegen die Waganda ziohen, 
wdcbe 825 grossere nnd Ideinere^ danmter 230 f&r den Kampf gceiguete 
Kanoes zosammengebracbt batten *). Der ktaitero bemerkt^ dass die Waganda 



') Cordeiro, I'liydrographie africaine, pp. 51. 62. 

■) Relatione del reame «U Coogo et delle eiroDnvioine contrade trattft dalii aoiilti et 
tttgionamenti di Odoardo Lopee Portoghese per Fitippo Pigttfetta con cBfegm van di 6«o* 



aber in vnfer Teutrdic Spraadi tmufeneret vnd vberfetct diurch Avgvftiiiuiii C&OSodomn. 
Fmackfort am Mimi 1609.) 
•) 60 ital. Neil. » 1« 

••) ,.Da quefto piiino lagn vcramcnte nnfce il Nilii, il quale rt.i in 12 ^adi veiTo il 
polo Antartico, o quail cooca ^ circondaio d'ogni intorao da monti eleuatiflimi ... II qual 
Nilo Tcendc per 400 miglia al dtritto in Tiramontanat et entra in va altro grandirrimo, 
che li paesani obiamano mare, maceiore del primo^ pereioobe iiene per trauerfo 220 
ntiglia, ei ^ fotto la linea delr Equinottiale. I){ qnelto lago raeondo ai ha eerte 
infoniuitiont' dtvgli Anzichi vicini a Con^^o, !i qti.ili trafiiana in qno!lo parti, e dicoiio in 
queito lugo effcre genti cbe nauigitao in nauilii jjrandi e lanno fcriuere. pt vfano 
namero, pero e mifura, ehe BOB hauenano in quelle parti di Congo, e che fabncauano le 
cafe loro di pietra e calce, paragonando li oortumi di quelle genii cob qoelli de foitO' 
ghefi." Pigafetta, Relatione del reame di Congo, foL 80. 

I .It iH r<i scarcely be said tbi^ tiie WagBoda have no written laBguage." WSaoa. 

and Felkiii, L'gimda I, p. 219. 

«) „. . . the great Nianja 88 the WaNkona call tbe lake." Bbudaf, Thiongk the 
Dark Continent I, p. 147. 

') „The people of tbe entire coast from Nakaranga to Uganda had despatched orer 
150 Isige esnoM fillj manned to the war. The Uganda war fleet attmberad 825 large 




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Knm KawMT. — Ulraniwe Njaasft. 



19 



akh ebenso unieinelraieiid va Waster , wic zu Lando zeigen, dass sie eine 
grossc Kriep^sflotte von Kanoes habcn, welcho uuter die /alilreiclicn 
Uuuptlinge . der Jnsol verteilt werden , und von deuen die grosstea vierzig 
Mann £usen kSnnen i). Weiter sdmibf Wilson, dass die Waganda — mit 
Ansnahme der Wanjoro — die einzigen Bowohnw Lmer-Afrikaii sind, weldhe 
sich von Kopf bis zu Fuss bekleiden, und dass es in den uber 
Kleidung bestehenden a&hr streugeu (xesetzen Mannern, wie Frauen bei Todeft* 
strafe Terbotoi itt, ohne ainen reinliehen Anzng sieh anf den «}ffenl]icih«i 
Strassen treffen an laasen*). Wenn sie auch keine Hauser aus Stein und 
Kalk besitzen, so sind doch die W a g a n d a u n d W a n j o r o 11 c n X e g e r - 
stiimmeD Afrikas im Ban der Wohnungon iiberiogeo und die 
aus den feni cnsanunengeriigten starken Stielen des funfzebn bis zwanzig Fuss 
fiohe erreichcnden „ Tigergrases " bergestellten bis anf den Bodcn mit Stroh 
^^rdecktcn biencnkorbahnlicben Bcbausungen — nameatlidi ^ejenigen der Yor* 
neiimeu — sind schon, satiber und gcriiuniig 

(Das andere von Lopes erwiibnte „ ailenthalben von hohen Bergen um- 
gebene'^ Waaserbecken wttirde — wie sdion frOber Bmciker ausgesprochen 
ndt dflm Tanganjika-Sce zusammcnfallen ; dieser erstreckt sich aUcrdings nicbt 
bis zum zwolften Grad sUdlicber Breite; dass aber bei den dortigen Be- 
wobncm nocb beutzutage geglaubt wird, ein Abflass aus demselben ergiesse 
sich in den Victoria-See » ist bereits angeittbrt wordoL In Besng anf das 
grosse, gmauer bescbriebene Wasaerbeoken scbwankt Biodcer zwischen dem 
Mwutan und dem Ukerewe Nyansa , auf vrelcli Ictzteren , Trie bier gezeigt 
worden, obne Zweifel die Angaben des portugiesiscben Keisenden sicb be- 
auheo. — Cforddro gtanbt nacb dem Stndinm der Earte des Lopes dieser 
Analdit atciht beipAicbten an konnen *). Es wird sicb indcss nicbt ganz in Ab- 
rode stellen lassen . dass auf dio kartograpliischc Darslcllung Inner- Afrikas 
das bereits naher bezeichnete Bestrebeo, die Bericbte der Portugiesen iiber 
Abossiinea mit dsn Angaben der Alten fiber das Kilquellgebiet in Einklang 
an biingaiy Yon wesaiyiebQm Einflnss gewesen ist.) 



and smBll canoes, out ot which 230 mieht be said to be really effective for war.'' lb. pp. 312. 
tut, TMri. p. 882 (Abbildimg) : ,,One of ibo Gr«»fc Naval Battle* between the Waf^da 
and the WuiuDa, ni the Chanaet behrem Ingira Idtnd sad Cape Kakaran^" -, dcsgl. p. S4S: 
.,Th(> Napoloon Channel. T-;iko Victoria, from the heights abovo tlic Ripon Falls. Flotilla 
of the Lmperor of Uganda orosclng from. Usoga to Uganda" und p. 450: „Canoe8 and 
Faddlw of Afrika.** 

*) „Tho Wagandii are nearly Rucoessful in naval engagemeats as they are upon 
land, and possess a large fleet of war canoes. These are mostly diBtributed among the 
numerous Islands of the coast of Uganda, the chief of each island having two or more 
canoes under his charge. Many of these war canoes will be bold forty men, and are splen* 
didlr BMde vessels." Wilson and Fdltin, Uganda I, p. 908. 

•) ,,Thc Wapanda ar»' distinf^uishcd from all the n<Mcrhbourin<? iifitioris l>y their dress, 
as with the exception ot the Wanyoro they ore (a» far as is Imown) the only tribe in Central 
. AiHca who clothe themselTes from head to foot. The laws about dress are very 
atri' t nnrl it ir Heath for a man or woman to He found in the public roads without proper 
cIoihu.g. lb. pp. U,l. ir>2, Vcrgl. Staidov. Through the Dark Continent, p. 189 (Ab- 
InlduDgcn) ; ,,MtoHa, tho Empr-ror of T^'anda, the Prime Biiaister Slid other Chieft" and 
«3eception by King Mtesa's Body-puard at rravara,** 

*) „In house-building the natives of Uganda are irupcrior to auy of the negro tribes 
of Africa that 1 have soon, tlie houses of the upper cla.sses boin^ neat, clean, and roomy. 
The hooses are usually circular or dome-shaped in form, and bemg thatched down to the 
ground, look like huge bee-hives. The maternl employed is the stout stems of the tall 
tiger-grasK, wl'irli :iH:iin'' \\ hv'nihi from fifteen to twenty feet." Wil.son and Felkiii, 
Uffapaa I. pp. i (2. i i S. \ orgl. da^ Titelbild; „Mttisa'8 Palace from niy Veranda", und die 
A£bild(iD<^ voQ ^Runtantkn'e tnMure-housc" in Stanleys Through the Dark Continent 1, p. 457. 

'*) „M. Brucker suppose que le lac le plus meridional represente le Tanganyka plutAt 
que le Bemba, et que le grand lac central uoit etre de Mouvatao ou le Ukereu^. — Celte 
hypoth^se ou ceite 8uppo»«ition me zombie parfnitement iBsouteaiUe devant la earte de 
Lopes." Cordeiro, rhjrorographie africaine, p. 62. 



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20 



(Neben dem yiemlich klaren Bild, das Lopes gegeben, ist auch dip durch 
Barros bekannt geworclene Anschauung in GeltuDg gebliebon, und man liest 
in dem 1599 von Linschotea Twdffentlichten Reisewerk Ober Ostindien, dats 
in der NaUe der Burgen Sofala und Slosunibique die Goldbergwerke von 
Monomatapa sich befinden; in diesem Lande sei ein See, aus welchem der 
Nil, sowie der auch Niger genaante Cuama abtliusse, welch letzterer zwischen 
Sofala and Mosambik in das Meer aich ergiesse) i). 

Hit Berufuug auf Pigafetta gpricht noch einmal der Hollander O. Dapper 
in soiner 1068 in eister, 1676 in zweiter Auflage erschienenen umfangreichen 
Beschreibung AlVikas von einem grossen ^an dem Ostende des Kouigreichs 
TOD Kimeamaye gelegenen Wasserbeeken", das von den dortigen Be- 
wohnern ein „Meer^' gcnannt werde, in wilciiem ^viele Inseln" seieny und 
aUB dem viele, aber unbekanntc (!) Fliisse ihren rr=;i>runsj nebmen'). — Die 
Angabe, dass der Nil aus demselben komme, ist weggelassen. . — (Dagegen 
wild andffiswo gesagt, das im Weston von Helinde, Mombas und Quiloa tief 
im Innem Afrikas weitinn sich ansdehnfflftde Konigreich Ton Monocmugi — 
Mobenemii^»i odfr Nimpfimftve — reiche im Norden bis an die Lander des 
Erzpriesters Johaunes und habe suiue Westgrenze am Nil zwischen zwei Seen, 
aus welchen, wie man aUgemein glanbe, der Nilstrom abfliesse'). Femer kt 
an einer anderen Stelle zn lesen, dass die Quellen des Nils, der tod den Be- 
wobnern „Aboi" genannt werde *). in der an das Konigreich „Goiam** grenzen- 
den Landschaft ^Agau'' gefuoden worden seien*^), and es wird eino geuaue 
Beschreibang derselben nach dem in der ^hifUma geral do Ethiopia a alta*' 
von Baltezar Tellea enthaltenen Bericbt des Pedro Paez gegeben, welcher am 
21. Juli 1618 bis zu dem T^rsprung dea blauon Nils vorgedrungen ist. — Der 
Darstelluug Abcssiuieus und Inner-Afrikas auf den beigegebenen Karten ist 
die Z^^niuig des Ortelius zu Qmnde gclegi nach welcher die b^den Seen 
Zaire-Zembre und Zaflan in der Gcgend von 5—12^ S. sich ausdehnen; im 
Siidcn von dtMisclbon , unter 15 — Ifi" S. ist das Slond^^obirge aufgczeichnet ; 
ferner ist unter gleicher Breite nBagametro" angegeben, „Bagamidri'* — offen- 
bar dasselbe — aber ist nnter 4 — 5 ^ N. , Agau unter 8 — 9* N. aufgefUbrt; 
den Namen nGoiame" findct man zweimal: das eine mal unter 3<* Q*f das 
andere mal und 12» S. , im Text (lai;rn;t'a ist zu lesen, Goiaro" — Go- 
dscham — sei, t s sich in Wirkhchkeit verhait, unter dem eli'ten Grad nurd- 
Uoher Breite gtlc^cu ). Weiterbin wird das SSdende dtM Sees fon lumbal, 
d. L des Tsana-Seesi bis unter IS^W S. verlegt und dieses Waaseriiecken mit 



^Soffala &rx ixlh fTt, ea Mofzambicqua Caput Bonae fpei verfus centum et viginti 
milliaria diltat. Viciuae huic Arci Auri fodinae Monomotapae funt, qufi in provinda lacus 
eft fons Nili et Cuaniae five Nigri flutninis in Mare labentis inter Soffalain et Morzambicquam." 
loannu Uvgonis Linrchotaiii navif^atio ttc itiaerarivia in ohentaleni life LvHtaDorm lodiam. 
Hagae Comitis 1699, fol. 7. Verpl. Kftrte fol. 8. 

^1 ,T>-ri < iiidc des Kriiiini,'rijks van Niuieamaye leit oiii d'Oofl , volgens berecht van 
eenige /.warti' knojduiden doa Koningryks van ^iineamayo, aca verichcide Portugefon 

fegevcn, een grn^i meir| dst «y lui<ttii een see noemflo, dear nit Tele revieren. doch bpr 
onbekent {'.), hacr.en oorrpronp nomen. De zelve awart«n voegcn daer by dat in dit 
meir ontallijko oilanden Icj/^'eu , die alle van zwarten bewoont worden." 0. Dapper, 
Kaukeurige BfliLriivinge der Afrikanfche (Jeweften. t'Amftcrdam IC'I'^. tol. 6o2. 

^) ,,Het groot Koningrijk van Monoemugi, of Mobeneniugi, by undcre Nimeamaje 
genoemt. gelegon diep t« laude t)i, tf^^iMx ovor do Koningrijken van Mcinh^i/i-, Quiloa, en 
JHelindc, bovft tot greoBPalen in 't Noorden dc landen van A) yfUnie, of Paes-Jans-Lant . . . 
in 't Weflen de reviere ae NijI, talTcben twee Meiren, du 'i- uit liy, volgens gemeen gevoe- 
len, g(-Z' it wort haeren oor-]iron|;r t« ncnii.ii." !'<•. tol. il(U. 

*j „Hceden')i daeghs wort de Nijl vau <!•' Moorenlonders Aboi gobeten." lb. foL 58. 
■) „B<^t landfchap, wacruit dc Nijl zijn oorfi^roBg nflemt, wort AgaM gehetMi» en 
gienlt aen bet Koningrijk Goiam." lb. fol. 57. 

«) ..Africae accurata tabula ex officina Jacobum Meurlium. ' O. Dapper, Naukeurige 
BefclirijvingC d<'r Atiikaijseho •.ioweftrii , fol. 1, uud ..Aethiopia fopeiiOir TU intadflV TOlgO 

Abininorom Hve Prefbiteri loaonis Imperior'' ib. foL 666. 

^) „. . . Goiam op te noorder brete nn elf gnden.'* Ib. foL 701. 



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Kim KKw»r. — nitef«we IQi 



21 



dem See Zaire- Zembre identifiiiert, velcher im nordliclieD Tefle deswegen 

„Zaire" heiss*^, weil dcr g1 iclinamige Fluss oder dcr Congo aus demsplbeii 
seinen Ursprting nehme, ini suiiiichen Telle aber ,,Zambere" geoauut werde, 
wen der denselben Namen fQhrende Flum — der Sambesi — aus ihm ab> 
strome — Nach der Karte ist der ,,Zambere" der Abfluss eim s weiter im 
Si'ulcn gok'genen Wasserbeckens. — Durch das hier zuletzt Aiim Ciihrti' dfirfte 
klar gewordeu sein, warum die kartographische Darstellung Abcssiuicns und 
Zentnl-Afrikas vielfach nicht mit den Berichten der Reisenden ttbereinstiniineii 
kiuini und warum sicb auch in der auf die Beiseberichte begriindeten Be- 
scbreibun^ mitunUT Widorspriiclic rindon iniisson : war cs doeh dn Din^ der 
Umndglichkeit die Augabeu der Altea Ubcr den Urspruog dca weissen ^ils 
mit a&a. Berkshten dor PortugieMO ttbor die Quellen dea Uaiien Fbisses in 
fiinklaog zn bringen.) 

Alls einer gemeinsamen Quelle : aus ununterbrochen sich inKata- 
rakten herabstUrzende n Wassern im lunern Afrikas, lH«!st auch der 
Kapuziner-MissioDar Cavazzi da Mouticuccolo lit seiuer 1687 iu Bulogua er- 
Bchiaieiieii Beeebreibung der ESnigreidie Congo, Matamba und Angola den 
grot&en Fluss Suire oder Congo und den Nil - Strom ihren Urspriing 
nebmen ; der letztere durchstrome Afrika in ncirdlicher Richtung, um sich in 
dae Mittellaudische Mqqt za ergiessen'). — Es zeigt sich deutUcU, dass die 
Kenntnie dea Nilquellgebietes immer nnklarer und Ter- 
sebwommen er wird. 

Im siebenzehiiten Juhrhundcrt Icrnte man Nubien und Sennar allmlildich 
geaauer kcuncn uiid fand , dass der aus Ahessinien kommende ,,Abai" mit 
einem audereu, groti^erun und seiu Belt immer mil Wasscr ausfullendeQ Strom : 
dem tyweissen Nil'S eiob ?ereinige; dieser fiodet sicb zum eretenmal auf 
Delislcs ..Carle d'Ef^yjitc, de Nubie ct de I'Abissinie" von 1707 aufgezeichnet. 

— Im Jahro 1727 hat d'Aiiville eine Karte von dom ..ostlicben Aethiopien** 
entworfen ^) und auf derselbeu , gesliitzt auf die — hier mehrtach erwahnten 

— Bericbte der Portngiesen^ ^n im Innern Afrikas von 13 S. naoh Nord' 
Dordost sich ausdehnendes grosses, inselreiches Wasserbecken zur Darstellung 
gebracht, von welchcra t r vcrmntete, dass es der „See Zambre'* sei und 
welches an den Tunguujika-buo erinnert. Ob das betretlcndc Wasserbcckeu 
untor 4* S. ein Ende erretche, oder ob es sich noch weiter ausdehne, ist nn- 
bestimmt gelassen, und ein Ausfluss aus demselbeu ist nicht aufgezeichnet. — 
Derselbe franzosische Kartenzeichncr und Oeofrraph hat in finer zuerst 1759 
veroffentlichten Abhandluug uber die NihiucUen mit Bestinimtheit ausge- 
sprocben, and dies spiter in seinem ^Abrtss der alten Geographie" wieder- 
boltf dass der fiahr el>Abiad deijenige Fines sei, d^ die AJten mit dem. 



*) „In de geine«iie lanikfteiteB llaet bet tt«tr vtun IHunbea met twee namen gofpelt; 
to wcton het zuider Jeel lut^t dien van Zatubre en het noorder met den iiaciii van Zairf\ 
daer gezeit wort <ie i-< vifri> Zaire, welke Eon^o ea Angola fcheit, haerea oorlprong uit do 
oemen. Het leit up de zuider brete v^lq dertien graden en een halve.'* de renere 

Zambre. welke «it bet meir Zambre vloeit.'* lb. foL 654. 706. 

*) ,J>e UOlH Fhnnf, grtndi, e piccioli cli« l^affhkne, vno. maggiore do gli altri. ft il 
Zaire, che (fecondo I'opinione ammenk fino a t(nii]ii noflri) fcflturirLO da quelle perenni 
cateratte, le quaii torinaDo il Niloi ituperoche leparandot'i ainondni> orda noUa mede- 
fima fonte, il Milo fcorre tutta l*Ailriea verfo Settentnone, Rnv a ijictt^ r ca|io nel Mare 
MeditenwMO . .** Iftorioa deferiiione de' tre' regni Congo, MaUuuba, et Angola, compi- 
lala da] P. <Mo. Antonio Cavuzi da Montecvccolo, ^eerdote Capvcdno. In Bologna 
1687, fol. 7. 

^) „Carte de 1 Ethiopie orioutale iltu^o I'ur la mer des Indes eiitre ie cap Gardat'ouin 
et Ie cap de Bonne Efperance. DrellVJe sur Ie meilleurs Memoires principalfiineot fur ceux 
de Porttigaii par le d'AnviUo. Aout 1727" in: JLe Oiand, Vojage hutoiique d'Abisainie 
da R. P. Jer6me Lobo. Paris 1728, p. 221. 

*} „Ce lac ( It vrairemblablement edni dent on parle foni le nom de Zambie.** (An- 
merkong aef der Karte.j 



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Namen Nil — oder auch Astapus — bezeichneten — Selbst James Bruo^ 
der 1769 und 1770 Abcssinicn bereaste ubd der den Bahr d-Atrek durchaiu 

mit dem Nil der Alten itKntifizieren wolltc . niussto in seinem 1790 cr- 
schicncncn Werkc f^estehcn , dass der Bahr el-A)»iad (U'ln blauen Fluss bei 
weiteui iiberlegeu sei, da er seiu Bctt iinmer uiit Waaler ausfiille, weil cr im 
trebiet der best&ndigen Itegen seinen Ursprung nehme, and hinzufugen, dass dw 
in Abcssinien fiitspringende Nil nicht im Staiide ware, die gliilienden Wiiston 
Nubic'HS /u iibcrwinden uv.d noch als ein fiir das Land sogenbriiigender Strom 
iiacli Aegypteu zu gelaugeii , wonu sicii luciit der gleicbmassig starke Wei^se 
Vivas nnweit Halffua mit ihm TOTeinigte Dieser Bahr el-Abiad wurde in 
der er.sten Hiilfte unsores Jabrhuudorts wciter aufwiirts erforscht. Von den 
drpi durch den Vizekoiiig Meliomod Ali von Acgypton ansgeriisteten Expc- 
ditiuneu draug die zweite unter d Anuud und fciabatier (als Beglciter batte 
sich Ferdiaand Wnne angescblossen) am weitetten nacb SQdon tot und fand 
am 25. Jaouar 1841 eine Felaenbarre, welche ne ntcht zn ttl»6r8dimten 
wageu konnte^). 

Die Kuude vou den Nilquell-Seen war ganzlich in Ver- 
gessenboit gerateu, iind die Karten von Airika aus dieser Zeit zdeen 
in der Mitte eine grosse Nveisse, fiir die Wissenscliaft dnnkle Flache *). — Am 
11. Mai 1848 indes macliN 1 r in Jlombas stationierte Missionar Kebmann 
die hochwichtige Entdeckuug des KiUmaDdscbaro und im Jahre 1855 gelaug 
es diesem und seinem KoUegeu Krapf von dem Vorhandensein grosser Seen 
im Westen jenes Berges zu erfahren. Diese Nacbricht brachte ein regea 
Leben in die Bestrebungen der Geographen, und um die Nilnuellfrage zu losen 
wurden,' wie bekannt, 1856 Burton und Speke von der koniglicb eng- 
liscben geograpbiscben Geseliscbaft in London nacb Inner- Afrika abgesandt; 
letzterer erreichte am 30. Juli 1858 den Ukercwe Njaneai dcu er su 
Ehren der Konigin seinos Heimatlandes : ,,Lak(; Victona'' lionannte. Er kehrte 
in der festen l^eberzeuguiig zuriick, mit diesem Wasserbccken den ostlicben 
Nib)uellsee des Ptolemaus gefunden zu habon. Auf der 1860 bis 1862 in Be- 
gloitung Ton Grant unterDommenen zveiten Reise bat Speke einen Teil des 
Westufers des Ukerewc Njansa erforscht und den Kiri als Ansflu-s im 
Norden entdeckt, (In der folgenden Zeit hat sich ein lebhafter Strcit 
dariiber entsponneu; ob das vou Speke geiuudeue Wusserbecken virklich mit 
dem SsUichen NilqueUsee des Ptolemaus identisch sei oder nicht.) — Auf 
Seiner zweiten Reise nacb Afrika — dazu bestimmt . die von Livingstoneii 
Burton, Speke, Grant angefangenrn Forschuiigen zu Eudo zu fiibrcn — ist 
Stanley am 27. Pebruar 187o au deu Ukerewe Njausa gekommen und hat 
dwselben Ton EBgehi aus in der Zeit vom 8. Marz his 6. Hai 1876 umfahren 
und kartographisch aufgcnoramen ; diese Zcichnung konnte allerdings koine 
voUkommeu geuaue sein, docb wird die Leistong Stanleys — in anbetracht 



„ . . . LL' tliiavf (Bahr el-Abia<l) lopr^sente d'uue luanii re pofitive celui que les an- 
ciuQS appellent le Nil, dillinctemeiii do co qu'ila counoilloiit foiu le nom d'AItapiu.'' Geo- 
grapMe aBcienne, abr^, par M. d'^AnviUe, Paris 178% p. 58. 

*),,... and it is by no means lels certain . . . that unleFs a river large as tlio Nile, 
conftantly full, having its rise in countries lubject to perpetual rains, and pouring its Itreant 
which never decreafee, into that river as the Ahiad does at Halfaia, all the water in Abof- 
finia collected in the Nile would not he f'uflicient to pafs its I'canty Ilream through the 
burning derorts of Nubia and the Barbara, lb as it Tchould be of any utility when arrivfld 
in Egvi't " James Bruce of KiuMtrd, Xmrels to diioover the SouNes of um Ifile. Bdia* 
bargh 1790. lU, p. 722. 

*) Fttduiand Wflrae, Expedition zur ISntdoelning des Weiasen Nila. Berlin 1844, p. 880. 
*) Hand* Atlas von Africa in vierzehn Blatt zur allgememeu Erdkun^U' hei auHgegebcn 
TOtt Karl Bitter and F. A. OetaeL Berlin 183L Blatt li .Karte Ton Africa*, Blatt &: .Aethio* 

S'Mchn Hoehlaad, Ajpenlaad BslMoh vad voialiaft y<m Dutax vaA Btamua,*^ — Teigl. 
tielflr, Bwd-Ailu (Qotka i840)» Nr. 40: „Afli«a genidinet ron StO^pnagel'*. 



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Kara Kawar. — Ukerewe Njau»a. 



23 



der knnen Zeit — von Wtkon eine sebr yprtreffliclie genaaotO* Dieser eng- 
liiche Missionar ist am 28. Januar 1877 in Kapelii an^elangt : am 27. Juni 
desselben Jahres wutde er von dcm K5nij; Mtcsa freundlich bewillkommt und 
cs wurde ihm gestattet, eiue Idissions-Statiou in Uganda zu griinden. Wil- 
son hielt sicAi bu mm 16. Juni 1879 in dieaem Iiaado anf; inzwisehen wsren 
Felkin und Mackay nachgekommen. — Nach der Ruckkohr in sein Valer- 
ia nd ko!ii)te Felkin schreiben, dass das trehoimnis des Stromcs von Aegypten 
nuumebr voiiig geiust sei und oiTcu vor ibm liege ; denn er soi auf dem Nil von 
Aegypten ans stromanfwirts geretst, habe, als der erste EnglKadm', den Alberi- 
und deii Yictoria-NjanBa gesehen und sei gliicklich wiedcr in seiner Heimat 
angelangt'). Leider baben sich dif-se dazumal aussprordentlich giinstigen Ver- 
hiiitnisse nach dem Tode des den Weissen iiusserst Ireundlich gesinnten Kouigs 
Mtesa nator seineni Nacbfolger Hwanga in das gerade Gegenteil verwandelt 
So wnrde Br* 6. A. Fischer, der am 16. November 1885 in Kagehi an- 

Sekommen war, ent^chieden davon abgeraten, nach Uganda oder in die von 
emselben abbfwgigen Gebietc sich zu b^eben; er musste daher die grosse 
Waaserfliche nim Osten m umgehen sndien" nnd reiste in der Zeit vom 
11. Januar bis mm 2. Marz 1886 von Kagelu nach Ukala, wodnrdi Gtelegen* 
htnt gebotet) wtirde, ancb das am Ostuler des Victoria^^ees gelegene Lmd 
kenneu zu lernea. 

Durch das Verdienst dieser herrorragenden tfftnner, weldio mit grosser 

Aufopferung Inner^Afrika erforscht haben, und deren Ausspriiche vielfacb 
v^trtlirh von nn*' suigcfiilirt wurdcn, sind wir in den Stand gesetzt, mil vollstcr 
(.Tewii>sheit ausisusprechen, dass der in unserer Zeit genaa bekauut 
gewordeno Ukerewe Kjansa mit dem ostliohen Nilqnellsee 
des Ptolemftns, mit dem Krokodile n-See eines nnbekannten 
g !• i cli i s c h c n S c li r i f 1 8 1 e 1 1 e r s , mit d c ni Kiira Kawar der Ara- 
bur identisch ist, und dass man Iriiber zu wiederholten malen ziemlicb 
sichere Kenntnis Ton dem Nilqnellgobiet beaeeaen bat 



') ^Stanley's charts are wonderful tor tho short time he had at hiB disposal, but ex- 
tremelj iaaocimte w> fiur aa I have been able to teat then.** Fioeeediiiga B. Q. S. VI (1884), 
p. 282. 

') „The mv4f!rv whieb for bo many iigos bsB envQlopeil ttie mighty rirw vs now aolved, 
and lie* open belbre me, for I have been jM.rmittcil to tnico the Nile tliroii^li Eg-ypt up to 
the Albert Lake, and thence to itu home in Ibe Victoria Ny^inza, aad I claim the honour 
of being the first Englishman who has seen both the N'ictoria and Albert Lakot and 
jretunied in aafety to fSiglawL** WUaon and FoUdo, Uganda U, p. 338. 



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Die Entwickelung der Elbe zwischen Geesthacht uod Blankenese. 

Von E. H.' Wichmaaii, Kunbing. 

Im Laufe der Jahrbunderte hat die Elbe wiederholt ihre Richtung 
Tetftndert} neue Arme imd Inseln gebildet und andere wieder zentSrt, so 

lange der Mensch dem Strom keine Hindemisse entgegenstellte. Aber audi 
st'itdcm man vprsucht hat, durch Dcichbauten dom Wasser engere Grenzen 
anzuweisen, durch Uferwerke den Fluss in eiue bcstimuite Richtung zu leukeu, 
ist die wOde Naturioraft nicht selten wieder mm Darchbradi gekonunen, in 
einer Stunuflut oder bd einem Eisgang liat der Strom seine Fessehi zer- 
brochen und Alios veruichtet. was die Menschen durcli jabrelange Miihe und 
Arbeit aufgebaut batten. Doch nur sparliche Nachrichten Uber die Yer- 
wttstnngen und ZerstSnmgen, welohe die Elbe bei solchen Gdegenbeiten an- 
gerichtet, haben die Vorfahren fur uns aufgezeichnet, kaum finden sich kurze 
Bemerkungeu iiber solcho Yorgange, welche Not und Elend iibor tausende 
Menschen verhaugten, und erst in den letzten Jahrhunderten begeguen wir 
eingehenden Beschreibungen aolcber Ungl&olnfiaie. 

Bei den geringen bistorischen Nachricliton wird es daher sohr flohwer» 
ein Bild der Yeriindeningen des Fhisslaufcs 7.n pntwerfen, aber bei der grossen 
Bedeutung der Elbe fiir Hamburg muss die Frage immer neues Interesse 
erregen, und je acherer die bistonscbe Entwickelnng erkannt irt, deato beaser 
wird man spiiteren Unglacksf&llen vorbeugeti kotiiu i). Bevor wir auf die Frage 
selbst eingchcn, miissen wir nns die Entwickelung der Niederungsflfisse im 
allgemeincn vergegenwartigen. 

Jedes fliessende Wasser fuhrt mehr oder weniger nnloaliebe Stoffe mit 
sich , welche sinkcn , wenn die Bewegung des Wiassers langsamer wird oder 
giinzlich zur Rube kommt. Trifl't der Fluss in seinom Laufe eine Yertiefun": 
oder Erweiterung seines BeUes, so fuUt er dieselbe allmahlich mit seinen Sink- 
stoffen au8 » bis die hoiizontale Flache nngefUhr die Hdb« des gewdbnlicheD 
Wasserstandes erreicbt hat und nur eine Binne, das dgentliche Flussbett, 
tibriK Ideibt. Dasselbo f^i scliiebt audi von der Miindurtft, -wenn der Flnss 
reichliche 8inkstofi'e herbeifiiiirt, uud die Strumung des Meeres hier eine Ab- 
lagemng der Smkstoffe gestattet, wie es noch hente z. B. bei dem Nil, Po, 
Mississippi etc der Fall ist. Nachdem der Fluss den Laadsee oder den 
Miindungsbusen aiisgefiillt bat . biji t al)t.>r das Absetzen der Sinkstoffe uicht 
auf, denn wenn er auf solchen Strecken jetzt zwar sclmeller tiiesst als vorher, 
wo er sicb liber einen weiten Banm yerteilte, so fliesst er doch langsamer 
als in den oberen Teilen seines Laufes, weil dort das Gefalle grosser ist^ 
namentlich lagern sich an beiden Ufern Sinkstoffc ab und erhohen dieselbcn 
liber das Niveau des dabinter liegeuden Landes, so dass naturliche Deicbe 
entstehen. Im Mississippi-Delta erreichen diese Beidie nicht sdteu eiue Kobe 
TOn 1,5 bis 2 m. Gleichzeitig fUllt der Fluss anch sein Bett noch mehr aus, 
dass es tinmiiblicb so boch oder noch hoher wird, als das umliegende Lund. 
Treten nun iiil"olf,'e von Schneeschmelzen , Sturzregen odor aus sonstigen Ur- 
sachen au8»ergewuhnhch hohe AYasaerst&nde ein, daun durchbricht der Fluss 
nicht seltM seine sdbstgescbaffiMien Deicbe und mcht sich &n nenes fiett 



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Die Sntwiokftlmig der EIIm twiwdieB G«M(lutcbt raid BUudMUMe. 25 



Hier beginnt jctzt dasselbe Spiel (Ilt Fluss baut wieder Uferrander auf und 
ei'hoht das ueue Bett allmahlich iiber das Niveau des umliegenden Landes, 
worauf er mch iofolge Irgeud eraec Veranlassung abermals ein neucs Bett 
Slicht, bis er im Lauf der Jahrhunderte vielleicht in sein altes Bett zurttckkehrt* 
Treten in eine solche Niederung soitwarts andere Fliissc oin , so sehen 
wir, dass der Nebenfluss fast nie rechtwinklig , soaderu immer spitzwinklig in 
den Hauptfluss miindot , wio dies z. B. Bebr charaktetisiisdi bei den Nebeii- 
Hussen des Po, dem Ticino, der Adda, dem Oglio, Mincio u. s. w. herrortritL 
Der Gruiul diescr Erschcinnnf^ ist. dass beide Flihse Dciche anfbauen und 
dadurch zwiscUeu sioh eine Barriere sclialTen, welclie allmiihlich weiter fort- 
gefiibrt wird, so ist z. B. die Etsch aus eiuem NebenflusB des Po zn emem 
Hauptfluss geworden. Komm^ die Ncbenfliisse hauptsachlich nur von eiaer 
Seite, oder konimen von der einen Seite hanptsiiehlidi wasserreiche Neben- 
fliisse mit vielen Siukstoti'en, so drangen sie den Hauptfluss nach der entgegen- 
gesetzten Seite, wie dies z. B. beim Orinoko der Fall ist, w&hrend sonst der 
HauptHuss meistens die Mitte der Niedemng bdiauptet, wie der Uaraiton, do* 
Po, der Ganges u. s. \v. 

Wlrd eiidlich die Wassermenge eines Flusscs gcrinfjor. oder treten ilim 
Uindemisse entgegen, wie z. B. die Flut des Meeres, so begiuut er den Lauf 
diiTcli das NiedemngBland in eine ScUangenliiiie mnzugestalten , wie ee x. B, 
bei der Seine sehr ausgepragt ist; auch konnoi wir dies in unserer Nahe beim 
Tarpenbeck beobacbten. 

Fiir die Entwickelnng der Elbe kommt jedoch noch ein Umstand in 
Botracbt. 

Ueber die Entstebung der norddeutschen Tiefebene gehen bekanntlicb die 
Ansicbten noch weit auseinandw; doeh berrscbt jetzt wobl in der An- 
nahme ziemlich TJebercinstimmungf . dass zur Zeit, als die (leest bereits 
trocken lag, die Elbmarsch nocli einen Meeresbuseu der Nordsee bildcte. Die 
Ufer desselbcn sind noch jetzt auf beiden Seiten in einer Hiigelreihe deutlicb 
zu crkeimen , welcbe sich von Schulau iiber Blaukenese Hamm, Boberg, 
Escbeburg und Besenliorst bis Ot estbacht und auf der Sudseite von Ronnn- 
burg iiljor Haiisbruch, Fischbeck u. h. w. verfolgcMi liisst , und an manchcn 
8telleu, liumejjtlich bei Wittenberge, Boberg, Btscnhortit u. s. w. nocli jetzt 
den Dflnencbarakter zeigt. Ausserdem sind auch in dem anfgeschwemmten 
Boden an manchen Stellen in eiiur Tiefe von 1 bis 3 m iiber Neu-Null 
Muschein von Cardium edule, Mnctra solida. Tallinn baltica u. s. w.. also von 
Tieren, welcbe uur im Seewasser lebeu, aufgeiuudoii worden. Bedenkt man 
jedoch) dass nicht uur die Niederung von Geesthacht bis Blankenese, sondem 
auch das Alte Land, dieKebdinger und AVilstor Marsc b. das Land Hadcln und 
Dithmarsclien aufgescbwfmmt Averden nmssteu , datm erscheint es allordiiiga 
zweifelhaft, ob eiu Fluss, wie die Elbe, solche Masse von Sinkstoffen hergefiihrt 
haben kSnne, xamal an manchen Stellen der Boden bis zu einer Tiefe von 
20 m ausgeflQlt werden musste. 

Durcb die norddeutache Tiefebene zieht sich parallel der Ostseekiiste 
ein 120 bis 300 m hoher Landriickeu, der sogenannte uralisch-baltische Land- 
hohenzug, welcher bis ticf in Russland hinein zu verfolgen ist. Dieser HShenzag 
wird von der Diina, dem Niemen, d^ Weiohsdl und der Oder durcbl)rocben, 
docb schwerlicb diirfte das immcr gewcscn scin , sondcrn walurscheinlich 
hat es eine Zeit gegobeu, wo dieser Huhenzug ein zusanimeuhiingcndes Gauze 
bildete, und alle dieae Plilase einen andern AVcg ins Meer batten. Denu siid- 
lich von dem Hohenzug findet sich cine Verticfung, welcbe durcb den Havel-, 
Warthe-, Netze-. Lyk- und Bober-Bruch bezeicbnct ist. und die "Niveauverhiilt- 
nisse sind noch beute derartig, dass z. B. d'w A\'cicbsi l an der Miindung der 
Brahe nur einige Fuss aufgestaut zu werden braucht, uai durcb die Netze in 
die Oder abznfliessen, nnd ahnliche VerhSltnisae finden sich bei der Oder and 



uiyui^cu by LtOOQie 



S6 IKe Sntwiiteliiiig der Elbe swiscben OeesUuudit nnd BhuikdMM. 

Havul. Aller Walirsi ln ii liclikeit iiacli liat cs also eine Zeit f^egeben , wo die 
DUna ihreu Lauf in den Iviemen, durch die Narew in die Weichsel , thwrh 
NeUe und Warthe in die Oder und durcli die Havel in die Elba nahm uud 
mithin Hamburg voriibcr das Meer erreichte. Ein so gewftltiger wassareidier 
Strom konnto wolil eine ^^ra.sse von Sinkstoffen berbeifiihren, urn den Jfeer- 
busen bis Cuxliafen , ja bis irelgobind auszufiillon und war so miiclitiq:, dass 
er wie der Po , der Maranon , der Ganges u. s. w. die Mitte der Niederung 
fiir sich bebauptete und etwa zwiBchen Altengamm und Kurchwerder, zwiachea 
Billwerder und Ochseuwerder u. s. w. soineii We^; nabni. Als jedoch die 
baltisclien Fliisse den HcnitMizug durchbrocbeii und sich einen besonderen Weg 
iu die Ostsee balinteu, da traten bier weiientliche YeriinderuQgen ein; die an 
Wasser so viel Snner gewordene Elbe konnte sich oidit AndrSngeii 
der Nordscc erwebren, im Gegentoil begann diese das verlorene Gebiet all- 
nuiblicb wieder zuriickzuerobern und setzt dies noch bis zur Gegenwart fort; 
die Flat draug bis Hamburg hinauf und grifi' in die Gestaltung der Kidderuug 
ein, gldcbseitig roachten auoh die kteinen Nebenflttsse ibren Einflnss geliend 

"Wann der Durcbbnicb des uralisch - baltisclien HShenzuges erfolgt ist, 
lasst sicb nicbt mehr nacfaweisen, aber mit dem Anfang des 12. Jabrbunderts 
horte die freie Entwickelung der Elbe in hiesiger Gegend auf, und der Mensch 
begann in die Gestaltung der Verhfiltnisee einzugreifen. Um die ibnen ange- 
wiesencn Marschdistrikte zu kultiviereu, begannen die um diese Zeit ein- 
gewanderten FnVscn nnd Hollander das Land durch Deiche gegen Ueberflutung 
zu schiitzeu, becindussten aber dadurch die Bichtung des Stromes. Als zuerst 
eingedeicbte Landscballen werden Gamme^ Eircbwerder, Odiaenwerder, das 
Alteland u. s. w. genannt, denn natSrlicb BOishten die orsten Antiedler sidi 
solche Landschaften aus, welche sie nur auf einer Seite durch einen Doich zn 
Bchiiizen brauchten. Wenn das Alte Laud zu den friih eiugedeichtea Land- 
aehaften geliiirt, 80 ist das leicbt erUSrlicb, da Stade dainals eine grSssere 
Wichtigkeit hatte, als das gfinslicb zerstorte Hamburg, aber auffallend bleibt 
es docb , dass die Niederungen von Hamburg bis Blankenese , der Grasbrok, 
der Blankenbrok u. s. w. auch in der niichateu Zeit nicbt eingedeicht worden 
Bind, Tielldcbt waxen sie schon damals aebr serrissen oder den Angriffen dee 
StroriM ^ m stark ausgesetzt. 

Die zuerst eingedeicJiten M rscbliinder sind von den spateren cbarakte- 
ristisch unterschieden. Die Kolouisten faiideu das freie Land Tor, und konnten 
dasselbe ohne wesentlicfae Hindemisse nadi ifarein Ge&tlen yertdlen. Da« 
ihntti von den Landeshcrren (Erzbischof, Biscbbfen, Grafen u. s. w.) iiber- 
wiesene Land wurde durch ])arallele Griiben in so viele Stiicke eingcteilt, dass 
jede Familic der Gemeiude ein gleich grosses Eigentum, eine Hufe, erhielt, 
nnd es wann so gescbickte Feldmraser, dass trotz der Yorzuglichen Instrumente 
die jetzigen Geometer die oft unabsehbaren, langen Graben kaum beeser gwade 
und bcsscr paralb 1 al>stoekcn konnen . als die vor 7 bis 800 .Tabren aus den 
Kiederlanden eingewauderten Bauern. L>ie spiiter eiogedeichten i^Iarschdistrikte 
zeigen diese BegdmS-ssigkeit nicbt; kurze Graben in konvergierenden Richtungen 
cliarakterisieren solcbe Landschaften , und wo wir lange , schnurgerade und 
vollkommen parallele Graben finden , wie in den Vierlanden , in billw erder, 
Ochseuwerder, im Alten Land u. s. w. , kiinnen wir mit ziemlicher iSicherheit 
darauf schliessen, dass der Digtrikt zu den zuerst eingedeichten Landereien 
gehSrt. Der Deich bildet die scbwerste Last fiir den Marschbauem, sowohl 
was die Herstcllung, als auch die Unterhaltung betriiVt, und die orsten Ein- 
wanderer kannteu aus der Erfahrung in ihrer Heimat die Bedeutung der 
Deicblast sehr wohl; so lange sie also die Wahl batten, werden sie sich nur 
solche Strecken ansgesucht haben, vo sio ]ni')g]ich8t kurze BeiohBtrccken m 
erricbten batten, und keineswegs Inseln, \vel< 1 von Elbarmen umschlossen 
waren, also lingsum mit Deichen umgeben werden mussten. 

In den Gemeinden Nieder- und Obermarschacht, Tespe, Aveudorf, Artlen- 



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Die Entwidudiiig dor Elbft timdim GeMtkodit uad BlttilnitMe. 



87 



burg, HohDstorf, Sassendorf, Hittbergea, Wendewisch, Brackede und iiadegast 
sind die Felder uach alter Wcise regelmassig cingeteilt, die Griiben iiber 3 km 
hog und voUstfiodig parallel; diese Distrikte m&SBen also zu den altestcn 
gehoren, nnd da weni^'cr di-n Stunnnutcn ausf^eseht waren, so werden sie 
gleichzeitit; mit Altoiii^amm oder vielUiclit nodi friiher eiugedeicht sein. Da- 
gegeu Imbeu die siiUiich gelegenen Ortscbafteu : Alt-Jurgenstorf , Rosonibal, 
Yogolsang, Gane, Marienthal, Btttliiigen, ESchholx, Schwinch . Stove, Elbstor^ 
Drennhausen, Druge u. s. w. eine jc^anz tinrcf^elmiissige Feldeiiiteilung, es 
miissen also jtingere Kultivieruiigen sein . und die crstgenatinten , iilteron Ge- 
lueiudeu habeu also /cur Zeit ilirer Eindeicliuug iiicht au die biidlicUc, die 
haondversehe, BOndern an die nordliche, die l&ueiibturgische Geeat, von Boizen- 
burg bis Geestliacht . angololmt. In den weiter sudlich gelegeuen Gcmeinden 
Hittbergen, Wendewisch, Gnrl : lorl", iiadcgast u. s. w. bngegnen wir wieder 
der alten regelmassigen Feldeiuteilung, dies sind also Ansiedelungeu, welche sich 
an die att^iche Geeat angelehnt batten. Wir baben also daa alte Flassbett 
des Hauptstromes zwiscben diesen iilteren Gemeindf n zu suclien , und in der 
Tbat ist dasselbe noch jetzt leicht kenntlich diirch vide kUinc Gewiisser, 
Teicbe, Rinusale, Wetterungen u. s. w.; auch einzelne bistoriscbe Notizen be> 
atStigen diese Lage des Elbstroma. 

Geestbacbt und Marscbacbt bildctcn nocb ira 13. Jabrbundert eine Dorf- 
scbaft, Hacbede, und ein zum Bistum Ratzeburg (Lappenberg, Lorichs Elb- 
karto S. 7) gehoriges Kirchspiel, ein rittcrlicbes Gescblecbt verdankt dem 
Ort aeboi Namen. Ertenebordi (Artlenburg), 1164 erwfthnt, geUSrte sot 
Grafschaft Ratzeburg, spater Herzogtum Lauenburg, und ist 1816 als Rest 
Laucnburgs bei Hannover geblieben. Stove gdiort 1162 zum Bistum Katzeburgund 
war in Bergec^orf eingeplarrt, auf Lorichs Eibkarte 1568 ist das Dorf noch auf der 
Nordaeite der Elbe gezeichnetf und nacb langjahrigem Streit swiscben dem 
Amte Winseu und dem Ainte Bergcdorf tiel es durch den Vergleich von 1657 
(Lor. Elbk. 8. 8) an Hannover. Briicken Ubcr die Elbe gab es im 12. Jabr- 
bundert noch uicht, und wenn aucb eiu Yerkebr zwiscben den beiden Ufern durcb 
Schiffe vennittelt wnrde, anch die Ffthre bei ArQenbnrg eine regdbnfissigo 
Yerbindmig heralellte, so war es doch unmoglich, die Pfanddnder ^neaOrtea 
in eine am jenseitigen Ufer betindiicbe Kirche zu beHu dprn ; wenn also eine 
Ortscbaft in die Kirche eines andern Ortes eiugepfarrt war, so mussten beide 
an demselben Elbnfer li^en. Ebenao bOdete der Hanptatrom der Elbe audi 
die natiirlicbe Ghrenze zwiscben den biscboOichoi Diozesen, wie der weUlMshen 
Herrschaften ; man kann daher dio^c (ironzen wolil zur Besttmmung der 
Bicbtung des Hauptstromos der Elbe benutzen, und sie unterstUtzen also die 
obeii beaeidmete Kiobtang dea Hauptstroma. 

Ueber den Zeitpunkt, wenn der Lauf der Elbe unterbalb Bleckede sicb 
ein nenes Bett suchte, feblen die schriftlichen Berichte ; dor Durcbbnicb wird 
Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhundorts erfolgt sein, denn 1211 
finden wir bn einer Urknnde ein Novnm Erteneborcb super litua AHiiae (Lor. 
Elbk. S. 11) , wiibrcnd sie friiher Ub«r 3 km ontfernt geweaen war. Ealne^ 
borch i t als Sitz der alten Herzoge von Sacbsen bekannt. wdche wegen des 
ElbUberganges sicb bier hiiufig aufhielten, 1106 starb bier der letzte Billunger, 
Herzog Magnus. Aucb Heinrich der L5we verweilte bier sehr oft, und be* 
aonders zwiscben 1160 und 80 sind bier eine Reihe von Urkunden von ihm 
ausgestellt, uoc h 1181 liess er den Bischof Udalrich von Halberstadt in Ertene- 
borcb gelangeu halten. Als er aber sah, dass er sicb gegen Friedrich Barba- 
rossa nicbt halten konnte, liess er die Burg niederbrennen. Herzog Bern- 
bard von Askanien erbaute 1182 die Lauenburg und soil zu dem Bau die 
Trammer der Erteneburg benutzt liabcn; fraglich ist es abor, ob die Ertene- 
borcb tiberhaupt wieder aufgebaut worden , und vielleicht bezieht sich dies 
l^ovum Erteneborcb auf Lauenburg, welche ja glcichsam an Stelle der alten 
Brteneburg getreten war. 



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28 



IKe Entwickelung d«r EIW swiadien GMttkoeht vnd- BUnkeneM. 



Wenn min audi die altc Ertc ii' Im)! ; h eine Wasserbtir^, nicht wie die 
Lauenburg cine hochgelegene Burg gcwcseu sein mag, so kann sie doch vor 
der Eindeichnng nicht an der Elbe gclcgea haben, denn bier war ihre Lage 
bei Eisgang und Hochflutcn zu schr gefahnlot. Wie die Neueburg bei Ham> 
burg und die Harburg konnicn in dor Elbnicderuni:^ nur in der Niilie der 
Geest Burgen erbaut wcrden, und vermutlich ist infolge des Durcbbruchs bei 
Bleckede der Platz der alten EJrteneborch von der Elbe zerstort worden, wea- 
halb sie nicht wieder aufgebaut ist und aus der Geschichto vorschwindet. 

Noch schwieriger wird es , die Ursaclie des Durclibruchs zu ermittMn. 
Im 12. Jahrhundert wurdeu die Kiederlande von Sturmfluten sehr schwer Leini- 
gesucbt, 1105 bis 1112 verscblang das Meer weite Kiistenstriche , wodurch 
aehr viele NiederlSnder zur Auswanderung nach England und Deutschland 
veranlasst wurdcn. und in dieser Zeit beginnt waluscheirilich die Kultivierung 
der Marschen an der Weser und Elbe. In den Jahren 1120—1136 litten 
hauptsachlicb Flanderu und Zeeland durcli die SturmHuteu, in Zeeland allein 
viuden drei Distrikte Tom Meer versch1uii<reii , wodurch wieder eine starke 
Auswanderung veranlasst sein wird , infolge dessen aueb die Eindeichnng der 
Elbmarsclicn sehr rascbe Fortscliritte macbtc. In der zweiteu Halfte des 
JahrhuuderU hatte FriesUnd schwer zu leideu. 1164 sollen 100000 Menschon 
in den Fluten umgekonimen sein, 1170 iiberschwemmte das .Meer alles Land 
von Stavoron bis Utrecht und in den Stadtf^Tiiben von Utreclit wurden See- 
tische gefanpen. 1173 versank der Krail-Wald zwiscben Stavoren. Enkhuizen 
und Texel in den Eiuten des Meeres. Keues Ungliick brachte das 13. Jahr- 
bundert, 1219 sollen in Friesland abermals 1000^ Menscben ertninken sein, 
und 1222, odcr nach andern 1225, wurde auch das Land zwischen Stavoren 
und Enkhuizeu voni Me< r weggerissen , und dadurcb der Flevo.'See in eiiieu 
Meerbusen, die Zuydersee, venvandelt. 

Natiirlich hat wShroad dieser Zeit auch die Elbmancb sehwer zu leiden 
gchabt, und dun h die Flut von 1164 \\'urden z. B. in Billwarder ganze Deich- 
strecken fortgerissen , doch ist cs wohl nicht wahrscheinlicl) , da'^s die Sturni- 
fluteu in der Elbe soweit hinauf gedrungen seien, urn bei Bleckede eine Ver- 
Sndomng des Fluasbettes zu verurracben. Durch das Fortscbreiten der Ein> 
deichung muss indessen die Flutwelle in der Elbe eine wesentliche Veriinderang 
erlitten haben, lehrreich ist hierfur die Kurve der Flutwelle bei Cuxhafen 
(H. Lentz, Flut und £bbc). In der crstea Hiilfte der Tide steigt die Flut 
sehr rasch, bat sie aber die H5be des Mittelwassers erreicbt, dann beginnt 
plotzlich eine sehr langsame Steigung, weil jetzt die Ueberschwemraung der 
AVattcn beginnt, und dadurcb viel Wasser absorbiert wird. Vnr Eindeichung 
der Marsch muss die Flutkurve der Elbe eine iibnliche Form gchabt haben, 
denn nacbdem die Flut die mittlere Hobe erreicbt batte, begann das Wasser 
sicb uber das weite Marschgebiet auszubreiten und konnte daher nur sehr 
langsam steigen. Nachdem cin Teil der Mursch eiogedeicht war, erhielt die 
Flutkurve eine neue Form. Anfaugs stieg die Flut sehr rasch, uachdem das 
Niveau erreicbt war, trat ein bmgsameres Steigen an, sobald aber das Aussen* 
land iiberschwemmt war, begann die Flut wieder rascher zu steigen, und in- 
folgedessen musste die Flut jetzt viel weiter hinauf vordringen , uls vor der 
Eindeichung, also vor Aufang des 12. Jahrhunderts, und auch hier den 8trom 
der Elbe beeinflosseii. In dem Bett der Elbe unterbalb von Bleckede lagerte 
der Fluss jetzt immer mehr Sinkstoffe ab , das K* tt versandete an manchen 
StcUen, und der durch die Deiche eingeengte iStrom konnte jetzt starkes Ober- 
wasser nicht mehr so schnell abliihren. Es trat duher eiu obeu erwahnter 
Zeitpunkt ein, der Floss sucbte durcb einen gescblSogelten Lauf die Scbwierig- 
keiton zu iiberwinden. Vielleicht bei einer Eisstopfung in dem flachen Flusa- 
bctt, oder bei einem bedeutenden Hochwasser erfolgte bei Bleckede die scit- 
liche Ableukuug , der Fluss durchbrach den Deich und grub sich langs der 
Geest ein nenes Bett. Das alte Bett Twsandete mebr und mebr, sobald aber 



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INe Sbtwiokdniig der EHm smadien Geertbaclit vai Blulienflw. 



29 



ein Stiick Land genfigend aufgesclilickt war, wurde es von den Aowohnem 
mit Deichen verselien und kultiviert. Dio Form dor Stiicke war sohr Ter* 
scbieden, die Lage der Griiben richtetc sich nach dcr Form der BtUcko, wes> 
halb dieaer Landstrich ein sebr buntes Kid der Schddegr&ben zeigi 

Bja Altengamm grab der Strom sein neuea Beti am Bande der Geeat 
ein, erst bier gelang es den Bewohnern durcb Vantirkang des Deiches ihr 

Eigrntum zu schiitzten , untl bis heute den Strom von weitei f^ni T'ortlrinc^en 
abzuiialten, doch hat er anf der Strecke voo Iiaueaburg bis Cieestliacht seiu 
Bestreben, die Knrve weiter nach Norden anunidehnen, bia in die neneste 
X Zeit fortgesetzt. Jedes Hochwasser, jedcr Eisgang untcrspiilt den Geestrand, 
UTif] fast keiu Jalir vergeht, dass iiiclit fj;rosscre oder kleinere Strecken des 
Abhaiiges herabstUrzen. Die Kircbe von Uoesthacht ist bereits dreimal ver- 
legt, weil der Eircbhof ron der Elbe fortgescbwemmt worden isi, ancb die 
jeteige Kirchc, welcbe 1685 an der Kordseite des Dorfes erbant wurde, liegt 
schon wieder hart am Ufor der Elbe. Ea muss also wonigstens zweimal die 
Breite des Dorfes (lurch die Elbe von dcm Ufer abgeapiilt worden sein. 

Altengaimn und Curslake, sowie Billwerder gehoreu unzweifelhaft zu den 
ftUesten Marschgemdnden, und gleicb&lls KirchwErder nad Ochmnwftrder. 
Wie nnn Altengamm, Curslake und Billwerder sich an die nSrdliche Geest 

anlebnnn, so miisscn im 12. Jahrhundert die beiden andern Gpnieindcn mit 
der sudlichen Geest verbunden gewesen sein, deun Kircbwerdcr verblieb 1158 
dem Bistum Verden, vahrend Gamine (Altengamm nnd Ourstak) dcm neuen 
Biatnm Batzeburg zagewiesen wurde, oflcnbiir weil dor Hauptstrom der Elbe 
Kircbwerdcr und Gamme trenute. Audi woisr^n nocb einige andero Erscliei- 
nungen aut eine altcre kircblicho Vcrbindung Kirchwerders mit dem LUne< 
burgischen bin. Es fehlen alle historischen Nachrichten dariiber, warura die 
hannoverscben Enklaven, der sogenannte Monchhof, dvm Horzog von Ltinebni^> 
Celle verblieben ist, wahrend doch Kirchwerder bis 1420 zum Herzogtum 
Lauenburg gehorte. Das Dorf Wulfsen, Kirchspiel Patteasen, bat jabrlich 
einen Zehnteu von 108 Himten Roggen an Kirchwerder zu liefem, hiervon 
hat der Prediger von Kirchwerder auf der Ruckreise an das Kloster, jetast 
Hospital, Winscn 2 Himten alizugeben. Ausscrdem haben die Wulfsenor noch 
einen Schraalzebnten an Gansen, Hiihnern, Griitze u. s. w, zu entrichten, wo- 
gegeu der Prediger den Bauem eine Tonne Bier zum Besten gcben muss. 
Sdhwerlich durfte dieser Zehnten dem Kirchwerder zugewiesen worden wiUf 
wenn er schon damals dorch den Haaptarm der Elbe Ton dem Ldnehnrgiachen 
getrennt gewesen ware. 

Auf die Richtung des Hauptstromes wird hier die Ilmenau von Einfiuss 
gewesen sein, die unterhalb Tonnhausen vermutlich miindete und die Elbe 
nacb Norden ablenkte , doch muss schon im Lauf des 12. Jahrhunderts der 
Hauptstrom zwiscbeu Kirchwerder und Gammc abgeschwiicht worden urul 
stellenwcise versandet sein, denn 1158 wird bereits Neuengamm als insula 
nondum culta erwabnt (Hamb. Urk. No. 215, Schlesw.-Holst. Urk. No. 103), 
1212 aber erscheint es schon als neueingedeichte Inscl (Hamb. Urk. No. 387) 
und 1252 wird RiMthrok ein kiir/lich einit^edLichtes Brucliland gnnannt. Wahr- 
scheinlich ist der Durcbbruch der Elbe von Lauenburg bis Altengamm nicht 
auf eiumal, bei einer Ueberschwemmung erlolgt, wenigstens scheint die Elbe 
aumt iiber Schwinde, Krilmse und durch die Elbmarsch sich einen neuen 
Weg gebalint zu haben , um bei Uhlenbusch in das alte Bett wieder cinzu- 
Icnken , denn Stove. Elbstorl". Drennhansen und DraL' ' bcsitzen noeh Reste 
von alter J?'lui'cinteiluug , aucb musste Herzog Otto von Luneburg nacb der 
Scblacht bei Bomhoved diese Dorfer an Herzog Albrecht von Lanenburg ab- 
trii-ten. Tnfolgc dieses Durchbruchs aber wurde der Strom starker gegen 
Kirchwerder gedrangt, und dadurch die Anschwemmung bei Neuengamm be- 
iordert Als nun aber der Durcbbruch zwischeu Stove und Borghorst erfolgte. 



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30 Eaiwidmluiig der Elbe iwisehea Oeettiiadit imd BUnkeneie. 

snrliten (lie Altonf^ammer ihr Aussenland in Neuengamm gegen wciteren Ab- 
brucb dadurch zu scbiitzeii, indem sie zwiscUeu Drage uud Neuengamm der 
Blbe ein nemes Bett grnbeD, woran der Name Langegrove nocb jetet eriimerL 
Der Strom wurde dadarch noch starker gegen den Kirchwerder Deii h gelenkt» 
wclclior dem verstiirkten Druck nicht mehr ^'cniigend Widerstand leisten konnte. 
Bei irgend einem ausserordentlichea UnglUcksfall konntcn die £jrchwerder 
ibren Deich niclit lutlten, der Fluss scbaf alcb etn neues Bett vnd trennte 
den Kircliwerdcr von der siidlichen Geest. Jetzt bc^miDen aber die Ilmenau, 
welche bei dem Durchbrucli auch abgolenkt worden war, die Lube und Seve 
ibren Einfluss geltend zu macben, wodurch der Strom abermals nacb Norden 
abgelenkt worde. Das Dene Beit wurde jetzt der HaQptstrom , w&hrend da« 
alte Bett immermehr vorsandetc und zu einem Nebenanne, der Dove und Gose 
£lbe, herabs:iii1< Tleber die Zcit der Eindeichung von Neuland zwischen Lube 
und Sevo, sowie von Neuland zwiscben Seve und Uarburg feblenjius bistoriscbe 
Nachiicbten, ihrer Flurdnteilmog nach gehoren eie za den &lter«i Eindeichangen, 
velcbe wobl Endo dos 12. oder Anfang des 13. Jabrbunderts wfblgt sein xaag, 
al8 die Kiederlande wieder so scbwer beimgesucht worden waren. 

Unterbalb Ocbsenwerder beeinflussten die Rille und die Alstcr den Lauf 
der Elbe , und da von der Seve abwarts keine grossere ZuHiisse von Siiden 
ber einmiindeten , musste der Hauptstrom nacb Siidwest abgelenkt werden. 
Die Billc tritt Itei Bergedorf in die Elbmarach ein, aber beide Fliisse bauten 
mit ibren Sinkstoft'eu zwiscben sicb einen Damm auf, welcber ailmiililirli sich 
mehr verbreitete und scbliesslich die Feldmarke fiir Billwerder bildete, da- 
durcb w^urde die Mundung der Billc immer weiter nach Westcn, von Aller- 
miihe (Anremude) nacb Moorflet, Billwerder , Aiisschlag nnd endlicb nacb 
Hambnrg veilo^t. 

Fur die Kichtung des Haiiptstroraes anf drr nachsten Strecke kommt 
bauptsacblich der Gorrieswerder in Botracht. Er wird luerst 1158 erwahnt, 
als Heinrich der Lowe den Erzbischof Hartwig I. zwang, diesen Warder an 
das Bistum Vcrden a])/utreten , als Entscliadigung fttr den Verlust , den das- 
sell) o durcb die Errichtung des Bistunis Ralzcburg erlitten Latte. Alicia 
durch diese Notiz ist fiir unsere Frage sehr wenig gewonnen . denn Heinrich 
der Lciwe suchtc seinen Gegner die herzoglicbe Macbt so oft und so scbwer 
als moglicb fuhlen zu laseen. Wiehtiger ist die Notiz von 1190. Als Adolf III. 
nacli -1 inor Kiickkehr aus Paliistina auch ge,£r*^n Hamburg lieranzog, und die 
Stadt ihm keine Gesandten entgcgenschickte, urn ilue Unteiwerfung auzu> 
kiindigen, schloss er mit der Gemeiude Gorrieswerder ein Schutz- und Trntz- 
bfindnis, und die Hamburger warden dairon so erschreckt, dass sie sofort 
Botcn zu dem Grafen sandtcn . und sicb mit ihm iiber die Oeffming ilirer 
Thore verstiindigten. W'oisn die Tnsel durch den breiten Elbstron'. von Ham- 
burg getreunt war, dauu iiutten sie die Bauerii wohl nicht so sehr zu furcbteu 
braadien, der Hauptarm der Elbe muss also sQdlich vom Gorrieswerder ge> 
legcn haben. Dies gobt aueh aus don ixditiscben Verhiiltnisson hervor. denn 
die Scliauenburger Grafen haben stets den (Torrieswerder als einen Teil ihrer 
Hcrrschaft bebauptet. Die Gcmeinde aber muss aucii sehr rcich und macbtig 
gewesen sein , da der Graf Adolf m. aich herablieis , mit den Bauem ak 
seinesgleichen ein BUndnis zu s( !)liessen. auch muss der Werder einen grosseu 
Umfang gehabt haben; er soil sich vnn der Veddel bis Finkenwerder erstreckt 
haben. 1279 verlieh der Eerzog Albrecht dem Kloster Herwardeshude die 
Gerichtsbarkeit fiber sehn Juebarte in Neese auf Gorrieswerder nnd 1345 
verpfandet Graf Adolf von Holstcin eine halbo Hufe auf der Veddelo in 
Gorrieswerder. Der Hauptstrom der Elbe wird dalier vermuthch vou Ochsen- 
werder seinen Lauf quer durch Wilhelmsburg , niirdlicb vou SUllhom und 
glidUch TOD Altenwerder, genommen habeo. 

Das Alte Land gefaSrt muweifdhaft zn den am Mhesten eingedeichtea 



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IJm Satwiokeliuig der Elbe twiMheii G«««iihftdit und BIaiikeii«M. 



81 



Marschdistriktfin , denn die FcldLintrihini; ist viillig regehnlissi;^ ^ ^ie in alien 
alteren Marscbliinderu , auch spricht schon der Name fur ein huberes Alter, 
doch dnd die historisclien Nachriohteu unsieher und stehen vielfiach mit ein- 
ander im Widerapruch. Tcihveise ist das Land wohl schon vor der Ein- 
deichung bewohnt und kultiviert gewesen . di nn in einer Urkunde des Erz- 
bischois Adelbert vom Jahr 1059 werden Twielenflet (Tuinunflet) und Hasael- 
werder (Healewarther) bereits gonannt (Lapp. Lor. Elbk. S. 15). VermutUch 
ist daa ganze Laiul nicht auf einnial, sundern abschnittweise eingedeicht worden* 
Unzweifelhaft ist die erstc Meile schon im Anfang des 12. Jahrhiiiiderts 
kuItiTiert gewesen, denn 1148 verieiiit der Erzbiischof Adalbero den Zchnten 
in Thitgeriskoph (spiiter Ditterskop) bei Stade, jetzt Kirchspiel HoUern (Lor. 
Elbk. S. 15) und 1149 ist von Rechten die Eede, welche die hoUandischen 
TjPntp bei Stade liaben (H. I'. 189). Die erste Meilo rcicht bis zur Liihe, 
welche liier die Gronze zwiscben den Bistiimem Bremen und Verden bildete. 
Wenn nun mancbe Historiker die Kultivicrung der zweiten Meile, zwischen 
der Lfllbe und Este, und der Dritten Meile, von der Este bis zur Hoorburger 
Grcnzc, in das 13. und 14. .lahrhundert vorlegen , so wlrd dies mir teilweise 
richtig sein. Weil 1197 das Benediktinerkloster (Alt-Khjster) bei Buxtebnde 
gegriindet worden, uieint Lappenberg (Lor. Elbk. S. 16j, dass die zweite 
Meile auch um diese Zeit erst kolooisiert worden ist. Aus der Urkunde des 
Erzbiscbofs Friedricli von llOG wissen wir, dass die Kolonisten fur die Untcr- 
haltung der Kirche utid der Geistlichen eine Hufe, die Kirchenhufe, frei 
lassen mussten, aber von Klost^agut ist keiue Kede. Aucb begegnen wir in 
der dgentlicheii Marsch keiaenKloetergriindungen, denHdnchen war dw Uarscli* 
bodon zu unsieher. sie errichteten die Kh^stergebiiude liebcr am Kando der 
Geest, wie B. Herwardeshiule bei Hamburg, Altenwalde bei Kitzebiittel, 
aucb Alt- und 2^'eu- Kloster bei Buxtubude u. a. w., spater sucbten sie aller- 
dings in den rmcheD Mancbgegenden durcli Kanf oder j^benkoiig GHiter zu 
erwerben. Nun ist in der Stiftungsurkunde des Klosters die Rede von einer 
"Wiiste (solitude) bei der Escliedc ('Este) von Buxteiiude ostwiirts bis zu den 
Holliindem, und diese Wiiste kanu man vielleicbt auf nicht eingedeichtes 
Harsoblaiid beaehen; aber es geht ans der Urkunde bervor, dass mich Ton 
Buxtehude schon eine niederlandische Kolonie bestand, und dieses iBsst wobl 
scbliessen, dass die dritte Meile damals schon eingedeicht war. 

Der Flureinteilung nach gehoreu aucii die zweite and dritte Meile zu 
den ersten Eindeiobongen, deam in dem gansen Lande finden wir die langen, 
schnurgeraden und parallelen Graben, aber die Dorfer mitten im Lande, wie 
7. B. Ladekop und Jork, zeigen in der Lage der Hofc, dass <;ie friiher wohl 
am Deich gel^en haben. So lange der Uorrieswerder als ungeteilte insel 
beatand, war fHr den Hanptann der Elbe ketn Grand vorbanden die Richtung 
to. andern , da von Sudon keinc XebenflOsse einmundeten , erst die Este und 
noch mehr die Liihe lenkten den Strom wieder nach Nordwest ab. Im 12. 
Jabrbandert wird daber die Elbe von Ochsctiwcrder ab quor durch Wilbelms- 
barg n5rdlicb Ton StiUhom nnd sfidlicb Ton Altenwfirder ibren Lanf genonmen 
nnd diese Richtuug bis sor Este beibehaltea baben, wo etwa in der Gegend 
von Estebriigge die Este miindete. Vf)n liier wendctc sich der Haupistrom 
in etwas nordwestUcber Richtung der Liihe zu, um daun noch weiter gegen 
Norden alnnilenken. Von der dntten Meile konnte demnach nor ein sdbuDoaLer 
Streifai nnd die zweite Meile nnr bis Ladekop eingedeicbt werden. 

Im 13. Jahrbundert gewannen die Sturmtluten einen iramer grosseren 
Einfluss auf die Eotwickelung der Elbe, doch wird die Aufhnduag der ein- 
ander folgenden Vei^derungen sebr erschwert, da die Nacbricbten tiber soldhe 
v( rlteerende Sturmfluten ausserordeutlicb spSrlich sind, und im Lanfe der 
.Jabrhunderte die Fluten alle Eindeichungen aus dem 12. Jahrbundert giin/lieb 
zerstort haben, Vermutlicb schon in der ersten Halfte dea 13. Jabrhunderta 
werden Altcnwerder und halb Finkenwerder durch den ^nptstrom der Elbe 



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S2 



Die Entwickeluag der Elbe xviMcben Geeitbaebt nnd Bbukeneia. 



Yom Gorrieswcrder losgcrissen seiu, dean 1265 iibertrug Ciraf Gerhard von 
Holstein die Halfte von Ftnlcenverder an Herzog Johann von LUneburg ah 
!!Mitgift soincr Tochtcr Luitgard, und Altenwerder soil imter Otto dem8tf€Bgeii 
(1277 bis 1330) eingedeicht sein. Wrnii wir rlemnach halb Fail :<>nwerder und 
Altenwarder Ende des 13. Jahrbunderts uuter der Herrschalt der Liineburger 
finden, so mag damals scbon der Hauptarm der Elbe nordlich von Alten- 
werder gelegen baben, infolgedessen veffsohlemmte der siidliche Ann sehr 
rascb und sctzte am Altcnlande so viel neues Land an . dass bereits im 14. 
Jahrhundert eine ncue Eiudeicbung vorgenommen werden konute. Die Lage 
und Kichtung dieses Deiches wird bczeichnet durcb Frankop, Nienkop und 
York. York wird 1860 alt Kirclidorf erwabnt, und 1354 war auch in Nienkop 
eine Kirclie vorhanden , dock gebSren diese Dor&Ghafiten ibrer Anlage nach 
dem 13. .lahrhundert an. 

Noch scblimmer wurde der GorrieswcrdLn- im 14. Jahrhundert dnrch die 
Stunniiutcn beimgesiucht. Vermutlicli wurdeu scUou die beftigeu iStunnliuten 
gegen EInde des 13. Jahrbimd^rte , welcbe in den Niedorlanden so viel Not 
und Elend anric hti ten, welche den Flevo-Sce in cinen Mcerbusen, die Zuyder- 
See , verwandelten , welche den DoUai t schufen , bei wclcher Gelegenheit 30 
bis 40 bliihende Dorfer vom Mccr verschluugcn wurden und viele Tausende 
Menacben ikren Tod in den Wellen faaden, aacb die Elbnutnehen adiwer 
heimgesucht liahen. aber noch schlimmor erging es dem Gorrieswcrder im 14. 
Jahrliundprt, und die reiche, bliihende Gemoinde, um deren Freundschaft Ende 
des 12. Jahiiiunderts der machtige Gral' Adolf III. sich beworbeu hatte, war 
durdi die Stairmfluten im Jahr 1380 ao berabgekoramen, daaa 1383 Graf Adolf 
von Holstein die ganze lusel fiir 100 M. an den Hamburger Burger EUaus 
Garstede verpfandete. Dnrch die vielen Deichbriiche waren die Bewohner so 
hcrabgekommen, dass sie nicht mehr die Kraft besassen, ibre Deiche geniigead 
in stand za balten, das Wasser gewann inimer niehr die UeberniJU^t, die 
Elbe balinte sich bald hier, bald dort einen neuen Weg durch das Land, und 
der Gorrieswerder wurde in eine Anzahl kleinerer Inscln zerrissen , die Be- 
wohner hatten bei der Verteidigung ihrer Deiche den Tod in den Wellen 
gefiinden, oder sie waren nacb anderen weniger gei&hrdeten Gegenden ans- 
gewandert, um sich dort eine nene Heimat zu griinden, die einzelnen niclit 
ganzlich vernichteten Stiicke kamen in die Abhangigkeit oder den Besitz der 
Fiirsten und Adeligen, und die urspriinghch freic Gemeindc verschwand all- 
mftUich ganz und gar. 

In dem Cbaos, wdcbee sicb durcb die Zentorung des QoRieewerder 

zwischen Hamburg und Harburg bildete, suchte die Elbe wieder ihren Schlangen- 
lauf nusznbihlen. Zwischen Ochsenwerder und Moorwerder gelang es den An- 
wohnem der Elbe "Widerstand zu leisten, aber uuterhalb btilihorn sehen wir 
in dem Beiberstieg und Efiblbrand daa Streben der Elbe, die Wendang naeh 
Norden zu gewinnen, glttdcKcb durchgefahrt, aber niclit nur wurde der Gorries- 
werder dadurch zerrissen, sondern der Flnss begann jftzt auch das Vorland 
der nordlichen Geest anzugreifen, und im Lauf der Jahrhunderte das Weide- 
land am Ufer von St Paidt, Altona, Neumiiblen u. s. bis BUnkeaeae su 
zerstorwy so dass bier, wie iwiseben Lauenburg und Qeestbacbt die Gfreest 
selbst angegrifTcn und weggescbwemmt wurde. 

Kcine Chronik meldet una von dem Elend und Kummer, welche die 
Fluten iiber die reiclten und biuhcnden Marscheu verhangten, nur Sagea sind 
davon su uns gelangt und aus den sp&ieren Vertrigen kdnnen wir auf die 
TOrhergegangenen Verwustungen schliessen. Finkenwerder war bis 1617 noch 
in Nienstiidten eingepfarrt. und das Wasser soli hier friiher so schmal ge- 
weseu sein, dass die Finkenwerder, wcuu sie an ISonn- und Festtagen zur 
Sirche gtngen, einen 8teg dariiber l^ften. 1897 gestattete der G^f Otto to& 
Holsteiii den fiewobnern von Gorrieswerder, ibre Insel von dean Parecke bis 



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Die Entwickelong der Elbe zwiechen Geesthaclil imd Bluakeueso. 



33 



ear Dradenan and bis sum Dansefeld und Mankefetd nen mnsitdeichen ; es 

mussen also von den vorhergehenden Fluten alle Deiclie des Gorricswerder 
zerstort worden sein, denn Mitte des 14. Jahrhnnderts wcrdcn noch die Veddele, 
Grevenliof, Saudowe uud Oilenslage als Ortschalteu uut dem Gorrieswerder 
genaont 

Fiir die Entwickclung der £lbe bci Nicnstcdten und Blankenese ist die 
Geschichte dor Insol Finkeiiwoidcr von luteresse. Wir habcn oben Bchon 
gesehen, duss vermutlicii im 13. Jabrhundert Altenwerder und Fiiikenwerder 
TOD dem Gorrieswerder abgetrennt warden, und da 1265 Gmt Gerhard die 
sUdliche Hlilfte von Finkeiiwerder an Herzog Johann von Liineburg als Mit- 
gift seiner Tuc liter Luitgarde abtrat, scbon damals der Hauptstrom der Elbe 
durch Finkenwerder eidi eiuen Weg gebahut batte. Die uordiicbe Hiilfte 
muss damals wohl erbebli^ grSsser geweaen sein, deon 1S56 iibertiessen Sibrand 
und dessen Ebefran Werenburgis 8^3 Hut'en in Finkenwerder dem Heiligoa 
Geiet-Hospital in Hamburg (L. act. XXIX. :^). wdcbe also dem Flachen- 
inbalt der jetzt eingedeichteu lusel etwa gieicli kuuimt. AucU im 14. Jaiir- 
bnndert nrass Finkenwerder sidi viel weiter naeh Westen erstreckt habeui 
denn 1338 wird ein Pfarrer, Heinrich Wytmann, in Ness erwabnt. Noch im 
17. Jiiliiliimdei*t war der T"nif?uiff von Finkenwerder erbeblicb grosst r. clenn 
der F^-ediger Evers (^bannov. Finkenwerder), -j- 1755, scbreibtia seinen Nachricbten 
fiber die Insel : „Zttm Hamburger Finkenwerder gehort audi der gegea Westen 
liegende Ness. Es ist dieser ein einstandigM Gehd£t nnd aoth&lt jetzt etwa 
26 Morgen Land (23 ba), obne die Ausseuweidcn. Dioser Ness maclit aber 
keine besondere Xusel aus, ob er gleicb autiser dem Hauptdeicbe iiegt uud 
mit einem Sommerdeicb umgeben isi Den grSssten Teil des Nesse bat die 
Elbe vor der Eindeicbung weggerissen. Er reicbte ebedossen weiter nach 
Nordon gegen Neuenstcdfn (NicnstfMU<Mi) zu. Mehr imcli Westeu liegt der 
sogeuaunto hobe Nesse, eiue unbedeicbte Weide, die zu den Hamburger 
Kammerei- Gfltem gebort und nch ebemals bis iiber die Este erstreckte (also 
bis Blankenese), wie ein Kiss von 1702 (von Scbade) nocb deutlicher zeigt. 
Nacbher bat dieser hohe Ness g^lcichfalls iiber die Halfte verloren. Alle 
Hamburger Finkenwerder, wclcbe Land baben, nehracn iiu dieser Weide gegen 
einen gewissen jiibrlicben Canon teil." (Lor. Elbk. S. 56.) ErsichtUch hat 
also die nordliclie Hiilfte von Finkenwerder durcb die Sturmtlut viel scbwerer 
zu leiden gcliabt, als der liannoverscbe Aiifeil. unci walirscln'iidieh wird infolge 
des Bestrebens der Elbe, aucb auf dieser iStrecke nach Norden abzulenken, im 
14. Jabrhundert scbon der Hauptstrom sicb einen neuen Weg zwischen 
Dradenau und Finkenwerder gebabnt baben. 1397 waren alle Deichc der 
niirdbcben Hiilfte Z(.'r>tf>rt . denn Giaf Otto vnn llnlstein verheh den dortigeu 
Ansiedlern das Holliscbe iiecht. uulir IJesciirankui;:^^ des Kornzebuten auf don 
zwolften Diemen, und unterstiitzto den Doicbbau. Durcii die Ciicilien-Flut im 
.Tahre 1412 wird Finkenwerder wieder sehr stark gelitten baben, denn auf 
dem Griesenwerdf r wird nocb einige Jabre spiiter eines wiisten Kirchhofes 
gedacht. Indes^jcn ina;; die Gemeinde sicb damals rasclier erbolt baben. denn 
1427 verpliindele Graf Otto die lusel fiir 1200 rhemiscbe Gulden uu den 
Hamburger Batmann Ericb von Zeven, welch er 1446 seine Rechte an den 
Kiit zu Hamburg iibcrtrug, dem 1445 der Graf (^tto von Holstein die Insel 
mit prossen Froiheiten nnd Vergunstigungen fiir 12U0 rheiisi'^che Gulden ver- 
kauft batte. La wiude dem Kat verstattel, von i'lnkenwerder emeu Uamm 
durch die Dradenow zu legen und sicb dazu des gogenttberliegenden Landes 
zu bedicnen: docb scbcint der Kat von dieser Vergiinstigung keineu Gebrauch 
gemacbt zu baben , denn anf Lorich<^ Elhkarte ist die Dradenow nocb als 
schifibarer Hauptarm gczeiclinet, wulneud der Kalebrand (Kiiblbraud) als 
tmbedentender Nebenarm erscbeint Die Deicbe von Finkenwerder mQssen 
kurz vorber durch Sturmfluten wieder stark bescliiidigt worden sein, denn der 
Graf erlaubte den Bewoimem, in Pinneberg und dem grafiicben Auteil von 

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34 1Ji» EaAwiokdai^ dar Elbe iwiMhon GcesklMclit iind BhnksBeBa. 

Holstein zur Befestigung der Deiclie das niitige Holz m fallen. Allein auch 
diesmal werden die Deiclie nocli nicbt dio notige Stiirke erlmlten habeu, tun 
den AngriffoD der Elbe geniigenden W iderstand zu leistcn, dcnu auf Lorichs 
Elbkarte ist der Hamburger Anteil als unbedeicht eingetragen, docb sind die 
beiden H&Uten wicdcr mit einaDdcr vereinigt. Infolge des Durdlbnifihes der 
Draflenow ist wahrschcinliili der Hauptarm sehr schiicll versand"et und der 
Hamburger Anteil ist lUr deu Landvcrlust auf der Nordseite durch das Neu- 
lAod anf der Sftdseite enisch&digt worden. 

Nachdem die Eircbe auf dem Ness von den Flnten zerstdrt war • wird 
dieselbe wahncheinlich nach dcm baimoverschen Anteil von Finkeuwerder 
verlegt worden seiii . fl' sui 1436 wird liier ein Pfarrer erwiihnt , docli mlissen 
damals noch die butdcu Teilo von i^'inkenwerder durch deu Hauptstrom der 
Elbe yon einander gctreunt gewesea sein, denn der holsteinische Anteil wurde 
ni Nienetedten eingepfarrt Erst 1617, als in dcm hannoversehen Finkt inverder 
cine neue Kirche erbaut wnrdc, liessen sich die Eini^osessenen des Hamburger 
Antcils in die Pfarre aufuehmcQ, da ibueu die Uuberfabrt nach j^ienstedten 
zu bescbwcrlich wurde. 

In dem Masse, wie die . Elbe immer mehr nach Norden ablenkte, wurde 
auf der Siidseite am Alton Lande mehr und mehr L uid abgelagert, so dass 
hier weitere Slrecken cin^cdciclit werden konnten; in der /.weiten Meile wurde 
der Df ich bis Borstel, in der dritteu Meile bis Cranz und Liedenkummer vor- 
geriickt. Dieae Landerwerbungen fallen in das 14. Jabrhundert, denn die 
Etrche von Borstel (urspriinglich Zestcrvlete) wird 1381 und 1396 erwahnt. 
Spater wurdeu nocli Lr-oswi:^. Stoltenborn luid Ilinterljriiek eiiii;edi'iclit , und 
dass das Anwachseu des Landes am Suduler der Elbe noch nicht sein Eude 
erreicht hat, zeigt auch der Hahnofer - Sand , welcher jetzt nur noch durch 
einen achmalen seiehten Arm vom Alten Lande getrennt ist. Umgekebrt ist 
aber auch hicr. wic boi Goesthacbt, die Elltr noch jetzt homiiht, nm iiordlichcn 
Ufer Land abzureissen , kcin Winter vergeht , ohtie dass bald hier, bahl dort 
von der steiien Boschung der Geest groaserc oder kluinere Stiicke sich losen 
und herabrutschen, and jede holic Sturmflnt, jeder Hchwere Eisgang hinterliiset 
am Nordufer seine Spuren der Zcrstoruni'. Xocli iin Anfang dieses .Tulir- 
hunderts bestnnd in Nicnstf dten das lieclit, dass die Grundbcsitzer am Elb- 
ufer von den nurdlichen ^iachbarn entschadigt werden mussten t'iir das Laud, 
welches Ton der Elbe wegc^eschwemmt wurde. Endc des vorigra Jahrhnnderts 
lag z. B. die Biicken i in I'eufelsbrucke noch sudlich der Landstrasse, als aber 
das Hans gefahrdet tn: ! oine Verloj^unj^ notweiidig Miudc. mussto der Be- 
sitzcr des i'lottbeckcr i'arks ein eutsprechendes Stuck Laud fiir die Biickerei 
abtreten, und so lasaen sich eine Beilie von Beiapielen anfohren. Den Besitiem 
der prachtvoUen Garten von Altona bis Blankenese ervachaen diiroh die Ufer- 
befestigung alljahrlich sehr erhebliche Aus<:aHen. 

Noch grosser sind die Landvcrlu^te am n«5rdHcliAn Tlfer von Schnlau 
abwiirts bis Gliickstadt, dcnu scit dem 13. Jabrhundert sind hier bedeutende 
LandsCridie Ton der Elbe weggerissen. In der Haseldorfer Marscb ist das 
Dorf Bukeland, welches 138(5 noch erwiihnt wird. !?anz verschwunden , von 
dem Kirchdorf Bishorst sind nur noch einigc hehh i-, von dom Kirchdorf, 
dessen Kircho schon 1403 nach Nigeudorf veihgt wurde, nur noch eiuige 
Hnfm tlbrig, welche jetstt zu Colmar gehoren. Anch die Cremper Mars^ 
hat von den Sturmflutcn schwer zu leiden gehabt, und Ende des 14. Jahr- 
hiinderts warden zwei Kirchspiele Nygeland und Bode von der Elbe ver- 
Bchlungen; von der Wilster Marsch liegen ebeuliUls vielc jDorischaften 
mit deo Ktrcben unter den Fluten der Elbe begraben. Was die Elbe aber 
am Nordufer abgerissen, das hat sio am gegeniiber liogenden Siidufar all* 
mahlich wieder angeschwemmt ; auf der Lorich'^^chen Elbkarte Uegen z. B, 
Assel; JJrochterseu, Dorubusch u. s. w. hart am Ufer der EihOf und von der 



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Di» SaMckalniig der ISlbe swudi«a OMtOneht vaA Bbakaneie. 85 

grossen Insel Krautsnnd ist nocli niclit rler kloinsto Anfang vcrzeichnet. 
Interessant ist hicrfiir die Geschiclite des Neueufeldes bei CuxUaieu. Alteu- 
bruch nnd Ghroden sind wabrscheanlich Eode des 18. oder An&ng des 14. 
Ja]irlmii(l»n-ts cinp:edeicht wordcn. Wie im AUen Laiide sehwernmlo die Elbe 
audi hier fortwiihrt iid neues Land an, besonders im 16. Jahrhundert, so dass 
schon 1568 ein Teil des Keuenfeldes eingedeicht werden koimte, worauf 1570 
Guxbafen angelegt worde. Die IHiideichung des ganzen Nenenfeldee orfolgte 
erst 1618 duich den Amtmann Hans Schoweshuaen ; der Fliicheninhalt betrug 
damals 916' « Morgen (887 ha), wovon 168 Morgen zu Dose, das iibrige 
zum isorchspiel Grodeu gehorte, und der neue Deich lag weit nach Korden 
binanB, wo jetzt tiefes Falirwasaer ist Dock selioD 7 Jahre spftter begann 
die Elbe ihre eigone Schopfung wieder zu zerstoron; durch die grosse Sturm- 
flut am 26. Februar 1625 Tvnrdc dor ncne Deich stark beschadigt und zum 
Tell weggorissea, und durch die Fluten am 20., 21. und 22. MiLrz des uachston 
Jahres warden 4 H5fe von den Flnten begrabeu. 1649 mniute ein grower 
Teil des Deiches, von Coxhafen bis zur Luppca BMlse, smriickverlegt werdeo, 
1656 legten die Grodener ibren Deich von der Alteitbrucber Schleuse an 
noch weiter zuriick und verbanden ihu durch eiueu Obdeich mit dem 1649 
enriditeteD Deich. Doch moaste auch dieser schon im folgetfden Jahre anf- 
gegeben wcrden und ein neuer Dekh mit dem 1656 crrichteten in ciner Linie 
angelegt werden. 10 Jahre spater musste bei Dose der Deicli abermals zurtlck- 
verlegt werden , wodurch 18 Morgen uud 13 Hofe im Aussenlund zu liegen 
kamen, aber 1698 war dieses Anssenland schon wieder g&izlich verschwnnden, 
der Deich musste abermals zurflckrerl^ werden und wieder blieben mehrere 
Hofe im Aussenland. Durch die grosse Ueber liwemni'in^ am 24. nnd 25. 
Dezember 1717 litt dieser Teil sehr bedeutend, so dii&a im folgeuden Jahre 
der netie Deich noch weiter znrUckrerlegt werden mnsste, ebraso musste anoh 
bei Groden 1719 ein neuer Deich erfoaut werden. AUein 10 Jahre spater, 
1727 und 1728, musste man (Im ganzen Deich von Guxbafen bis AUenbruch 
und 1730 den Deich von Guxbafen bis zur Kugelbaak erneuern. 1744 ging 
dieser sdion wieder veiioren und wurde daisuf in der Form eines Halbmondes 
angelegt, in der er noch heute bestehi Auch der Grodener Deich musste 
1745 noch einmal zuriickverlegt werden , er Murde rait dem 1728 angele^ten 
Xeueufelder Deich verbuudeu, der aber 1785 gauz verloren ging, worauf er 
mit dem alten Deich Terbnnden wurde. Von dem 1618 eingedeichten Lande 
waren liber 800 Morgen des scbonsten fruclitbarsten Marschlandes TOn den 
Wcllen vcrschlnngen worden , deren W« i t auf mehrere Millionen zn scbatzen 
ist, und deren Ertrag zur Unterhaltuug der umfaugreicbsten Uferbauten hin- 
gereicht haben wUrde. Urn einen weiteren Abbmch des Landes su verbindem, 
bat Hamburg hauptsachlieh drei Uferwerke: die Grodener Bank, die alte 
Liiebe und die Kugelbaak errichtet , deren Unterhaltuug aber jabrlicU selir 
grosse Summen eiibrdert. Obgleich diese Veranderungen in der historischen 
Zeit erfolgt sind , so ist es bis jetzt doch noch nicbt gelungen , die Ursachen 
zu entdecken, welche im 15. und 16. Jahrhundert die Anschwemmung des 
Landes, im 17. und 18. Jalirliuiulert aber Nvifulcr den Abbrucb dessellicn ver- 
aulasst babcn. Die Erkenutnis dieser L'rsacheu wiire aber nielit nur fiir das 
Amt Ritzebiittel, sondern auch fiir die liegulierung des ilochwassers der 
Elbe Ton der grossten Wicbtigkeit. 

Interessant ist aucli die Rntwickelung einiger Nebenarme, welche all- 
mabUch zu Hauptarmen gewordeu oder ganz zuriickgegaagen sind. 

2ioorwerder wird urspruuglicb mit Ocbsenweider vereiuigt oder nor 
durch einen schmalen Nebenarm von demselben getrennt gewesen sein, dean 
die Gemeinde i.-;t seit der altesten Zeit nach OcliseiiAverder eingopfarrt ; des- 
gleichen aiirh Stillborn , welches erst 1338 eine eigeue Kirche erhielt. Als 
aber der iiuuptarm biidlich von Kirchwerder und Ochsenwerder sich einen 
neoen Weg b^te, wird derselbe versncht haben, zwischen Moorwerder nsd 

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ae 



Bie Eahrickelnng d«r Elbe swiMhOD QceatUkcht and 61aiilHmm«. 



Ochsenwerder sich wieder mit dem Hauptstiom z\i vcreiiiigen, wcO jedoch der 
Durchbruch nicht breit genug war , urn die ganze AV'asscriiiasso aufznnchmen, 
setzte der Hauptstroni scinen Weg siidlicb vou ^loorwcrdcr uud Stilliiorn 
fort vnd Tereinigte sidi ent in der Qegend tod Harbiirg mit dem alten HauptamL- 
Infolge dessen wurde Neuland bei Harburg eingedeiclil, und der friibere Ilaupt- 
arm versandete immermebr, so dass Tulenijer^' und apater bpadeuland ein- 
gedeicht werden konnto, auch bei Stillhorii ueueii Laud aiigeschwemmt wuidc. 
1888 erhidt diese Insel sine eSgene Etrche, 1872 wild ein Nen-StilUioin 
erwShnt ond 1887 wurde die Insel za eineni Kirchapiel erhoben. 

Durch die Anlage der Deiche ira 12. Jahrhundort batten die Menscbeu 
auf die natiiriiche Entwickelung der Elbe storend eiiigewirkt. Soit dem 15. und 
16. Jahrhuudert suchten die Stiidter, iusbesondere die Hamburger, iiirer iSchifi- 
&hrt wegen das Fabrwaaeer dea Stromes stt ▼erbeaaem; dadurdi traten aie 
aber nicht selten mit den Besitzern der Uferlandschaften in feindliche Be- 
riihrung, denn durch weitere Deicbbauten suchten diese dem Flusse neues Land 
abzugewinnen, unbekummert darum, ob das Fabrwasser dadurcb verscldecbtert 
worde. Sdion im 14. Jahrhandert werden die Schauenboi^er Grafeo be- 
abaiditigt haben , di n Elbarm zwiscben Moorwerder uud Ochscnwerder abzu- 
dfijnmen, denn 1328 veranlassten die Hamburger den Grafen Adolf von Hol- 
atein, ihuen die Zusicherung zu erteilen, dass durcb ibu oder seine £rbea 
Ton dem Orte Delf oder einem anderen Orte in Ocbsenwerder niemak ein 
Damm nach dem gegenttberliegenden Lande angelegt werden soUe, also ein 



trennte aieh von dem alien Hauptstrom bei Tatenberg ein Nebenarm nadi 

Norden ab, welcher zwiscben dem Grandeswerder und der Veddel und siidlich 
vom Grasbrok uacb Westen weiter floss und sich spiiler mit dem Hauptarm 
wieder vereiuigte. Da jedocU der Hauptarm zwiscben (iamme und Kirch- 
wevdor hnmer mehr Yeraaadete, bot dieser Am den Hamburgem keine ge- 
nfigende Sicherheit ftir ihre Verbindnng mit der Oberelbe. 

Es scbeint, dass die Erzbischofe das siidlich von Hamburg liegende 
Brucbland. der Brok, f;p:iter der Grasbrok, im 12. Jabrhundert als Weideland 
fttr Hamburg zuriickbcbalteu haben, wesbalb er nicht mit dem Gorrieswerder 
voreinigty aveh apftter niemab eingedeicht worden iat. Ala nun in der zweiten 
HElfte des 13. Jalirbunderts audi der we^tliebe Teil des Hammerbroks ein- 
gedeicht, und der iiordliehe Teil des Broks , das Katharinen - Kirchspiel, 
stadtisch bebaut worden war, trenuten die Hamburger den Brok durch einen 
Graben, das Dovenflet, von der Stadt ab nnd durcbatacben den Qrandeswerder, 
am bier eine Yerbindung mit der Oberelbe berzuatellen. Kleitie Scbiffe konnteu 
jetzt Ton Osten her direkt an die Stadt gelangen, und der Graabroic war in 
eine Insel verwandelt. 

Als spatcr die Stiidte selbst Besitzer mancber Uierlandsciiaflen warden, 
traten xuwdlen ihre eigenen Intereaaen mit einander in Widerapruch, dies 
zeigt sich z. B. bei den Vierlanden. Die Stiidte Hamburg und Liibeck batten 
1420 Bergedorf uiul die Yii ilaiide crorljert, ausserdem waren die Hamburger 
seit Ende des 14. Jahrhuuderts im Besitz von Billwerder und Ochscnwerder. 
Bei Eisgang nnd hohem Oberwaaaer batten dieee Landaehaften aehr viel eu 
Mden, und urn ibnen die Dcicblasten zu erleicbtern, liessen die beiden Stadte 
gegen Ende des 15. Jabrhunderts die Dove- nnd (joso-Elbe an ibrem obereu 
Enden iiberdeichen, so dass also die Yierlunde in eiuen D(!ichverband traten. 
Die beiden Elbarme aanken dadureb zu todten Armen berab, und die Deiche 
konnten erheblich erniedrigt werden , zugleich wurde aber auch die Strumang 
in der "Nordelbe sebr geschwiicht uud os nnisste bier eine atarkere Versandung 
eintreten, so dass die Schiffidirt sebr erschwert wurde. 

Dieser Uebelstaud trat jedoch erst im nachsten Jabrhundert starker 




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Die Bntwickefaiiif der Elbe twiMhen Geeithachi nad Blai^eaew. 37 

hervor. 1536 baite die Stromung in der Nordelbe schon so sehr abgenommen, 
daas dfls Dovenflet TenclilSminte, nnd man musste dan«11>e tou Wiosoribanm 

bis zur Broksbriicke vcrtitfen, um es fabrbar zu erhalten. Aber auch beim 
Eichholz batte die Tiefe des "Wassers ])odiMiten(l altpennmmon , und damit die 
grosscren Scbiffe in den Hafeu kommen konnten, musste niau auf zweck- 
massigo Mittel Bedacht nebmcn, um bier eine 8tSrk<*re StrSmung und dadnrch 
eine grossere Wasserticfi' zu orlangen. Sclion ir'U liatte man zu diesom 
Zweck beim Gmonliof ein Stack angi lcf^f. wdchos 72 Talente fi-ckostrt hatto, 
ohne einen Erfolg zu erzielen. Da die Klagen iiber die Uotiefe nicbt auf- 
horten, und mancberlei nene Vorschliige keinen Beifall fftnden, griff man 1549 
sn einem radikalen Mittel: man grub einen Graben durcli den Grasbrok, daniit 
da?5 Wasser der Oboredbe auf einem kiirzeren Wegc direkt nach dem Eich- 
holz stromen und bier daher das Fahnvasser ausiiefeu musste. Dieser Graben 
hat sich allmablicb mebr erweitert und ist endlich zum Haupiarm geworden. 
Bas von dem Graabrok abgetreonte Stilck eibidt aeitdem den Namen Kleiner 
Grasbrolc. 

Tnfolge des Durclisti( lis im Grasbrok nahm die Stromung im Dovenflet 
so selif iih, dass es 1555 abermals vertieft werden musste. Man woUto die 
Sache jetefc recbt gut machen und liess das Bett um mebr als einen SMen 
aiis^abcn. das rief aber einen ncuen Uebelstand lienor, deiin die Stromung 
wurde jetzt so stark, dass die Fiindamente der aiilie<,'enden Miiuser unterspiilt 
wurden und iufolge dessen einzustiirzen drohteu. Um nun diesem Uebelstand 
abzubelfen, legte man 1561 am Ostende des Grasbroks, am Fohlenborn, ein 
Stack an , woditrcli die Str;>mung teilweise nach dem Grasbrokgrabcn geleitet 
wurde. Wie die Chronik meldet , that dieses Stack fjute Dienste. Indcssen 
mebrteu sich jetzt die Klagen iiber das Fahrwas&cr iu der ISorderelbe, und 
bei den BSrgern fand die Ansicht Eingang, dass alle diese Uebelstiinde ber* 
vorgerufen wliren, man die Dove- und Gose-Elbe iiberdeicbt babe, und 
seit 1560 begehrteD in den Konventen die Biirger vom Rat , dass der Deicb 
am Gammerort wieder durcbstocben werden moge. Die J4orderelbc machte 
▼on Moorwcarder bis tor Veddel eehr viele Kiiimmnngen, wodnrch die Stromung 
stark gebindert wurde, infolge der Ueberdeicbung der Dove- und Gose-Elbe, 
sowie der Bille bei Bullenbusen vsrar derselben viel Wassor entzogeu , noch 
mebr Utt aber die Stromung durcb die Stromspaltung beim Spadeuliinder 
Bnscb. Hier zweigte die StiUhSrner Elbe ab, welcbe sich beim Bodenbna 
abermals spaltete, von denen der nordliche Arm siidlicb vom Grcvenhof sich 
wieder mit der Noderelbo vercinigto. Diese Spaltungen entzogon der Norder- 
elbe 80 viel Wasser, dass die Stromung ausserordentlicb geschwiicbt wurde 
nnd die Tiefe des Fabrwassera erfaeblich abnahm. Der Bat war nun nleht 
der Meinung, dass der Durchsticb des Deicbes am Gammerort AbhQlfe 
bringen werde. als aber dio BUrgerscbaft bei ihrrr 3feinung beharrte, liess 
er 1568 bis 1570 den Spadenliinder Busch durchstecben , wodurcb die be- 
devtoide ErUmmnng aufgehoben und die StrSmnng hauptsScblich der Norder- 
elbe zugefUbrt vrurde. Infolge dessen versandete die Stillbbrner Elbe sebr 
rasch, so dass sie auf JBaurten ans dem £nde des Jahrhunderts als Drog6-£lbe 
bezeiobnet wird. 

Die Herren yon Grote waren 1319 Ton den Sc)»uenbnrger Graf en mit 
dor Insel Stillhorn belebnt worden , und durch kluge Benutsung der Vcr- 
htiltnisse, durch neue Deicbanlagen batten sie diese Besitzung bedeuteud 
Tergrdssert; als nun die Hamburger bemiiht waren, das Falirwasser der 
l^ordeorelbe zu Terbeesem, fiirditeten sie, dass die vent&rkte Strdmung ibnea 
das neuerworbene Land wieder entreissen mocbte. Um die Bemiihungen der 
Hamburger z\\ vereiteln, liess der Junker Thomas von Grote 1564 in der 
Noi^erelbc bei Stillhorn Pfahle einrammen, und woUte durch einen Damm 
dn Arm ganz absperren. iDdesaen liess der Hamburger Bat, gestiitst auf 
den Yerfcrag Ton 1828 , die Pf&hle mit G^ewalt ent&men ond die Herren tob 



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Si* Enhrideeliuag der BIbe nrbeliA OeeiChMht md JUmAmmm. 



Grote mogen bald crkantit haben, dass die UntcrDehTnun^en der Hamburger 
ihrer Besitzung keiuea Nachteil bracbteu, sondern die Versandung der Su- 
borner Elbe ibnen dn«ii weiteren Lftndzttwacbs rofttbite. 

Im Laufe dieses Jabrhunderts, besoodera in den letzten Jahrzelinten 
haben die Han^burger durcb die bedeutcnden Begulicrungsarbeiten , durch 
Abdammen der Nebenarine, durcb Anlegunpf von Stacks, DaiThstich der 
Kaltenhove u. s. w. der Norderelbe mebr und mebr ein Uebergewicht ver- 
liehen and das Unssbeti so vertieft, dass jetzt die grdssten Schiffe bis 
Hamborg hinaufkommen konnen. Ob diesc Verbesserungen yon Bestand sein 
warden, ist aJlerdings noch eine Fraj^c der Ztikunft. denn in den letzten 30 
Jabren sind wir von sebr boben verbeereoden Sturmfluten und scbweren £is- 
gaugen Terschont geblieben. 



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Osmond Fishers Theorie der Entstehung der Unebenheiten der Erdrinde. 

(Hit tSner geogEapliiselim DanteUaag, lUial L) 

Ailgemein wird jetzt angenommcn , dass sich die Erde einsfc darcbaus 
im gescluneilzeiiea Ztutand beranden hat; wie sich aber dano die Verhitttiiiaae 
gestalteteo, als eine Abkiihlunf? der Substanzen eitit^n trt ton war, ob sicb ztient 

eine Kni*?te, oder zuerst ein Kern hildctc, oder ob ili^^ Erdc sofort 'Inrcluiiig 
fest wurde, d&riiber berrscheu noch sehr geteilte Ansichten. Zunachst steilt 
mian sich vor, dass nnser Planet aus Schichten gleicher Diehte nnd gldchoi 
Druckes besteht, ist aber nicht im standa iUr gewiase Entfernang vom 
Erdzentrum auch die dort lierrsclnnde Diehte zu berechnon. Ob die Dichto 
vom Druck abbUiigt, ist auch fraglicb, wahrscheinlich kommt sehr iu Frage 
das Material, ans dem die betreffende Schieht besteht Da die Didhte der 
Enloberfliicke our 2,75, die der ganzen Erdo aber 5,6 ist^), so liegt derSchlass 
nabp, dass dif z* i/i filMn Teile der Kidc hus iiberaus srhwerem Material be^ 
stebeu miisben. Wcklios ist aber nun der Aggregatzustand im Innem? 

Ber englische Pbysiker William Thomson ist der Ansicht* dass die Erde 
durcbaus starr ist. Denn eine Kmste, die ein feuerfliisaiges Innere einhullt, 
v iir L^ den Gezcitencrscheinungon dieses Innern so frei folp^en, dass dadurch 
die Gezeiten des Meeres bis zur Unmcrklichkeit vermindert wiirden, !Nack 
Thomson hat besonders G. H. Darwin gezeigt, dass die Erde die tod jenem 
behanptetcn Eigenschaften dt r Starrheit besitzcn mass. ITnd so nimmt denn 
audi Osmond Fisher in seinem Buche: The Physics of the Earth's Crust, 
ill dem die im Folgenden entwickelten Gedaukeu euthalten sind, die Erde als 
im gr<Msen nnd ganzen fest an. 

Diesen Ansichten gegcntiber steht die 1)i.shei- geliiutigc, dass dieErdein 
Innem feurig fliissig sei, wie man das aus der Zunahmc der Tcmperatur mit 
der Tiefe — was ubrigcns aucli mit einer festen Erde vereinbar ware — , 
beissen Qucllen, besonders aber aus den vulkaniscbcn Erscheinungon schliessen 
zu miissen glanbte und diejenige, wie sie Bitter*) ond Zoppritz *) vertreten, 
dass das Tnnere der Erde strenj? gerommon pasfiirmij,' sei. Denn infolr^'f^ der 
bohen Tempiratur , die alle Substanzen iiber ihrcn kritischen Punkt erhiilt, 
konnen dieselbeii nur gaslormig existieren, infolge des Druckes fehlt ihnen 
aber die Verschiebbarkeit, die Teilchen lassen sich nor noch zusammendrticken 
oder ausJehnen, also ein Zustand, den man wiederum auch als fest bezeichuen 
konute. Nach der liinde hin ceht diese Beschaffenheit allnuihlich iibor in die 
fliissige, ziihtiiissigo uud scidiessjlich iesie Form. Dass die Temperatur mit der 
Tiefe snmmiDtt steht aosser Frage, venn auch itir den Ghradientea immer 
wieder neue Werte angegeben werden. So nahm man langc an , dass fiir je 
85 m die Temperatorzonahme 1^ 0. betrage , neuerdings will Pxestwich •) 

*k Behnert: Die matheiuati^cbon u. ]^^<bjsik. Tbeorien der hOheran Geodlfia. 8. 478, 
^ GaognobiMshM Jabrbacb YUL 20^ IX. 13} X. 10. 

•) EbdT vm 82. 

♦) Eba. rs. 9; X IOl 

») Ebd. X. 8. 

^ Vno. BoTsl Boa ZZZTHL OSBS) 168. 



40 Osuiood Fishers Theorio dcr Entstcbang der Unebcohoiten der Erdrinde. 



die ZaUen haben 1« C. fiir 25 m ; Fisher bedient sich der Werte !• C. ffir 

27,9 m. ztnvpiltMi audi 1'* C. fiir 32.9 in. Kurv, in eiiiHr Tiefe von etwa 
50 km wiirdi'ii Tcuiprratiiron voii lUUO" bis i;)<H)" C. herrschen, ilort wiirden 
somit die nieiston btkamiten Korper schiuel/Uiissig sein. Aus deu Be- 
obachtangen im Bohr]och zu Sperenberg hat Mohr goschloBsen ^ dass in einer 
Tiefe von rund 1600 in keiiie Tt.>niperaturzunabme vorliandcn s' i ; das ist nun 
sicherlich falsch , wie das Fisher irn erston Kai'itel dcs oben zitierteu Baches 
nachweist, wobei zugleicU die Ursaclieu auideckt, die diese Ausicht bervor- 
ri^en. Andererseits meint Fisher aber, dass eine derartige Temperatur- 
zunabme auch nicht bis in die v\\ \<:c Tnife stattfmden kontie , dt-iin onst 
butti'n wir schon in Tiefen \on 800 bis (UX) km T('in])rraturen von 10000" 
bis 20 000", d. h. Temperaturen, wie hie Hosetti der Sonne zuerteilt. 

Urn beiden Ansichten, dass die Erde durchans starr oder im Lraern 
fliissig sei . gerecbt zu werden, nimrat Fisher an, die Erde ist im grossen and 
ganzen starr, aber zwiscben dem scbr j^rossen , durch Druck festen Kern uud 
der durch Abkiihlung festcn, iui Vergieich zum Radius der Erde aehr diinnen 
Krttste befindet rich eine durch Hitze flttssige Schicht, ebenfalls im Yer- 
baltnis zum Erdradius von geringer Dicko und spezifisch schwerer als die 
Kruste. so dass also letztere wie etwr\ Eis auf Wasser schwimmt. 

Dasg eine derartigo Auordnung mciglich ist — ihre Notwendigkeit wird 
spatter bewieaen — sprach scbon Hopkins im Jahre 1847 ana nnd zwar 
iiussertc er , dass bei einer scbmelzflfissigon Kugel , die sich domnach durch 
Zirkulation abkiiblt. d is Hi'strrben znm Festwenb n, so\Yeit es nur vom Drnck 
abhiingt, am griissten im Zentrum, soweit i s nur von der Abkiihluug herriilirt, 
am grdssten an der OberflSche ist. Hopkins giebt dem Druck das Ueber* 
gewicht, so dasS zn^t ein Kern entstand, warum freilich ist nicht einleuchtend. 
Durch Abkiihlung wird sich dann an der Oberflilche eine Kruste bilden, die 
nach dem Ecrne bin wUchst. Ncuerdings liat nun K. Roche eine Theorie 
TerofFentlicht, die die Fishersche Anordnung: Grosser fester Kern, flDssige 
Schicfaty Binde bestiitigt und kosnioi;* m tls( li zu erklaren versucht >). Der 
Kern, von der Dichte 7, erstarrte als die KkJc noch geringc Winkeltreschwindig- 
koit besass und ist jetzt unigcben von ciucm iliissigeu Mantel von der Dichte 
3 nnd dann folgt die Kruste. 

Die Gezeitenerscheinungen, die cine denurtige Schicbt darbieten wiirde 
tnul iliren Eiufluss auf die Gezeiten des Ozeans wurden von Fisher nach Ver- 
ofientlichung seiner Tbysik der Erdrinde uutersucht und os ergab sich, dass 
eine 80 km dieke flQssige Scbicht*) fur die halbtUgige Periode eine nnerbeb- 
liche, fiir die vierzehntagige Periode aber cine Verminderung aof 0,7 des 
theoretiselieu Wertes der Ozeangozoiten er;2;iebt. 

Und wie es schiiesslich mogUch ist, dass die Kjnisto aut' eiuer FlUssig- 
kett schwimmt, die die gh<iche Zusammensetzung wie sie aelbst haben dfirfte, 
dass somit ein Korper im iliissigen Aggregatzustand dichter ist als im festen, 
das hiilt FishfT mit T?echt fiir erwicsen. So envahnt er, dass Whitley und 
Forbes gezeigt haben, dass Eiseu, Kupfer, Messing, Glas in der 8chmelz- 
tempefatur auf den geschmolcenen, bezuglichen Materialien schwimmen. VoIi> 
auf finden diese Rcsultate ihre Bestatigung durch Siemens, Nies, Winkelmann, 
Wrightson, die in den Berelch ilirer Exjterimente auch noch andere Ki>rper 
zogen 8). Doch deu schiinsten und ansprcciiendsten Beweis sieht Fisher darm, 
dass nach Scropo im Krater dcs Kilauea eine Lavadecko auf flussiger Lava 
Bohirimmt, dergestalt, dass sie sich hcbt und senkt, wie die darunter befindliehe 
Lava stei^t und fallt ; dass die Riinder des Kraters hierbei eine f^ewissc Trag- 
kraft ausiibeu, ist ausgeschlosseu, wenn man bedenkt, dass der Krater eiuen 
Umfang von tiber 14 km hat. 

») Geograph. Jahrb. LX. 9. u. Anhang von .The Plivsics of tli© Earth's CruBt*. 

') Ebd- X. 6. 

0 Ebd. VIU. SI; 8. 



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Osmoad Fiebera Theorie der EntotehuDg tier Unebenheit«n der Erdrinde. 4L 



Nachdem wir so eine allgemeine yontellnng Ton der Besdiaffenliett des 

Erdinneru, wio es sicli Fisher denkt, gewonnen haben, geheii wir mit ihm a»f 
die speziellen VorgUnge auf der Obei-fliiche der Rinde selbst ein und snclien 
aus don bier sich ergebcnden Resultateu Schlusse auf das lunere der Erde 
za machen, besQglich Beweise fQr dag ohea Bebauptete zo erbringen. 

Seit den Arbeiten von Dana , Le Contc , Mallet . Suess ») sind die Geo- 
logen zu der Ansicht gchuigt, dass die Gebirge dor Erdo durch Seitendruck 
entstanden sind. Besonders Heim ^) baute die Danaisciic Theorie weiter aas 
nnd bezMcbnefc als Unaobe diesea Sdtendmckes die Scbwere. Dadurch , daas 
aicb das hcisse Erdinnere abkiiblty- iofolgedessen schrumpft, wird die Hiiide 
■wie die Haul oinea tiocknonden Apfols ppfaltot. Ziinilchst lost nun Fisher 
die Aufgabe, dicsen Seitendruck zu bercchneu uud iiiidet, dass derselbe an 
der Oberflficbe der Erde 890200 tons auf den Gfoot, d. i. rand 9000000 kg 
snf 1 qcm ist. Ferner (r<n 1 1 sicb, dass dicspr Sc-itrttdnick nacb innen an- 
nimmt, aber angefUhr in der Entfemung a/^ des Erdradius vora Zentrum dem- 
jenigeQ an der Oberfliiche wieder gleicb wird, urn von da ab stetig abzunehiaeu. 
imenei iat also nnr Toraoageaetzt, dasa die Partieen, die unter derjenigen 
Schicbt liegen , fur die der Seitendruck berechnet werden soil , ?:usammen- 
schrumpfen, pli iclifriltig aus welchem Grunde. Nun ist ja klar. dass keine 
der uns bekannten Gesteinsarten dieseu enomen Druck ausbalten kaim ohne 
TerSndert, gefaltet zu werden. Aber da iromer zwei rechtwinldig zu einander 
stehende Komponeuten dieses Seitendrucks vorhanden sind, so raiisston an' 
schwaclipn Stellr-ii dr r fMsf rtiiiclie Leiden ontspi ecluMKli' Fallen entstchea ; 
d. h. ist durch eine Komponeute eine Kette odor mebiere l\'irall<'lketten eut- 
standen, so werden durcb die dazu gebdrige, rechtwinklige Komponeute Zllge 
erzeugt, die den erstei f ti f^leichwcrtig sind und auf ihnen senkrecht stehen. 
Dass iiU!i diese gitterfin-inif^e Anonhjnni' d- r rJcbirL^e iiidit die Rf'frel ist, muss 
uns mit Fisher schon mit Misstruuuu gcgou diese Schrumptungstheorie eiiuilen. 
Speziell diejenige Scbrampruag , die durch Abkliblung einer festen Kugel be- 
virkt wird, erfahrt eine unbedingte Widerlegung. 

Zuniichst ist aber erfordeiHeh . uns ein Mass der Eilielniniron und der 
Unregelmassigkeiten, die die Erdoberfljiche zeigt, zu verschaften und zu diesem 
Bebufe nimiui Fischer sozusagen als Operationsbasis eine Idealfliiche an, Uber 
nnd unter der die Erhebungen und Vertiefunpen zu messen sind. Und zwar 
verstcht er unter diesem Idealiiiveau di<"jeiiit;e Fl;iiiie , die die Olierfiaelie der 
vollkonimen kompressibel gedachten Erdrinde eiinielimen wiirde, wenn das 
daronter Befindliche sich kontrahiert; somit miissen sich in Wirklichkeit bei 
einer starren Bide alle Krlii l)ungcn und Depressionen noch oberhalb dieser 
Flilche betindcn, nur die tieferen Stellcii der OzeaTir mntrnn iii> Ftd^'iidfii als 
mit ihr zusammenfallend angesehen werden. Aiiueiioinineii wird liit rbei ausser- 
dem, dass Kompression einer Schicbt entstebt durch Ivontraktiou der darunter 
Kegenden; die Scbidit, die komprimiert wird, soli sich nicht auch zugleieh 
kontrahieren , so dass also in diesem Falle Kompressions- und Kontrak lions- 
koeffizient sich durch dieselhe Zabl darstelleu. Gleichgiltig ist hierbei zuniichst 
die Ursache der Koiitraktion. 

Und nun ergiebt sich , dass , wenn man aidi alle Erhebongen der Erde 
nivclliert deukt, dieselben Whor dem Tdealniveau eine Schicbt von der DiclcR 
ton niindestens 2,9 km bilden wiirden. liitden hierzu noticren Pormeln kann man 
sich um so mehr einverstajiden erkliircu, als Fisher sehr vorsichtig verfahrt uud 
' wie er selbst sagt, keine ganz genauen Resnltate erbalten will ; aber dass aucb 
mit diesem kleincn Wert das Folgende nicht anniihernd ubereinstiramt, erhoht 
eben die Bewciskraft der Fisherschen Schliisse. Zu bemerken ist aber, dass 
Fisher hier wie in seinem ganzen Buch die mittlere Hohe des Laudes stets 




iches Jahrbxich MU. 48. 
lus dor Qebkgtbildung. 



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4^ Osmond Fishers Theorie der Eutstehtrng der Unebenheiten dor Erdrinde. 



zu niedrig, n^mlicb nur =1000 feet ^305 m ansetzt, wobingegea et die 

luittlere Meercstit ft' zu hoch nimmt nSmlich = 3j5 miles =5,6 km, aiber 
meist kompensieren Bich diese Fohler. 

Nacbdem wir so einen Mafsstab fiir die Eihebuugen der Erde ge- 
wonnen haben, fragen wir mit Fisher, vdcher Betrag wird sich ergeben, wenn 
wir annebmen, dass die Erde vlWWf^ ?tarr i>t und durch AbkiililuDg . d. i. 
WUrmeverbis't durch Leitnnir. scit dem Fji-starnuip^zustand Kompression, somit 
Soitendruck lieferte, dem alle Erbebungen und Vertiefungen der Erde, also 
attch KontlneDte und Ozeanbecken, ibre Enftstehnng verdanken sollea 

Bei dieser Untersuchung waren nun scbon durch Tliomson die Wege ge- 
cbnet, hat er doch eine Formel aufgestellt, die die Zunahme der Temperatur 
nut der Tiefo als abhaugig von der Zeit darstcUt, die verflossen ist, seitdem 
die Erde fest und swar dorcbaiis feet wnrde, wo aie also ooch Scbmc^s- 
temperatur Ix s;iss. Setit man letztere mit Thomson = 4000<' C, die erwabnte 
Zcit = lOO Millimien Jahre, so heisst da?, diese Temperatur hat vor dieser 
Zeit an der Oberflacbe geherrscbt, ist aber jetzt nor erst in einer gewissen 
Tiefe ansatrteffeiL Dnrch diesen WSrmeverlust kontrahierfcen sicli die Schichten 
und liefen in den iiber ihnen liegenden Kompression heivor. Und nun be- 
reohnet Fisher, dass untor dioson TTmatiinden die Schicht, die die durch 
Kompression erzeugten Erhebungea licfcrn, im gunstigsten Falle eine Dicke 
von 265 m fiber dem Idealniveau besitet; der Radius der Erde wfirde eich 
dabei urn 8 km rerklirzt haben. Diese schon ao geringen Betragc werden 
noch kleiner, namlich nur 45 m beziiglich 1 km. wenn man MalU't'^ Angaben 
beuutzt, wie das Fisher auch thut, dass niimlich die Bchmelztemperatur nur 
2000<^ C. and die Zeit nur 33 MilHonen Jahre betragen habe, wie das Mallei 
aus Experimenten srldiesst, die er mil tioschmolzener Schlacke an t lit >, Voi^ 
liin fandcn wir als Dicke der Schicht 2,9 km und jotzt nur 0,2 km oder gar 
0,04 km, somit muss etwas an deu gemachten Voraussetzungen falsch sein. 
Dieae waren also, aHe Erbebungen und Yertiefongen der Erdoborfllohe, aooh 
die Oaeanbecken, sind durch Seitendruck entstanden, letztercr vernrsacht durcih 
die Kompr(>ssion rinci- W.'irmr' ansNti-alilemlcn, -^ich also fiMcfihlonden, durchaus 
starren, heissen Kugel. 8o iiegt die Frage naho, sind denn ctwa nicht alle 
TTnreglmassigkeiten durch Seitendruck entstanden? Betreffs der Ghebirge ist 
nun als Entstehungsursache der Seitendruck unbedingt festzuhalten , also sind 
vielleidit dio 0/eanbecken in anderor AVciso ontstanden? Die einzige Miiglich- 
keit bote dann hierfiir — immer ist die Kcde von einer starren Erde — 
nngleiche radiale Vcrkuizung, me sie Le Conte anniromt. Aber wir saben, 
dass die radiale Vcrkiirzung der Erde hoclistens 3 km betragen haben kann; 
])e(loi)kt man hierbei. da'-s fiir die O/eane niclit einmal diosfr voile Betrag in 
Bctracht kommen kann, weil die Kontiuente zu ilirer Entstehung auch einen 
gewissen Betrag beanspruchen , so ist ersichtlich, dass man auch diese An- 
nahme fallen lassen muss. Dazu kommt ein weiterer Umstand. Wenn man 
sich vergegenwartigt, welche ungeheure i\r.i( litiL'keit einzelne Sedimcnte erlangt 
haben — so besitzen in den Appalachicn z. B. gewisse Schichten desselben 
Alters eine solche von 7 km — , dass Fliisse ihre Schwemmprodukte in Dickcu, 
die Hundcrte von Metem betragen, niedergeschlagen haben; wenn man ferner 
berUckMohtigt , dass Gebirge, die noch licutc zu den lu'ichstpn ;j;eli«jrcn , doch 
schon gewaltige Massen von ilaterial zu Bedim n^^rn rreliefeit ha})en, ohne an 
Hiihe einzubiissen , ini Gcgenteil ehcr steigeii , m wild man einsehen , dass 
diese Yorgange sich nicht dureh nngleiche radiale Verkurzong einer festen 
Kugel erkliiren lassen. Kurz aus den angeftilirton Thatsaclien und daraus, 
dass im Laufe der geologiscben Zeitriiume die maunigfacbstea OsziUationen 



1) Utn nich eine Vorstellung von don in feet und milos angegebenen L&ngenmasften 
sn machen, siiul die botrofTenden Zablcn in m bezQglich km umgerechaSt wocdea amdawar 
wurde der Kttixe halber gesetsi: 1 foot 0^306 m I mile = 1,1 kn. 



t 



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Ommi. Fiihtti T|i«Ofi« dct BntoWiiing der triidMali«itea d«r Eidrittde. 



43 



des Ifeeresspiegels stailgefuQcIen haben miissen — Gesteine, die ikrcr Ent- 
stehung nach sicher marine Gebilde sind, thronen heute in gewaltigen Hohen 
— ergiebt sicb, dass wir es in der Ilrdriude mit Gebieten zu tbuu baben, die 
Bald steigen, bald sinken. Mit diesen Dingen ist eine ToUig etarre, darch Ab- 
kiiblung sich kontrahieronde und so Veranderungen der Oherfliiche bervorrufende 
Erde nicbt vereinbar, vielmelir liefert eine liinrcicbondp ErkUirung fur alle diese 
Yorgange die Annahme einer flussigeo Scbicbt jcwischeu Kern und Kinde, ia 
die belastete Gebiete eintaachen, sinken kSnnen, wUhrend sich entlastete heben 
miisaen. Um also korz die Schlussc zu vriederholen : Thomson und Darwin 
babcn bewiesen , dass die Erde f5tarr ist ; das ist nur im alltremeinen richtig, 
denn die Erhebuugen fallen untcr jcuer strengen Yoraussetzung zu klein aus. 
Biwer Umstaod im Veretn mit den Owsillationen , die Land l>eiUglicb Hear 
durchgemacht haben, notigen zur Eiasclialtung der flltssigen Schicht^ die aber 
iin Yerhaltnis zur gan^pn Erde nur geringe Dimenaionen zeigti 80 dass der 
allgemeine Charakter der St&rrbeit bewahrt bleibt 

Dnroli die oben erwShnten Rechnnngen meint nun Fisber auch zugleich 
der Theorie das I rteil gesprochen zu baben, dass der die Gebirge bildende 
Seitendruck eine Eolgi- dor Kompression dureb saknlure Al>killiliing ist. Fiir 
eine durchaus starre Erde ist das ja obue weitercs klar. Aber aucb unter 
der Annahme eiuer flUssigen Schicbt wfirde die Abkiihlung kaum einen anderen ' 
Beiraii: liefern als den f&r eine durcbaus feste Erde bercchnoten. Denu als 
sich die festo Krn«!te anf dor den festen Kern umgelKMidcii niissi-^cn Schicbt 
bilden konnte, musste letztere durch Konvektionsstrome ebenfalls bis zur 
Schmelz- oder Erstarmngstemperatur abgekuhlt sein; jeder weitere Wiirme- 
verlust muflste durch die Hinde stattfiuden und zu ibrem Waclistum nach 
innen heitragon. Die Abkiihlung und die aus ilir resulticrende Koinprn'^sion 
muss darum ahnlich verlaufon sein wie bei einor durchaus starren Kugel. 
Doch geht Fisher auf diese Verhaltniase niclit niiher ein, aber fiir den ameri- 
kanischen Geologen Button, der allerdings schon ininier diese Ansicht vertrat, 
ist durch Fisclicrs T'litersuchungen der Beweis voll.trilti^ t'rl)ra( lit . dass die 
saknlnrc Abkiililung unseres Phmctoii in dnn VMrL^iin^cu der ErdoberHache, 
wie Gebiigsbildung, nichts erkliire. Ja er bozeichuet in einer iiusserst wohl- 
woUenden und mit den scbwerwiegendsten Pankten der Fisherscben Theorie 
einverstandcnon Kritik — dass z. B. jedc WcitercutwiokclunL; der ;^eolo;zisclien 
"Wissenschal't unbc-din^;t auf die Annahme einer aul' (U'r tlussigen iSchicht 
scbwimmenden Kruste beruhen miisste — , die er dcia Bucbo The Pliysics of 
the Earth's Crust i) widmet, diese Theorie der sikiilareD AbkOhlung als einen 
Irrtuni und Unsinn und hiilt es im Interesse der Geologie fiir' angebrachty 
dass sie je eher je besser fallen gelassen wird. 

Die iiiissige Scbicht also, zu deren Annahme wii* somit gelangt sind und 
fttr die nebenbei bemerkt ja audi die Zunabme der Tempetatur mit der Tiefe 
und die Yulkane , fiir die sie das Material liefert, sprcchen , haben wir uns 
als fliissig infolge ihrer hohen Temperatur vorzustcllm. Dean eine Schicbt, 
die durcb Druckvermindcruuig ilUssig wird, ist nicht am Platze, weil dann ein 
Einsioken belasteter Teile nicht moglich ware, die dadurch bewirkte Bruck- 
Termehrung wiirde ja das Gegenteil von Fliissigkeit hervorrufen. TJeher Ein- 
gehenderes, ob z. B. die Scbicht in ihren unteren Partioen zabfliissig und fest 
durcb Druck ist, in ihren obcren schliesslich fest durcii Abkiihlung, dariibcr 
haben whr nur Vematimgeii. Sie besteht aus einem feui-igHussigen Gemenge 
geschmolzener Gesteine und sonstiger Substanzen und enthiilt lir-sonders Wasser- 
dampf. bildet also ein Magma, dessen Dicbti^ glcich der des iiisaltes = 2,96 
im Folgenden gesetzt werden soil, wiibrend die Uichte der B.mde = 2,68 = der- 
jenigen dea Granites angenommen wird, so dass dch also Binde und Sdiicht 
whaltea wie ISs tmd Wasser. Der Wasserdampf ist Uber seine kritische 



1) Am. Joom. of Sdenco HL cw. vol. XXIU. S. 888. 



44 Onnoiid Fiihen Theorie der Entatehung der Dnebenheiteii der Erdrindd. 

Temperatur erhitzt und in innigster Verquickung mit dem fiiissigea Material, 
ja enD8glicht vielleicbt sum grossen Teil die fliisnge Beschaffenbeit desselben. 

Dass Wasserdampf vorhanden ist, beweisen die gewaltigen Mengen, die 
die Vulkane direkt diurcb Herausblaaen , od;er in den produzierteii Laven entr 
balten, liefern. 

Nan Teitrat man die Ansicbt, dass dieses Wasser von oben her za den 

vulkanischen Harden f?plangt sei, weil alle Vnlk.uie sich in der Nahe des 
MeeroR bofinden oder bifaiiden und weil unter den Eruptionsprodukten haufig 
Meeressalxe vorkommen. Aber wie soil Wasscr dahin gelangen? Nur zwei 
Wege stehen ibm offen, entweder Spalten» in die es direkt InnabgedradA wird, 
oder jene feiiien Kanalc, in denen es tnfolge der Kapillaritat hinabsteigen 
kSnnte. Die erstere Annahme ist sofort unlialtbar, denn durcli die von unten 
wirkeude Wiirme wUrdcn Diimpfe eutsteben, die eia ferneres Eiudringen un- 
mSglieb macben, und dann verden diese DSmpfe da entweicben^ wo sie den 
geringsten Widerstand finden. also in den Spalten selbst, uiul nicht erst bis 
zu den vulkanischen Hrrr], ti 1 iuziolion. Diese Atisiclit vertritt entschiedcn 
auch Heim iudem er ausspncUt, dass mit Wasser gefUUte Spalten bochstens 
bis 2U einer Tiefe von 4000 m m9glicb sind. AehnKdi verfaSit es sidi mit 
der Kapillaritiit ; da dieselbe, wie Maxwell z^t, mit steigendw Temperatur 
abnimrat . und da audi liior DampfbiMuntjpn nnftreten wcrdon , so ist dem 
"Wasser aucb dieser Weg verschlossen. Und es bleibt nur die Annahme ilbrig, 
dass der Wasserdampf nnd vrie so viele Substanzen auch die Heeressalze sehon 
urspriinglich im Magma enthalten sind, wie das auch die Ansicbt Crednen 
ist. Ein Versucli FIsIk is, dieses Vorhandensein des Wassers im Maj^raa 
kosmogenetiscb zu erkliiren, der aber, wie er selbst sagt, nur mit Misstraaen 
au&unehmen ist, mag bier nur erwahnt werden. 

Nunmehr sind wir also soweii gekommen, dass vrir wissen, die feste 
Kruste schwimmt auf t iiu r flussigen Schicbt und so woUen wir denn jetzt, 
uachdem wir die letztere uns schon etwas niiher angeselien haben, die Kruste 
ins Auge fassen. Wir sebcn, dass sie sich infolge des Seitendruckes gebogen 
und gcfaltet }iat und stehen d^nach wieder vor zwei Mdglichkeiten ; ist die 
Kruste voUkommen biegsam oder nur teilweise? Und so mac lit dcTin Fisher 
zuniichst die erste Annahme. Die Kinde soil also diinn und voilig biegsam 
sein , d. h. sie wird , irgend welchem scitlichen Dnick ausgesetzt , weder ver- 
dichtet noch verdickt ^verden, aber aucb nicht broclien. Dann ist klar, dass 
das daruntrr lnfiiKlliche Magma, soLulil then Seitcndnuk oder Kompression 
in der Kinde eintritt, in die Antiklinalon steii^t. In der That zeigt denn 
auch eine Rcchnung Fishws, dass im Gleichgewiciitstalle die Krustenteile sich 
in Guirlandenform anordnen miissten. Aber die Antiklinalra wUrden spitzen- 
formi;,fo (Tcljilde sein, flachgewellte konntou nicht cntstehen; au^^serdem sind 
die Kriimnmnf^sradien dieser Kurven der Kc<^lnuuig nach so klein , dass sich 
damit die Anordnung von Gobirgsketten nicht vereinbaren liisst; die Dinge 
liegen also in der Natur ganz anders und wir lassen die Annahme , dass 
Ma;^ma in die Antiklinalt n Rt( i.^rt. nm so lieher fallen, als uns Fisher spStw 
besserc Bewcise voni Ge>;entt'il bringt. 

Jctzt lautet somit die Voraussetzung , die Kinde ist nur teilweise bieg- 
sam , sie besitzt einen gewissen Grad von Festigkeit und sefit jeder Kom- 
pression einen bedeutenden Widerstand entgcgen und wir kommen nunmehr 
zu dem K&piuHf das den Schwerpunkt eines Teiies der Fisberschen Tbeorie 
hildet. 

Um hier die Yerh&Hnisse etwas genauer m studieren, betrachten wir mit 

Fisher zuniichst nur ein Stiick , eine SchoUc , der Erdrinde. Eine solcbe 
fcJcholle A B C T) fFif^nir 1) mit munchcrlei Ausbiegungen iiber und unter die 
Graden AB , DC miige durcb Kompr^siou aus ibrer urspriingllcben , un- 



^ Kedttaininit d«r Gebugtbildmig, IL Bd. 8. 107. 



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Omond Fidien Th«orie dw EnMieliimg dar UnebenlMitsn der IMnnde. 



46 



gertorten, normalon Lage A EFD in die obige Form A 11 CD, wo sich also 
Faltungen, Depressionen u. s. w. ^'ebildet haben . gebracht worden sein. Die 
Geraden A JB uud D C mogcu bezliglich das obere uud untcrc Normalniveau 
der SchoUe haasoD. Hat sie die nonnale Dioke BCsgsJtt die Bichte ^ vnd 
soli sie auf einer Flussigkeit von der Dichte a schwimmen, dann gilt, v iiti 
h' die Strecke beseichoe^, bis zu der von unten her gerechnet die Sdiolie 
eintaucht, 

ko^kCf aho h* = -^.k uDd h^k — k=^^^,k. 
^ ^ a a 

Dorch due ebenso einfache, aber etwas lUngere Beclmiing ergiebt sich daim, 
daea audi gilt 

wenn man (» = 2.fi8 = dm* Dichte dns Granites nnd (t=2,96= der Dichte 
des Basaltes setzt uod weuu das Zoicheu 2 eiue iSummation Uber die a, b, a, (t 
bedentet, deren Bedeutnng aus der Figur 1 ersichttich ist 

Nun ist aber auch, wenu die SclioUe urspriinglich die Llln^e AE = 
l{\ c) bntte, aber durcb Koinpr(;ssion auf die Lfiuige I reduziert wiirde> wo 
e den Kompressioiiskoeffizienten bezcichnet, 

d. h. also die P^rhabenhciten a, und die Vertiefungeu b, a sind abhangig 
von dem Betiag der Kompression, den die Scholle erleidet, mit andereu 
Worten abh&igig Tora 'Widci stand, den ae der kotnprimierenden Kraft ent^ 
gegensetzt, von ihrer Festigkeit, odcr kurz von der innern Reibung also. 
Inbegriffen ist boi dicser Rt ibung natiirlich , dass unsere Scholle an iliren 
Enden A D uud li C mit der ubrigen Rindo im Zusammeubang stt^ht. Die 
Eomel 

2(a)~^ (b) _ 
-(/?)-^{a) -"'^^ 

gilt also von jcdor Soliollo, gleicbgiltig . oh sie mit der benacbbarten Krustc 
im Zusammenhang steht oder nicht. Fiir den letzteren Fall war sie ja ur- 
spriiiiglich nur abgeleitet, aber bei Anuabrae des Zusammenhangs mit der 
Kmste — und so ist cs ja in der Wirklichkeit — werdea Bich die €h by fi, a 

dem entsprecliend gostalten. 

Nun treten wir dom Vorgang etwas niiber , wie er sich voUzieheu wird, 
wenn eine horizontale, komprimiercnde Kraft, gleicbgiltig wober stamraend, 
avf an oder besser in einem Krustenstiick wirkt, dessen normalc Dicke =k 
sei inid tIms sich iiher einer Fliissigkcit befindel. Divse Hnrizontalkraft hat 
ursprunghch iiieht das Bestrehen , Teilc nach oben oder unten zu schieben; 
das muss aber eiutreten, dean da die Kruste nicbt kompreasibel ist, sucben 
die Teilchen diesea eeitlichen Druck nach oben oder unten auszuweichen. die 
Horizontalkraft zerlegt sirh also gleichsam in zwei entgegengesct'/t wirkende 
VertikalkoniponfMiten. Die nach ohen wirkende hat zu iiherwinden daij (Ttcwicht 
und die Mulckuiurkriifte (iieibung) dor betriiiieiiden Teilchen, die nach unten 
wirkende dagegen die Molekularkrafte der betreifenden Teilchen und den 
Druck der unter der Sidinlle btitindlichen Fliissig!:i it ^a .-];t i !id das Gewicht 
der hetrefii'nfh'n Teilchen im sellien Sinne wirkt. Jvurzuni es werden von 
einem Puukt an — dieser PunKt \vird bei der iScholle zu einer Flacbe, der 
„xientralen Zone**, wie aie Fisher nennt — KrustenteOcben nach oben und 
nacb unten gedriickt. Und eine Recbnung Fishers ergiebt, dass diesc neutrale 
Zone immer so gelegen sein muss, dass die zu iiherwindende Reibung in den 
dariiber liegenden Teilchen gleich derjenigen in den darunter befindlicbcn ist 



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46 



Oimond Fithen Tliaone der Ibitatelimig' dor Unebtolteiieii der Bcdt&ide. 



Nimrat man die Reibung, die Molekularkrafte, als konstnut fiir die gauze Rinde 
an, so miisste die neutrale Zone in der Slitto von k li .'^ n. Diese Konstanz 
ist nuu nicht mbglicli, denn je uUher die Teilchcn dcm Substratum liegen, 
nm 80 warmer werden sie Bein iind da Warme die Bewegliohkeit erhSht, kann 
man die Reibung als Funktion der Tiefe anf5('hr'n. Fisher wiihlt nun eine 
solche Funktion, die aber die Eigenschaft besitzt, (l;iss ihr gemass die Reibung 
in der Tiefe k gleich ^uli sein miisste — also niciit gauz richtig — und tiudet 
nnter dieser Annahme die Tiefe der neutralen Zone unter der normalen Eruete 

zu Um aUo dor A\'irklicbkeit naiie zu konimeu . bei der entschiedeii die 
o 

Iteibuug weder koiistant sein, nocb in der Tieie gani; verscbwinden wird, setzen 

2 

wir mit ibm feat, die neutnUe Zone liege in eiaer Tiefe von -^k» Damit ist 

also gesagt, dass sich durch horizontal wirkende Kompression in einer auf 
einer fliiasigeii Sdiicht ruhonden oder scbwinimenden Scholle Auswulstungen 
nach oben und uach uuten biideu, dereu Volumina uber und uuter der neu- 
traJen Zone sich verhalten wie 2 : 3. 

Hier ist nun der Ort, um den Einwurf von Zoppritz zu widerlegen, den 
derselbc >) gegen diesen Teil der Fisherscben Theorie geltend macht und dem 

es zuziisclirciLen ist. dass let/tcre in Deutscliland so wi'iiIlj Bi'iichtung, ge- 
scbweige rechten Anklaug geiunden hat. Zuppritz sagt; „iSi;lbst wenn man 
uicht, wie der Verfasser, einon sprungweisen Uebergang voni festen Aggiegat- 
zttstand der Rinde in den flii-^sii^ch d( s Substratums, sondern einen allmahUch 
und stetig fortschreitenden lle))< r,^;iug in den ))l;istisclion und vielleiclit den 
rtiissigen Zustand und dalni cine mit der Tiefe langsam zunehmcndo Diohtig- 
kcit voraussetzt, wird laau uicht umhiu kiiunen zuzugeben, dass bei schrumpfen- 
der Kontraktion die Fl&chen gleicher Dichtigkeit and gleicben Aggregate 
ziistaudes in den Vtitikalsritnitten grriT]C!;ster Festigkcit Ausbiegungen nicht 
nur naoh oboti . sonilern anch nacb unten crloiden miissen. Doch werden 
diejenigt-Ji luich uuteu ausserordentlicb vicl geiiiiger ausfalleu als die nach oben, 
weil Ton unten dw Drack der inneren glchichten enfigegenwirkt, wfihrend von 
oben nur der Atmospharendruck wirkt.** 

Indirekt ist eine WiderleguTig dieser Ansicht scbon in Fishers voUig 
exakton Rechnungen enthalteu , denn diese beriicksichtigen den Druck der 
FlUssigkeit und dirckt geliugt sie durch eine elementare Betrachtung. Fiir 
den ersten Angenblick Bcheint ja der Zdppritzscbe Einwurf als durcbaus ge- 
recbtfertigt und er wiirde es auch sein, wenn dioser Vorgang der Auswulstung 
in einer horizontalen Ebene, nicht in einer vertikalen, statt liiitte ; daim wiirden 
allerdings nach der Seite hin, wo sich eiue Fliissigkeit betiudet, die Aus- 
wulstungcn geringer werden als nacb der andem. Aber in unserem Falle 
kommt ja die Scliwere noch in Betracht, das Gewicht der Kruste ; und dieses 
muss ieder/tit init dem Dnuk der Flfi««i!ikeit im Gleichgewicht stehen, d. h. 
der AVideiaLand der Fliissigkeit, der Uruck, den sie einer Auswulstung nacb 
unten entgegensetzt, ist gleicb dem Gewicht der Kraste und wird Ton dieeem 
also jederzeit gans in Anspruch genommen. Der Kraft, welcbe Teilcben von 
der neutralen Zone nach oben schieben will, wirkt entgegen das Gewicht Gi 
dieser Teilcben und deren Widerstand IF, , sic ist also ;== G, 4- IF, . Der 
nach unten wirkenden Kraft strebt entgegen der Druck der Fliissigkeit O 
und dor Widerstand Wi. Ersterer ist nacb den Gesetzen von Druck und 
Gegendruck gleich dem Gewicht der ?nn7.en Kruste, also =^ Gt -\- G^. In 
eiuem ihr gleichgerichteten Siooe wirkt aber noch G»t das Gewicht der nach 
unten 2U l«wegendc» Tdlcben; diese Eraft ist somit — G-\-Wi — Gt, d.h. 



') GeograpU. Jabrbucb IX. 10. 



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Osmund Fiahers Tlieori« dur £nt«tehuDg dor Unebealieiten der Erdrinde. 47 

sssi Gi ~{- G$ -\- Wt — Gi = Gi Wi\ fUr dne nentrale Zone ist GleidhgewiDht 
iwisekea beiden &&fteii, also 

B^x = TV, , 

d. h. wie vorhin, die ncutralc Zone mus3 so liegen, doss dio Mol( kularwidcr- 
stande nach obeu uud ducIi unten gleich siad uud duq reiheu sich liiemu die 
▼orhin gemachten SchlQase. Fisbora Bechniiiig iat oatfirlich aUein die exakte, 
diese Focmein Bollen ja aacb nur eioe aUgemeine Yorstelliing der Dinge ver- 
schafien. 

Somit ist denn kein Grund vorhanden, dio Theorie Fishers zu bezweifelii) 
dass den Ansvulstungen nach oben, den Gibbirgeo , solche und zwar grusaere 
nach unten, die Gebirgswurzeln, wie sic heissen sollen, entsprechen, zumal wir 
weiterhiu fiir rlin Exi^tenz diLsei Wurzeln nocb weiteref durch JBeobacbtungen 
erbracbte Bowcise iindeu werden. 

Am der Annahme, dass die nentrale Zone in Tiefe der Emate 

gelegen ist, berechnet oder scbiit/t vielm^ Fidier die Dicke deae Emale. 
Sorby hat gezeii,'t, dass sich Granit nur in Gcgenwart von flussigem Wasser 
bilden kanUi wenn auch zuweilcn die Krystallisatiou ihren Aufang schou bei 
Tcmperaturen nimmt, wo Wasaer nicht mehr fliissig existierw kano. Letsterea 
ist der Fall nur bis zur kritischen Temperatur, also wie Fisher angiebt, bis 
zu 773 ' F. ^ 4120 C. ; diese Temperatur wird in einor Tiefe von ungefahr 
12 kin zu hudeu sein. Der Qrauit, den wir heute au der Oberdaohe sehen, 

wird somit aus jenen Tiefen stammen, die nentrale Zone mnss ^o nnterhalb 

2 

dieser Stelle liegen, also ^ ^ 12, d. h. A ]> 30 km. Befiiedigt wiirde diese 

Schiltzung auch, wcnn man die neueren Angabcn zu Hilfo nimml , den Tem- 
peraturgradientcn zu » » pro Meter uud die kritische Temperatur zu 

580 0., dann wiire !^ /. > 14,6, also ^'> 36 km. 

Mallet bestimmt die Tenippratur sehinelzeudcr Schhicke zu 1700" C. l)f>i 
dieser Tempers tur. die in einer Tiete von etwa 48 km auftreten wurde, wiirde 
auch die silikathaltiyu Kruste schmclzen ; das besagt also, die Krustendicke 
wird kleiner als 48 km seiu. Ihid so mag denn als Mtttelwert der Dieke der 
Kniste iui uormalen Zustand der Wert 4f) km genoininon worden. Diesen 
AbstMTi 1 liuben also oberes uud uuteres Normalniveau , wabi'ond die nentrale 

Zone -r-. 40 also =16 km vom oberen NormalniTean entfemt ist 
5 

Kehren wir nun zu unserer Scholle zuriick. In ihr, dereii Xormalniveans 
die Geradeu PQ und F' (Fig. 2) darstellt ii nio^^^on, soil also Komprcssion 
gewirkt haben und es werden somit an einer schwachen Stelle WUlste nach 
oben and nach unteu entstchen, die iihierlich mannigfacli gefaltet, gestaucht 
sein werden. Gleichgiltig ist hierbei^ wie schon bemerkt, die Ursache, die 
jene horizontal wirkende Komponcnte er/eugt. Kam die wirkinde Kraft, wic 
in der Figur 2, etwa von Osten, so wird das entstandeue Gebirge G sich mit 
dem allmkhlich schwiicher wirkenden Druck nach dieser Seite hin abflachen; 
ob allerdings sich hierbei auch die Faltra dem Druck entgegen, also nach 
Osten neigen , wie Fisber im Gegensatz zu andern Ge(do2:en annimmt . mag 
dahin gestellt sein. Nun ist zu bedenken, dass unsere ISchoile schwimmtj sie 
muss also der Bediugungsgleicbung. die wir vorhin erwabuteu 

geniige leisten. Bliebe imn bei diesem Schwinimcn die neutrale Zone bori- 
aontal, so miisste sich G: W=^2:B Terhalten (Fig. 2), d. h. es wiire 

OMgnph. Jahrbaoh VIU. 33. 



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48 Ownond Fidien Theorie der Entitolraag der Unebealieiten der Eidxmdflk 

v(a')~ a ' 

wo 2{h') und - (a') gleich Kull sind, denn der Seitendruck wird kein Be- 
atreben zeigeii derartige Yertiefungen in die betreffenden Normabiireaas za 
bilden. Eb ware also aach 

5 • ' 
m&Bte flomit =-^9 Bi<^l>^ moglidi ist Die neutrale Zone wird 

somit, und mit ibr nattirlich die ganze Scholle doaiiiken and das Ganze ricb 

wie in Figur 3 darstellcn lasseii. Das-5 die at]fc:ewulsteten Teilo eiusinken 
miissen , ist nxivh jso oline Meitei'es klar: an dicsen Stollcn ist cben mehr 
Material als iu deu beuachljarten, uiciit ^csturten Kl Uiibeuteiien, folglicli grossere 
Schwere vorhanden. Die Krnste ist nach unserer Annahme toils fest, teils 
biegsani . sie wird also diescm Niedersacken otwa bei P und Q nacb;febcn. 
Natiirlich ist klar. dass dieses Eiusinken nicht erst ointritt , wcim die Ix'iden 
Piotubcranzcn feiiig siud , vielinebr werdeu beide Prozessu Hand lu Hand 
geben, so dass die Bildang des Gebirges und seiner Wurzel >on der Festig- 
keit, Widerstandskraft. wie wir da's vorbin scbon erwiihnten. der Kniste auch 
an den Stellon PP* und Q Q. niit ;*Tdi;lnpt. Boi diosera Einsinken werden sicb 
aber Vertielungen untcr das Nonuaimveau biideu, entsprecbend dem, was in 
der Formel S{h) genannt wird, wittireiid keinerlei Encbeinnngen wie S(a) 
aofoeten. 

T?<'fanden sicb zu bcideii Seiten des cntstandenen Gebirges Ozeane von 
normuiLr Tiefe, so werden diese den ^ih) entsprecbend vertieft werden und 
cwar derjenige an der steilen Seite des Gebirges am meisten ; es gilt aomit 

wo die a, b, fiber bezdglicb nnter den alteo Normalniyeaits gelten. Man 
kann also sagen, um sicb gatiz im Roben einc Vorstellung von dem yerb3.1tnis 

eines Gebirges zu seiner Wur^^f^l zu maehen, die Wurzeln sind neun mal so 
gross, wie die ibuen entsprecbenden Uebirge, wie sicb das analog den Formelo 
des hydrostatiscben Gleicbgewichtes S. 45 ergicbt, wo war: 

h' = -^k und fe=s ^~ ^ also /»:/i' = <r — p:osl:9. 

Bagt ein Gebirge, das dnrcb Seitendruck entstanden ist, 1000 m liber das 

Meer in die Luft, so taucbt seine Wunel 9 km in die fliissige Scbicbt. Hier- 
bei ist der O/.eun und dii' Vortiefungen unl>oriick<5icbfi^?t gclassen, aber darauf 
kommt ea bei eiuer derartigen scbematiscbcn Vorstellung audi nicbt an. ^ 
Der erwabnte Einsenkungsprozess wird scbliesslich ein Ende erreicben 
und es berrscbt Gleichgewicbt, das besagt also zugleicb, der Scbwerpunkt der 
Scbolle und dcrjcnigen des vcrdriingten Magmas liegen in einer vertikalea 
Geraden oder fallen direkt zusammen. 

Kuinnebr geben wir mit Fisber einen Scbritt weiter. Die Scbolle ist 
den Einfliissen des fliessenden Wassers ansgesetzt und da wir im Oaten die 

geringere Neigung und die grossere B'liicbe angenommen baben, so werden 
sicb auch bier die fjros^on Wasserliiufe entwickeln — vnraiisfjosetzt natiirlich. 
dass die allgemcincn ^iiedersclilagsverhaltuisse damit iuirnioiiieren — , Teile 
des Gebirges werden abgctragen, die Sedimetite lagern sicb an der OstkUste 
ab. Dadurcb wird der Scbwerpunkt der Scbolle ebenfalls nacb Ost^n etwa 
nach G' fFi:?nr 4) verlegt, or und der Scbwerpunkt M des verdraugten 
Magmas lailon nicbt mebr zusammen, es wird daraus eiue rotierende Be- 
wcgung entsteben; der Auftrieb in M wirkt nacb oben, das Qewicbt in 



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Ounoiid Fbhen Theorie d«r Btttrtflhang der irii«b«a1idft«i der Erdiiiide. 



49 



nach unten, d. h. also . -wenn die SchoUe eine gcwisse Festigkeit besitzt und 
dieser rotierendpn Kraft durch Bieguug nnr hk zu eineni bestimmten Betrage 
nacbgibbty sich daiin aber etwa wie eiu Rebel verhitlt. so wird der Osteu 
drnken, der W^ten aber steigen, die Pankte ^ rtlcken naoh JP", Qf*. Ver- 
starkt wird diese Bcwc^nng noch . wetin im Osteu ausserdem f^edinicnte zur 
AblflfTcrung gelangcn , die nicht aus dem Veilikalschiiitt stammen , don die 
Figui- darutellt. Deiikt man sich etwa, unsere i«'igur 4 verHinuliche eineu 
westdsiUchen Schsitt dordi Sfldamerika in der G^nd ▼on Buenos Aires. 
Dio Scdimente, die der La Plata hier absetzt, entetammen fast allc Gegenden, 
die unserem Schiiitt fern liegen, sie werden also wesentlich dazu beitragen, 
dasa sich die Kuste von Chile hebt, diejenige Argentiniens aber senkt. Dieseu 
Hebmigs- nnd Senknngserscheinungen giebt Fi^er anoh eine eioftdie ana- 
lytische FassuDg und aus ihr und auch aus obiger fietrachtuug ist ersichtlich, 
wie mit fortschreitonder Denudation dor Scliwerpunkt waiter nacb Osten riickt, 
das Gebirge im Westen trotz aller Erosion uur wenig an Huhe einbUss^ 
wSBrend im Osten Gelegenheit geboten wird, dass sidi Sedimente toii ge- 
waltiger Machtigkcit ablagern kSnnen. Hierbei ist noch auf einen andern 
Umstand anfmerksam r.n machen. Bei dieser Drehbewegung und bei diesem 
Wandem des Schwerpunktes nach Osten wird die ganze Scholle ein gewisses 
Bestreben liaben, adi ebenfaUs nach Osten bin m vttschieben, damit ist die 
Hdglichkeit g^ben^ dass im Westen an schwaeben Stellen Spalten , Risse 
enistehen, die, wio das spRtcr noch ausgefiihrt werden wird, sich mit Magma 
fiUlen ttod Veranlassung zu vulkanischen ErscheiQaugen gcben. Auch ist klar, 
dass die 0enudataon scbnellere Fortscbritte madit, wie die dnrch Rotation 
erzeugte, aufsteigmde Bewegung; so ist FlUssen die MJiglicbkeit gegeben sich 
tief in Gebiete, quer durch Kiimme . die sich ans diesem Grunde hebon, ein- 
zusagen. Von den abgelagerten Sedimenten kann iibrigens, wie sich aus einer 
Bedmung Fishers ergiebt, dnreb diese Sobankelbewegung nur der zebnte Teil 
Hber das Normalnivcau , sagen wir also, snrar nicht gan/ richtig aber an- 
nahernd , iiber den Meeresspiegel gehoben werden. Treten aber in diesen 
Gebieten wieder Kompressiooserscheinuogeu ein, so werden die Verhaltoisse 
wieder andere, die Denudation schlagt Tielleioht andere Ricbtungen ein, kurzum 
alle jene Ossillationen , die im Laufe der geologischen Z^tnume stat^diabt 
habcn — die sogenanntcn sakularen Hebtinf»en und Senkungen — . lassen sich 
so ungezwungen erkliiren. Auch auf audere Vorgiioge, fUr die man bis jetzt 
▼ntgebens nacb einer Erldfirang gesuebt bat, wird durch diese Theorie Fishers, 
die also in dem Satxe gipfelt, dass beschwerte Gebiete einsinken, entlastete 
sich hrlii^ii, ]Arht geworfen. Man denke nur an dio Strandlinien und Reste 
von Mecresticreu, die sich in Skandinavien 200 m liber dem heutigen Meere8> 
Spiegel Torfinden und daran, dass sich die Gebiete mit Koralienbanten senkm. 
Jraher berecfanety dass Air Skandinavien eine Eisdccke von 700 m Dicke nbtig 
gewesen wiire, ura es nm 200 m hinabzudriicken. Durch allraiihlichcs Ab- 
schmelzen dieser Decke, deren Macbtigkeit nichts Befremdendes hat (tinden 
sich doch in der Antarktis Eisberge, die derartige Dimensionen zeigen), wUrden 
also die Strandlinien zur eben genannten Hiilie gestiegen sein. Auf die Ver- 
iKiltiiisse imd Vorgangc, wie sie bei Koralleninseln auftreten. geht nun Fisher 
zwar nicht niihcr ein , erwiilmt sie vielmehr nur fliichtig, doch gewahrt auch 
hier der Satz, dass beschwerte Gebiete sinken, eine befriodigende Erkliirang, 
wenn man zumal bedenkt, dass — wie sich spater crgiebt — die Kruste untcr 
dem Ozean nahezu die Dichte des Magmas besitzt , dass also sehr geringe Be- 
^astungen geniigen. um ein iSinken zu bewirken. Als Belastungsniaterial wer- 
den auch vulkanische Produkte dieueu kiinneu; kurzuni diese Theorie verdient 
nacb dem heutigen Stande der Wissenschaft als diejenige, die die meisten Vor- 
giiuge erklilrt — und das Ist ja der Zweck jeglicber Hypothese — vor alien 
andem in den Vordergrund gestellt zu werden. 

Bis jetzt habeu wir unter den Auswulstungen nur die Gebirge mit ihreu 
Wuneln Twstanden, einleuchtend ist aber, dass auch die Kontinrate nichts 

4 




50 Ovmond ViAea Thcorie d«r InMebung der UnebenlMiten d«r Birdziiide. 

anderes sind als solche SchoUen. die mit ibien entsprechenden Wurtelii in die 
fliissige Schicht tauchen; sie sind j,'owissprma<?sen die Urschollen, an denen 
nun ueuc Veranderungeii} sowohl durch Kompression, als auch durch Storuiig 
des Gleichgewtcbtea im groasen und ganzen, wie auch in cuizeln«n G«t>ieten 
8tatt6nden. 

Fiir jcne Winv^'ln nun, mit deren Vorhandeiisein oder Niclitvorliandensein 
die Fishersche Tiieorie im wesentlichen stcht oder falit, tinden sich aber auch 
Beweise, wie schon engedentet, die der divdrten Beobtcbtmig entopringen, 
w&hrend die oben angefiihrten nar theor'etisch abgeleitet wurden. 

Gelegcntlich der trigonometrischen Vennessung Indicns war man darauf 
geiasst, infolge der Niibe des huclisten Gebirgcs der Erde, ziemliche Lot- 
ableDknngen beriicksichtigen zu miissen. Pratt unterzog sich der mtthevoUen 
Aufgabe, sie zu berechnen, aber als die Yermessung beradigt war, stellte ea 
sich heraus. dass der Pratt^^clic Wert ganz erheblieh m gross war. Diesen 
zwischen Eechnung und Messung bestehenden Widerspruch kliirte schou Airy 
ganz im Sinne der Fisherscben Theorie auf, ist doch nach Penck ^) Airy aneb 
der erste gewesen, der die Anticht vertrat, dass die Erdrinde nur wie eine 
Scholle uuf dem fliissigen Innern schwimmt. Airy sagt also: Fin (Ti^birge G 
(Figur 2), dem wir zuniichst keine Wurzcl zuerteilen wollen, wird euie gewisse 
Lotablenkung hervorbringen, das ware also der Fall, wie ihn sich Pratt denkt. 
Hat aber dieses Qebirge eine Wurzel, c ine Protuberanz aus leichterem Material 
als die lliissige Schicht, danu kaiin oft'cnbar die Lotaljleiikuiig jetzt , wo sich 
an der Stelie W (Figur 2) Massen von geringerer Dichte als vorher beiinden, 
nicht mehr so gross sein. Und umgekehrt, weil die thatsachlichen Lot- 
ablenkungen geringer sind als die berechneten, mussea die Qebirge W urzela 
haben. Dicse Betrachtungon Airys. die Fislier als Beweis seiner Theorie 
anzieht, sollcn nach ZJipjji it/. ^) von Phihpp Fischer widerlegt worden sein, 
aber neuerdiugs zeigt nun Helmert ^ , dass die Griiude , auf die Pli. Fischer 
seine Widerlegungen aufbaut, mit mtumem behaftet sind. Hehnerts sorg- 
fiiltige T'ntcr.siicliungen ergebcn folgendes : Ist F die Lotlange auf dem Fest- 
lande, M diejenige auf deiu Meer, so miisste theorelipcli sein F^- M, that- 
sUchlich ist aber F <^M und sorait spriclit Heliuert deii Satz aus: „Die 
Wirknng der Kontinentalmassen wird mehr odtt weniger kompensiert durch 
eine Vcrminderung der Dichtigkeit der Erdkruste unterhalb der Kontinent^- 
niassen, dergestalt. dass von einer gewissen Tiefe unterhalb des ileercsniveaus 
an bis zur ph)sit»chou iirdoberUache vertikale Prismeu von gleichem Quer- 
sohnitt annahernd gleicbe Massen entbalten, wo man die Frismmi tauk an- 
nehmen Tii'tL'; AVie leicht ist nun dieser Satz, dessen letzter -Teil audi 
schon von Airy ausgesjjroclien wurde, in Uebereinstimmung mit der Fisherscben 
Theoi'ie zu bringen. Die Verminderung der Dichtigkeit, die er annehmen zu 
mttssen glaubt, wird sie nicht dadurch ersefert, dass unter den Eontinenten 
und ihreu Gebirgen sich die ebenso leichten Wurzeln befinden, anstatt des 
dichteren Magmas? JJer Einwurf cndlich, den Penck <) gegen die Existenz der 
Wurzeln erhebt dadurch, dass er darauf aufmerksam macht, dass sich bei deu 
VermessnDgen auf denHawaiscben Insdn die Lotablenknngen als flbereiiMtfcinimend 
mit den berecbneten herausgcstcllt haben, ist leicht im Sinne Fishers zu 
widerlegnn. Dass die beobachteten Lotablenknngen mit den berecbneten 
tibereinstinimen, ist vollig richtig ^) und ebenso leicht erklarlich. Die Eawaischen 
Inseln sind Tulkaniscb nnd im oesondo^ bestand der Berg, an dem die 
Beobachtungen ausgefiihrt wurden, nur aus vulkaniscbcm Gestoia und vulka- 
nisclic Gebirge and Beige, die also stets durch AufBchiittnng, niobt duicb 

■) Penck: Theorieeti iibei das Qleicbgewidit d«r Erdknute^ 8. 18. 

«) Geograph. Jabrbuch IX. 10. 

^ Die mathem. a. physik. Theorieen der bdheren Geod&aie. S. 368. 
*) Peuck : Theurioen Qber das Oleichgewicht der Erdkroste. 8. 85* 
Am. Journ. of Sci«noe, aw. IH. toL XXXVL a. 315. 



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Onmoiid TnlMn TbMiie d«r IbiMtbuiig der UmlNiolMitMi dar Erdrind*. 51 

Seitendruck entstanden sincl , haben eben keinc Wiir/eln nnd k^nnpn nicht 
Storungen eintreten, wie etwa am Himalayai zwischen Becbnuug uud Messung. 

£inen weiteren Beweis sieht Fislier in den tm Ttinnel des St Ootthard 
beobaofateton T^peraturen. So wie bei dner Plfttte, die Tencbisden dick 

ist Ttr-:! an ihren beulen grossen Fliichon 7wei verscbiedenen , konstaiitcii 
Temperaturen ausgesetzt ist, die mittlere Zunabmo beziigbcb Abnahme der 
Temperatur nur von der an der betreffenden Stelle vorhandenen Dicke der 
Platte abhangt — je dicker die Platte an der betreffenden Stelle ist, desto 
geiinger ist der Zuwacbs — , so muss aucb boi eiiiem Gebirge. wie der Gott- 
nard es ist, das eine bedeutende Wurzel besitzen muss, der Temperatur- 
gradieut dem eutsprecbend sich iindern. Man wird erne grossere Strecke in 
die Tiefe steigen mtissen, als in der Ebene, um die Tomperatar nm 1(* steigen 
zu sehcu. Stapff findet den Gradienten zu 0.020r)'^ C. pro Meter, d. i. rinp 
Zunahmt) von 1'' C. fur je 48,5 m. Bas wiirde also eine Bestiitigung dafiir 
seiu, das8 der Gottbard eine iu das lieisse Magma taucliende Wurzel besitzt. 
Fiaher befasst sicb nun des Weiteren damit, die Aiisicbt Stapfiis zu widerlegen, 
dass bier die Bergkonturen die Haujitrolle sjnolcn, und nimmt schlirsslich eine 
sebr {^eschickte Berechnung der Krustendicke , wie sie an der Meereskfiste 
beziigbcli durch den Gottbard mit seiner Wurzul hindurcb vorbaudcn ist, und 
der nnter beiden Stdlen ini Magma herrachenden Temperatur ror, indem er 
den von Stapff grgebeiieii Wert bciiiitzt. Er fiiulct in ziemlicber Ueberein- 
stimmnng mit Friiherem die Krustendicke rin dor Meereskiiste zu 41.7 km, 
am Gottbard zu 71,36 km, die betreffende Temperatur zu rund 1300" C. ; 
frolieb nimmt er die Temperatur 1« 0. pro 38 m, der Ton ihm aonst benutate 
Wert C. pro 27,9 m liefert zu kleine Resultate. Aber Fisbcr sagt selbst, 
das alles sollen nur mebr Schatzungen sein, die auf Gcnauigkeit kcinen Aa- 
sprucb macheu woUen. Kimmt man tibrigens fUr den Gottbard den von 
Everett berecbneten Gradienten Vm** ^* Meter, der von Prestwicb>) 
fiir richlig befunden wird, und den von letzterem gegtbencn mittleren, also flir 
die Meereskiiste geltenden ' 'js " C, und setzt sie in dio Formeln Fisbers ein, 
ao erhalt man auch uocb anuebmbare Hesultate, niimlicb als Krustendicke 
37 km und als Temperatur rund 1800" 0. 

Aus einer der Fischerschen Formeln ergiebt sicb nun aucb , dass dio 
Dichte der Kru^tc unter den Ozeancn grosser sein muss , als di< i"Ti!\,'f der 
Kontinente. Das wurde scbou von Pratt und Faye bebauptet und wxnl jetzt 
▼on Helmert voUauf best&tigt 



•) Goograpli. Jahrbuch X. 8. 

■) Proc. ot Kovfil Soc. vol. XXXVIII. .S. 166. 

*) Hieran aich anschlioBaond roag l inf weitere Berechming der Dicko der Erdrinde 
mitgoteilt werJen, die besonders einfach und elegant und auf die Fishor stol?. ist, wo'J er 
zu einein Hesultate golangt, ohne den Tempcruturgradienten , wie das bis jct/t iimm-r pe- 
scheben if.t, zu Hilie nebnien zu inQssen. Da? Prinzip der Rechnun<; i-t, ihiss Kliichcn 
ffleioher Dichte gleicho Drucke (^rlfidon. Eine solche Niveaufl&cbo im Inuern, wo die 
uUsbts <r hemchen mOge, Btehe an olurui Ort<3 ontMliHlb der MeeroskQHto um x, outer dem 
Ozean v.rA x' von der Krust*,^ ab. Hut die Krnstc an mtfr Stelb' 'lie Dicko r nnd die 
Pichto .ui zweiter Stelle die Ditke A: unil die Diflito (>' uiid ist die 'I'iel'e des OiOims 
daselbst tT, coine Diehtfi ==> 1 , so werden — die Scbwore uls koiistaiit iini^sehen — die 
Drucke an den beiden titellen der Niveauliacbe be%uglicb aein -\- xc und J -f- + •C 
beide sollen gleicb eein. Nimmt man ausserdem an, wogegen nicbts spricbtt daM dieee 
ontere NivMoflidie der Niveaaflfiicbe dea Meere.s^^pie^'i<U parulel ut, lo gilt: 

and alto c^ + *(«f 4-* + ^ — c) — ^+lfcf' + »'<i 

somit + — 9t^6-\-'h^ 

and hieraus folgt e. <= - — ? . <f ^ . 

e — Q ' a — f 

^' kann nicht —q sein, day howeiaeu die TyitiiLlenkunpen , an^^'^r^rd'-'i'i wfirdf^ k beiiialu) 
negatiT, wenn man fur c don Wert 40 km set^t a — wird uun auuahurnd gleicb iN'uii, 

4* 



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52 



Osmond Fisboi-s Tbcoric <ler Enbitebuog der Uneboobeiten der Erdrinde. 



iliiss der £weito Teim recbts beinabe verschwiodet Fiober eetzt nun ff=3 2,96; ^b>2,68; 
if =9 3.5 milds = 5,6 km und neiuit letxtet^s miitlere Moerestiefe. AJa >okhe wOide nfteni- 
«cbiea«n zu gross eein (KrOnuBel : Der 0«ean, 8. 7B) , aber di« Zahl 5,6 km iit an«A wieder 

annoliinbfir, wi-nn man bndenkt, daes (>' nnr un ticlVren ^^'r■l• dem a, also der zweite Afts- 
drudc sich der Null niihert — (iber k wiaseu wir ja vorliiutig nicbts — ; fflr d = 3)8 km 
wira ^ gross!*-]' sein und dor zweite Term giebt ei|M potitivc (irSwe imd SO ttUUt mtt^ 
dwf 7 ■ 5,6 km + kl^er poutiTfln GrSase, also errand 40 km. 

Ueber den Wert tod k kOimen wir nnr Annahmen nmcben, jedenfUls i«t er Idetner 
tils c, da an der Stelle, wo c gilt, schon Koniinf-i-ioii ^'cwiikt babcn kann und so sotzt denn 
Fisber ganz willkiirlicb ^' » 32 km. Daim luiiiiiiLti die Dicbte daselbbt 2,^5 ako nabezn 
diejeuige des Magmas Bein, die wir zu 2.96 ansetzten ; docb da? hat geringe Bedootuog, das 
einsi^ Wichtige ist, daes die Kmste nnter dem Ozeau dichter ist al* outer und an den 
Kontmenten. ^ 

Auf die Betrachtuiipswt ist^ Fi^Lera bezieht sich Penck in dem Brhon zitipi-ton Vortrag 
iiber dan Gleicbgewicbt der Kidkni.stt' und 8t«llt, wenn hi die IlObe dos Festlandes fiber 
dem MeereabodoD, <2, die Dicbte dieses Teiles der Kniste} hf die Dicke dor Krosto unter 
dem Oseao. die Didite daselbet, ht die Tiefe dee OzeaiM nnd tk wine Dicbto beMiehnett 
folgende Gleidiung auf 

rf, + /4 «i, = A, rfj + /i, rf,. 

Dipsi>ll)(' ist aVu-r j^nr und gar nicht im Sinne Fish*^rs, dvnn di<» uutere Begrenznng der 
iviubto oinfiK li ;i!s Niveauflacbe anzuseben, die parallel dem Mocresspiegel verlSuft, ist pan/, 
unstattliiitt. Die Kontinente besitzen Wnrzcln, die mit zu berfickaiclitigeii sind and dir 
Niveaufliiche, auf die sirb dicse Gleicbgewicbtsbedingungen bezieben, liegt im Ma^ia selbst^ 
)>twa wic frOber von der Kruste onter dem Omah im Abstend x', von der Wnrxel des Fest- 
landex im AbstAnd r. Violaielir mfisstc, weuo man eine diesbecO^Jidie Qleicbnng ai^MeUen 
wolll^^, dienc iuuten 

nnd +c — A, + + ft, + +x'. 

wo c die Dicke dev normalen Kruste nnd // dip Tiefp der Wurzel unter drm i;nt(:rn Nnrmal- 
nivean bedeutet. iiie andern (Jrftsueu siiui aus Friihercni vprstandlich. i>ann ifct die Sache 
gar nicht no einfacb, well wir lilier die I'yjko der Kruste unter de.ii ( izcanen nicht'' vis.-ien. 
Fisher stellt ebeo ,der £infacbboit balber seine Reohnuog auf fibr Tunkte dee Meeroe and 
olche an der XQste, wie oben aosgeftUut. (Sehlnse folgt) 



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Litteraturblatt 

ZQitschrift fur wissenscliaftliche Qeographie. 

9<L Vni» 1891, Nr. t 



C, Prof. a. d. teclm. Hocbscbule in 
Rrnimsi liwf'irr, Die Photosrraitimetrie Oder 
Bildnu-sskuuHt. Mit 7 Tafeln. Weimar 
1889. Vvrlag der DeutBcheo Photogiaphen- 
Zeitung. XII u. 183 S. 8. 
Wenn man von eiaem Bauwerk oder 
cinor I nTid-rhait zwci f^onan*? pcrspoktivisolie 
Ziit'hju.uj^L'n hut, wtlcho von zwei ihrer Lagt; 
n.uh genaii b^kannten Standpunkten aus 
aufgeuommen worden sind, so kann moo 
daraus Onnid* und Aofrui det Geb&udes, 
den Plan und die HQhenverh&ltniBse der 
Gegend ableiten niich Uogeln, welche im 
wMentliclion schon Lambert in i-ciner .freien 
fiuipektive' (1759) ao«egebon haL So bat 
•dum Bea'utempa-Beanprd am Hand- 
zoTchnnngerx , wcli-yie aaf d'Entrocasteaux' 
Weltreiso (1791— 93) tatworfen worden, eine 
Karte eines Teils von Yandiomensland und 
d«r insel ,£<uita Cnu hargeatoUfc} ilure mgeor 
tllittlieben VonOge konnie mb«r di« MetiMde 
erst entwickein, seitdem auf Regnault^s Eat 
Lauflsedat in Frankreich in den fiiufziger 
Jahren die Photographie zur Herstellong der 
panpektiTiachen Bilder benutst hat la 
DeutMshlaaid bai m«nt in d«r Mitte der 
sech7iger Jahre der jetzige preusaisohe Tie- 

Sierunga* und Baurat Meydenbauer auf 
ie Vorteile dieses Verfahrens aufmerksata 
gemacht, ond adtdem er im Sommor 1867 
«i]ie AufiialiiM d«s Ton der nntnit dwrch- 
flosyenon Thalkesflflls?. in wflchem das St&di- 
cheu Freiburg liegt, auagcfiibrt uml auf Grund 
denelbea eincn Plan der Gegend mit Nivoau- 
kurrm, Miwie acchitektoniache Zeicbuungen 
der 8teid1ik!refa« hergoafcellt, ist ea ihni ge- 
Inngpn . das Vorfahron, dem er den Namen 
PhotogTatnmetrie beileg^ , b««onder8 fOr 
architiktoniscbe Zweoke melir und mcbr in 
Aii£DAhme ma bringoi. Yor eivboa Jatmo 
&fc aneb fn BerHa dnreh den KDMmaniiBlster 
V. GosBler ein eigenes Inatitut zur j li to- 
pammetrischea Aufnobme vaterliindischer 
Baadenkm&ler gegrOndet und unter Mejden- 
baaen Leitung gest^ wordeik Eine reicb- 
baltige Sanmuang von Arbeiten dieaes In- 
f»t!tutt^ war im Sommer 1880 im Baycri- 
•cben Gewetbemuaeom in NOmberg aus- 
geafceUt 



AVicr die Pliotogranimctrie, oder, wio 
man jetzt Qfter sa^ Bildraesskunat bat nicbt 
nur fiir den Ardbitekien, sondem aucb 
don Gaodiitpn prosson Wert, wiu sclion ihre 
Entwickelung in Kniiikreich bozeugt. Von 
neueren Anweiulungen an; li' > m Gebieto 
ist insbesondere dio mit HiJLfe des Photo- 
graphon Remel^ auf der Roblfs'ncben Ex- 
pedition in die Libyscho Wiitito im Winter 
lb73 — 74 von Frol'. Jorduu ausgettihrto 
Aufnahme des westliclicn Tfiles dt-r Oase 
Dacbel und der StadtGaaor-Dadiel m nenneUf 
fiber welche nan Nftheret im 5. Bande der 
Zeitscbrifl fQr Verniossongsweaen findet. 

Aucb der VerfasHer dm vorliegenden 
Bucbea legt der BildmeHskunst eiue 8<.*br 
groaae Bedentoog fUr das Yermesaangsweeen 
im engeren Sume b^. Er bezieht die* aber 
nicbt auf dir> Aufnahnien in der Ebene und 
im HQgellande , wo die Qblicben Methoden 
bequemer mm Ziolc fQbren; wobl aber siebt 
er angeaicbtH dor Schwierigkeiten, welobe 
aicb im Hocbgt birge einer genaueren Terrain^ 
aufnalinio eutgegenatellen, in dor Photo- 
graiumetrie ein unscb&tzbarea Hilfsmiltel, die 
Topograpbie der Hocbgebirge nacb irirk- 
licben Ueaaia«n, atatt naoh Uaadseicb* 
nnngoB tmd Slnsien mebr oder minder ge* 
iibter Beobachter zu gestalton. Aucb faoSt 
er dnrch die in dem Bucbe g&g^b«ne aus- 
fUhrliche Beschreibung dea Roastrappenfelsena 
im Hane mit binltaglicher Anschanlicbkeii 
gezeigi 10 baben, daaa topograpbiadie Anf- 
nahmen, Torarbcit(>n fiir techniscbe Projektft 
u. a. w. im Uocbgebirge mit Uilfe der 
Pbotogrammetrie in uaer ToOatMadigkeit 
aoMeAbxt wexden ktaaen* wia aie keme 
aiidere Vecmeaaongaraetbode sn Hefen im 
stande ist. Nur, Higt er hinzu, fehlt noch 
ein entaprecbend autgebildetesFerHonaL Aucb 
fttr meteorologischf Zwecke , zu Unter- 
eacbongea ttber UObe und Bewegmig der 
WoQcen. OeitaK and Wog elektriaeber Ent- 
ladungen u. dergl. mebr, niUt dor Vorfasser 
die Pbotogrammetrie fibr »ehr verwendbar, 
und in der Tbat sind aucb in neueater 
mchrfMih Terrocbe in dieeer Bipbtong aii> 
geatellt worden. 

Waa nun don Inhall dea vorliegenden 
Bucbes aolaDgt, so bebandelt der Verfaaaer 
snidkJiat den reiii geometeiMben Teil — 



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2 



Aafsabe, die photogrammetruchen Kon- 
fltniKtioneQ; er empfiehlt aber Bchliea«lich, 
Mu pmkt^Mlien Orttnden im Intereaae der 
GoDaniglnit der Rcchmmg einein mOcdicbgt 

grosson Spiclravim zn gew^ren , zii uiesem 
Zwocke die gegenseitige Loge der Bildpankto 
in dMi Glasnegativen (nicht auf den vielfach 
TCfienCen Koineai auf F^piar) dnrch Koordi* 
nateii to b«raiiii»«B md dieae der Bereoli* 
nuog zu Gruiule 7,u l^gen. Writer IjC-spricht 
er aann die zu photogrammeirischeD Auf> 
nabuicD zu verwenden&n ObjektiTe (Weit- 
irinkel-Objektive), um htenmf den too ibm 
erfvndeiien Apparat, den Pbotol^eotloKt, m 
bejicLreiben. Es isi iMch in tier TTaujif'-ai In? 
ein gewOhulicher Tbeodolit niit exzeiitmcbem 
Fenurobr, welcher zu alien WinkclniesBungeu 
Idr MtitDiioiiuscbe und geodfttiecbe Zweoke 
▼enrendet werden kann und 'der eiob Ton der 
gf^brriuclilichon Form nnr dadvircb unter- 
Bcheidet, dm» die Fernroiiracbt^e in der Miiie 
erweitert und koniscb ausgcdreht ist, um die 
photographische Camera mit ibrem Konus 
ftnfiiebmen zu kdnnen. Der Verpackkaston 
des Instrumeutos dient zufjlt-ich zum Wecbseln 
der PlattoQ. Ausserdem bescbreibt der Yer- 
fiumr Buch den phetogTuninelriseben Apparat 
Ton Heydenbauer, welcher Rich fiir Arcbi- 
tekturaufnahmen sehr gut bew&brt bat, sowie 
einen anderen. von Vogel und Dorprt'iis 
angegebcnen. Sodann wird die Priilung und 
Berichtignng des I'liototheodoliten, sowie die 
Beatimmung der Bildweite bebandelt und der 
Einfluas der verRcbiedenen Fehlerquellen be- 
sprochen. Den Schluss bildet die schon er- 
w&hnte Beschreibung der Aufnahnie dea 
Rosstmpponfelsens. Ala Standpunktc dienten 
dabei Hexentanzjilatz . Tenli l.-.'kanzol und 
Lavierea H6he; um diosc droi StandpunVtc 
land dio Ko;?8tra))j)0 Hi'Uist po<T*'n i>it)and>'r 
featsulegeni wurdo auf dem UexeutauKplntz 
eine IIO m lange Standlinie geme&ien und 
mit den gonanrit<>n PunVtrn (lurch oin Drei- 
ecksnctz vcrbundon, dfsson Hurizoiital- imd 
VertikaJR^inkel bis auf Z('lint< l-Mimiti'n tr*'- 
mosi^en wurden. Von den erhaltenen photo- 
graph iscben AnfluduBen giebi Taftl lY 
Kopien. 

Das KoppcVche Wtjrk kann alg ein sehr 
brauchbarea Lehrbuch der rhotograiunvtrie 
bestena empfuhlen werden und wird hoffeot- 
lich dara beitragen, der BUdmeednmit anch 
im Kroise der Geod&ieB weitere Yerbreitiiiig 
cu veracliaffen. 

Qrfetichel. 



HARTUS, Ptafl H. a R, Dir. dee Sopbien> 

Ilra!frvT!in. in norlin. Astronnmlsche Geo- 
grupbip. Ein Lehrbuch uugewdudter 
Mathemutik. Mit 100 Figuren im Text. 
Zweite Anfl. mit Tielen Ziu&tsen. Leipaog 
1888. C. A. Koefas Veila«bacbb. Xvlii. 
88S S. 8. 

Uiiter den zahlreicben Lehrbiichcrn der 
mathematiachen odor aatronomischeu Geo- 
gpmiMt welohe die deateche Litteratnr be- 
titn, iat dae Torliegende obne Zweifel eutee 
dpr gediegenaten und griln lliclistcn. Ss iat 
nicht popol&r im gewOhnlicbon Sinne dea 



Wort4?8. Der Verfatjtiwr ist kein Freund dea 
vielfach Qblichen blossen Mitteilene der Re- 
soltate der ForBcbuog, Tielmebr hUi er 
daranf , daas eeuie Leaer mit dem Wege be- 

kiuint werden, auf welchem dieae Reaultate 
erlangt wordou sind. Ein richtigea Ver- 
atHndnis h&lt er nur dann fUr mOglicb, wcnn 
der Leaer sich ent mift der Metbode der 
Beobaobtnng und daun mit der matbemafti- 
achen Behandlung dorFrago bekannt macbt, 
eodann aber das Gp^ucbte selbst ausrechnet 
Demgem!Ls8 macbt (m auch den Lcaor be- 
kannt mit den wicbtigaten Meaiinatnimenten, 
I ala Vernier, Spiegebextant, Tbeodofit, Cbrono* 
fs'niph, Pa^isines.-apparat u. 9. w., uud ihrer 
llaudhabuug, wobei er namcntlich bei Be- 
schreibung der geod&tiacben Heaanngen eiem- 
licb in £in«elheiten eingoht Dabei eind aber 
die Anfordemngen, wolche er an die matte* 
mat ischi'ii K«'niitiu.Mpp seiner Leser sicllt, <fhr 
boscheideue : i r ^etzt tiigentlich nur Bekannt- 
schaft mit der clionen Trigonomebrie und ' 
Fertigkeit im Rechnen mit Logarithmen top- 
aus; allerdings wird auch vielfach in dem 
Buche Gcbrauch gemacht von don H;Hapt- 
ailtzen der apburiachen Trigonometrie, dieae 
aber werden in der zweiten Anflage unmittel- 
bar hinter dem InbaltaTenteicbttnee in sehr 
faaalicher Weise entwickelt. 

Was nun den Gang der Darstellnng an- 
langt, BO ist der erste Abachnitt dem Stem- 
bimmel gcwidmet. Der Loser wird b<>kannt 
gemacht mit den viicbtigaten Stembildem, 
mit den verscbiedenen Arten, den Ort eines 
St*'rno> auf der Bchi'iiiliaron Himmolakugcl zu 
bestimnien, e^ werden die Mesaungen, welobe 
zu diesen Bestimniungen erforderlich aind, 
bt srhrifhen, nachdem vorher die dazu dienen- 
dtii InHtnimonte vorgofSbrt worden siud uud 
(Jiis Wichtigste Ober dii' aslronomischeStrab- 
lenbrecbung mitgeteilt wordcn iat, endlicb 
wird die gcheinbare Bewegung der Sonne am 
Fixstemhitinnel imd die Zcitbostimmung nr- 
Ortertu Austlihrlicher nocU ist im zwuit^ti 
Abschnitt dii' IJcliandlung der f]rdf!. Die- 
aelbe iat eine vierfache : Zuerst wird die Erde 
ah Eagel betrachtet, dann wird ibre CSrOeae 
bestinimt, biorauf die Umdrfhunp um ihre 
Achse, sowie ihr Umlauf um die Sonne nach 
den Keplerachen Gcsctzen besprochon und 
endlicb wird die spbaroidiHcbe Geatalt der 
Erde erOrtert, ea Harden die Methodea aii- 
gcgeben zur Borechnuntj der Ilalliacbsen aus 
Breiten- und LangengraJmessun^'cn. und anch 
die Veranderunjjen der Schwerkraft auf der 
£rdef aowie die Lotabweicbungen werden 
aehlieadtcb in den Kreit der Mtndiinsig 
gezogen. 

Die Darstellung iijt durchweg prasiff, 
dabei aber klur und deutlich. UnterstCitzt 
wird daa Verat&ndnia dorch sablreicbe Figiuren. 
welcbe mit groaaer Sorgfidt geeeicbnet and 

nach den Zcichnunfffu ibs Vfrfassers durch 
Photogruphie auf die llokstucko iibcriragen 
aind. Eincn bosonderen Vorzug dea Buchea 
bildeu die zahlreicben, instrDuktiTen Rech- 
nungsbciapiele. 

QreteeheL 



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Anzeigen. 



Im Yerlago dcs Oeographlschen lofttttllft EH If irfnuur amd mehienen 
and dutch jede BachhandliiDg su bezieheii : 

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stab 1 : 8000000. 

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herausgegebcn von J. I. Kettler. 

Preis jeder Mummer 50 Pf. 

Nr. 1. IHe P*I«n In Dcntacfafauid. Earte der Yerbreitung der pot 
nischen Spraclie und der polnisdieii Reichstaggwahlfln 1887 , soirie 
des alten pulQischeu Reiches. 

„ 2. Karte der Belehstasswahleu 1871, 1878, 1881 und 1887. 

„ 8. Kavto d«r KeteliatoKswalilen 1887 nnd 1890. 

„ 4. PolitiNch-Etlinoi^rapIiii^ohe l>ber«Ichilluvl« TOn llnl* 
g^arlen und den Xachbarlandeni. 

„ 6. Veberalchtakarte von Deutfteh-ATrlka. 

„ 6. Vclienlehtibaite von Aegypten. 



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4 



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Im Yerlage des C(«ll«M]»Uicbai lutttatB n Wdanr enchieii soeben: 



Kettlers 

SGkHl-Miute m. Deatscli-Osta&ta, 

in 1:2000000. 



Pp0is unauffgezogen 3 M. 



VoUstSsdigeB Yeneiohntt Bemer Sdutlwandkuten tat alten und neven 
Geographie reisendet du Geographisehe institot gratis nnd firanko. 



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lUnUi'^ Ztil^dtrift Bawd a 




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Gletscherphlbiomene im sUdUcheo Chile. 

. Von Dr. FfftsK Fonck. 
Nfteh dessen SipMiitobdr Buidiclinft im Annng miigetailt TtMi Dr. L. Darapsky. 

Die Kenntnis der AodeDgletscUer in Chile ist niclit alt. Lange Zeit 
hmdiirch glaulite man, da«s sie nur im Snsaentoh Sttden vorkSmen. Hamboldt 

war ihnen auf seinen Reiscn in den tropischen Anden nicht begegnet , darum 
blicb die Gletscherwelt dor svttUichcn Anden iinbeachtet. Im Jahre 1862 
macbte unser gelebrter Landnmaun R. A. Pbilippi zum erstcnraal einen 
Gletscher am Absturz des Vulkans Ton- Chilian ^) namhaft. Spilter trafen 
Gussfeld und Plagemann auch noch weiter nacb Norden Oletacher his m 
20 km Liinge im Stromgebiet des Cacbapoal. 

Im sUdlichen Teile des Landes erreicbea die Gletscber weit grossere 
Entwickelimg, so dass sie alteren wie neu^fen Reisenden nicht verboi^en bleiben 
konnten. Menendez beobacbtete und bcscbrieb sie in seiner originaleu Weiao 
einfach als Derrumbcs (Abstiirze), obne sich iiber ihre Natur Ilecbenschaft zu 
geben. Naclist ibm stcUtc icb ibr Yorkommen in meiner Expedition nach 
Nahnelhnapi 1856 >) feet. 

Die grossen Gletacher im Suden waren hernits za einer Zeit bekannt, 
als die Theorie ibrer Bildun;^ kanra scbon zum wis<5enscb;iftlicben Problem 
erhoben war. Und zwar gebiibrt dem spaniscben Seefabrer Antonio de Yea 
der Rnhm. ihren Tlrsprung scharfsinnig znm erstemnal ins Auge gefaaat 
zu baben. Wir ^vol•clcn spiiterbin auf seine Bcobacbtungen zufUckkommen.. 
Bercits im Jabrc 1075 bezeicbnet er den San Rafaelglctscber klar ah solclion. 
Derselbe erscbciut jcnseits der Euge de los Mogotes in der Ele£autcubai , auf 
dem 46. Grad sttducher Breite, in der fintfernung von 75 km alt etn ricsigpr 
weisser Streifen , gleich einer Wolkenschicht, die mbew^lich anf dem Heere 
mbend den Horizoiit abscbliesst. 

De Yea scbeiut, trotzdem sein JSamc heute so gut wie unbekannt 
iaty der eiste gewesen zn sein, der die Gletschw nnserer Kuste richtig anf* 
fasste und im Yerstiindnis derselben seinen Nachfolgem, besonders den Misaio- 
nftren. writ voraneilte. 

Darwin, welcbcr in seiner Jugend an der Forsclierreise des Beagle unter 
Fitzroy teilnabm, lerntc sowohl an der Westktiste als in der Magellanstrasse 
nnd auf Pen«rUuid zablreiche und stattlichu Glt tsclier keinien. Bekanntlicb 
zog er aiis ihrcm Yoikommrn unter verbiiltnismiissig gerinf^cr Brcite aucb 
bocbst wicbtige Schliisse , die ein ganz unerwartetes Licbt auf die geologiscbe 
Epocbe des sogenannten Gliicialscbutts in der iibrigen Welt warfen. 

Die spateren Untersucbungen des cbileniscben SeeoiHziers Cnrique Simpson 
haben mancben nonen Punkt binzugefUgt. Gleicbwold miissen wir bekenncn, 
dass das Studiuiii der Gletscber an dicser KUste kauni erst bcgonncii hat. 
Yertiucben wir es einstweilcn, ibre merkwiirdigsten Ersclteinungen , soweit be- 
kannt, ttbersiehtlicb zuaammenznfassen. 



') A nates do la UuiverKidod 1862 t. I. p. 305. Dea Artikel deaielben VerDuseni 
.Die Glotscher der Anden* in FetemuuiiM Qeogmphiwiben MitteOnagea 1867 p. 347 kum 
ieh. nicht Tergleichen. 

«) ib. 1857. 

5 



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54 GleUcberphiaomeiie im ifldlichen Cbile. 

Orien tie rung: 

Die Gletscbcr Chiles uehmeu vou j^ord uacb Slid aa Zabl und Aus- 
debnuDg zu. Von b^v&chtKcher Hohe stdgen sie inoerhalb eines rerhaltnia- 
miissig beschriinkten Flacbenraumcs bis asam Mceresniveau herab, wie diet 
nachstebende Tabelle veraoschaulicht : 



Untere Grenze der Gletscber in Chile. 



Lage 


Sudlicho 
Breite 


H<>he 
in Metern 


- 

Beobachter 


Cauijuencs 

Cerro Tionador .... 

Geno Amanategtti . . . 
Lago San Rafael . . . 


340 25' 

410 

42 0 

46« 30' 


2500 
650 
1000 

10000 
0 


A. Plagemann*). 

Fonck 3). 

E. Vivar Sierra*), 
id. 

Darwin^ Fonck, StmpaonO. 



Wie man sofoit erkeuut, i>iiul die^c Angabcn zu uugleicbwertig, urn obne 
wetteres darauf fussen zn kSnnen. Zumal die Werte, welche der hoohbegubte 
frtifavaratorbene Vivar anfiihrt, sind zu hocb ; offcnbar weil sic sich auf cinzela 
stehcnde und niclit oben hobo Berge be/ieben, auf denen Scbnee und Eis 
nicbt zur uugesUirteu Eiitwickeiung gelaugeu. 

DessenuDgeacbtet ist die voratebende Tabelle geeignct, zwei Tbatsachen 
in das gebiihrende Licbt zu setzen. 

Einmnl n)uss es erstaunen, zu sebcn, d-.x^^ die Grenjio auf die kurze Eiit- 
fernuug von uur 12 Breitegraden liiu vou bedeutunder Hohe bis zum Aleeres* 
Jiireau herabsinkt. Dieser Wecheel wird dorch die Vergleichang des Klimas 
an den beiden Endpuuktea rerstandlich. Im Norden ein kontincntales, sub- 
tropischns. vcrlniltnisiniissig wiirmps ini^l tiockcnes Klima, ini Siidon oin halb- 
gemiissigtes Uberaus reguerijiches inseiklima, wie es die Bilduug von Gletscbern 
besonders begUnstigt Der schroffe Wcchsel wird dadurch erklarlich. 

Andererseits scbeint es, dass auf der ganzen Erde k^in zweites Beispiel 
eines Glet>rli-'!s tlailicc^^t. der wie der ri<>s-ctih;if(o Ei^strom von San Rafael in 
einer so nicdrigon Breite wie 46 0 'M' zum Meeresuiveau lierabsteigt. Vou 
da an bis zum 55. Breitegrad , unter welchem die letsien Scbiwegipfel der 
Andcn sicb linden, bedecken die Gletscher du ausgedebntee Areal nnd bedingen 
geradezu den Clmrakter dor Lanil>.i Ii ift. 

Wir beklagcn, liier auf die zum grosstcn Teil nur unvollstiiudig erl'orscbteo 
Wunder der siidlicbeu Glotscher nicbt naher einireten zu konneu. Dieselben 
lasscn sicb wedcr nnter den Typus der alj)int'ii nocb unter den der arktiscbeu 
GlctM la r i iDreiben . sondern bibb 11 \ icbnelir eine bcsondere Kl:i<s'^ zwischen 
beiden, gekcnnzeicbnot durcb ibr Auttreten in cineni vom Meer inselartig zer- 
scbnittenen H()e]igel)irge unter niedrigen Breiten, Vielleieht lasaeu sicb ihuen 
die Gletscber der ])ostpUozanen Period(; onrciben. 

Bescbriinken wir uns zuniiclist auf ilas Gebiet im Nordrn. 

Mcnendez besuclitc den (ilU'tsclior des Kiu Blanco, am Abban.^e des 
Tronador. Aus seiner Besclireibung ist uicbts Besouderes zu entnebmeu. 
Cox*) ersti^ den Gletscber des Rio Penlla an der Nordseite deaselben Berges 



') Der vorJifnte G»>0f2;rai)h Carl Martin. wpIlIut tliesen Berp erstieg, fantl, dass der 
Gletscber weit (Iber die (Irenzo des ewiu'oii SclHn!i>.>, wolclie Or dort luif 1100 m scb&tzte, 
binabragto. (Der Ixnvoluile Tiil \()n Cliili' ftc, iu I'otoimunns Mittoil. 1»80, p. 170.) 

*) Das andiue Stromgcbkt den Cacbapoal (L'etermanDS MitteiL 1887). 

*) Chile en la aetualidad 1870, p. 16. 

*) Priucipalea voutiMiuerur? dc Cliitc, in It^'viata chilena A. IX, 1877, p. 592. 
^) Aauario bidrogi'uticu A. I, lUlit, u. u4 11'. 
^ Yi%)e en la Patagonia 1803, p. 49. 



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GlebcliarpbftiKmieae ta Mdlichen Chile. 55 

und fritwarf von seinen Moranen tind soii>tij]ien Einzolhoiten (*mo fnrlienrpiche 
Scbilderung. Die Liioge des Uietschers rechuet er zu dreieinhalb euglisdie 
Heilen, seine Breite zn ein^ halben Meile, — etne yerhiltoismassig geringe 
Ausdehnung. 

Mit den Verhiiltnissrn dt r nit't>cli< r (lurch Alpcnreiscn vertraut, fiel es 
mir leicbt, dieselben 185t) wicderzuliiuku und iu deu TUiileru des Bio PeuUa 
nnd Rio Frio aucb nnterhalb ihrer g^'genwilrtigen Grenzen zu verfolgen. Das 
Thai des Rio Frio ist an der Stello, wo os in den Nahuelbuapi-See einmiindet, 
durch eiiK' breite Bank nus Kits uiul Srliotirr vrTschlossen, die unmittelbar 
sich als eiue alte Moriine ausweist. Der i^'luss bncltt sicb seitwarts davoD 
Bahu. Gegenwiirtig liegt das GletBcherende etwa 5 Leguas zuriick. 

Der grosse ruude Felsblock, welchcr ini Tbale des Rio PeuUa den ESin- 
gang 2ura Boquete Perr/ T{o>;ilo> hezcicliin t. llisst doiitliche Spuren dor Reihuni» 
mit vora Tronador herstammenden fcitcincn erkennen. Er war ofl'eubar iu 
die Gletscbemasse eingezwangt. flente triigt er maclitige Biiume. 

Im Flaasthal des Pcuila wiederholen sich an verschiedenen Stellen niedrige 
Barrieren aus Sand und St hntf , welelio (pier in die Th:ilrichtung g'^la'^ert 
auf alte Moranen zuruckzufiihrcn sind. Ai^ch liier fehlt es nicht an einer 
Stirnmorane bci der Mundung in den Todos los Santos-See. In die breite 
Sandflacbo . welcbo der Sec mit dera Flosslaut' bildet , sebiebt sicb uumlich 
eine mit Baumen bewacbsene Ti;ui<lziinfr'" cin, wo die Kcisenden zu iibernarliten 
pflegen. Nnch Siidosten steigt sie uliauilihcb an und vereinigt sich dort mit 
dem Thulgubiinge. Ibre balbkreisrunde Form uiid die unregehniissige Masse 
von Steinen, aus welcber sie bestcht, entsprecb^ ganz dem Bild einer alten 
Moriine. Die Baiinif. von wrlcben sie bestanden ist , tragen kein Quirl- 
unterbolz znisciien ihreni niageren Gezweig, was dort verlialtniBmiissig selten, 
aber durch den Untcrgrund begreiflich ist. 

Am Gestade des Todos los Santos-Sees begegnet man einer anderen Er- 
sebeinung, welcbo, wie ich glaube, mit den Gletscbern in Beziebung stebt. 
Wilbelra Doll, der er^to Ueisende, der, wie es scheint, in unserem Jahr- 
bundert (1848) die Uler theses Sees betrat, beobacbtete am Westrande oder 
am Fnsse des Vnlkans Osorno Terschiedene untergetauchte Baumstamme, welcbe 
an Ort und Stellc gewachsen waren Dieselbe Erscheinung erweckte meine 
Aufmcrksiuiikt^it boi meiner Expedition nach dem Xahurllinapi^re •). Weiterhin 
fiel mir nocb ein anderer Umstfind verwaudter Natur aut, welchen ich ieider 
nicbt QSher verfolgen konnte. Ich bemerkte nftmlich, dass der Rand einer 
rcgelmiissig langlicheu Bucbt am Siidufir ziemlicb rcgelreeht mit aufrecbt 
stelien<lcn. weissen Baumstiimpfen eingefasst war. Hiese reihenweise angeord- 
neten diirren PlUlile macbteu auf micb den Enidruck eiues Palissadenzaunes 
(Corral) , wie ihn die Bewohner von Ghilo6 sum Fiscbfang am Meeresstrand 
an&uscblagen pfl^en. Sofort bcgriif ich, dass die untergetaucliten sowolil 
wie die reihenweise angeordnetcn B;tnni'?t;imme mit dem Vorriicken rlor Gletscber 
in Yerbindung stuudeu Da die iiaud des Meuschen dort nocli uirgends 

•) ^'li'ho scin- ii, wie es scheint, vou VaKlivia aus au Bernanlo Philippi wahrenti 
desson AufoutLalta in Uerlin goricliteton Boiicht, von dem mir Abschrifl vorlioj^t. I*hil!]»|)i 
Ter5ffentHchte denselben in seinen ^.NacbriL-htfn ilber die Piovinz Valdivia* (Carhtl ISM^ 
p. 108), abcr mit Augscblusa tliescr luerkwOrdigea Aogabe. D5U naoute den See £»iueralda 
(Smarai^d), ein Name, der dem prilehti^en OrOn Beiner Wasser Mbr woht anateht. 

• I Meiu Frennil ^\'illlolnl Cox nulim die pU'i«h<* Erscb«'iii .n^r T'^^tilJ wahr, schrieb sie 
aber einer Verschattung ties Flawea Petroliue duri-h die Stnt/mai-seu {ob Lava?) des Vulkunt* 
ObOTDO 7.U (1. c. p. -11^ 

') Siohe meine Aeussorungen hieriiber iu einer Mittoiluug au Iguacio Doineyko: ,An 
der Laguno Todos los Santos fand icli. diisH iibrnill, wo weiclicr fJrund und koine FeUen 
das l-ftr blMrn, ;ibL'i'titorbene Bamu-t;iriiiii'' ;infi;i.^en, die suhon lan<^e in ilrmBi Hnn Kies 
begraben uad zuweiien in einor geraden LiiiH' lang!« des gan/.en rt'erH angiordnet sind. 
Kb scbcint aUo daa Wasner dort gegeu frQher gestiegeu zu soin; warum aber?* (Aoalcfl 
dc la Universidad 1859, p. 321.) DainaU ahnte ich die Be/.iehung dieses Vorkommena lu 
den Glctschero, ohne mir uber die wahre VerkuQpfung inde^ klai- zu wvrdeu. 

6* 



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56 



Qletscberpliftiiomnie im aadliolieii Chile. 



eingegriffen hat, kann es sich uur urn Isaturereignissc haiidelo, die auderwarts 
nidit hervortreten, vielleiclit weil die Knltor ihre Spur Terwischt hat. 

Als ioh im fo]gettdcn Jahre meinen vere\vigten Freund , den Kapitan 
Franz Hudson, anf seiner Hehe nacli den Clionosinseln begleitete, war icli 
tiberrascht, der glcicken Erscheinung in weit grosserem MaTsstabe und iiiiter 
verSnderten Umstilnden in einigen Teilen des Elefantenfjords zu ^Mien, 
2. B» an der Mnndnng des Bio de los Huemulcs und besonders an dcr Bucbt 
plcichcn Nnmens, ungefahr unlerm 46° siidl. Brcitc ^'elei^cn, niucllich von dem 
beriihmten 8au Ka£ael-See, welcber mit demselbcn durch dcu Kio du los Tem- 
panoe in Verbindung steht Bort kam mir aucb am efldlicben Ufer ein Ter- 
sunkener Wald und eine Hrage nnregelmiissig zerstroutor Pfahlo in der Hohe 
der Flutlinic vor. Der versunkone Wald (wenn ich nicbt irre, bestand er aus 
Oypressenbaumen) ragte zur Ebbezeit viele cuadras weit iib&r das Wasser und 
vtvMe TOn der Flnt bedeckt. Infolge davon war das Landen nicht ohne 
Gefahr, wie uns denn auch das Boot bei dieseni Versuch zerbrach. Ver- 
scliiodeno ihrer Rinde cntbKk=;tp nnd ab^'ibrocbene Pfiilile konnte ich auf den 
Inseln de los Misioneros im siidlicheu Winkel der JBucbt beobacliten i). Ich 
vermute in diesen Inselchon Reste einer grossen Morane, die frttherhin die 
Bttcht weitor nach Nordcii bcgrenzte. 

Die gleiclie Erfalirunj,' hatto nn dcr glcichen Stelle der glaubcn^eifri'je 
Jesuitenpater Joseph Garcia^) 176t>, also iiundert Jahre friiher, geniacht. 
Damals mass das Ganze grossercn Umfang gehabt haben: denn Garcia sab 
»80 viele wie Masten aufragende Stamme, die Bai ein Hafen von Sdiiffen 
an Bein scbien". Auch spricht er von untcrgctauchten I^aumon'). 

Leutnant Skyring von der Expedition der Adventure und Beagle, welcher 
iiu Jalire 1829 vom Golf Penas aus den liio Lucas oder San Tadeo erforschte, 
der durch dieselbe Ebene, in welcher aich der San Rafaelsce bcfindet, nacb 
Siiden stromt, fand gleiclifal!'^ oine ^Mosse ^Icn^^'o abgestorbener Bitume rinir^ 
nm seine ^liindung, ,,etwa 20 Fuss lan^^^e Cypressen", wio er sich ausdriickt. 
Er vermutet, dass sie infolge eines Austritts des ^lecres zu Grunde gegaageu, 
dae dort zur Hochflutzeit das Land viele Meilen weit iiberschwemmt. Fitzroy 
fiigt in einer Note hci , dass cs viellcicht sicli dabei um eine Erdbcbenflut 
handle. Der dem Eiland gegebeue Name Deadtree erinnert an dies merk- 
wiirdige Vorkommen*). , 



'I Francigco Hudson, KcLonociinit iifn d<'' los Canales del Siir, in Apuntes htdrogvtfow 
sobro la costa Ue Chile IHQQ p. i^b und Karte in Analex de la Universidad 1859. 

*) Chr. O. ▼on Mnrr, Naclirichten von versdiiedenon Lilndern dot tpanisebMi Amerika 
Halle 1800 r- au<:h in Annies d,> la I'niverMiJiul l'^?!, t. II p. 357. ; 

•) Bis jet/t <,'lftnbto nun. ,'ohii I'.vion. ikr ujit aiuieren Sdiitt bruckigen des , Wager* 
1744 die Liiinlcn^'p von O^qui uml <L n S in Raf'nel-See bosm hti", sei der erste Roi>e!ii.lr- 

Sweaen, der um uber dieae mcrkwQrdigen Gegendeu Nacbricbt gab. Wie es scbeint^ ' 
merkte Bjron auch die dOrren Pffthle, denn er kla^^ daw seine wimdea FQsse an tfHtxe 
Pfablenden aiistir'-scn. 

Neuert L'iiU'rsui-hiiii'.^eiJ vou Fiaucxico Vii]al Uoniiu/, luibcn iudc-i lit'iuusgestellt, dass j 
der San Rafael-See. <lo) urspriinglich Laguna do la Caudelaria hiess, weit fiflher bereits 
swiscben lt>74 und 1676 durch spaniscbe Amiedler von Chilo^ aus besucht worde. £nt 
nach Ab&isong obig^ Zeileo konnte ich die Taeebflcher von Bariolomi IMas Oallardo und ' 
Antonio de Vea vergleirheii, wrlcln tier tiTiPrmudlich tliUti'je I>irektor des hydrographiscbon | 
AiuttiS in Spanien Kopicil uui mi Aiiu.iiio de la oticina iiiJropnilica vcrOfFeutlieht hat . 
(t. XI p. 52o), wofilr ibui die geschicbtliche und geographifccbe Fornchung jener (legend 7,u 
hohem Danke veipflichtet isL Der Aussug der Koiso von Antonio de Vea in Relacion del 
Tiaje de la Santa Maria de la Cabeaa (Madrid 1788 p. 2*J7j, das einsige frOlier bekamite, i 
war zu uuvoUstttndig, nm die IsdatiUlt der Lagona de la Candelaria mit dem San Ba^l«See I 
festzustellen. ! 

Derselbe Antonio de Vea. di >>imi p h bcreits oben riihmend gedachte, bringt oin ge- ' 
wicbtiges Zeognis bei, nm das Alter der beregten Encheinung festeustellen. indem er sagi: | 
pDas ganze Land isfe eb«n, die Bftame abgestorben and gebrochen nnd emigf vom Wiiuo 
umgeri.-i-eti." Aub dieser Bescbreibung gebt bervor, dass zu jcn ji Zoit alles scbon war wie j 
jetzt. Man ni^chte ^lauben, dass damals mubr uud be»ser orhaltenu Ke«te sich fauden. 

*) King and Fitaroy, voyage of the Adveninre and Beagle. London .1839, 1. 1, p. 82B. , 



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Glebcherphunoniene im sudlicbeii Chile. 



57 



Endlidi hat auch Enrique Simpton, dor neuerdings den Chonoa-Archipd 

erforschte und den San Rafael-See wieder eiitilorkto. dirsclbe Erschcinung beob- 
achtet. Dieselbc ht also iedertfalls zum uiindesten zwcihundert Jahre alt, wie 
sich an Hand dcr mitgcteilten Zeugnisse historisch verfolgen lasst. 

B 0 w e g u u g (I c r G 1 e t s c h e r. 

Die Losung des bere^^ten Problems scheint sehr eiufach, wenigstens fiir 
den vom Muere bespUlten Teil. Und doch ist die Sache komplizierter, als sie 
auf den erstcn Blick erscheint. Eiumal ist die too Fitzroy gemachtc Aa- 
nahmo eincr Erdbcbenflutwelle niclit zulassig; denn sic vormaj^ zwar die Zer- 
storuiip der iibcr dem Wasserspiegel stehenden, niclit abi r die dcr noch beute 
daruatcr begrabenen Baume zu crkliircn , die genau iu derselben Lage ver- 
bleiben, in der ne urspriinglich wuclisen. Wollte man irgend einen Grund zn 
Hiilfc nelimeii. welclier ein \'erschieben des Mceresniveaus in alliniiblicher Zu- 
nabmc nach oben wabrscbeinlicb machte . so wine die verschicdeue Stellung 
der Baumstamme zwar hinreichend ver&Uiudlich. Aber dicsulbe Erscheiuung 
viedefrhdt sich auch in einem See, wo von Bolehen Hebungen nicht die Rede 
eein kann. 

Bekiuintlioh aber ist j^erado bci den Seen eine IJrsache thiitip:, welche das 
Niveau derselbeii stetig uud alimablich zu ertioben strcbt. Das ist der Scbutt, 
Avelchen Fliisse und Qletscher zoftihren und am Boden ablagcrn, so dass der 
Wasserspiegel steigen muss, obgleicb die AVasscrmonge unvor&idert bleibt. 
Man mcielite also versucht sein , das Absterben der Bfiume auf dieso Ursache 
zuriickzufiihren, welche in sichtlicher Weise am Todos los Santossee in Thatig- 
kcit gctroffen wird. Aber diesclbe erleidet keine Anwendung bei den mit dem 
olFenen Meer in Verbindung stehenden Bueliten. wo anzunehmen ist, dass das 
Meer in dem Masse sich zurUckzieht, als das Ende der Bucht ausgeruUt wird. 

Ich halte dafiir , dass eine fiir beide Fiille ausrcicliende Ursache in der 
Bewegung der Gletscher zu suchen ist. Wie vrir oben gesehen, reichte in 
dner geologisch nicht eben femen Zdit der Gletscher des Peulla bis an den 
Todos los Santos-See. Dieser Gletscher hat sich aber in einer langen Reihe 
von Jabren bis zum Eusse des Troriador zuriick/zeznt^on. Das Abschmelzen 
einer mehrere Leguas langen Eismasso muss das Wasser 
dea Flusses Termehrt und infolge daron den Seespiegel er- 
hSht haben. Und zwar nalun dicse Erhdhung so lange stetig zu, als eben 
der Gletscher zuriiekginpr. T)io Marke bilden jene Baumstamme wernge Meter 
iiber dem urspriinglichcn 2jiveau, die notwcndig bei diesem Prozess zu Grunde 
gingen. Im San Ba&el'See selbst giebt es keine solchen Banmatftmme, weil 
seine Steilufer dazu keinen Baum laseen, wie mir Simpson mfindlich mit* 
geteilt hat. 

Bei den Gletschern von San Rafael und San Clemente scheint diese 
Theorie nicht unmittelbur anwendbar, weil ihre Mtindungeu vom Meer um- 
scblossen sind. Aber dabei ist nicht zu Tergessen, dass die Ele&ntenbucht 
ebeneo wie der Penasgolf mit dem Ozean durch cngc Ausgiinge in Verbindung 
stchen und daher nioglicherweise hoher stehen als das otfene Weltraeer und 
vielleicht fruher noch hoher standen. Kimmt man hinzu, dass solcho Baum- 
stflmpfe wie es schdnt nur in der NShe von FlusslSufen, welche grossen 
Gletschern (Httemules, Ttopanos, San Tadco) zum Abfluss dieoen, aich finden, 
so ist die vorgeschlap^eno Erklarunji: wold annehmbar. 

Die liiclitif^keit dieses Ursprun^s der Palissadenbildung angcnommen, so 
folgt daiaus , daas die Gletscher scit mebr als zweibuudcrt Jahren dort be- 
st&ndig im Rlickgang begriffen sind, woraua man nmgekebrt anf eine Yer- 
bessenin<; des KUmas iotblge der Znnahme der mittleren Jahreetemperatnr 
schliessen Jcanu. 



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58 



OleticherpliKndmene im slldlicheii Chile. 



Efido Pliascn (ler geolo£,'i<chen Entwickelung jeiics Teils der Ktistc lassen 
sich ubrigens audi aiis noch ganz andprr n GrunUen erschliesscn. Die Bc- 
(loutung (Icr abgcstoibencu BaumstUmme ]itgt darin, da.88 sie eiu lebendiges 
und verliiiltniBmSssig jungos Zeugnis fur dicse Vorg&nge abgebeD. Mau darf 

■\vo1il licliauptcn, dass W( in^(> Jalirlmndertf friilicr die (iletschw in Buhd oder 
vielleicht gar in fortsciireitender Bewogung begiili^ ri waroii. 

Da man uun jeuen Palissaden , abgesehen von Hirer Verteilung im Ein- 
zelneD in ziemltch weit auseinanderliegenden Breiten begegnet, vom At^ bis 
zmn 46<> 30' niimlicli, so muss man daraus aiif aUgemeine klimatologische Be- 

diii^nnfrcn -« lilie>M ii . (?t non diese Vor;iiidrrMngen zuzuscbreiben wSren. Fiir 
den Augenblicii mugen die Tliatsacheu gcuiigcn. 

SecnundFjorde, 

Das Studium der sUdandinisclien ftlotschcr fuliit nntwcndig auf die Bc- 
trachtuug der Seen und Fjorde, wclche beide fur den i)hysiscben Cbarakter 
jener Ktiste tod so boher Bedeutung sind. In Llanquibne und Chilo6 treffen 
die Oebiete bcider ziisammen, indcni niirdlich nur Seen den Rand der Anden 
begrenzcn und siiflHcli davoii die Fjorde deren Stelle einnflunf^ji . so cine in 
ihrer Maunigfaltigkeit vielleiclit in der gauzeu Welt ein/.ige Uliederuag ver- 
anlassend. 

Die langen und tiefen Meeresarme, welcbe von stdleo Bergen nmgeben 

ill die Cordillera eindringen. worden in Chiloe init cincni recbt uncigentlichon 
Nnmon ..Esteros" gcn mnt') Eine aiidere besonders untcr den deutscben An- 
sicdlern daselbst gebhiucbliche Bezeicbnuug ist „Boca*\ Ein wii'klich sach- 
gemS8ser Name acheint im Spaniscben zu feblen. 

Der einzige Punkt, in wekbem sit li it iH tiefen Cordinereneinschnitte von 
typisclien Fjordcn unterscbeiden , ist die LiitietV am An'-^an?. •svclche rcfu l- 
massig zu feblen pflegt. Francisco Vidal Gornuiz land 4G0 m an der Miin- 
dun^' (les Estero de Reloncavi. In kcineni der iibiigen von Vidal und Simpson 
uiitvrsucbten Fjorde begognetcii si^- dor go nannten Untie fe. Wobl aber scbeint 
(b r Kanal gegeniibcr der Fior<liiiiii)<lung Hadier zn ?riii als in sinnom iiljrl.uen 
Laufe. 80 ist es wenigstens der Fall mit dcin Kanal Ernizuriz gcgeuiibfr 
dcm Estcro de Ayson^) und mit deiu Kanal Costa gogenuber dcm estero de 
Quitralco. Icb fiir meineii Teil babe Folgendes beobacbtet: Fiibrt man vom 
Fsli til df EleHintos (Kanal Cu^i-x nacb Hudson"), der dort miifsig tief ist, in 
den Kanal Aldunate (Kanal Tuabuencayoc nacli Simpson) ein, so tiiidct man 
dicsen'anfangs zienilicb liacli , bald aber erreiclit er betriicbtlicbe Tiel'e , die 
im Kanal Paelma, seiner naturlicben Fortsetzung, nocb zunimmt'). Hier scbeint 
also eint ^virklicbe Untieie im Sinne der gewohnlicben Fjordbildung vorzuliegen. 

Isi dch Kaniilcn von Fotif-rlrnid ist dn?f":::^i^n die Fniicfe am Ausgange 
deJi ijords Kegel. Kapitiin Fitzroy') vcrsicbcrte Darwin, dass es beira Eio- 
kafen in einen solchen Kanal unerlasslicb sei, sicb sofort nach einem Anker- 



') Simpson gebraucM den Angdrack ,estuario*. wolcb>.>r \i-i8t;cnsc1iaftlichen Klaug 
voraus hat und aus^ierclciii an ,eBtoro' aicb anlebnt. Luder ist er fiir eine ofl'eae and flwdw 

Huoht bercits verbraucht. 

King iiiul Fit/rov schriilioii rsovrnd", w<»au8 der AiUa doB GeographiMhen LMtitate 

in ihicnos Airei^ ^zonda" gemaclit hat. 

Rhode (Rcriata de Ta Sociedad Oeogrifica Argentina, i DI 1885, p. 248) schlS^ (La 

Nacion, llueuos Aires 23. April 18H4) dafiir .inlef^ vor, wt-lchfr Name zuweilen auf Fitzroys 
Karten vorkomint. Ks scbeint iiidcascii, dass es dieses Freindwortes im Si>amschen nicht 
bedarf, da dem dudurch bezeiclint't^'n ptfhr >vt>lil ^onseiiada'' entspricht» 
') C. Martin in i'eetrmanns Mitteilungen, p. 463. 

*) Vorgl. HadtoQS Karte in Anale* de la Universidad, 1859, und die angefagt« 
Kartenskiue. 

*) Darwins Beiso, herauegegeben von i>ietienbach, t. 1, p. 260. 



GQfttwhATpUliiomttie im slldHcbea Cbite. 



59 



plats mDZ&tbun, indcm weiterliin dir Tii fe immcr zuniihme. Darwin nennt 
dabci den Ghristmas Sound (Weihnacbtshafen) , w^chen Cook zuent be^ 
aucbt battc. 

Diese Beobacbtung Fitzroys ist vielleicht mit einer andercn von Vidal 
ill r>eziehunp /.U Mtzcn . wclcher seiu Erstaunrn dariiber nicbt verbeblt, dass 
der Ivelonc.'u il)ii<:f'7i mit l^T'i m ^w'w^rrp Tiefe beeitzt als der HeloncaviQord 
mit 400 ro, welcher sicli iu jenon ott'uet^). 

Aiigcnommen, dass dieses Vcrbaltnis zwischenGolf und Fjord wirklicb an dor 
Kliste hUufig sei, wio es nacb den anuM fiibrten Beispielen alli n Anscbeiii liat, 
so b"«sse slob daraus cin wicbtiS' r Sclihiss in br/u;; auf jencn Manird (U r t\ ))iscli('n 
Untiefe ziebon. Man konnto namlicb anneimien, dass an iStelle dieser Uutiel'e 
eiue Erbiiljung des ganzcn Golfes eintritt, die niogbcberweise dadurcb veranlasst 
wird, dass die Estoros statt in das oftene Meer in die atiUen Wasser eines 
Binnengolfes einmiinden. Jjeider Bind die vorliegeaden Dftt^ zn durftig, ttm 
Bestimmtcs zu bobaiiptcn. 

Ueberaus grossartig uml wiikungsvoU ist der Anblick dieser sclunuiiiu, 
Bclfweigsamen MeereBanne. die in den allenrerschiedensten Bicbtangen unter 
steilcn. 1000 bis 1500 m boben und zum Tcil mit cwigom Scbnee bedeckten 
Bergen mit kraftigetn Plianzeinvnrlts . schiiumendcn Kaskaden und bliiu- 
licbcn Gletscbern bis z«-'lin und niflu Leguas woit ins Land vordringen^ wabrend 
nnr zwiscbendnrch das Auge einen der hohen Vnlkane eder ein Eiefeld streift. 
An wenigen Punkten in der Welt triigt die Natur einen so erbebenden und 
strcngen Obaraktcr znr Scbau wie in dieaem Gewirre von Meeresbuchtetti 
Kanillen, Bergen und Inscln. 

Kacb nnaeren dermaligen unvollkomnienen Kenntnissen wiiren etwa 27 
grosse Fjorde auf die ganze Strecke Puerto-Montt bis zur Magelhinenge zu 
recbnen. King und Fitzrny reclinen. wenn icli nicbt irre. Ifi vom Ppna'=;t?nlfe 
nacbSiiden, und die Karten von Moraleda und Simpson weisen etwa 11 nord- 
lidli davon anf. Edner gleicht dem anderen. Je mebr nadi Svlden aber, 
desto mebr gelit ilir Cbarakter in den der fenerlandifldien KanHle fiber. 

Die beiden niirdliclisten lelirto uns Menendez kcnnen im Reloncavl nnd 
Comau*). Vidal, Guillermo Cox, Carlos Juliet uud Carl Martin baben gleicb- 
falls vicbtige BeitrUge xu ihrer Kenntnis geliefert. 

Weiter nacb Norden Idst die Fjorde eine Keibc von scbonen Seen ab, 
welcbe die ( 'ordillfrri ?:wisclH'n dt>m 30. und 42." zu beiden Seiten bepl 't rn. 
Die Greuze zwiscben beiden tallt zusammen wit dem Uebergaug der ivunti- 
nental- in die Inselregion. Im Oaten der Cordillera setzt sich der Seenkrans 
dagegen nnnnterbrocben bis uabc zur ^fagellanstrasse fort. 

Den alten Clit oni^ton , bcsondors dem P ittT Diego de Kosales ^s'aren 
diese Seen oder Laguucn, wie sio sie nauuten und wie diese nocb beute geuanut 
werden, wohl bekannt Ste bescbreiben die Seen von Nahnelbnapi, Ranco, 
Villaiica, Epulanjuen , Guefiauca :T;l;ni(|ui!iue) , Purabilla (Todos loa Santos) 
und andere raehr. Falkncr ?rn1) 1774 Kuinlr vdih See Huecbunilaoqtion und 
der beriihmte Antonio do Viedma entdeckte den nacli ibra benaunten See, 
ersterer einer der nSrdlicbsten, letzterer einer der sudlichsten auf der Ostseite. 

Mit di m Vordringen der Indianer und dem Zurfickveicben der Ansiedler 
ging split* r 'lie Kenntnis dieser Seen wicdcr verloien , so zwar, (\rt^^ man in 
der ersteu Halfte unsercs .labrbunderts von ibrer Existeuz niebts mebr wusste. 
Mit Bernardo Pbilippi, dem (irriinder der deutscben Kolonicen im Siiden, be- 
gann eine neue Epocbe fur die Geograpbie jener Landstricbe. Er ("iitdeckte 
nod b^iihr 1845 den Llanqaihaesee*). Auf seiner bald darauf verdffentlichten 

>) Analfli de la Unwenddad, 1871, i. 11, p. 62. 
Moraleda'a Tngebuch koimto icb Icider sur Zeit der Abfoaswig dm Vont6b«nden 

nicht verglcichen. 

*) Claudo Gay war bereitn 7.i-)m .lahre firQker bis an die Gestade deflsclben Sees Tor^ 
gedmngen. Aber aein Besuch blieb ohae Kinfluss auf die gfiograpbische Foracfaaag. 




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Gletoeheiphinonieiie im §ftdlichen Chile. 



Karte crscheinen noch yieie andere. Von d& ab mehrten sich die Ent- 
deckungen. 

Diese Seen eind ein eigentilinUcher, aimeichnender Sehmuck dee Landes. 

Ihre Ausdehnung ist sehr verschiedcn. Die klcinsten bcfinden sich meist auf 
den liocbsten Stcllen, die grossen konnen mit den berUhmten Alpensccn in 
Vergleich treten. Der Llanquihuesoe misst 840 qkm nach Vidal GormaziJ, 
der Nahuelfauapisee 30 Quadratleguas nach O'Conner') oder 611 qkm , aleo 
mebr als die beriihmten schweizer and oberitalieDischen Seen. 

Der Charakter dieser "Wassermulden variicrt sehr. Doch lasson sicb, 
von den kleincren abgesehen, leicht zwei Haupttypen unterscheiden , welche 
diurdk die YeTschiedenlieit der Landechaft anf den ersten BUck za er> 
kennen sind. 

Der Llanquihuesee ist der reinste Vertreter eines Sees in der Ebene 
am Fusae der Cordillera, in gcringer Erhebung iiber das Meer, mit niedrigen 
Ufeni, grosser Oberfliche, mehr oder weniger rttndlidiw Form and tief blanen 
Waasern. 

Dor bennchbarte Todos los Santos-See mag die zweite Klassc vorstollon : 
ein in einem (^uerthal der Cordillera eingelagerter Gebirgsscc, von gcringer 
Oberfl&chenentwicklmig, langgestreckter Form, mit tiefen Bacbten, steuen Ab> 
hangen und bellgrfinen Fluten. 

iKizwischen feblt es nicht an T''cber^^'^nf!;on , indent ein Sec "wolil mit 
einem Ende in die Cordillera bineinreicht und mit dem anderen in die Ebene 
binaueiritt. Zu dieser Miscbform 2ShU der flberwiegende Tdl der grSssetren 
Seen, wie der Puyebue und besonders der Nabuelbuapi-See , ^ve1cher die 
gnn T^reite der Cordillera Tom Fosse der Zentralketto bis in die £bene 
einuimiat. 

Nach Richthofen ist der Ursprung der Andenseen in Chile und Pata- 
gonia wahrscbeinlich auf Gletscherwirkungcn zuriickzufiiliron. Es w-iro nach 
ibm nur nocb festzustcllen, ob das cbikniisclie Tningstbal wirklicli von Glacial- 
schutt ausgefUllt worden und die Seen an der Ostseite ira selben Urund 
cingebettet liegen und niuglicberweise eine andere Reihe von Depressionen 
existicrt, die zu AUuvialebenen sicb umgestaltet haben. 

Die Annabmen des beriilimtLn Geograpben lasscn sich nnschwcr bcs^tati^en. 

Einmal unterliegt es keinem Zweifel, dass alle Seen zu beiden Seiten 
der Cordillera auf Gletscher zuriickzufiihren sind. Der Glacialscbutt erreicbt 
aber bekanutlicb in diesen Brciten eino ungcheure Tiefe and Ausdebnung. 
So sdiciiit (las Laiigstbal bis writ liiiiub damit angcfuUt seiii. Dasselbe 
wiedcrliolt .sitli auf den weiton Steppen PatagonienH. Es ist also sebr wobl 
moglich, dass ulle Seen in dcmselben Terrain lageru. 

Auch unterbegt es keinem Zweifel, dass weite Thaler nnd FlSchen 
alten Seeboden darsti llen. Unbedenklich ist anzunehmen, dass friiher alle 
Sern pritssere Ausdehiiuug besassen. Sank der Wasserspiegel , so blioben 
lauge Tljiilstrecken trocken liegen, wie z. B. das Flusstbal des Kio Frio, 
welebes orsprttnglich mit dem Nabuelbuapisee suBammenbing. UnabbSogig 
von heutigcu Si rboeken bat man solch altcn St'Ofrniiid Viis jotzt niebt aufgo- 
funden. Da alter zwi ifplsohne das feucbte Klima dos siidlichcTi Cliilos friilu-r 
viel weiter nach >Jordeu sicb erstreckte, so ist wohl anzunehmen, dass mit 
dem Bflckgang der Niedersc^lftge verschiedene Seen im Norden trocken 
blieben. Zum miodcsten darf man IMenseiikungen daselbst wobl als alteir 
Seegrund beanspruchcn. 

Zu der Betracbtung der Seen seibst zuriickkebrend , so ist der Tjpus 
Ton Seen mit Steilnfem, Bntwicklnng in dner LSngsricbtung nnd iisst obne 

•) Vergl. seino Karte diesos Sees vojti Jahre 1872. Friihcro Bereclinnngeil von mix 
lieferten sogar 1210 Kilometer. 

') £fltadio8 goncnUes Bobre Iob rios Negro, Limay otc. por Santiago Albanada. — 
Baeiio* AirM 1886, t II, p. 568. 



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QloUcherpMaoiDeiie im tttdlichen Cbilo. 



61 



alle Alluvialbildung fast immer auf die Umwandlung eiues friilicrhin vor- 
haodenen Fjords znrttckziiftiliren. Angenommen die Untiefe am Aasgange 
desselben sei aus irgond einciu Grunde trocken geblieben , so wird der iunere 
tiefe Tcil von clom Meero abgetronnt nod allmaliir mit Susswasser au^^frefiillt. 
Da nun aber die Untiefe in ibrer gewciiiuliclieu Form gerado bei unstrea 
Fjorden felilt, so brancht nicht notwendig gerade diese Ursac^e der Abtrennui^g 
Tonidiegen. Eine Erhcbung des gaiusen oder eines Teiles des unmittelbar 
' vorlic^endcn Golfos win! dcnselben Dietr't Ipistpn. 

Was die unmittelbaie Ursacbe diestr Erhebung anbelangt, welcbe von 
Richthofen ond anderiw in einer stetigcn Ktistenerhebung gesucht wird, so 
braucht man vielleicht nicbt zu dieser Erkllirung seine Zuflucht zu nobmcn. 
Die Ablageruiig von Glaoialflcbtttt in Verbindung mit Heeresstromungen dttrfte 
dafUr ausreicheu. 

In jedem Fall lasst sich der Ursprung dieser Art von Seen in be- 

friedigender Weise auf alte Fjorde auriickfiibren. 

Nicbt so pinfacli liegt die Frage nacb dem Ursprung fiir die Seen der 
Ebene zu Fiisscn des Gebirges. Der Llanquihue-See kann, wie wir geseben 
haben, als Huster dieser Art gelteu ; der Villaricasee scbeint glcicbfalls bicrbin 
zu gehdren. 

An anderer Stellc^) babe icb das Vorkommpn erratiscbei- Blocke ira 
Umkreis des Lbmquibue-Sees und den Istbmus, welcber denselben vom Meer 
trennt, als alte Moriine beleucbtet^). Anch zoigen seine Ufer jene merk- 
wiirdigen Stufen, welcbe man fur den Olacialscbutt eigentiimticb bait. Es 
febit also nicht im Anzeicben daHir, dass G-letseber fr^her bis an den See 
vordrangeu. 

Seiner Lagc naeh kaiui dieser See nur dem Liingsgolf, nicbt aber ciiieni 
Fjord sngeviesen werden. Man kiinnte zu seiner liildung cine ungebeure 
Seiton- und Stirnmoranc zu Flilfe nebmen , welcbe den Lauf dor Wasser ab- 
jjodriin^'t liiittt', narli(!eni ikr Glctsclier selbst sicb zuriickgezogen. Bis jetzt 
keniit uiun die Struktur der den See uuigebenden Hoben zu weuig, uiu etwas 
hierOber zn entscbeiden. Im Falle diese Voraussetzung zutHife, ware der 
^^aiize Hdlioiizug, welcber den See im Siiden und Westen iini^cliliosst, \vio der 
Kahnien cin Gemfildc, als Stirnmoriino zu beansprucbeu. An seinem Fusse 
scblie&ot der gan/eu Lilnge nacb ein Geliulz von Alerzeu oder nadis^) an ; 
also niedriges sampfiges Land, das vielleicbt Infiltrationen vom See ber erb9,1t. 
AUes dies waren Stiitzen fur die gemacbte Voraussetzung. 

Der scbwerste Einwurf gegen die Moriinennatur der TTfer, Moriincn, 
wdcbe alsdaun viele Leguas Lange crreicbt batten, ist die grosse Tiefe des 
Sees , die , wie wir gleich seben werden, iiber bOO m betr&gt. In emer solchen 
Bodensenkung bleibt das Wasser aucb obnc weitere Barriore stebeu. Anderer- 
seits sind es perado die Glctscber, welcbe sicb ibr Bett ticf binab ausbrihlcn. 

Icb bin aber der Meinuug, dass man vou dieser Wirkung viellacb enwn 
allzu frdgebigen Gebrauch gemacbt bat und dass im vorliegenden Falle eine 
andere Erklamng vielleicht eber Anspmch auf Zul^sigkeit hat. 

Dieselbe gebt davon ans, dass d as weite und tiefe Bett des 
Sees zur Glacialper iude eiuen Teil des Meeres bildete, von 
velcbem es weiterbin durcb einen Arm von Sedimenten abgetrennt wurde, 
obne dass die letzterc den See selbst angefiillt nocb auf ibrem Wcge weiter 
ansgehbblt baben. Die Aualogie mit der Verwandlaug des Fjords in See 



•) NaturwiggcnschatXlit^ho Skizzen iiber dm siidliclie Chile, in P<'t'>rniann"s Mitt( il in^" n, 
186e, p. 469. 

^ Die Jndier des sQdlicheD Chile, in Zeitacbrift iUr Etbnologie, lb70, p. 288. Weitere 
Stnditti fA«t den Iithmas von Pnerto Hontt huben mir noch einige andere Daten geliefert, 

die icb inir filr oiiio anUi're GoU'Renheit erspivren nms8. 

Uober die uaUis uud trapeii aiehe Carl Martiu: Dec bewohut^ Teil von Chile etc., 
in Fetanmuui^e Uittmnmgen, 1880, p. 169. 



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Gletficherpbtinomeno im siidliclien Chile. 



diirch dfts Anwacbsen der Untiefe am Ausgang ist augenffillig. In Betreff 

der Herkunft der MateiiaUen zn d«m li.'ill ki ^i^t<»^nig nach Suden ftbgerundeten 
Isthmus ist wohl aiif oinon alton Ripsenglotsciier zu verweisen. 

Vergegenw-irtigeu wir uns din T;n?e ctwas lir^ser . iiulem wir ims in die 
l'oslj)liozanpeiiode versetzt deukun, iii welchtr die Uuuisse des KontinenU 
bereits ausgestaltet waren bis avf das chileniscbe Langstbal. Denn da. dteBem 
2ur Ausfiillung iioch dor spiitere Glacialschntt feldto, spielten die Meereswop;en 
vit'l weiter nach Norden , sagen wir einmal bis iiacli Cliillan. Von da bis ' 
etwa nach San Fernando besiiumte eine Kctte . von Seen den Kand der Cor- 
dillera, i) Die Ebene von Santiago bis zur Angostura (Enge) befand sich 
ungefahr im gleichen Zustand wie lieute. Dagegen war das heute so mildc 
Khraa Chiles infolgc astronomi^chcr Verhaltnisse damals rauh and streng, 
Der ganze Siidcn des Landes starrte von Schuee- uud Gletscherfeldern, die 
Kflste war der Tummelplatz wild brandender Eisberge, abnlich wie heute 
noch Grimland oder, in geringerem Jrnas^stabo, das benachbarte Sudgeorgien. 
Riesenhafte Eisstrome brachen sicli in (ien Fjordon der Cordillera bis zum 
Zwischengolf und viclleicht bis in's offene Woltrnetr Bahu. 

In der Breite des Llanquihue-Sees delintc sich dor Peullagletscher TOm 
Kamm des Tronador Uber den I'odos los Santos-See hinaus bis zum Vulkan 

Osorno ntis. Duicli /alili < it In- X( l)engletscher von bier und andorwiirts vrr- 
stiirkt, teilte er sich dunn in zwei Aeste, einen nach dem Estero de iieloncavi, 
den anderen nach dem Golfe gleichen Nanieas gericlitet. Die an seinera 
Bande daselbst losbrechenden Eisbldcke bedeckten den Boden des Golfes roit 
ilu t'in S< butt, wcnn sio an der gojipniiberlicgenden Kiistcncordillera scheiterten. 
Kb' ISO imul'te der statthche Ablluss tine niiichtige Grundmorane an, die all- 
nuiiig weiter und wcitci' in den Goll hiiieiu vorriicktc und im Laule der Zeit 
denselben auiffiUeQ musste. Dabei verscliob sich diese Schuttbank aber dnrch 
die Starke Strumung des Gletscbers woit nach ausscn , hinter sich cim^ tiefe • 
Mtildn lassend , wolrbc der stetige ZuHuss von Sclinecwasser bald ausfusste. 
So kani die Treruiung voui iiussereu Meer sicher uud stetig zu Stande. Gleich- 
zeitig reibte der sfidliche Wogenschwalt die Triimmer in weitem Bogen im 
Osten und Westen an die besttdienden Bergfcsten an , wahrend iin Nonlen 
der nachste Gletsclicr (Llanquihuei* Pujehue?) das gleicbo Spiel in friiherer 
Epochc vorausgenouinien hatte. 

So entstand ein geschlossener Sec fast auf gleichem Niveau mit dem 
offenen Meer. Ilalliinselformig rautf in dicsen See das freie Gletscherende 
vor, wiihrond ein FIuss, der MaulHii . s. im^ Wasscr nach aussen ahfiihi-to. 
Unter der Einwirkung cincs besseren Khuias vorschwand allmilhlicb der 
Glctschcr sclbst uud hinterhess uur die angcdeutcteu Bildungen als Zcugcn 
seiner einstigen Thatigkeit. 

filan beacbte, dass zu dem genannten Zwcck scldechterdings ein Binnen- 
golf mil vorhiiltnismiissig rubigem Wasser frlVinh'rb'ch ist. Was die Tiefe des 
Llanquiinie-Sees im Besonderen augeht, vou wclcher wir leider nur vereiuzelte 
Lotungen besitzen, so fand Oox>) im Jahre 1669 in 364 m keinen Grund und 
Vidal Gormaz") ebensoweniu iti 82 m auf zwei Meilen Entfernung von der 
Kiistr. Da nun die Ffi'ln- des 8ec*i !iiir ^Piif^n 40 m betriigt. so liegt sein 
Gruud mehr als 324 m unter dem Mcercsuivcau , was ungefiibr der Tiefe des 
benachbarten Reloncavfgolfes gleidikommt. Von dieser Seite her stfinde also 
der oxeanischen Natur des Seebeckens nichts im Wege. 

') Fiinf Rreitognule trenndn scgenwartig dvn San Rnftwlu'l'^tschor vom Isthmus von 
I'uerto Monti. I'm ein Manss zu hiibcn. isf f ine Vorscliicbung uni die gleichc Kntfornung 
nach Norden nnj^'enonimen. Kiir'nso roit ht dif Sccnzono ht?ute 2 BKitegnde VSCb Nordsn; 
tiarum tsci Hie ebcnsovii'I v<>ui altcn Mecresmnd abgetiliskt. 

*) 1. c. p. M. 

*) Ezploiacion del «eno de Reloncavi etc., 1872, p. UO. 



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QlcUchcrpLanoiuonc im sudlicboa Chile. 63 

In der Anhiiufung von Materialien zum Bau des Isthnms sind offenbftr 

zwei Perioden zu unterscheiden. In der crsten lagerte sich der Schutt zu 
bridcn Seiten der Meere^sfrrmninfj. weklie (\>-v (ilotscher erzeugt, snwic nti rler 
Stelle, wo die Knift dieser 8tr6mung cndtt , ab.») Ira folgenden Zeitraum 
scbliesat sich der Riag au der Oberflachc. V^on da ab dringt der Gletscher 
nur inehr in horizontaler RiclitUDK .seineni sclbstgcscliaffenem Bett vor. 
Das Sclimol/waK'^or staut sich urn den FtiBS des Gletschers her an und bildet 
einen grossen Siisswassorsee.^) 

Dcu zweiten und IdzUtn Punkt muss ich besonders bctoucu. Deun 
meistens giebt man sich keine genaue K^chenscbaft liber den Untergrund eines 
Glotschors da, wo er aas seinem Thai hcrvortritt. D;ir\viii ^a^t z. Tl. dass 
cin Teil des San Rafaolglctschors an oiii suin{>fige8, hautigeii I't'licrscliwrmniungen 
nusgesetztes Teiiaiu grcHze.-^) liichthofen meint, dass die Eudinoiiineii der 
grossen Gletscher der Gladalzeit anf ebenem Untergrund Hiben, — was eben 
gleichlicdcutend mit festem Untergrund ist, (ihne den eine EndmorHne ja nicht 
deukbar ist. 

Zum Zustandekommen des Isthmus ist audi das Vorhandcnscin ciner 
Beq^kette oder einer Reihe hober Ineeln unerlasslich, damit dieae nacb Westen 
liin den Flutandrang des offenen Weltmccres abhalten. Vielleicht trug audi 
zum Weiterschaften der Muteriahen dioscr Landbriicke von Ost nach West 
der Tom Sudwind verursachte Schwall das Seiuige bei, wie er im Gulf regd- 
missig herrsdit und dank der eigentilmlicben Verteilung von WasBer und I^ind 
zu bedeutcnder StUrke oft anwHdist. Seine Wirkung ist in dem veitaas- 
geschweiftcn Hand des I^thraus nach Siiden unverkeniibar. 

Die vorsteheude Tiieorie bildet, glaube ich, keino unwiditige Ergilnzuug 
zu den YorsteUtingen liber Gletscberwirkungen. 

Gletscherdelta nach 

So raachtig ist die Wandlung, wdcho die gegenwartige gcologische Eporho 
an den Gletschern unserer Kiiste bewirkt hat, dass uus kaum Spuren ihier 
friiheren Herrscbaft bleiben. Ja man kttnnte sicb yon ihren frfiheren Wirkungen 
kaum eine reclite Vorstellung machen, wenn in siidlicheren Brciten nicht nocb 
heutc klimatologische Vcrhaltiiisse fdtbestiinden, welclic dencn dor rnstphocan- 
zeit analog sind. Man ntuchtt; versucht sein, an ein Fortbestehen dieser Epoche 
in gewisBem Sinne in jcnen Gegenden zu denken, die neben ihren nngehenren 
Gletschern eine tropiscbe Vegetation, cine spitrlichc Fauna und einen oder den 
anderen Baum aufweisen, dor audi fossil gefunden Mird. Eino niedrige, 
gleichfurmige Teuiperatur, reidilidie ^Niederschlage und ein fast das gauze 
Jabr fiber bewSIkter Himmd sind die meteorologischen Phftnomene, welche 
▼om 4G^ stidlicher Breite an vorherrschen. 

Untcr don Gletschern kann der mehrfach schon gcnannte von San TJafad. 
welchcr vom San Clemente-Vulkan herabstdgt} als das Mister eines Eisstroms 
der Gladalzeit gelten. Darwin') nennt ihn einen der merkwurdigsten in der 
siidlichsten Zone und niromt ibn zum Ausgang fiir seine genialen Beobachtungen 
iiber Gletschererscheinuugen. Leider konnte er ihn ebensowenig wic ich aus 
der Ai'ahe untersucheu. Dagegeu war mir auf den ersten Biick vou dei' nahea 
BSefiwtwbai aus Mar, dasa die Ton ihm bergetragenen Schnttmassen die Cor- 

iHn wftre das aabmarine Gletscherdelta des Oeographen. Weiterhin warden wir 
nos Riit «hiein itnderen Gletscherdelta m beschliftigcn haben. 

-i Zu lit r Aiis.umnhin^' der Oewiissor nm iloti < U.'t-clirifii-s, w^rauf CB hicr wesentlich 
aDkotiitiit, trug wahrscheiiilich aucb die Aazitibujig, wdcbe uacb M. A. l'«nck das £u aut 
benachbart« Wasser iibt, da» iluigfl boL Vei^gl. dsraber einen Aufsate von A. Lspparent 
ia Bevue Acicntiiiqae, Paris 188J^. 

») L c, t I, p. 279. 

«) 1. a, 1 1, p. m. 



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GleticherphlUiomdoe im sadlichen Chile. 



dillera mit den gegeniiberliegendcn Inseln durcL cine llaclie Bank veibunden, 
velche dieso Bai von dcr Penasbai scheidct. — also dasselbc Vorkommiiis, wie 
ich cs oben fur die Laiulenge von Puerto-Montt wahrsclieiiilicli gemacht. 

Und zwar ist dieses die einzige Unterbrechung dcs Binnengoit'es , zum 
Kachtcil der Scbiffahrt, welche sich dadurch ihren Weg in geschiitztcn KauiUen 
Ton Chilo^ nach der Magellanstrasse verlegt sieht, was darauf schliesBea Ifisst^ 
dass dieser Gletschcr obcn dor griissto ist , der in seinem Hintergrund die 
meisten Schneemas^i-n biri:t. Tn der That konnto icb bonbnchtnn. dass der 
San Clemente-Vuikan iin SUdsUdosten mit einem Zug sehr holier und voU- 
kominen Tereclineiter Berge in Yerbiodung Btebt*). 

Dem treftlicben Kapitan Simpson endlich gluckte es, den Scbleier zu 
lUften , wolchcr dii^ Pabrten von Bartolome Gallardo tind Antonio dc Vca, 
sowie der fcJchitVbriichigen des „Wager" umgab und die „Lagune San Rafael'* 
Bowie die Landenge Ofqui^) d&r Jesuiten- und Franziskanerniinioiifire in ihren 
geograpbisclien Einzelbeiten zu erfasscn, 

Nach Simpsons Karte befindet sicb auf dcr etwa 40 km breiten Land- 
enge der San Hafaelgletscher, dcssen freies Ende als Halbinscl in deu um- 
gebenden See vorragt. Das wSre ganz das Bild, wie wir es oben iiir den 
Llanqiiihne-See wahrend der Gladflkeit entworfen haben nnd woranf hier ver- 
mesen sei. 

Der See muss einc betraclitlicbe Tiefe haben, da Simpson iu 101 m 
keinen Gnind fand. Es muss tberrasehen, dass er also an Tiefe die Ele&nten- 
bucht, welche seinen Ablauf aufnimrot, ubcrtriiTt. Wahrscbeinlicli ist die Tiefe 
dieselbe wie im P> na^-Golf, was einc weitere Analogie mit dem Llanquihue-See 
und dem Kelonca.vi-Busen begriiudet. 

Ich yennute, dass dieses hohle swiscben zwei Heeresbuchten mitten inne 
gclegonc Scebecken friiher einen Teil des Meeres aelber gebildet hat, gans 
wie ich es obcn abgeleitct. 

Auch bestatigt sicb bier die weitere Bedingung, dass das freie Ende dcs 
Qletsdiers an der Stelle, wo er aus der Felssohlacht, in der er gebettet liegt, 
herrortritt und einc horizontale Lage annimmt, von i n i:: durch sein Sclimelz- 
wasser bililctoti See aufgenommcn wird. Dasselbe ruht also niclit auf festen 
Oder sumptigea Boden , wie mau bisUer aunabm^). Dass aber dcr Glet^cher- 
fuBs seinen Schutt nicht unmittelbar an seinem Ende absetat, diirfte sicb aus 
der starken Strom ung erklfirm, welche der schmelzende Eisstrom in dem 
ebenen Wasserbecken bcrvorrtift. 

Ein von eiuem Gletscher geuabrter See, welcbcr seine 
Wasser durcb einen kurzen Flusslanf zum MeeTe sendet: 



') Clemeiite ist moincr Meinimg nacli d' t richtige Nanif! dossolWcn Vulkiins. den 
ui>'iu uavergesslichor Reii^obegleiter Fcanciscu liudnon Sau Valentiu Uvufte. Wonigistens 
keiint Ovnlle bereits j«Ben enteieu Nanum, ebenso Falkner, and Duvin leieknei ilu» auf 
der Karte sn sewer Keite eiru 

Pet«*niuufin nt im Trrtnm, wenn «r «nf teiner Ewte von tSOdamenka sw«i Tenddedeae 
Vulkane in ^.n iiiiu'''r Kntf'i run!';.' von einanclcr ausetzt. Nur der siidliche lit wirUich vol* 
baitden uiid iinn komnit nach Frjoritiitsrecht dcr Name San Clomente zii. 

•) Ofqui naunten die Missiou3.re den Landstreifen, welchor deii San Rafacl-Sct \nm 
Lqobs- odor San TadeofluRH trcuut. Der 8«e sdbst steht dorch don 'rem])anoaflu«8 mit der 
Kle^nfenbni in Verbindung. Auch der San Tadeofluss echeint nach dem, was derRobben- 
irmu'i'il^.ijiit.'lii Mi'rks Siinp-wii crzalilti^ in cineni -''iiit'ii T'rsprung v.u ii^'linifii. Die 

wirklukti Ejigu /.wisclieu lui'len Meeresbuchton ist • l»cd( utcud breiter, al- dm iM>j:entliche 
Ofqui-Knge. 

*) Vidal Gomiaz schliosst aus der Beschrcibung des Gletficbera in de Yea's Reise, da^ 
denelbe fraherhin nidit in den Seo voiragt^ und erst nencrdings so ricsig gowachsen sei. 
Au« de Vca's \Voi t<'ii: i-ioinedio de la laguna il-'-i ubn nn abni (luo to<l'> ctuiiifo se ostciuliii 
la vista, ae veia uti \ futiisquero de nieve que torre dendc la plaja la tiorra adentro' iasst 
eich ilieiscg inde^--' ii nicht dirckt abldten. Aus einer anderen Stclle orhollt, dass er des 
Gletachers scbou in bedeatender Kntti-mnng, bevor er bis /.um See vordrang, ansichtig wurde, 
ebenso wie ich ca 1857 erfuhr. Sicberlich bilttc er dcusulbcu nicbt orblickt, weun seiu 
ireiea Sade nicfat eb«uo wie bente aui der Thabchlncbt hervorgeiagt bfttte. 



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Gletscherpbiaiomene im sAdUchen Chile. 



65 



das ist in Kiirzc der Ausdruck fur die Verhiiltnisse von San Rafael. Wenn 
der Gletscher in ein tiefes Mcer miindet, in welcliem seine Scbnttmasaen spur- 

los versinken und seine EisschoUen frei liinausschwimTncn, bictct or niclits Be- 
sonderes. In eincm flachcn Meeresarm dufjei^cn, der gci^en die iiussere 8oe 
durch einen luselwall abgegrenzt ist , entsteht aua deni Schutt eia Seeraad, 
au8 welchem die W^ser nur durch eine kurze schmale Oeifnung austreten. 
Der roissi nde, jedocli fur Boote schiffbare FIuss erreicht das Meer nach 
kurzom gewundenen Lanfe (lurch das von rrlct'sclicrsclioffor cf ldldett Terrain. 
Der Tempanosfluss fiihit schuiuunende Eiabtigc (daher aciu xsame „teaii>ano-' 
Scfaolle) m» in die Ele&ntenbai, in welcber wir, wie zum Ueberfltuse neben 
diesen nierkwlirdigen Bildungen , auch dein ohen erl&uterten PhSnomen der 
fisoherzaunartigen Palissaden (..corralen") bc^egnen. 

Die ganze Erscheiimng zusamraen bildct aber in ihren wesentlichen Zitgen 
nacb meinem Dafurhalten eine neue Art von MUnduug, welche einerseits dureb 
das mangelnde GeHille des Gletscbers im Niveau des Meeres und inmitten 
seiner eigenen masspiihaftcn Aiifscbutttinf^nn . andererseits durch den sich ver- 
andernden Aggregatzustand dessciben bednigt ist. Er schmilzt voUends in dein 
von ihm selbst gebildetcn See und verliisst diesen als Fluss. Der See ist als 
Zwischenglied zwisi In n ))eido cingesclmltet. Durch diese unzweifelhaft typiscbe 
Anordniing ist die Miindung des Gb'tscbors cine wesentlich vorscliicdeiic von 
der (.'ines Flussos oder auch andcror Fliissigkeiteii, wie z. B. der Lava. Dieses 
eigenartige System der Mundung unterscheidct sich auch scheniatibch von dem 
Delta der Flfisse ; da« J der letzteren pasBt nicht auf dieeelbe. Man konnte 

«in Schema dieser Htlndung ans den b«den Buchstaben M und T ab f 

xnsammenBetzMi. 

Verscbieden von einem Fluesddtat welches sich von seinem Anfang an 

erweitrrt. scbliosst das Gietscherdelta, in wrlches von hinten btr der Eisstrom 
vorstosst, zu einem geschlossenen Bccken zusaramcn. aus dem dann wieder pin 
schmaler Fluss seinen Ursprung nimmt, urn vielleicht an seinem £nde eiu 
sekundires vabres Flussdelta za bilden. Stebt diese Bildungsweise anch beute 
anscheinend vereinzelt da, so besass sie doch zweifelsohne in friiheren Zeiten 
cine weitc Verbreitung an der chilenischcn KUstc, welche ihre Aufnahme unter 
die Ublichen Flussmiindungcn recbtiertigen diirftc. 

Der San Blafaelgletscher liefert aber auch noch den Schliissel zu einem 
andoren orographiscben Problan^ das wir bier wenigstens andeaten wollen. 

Sowohl eine Skizze Darwins als die Karte von Simpson lassQt erkennen, 

dass dicser Gletscher in seinem untercn Teil sich in zwei oder mebrere Armc 
spalteti von deneu der eine im San Kafael-See, der andere in Kellyhafen 
mflndett. Simpson glaubt aucb, daas der von ihm am Huemulesfliiss entdeckte 

Gletscher „das Ende einer grossen EisHiiclic bildet, welche bis zum Penas-Golf 
rrirht.'' Wenn diese Ansicht sich bestiitiqt. m hat dieses Eisfeld die riesige 
Ausdehnung von 167 km. Es scheint, dass der Zentralstock des San Clemente, 
der mehrere Gletscher in vcrschiedenen Bichtungen ent^sst, in der Mitte 
desselben liegt 

Diese Gabelung ist ein nener auszeichnender Zug, der sich allein aus 
den ui urcM in Bewegung bcgriffenen Eisin i>isen erkliiren liisst. Nach 
moincr Berccbmnig') ist der San Rafaelgletscher da. wo or in den See eiu- 
tritt, 500 m lioch , nach Simpson^) misst cr weiter nach iimen 700 m. Man 
muss sich denken , dass der Gletscher bei seinem Anwachaen den Pass nach 
einem seitlichen Tbal iiberschritten und bei seinem Erguss in das letzterc die 
nrsprong^che Scheidewand allmahlich weggeschlifien hahe. In einem durch 



*) Chile eo la Actaalidad. p. Iti. 

^ Anaario Hidrogr&fioo, i 1, I87S, p. 188. 



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GlctacherphHxkomeno im siidlichcn Chile. 



Shm- and nicht dutch Gletsebererosion gebildeten Land ware eme Bcdolie 
Bildnng einfach unmoglich. 

Das<!elbo Vcrhliltnis wurde obou bereits fur das Petruhiictbal in Anspruch 

fenommon, welches eiuerseits uach dem Eeloucavifjord, andererseiU uach dem 
ilanquibnesee sicli dffnet In anderon Fjorden, wie in denen von Jacaf und 
Aysen lagern Inseln vor dem Bingang. K&nicn diesc alten Grletscherbetten 
aber einmal aufs Trockene an li^n, 80 mQsaten ste dftBaelbe Schanspiel der 
G&beluug bieten. 

Mocbten diese gkhszenhafteoi AoilBetchnuDgcn dazn bcatragcn, das Interesse 
flir jenc Gletscherwclt im Siiden, welchcr leider so unTollBtaudig erforscht ist, 
ncu zu bcleben. Dann konntcn meim: Heobachtunpron . so 1 i k nbaft sie im 
eiozeluen sind, und meine Thcorieen, die ich im Vorstehenden cntwickelt 
babe, dazu berufen seia, im Dieoste der Wafarheit das ihrige zur Losung so 
vichtiger Probleme zn wken! 

Taltal, Mai 1889. 



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Geologische Untersuchunyen ties transkaspischen Gebietes 

im Jahre 1886. 

Ana dem RaMuchen ttbeneUt and beqprochen von 0. Eeyf eider. 

Auf WuDBch des Erbaaers der transkaspischeii Eisenbfthii, des Greneral- 

leutnant Annenkow, entsendete im Spiitsommer 1886 der Professor am 
Bergkorps Herr Mucchkolow zw{^i Rorfj - In^enictir - Aspiranten , die Herreii 
Obrutschew und Bogdanowitscii nacii Transkaspien , von welchen jeuer die 
Ebene^ dieser die Gebii^ su antenuchen untOToahm. Die Resultate stnd 
in zwei gedruckten Referaten') als „vorliiiifiger Bericlif* iiiedergelegt und in 
Form von einer San)nilnnj? von Spccimina dem praehtvollcn und reichen mine- 
ralogischcn und geologitjcheu Museum des Bergkorps zugescUt Dieses sind 
die Dokumeute, auf welchen vorlief^endes Refer&t sich baaiertt da die eigenea 
Beobaclitungen , wiiluend eincs Feldzuges und vorzugsweise unter den Kugcln 
dos Feindes geniaciit, durch keinerloi rntusuclnuipjtn kontrolliort wordon 
koiinten und aucli die weiteren ^iachrichten , wciclie mir seitdem zutiiessen, 
nicbt wisaenscbaftUcb begriindet sind. 

NacIi Bogdanowitsch wlirde der ganse Gebirgsstock ▼om Snden des 

Kii'-iiisdien Meeres bis zum Paropamisiis und zwiscben Atrek und der aralo- 
kasjtischeii Ebene von don F'iijirf bnrcnen als Kopot-Dag oder Cborassan'sche 
Gebiige bezcjcbnct, wiibn^nd wir bisber gcwohnt wuren, iiur den Kamm zwiscben 
den Meridianen von Bami und Duscbak Kopet-Dag zn iiennen mit Ausscbluss 
des Kjuren-Dag, des Syntgebirges , (b s Fllsros, der Boecbutberge und der 
persiscben Bergziifrn. Bei seinen Untersucliungen bfobachtet B. eine dritte 
mittlerc Eiutcilung , indem er die Gebirgskette vom Meridian von Kisil-An\'at 
bis ztt dem von Dnschak unter dem Namen Eopet-Dag in den Bereich seiner 
Bereisung und Untersuchung zog. Aucb scbrcibt er ausdriicklicb Kisil-Arwad 
statt des tnrtarisch richtiGrrn Kisil-Arwat (rote oder goldene Burg) und 
zwar weil im olhziellen Kanzleistyl das d allgemein statt t eiugefiilirt seL 
1880 und 1881 scbrteben wir ofBziell und allgemein Arwat, bei welcher nacb 
der Ausspraclie der Asiaten richtigen Schreibart die Gelcbrten wohl aucb 
verbarren miisseu, bis sie auf der Basis von bewahrteu Qriinden eines Besseren 
belcbrt werden. 

Kacb Bogdanowitscb ist das System des Kopet-Dag als eine Reibe voii 
Falten zu betracbten, welche mebr oder weniger konstaut gegen Norden geneigt 
sind. znin Tcil parallel in einer Ricbtnn;? von NW. 8 — 9 h SO., toils sicb an 
ibren Kndpunkten begegnend und daun divergierend unter einoin Winkel in der 
Ricbtung SW. 4 — 5 b KO. l)ie Bestandteile dieser Falteu sind Saudsteui (^(jlau- 
conii), tonhaltiger Ealkstein und kompakter dunkelgraaer Kalkstein (Ganlt), be- 
deckt an dem NO.-Ende des Gebirges durcb buntcn Morgel und Muscbelkalk. Im 
y W. zum Teil scbon in den Thfib-rn d<^<j Suinbor und Tsrhendyr be,s:ni?net man 
Ivieidemergcl (Scnon), welcber direkt uui dem Gault autiiegt. Im Siiden der 



*) ef. Kadurichten des Oeolog. Kom. fid. TI. 1887. Nr. 8— S. 



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68 Geologiscbe Untenuchungeu des transknspischen Gebietes ini Jabre 1886. 



Th&ler des Atrek und des Kachef-Rud weichen die Kalkformaiionen des Ganlt 

vor den kieselhaltigen und tonhaltigeD Kalksteineii ziirlick, welclie ihrerseits auf 
krystalliiiischpn Ka1k^,M steincn nnbestimmten Alters ruhen. Unter diesen ver- 
schiedenen Kalkfoniiiitionen komnien auf den liochstcn Berggipfeln devonisches 
Kalkgestoin za Tage, welches seinerwits ftvf Talgschiefer lagert (die Gebirgs* 
x.Uge Ton Binalew und Alla-Dag). Eier sieht man audi Diabasengesteinei 
Porphyre, m Tape ti * ten. welche ge^en Suden in maclitigeii Masson sich aus- 
breiten und iumitten von Ton und buntem Mergel Berg-Gruppen und HoUen- 
Ziige bOden. 

Der KopelrDag bildet fUr das Aiige eincn langen Bergriicken mit Tiel> 
fachen Kuppen nnd Tbalschluchten, am Nonlaltlutng kahl , auf den Hohen 
mit vereinzelten Wacbolderbaumen bcstandcn , am Siidalib iii? :mt Busch und 
"Wald bowuchseu, Der Nordabhang des Syntgcbirges i^>i imt kui^om llaseu, 
veiter abv&rts mit bohem Gras bedeckt, der Sitdabhang mit Laubv&ldern, 
die im Thai sich in Feigengebiiscbe und Granatengruppcn verlieren. Dieser 
ganTic Siidabhang hat sdiwarzcn Humusboden, der im Thalc des Sumbar und 
Tschendyr so iippig vorhanden, wic in den JSuliwarzerde-Cjouvernemeuts des 
s&dltchen Russland. Es sind das, beilSofig bemerkt, die Strecken, welche 
nacb General Arjeschewskjs Plan mit Kosak^ besiedelt wcrden sollcn. ^ 

Nach B. niiliert sich die Struktur des gp^amten Ko[)et - Dag - Systems 
am mcistcn der hetrromorplien Bandstruktur , hervorgerufeu durch laterale 
Pressiuu iu der Kichtung von SO. uud j^^W", 

Die Eatwiokelnng der krystalliniadlien Gesteine im Siiden der Region 
der mctantorphisdien Bildung bedingt zom Teil den Weehsel in der Orograpbie 

der Gebirge. 

Die bebauten Territorien am Nordabhan?^ des Kopet-Dag, nilmlich die 
Acbal- uud Atek-Oasen, kiinnen ihrcr Bcscbuilenheit nach durch artesischo 
firunnen bewSssert werden. Gegen diese Ansicbt B.s babe ich einige Be- • 
denken zu Sussem. 

Obrnscliow tcilt das Fhidiland, Avio w'lr Alio, in WUste und Lehmstr'ppc ; 
die b t/t. '-r iu bowaciisene, s iizifje mid Tokyr. Hiermit bezeichnct man d\e 
von uur Iruiicr (Globus 1881) und neuerdings wiedcrholt beschriebenen, parkett- 
artigen, glatten, absolut Tegetationslosen randen Lebmspiegcl. Die Lehm* 
steppen, zu weichen audi die Oasen gebtiren, bilden ein sclnnales Band liinjis 
des nordlichen Abfjills des Kopct-Oap^. Die Sandwusteii sind schniale Fait- 
sctzungcn der grossen Wiiste Kara Kuia, wekhe allmiihlich nach Siiden fort- 
scbrcitend schroale Gfirtel zwischen den Oasen und am Meeresufer bilden. Es 
gicbt nur oinzelne Strecken beweglichen Sandes an der Jlidiaelbuclit und vor 
dem Amu Darja, bier bildet die Region des Flu^'sandcs eine Keihe vnn 
typiscbeu Barcbanen (Balkan, Baichan, Borchan bedeutct alles Erhuhuugen) 
in der H6be von 6 bis 8 m. Sie bilden ein vahres Meer wellen!brmig«r Er- 
hohungen. „Der Sand des Ostendes der Provinz, zwischen Irdsdu n. Murgab 
uiid Atmu Darja besteht aus Flusssand , cntstanden hus Depots von Ueber- 
scliwemmungen. Die toiiartigcu Bestandteile dieser Depots sind vom Winde 
entfShrt nnd am Fuss der Qebii^e als Loss wieder deponiert (?), wahrend der 
Sand zuriickgeblieben sdn soil." Gegen diese Hypothcsc babe ich nach meiner 
Erfahrung einzuwenden . dass die mebrtiigigon Stiirme Tv'hmstaub und Hand 
in grosser Menge mit sich iiihreu, Ictztereu iu solcher Menge, dass in '/* Stundc 
die auf dem Tisch liegenden GerUte, wie Messer, Bleistift, Papier, Bficher, 
Uhr absolut zugedeckt waren und nur durch Tusten gefunden werden konnten, 
da«*< unsere Ta«:hcmilircn narh melirmonatlichem Anfeiithalt in Achelteku 
durch die eingcdruugenen Sandlciichen alle stillstauden und dass man aut den 
gesamten Hautdeckcn, wie im Auge und im Monde nicht nnr Staub, sondem 
deutlich Sand verspttrte. Es will niich iiberhaiipt bediinkcn, dass der lockere 
Sand mebr vom Winde erfasst und fortgetf ieben wird als der kompakte Lebm- 



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Oeolqrisehe tJaimrmehuiigeii <Im tmukuqiiaolieii Qetiietes im Jahre 1886. 69 



bodcn . wenn Iftzterer nidit vorher giiiizlidi aus<j;ofrf»cknc't . dann zerstainpft. 
gplockert und pulvt'iisiert ist. Das thuii nun allerdings wilde Eseiherden 
und zahme liiuderherden niit ihrcn Uutcn und die zahlrcichcn Ziselmause 
donsli Untngrftben, jedoch immerhin nicht in hinreichender Menge, urn dieses 
PMnomen zu stande zu bringen. 

Dio S:=ndbarchane lialx^n die Teiidenz, sich zur RegcnzGil dos Friililings 
mit einer bandflora zu liodeckeii. unter wcli licr Epilobiori. Saxaitl'' fllyloxylon 
AmodendroD), CoUiponum und selbst die Taiuaiixstaude vuikoiiimt. Die drei 
letsteren Pflanzen senken ibre Wurzeln tief in das lockere Sandgefiige, bleiben 
perfniiic'iend an Ort und Stelle, wachsen und bilden den fiusseren Scbutz wie 
das iniiero Verbindungsmaterial , urn den Sandhiigeln eme gewisse Konsistenz 
zu verleihen. Feinde dieser pflanzlichen Schutzdecke sind ebenfalls die Zisel- 
mSuse, die de untergraben, und grosse Scbafherden, welehe den Pflanzenwochs 
zerstoreu und mit dnn Hufen herausscharren. Hat der Hiigel seine Pflanzen- 
decke verloren und zuglcich nicht mehr das lebende Pasergeriistc im Innern, 
80 wird er wiedcr eiu Spiel der Winde und kann von cinem einzigen August- 
etnnn deplaeiert werden. Ihre Bew^liobkeit ist so gross, dass sie nacb £jon> 
scltiti und Obolensky 8 bis 10 Faden weit fortbewegt werdm kdDueii in 
24 Stun den-). 

Der den Amu-Darja umgebende Sandstroifen , nampntlich der am Siid- 
ond Westut'er an der Stelle ausgebreitete , wo i'riiher der immer mehr nach 
Osten riickende Strom sein Bette batte, besitzt die Eigentttmlichkeit, dass er 
beim Steigen des Wassers im Oxus, an-? seiner Tiefe, wie aus einem Schwamm. 
Wasser treten liisst. Dies T^roi^ni'? trifft rait der Hiihe der Frlihlingswasser 
zusammen und fallt in den Mouat Mai. Als im Friihling 1886 die Mitglieder 
der Grenzdeliroitatioii ihre Lager in der Nfibe des Amn Darja aufschlugen. 
80 waren sie, Russen wie Englandcr, nicht wenig erstaunt, eines Morgens bei 
reinem Himmel und trockoner Lnft Wasser aus dcm Boden innerhalb und 
auaaerhalb ilirer Zelte sickern zu sehen. Sie versetzten ihre Zelte mehrmals, 
weil das PbSoomen sich immer weiter vom jetzigen Bette des Ozoa bin aus- 
dehnte und waren zuletzt genotigt, in der wirklichen Wfiste zu lagem, um 
dem Wasser zu entgehen. Es scheint dies ein Beweis dafiir, dass das altc 
Bette des Amu nur oberfiiichlich versaudet ist und in der Tiefe nocb immer 
den Waasera dea Stromes zugiinglich bldbt. Diese Notiz verdaoke ich dem 
Obersten Kulberg, Mitglied der Grenzkommiflsion, und dem Grsfen Mnrawiev, 
Hitglied des Stabcs des General Aniienkow. 

Die nisternen und (^uellen ( Brunueu) liinp^'-^' 'I r K:tr i w-inenstrasse, welclie 
so Ziemlich luit der jetiigen Eiseiibahn zuaamnieulaiiL , smd dem beigelegteu 
Ymeichnis geroSss tefls stlsswasserbaltige, teils sabiige, tails wegeo oi^aniscber 
erdiger Beiraiscliungen niclit trinkbare. Dicselijcii sind sn>;s\vasserh;ilti;,' , sn 
weit der Boden von SiisHwasserlltissen ausf^ewascheii und tiltriert wird, salz- 
haltig in den ausiiusslosen 8teppen, welche von keinem fiiessenden Wasser 
ausgelaagt werden und daber ihra Salze behalten. Diee Verhalten des 
Bodens und Wassers ist bis auf einen solchen Grad konstant , dass auch die 
artesischen Bninnen in den abflusslosen Steppcn k "in andercs als salzhaltiges 
Wasser geben, also fiir den Genuss unbraucubar smd. lui Ubrigen bcdiirfen 



•) Der Saxaul, Amodendroii H^loxylon, ein Zii^rf^tranch in Europa, ist das vorbreitotati' 
G0Wftoh8 im Oaten, velches Qberali da vorkotnmt, wo imdere Pflanzen nicht mehr gedeibeo. 



dea ffiedmebi dekTotkomok, im IiMiitan, am Tacbomch, in Batono, in Poti, am Rhion, 

in. Tiflia, in Eriwan, iu Ygdir am Fusse des Ararat angntroHvn. 

^ Naoh dea allerdinffi nicht eb«n aehr zaveri&aiigen Nachrichten dor fiiageboreneii 
bewegen lidb die weniffer flflebtigea SoadnuuKoa hi einem Jabrimndert nm 5 Went (6 km) 
Oder um 5 Fndi^n in einem Jahre. Die Eieenbahn wird Anlaes and ICdglielrkeit to. enkten 
Beobacbtuagen geben. 




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70 



Geologuche Untenuehinigen An tnuitkaapischea Oebietot im Jfttira 1886. 







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Q«oWgiwlie UntenuclniDgeii <l«i tvu«ka«pMd)«ii Oebiete* im Jabre 188^ 



71 



die Oisternpn nebon oiner rationellcn Anlage anch des Ausbauos mit Stcinen 
und des ^chutzes rcsp. der Aufsicht. daiuit sie nicht durcli Eiudriugen orga« 
niecfaer SnbBtavzen Teninreinigt werden, die Binder nicht durch lierzadrSngende 

Herden zum Einsturz gebracht und so die Brannen moglichcrweise ganz ver- 
schiittet werden. Periodische Keinigung voni zugewehten Sande , liineingofal- 
lenea Tierleichen, Ptlanzenteileu ist ebenfalls notweudig. Eiuzeine Oisternpn 
der Wiiste Kistl-Kum stammen aus uralten Zeiten und werdeo noch heutigen 
Tages dnrcb ihrc massive Steinfiuaung in brauchbarem Zustande erhalten. 
Dies ganze Gebiet der Wasscrvprsnrgunij und AVasscrersparni?;, der Anlegung 
und Bewahrung von Cisternen und artesiscUen Brunncn, der Berieselung und 
Eind&mmung der Ueberschweininungi :ii ist den jetzigen Besitzern und Kultur- 
tragern als ein weitcs Feld der Verbesserang und Bereicheruiig vorbehalten. 
Der Boden dor nicht salzhaltigen Steppen , weldu r iiach Aimcnkow und 
Obrutschew reich an Loss ist, ist so fruchtbar, dass er das 150fache vom 
Kom giebt , selbst bei der jetzigen unvoUkommenen Bebauung. Ein grosser 
Teil der bis jetzt abtlu>.s]o8en Steppen kann aber nach meiner Ansicht durch 
Irrigation entlaugt und der KiiUur gowonnon werdrn. 

Dagegen habcn die Bobiuagen aut artesische Brunnen uberall Salzwasser 
ergeben, selbst in einer Tiefe von 312". Solcbe Bobrversuche wurden gemacbt 
bei Mclluh-Kary in der Kiihc des Meercsufere und im Tokyr bei Karabcnt un- 
weit des Tedsclieii. 01) dies uls Zeidien anzuspreclien ist, dnss liier friilier 
Meeresgrund war. ol) es mir direkt"- Fol^'o der AbHusslosigkeit der El)eiie ist, 
lasst sicb noch nicht entscheiden. Die L iittrsiuchungen siud nicht voUstandig genug. 

Tabelle II 

einiger vou Douilow gemachteu Hdhenmessungen langs der transkasp. Eiseubaho. 



Oertlichkeit 




Ocrtlichktit 



FaUen 



Wasaerspiegeld.Kaspisees | 0 

Kisil-Arwnt 56.70 

Asrimhul 117,00 

Kaaehka 158,57 

Duschek 136,89 

Takyr 106,04 

Korrybeet 102,46 

Gok-Sujur 1 103,10 

Dschn-Dechn-'Kli . . • 1 106,51 

Kulan-Robat 101.79 

Dort-Kuju 103,99 

Topas 110,97 

Mertr 120,60 

Alt-Merw 127,84 

Hochste Hohe d(M- Sand- 

wellen, Sandkamm . . , 127,74 

KeltBchi i 120,58 

Rawina (die Ebene) . . i 100.04 
Sandkainra 114.98 



Utsch-Adschi (Station) . 105,18 

Sandkamm i 10,5.16 

Sandkamm | 110,U<) 

Repetek (Brunncn) . . I 105.53 

Sandkamm | 116,43 

Senkujii; . . . ... . | 106,27 

Sandkannn 1 14,78 

Ischan-Robat ..... 108,50 

Sandkamm j 113,46 

Salim Kuju | 106 .'5 

Sandkamm 111,90 

Ebene, 10 Werst laug . i 106,12 

Tschardscbui 1 105,65 

Horizont d. Herbstwassers 106}47 
Horizon t des Friihlings- | 

wasser-s i 107,20 

Lebendige Scheide dea 

Stromes 577.75 Q Faden 

Abfluss von Wasser in 1" 247,63 KT-Faden 
Utsch-Adschi (Brunncn) . 103,85 Bei einer Sclmelligkeit von j 3' in 1" 

„Sandkamm*' nach der Analogic von Wollcnkammeu. — AbUuss = Fiille, 
eoviel Wasser als vorfiber fliesst — „Lebendige Scheide des Strome»**, kann dem 
Wortlaut nacli WasBemheide aber anch Durchschnitt bedenten; voatebe ich 
nicbt, und Anncnkow audi nidit! 

Die Hohe ist nach dem Wasscrspiegcl des Kaspischen Meeres beniesson 
and in Faden angegeben. 

6* 



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72 Geologiftohd Untexcocbongen des tnuiBkupiBcban Qebietea im Jahre 1886. 

Was die nutzbringeruleu uiid wertvollun Mineralien betrifft, so baben die 
Toriftiifigen geologischen nnd niiiieraliscbeii Untenuchttngen ridi nicht spezidl 
damit befasst. Die Salzlager in den Seen auf dem Badchysgebirge aiad aeit 
Urzeiten bekannt iind sclion von Konschin und Lesser beschrieben worden. 
Obrutschew fand in den Scblucbten von Bara-Germab und von Suiiagar Schichten 
xeinen Qipaes in emer Diohtigkeit tod 8 bis 10 Fnsst die aUer Wahndiem- 
lichkdt nacb f&M starke Ausbreitung hat und von vrelcher cr annimmt , dass 
sie unter sich in mussiger Tiefe ein Steinsalzlager birgt. In dem Kurgan 
(Hugd) bei Iwam-£aba am Murgab fiodet sich ein Salpeterlager. Doch ehe 
man sich fiber Bdne Bedeutung aussprechen kann, haben noch genavere Unter- 
suchnngen vorauszugehen , ebenso beziiglich der Kurgane von Anau, welche 
Bogdaiiowit'if h besucht hat. Die mlichtigen Naphtliaquellen dcs Buju-Dag 
und jS aphtha- Dag , sowie der Xnsei Tscheleken, diese wicbtige Succursale ftir 
die Benebung nnd Beleuchtung der tniDskaspiBclien Eieedbalm, entbdureii 
cbenfalls noch einer genaueren wissenschaftlichen Erforackung, sind jedoch 
durch Eulirnngen ftir dip I'ntorsnchunp; zii.iianglich fremacht. 

B 1 e i g I a n z iindct sich 18 Worst im SO. vou Kara Kala in einer tiefen, 
Bofawer zugiinglichen ScMocht dee Knnnsmi-Dag. Die reichen Tfiridsgraben 
bei Maaden werden schon 1000 Jahre bearbcitet, scheincii aber auch heute 
noch ebonso ergiebig, wie vor Zeiten. Die nicht veit entfernten Kupferberg- 
werke sind gegenwiirtig verlasseu. 



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Osmond Fishers Theorie der Entstebuiig der Unebenbeiten dsr Erdrinde. 

Von Alwin Fiichflr. 
(SolihiM.) 

Nachdem wir so die Vorgange bei der Bildunpj eines Gebirges, im weitereri 
Siime ernes Kontiucntes kcnnen gelernt huben, iragcn wir nuuroehr mit Fisher 
nach der Kraft, die dieso Koraprcssion hervorgerufen hat. In dieser Angelegen* 
heit haben wir schon einen Schi itt pctlian , als es sich darum handelto, nns 
Aofschluss iiber das Innore dor Erde zu verscViaflTon. Wir sahen , dass die 
siikiilare AbkUhlung eiuer durchaus starren Erde die LIuebcuheitcn der Ober- 
flache nicht allein venmacht haben kann und schlossen daraus uud aus andern 
Griinden , dasf5 untcr drr Ki ustc cine fliissige Scliicht vorLanden seiii muss, 
Viel andors konne audi, so nieint Fisher, wie sclion erwahnt, die Abkiihluiig 
eincr iia allgcmeiucu t^larren Erdo mit iliiiisiger Schicht nicht gewesou seiu, 
doch iat daruber eine Entscheidung zo fallen vorlaulig onmoglich, denkbar 
ware es immcrliin. dass die Erde untcr der Kruste durcli Abkiililung scbrumpft, 
und dass so die Kruste komprimiert wiirde; die Yor^'ungo in der Kruste 
wiirdeu dabei ganz dieselben sein, wie sie Fisher in seiner Scholleatheorie 
dargelegt bat, die ja imabh&ngig von der Uraache der Horizmitalkraft gilt 
Ja diese Tlieorie wiirde auch zu Recht bestehen, wenn man sich die Erdo, 
wie Hitter und Ziippritz, unterhalb der Rinde in einem Zustand denkt, der 
vom dickfltissigen zura dunniiUssigen uud weiter zom gasfurmigen Zustand Uber- 
gAtf letsterer mit Eigeoisebaftra bebaftet, die man ebenfiUls ab starr beaeich> 
non kunute und wenn man sich dieses Innere nun schrumpfender Kontraktion 
durcli AbkUhlung unterworfen vorstellt. Freiheh erhebt sich bei dicsor An- 
sicht wieder der £in?rurf, dass dann die erzeugten Gobirgc dtterfurmig ver- 
laufini mOraten, ym da> acbon erwSbnt murde; und dieaem Umttande miaat 
Dutton in seiner eehon sitierten Beepreobung dee Fidiencben Buches groese 
Bedeutung bei. 

In tihnlicbem Sinne, unter der Annahme niimlich, dass sich die Erde 
nnterbalb der Kmste kontrabiert , also an Yolnmen verloren bat, wobei ibm 

allordings als Ursacbe die sakul n . AbkOhlnng iih ausgoscblosiai idbein^ nnter^ 
sucht nun Fisher, um welchen Botrag sich das Eidinnere zusammengezogon 
haben muss, weiche Kompr^ion die Hinde dabei erUtten hat, den heutigeu 
firiiebongen nnd Verliefangen der ErdoberflScbe gemSss. Wiedemm vird 
vorausgesetzt, dass die Schicht, die eine Kompresaion erleidet , sich nicht zu> 
gleich auch kontrabiert. dass Kompressions- und Kontraktionskoeffizient wieder 
dieselbe Zahl e bedeuten. Nun nimmt Fischer zuniicbat an, die Erdiinde habe 
ftbisrall gleidbe Btebte und die Ozeane verdankten ibre Bntetebung nnr Ver- 
tiefungen in der Kruste, letztere sei also hicr diinuer. Dann fiudet Fisher 
fiir e die Zahl 0,171. der Radius d« s Tniu rn hiittc sich dann um 1120 km 
verkiirzt, seitdem Kontraktion uud Kompression auf Erden tiberhaupt begonnen 
fiat Hierbei werden die frfiber aufgestellten Gleichnngen, wo es sicb nm eine 
S<dirumpfung einer durchaus starren Erde handelte, passend umgeformt und" 
es wird beriicksichtigt, dass wir es nicht mit oiner vcreinzelteu Scliollo, sondern 
mit einer die flUssige Schicht einhiiUenden und in sie teilweise eintauchendeu 



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74 Ounond flahen Th«orie d«r Eatotebung dar Uncbenheiten der Erdrinde. 



8choIle zu ibuD haben. JL)er Botrag 1120 km scheint Fischcm zu gross, aber 
er schliesst im Zirkel, denn er nimmt die Dielite unterhalb d«r Ozeane grosser 
an, als nnter den Kontinenten, findet cinen kleinen Eoeffiiienten und schliesst 

hieraus , class die Dulitc dcr Kiuste irnter den Ozeanen grosser sei als untcr 
den Kontinenten. Doch das mag ihm hiugehen, denn die Verhaltnisse scheincn 
ja den Lotablenkungen und den Untersncbungen von Faye gemass wirklich so 
zu liegen. 1: Im r findei also e = 0,0105 , d. h. der Radius des Innern bat 
sich um 67,2 km verkiirzt. Hii rdurdi wiudf also die,Kruste komprirniort 
und z\yar wUrde der Koellizient dieser Zusammondriickung 0.02 betragen, 
wenn man letztere als kontineutalc Erscheinung auffasst, also sicn denkt, dass 
sie aich ntir auf Fliiclien geSussert hat. die den lieutigen Kontinenten an 
Grosse ungefuhr gleichklimen. Daf^ heh^t mit imdercn Worten, die Kontinente 
sind im grossen und ganzen permanent und iiaben nur grossere oder geringere 
Verschiebungen, Oszillatiouen erlitten, ebcnso naturlicli die Meerc. Die letz- 
teran verdankten also ibre Entstehung der grosseren Diclito ihres Grundes und 
eincr allgemeinen Depression dessellu ii ; -aU sch^^•orero Partiocn werdoii die.se 
KrustenstUcke eingcsunken sein. Doch dariibt r zu entscheideu ist den (leo- 
logen vorbehalten, von denen eiuzelue, wie Dana, Murray und mil ihneu 
Fisher diese Perraaneoztbeorie vertreten, wahrend Soess*) der Ansicbt ist, 
dass diese Hypotlicsc mir l)is zur nicsozoischen Zeit oiiiscldicsslicli als geltend 
anzusehen sei . dass sich :ihei' iiber die Vorhaltuisse in fruberen geologiscben 
Zeitraumcn nichtsi die»bezuglicbes sageu lusse-j. 

Fisher denkt sicb etwa die Verhaltnisse wie folgt: Oeniass ein^ Zu* 
sammenstellung der Meerestiefm in 5 Rubriken: 

1. Ti^ TOn 1,6 km bis 3,2 km, 

2» » J! J^jS r 4,8 n 

^ * II 4,8 , 6,4 , 

*i ■ • M > ■ ^ 

5> ( liber 8 « 

wflrden die Gebiete t, als Fortsetzungen der Kontinente, 2. ak ebemaligc, 
jetzt untersceische, Kontinente 2U bezeichnen, heide als Gebiete anzusehen 

scin, die rlf r Knmprcssion nnt'Tworfen pcwescn odcr cs noch sind. 3. hingegeu 
wUrde die Obertiacbe der ungesttirten iiinde vorstellen, das eigentlicbe Normal- 
niveau. 4. und 5. sind dann Deprcssionen unter letzteres. Die kontinente 
samt 1. und 2. sind also Stauehungen der ehemals sicli wie 3. verhalten haben- 
den Kruste und haben durch diesen Vorgang von ihrer ehemaiigen Dichte 
eingebusst. 

Eine Ursacbe der Kontraktion des Slrdinnern unter der Kruste kunnte 
cine yolumenrerminderung der Hussigcn Schicht abgehen, henrorgerufen durch 

Vt'ihist an Wasscrgohalt. Diese Aiisicht, zu der man gelangen kann , wenn 
man bedenkt , welche ungeheuren Mengen von Wasserdampf bei jeder vulka- 
iiischen Eruption hinausgeblasen werdcn , wurde eine Zeit lang von Fisher 
vcrtreton. Aber er hat sie, durch eine Rechnung bewogen, die er in seiner 
Physsik der Erdrindo anstollte. fallen lassen. Selbst wenn man annimmt, dass 
sicli alle-i Wassur dcr O/.eane ehemals in der ,tliissigeii Schicht befunden habo 
und durcli das Eut\veichej» desselben sei die friiher berechnete Kompressiou 
e =0,0105 cntstanden, dann miisste diese Schicht eine Dicke ton 21000 bn 
besesseu haben, d. li. also, unsere Erdi- kann durch Wasscrverlust. selbst unter 
den gunstiq:stcn Bedingungen, nicht die tliatsiu ldicli'' Knmprcssion crzeugt habeu. 

Ill der Abkiihlung einer durchuus starren Erde, im V'olumverlust eiuer 
flUssigen Schicht durch Wasserabgabe hat somit Fisher keine hiureichende 
Kraft gefunden . die den Seitrndruck reprSsentieren kdnnte und so sucht er 
denn diese Kraft ia der Ei-drinde selbst. 

') GfoCTaph. Jahrbuch XI. 2'2-l. 

*j In Euglaad wird die&e Fcramneaztlieoric cifrig veutiliert, wio sich das »tts deo 
NDmmettt dnr Naturs vom 81. Nov., 5. Dez., 26. Des. 1880 eigiebt 



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Osmond Fiihen Theorie der Eototehang der nnebeahetten d«r Erdrinde. 



76 



Das VorhandeHsein so zaLlreicher , meist vertikal rerlaufencler GUnge in 
iiltei-en Gesteinsarten , die mit Material gerullt sind, das einst leurig fliissig 
war, f^hrt ihn auf den Gedanlcen, dass das Magma mit seineti WasserdSmpfen 
unter lioher Spannung hid iL i Hauptfaktor gewesen ist imd in diesen Dampfen 
8ucbt er aucli tlcn TTrheber iler (lol)ir^'sbildung und drr vulkanisclieii Tliiitig- 
keit. Bctrachten wir zuerst die Art uud Weise , wie sich Fisher die (iebirge 
dttrch diesen Seitendnick entttanden denkt. Bildet rich an irgend einer SteUe 
an der untercn Seite der auf der flii^sigen Schicht ruhenden Kruste ein Riss, 
80 wild liicr dur Druck vennindeit. d-T auf dein Magma lastet und der also 
gleich dem (iowicla einer Gesteinssiiule von granitischer Dichte und 40 km 
Hohe ist, d. h. rund gleich cinem Druck von 100000 kg auf 1 qcm. Es idrd 
Wasserdampf eintreten, zuni Tcil audi Magma, soweit es die Spannung des 
Daiiipfos zuliisst, die also nahezu gleich drr oliiirf^n Zalil ist. Fisher zieht 
nur A\'asscrdiimpfe in betracht uud das wohl mit liecht, denn bei vulkanischea 
Ausbriiehon entweicht ja hauptsSchlich dieses Gas. Der allseitig auf die 
Spaltenwiinde ausgeiibte Druck >Yird das Bestreben haben, die Spalte nach 
oben hin wtitcrzureisspn und die Spaltenweite selbst zu vergrossem. Erreicht 
hierbei der Riss die Oberlliiche nicht — den entgegengesetzten Fall werdeu 
wir spiiter ins Auge fassen — , so soUen durch diesen Dampfdruck die be- 
nachbarien Krastenpartieen komprimiert wcrden und sich so verhalten, besQg- 
lich voriiudern . wie wir das an uiiserer SchoUc salieii. Dio Spalten werden 
ihre Eiitstohun^ Gleich.ijpwicbtsstorunf^f'n der Kruste durcli Belastung mit 
Sedimenten verdanken ; /u bedenken ist ferner hierbtji, dass Sedimeutiirgesteine 
dnrch Druck und Hitte metamorphisiert, verdichtet, za kristallinischen Gebilden 
uingewandelt werden . sie verriiigi/rn also bei alien dicsou Yorgangcn ihr Vo- 
lumen, was nicht ohne die maunigfachsten Spriiii£rr> abgclien wird. Da nun 
die Sedimentation am energischsten an den Siiumuu dav Kontinento auftritt, 
80 ware damit die Neigung zur Bildung yon Kttstengebirgen nnd die Neignng 
zur Bildung von Gebirgen in Gebieten miich tiger Sedimentation iiberhaupt 
crklart, wie dns die ameriknriischen Geologen Hallf Huut, Le Conte ^hnlich 
scbou friiher ausgesprochen haben. 

Doch nun zurildc sum Vorgang in einer solcben Spalte. Am grSssten 
wird die komprimierende Kraft dcs eingeschlossenen Dampfcs sein, wenn die 
Spalte bis nahe an die Oberfliiche reicht, ohne dass naturlich Dampf ent- 
weichea kann, wenu aber zuglcich auch dem Magma iufolge der hoheu 
Sponnnng der Dampfe nicht gestattet ist, Ton unten einzutreten. Unter einer 
derartig gUnstigen Yoraussetzung und unter der Annahme, dass die Spannung 
der Dampfe thatsachllch cin Gebirge von bestiramter Hijhe oder gar alles 
Eestland der £rde aufgefaltet habe, stcUt nun Fisher eino Hechuuug an, urn 
zu ermittdn , welchen Betrag dieser 'Kraft das Ueberwinden der Schwere be* 
anspnicht. Wir sehen, bei der Gebirgsbildung hat die Kompression zu be- 
waltigen die Molekiilarlcriifte der Teilchon und ihr Gewicbt , unter letztcrem 
auch den Auftrieb der tiiissigen Schicht, der dem Hineiudrangen der Wurzeln 
widerstrebty mitvM^nden. Dann ergiebt sich, dass dasu nur ein ganz ge* 
ringer Betrag, etwa j I oder wenigcr, der ganzen komprimierenden Kraft er* 
fordorlich ist. Der iie4 wilrdc iibrig sein, um die Moleknlarkraftc 7xi bewfil- 
tigeu, er kann ako Biegungcu, Dehuungen, StauchungoUj Schioferung lieferu. 
l^rliert nun in einer Spalte der Dampf durch Brkalten seine Spannkraft, so 
wird das Magma Ersatz liefern oder auch selbst nachdr^ngen , wird aber 
8chlie5slich auch dem Erkaltcri crliegcii und wir liabcn so einen der eingangs 
dieser Betrachtung erwahnten Giiuge. Dabei leer bleibende £.ilume dUoncn 
zirkulierenden, mincralhaltigen Gewassem als Absetzungsgebiet und verwandeln 
sich in die verscliicdcntlichsten Gesteinsadern. Bei dieser Erkaltung der feurig 
fliissigen Spaltenfiillung kommt cin weiteror Tmstand hinzu, dass luimliuh 
Basalte im feurig fliissigen Zustande dichter sind als im festen, somit wie 
Wasser sich beim Erstarren ausdehnen werden. Dadurcb wiirde ein weiterer 



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76 



Omunid Fiahen Tlieom der £iit«tehang der Unebenbeiten der EEdrindfl. 



Zuwaclis der kompriQiierenden Kraft gescbaifen, der gar Dicht zu unterschatzcn 
ist, wird doch in einem vcrtikaleu Scbnitt durch die Erdrinde i;V dieser be- 
treffenden Fliichc von S^ialten beidigliclk ihren Fiillungen eingenommen werden, 
wie das eine Fonnel Fishers zu ervreison sclieint. Doch werden aridcrerseits 
eine grosse Anzahl der liier mit gerechiu'teii Sjjalten sich mir ganz am unteren 
Kando befiadcn, somit kuum zur Kompressiou ctwas beitrageu konueii. 

Han ffleht also, dieae Tfaeorie der Spalten ist recht epekulafiTer Katur 
und wenn man iiber sie ein Urteil fallen soli, so wird man zu abnlichen An- 
sicliten wio Fislier selbst kommfn. Meint er docb, dass cs sehr fraglicli ist, 
ob diese Tbeorie die Probe durcli Hecbnung bestehen wird. Vielleicbt ergebt 
68 ihr ahnlich vie jener ^ber die AbkiiUung einer starren Eugel oder wie* 
joier ttber den VolumTerlust der flussig* n Scliicht Und Fisber selbst bat in 
der zweiten Auflage seines Bucbes dicse Expansion als gebirgsbildende Kraft 
wieder fallen lassen und in ueu hinzugofugten Kapiteln'} scbon wieder eiue 
neue Kraft, die Stoss- oder DnicUcraft der KonvektioiMatriime des IfogoiaB 
niimbcb, ausfindig gemacbt. In der ersten Auflage werden aber solche Kon- 
vektiniisstrome als iiidit vorbanden angesebcn, wie also die Dinge in der neuen 
Aulla^e vereinigt sind , liisst sicb , obne sie gelesen zu baben , nicbt aiigchen. 

Gauz anders ist cs nun mit der Tbeorie Fisbcrs iiber vulkauische 
Bnergie, jene Kraft, die so erbeblicb neben der Gebirgsbildung in die U-e- 
staltung des Antlitzes unserer Erde eiiigegriffen liat. Sie ist geeignet, die 
meistcn dabei in bctracht koinmc'iiden Erschoinungen zu erklaren. 

Scbun iuiuier hatte uaii uaturgeuiilss als Agens der vulkanischeu Tbatig- 
keit die Wfimie angeseben , . nor fiber diese selbst und ihre Quelle war man 
rerscbiedener Heinnng. Scrope und Dutton lassen durch periodische Zonahme 
der Temperatur an bestiramten Stpllcn die Felsen geschmolzen werden und so 
sicb Vulkanbeide bilden, obue freilich nacb dem Grunde dieser Erscheinung 
zu fragen. Davy erblickte in cbemischen Prozesaen, Mallet im Dmdc der Erd^ 
rinde selbst die Ursacbe. Davys Tbeorie ist liingst aufgegeben und diejenige 
Mallets wird von Fisher a1>£;ewieson. A ucb diejenige Ricbtbofens findet Wider- 
spruch, weil sie zu der gluhenden Lava — wie sie Kichtbofen nenut — , die 
nicbt flussig ist, Wasser auf dem Weg© oberirdiscber Spalten gelangen liisst, 
was schon friiher als unbaltbar dargethan wurde. Aber in gewissem Siime 
stioimen die Ansicbtcn Richthnfens tind Fishers reclit gut zusammen. Bcide 
seben in der Spannung der Was« 'nl-fniijio . hediiigt durch die Glut des Erd- 
inueru, die motorische Kraft. Deukeu wir mit Fisher nur wieder an jeue 
sicb von unten nacb oben reissenden Spatten und awar baben wir es bier nicht 
wie Torhin mit oben gescblossenen, sonderu mit oben offenen Spalten zu thun, 
wo sicb also kein Dampf nnsammcln kann, der durch seine Spannung das 
Hagma am Nacbsteigen hindert, denn die freiwerdenden Meagen kounen in 
Qestalt der Dampisaulen dor Yulkane entweidhra. 

Ebe wir weitergehen, wird es nutig sein, wieder Eiiili^es iiber das Magma 
ill Erinncrung zn rufen, bezliglicb Neues binzuzufiigen. Wir saben, dasselbe 
ist eine Okklusion von Wassergas in Felsen und zwar wird die Menge des 
ersteren von dem Drucke abh&ngig sein , dem das Oemenge ausgesetzt ist 
Zugleicb ist aber durcb einige einfache recbneriscbo Rchliisse begreiflich ge- 
macbt, dass das Wasserga*? die glt iche Dicbte wie die fdsiLVii BesUuidtcile 
besitzt. Es wird aber , das darf man voraussetzen , ini allgcmeiuen dem Ma* 
riotliscben Gesetze folgcn, sicb also ausdebuen bei Veiininderung des Druckes. 
Daa flOssigc Gesteiiismaterial wird als vnver&nderlich in dieser Hinsicbt be- 
tracbtet. Ist also Magma in eine Spalte eingetrcten und es Vicfindet sicb iiber 
ihm kein freier Wasserdampf, beziebungsweise kommt derselbe nicht dazu, sich 
anzusammeln , so wUrde es, wenn es immer die gleicbe Dichte wie unter der 
Emste behielte, nur bis zu einer gewissen H5he steigen kdnnm. Und zwar 



0 Nstui«» 21. Not. 1889. 



Omwmd Fuben Tb«orie der Entstehoiig der Uaebenheiten d«r Erdiinde. 77 

nur so hoch, dass diese Magmasaule mit eiaer entspreclienden Siiule aus Ge- 
fftem Ton der Diehte der Ernste gleicbes Gewictit Mtte, also keinesfalls 40 km. 
Nun aber dtluit die Temunderung des Druckes iiber dieser Siiule das Wasser- 
gas aus, die ganze Masse wird leiclitor uiid ist befahigt, bis zur Oberfljiche 
zu steigen , iiber die Kiinder der Spalte zu tliessen , ja verschiedene Mengcn 
werden hocb emporgeschleudert werden konnen. Uud so zeigt denn Fisher 
in ciner klaxem Bechnung^ dass das Hagma oder, wie es in den Spalten heissen 
mag, die Lava, an der Oberfliiche dor Kniste von der normalen Dicke von 
40 km noch cinon Vortikaldruck ausiibt . <ler einei- CTesteiussiiule von der 
Krusteodichte uud eiuei Hohe vou 2,7 km gleichkommen wiirde. So ist 68 
begmffick, dass die Lara eelbet anf den hficbaten Flateaas der Erdoberflache 
aas den Spalten ausfliesseu und jene Yulkandecken bilden kann , wie wir sie 
in den Felsengebirgen NordamRrikas finden. Tm letzteren Falle kommt nocli 
biii/u, dass bier die urspriiugliche Expansionskraft des Wasserdampfes schon 
eine grossere ist, da sie proportional der Krustendicke wS«bst. Hierbei sind 
mm nir leickterai Rechnung verschiedene Yoraussetzungen gemacbt, wie sic 
* inei!?t nicht ganz mit den natiirlichen Verliilltnisscn iibereinstimmen. Zunachst 
wird angenommen, dass im Magma 9 Teile am felsigem Material, 1 Teil aus 
Waasergas bestebt, was stattbaft sein ma-,'. Fcmer wird die Temperatur 
ttberall als konstant angesehen und vorausgesetzt , dass ein gewisses Volumen 
Lava bis in die bocbsten H')li. n bin dicselbe Mciifje Wassergas — nur von 
verschiedener Diehte — entbalt . was nicht vilHi^' richti^' ist. Doch diirfton 
auch unter Beriicksichtigung dieser VcriiiiltniBse nur Muditikationea des Vor-. 
ganges eintreten. So werden bei dieaer Dmckremiinderung Portionen Wasser- 
gas in Bbischenform entweicheu; die auf diese Weise gleichs^ini entwiisserten 
Teile werden schwerer und konnen , wenn nicht geniigende Zufuhr aus der 
Nacbbarscbaft bestebt, um diesen Verlust mit Ueberscbuss zu ergiiuzeu, den 
ganzen Vorgang zom StiUstand bringen , die ▼ulkanisehe Th&tigkeit kommt 
zur Rube. Anderemitt b^nstigt dieses Aufsteigen der Blascben wie beim 
Erhitzen einer Wasserraengp die scbliessliche Eruption , die dann mit dem 
plotzlichen Aufkochen, dem Aufwallen von Wasser vergleichbar wiire. Hat 
jene Eruption stattgefunden , so wird eine geraume Zeit vergeben, ehe rich 
wieder genug Wassergas ansammelt, uni eiii Steigen der Lava im Yulkanschlot 
oder eine Eruption zu veranlassen. Und die Iieftigsten Eruptionen sind zu 
erwarten, wenn eine Zoit lan^rer Kulie vcrtlossen ist, wahrend der aucli das 
Entweicben von Bliischeu, die Vcraulassung der Dampfsiiulen, etwa durch Ver- 
stopfen des Ansgangs dicht ttber der Laray aistiert worden ist. Ist die Ge- 
legenheit dazu angcthao, dass schnell und regelmassig Ersatz fiir die Verluste 
gescbaft't wird. werden periodische Eruptionen resultien ii, wic wir sie etwa 
beim Vulkau Stromboli beobacbten. Eine solche Lavasiiule, eingesclilusi>tiu in 
eine Spalte, wird aber aneh anf ibre WSnde einen Druck aos&ben mid Fischer 
findet diesen, dieselben Bcdingungen wie vorbin angenommen, gleicb einer Ge- 
steinssaule von der Diehte der Kruste und einer Hohe von 19 km. Durch 
diesen Seitendruck soli nun keine Kompression der Nacbbarscbaft eutstehen, 
meint Fisher, imd in der Kator ist es ja anch nicht der Fall — durch vnl- 
kanische Vorgange werden keine Faltcngebirge erzeugt — . Aber die Begriin- 
dung ist nicbt einleucbtend und dieser Unistaiul , dass namlich einmal durch 
die borizontale Expansion der Diimpfe Kompression erzeugt werden soil, das 
andere Hal nicbt, spricht entschieden dagegen, dass die Gebirge durch diese 
Druckwirknng entstanden sind, wahrend der Vulkanismus voUig befriedigend 
durcli die vcrtikale Wirkung der Expansion erkbirt wird : die Spaltentheorie 
ist somit nur auf die vulkanischen Erscheinungen anzuwenden. 

Leicht liisst sich rait dieser Theorie die Bebauptung widerlegen, dass die 
Vulkanschlote nicht in dasselbe Beserroir mfinden konnten, weil sonst in den 
Ubrigen Kratern nicht Ruhe henrsdien komie, sobald einer in Aktion tritt ; es 
mttssten es alle gleichzeitig than, meinte man. Aber wir sehen, dass nor dann 



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78 



Onaond FiaihAn The<ffie der Entatehuiig der Unebenheiien der Erdrinde. 



oino Eruption , ein Ausfliosson der Lava erzeugt winl , wenn durch Wasser- 
dampf die tlussige Masse entsprechead leichter geinacLt worden ist Ist dieser 
Fall in cinem Schlot eingctreten, so wird in den andcrcn, wo eben nicht diese 
Yerhaltnisse eingetreten sind, trotzdcm Rube bestehen, wie etwa in kommuui- 
Kierendtn Riihren audi das (ileicligewitlit crhalten bleibt, wenn die Fliissig- 
keit des einen Schenkels leiciiter gemaclit wird; nur ia letzterem tritt ein 
Steigen ein. 

Mit knrzen Worten, man hat nacb dieser Theorie bei Vulkaneii otwas 
Aebnlicbes wie bei den Geysircii , wie sic Bunsen erkliirt, und dieser Ver- 
gleich ist nicbt neu, sagt Fislier. B'^i deti Gevsireii — dns Experiment nacb 
Bunsens Angabe ist ubrigens voji Wicdonmnu vereinfacht wordeu — speicheru 
Bich Meogen Ton Wasser auf, die fiber ihren Siedepunkt erbitast sind und in 
dera Augcnblick danipfformig warden und cine Eruption veranlassen, wo die 
dariibersteluiide Wassorsiiido den Druck nicbt mebr bewiiltigen kann. Bei 
den Yulkanen sanimeln sicb grosse Mcngen von Wassergi^, weit uber die 
kritiecbe Temperatur erbitzt und heben bezOglicb scblendem die hemraenden 
Massen im geeigneten Moment. t 

Und zum Scbluss die Losung eines Problems , wclclie dio Tbeorie von 
den Gebirgswurzeln wicdcr in recbt schonem Liclite ersclieinen iiisst , wenn 
auch das Ganze, hierbei zu Entwickelnde ^ niclit als Bcweis fiir die Existenz 
der Wurzeln angeseben werden soil; das noch durch weitere Beweise als die 
fHiher frwaliiiten /ti crbiirten, scbeint Fisher nicbt niitig zu scin. 

Riclitliol'en stellt die Eruptivgesteine . die seit der Eoziinzeit prodir/iert 
worden sind, ibrcni Kieselsiiuregebalt und ibrer Schwero nacb geordnct ia ioi- 
gender Beihe zusammm : 

Bhyolith, 

Tracbyt, 
Propylith, 
Andesit, 
Basalt, 

womit angcdeutct seiu 60II, dasti Rhyolitb die grossten Mengen Kieselsiiure 
enthllt und spezifiach am leicbtesten ist, wiibrend Basalt am Eieselsaure- 

UrmsttMi, abcr am scbworsten ist. In derselben Rcilienfolge nuissten diesc Ge- 
stoiuo nun auch im Fiidinnern nacb innen bin angeordnet gewesen seiu, wenn 
uuch der gewubnhclten Auuabmc die Dicbte nacli dem Zcntrum bin zu- 
nebmen soil Waltersbausen stellt dafiir eine besondere, auch Yon Fisher 
angefuhrte Tabelle zusammen. Somit mussten diese Gesteiae auch in derselben 
Reibenfolge ausgeworfen worden sein , aber Ricbthofen wei^t nacb . dass das 
iiicbt der Fall ist, dass vieimehr der Zeitfolge uacb die Orduung ist: , 

Propylith, 

Andesit, 

Trachyt, 

Ehyolith, 

Basalt, 

d. h. a^n , zucrst warden Gestcino mittloren sppcifischcn Oowichtes uiid 
mittlereu iSauregelialtcs produziert. Hierauf folgtcn solcbe geringen Gewicbtes 
und endlicb die scbwereu Basalte. Das erkliirt nun Fisber folgendormassen : 
Klie die Kompression und die damit verknupfte vulkaniscbe Tbatigkeit 
jener Zcit beyani). liatten sicb die leicbtcron. sauorn Grstfiiie bereits vcrfestigt, 
die ubrigen lageu nocb liiissig der Schwere nacb i^eoiduet. Als dio Gcbirgs- 
bildung jener Periode begann, warden die saueren Krusteuteile zu Wurzoln 
ausgewulstet, die hinabtauchten in die Flttssigkeit. Gleicbzeitige £ruptionen 
mussten naturgeniiiss dann Gesteine mittleren spezifiscben Gewicbtes und 
mittleren Sauregebaltes liefern. Aber diese Wurzeln wurden in ibren untercn 
Partieen abgeschmolzen uud das so gewonnene leichte Material batte das Be- 
streben, nach oben bin zu dringen; Fisher berechnet sogar, dass dieses Auf- 
wartsfliessen langs einer Wurzel, die zu einem O-ebirge von 15^ Keigong 



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OnnoKd flihiin Theoiio d«r Entstehung dor UnebtnhtiteD dir &dtiii<l«. 



79 



gchort, grosser ^ewcsen ist, als es Lava zeigen wlirde, die den oberirdiscbeD 
Bergbang liinahtM-^ . Auf dieseiii Wege warden mannigfache Mischnn^en mit 
den umlicgciHlcn Schichtcii \ov sich j^ugangcn scin. so dnss vorscbioilene Modi- 
likationen moglioh vvareu ; jedenfalls aber wurden diu abgest-hmolzcucii Massen 
genugend mit Wassergas venMhen, so dan sie, wenn einmal am Grunde der 
schwachen, spaltenreichen Rinde angekomnien, binausgetrieben werden koniiten. 
Es folgten also auf jono mittlercn (iesteine solcbe von grosserem Siiuregehalt. 
aber geriugerem Gewicht. Uud nuu erst kamen die Basalte an die Reihe. 
Dieses Abschmelzen der Worzeln nod die beim Aufnrartsfiiesseti des geBcbmolMiien 
Materials eintretcnde Miscbung mit dem benacbbarten Magma macbt es auch 
verstniidlich , dass die glciclirilteristeii Eruptivgesteine Bohmons und Ungarns 
verscbiedenen Ctiarakter trageii, woraus Judd scbloss, dass sie uicbt denselben 
Herden entstammen konnten. Zwisdien beideD Gebieten liegen die Earpaten 
und wie sich oberirdiacb ztt beideo Soiten cincs Gebirges verscliiedenarfige 
Sedimenle bilJon konnen, so werdcn aucb die von den \\'urzt In der Karpateo 
abgeschmolzenen Masseu zu beidcn Seiten andere Beschaffenheit zeigen. 

Die sonst iiblicbcn Sclilussbetiachtuugea haben wir nun scbon bei den 
einzdoen Abteilungen selbst vorweggenoromen and es kann nur wioderholt 
werden, dass die Fisherisclien Ansicliten reclite Biuiclitung und Wiirdigung, 
die Tbeorie iiber die gestorte Scholle auf fiiissigcr Soliicbt ubor unbedingt 
die allgemeine Auaainue verdienen, die sie in England uud Amerika getuiidcn 
haben, und es kann das Bach The Physics of the Earth's Crast nar jedem 
empfoblen werden, der sich fftr die Zustande nnd Vorgiinge interessiert , die 
auf nnsorcm Planeteu statthabon. Ein dem genannt"n Werke beigefiis^tes, 
kurz getasstes, nur die leitendeo Gedauken eutbaltendes 8ummarium giebt eineu 
schneUen Ueberblick des ganzen Inhaltes, ohne dass man notig hat, auf die 
Recbnungen einzQgehen. Fiir die letzteren gilt, was er selbst in der Vorrcde 
betont, dass sic nur melir als Schatzungen aufzufasson sind, weil man fiir die 
angewandteu Zeicben nur hypothetiscbe Werte einsetzen kann, so dass es eine 
miissige Forderung wiire, viillig exakte Resultate zu erlangeu. 



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Arktoide und tropoide Forraen der Produktion. 

. Von Willielni Krebt (Hamlmrg). 
(Hiann Ttiel 4.) 

Die deu nachfulgendou Ausfuhruugcu zu Giuiide liegendea Studieu wurdcu 
nicht in Horsalcn oder Bibliothekoi begonuen, sondern in einer Ausstelliing, 
der Hiindels - Ausstelhing voii 1880 in Hamburg. Sie wurJeii in Haudels- 
beiicliten und kaufmiinuischeri Haiidbiicliern i'ortgesetiit und zuietzt aus den 
Aijgaben des Deutscheu Handels- Archives und Statistischen Jahrbuches ergiinzt. 

loh bitte meine Leser, mir im Geiate in jene AiusteUnng m folgen. 
Der Innenraum der Halle war einer geschlossenoi Uebflacsidit von Bohpro- 
dukten und Halbfabrikaten gewidmet. Dieselben waren anj^eordnet nach 
geschaftlicher Zusammengehorigkeit, Verwandtschaft und Aehnlichkeit, wic 
Naturgegenst&nde lucb Familien, Oattangen niid Arten. Hwr war daa System 
der besehreibenden Handelsgeographic. 

Eine rings an den Wiuulen liinlaufendc Reihe von Kojenriiumcn soUte 
eiue handelsgeographische Weltreise darstellen. Sie gab jedenfalls Kunde 
VOD Ursprung und natiirlicher Zusammengehorigkeit der Waaren, also allge- 
meine fiUndelBgeographie. 

Don prston Zoll Her Aufmerksarakoit crlioben die Kiistenlander dos 
Scliwar/en Mocrcs und Kaspisees. Holzer. Fasorn . Garten- und i'eldlriichtc, 
iSeiden, WoUcii und Folle fullten dicsen Kojenrauui und driingten sich wett- 
eifemd aus ihm beraus. Bei weitem aber ftberwiegt an Wicbtigkeit ffir dea 
Handel die Naphthagewinnung der kaspiscben HaJbinscl Apscheron. Man 
konnte desbalb zweifelhaft bleiben . ob liicr dem Pflanzenreich der Vorrang 
in der Produktion gebubrtc, odcr nach Englers Naphtlm-Theorie dem Tier- 
rddi) Oder nicbt vielmebr dem Mineralreich , oder endlicb der omgeetalteiictai 
Kraft der menschlichen Industrie. 

Einfacher entwickelten sich diesc Vergleicbe bei Fort'^etzunf^ dcs Rund> 
ganges. Dreimal flutete die Fiille pflanzlicher Erzeuguisse libermitchtig auf, 
urn ebeneo oft nnter dem Ueberschuss pflanzlicher Erzcugnisse zuruckzu* 
sinken. Die fesselndite der Lebren^ wdche aus dem Vergleich der geo- 
graphischen Gruppeu zu ziehen waron . betraf das siogende Uebergewicht der 
pflanzlicll^n Lebensform in den Tropen. Denn jcnc drci Wcllenberge der 
pflanzlichcn Produktion umfassten die Liiuder den t r o p i k c h e n Afrika und 
Asien, Australien, Amerika. 

In den Pi^largebieten stellt das Tierrcicb nahezu ausschliesslich die fur 
den Handel wi rtvoUe Produktion. An Wal- und Robbenfang in den ark- 
tischen und antarktischen Meeresteilea und deu euormcn Fischreiclitum der 
von ibnen ansgebenden kalten Heereaatrdmnngen braucbt nur erinnert zu 
werden. Die Ausfuhrcn des arktischen Grunland und des subarktischen Island 
bestanden . nach deh Ausweisen des letzten Jahrzehntes. fast ausschliesslich 
aus animalischen Erzcugnissen. Island exportierte in jedem der Jahre 1880 — 84 
durcbsobnitiUcb fllr 61/3 MUUon«i Mark Thran, Eiderdannen und Prodnkte 
der Schafzucht, Gronland in nngefShr demselben Jalirfunft ausser fUr etwa 
190000 Mark Krvolitb nur noch Thran, Dauiion nnd Felle. (Tabelle I.) 

Als tropische Gegenbilder fiihre ich die Ausfuhren zweier anderer Inseln 
des Westens, Trinidad und Cuba, sowie der afrikanischen Goldkiiste an, 
Ton denen ausser mineraliscben nur vegetabilische Erzengnisae angegeben 
werden. (Tabelle I.) 

Aehniich wie diese verlialten sich die Ausfuhren der mcisteu anderen 
ti'opischen Liinder. Tierische Erzeugnisse beanspruchen nur Tausendstel oder 
wenige Honderlel ibrer Ansfobrwerte pflansUcber Produktion. Dieser Oegen- 



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Arkioide itad tropoide Fomen der Produktimi. 81 

Bats in der Produktion hoberer und niederer Breiten scheint geniigend durch> 
ztigreifnn , um die Unterscheidung eines arktiscben und tropischon Typus 
der Produktion 2U berecbtigen. Der arktische iBt gekeDUzeicbnet durcb das 
fast flQSflchliessliche Vorwalten anunalischer, der tropiscbe darch dasjenige 
VBgetabilischer Produkte. 

Es scbien niir von Interesso . die Wcge ZQ irerfolgpn . fiiif wolrhen ^l.:): 
der Ausgleicb dieses Gegensatzea in den Produktionen der mittlercu Breiteii 
vollziebt und babe icb dnrnuf bin die neueren Ausfabrstatistiken ton mebr als 
huodert L&ndern untersucbt 

Diesc Methofle. aus den Hjindelsstatistiken politiscli itbgegrenzter Gebiete 
auf die natiirlichen ProduktionsverliiilUiisse zuriickzuscbliessen , erscbieu von 
vorn berein voU Mangel und Scbwierigkeiten \ docb erwiesen sicb dieselben bei 
nSharer Betrachtung nicbt ala undbarwindlicb. 

Ausfubr ist nach dem gewohnlichen Spracbgebraucb nur cin Teil der 
Produktion. Ein grosser Teil derselben wird im Lande selbst verbraucbt. 
In den Laudern mittlerer Breiio beteiligt sicb an ibr in uberwiegender Weise 
die meiuKdilicbe Arbeit, die Indnstrie. In aoflgedebnten Gebieten mit ent- 
wickelton Handel fUbrt diescr Produkte zu , wie sie ira Lande selbst erzeugt 
werderi . macbt also einen Teil der sonst konsamierten Produktaon firei fllr 
die Austuhr. 

£8 war desbalb geboten, die Einfnbrwerte gleicbartiger Produkte von 
dOD entspreebeuden Ausfuhrworten, fiBrner die Werte derjenigen Indnskie* 
produkte, vor alleni Kleider , Werkzeuge u. dgl. , bei denen die Arbeit den 
griisseren Teil des Preises beansprucbt. im ganzen abzuzielien. 

I>ie danacb iibrig bleibenden Ausfubrwerte glaube icb uls Prodaktions- 
werte in dem engeren Sinne anaprechen sm dfbrfen, dass sie aosdrildcen, was 
ihre Ausgangsgebieto der am Weltbandel beteiligten Kulturwelt leisten. Was 
an raateriellen und geistigen Erzeugnissen eines GemeinweseTi'? dem eigenen 
KoQsum desselben verfallt, das tritt in seinen individuellen Lcbenskreislauf 
znrUck. Dee Welthande), definiert als die Summe der verschiedenen Leisttingen 
des AnssenbandelSy gewinnt in dieser Hinsicht die Bedentnng einer Ijebnis- 
Suss or 11 tier df-r tinzclnen Gemeinwesen. 

Dass diese politisch und nicbt geograpbiscb abgegrenzt bind, deshalb 
Ton verscbiedenster Grosse und mannigfachster Konfiguration , femer die nor 
nngefabre Giltigkeit j> ner Ausfubrwerte, veranlasste micb, meine Aufgabe 
2uniichst auf in eiMiarlHter Weise kUmatologiscli bestimmte Erdprebiete einzu- 
scliriinken. Icli suciite als erstes Ziel die V^erbiUtuissc zu er)»aiten, in denen 
die animaliscbe Produktiou zu der vegetabiliscbeu inuerbalb der Zouen von 
je zebn Brntmgradmi stebt. Icb beaeiobnete sie ate Prosente arirtoider 
Produktion und gewann sie fur die Zehn-Giad-Zonen von 60*^ nSldlidier bis 
40<* sildlicbcr Breite in folgender Weise. 

Aus den wie angegeben gereinigten Ausfubrwerten von 93 LiLndein, 
wdebe sieb Ton 72<* ndr^eber bis 50* sttdlicber Breite ansdebnen, avs den 
Jabren 1881— 89, meist 1688, worden die Prozentsatze berecbnet, in welcben 
die animalisrhen zvl den vegetabiliscbeu Werten stofien. Diese Prozrntsiitzc 
wurden als arktoide Durcbscbnittstypen flir siimthcbe Zonenteile angenommen, 
welcbe Ton den Landesgrenzen umscblossen sind. Sie umfsBsen Zethlenwerte 
Ton 0 bis X , gehen im ersteren Falle in den tropiscben , im letzteren in den 
arktiscben Typus iibcr. Aus ihnen wurden die aritbmetiscben Mittel zunacbst 
fur Zonen von 5 zu 5 Breitengraden in der Weise berecbnet, dass der Prozent- 
satz jedes Landes in dcnjeoigeu Zonen vol! eingesetzt wurde , welcbe von 
dem Lande berttbrt wurden. LSnder mit arktisdiem Typus der Prodnktion 
konnten nicbt in dieser Weise bebandelt werden , da der Zablenwert oo nicbt 
2U mitt' ln ist. Berechnung der Zonentypen jenseit 60<> N, nnd 40" S. musste 
desbalb unterlassen werden. Docb wird sie mogbcb sein, wenn detaillierte 
Prodaktionsstatistiken Torbanden sind, welcbe gestatten, die Zonen ron vorn 



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4 



82 Arktoide unci tropoicic Fonnen <l«r IWnktioii. 

herein als Gan/es zu boliaiulcln und die vegotaliilisclieii Erzcii,q;nisse einzelner 
ikrer Landstriche gegeu die stellenweise ausschliesslich vorkommenden aiii- 
malischen zu Terreehneni). 

Bei der Ungleichmassigkcit der Landgebjete waren die Fiinf-Grad-Typen 
noch wenip cliarakteristisch. Wescntlicli gcbcssert wnrde das Resultat durch 
HitteluDg der Zoueupaare zu Zchn-Grad-Typcn. Der Grund liegt dario, dass 
in diesem Falle in der Hitte der Zone gelegene oder sie in grusserer Brdto 
nberdeckcnde Lunder doppelt, Bftndgebiete nur einfach vorkommen. 

Die so gefundciie Keiho von zehn Zahlon und die aus ihnen iiber einer 
idealen Meridiaiilinie ais Abscisse konstruierten Kurve zeigt eine Stetigkeit, 
wclche ihre Geltung verbiirgeri hilft. 

Oer Prozentsatz animaUacher Produktion gegen vegetabiliBohe erreicht 
sein Minimum nicht auf dem matbemntisclien Aoqimtor, soiulcrn nordlirh von 
demsellien. bei 10" N. Br. Die Zono U— 10" X. weist H) . die von 10 -2n» 
12 riozeat arktoulcr Produktion auf, die von 5— lo" X. als tiefstes Miaimuiu 
8,5 Prossent. Das tropoide Verhalten waltet auf der NordheroisphSre bis jen* 
seit 40, auf der Siidhemisphiire bis etwa 10" Breite vor. Jenseit beider 
Greir/cn iibcrsteigt die animalische Produktion 100 Prozent der vegetabilischen. 
Innerhaib der Greuzeu niniint dieser Proeentsatz annahernd in geometrischer 
Progressioii so, ein Verhalten, welches sich auch in dep regelmSMigen Verlanf 
der Kurve auspragt. 

Die Prozentzahlen sind siidlich vom Minimum 19 und 38, iiiirdlich 1"2. 
55, 115. Jedc folgeude ist nabezu das Doppelte der vorher gchendcu. 
J^seit der Ghrenzen findet in der nichsteft Zone die Zunahme weit schneller 
statt, im Norden um das Drei-, im Siiden nm das Fiinffacho. 

E^; ist bemerkenswert , dass dioser Uebergang des tropoidcii in den ark- 
toiden Typus dort stattfindet, wo die Mitteltemperatur des wiirmsten Monats 
der Nord- und des trockensten Monats der Sudhemisphare, die des Juli, 20® C. 
nicht mehr erreicht. Wenn ein meteorologiscber Einfluss znr allgemeinen Er> 
kliirung dieses Vcrbaltcns der Produktioiien lierangezogen werden darf, so ist 
demnach nicht sowohl uuf denjenigcn dor iM w.irmung als vielmelir odor in 
erster Liuie auf denjenigeu der Belichtuug zu schliessen, also auf einen Eiuiiuss, 
welcher das Pflanzenleben begUnstigt. Die Temperatarkorve eignet sich zam 
zum Vergleich nur als Signal der ilbnlich Terlaufenden Bcleuchtungskurve. 
Doch wird sicli Entscbeidcndos erst sagen lassen, wenn diese konstniiert oder vor- 
laufig durch die nahezu symmetrische Kurve der mittleren Bewolkung ersetzt ist. 

Es liegt naher, zunSchst nach wirtschafUichen GrUnden za forschen, 
also statistisdi zu yerfahren, bcsonders in Bezug aaf das steile Ansteigen des 
Ictztrn Kurvrn-Astcs tropoider Produktion zwjsdien 5^ und 20" R. Von 
38 Prozent, zwischen 0" und 10" S., steigt das arktoide Verhtiltnis auf 118 
zwischen 10 und 20". Veranlassung bieten die hohen Betrage, welche das 
Tierreidi in den Ansfuhren des sUdlichen Peru , Madagaskars und Queens- 
lands beansprucht, in der Ansfuhr von Arcquipa (1888) 184, von Madagaskar 
(1888) 114. von Queensland (1887) 307 Prozent der vegetabilisclien Pro- 
duktion. Fiir Siidperu muchte die alpine Natur seiner Konfiguration eiu Fort- 
bestehen des arktmden Typns verbttrgen. In Queensland dagegen ist Aenderung 
aus der jetzt noch unentwickelten Kultur der mehr tropischen nordlichen 
Gebiete zn crwarlen. In itadagaskar endlich schoinen die Produktionsver- 
hiUtnisse im ganzeu erst der Entwickelung durch den Handel zu bediirfeu. 
Dnrch seine vorwiegende Ansfuhr von Rindshiuten erinnert es an Korea, 
in dessen Ansfuhr sich dieser Umschwung innerhaib eines Jahrganges, von 



') Der Wert soli 'iu r Untenjiichungt n fiir KultivalionBprojfiiosen liegt walil zu Tage. 
Bei dcm gegenwartigei! Zug nach kolonialcr Erwoitening, welcber fast alio StAateu Ruropoii 
behomcbt. encheint dealiall) ein internatioiuilev UebereinkomtnM wenigstens der enropAiachen 
Kolomshnlbbte i» Anregung wert, ftir Qin beitimniiee Jabr dtxtidi die nwteheiiden BehArdeii 
gecignete liatittiscbe Unterlagen beRehaffen xn laBB«n. 



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Arktoidfl nnd tropoida Fonnen dar Ptodnktioa. 



83 



1886 auf 1887 vollzog. Im erstgenannten Jahre boanspruditcn liier Hiiute und 
Huff von dnem Aiisfulirwerte von 482000 Dollars 382 OUO, im Jahro 1887 nahm 
ilie Bohnen-Ausfuhr bedeutenden AufscUwong, der sioh im Jabre 1888 nocb 
steigerte. Der arktoide ProMfrtssts, welcher im Jabre 1886 nicbt weniger als 
232 betragen hatte, wardo dadurch in 1887 anf 76, in 1888 auf 58 herabgedrUckt 

Es ist dcmnacb wohl fiir flio Zone von 10*> his 20'^ S. ein wesentlicbes 
. Zariicktreten animaliscber Piuduktion zn vermuten und ebenso fur die beideo 
▼orbergebenden bis W 8. and 0* bis N., so dasB das MiBimviii arfc* 
toider Produktion clem uteteorologischen Aequator nnier 5° N. nocb etwas 
nahpr riickt, ZAvisclion 4® N. und 10" S. liegen niimlicb einiffe Xolonial- 
gebietc, volt bo. niit Madagaskar vergleicbbar , mebr als 100 Prozint ark- 
toider Pioduktiua aulweisen: der Kongostaat , im Spezialbandel mit 111,9, 
DeatBch'Ostafrika mit 101,9 Prozent. In beiden Landern f^lt dem Elfenbein 
der Lowenanteil des Ausfuhrliandels zu. Das Zurikktreten dieses Handels- 
artikels ist wie bekannt niir cine Frage der Zeit, Fiir den Koiigostaat ist 
ferner bezeicbnend, duss in seiuem Generaihandel 1889, wclcber die Produktion 
der Nacbbargebiete einscbliesat , die tieriscben Prodokte nnr 60 Prozent dea 
Wertes der pflanzlicben erreicbten, in dem Auafubrhandel d - im Siiden be- 
nricliliarten Hinterlaiides von Loanda so^ar nur 0.2 Prozent. In ahuUcber W'eise 
kanu man fiir Deutsch-Ostafrika aut den Handel der Kolonie Alosambik ver- 
weisen , in welcbem (1886) die sDioaliacben BnEengnisse aiieh nicbt mebr als 
60 Prozent der yegetabiliscben ausmacbten. 

Wie sicli abcr solcbe Bewegungen der Produktion nach der vom Klima 
gebotenen Nonii hin voUzieben, dafUr bieten drei andero Lander des Siidens 
dem angefUhrten Koreas Ilbnlicbe Beispiele. In der Produktion Cbiles betrug 
im Jabre 1888 der arktoide Prozentsatz 50, in derjenigcn des benach- 
barten Argentinicii in deiiisellten Jabre 421 Prozent. Cblle orstreckt sicb 
von 20**, Argeutinieii von 23^' S. , l ^idr' bis etwa nacb 50" S. Ihre Breiten- 

grenzen sind also dieseiben. Die Kultur Chiles entwickelte sich in den Acker- 
anlSndeni im ndrdlicben Teil seiner Ifitte, diejenige Argentiniens wetter 
siidlich in den Weidegriinden der Pampas. Das Gros der Bevolkerung wurde 
genotigt, sicb dort dem Ackerbau, bier der Viebzucbt zu widnien. Die natUr- 
lichen Yerbaltnisse bcgunstigteu aber in Chile die Ausbreitung der Kultur 
nach SQden, in Argentinien nacb alien Teilen des Landes, vor allem nach 
Norden. Auf diesem Wege beginnt sicb beiderseits ein Ausgleich jenes Kon> 
trastes dor Produktionen zn voll/it ben. Nacb einem Bericbtc dcs Deutscben 
Handelsarchivs, 1888, II., S. 681 hat schon jetzt in den Mittelprovinzeu Chiles 
der Weizenbau abgenommc;;], Viebzucbt und zum geringen Teile Weinban sind 
an die Stelle des AVeizens gctreten. Es ist wold nur eine Frage der Zeity 
dass sicb derselbe Wecbsel in den Stricben des Sudeoa Tollnebt, welcbe seit 
1886 der A\'eizenkultur unterworfen wurden. 

In Argentinien ist der konservative Zug nach entgegengesetzter Seite, 
nach derjenigen der Viebzucbt, gerichtet Von der Provinz Buenos Aires 
wild berichtet (Handelsareldv 1887, II., S. 189 ff.)r Yiebzucht in 

diesen von der Natur mit alien Vorziif^en ausgrstatteten Gegenden nocb langc 
die Hauptbe!?cbaftT^in£; der Eingeborern n bleiben wird." ,.Dem Ackerbau 
\sidmen Bich in der Provinz nur die Freniden." in der im Nordeu anstossenden 
Frovinz Santa dagegen wird der Anbau scbon in sebr ausgedebntem Masse 
betrieben, hauptsacblicb allerdings von italienischen Kolonisten. 

So ist nicbt zu verwundcrn. '^■onn von 1880—1888 die landwirtscbaft- 
liche Produktion im all^renieinen bedeutender zunaliin . als di^enige durch 
Viebzucbt. Die Ausfubrwtrtc sind, in 1000 Pesos, I'olgende : 

ma. 1887. 1888. Zunahmo 1888 gegen 1886. 
Produkte der ViehzutLt 52903 5G2(i:J 71057 -|- 34'Vo 

Fradukte des Landbaiies 8341 21268 16228 -fmo/o 



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84 



Arktoide vOnA fcropoide Formea der ProdaktioB. 



Das Jahr 1889 wird allerdings einen etwas grusseren Riickschlag der 
laiulwirtschaftlichen Ansfuhr bringen, da die Weizenernte der Provinz Santa, Ft» 
infolge ungiiiistiger Witterung im Siidfriihling 1888/89 TemgnBt war. Doch 
stellt ili'rscll)o Bericbt aiis Rosario, dem diose Notiz cntnommen ist (Handels- 
archiv IF.. S. 42S). dip Vordtiingung der Vieh- und Schafiucht durch 

den Ackerbau fiir diese Piovinz lest. 

Immwhin sind es gerade meteorologieche Storungeii , wie m di« ge^ 
miissigten Breiten der Sitdheniispharc periodisch heimsuchen, welcher in 
Australien massgebenden Einfluss aiif die Bewegung der Produktion ausgeiibt 
haben und ausiiben. Aber wirksam war nicht so sehr Ueberfiuss als Mangel 
m KiedenchlSgeii. 

Die arktoideii Prozonte betrugen im Jahre 1887 fiir Siidaustralien 70, 
fur Quponsland, Westaustralien , New South Wales. Viotori:i aber weit mehr 
als 100, niimlich 307, 603, 1351 und 1345. Die Produktion Australiens ist also 
voQ ausgepriigt arktoidem Typus. Sie verdankt denselben in enter Linie der 
Schafisudit. Ks ist von vornhercin klar, dass die Zucht eines beweglicben Vieh- 
standcs zwar ebenfalls unter Rogcnmangcl leitlet, in vielen Fallen aber der Not 
auszuwcTchon vermag, in den nieisten sie iiberdauert, um in einer giinstigeren 
Periode sich desto besser zu cntwickein, wiihreud der an feste Orte gebuudeoe 
Landbau durch jedes Dttrrejahr grOestenteili vernichtet wird. Aiis der altoren 
Kolonialgescbicbte sind zwei solcher DUrreperiodi n in trauriger Erinneruiig, 
die .Tahrgiinge 1827 — 29 und 1842—44. der letztere hekanut unter dem 
Namen der Bad Times. Wie engen ZusammenUang der Aufschwung der Schaf- 
zacht mit diesen Notseiten besasBy wird wohl am treffendBten dnrcli d«k 
von Bonwick zitierten anoh sonst bemerkenswerten Ausspnich Wentwortbs 



Tabelle I. 



Island 18d0-l8d4i). 
Prodnkte: lfita«« Aufbbr jKhdidh: 

Klipfische 1 275 000 Kronen 

Stookfitche 48 000 , 

Heriage 982000 , 

Thran 874 000 , 

WoUe 1 126 000 , 



SchaffeUe . . . 

Lammfleisch . . 

Talg 

Eiderdaunen . 
Fferdd uad Scbiiie 



119 000 
413 000 
122 000 

S?, 000 
217 000 



Gesamt-AotfiBhi 5699000 Kroodn 
«- < 883 000 Hiurk. 



GrOnland 18S1-1885 (• 1882— 1886) •)• 
Prodakto: Mittl«re Ansfiihr j&hrlidi: 

Thran ungcmbr .... 486 000 Kronen 

SeebiwdBteUe* 96000 , 

Fiudwfelle* 80000 . 

EiderdaoiiAn ^ 11 000 

&79 boo Kronen 
— 648000 MnHr 
Dnen Kiyolith 188 000 Kronon 

tiesamt-Auafuhr 767 000 Kronen 
»• 849000 Mark. 



Trinidad 1885""). 



Ooldkttste 1886«). 



Bittero . . 
KokoanOase 

Kahar . . 

Kaftee . . 

Melarise * . 

Rum . . . 

Zncker . . 



32240 
28624 
385901 

45385 
7257 
084675 



Pf. St. 



1184512 PI. St. 
-» 24164045 Mark 
Aaphalt . . 41901 Pf. St. 

Ge8..Au8irr226473 PI. St 
— 25020049 Marie. 



PalinOl . . 
PaLmkeme . 
Kautidrak . 



Qoldstanb . . 

Baargt'lJ . . 
Ven»cliiedene9. 



155978 Pf St. 
47830 . , 
69911 . , 

27;! 7 19 Pf. St. 
5473861 Mark 
748S9Ff.8t. 
35701 , , 
22291 . , 

lfi282I Pf. St. 

Oei.'Autf. 4ri6:.io I'l'. .sY. 
— 8293416 Mark. 



Cuba 1884 85«). 



Brantwein 

Zocker . , . 
Zigaretten . 
! Melasse . . 
Tabak in 81. 
, verai'b. 

(-Jes.-Ausf. 



974 142 
86614675 
604876 

2346505 
5923308 
8.179041 



Pewt 



54842047 res.>8 
— 219368188 Mark. 



*) DeuUche« HaJideloarcbiv 1SB7 II. S. 558. 

«) , , 1887 II. S. 5.'i9. 

») . , 1887 II. S. 49G. 

•) , , 1888 II. S. 365. 

») , . 1888 n. 8. S86. 



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Arktoido und tropoide Formen der Produktion. 



85 



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86 



Arktoide and tropoied Formen der Trodaktion. 



cliarakterisicrt (Australian Haiullxjok 18R0>: mir daraus sei Abhilfc 7u er- 
warten , dass die 5 oder 6 Millioncn Achate der Kolouie in die Wildnis 
gejagt wOrden, zar Spdse der EingelKyrenen nnd der wilden Hnnde Diese 
Schafzucht, in welcher also jener Volk-^\itt iL n Kuin des Ackerbaues und 
Australien*? sali. war e? Tincli lancro vnr Kiitdeckiini: (loi- australischen Goldfelder. 
welche die Kolonie voin wirtsclialtliche ii Kuin erretlete und, allu anderen Produkte 
weit iiberrageiid, ihr einc m imposanter Griisse stcigende Ausfuhr verschaflfto! 

Intercssaut ist deshalb ibre Boweguug, wahrend jener Notzeiten an den 
Ausfuhrstatislikon zu verfolgcn. 

In den Bad Tinip<; erlitt die W'ollaiisfuhr nur in dojii orsten .lalire 
eiuen gcringen liiickgang gegcn das Vorjala , wclcher durch Ausluhr von 
Fellen mehr als ausgeglichen wurde. Sonst steigerte rie sich stetig, so dass 
sie im Jahre 1845 die Ausfuhr des .labres 1841 nm 20 Prozent iibertraf. 
In deni ganzen Jahrzehiit 1841 — 1850 vcrdoppcltc sic sich nahezu, indem sie 
vnn 442 075 uui' 788 Col Pl'uud Sterling auwucUs. Eiuen iihnlicken Gang 
zoigten die Wollausfuhren in dem Jabrftinft 1826-1831 (fUr 1830 sind keine An- 
gaben vorhanden). Die Worte dor WoUausfubr in diescn Jahrgiingeu waren 48-, 
24-, 41-, 64- und 76tKK) Pfinul Sterling. Dor nTifjingliche liiickschlag erstreckte 
sich in dioser Epochc also nur auf die zwei trsten Jahre der BUrreperiode. 

Am genaueston ist aber der Zusaramenhang zwiscben Dftrren tind Well- 
prodttktion an deui jiingstverlli-^^ru^ n Jahrzelint zu verlblgcn. Dassclbe brachte 
nicht wenicrri- ;ils drci T)fii i < -iCpoi Ik n in den .Tahron 1882, dem Triennium 
1884—1886 und deiu Anhra ibbS. Nach der H(rc(:hnung von Cawes & Bro. 
in Liverpool (Dcutschcs Haudelsarchiv 18'.)0, I.. S. 199) betrug in deu Jahren 
1879—1889 aie australisclie WoUprodoktion in Millionen engUsdier Pftrnd: 

1879 1880 1881 1882 1889 1884 1885 1886 1887 1888 1889. 
156,5 168 179 193,75 193 218 208,25 235 233,75 261,25 265,25 

Differ. 11,5<- 11+ 14,75+0,75 15+ 9.75 2fi.75+ 1.25- 17.,5+ 4+ 
In «/o 7,4 ■»- 6,5 -f 8,2 -i- 0,4- 7,84- 4,5 - 12,8-t - 0,5- 7,5-1- 1,5-1- 

7.8 + 

Dio jjnhsten Zunahincn des .lahrzehntes , im Betrag von 8,2, 7,8, 12,8 
uud 7,5 Prozent fauden demuach s>tatt iu den Diirrcjahren 1882, 1884, 1886 
vaA 1888. Wenn das filnfte DUrrejabr 1885 die Abnahme von 4,5 Prozent. 
zeigte, so wurde diese durch die ungewohnliche Zunnlinie des nacbstfolgcnden 
.Tahres 18Sn aiisi::f>silic]icn. Ist die Vernmtung wohl gestattot . dass beide 
Kxzesse in Verkelirsstiirungen, welche durch die Diirre veraulaast, die Ausiuhr 
tdlweiae von 1885 auf 1886 verscblepptwi, eine ff^meinsame Erklarung finden. 



Steioerung iler Woiiproduktion Australiens 

In Jahnn m>— 1*99. 




999 IMtf /«t/ fUt m$ «•* tMS t88t *9M 19^ 

. Dirn OSiTtimSstiiebeaAii- OUrre. 



In der n!t<;h <lies<'n Anjrabon cntworieni'n Kurve triit benonders deutlich in don Diirre- 
jahron 1884. 188(i und ISSR das Htufenttinni)?*^ Anfltpi^en der Woiiproduktion ent^eg<»n. 

Ill (lieser Knrve pulsiiit dns iniuiitiifo Li ben der Nalur jcncs KontinMiies, welches 
aiich aul l^ebenMeiurichtimg und gcistige i'li} »iognoniic seiner Kolonisten cincn bei^timmendeii 
KchOpfierUohen Einflnra anpznGben TCTUittg. 



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Das Kamc^lj seine geographische Yerbreitung und die Bedingungen 

seines Vorlcommens. 

Ton Di; Otto Lehmann. 

Geschlehtc dcr geographischeii Verbrcitune; dea Kamels. 

Es fehlen zwar noch palaontolof^isclie i' uiuie in der Zalil iiiul Ausdehnunn:, 
dass sie mit Sicherheit eiueu Schluss auf die eigeutlicbe Heiuiat des Kamels 
eriauben, doch konoen wir die Greozen Beines Vorkommens wenigstens bis 
auf eine friihe geschichtliche Zeit zuriick mit ziemlicher Genauigkeit festlegen. 
Das einhockrige Dromedar und das zweihockrige Kamel sclicineii zwei ver- 
schiedenen Gebieten zu entstammeu. Zwar siud bcide Bewoliner der grossea 
IVoclteDrSiime. Aeossent avBdavernd, vat Hunger und Durst anlangt, geniigsam 
wie kein zweites Haustier, sind sie dtm. Komaden der SandwiiBteii nnd Stcppen 
Afnkis und Asiens zur Lobensb('f!ing«nf» geworden, ohm wolrhe ein J)iirrh- 
wandern geachweige denn eine Bewohnbarkeit dieser uufruchtbaren Gegenden 
gar nicht zu deiik«n ware. Wo ab^ bnde Arten ssasammeii in den Dienst 
des Henscben treten, an der Grcnze ihrer bdden Vcrbreitungsgebiete, da zeigt 
sich audi cine Verschiedenlioit, die auf eine ursprunfjlich verschiedene Heiniat 
beider Tiere hinzuweisen scheint. Das Dromedar, holier gebaut und undicbter 
bchaart, ist mehr das Tier der heissen Sandebene ; hier fiihlt es sich wohl, 
hier leistet es am ausgiebigsteu dem Mraschen seine Dienste, wiihrend das 
zweihockrige Kamel uberall dort an seine Stelle tritt, WO Hochebene und 
bergiges Land Uindemisso zu uhcrwinden bicten. 

ScboD Ritter|^ spracb es aus : Arabieo ist die Ueimat iles Dromedars. 
Dieser Ausspmcli uat noch iinnier voUe Giltigkeit, wenn auch wahrschein* 
lich das urspifinglidie Gebiet seiner Yerbreitung sich weitcr erstrecktc 
Bei den Ausgrabungen uiiter Hekekyan Bey in der Gegend von Memphis*) 
sind KamcIknoche^ aus altem Is'ilschlamm uuh einer Ticfe von 3 m. zu Tage 
gefordert worden, die den Beweis liefem, da^^ das Kamel in voi^eschicht- 
lichen Zeitcn schon in Aegypten gelebt haben muss. Das Kamel i welche- 
die uns aus der Geschichte bekannten Aegypter jedenfalls kannten, war, wie 
wir sehen werden, syrischer Herkunft 

Die iiltesten sicbercn Nachricbtcn vom Yorkommen des Kamels in Yorder- 
asien habea wir aus Falfistina. Schon in den iiltesten Zeiten miissen die 
Hebriicr cine ausgedebnte Kamelzucht getrieberi haben, denn wo der T'esitz 
der Patriarchen aufgezlihlt wird , wrrdon st<>ts Kaniele erwnluit . und duich 
ihre Wanderungen muss das ivaiuei auch iiacli Aegypten gekommcn odvr dtu t 
wemgstens betmnnt geworden sein. — Als Abraham in Aegypten*) war, hatte 
er Schafe, Kinder, Esel, Knechto und Magde, Esclinnen und Kamcle. Ebenso 
war Jakob sehr rcicb an Kamelon') nnd Eseln ; als er aus dem Hause Labans 
fortzog, lud er seine Weiber und Kinder auf Kamcle,. und bei seinem Zusammen- 
treffen mit Esau schenkte er diesem dreissig sSugende Kamelinnen mit ibren 
Fullen. Auch die umwohnenden Stamme, besonders im Osten^ am Hande dcr 
anibiseben Wiiste , die Midiattitcr tnd Anialekiler, besa<:<:en crrof^se Horden 
dieses WUstentieres und verweudeteu sie aucb im Kriege. Denn aus dem 

>) Ritter, Erdkuu^e XIII. Toil, m. VIII. 1. Abt. 

*) Horner, On the alluvial land of Egypt, in Philosoph. Transact 1855 und 1858 
(a right motacarpal of a dromedary*^). 
») Geneais, 12, 16. 
*) Gonesis, 30, 43. 

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04 



, Dm EmmL 



Heldenkampfe des Gideon wird uns erzahlt*). ^dass die Midianiter und Amalf- 
kiter und alle aus dem Morgenlaode sich niedergelegt batten im Grunde, wie 
fiioe Henge HeuachreckeD » und ihre Kamele waren nidit m siUen vor dcr 
HengO, wic dor Sand am Dfer des Meeres". — Die Erzvater werden sich 
bei ihren Waiulcrungen jedenfalls des Kamels bedient haben, das zeigt schon 
die Entsenduug des Kuecbtes Abrahams nach Mesopotamien. Ob aber das 
Kamel in dem Sinne Haustier bei den Hebraern war, wie bei den Arabero, 
encheint doch nicht wahrscheinlich ; jedrafalls war es nicht so iniiig mit ihrem 
gaiizen Leben vcrliunden, wie bei letztercn, dpncsi '^cii^ Fleisch auch als Lecker- 
bisseu gait, w'iljrcnd Moses das Kaniel als unreines Tier zu essen verbot 
Vielleiclit um auch hierdurch das Volk dem !Nomadeotum zu eutfremden, 
wie ea in ibnUchw Weise in Indien geschah. Docb behielten die Hebrfter 
die Kamelzucht noch liingcre Zeit bei , wenn sie auch als Ackerbauer des 
Tteres nicht raehr bcdurften. So setzte David einen Obersten iiber seine 
Kamelberden, aber die Ohronik itigt binzu, er war ein Ismaeliter ; ein Beweis, 
dftSB ihnen eelber die Kenntniase in der Zueht des Wlistentieree 'abhaoden 
gekommen waren. Auch wird uns immw nor aits den dstlichen Gegenden 
der Wiiste, die mit den ismaelitischen Volkerschaften in steter Beziehuiig 
standen, von Kamelen berichtet Biob, im Lande Uz, am Nordrande der 
arabiscben Wiiste, hatte 9000 Kamele in seinen Herden, und in den Weissagungen 
des Propheten Jesaias werden die Kamele aus Midian und Epha als hohe 
Outer gepriesen: „die Menge dor Kamclo wird dich bedecken, die L:iiifer aus 
Midian und Eplia''. — Auch der Prophet Jeremias spricht von dem Kamel- 
reichtum der Kedarui' odor Ismaeliten. ^Uire Kamele soUen geraubt und die 
Ifenge ihres Tiehes genommen werden.*^ Dass der ganze Handel im Lande 
Kanaan und von hier nach Aegypten niclit von den Hebraern selbst betriebcn 
wurde , sondern in den Hiinden der Araber lag , zeigt Josephs Goscliichte, 
denn seine Brtider trafen Ismaeliten, die mit Kamelen von Gilead herabzogea 
nach Aegypten^). Die durcli die assyriachen Denkm&ler nns liberHoferten Naeh> 
richten stamroen zwar ans spSterer Zeit, sic weisen aber auf eine schon lange 
bestehende Zueht des pinh6cl<ri!?en Kamels bin, und eg lasst sich aus ihnen 
berecbneu, wann dasselbe uugetahr nach Iran gebracbt wurde. Schon tun 
die If itte des 9. Jahrhnnderts fochten in der ScUacht bei Karkar am Orontes 
auf seiten der Syrier unter Benhadad II. von Damaskus 1000 arabische Kamel- 
reiter'). In den Basreliefs von Kuhmffiik sind dann die einhockrigen Kamele 
abgebildet, wie sie im Kampie gcgeu dcu assyrii^chen Konig Sardanapal (ungef. 
650 v. dir.) verwendet wurden. Doch nicht nur fttr den Krieg, sondern be- 
SOnders fttr den friedlichen Karawanenverkehr wurden die Tiere verwendet. 
Von Indien und Actbiopien wurden die Er/.eugnisse durcb Sabiicr und Homeriton 
an Arabians Kiiste gebracbt und von hier seit undenklichen Zeiten dutch 
Kamelkarawanen bis au die Kiiste des mittcllandischeu Aleeres uud nach 
Babjion befBtdert Nicht aber die alte Zueht iat das wichtigste Zengnia ffir 
Arabien als die Heimat des Dromedars, sondern die verbiirgte Nachricht, 
daaa dort dasselbe wild vorkam. Agatharchides^) behauptet, um das Jahr 
120 V. Chr. in Arabien noch wilde Kamele gesehen zu haben, ebenso berichtet 
Artenidor nnd ihm nacherzSblend Strabo, dass am aihintischen Golfe im Lande 
der N^bataer viele wilde Kamele zu seben seien'). Alle Nachrichten gelteo 
von dem einhockrigen Kaniel , das in jener Zeit ausschUesslich in Arabien 
vorkam ; denn die alten Araber kannten das zweihockrige Kamel nicht, sondern 
erst spater wird es als baktrisches Oder tnrkmenisches Kamel erwabnt*) 



') Richter, 7, 12. 
>) 6ene«i8, 87, v. 2d. 

•) Meyer, Gesck. d. A Iterlnms J, & ilO wd Keller, Tien dea Uaadachen Altertoms, S. 97. 

*) Diodor, Sic. Ill, 44. 
») Strabo, XVI, 777. 

*) KeDer, Tiere dss Irlstiiftffhfln Altertimw^ & SQw 



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Daa kamel. 



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Von Arabieo aus verbreitete nch das Dromedar nach dem Norden nod Sttden 

der alten Welt. Die Assyricr bekamen das emhockrige Kumel, das sie in 
ihren Bildworkcn dtirstclltcn , aus Arabicn. Die Keilinschriften - Namen des 
Kamels (gammale) soUeu arabische Lehuwdrter seiu*), die erst nack der Zeit 
Tiglat-PileBars II. (745-*727 t. Chr.) auf den DenkmSIern anftrotea. Dem- 
selben Avunlin 30000 arabische Kamele als Kriegstribut gebracbt, ebenso 
warden den in Sudbabylonien streifeiidon Boduinen unter Sanherib 11. (705 bi8 
681 V. Chr.) 5230 Kamele, und zwar nach den bildlichen Darsteliungen ein- 
liockrige, abgenommen. Diese Angaben werden durch andere erganzt. Aua 
der Zeit Salmanassars, also ungefahr 860 v. Chr., zeigen assyrisdie DantellaDgeii 
nur das zweiliockrige baktrisclie Kamel, wahrend Kelicflnlder aus der spiiteren 
Zeit, der Mitte des 7. .TahrliuiuUrLs . das arabische Kamel in verschioflrneu 
Stellungeu zeigen. Daaach scheint es, dass etwa um die Mitte dci» 8. Juiir< 
buDderte ▼* Chr, das einhSckrige arabische Kamel nadi Asajrriea nod Ton 
liier weiter nach Iran gekommen ist. Doch ist Iran niemals ein eigentliches 
Land des Dromedars gewesen , sondem es war meistens das zweihockrige, 
bftktrische Kamel, dessen sich die Ferser bedienten. £9 ist zwar aus 
den Nachrichten der AUen fast nie zn entnehmeQ, ob das einbSckrige 
oder das zweibSckrige Kamol gcmeint ist; aber aus den Skulpturen von 
Pezsepolis ist ersichtlich , djiss das zwoilnW kri'jo Kamel in Persien selber all- 
gemeiner war^ denn bier bringeu die I'rovinzen ihrem Herrscber zweihockrige 
Kamele dar. In dem Heeresznge des Cjrms gegen Krosns waren die Kamele, 
die daa Schicksal des lydischen Bttobes-entschieden, auch zweihuckrig — sie 
warm bloss als Lastkauiele mitfrenommen. Hierans ergiebt sicli auch , dass 
zur Zeit des Krosus, um die Mitte des 0. Jahrhunderts, das Kamel in Klein- 
asien noch nicht so allgemein war, vviowohl Archilochus (700 v. Chr.) dasselbe 
Bchon erwShnt. Doch batte Gyms schon Kamelreiter, auch Xerxes fiibrte 
auf seinem Zuge gegen Griecbenland scliwerbewafTuotc Kamelreiter mit deb, 
und zwar w;iren es Araber , also Dromedarreiter ; denn Herodot erzahlt, 
dass Araber die einzigen warcn, dercu gewappnete Kriegsmannscbafib zu 
Kamel sass. Audi Darius Hjstaspes hatte arabische Kamelreiter in 
seinem Heere* Trotzdem ist das einhockiige Kamel nie in dem Masse in 
Persien einheimiscb gewesen, als in Arabien. seiner Heimat, oder in Nordafrika. 
Und das auch ganz naturlicb. Dos im allgemeinen gebirgige Land war nicht 
fur das Dromefflir gesdiaffen; es blieb den Persem muner ein fremdes Tier. 
Scbon im Bondehesoh*) , dem in Peblevi-Sprache abgefassten Religionsbuche 
der alten Perser, das ungefahr aus dem 3. Jabrhundert nach Chr. stammt, 
heiFist es : das doppelartige Kamel ist fiir die Keinen geschaffen ; das eine 
bewohut liur Gebirge (das Baktrian), das andere, das sich in Ebenen auf halt 
(das Dromedar) kann nur hocbstens zwei Bcrge ersteigmi; und jenes Berg- 
kamel mit zwei weissen Oliren ist aller Kamele Oberster. Hier baben wir 
neben einer trefienden Charakteristik der beiden Kamelarten den Heweis, dass 
das zweihockrige Kamel in dem gebirgigeu Lande Baktriens daa gescbatztere 
war. Doch war Iran, sowie auch nodh in neuerer Zat, das Gebiet beider 
Kamelarten. In Medien, dem naber an Arabien gelegenen Teile Irans, war 
das einhockrige Kamel jedt TifaHs mehr verbreitet, denn Diodor nannte die 
mediscbeu Kamele dQOfiddaa m^o^lovj;^ uuter denen wir also wohl jedenfalls 
daa arabische einhockrige Kamel zu Terstehen haben*). 

Von Persien aus gelangte das einhockrige Kamel mit den Eroberuogs- 
zligen weiter nach Osten, nach dem heutigen Af^'hfiTilstan und dem Fiinfstromland,* 
und auch hier bewahrte es seine, ihm vou scmcu heimischen, sandigen l^'iachen 
gebliebene Eigenart ; es war lediglich das Kamel der Ebene, diente als flUchtiges 
Reittier, wie noch hente, sn Karier* nnd Postdiensten. 

•) Keller, Tiers n. 9. w., S. 26. 

>) S. Hitter, Erdkunde, S. 689. 
•> Diodor, SiouL XIX, S7. 

8* 



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96 



Dm KnmeL 



Um velche Zeit das Dromedar nach Turan Eingang fand, lasst 8icli 
niclit genau ormittcln. "Wahrscbeinlich wohl itiit der Ausbreitung des Islams 
und der Eroberung durch die Araber. Ebenso kam es sckou in friiher 
Zmt nach Ost- Turkestan, denn schon im Jabre 1025 wurden von dem 
KSnige Ton Chotan einbucklige Kamele nach China gesandti) Auch in Tibet 
und den nordwiirts gelegenen L.andsclmften, die von tungnsischen und tartarischen 
Volkcrschaftcii bowohnt wurden, wcrdp?i in don cliinesiscben Quellen einbucklige 
Kamele untei' den Landcsprodukten autgefiihrt. Ueber den Kaukasus aber 
ist das arabischo Kamel schon friiher gekommen, wie aus deD dort gitfundenen 
Inschriften aus doni 2. .Tahrhundert nach der Hedschra eraichtlich ist'). 
Bass das Kamol von Stiden her in den Kaukasus gekommen sein mag, daran 
eriunert auch sein Name bei Gcorgiem, Mingreliern und Suanen, wo er sich 
dem arabischen Namen anlehnt*). In vid frUherer Zeit aber waren die dn- 
buckligen Kamde schon am Schvaisen MeOTe bekannt* Schon Strabo*) 
bciiclitet. dass zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere auch die Aorscn 
wohnen und mit ihren Kamelen die indischen und babyloniscben Waren, die 
sie Ton den Armeniem und M edem empfangeo, weiter Twbreiten. Diese Kamele 
miitsen wohl Einbuckel gewesen sein, denn die Goten batten das einhfidcrige 
Kamel bei ihren Einfallen iiber die Donau. Auf der von Arcadius zur Er- 
innerung an die Ueberwindung der Goten errichteten Saule werden auf zwei 
Tafein einhockrige Kamele abgebildet, die die HeiligtUmer der Goten trageu. 

Den Griechen und Komern ist das Kamel immer ein fremdes Tier 
gt'blieben. Sic wurden als Wundertiere zur Schau hcrumgefiihrt , sind aber 
nicmals in alter Zeit wirklich benutzt wnrden, sondern erst seit der Zeit der 
Turkcnherrschaft, wo ihre Zucht m Aibaiuen vorzugiiweise betriebeu wurde. 
Im alten Spanien ist das Kamel nicht eiogefUbrt gewesen. Die Vnlkanmllnze 
von Tgia in Hispania baetica, auf der ein Kamel abgebildet ist, ist nacb 
Keller^ eine Falschung. 

Yon der gri^ten Wichtigkeit ist das einhockrige arabische Kamel aber 
iiir AlHka geworden. 

Den alten Aegyjotern war das Kamel scbon bekannt Wie noch bente, 
zogcn vor melir als 3t)C)0 .laliren Tsmaeliter von Kanaan nach Ober-Aetrypten 
und mit ibnen, als Triiger ihrer Lasten, das Kamel. Es wurde aber seltsamer 
Weise niemals Haustier der Aegypter, wahrend jetzt Aegypten ohne Kamel 
nicht mehr zu denken ist Duch haben wir sichere Nachricliten , dass die 
Aegypter sclion zur Zeit der Hyksos das Kamel kannten. Die Hauptlinge in 
Kanaan rufcn : nh-i n kainaai u , Ihr Diener , Kamel her. und zwar zum 
Es8en tiir deu ^luiiaroj. Jedenfalls ist das Kamel in geschiciitiiciior Zeit von 
Semiten eingeldhrt wordeo , wie ans seinem Namen kamaal , dem semitiscbeii 
gaml entsprechend , hervorgeht ; aber ungewiss ist es, ob das Enamel wirklicb 
in der Weiae, wie bei den benachbarten Ai'abem verweudet wurde. Aus dem 
14. Jahrbundert haben wir eiuen Papyrus^): das Kamel, welches horcht aafs 
Wort, wird herbeigdtthrt ans Aethiopien — nnd fwner : To in her seba luuneli er 
kenken: man ist im Unterweisen des Kamels zum Tragen — und in einem 
anderen Papyrus if5t vom Lasttragen des Kamels die Rede. Diese Zeup'ni<?se 
beweisen, dass den alten Acgyptern das Kamel bekannt war, trotzdem bleibt 
es wunderbar, dass es in den Dantdlungen der einhelmiMheB Tiere nicht 
enthalten ist, auch wird es nirgends abgebildet. Hdglich ist es, dass dasselbe 
, wegen des Wlderwillens der ackerbaoenden Aegypter gegen die herumsGhweafenden 



') Hitter, Erdkande, S. 674. 

') Kbanikott', Inscriptions musulmancs du Caacase. Jouil. Afltatique, 5. Sirie. XX. 

»1 Ri»t.;r, Krdkundf. Teil XIII. R(i, VIII, S. 9SS. 
*) Strabo, XI, s. Keller, Tiere eto., S. 32. 
") Ebendort. 

•) Chabaa, Vojag« en Egypte, S. 220. 
0 S. Brnfain, TierlAben, Bd. HL 



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Dm Hand, 



9? 



Nomadcn nls tvphonisches Tier »n\t und dcswogen nicht abgebildet wurde^). 
Jedenfalis ml das Kamel bei ihnen nicht Haustier geweseo , uad iiicht, wie 
man vennuteii mSchto, xa Kriegszagen in die Wiiste verwendet wordeo. Ent 
unter Ptolemaus Philadelphus (247 v. Cbr.) vollzog sicli dir Einbiirgerung 
des Kamels in Aegypten. Um die Erzeugnisse Indicns und Arabiens an den 
Nil und das Mittelmeer zu scbaffeu, wurden regelmassige Karawanenziige von 
Berenike saeh Eopttra eingeriditet. Wie bekannt za jener Zeit das Tier den 
Aegyptern achon war, gebt aus der Scbilderung des Atbenaus hervor^), dor den 
Triumphzug des Ptolemaas Philadelphus beschreibt. Es werden bei demsclben 
Kamele verwendet, doch werden sie nicht als merkwiirdige Tiere besonders 
anfg^blt Jedenfiilb waran es Araber, die den Haadelsweg zwiscben 
Koptos and Syene und von Berenike und Myos Hormos am Roten Meere 
aus wanderten, denn sie zogon nur des Nacbts und richteten tmch den Stamen 
ihren Weg. Die alten Felsskulpturen von Kamelen auf der Sinai-Halbinsel 
riihreu von arabischen Kameltreibern her, ferner wird von Diodor. Sicul. am 
Nilarm in der Nfthe von Uempbis ein Eanielkastell erwabnt, das Perdikkas 
von Pelusium aus gegen Ptolemiius vergeblich zu stiirmen versuclite (320) 
und d^ seinen Namen jedenfalls von voriiberziehenden oder dort lagernden 
Kamelkarawanen erhalten hat, die von Asien uber die Sinaihaibiusel nach 
Aegypten wanderten. 

Von Aegypten ans gelangte das Kanu 1 nach den ttbrigen Landem Nord- 
afrikas. — Die Zeit, wann dies geschehen, ist aber nur anniihernd zu ormittcln. 
In den ersten Jahrhunderten v. Ohr. ist dasselbe noch nicht in ^ordafrika 
za finden ; alle rSmischen Schriftsteller schweigen davon , nor im bellnm afri- 
canum, cap. 68, werden unter der Beute vom Konig Juba auch 22 Eamele 
envahnt. Ferner ist aus der Cyrenaika eine ^Miinze des Lollius aus der Zeit 
des Pompejus bekannt, auf der ein Kamel abgebildet ist'). Dies sind die 
ersten Zeugnisse von dem Vorkommen des Karoels im Westen Nordafrikas — 
ne seigen aber anch mgleioh, wie selten dasselbe dort war, denn wiire es 
allgernrii] verbreitet gewcscn . so wurde dio, geringe Zahl von 22 Kamelen in 
Casars Kriegsbeute wohl nicht erwiihnt sein. Nach den jetzt in NordatVika 
herrschenden Verkebrsveihaltnisseu erscbeiut es uubegreif licit , wie Karthago 
seine Handekaiige (okm das Scbiff der Wfiste so wdt nach Sfiden ansdehnen 
konnte. Es ist aber thatsacblich geschehen, wie die Skulpturen beweiscn, — 
entweder auf Rindem oder auf von Ilindern gezogencn Wagen wurde damals der 
Verkehr vermittelt, — und bis in die jungste Zeit haben so^che Wanderungen 
noch stattgefunden, so dass man nicbt anf eine Aenderung des Klimas in ge- 
schichtlicher Zett zu schliessen braucht. Noch irn Jab re 1847 reiste der Tebu 
Hadj Aberm;i mit Ilindern von Eano bis Khat<). In der VorwUste. wflclic den 
^tiordrand Airikas von der Sahara trennt, wo sich eine Reihe von Palmoa^jtu und 
Salzseen befindel, bedeckt sich das Land wfthrend der Winterregen mit einer 
leichten griinen Fflanzendecke , die dem Nomaden ein zeitweiliges Dasein er- 
rooglicht, — und bier zogen zu der Ronur Zeiten, in den ^ersten Jahr- 
hunderten V. Chr. die Nomaden mit Karren, die mit Rindern bespannt waren 
und ihr leichtes Zeit trugen. Weder Herodot bei der Bespiechung der 
flandelswege der Earthager nach Osten , Westen und S&den , noch Sallnst 
oder die iibrigen Schriftsteller der auf Afrikas Boden von den Romern ge- 
fUhrten Kriege erwahneu das Kamel. Pliuius*) erziihlt, dass die Schawi, die 
Nomaden Nordafrikas, bei ihren Wanderungen ihre Zelte auf Zugkarreu 
fortscbaffen, wie sie damals bei den Eingeborenen Kordafrikas ttberall im 



^ Vi-rer F-hcr^, kegypien nnd die BAcher Hotia. 




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96 



Du KiuneL 



Ofhrauch waren. Tm Hcoro fles Airntlioklos befimdon sich , iih ov 5^ug 
gegeu Kartbago unteraahm'j, tiUOU (jiespanne der libyschen Volkcrschaften; 
bei dem Zuge des Ophelias nm die Syrte heram werden nur Wagen, kcine 
Kamele yerwendet^). Die Asbyten, Auseci . Qarmaten, die in den jet^t ganz 
wiisten Steppen ywisrhpn drr Syrte uiul den Oasen von Andschila iiiid Kebabo 
umhcrscliweiften. liattoii Knof^swagcii und Rossezucht. Im friibeu Anfang dos 
Mittelaltera aber muss das Kamel vou Osten her uuch den wcstlichen Gegendea 
Nordafrikaa eingefQhrt Bttn, zu einer Zeit, wo bier noch Elefanten und Antil- 
lopen hcimisch waren. Am Wadi el Cbeil fand Knhlfss) Hohlen, in dcnen die 
Figuren von Elefanten, Karaelen und Antilopen eingebauen waren. Anch haben 
wir gescbicbtliche Zeugnisse, dass schon in den ersten Jahrhunderten unsercr 
Zeitmhnung das Kamel hier ausserordentlich verbreitet war. Schon im Jabre 
370 n. Chr. verlangte Romanus, der Prafekt dos tripolitaniscben Militargaues, von 
den hartbedrangten Leptianern Stellung von 4000 T/nstkamelen, ehe er zu Hilfe 
Ziehen konneO. Als die Vandaleu Kordafiika eroberten, fauden sie hier schon 
uberall das Kamel als das wichtigste Haustier. Anch in der Sdilacht wnrde 
es als lebendige Mauer gegen die anstQrmende Reiterei benatzt, hinter der die 
Weiber und KiTidf r S(>)uitz suchten. Zur Zeit des Biscbofs Synesius machten 
die Auxurianer ihre tStreifziige bis in die Oyrenaika auf dem Riicken des 
Kamel8<^) ; ebcnso wie die ganze im Suden der Oyrenaika wohnende nomadische 
Bevolkening sich des Kamels bei den rauberischen Uebertallen bediente. Im 
5. Jahrhundert ist das Kamel iibn,il1 in Kftrdafrika veibreitet; und zwar 
miissen wir annehmcn, dass dies durch die Araber guscliehcn ist , wenn aucb 
die Berber fiir das Kamel eineu einbeimischen JSanien haben, der nicht mit 
dem semitischoi Worte znsammenhMngt, das sonst alle anderra Ydlker ange- 
nommen haben. Denn es ist kaum glaabhaft, dass dasselbe in den Berber- 
staateu einheiraisch gewcsen sf^in soil , ohnp Spuren davon hinterlassen zu 
haben. Auch haben die Berber fiir andere Dinge eigene Namen, die sie 
trnzweifelbaft von den Arabem erhalten haben. Ueber die Zeit der ESnfEthmng 
des Kamels in die Lender der Sabara und die nordlicben Tefle des Sudaos 
haben v ir kpine sicheren Nachrichten. Gewiss nur ist, dass es von Xorden 
her gekommeu ist, denn alle 8agen, die im (jredachtius der Vdlker am Tsadsce 
fortieben , en^Men , due von Norden h&t Erober^ aof Eamelen gekommen 
seien. Es liflgt am nachsten, hier an die Eroberung durch die Araber zu 
denken , und jodonfalls worden diescllx ii das Kaniol in den iiberwundenen 
Staateu eingeiubrt und geziichtet haben. Bei cinigen Stammen im nord- 
westlicben Sudan ist es jedoch schon eher bekannt gewesen , was wobl 
anf den ausgedehnten Handel der Berber in den westlichen Teilcn der Sahara 
oder auf Einfluss von iigyptisclier Scite her zuriickzuiiihren ist . denn schon 
im 11. Jabrliundert war hier der Islam eiiigefiihrt und zwar vielleicht durch 
eiue uralte Handelsstrasse *) vermittelt , die schon von den Nasamoneu be- 
nutxt wnrde, deren Reiseziel in der Gegend zwiscben Tsadsee nod Niger zn 
snchen isi Als dann Hadj Mohammed Askia Agadcs eroberte , vertrieb 
cr die dort ansilssigen fiinf BerberstamnK' , die schon Kamolzucht gctrieben 
haben, dean es wird erziiblt, dass eine bctracbtlichc Anzahl reicher Berber 
mit 500 Diachfa's die Stadt Terliessen. Djachfa ist aber das zum Transport 
der Fran bestimmte, auf dem Kamelriicken befestigte Zeit. 

Besscr als iiber die Heimat des einbiickripen Kamels sind wir iiher dic- 
jenige des zweihockrigen unterrichtet. Schon die alten Baktrer glaubten, dass 
dasselbe aus einer Vermischung von wilden SchweiucD und Kamelen in den 



>) Diodor, XX, c. 64. 

«) Ebendort, XX, c. 80. 

*) Bohlfs, Qiier durch Afrika. 

*) Ammian. MarcelUis, XXVTIT. 

*) BarUi, WandoruiigeQ uud Dartb, Reisen, I, S. 250. 

*; Baith, Waadenmgen. 



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Dm KanMiL 



99 



Indien benachbarten (jebirjien entstanden sei und weisen dam it auf seine 
alte Heimat in den ^ebirgigon Landern Innerasiens hin. — An den Siid- 
abhSngen des Himalioft > in Siwalik-Httgeln hat man Reste ton Eaxnel- 
knochen gefunden^), ebenso an der unteren Wolga diluyiale Reste von Camelus 
Knoblochii') wnd an der Miiiidun^^ dps Tscbm-raschan Reste eines Kamel* 
schiidels. Jedenfalls muss also das Kamel friiher in Asien eine grosae Yer- 
bnituDg gehabt baben, doc^i aiiid diewFonde nocb m dttrfUg, audi nndbier 
die Kachrichten aus geschicbiilicben Zeiten wichtiger. Soweit die Quellen 
reicben, ist das Hochland von Innerasicn als die Heimat des wilden Kamels 
anzusehen. Den Chinesen waren schon ii> den altesten Zeiten wilde Kamele 
bekannt, die am Siidsaum der Wuste Gobi gcgen Scben si vorkamen. Auch 
in dan jtingeren chinesiscben Qucllen aus der Mitte des 18. Jfthrhtinderts wird 
erwabnt') , dass sie sicb in den iiiirdlicben und wcstlicben Gegenden des 
chinesiscben Roicbes nocli im wilden Zustande bebnden sollen. Ebenso bringen 
Marco Polo, Humboldt, Shaw, Henderson und Hume die Nachriehten, ds^a 
in den Wfieten Innwaaiens wOde Kamele ▼orbanden eeieo. Dnrch Pncbewalaki 
besitzen wir jetzt tiber dieselben genaue Nachriehten*). Sie kommen vor in 
ganz Turkestan, von Chotan bis nach dem Kuku-nor und nordlirb dieses 
Seees in der Wttste GobL Dass diese von Prschewalski hier gefuudene Form 
die Wfldfonn ist t edieint nadi aUem sehr vabfscheinlieb zn sein. Weon es' 
audb Torkommt, dass zabme Kamele verwildern, 80 ist es doch unwahncbeiiiUdb, 
dass sie sich fortpflanzen . da dieses ihnen im {T'vfilmitcn Zustand immcr nur 
mit Hilfe des Henschen gelingt. Auch zeichnen sich diese Kamele vor den 
aabmoEi nocb durcb besondere Herkmale aus. An den Torderen sogen. Enie'en 
bat der Fobs des wilden Kamels keine Schwielen; die Hddcer sind bedentend 
kleiner, — vrUhrend sie beim ausgewarli-r tu t! /abmon Ticre l)is 50 rm gross 
sind , massen sic bci den von I'rschcwaiski erlegten Tieren nur 18 cm. Das 
Miinnchen hat keiuen Haarschopf oder nur einen uubedeuteudeu, und die Farbe 
let bei alien Tieren die gleicbe rdtUcbe Sandfarbe^ wie sie beim zahmen Tiere 
riiir selten vorkommt. Die Schnauze ist f^raucr und anscbeinend kiirzer, 
ebenso die Ohren. Ausserdem sind die Ohren nicht so gross, nur mittleren 
Wuchses. Alle diese Merkmale lassen darauf schliessen, dass wir hier die 
wilde Stammfoim wirklicb Tor nns baben, denn bd einer Yerwilderung wttrden 
nicht 80 bedeutende Unterschiedc hervortreten , wie sie anderseits durch die 
Jahrhundcrte lange Zuchtung dt»s Tieres allmahlicli erworben sind. Ueberdies 
baben diese Tiere, im Gegensatz zu den zahmen, ausberurdentlich scharf ent- 
wiekelte Sinne, so dass es scbwer war, dieselben zu erlegen. 

Wo nan znerst das Kamel aus dem vilden Zustande zam Gefahrten 
dos Menschen gemacht wurde, diirfte kaum zu ermitteln sein. w;i}irscbeiidicb 
geschah dies an mehreren Stellen zugleich. Schon ira 2. Jahrhuudert v. dir., 
als die Han-Dynastie in China herrschte^), war das Kamel im Nordwesten 
des Landes in der Gegend des Knkor-nor und Lob-nor bekannt. Die hier 
wohnendon Yue-tsdii kamcn auf ibren Stri-ifziigen und Eroberungsfahrten 
^TPgen Westen zwar bi^ zur Ostseito des kaspiscben Meeres bis Sogdiana, 
doch werdeu bie dan Kamel hier nicht erst kenneu gelernt habeu. In ihrer 
Heimat war es ja wild vnd scbon seit langer Zeit werden sie es gesShmt baben, 
ausserdem waren jene ErobemngszUge ohne die Hilfe des Kamels wohl nicht 
moglich gewesen. In dem eigentUcben 0!nn:i Imt das Kamel keine Urheimat 
gehabt, denn in dem reichlich bewasserten Sudchina ist nocb heate kein Boden 
fflr Kamdzncbt, wird es daber ancb nicbt in frOberen Zaten gewesen sein. 
In Kordchina, am Sttdabbang der Gobi gegen den Hoong bo, ist das Kamel 

') Asiatic Eescarcbos, 1S36, XIX. 1., g. 115. 

Da^ Ansland. 1883. 20. S. aaeh LangkRvei, Dm wilds Eiunel. 
') Bitter. Erdkunde, S. 070. 

Ptochewabki, Yoa Kiddielia vwb dem Lob-nor, 8. 54. 
>) Did vnd dsi folgndo bei Bitter, £rd]raiid«, 8. «6i». 



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100 



Bm KftmtL 



wohl ebenfalls aus dem Naturzustande sam geduldigen Haustier gezahmt 
wordt'i). Hier wolinten die Hiont; im tnid schon die liltesten Scluiften bfi- 
richteii, dass sie zaiilreiche Kamele hatten, diiss in ihrom Lande aber auch 
wilile gaba Es scheint demnach unzweifelluiit , du^s in dein jet^igen jN'ord' 
china seit undenklichen Zeiten Kameibucht betrieben woide und dass dieie 
in den altesten Zeiten vielleicht in dor Zahmuug des wild lebenden bestandeo 
haben mag. Wann das Kamel zu den im Norden der Wiiste Gobi wohnenden 
fiuraten gekommen ist, kann nicbt ermittelt werden — vor der Zeit Dschingis 
Chans batten sie es noch nicbt, sie waren damab ein Jiigervollc, dass ibm zom 
Zeidien seiner Unterwiirfigkeit Adler sandte. Doch werden sie um jene Zeit 
von don Mongolen das Kainrl erhalten haben. Die Mongolen Ostturkestans, 
die Turko - Tartaren und sibiiischen Tiirken babea das Kamel schon seit ur- 
alten Zeiten als Herdentier benutst Weon anch die Deutung einer am 
Felsenabhang des rechten Jenisseiiifers in einer Kntfernung von km voa 
]\finnssinsk gofuiulenen Zeichnung. auf der pin Nomadenzug mil Kamelen 
abgebildc't Hriu soli. Tiach Vambery sehr fraglich ist^ so kommt dasselbe doch 
in vielen ulten altaiseheu Spricbworteru vor. 

Die Sltesten Naehrichten von der Knltur des zw«h5ckrig«i Eamels 
stommen aber aus Baktrien. Soweit die Kultur des Avestavolkes in die Ver- 
gangenbeit zuriickreicbt , muss es Kamelzucht getrieben haben. In friihester 
Zeit war das Kamel das am hocbsten geschatzte Haustier, spiiter reiht es 
svrischen Pford und Bind. VieUeicht warai es besonders die nomadisierenden 
St&mme Tui-ans, die sich mit der Zashi des Kamds beschaftigten, denn der 
K ifrn In it litnni einps tnranischen Grossen wird besonders geriihmt. Der Reich- 
tuni Baktneus geht schon aus dem Namen des Beligionsstifters bervor. 
Zarathnscbtra bedeut^: goldgelbe Kamele habend. Namen aof -nschtoa sind 
ganz gewohnlich. Der des Anbangers und Freundes des Propheten: Frascha 
uscbtra^), dann Arava uschtra : wilde Kamele besitzcnd , Vohu uschtra : gute 
Kamele besitzend. Im gebirgigen Lande Baktriens zog man seit alter Zeit 
die bestcn und ausdauerndsten Kamele, die auch in Persien bis nach Assyrian 
bin in der &lteren Zeit ansscliliesslicb zu finden waren. Nachber kam, vie 
wir schon wissen , von Arabien lier das einhockrige Kamel. Aus den alt- 
assyrischcn Denkmalern , don Kuinen von Peisepolis und aus dem Zuge 
Alexanders wissen wir, wie allgemein das zweihockrige Kamel iu Persien war. 
In der spSteren Periode Baktriens, naoh der Zeit macedonischer Statthalter 
und seleuadiiscber KSnige wurde auf den ^lUnzen neben indiscben Tierbildttrn 
auch das zweihockrige Kamel abgebildet, — es war dies zu einer Zeit, wo 
bkytische Usurpatoren das alto Baktrerreich eroberteu und nuu ihr heimisches 
baktrisdies Kamel auf ibren MOnzen einf&brten. Auf ibren Eriegsziigcn 
spielto das Kamel einc wichtige Rolle. Hormuz IV., der Sassanide soil ein 
Hcer von 250000 Kamekn gehabt haben, die Tor allem in den Qebiigea als 
Lasttiere unschiltzbare Dienste leisteten. 

Scbon in dor fruben vedischen Litterator ist das Kamel bei den Indern 
bekannt und hat hier denselben Namen wie in der iraniscben Sprache. In 
(Id pf;*ircn Tjitteratur soil das Wort uschtra dann seine urspriingliche Be- 
deutuiig verlorcn lial)en und oincn l^uckclocbsen bezeiclinen. Geiger") crklart 
dies so , dass die aus den ursprunglicheu Wulmsitzeu Nordiians ^iebenden 
Inder anf ibrem Zage nacb Sttden das Kamel mitnahmoi , dass es jedoch in 
den Tiefebenen des Indus seltener wurde. Xacbber wurde es jedoch wieder 
von Westcn oingcflibrt und der alto Name uschtra erhielt wieder seine ur- 
spriingliche Bedeutung. Dass in Indien das Kamel eingefiihrt worden ist, geht 
auch darauB bervor, dass bei den Hindus die Sage von einem Eamelgott 



«) Vambery. TQrkenvSlker, S. 33. 

•) Geiger, Oatiranische Kultur im Altcrtum. 

*) Goiger, Oatimniscbe Kultur im Altertuiu. 



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101 



besteht, der das Kamel in Marwar, dem jetzt bedeutendsten Zuchtort, eiugefUbrt 
habeo soil 

Nach Etiropa getaagte das balctrisdie Kamel wabncheiiilich mft den 

Wanderungen turkischer Volker und wurde in den siidrussischen Steppen dann 
bald beimisch. Dies muss scbon friibzeitig gescbcben sein, denn ein aus dem 
Jabre 925 stammeDder Bericbt Ibn Fozlaus sagt^ : Wir gelaugten in das Land 
eines tfirldsdieB Volkes, Baschkier genannt ... die Besitcer Ton Taiuenden 
von Scbafen und Kamelen. Gemeint ist damit das Gebiet^ in dem hente nodi 
die Basclikiren, ostlicb der Wol^n. wobnen. Ob dieseKiunde aber einhSckrig 
oder zweibockrig w^en, wird mckt gesagt 

Im Jahre 1622 tiess Ferdltftmd II. von Medicis in Toskana das swei* 
bockrige Kamel im Gebiet von San Rossore einitlhren , wo sich dieselben wif 
einer sandigen Ebene gelir >vohl befinden nnd ganz wio in ihrer Heimat leiben. 
£beD80 hat man in Siidspanien giinstige Krtolgc mit Kamelzucht gchabt. 

In Venezuela wareu auf Uumboldts Anregungcu auf dur Hacienda des 
Marquis de Toro aus Afrika Kunele eingefUhit wordeoi sie sind jedocb mcht 
mehr vorbanden. Hesse -Waitegg-) sab kein einziges und niemand kannte 
ein Kamcl auch inir dem Xamen nach. In Texas vermittebi seit 1858 Kamele 
den Verkebr nach dem btillen Ozean, auch die Kegierung von Bolivia hat 
Kamele in die Kordilleren kommen lassen. In AnstnJien haben die Kamele 
8idi vortrefTIicli an das Klima gewdbnt. Scbon 1846 batte Horrocks bei 
seiner Expedition in Sudaustralien ein Kamel mit sich, 1859 schickte ein 
Haus 6 arabiscbe Kamele mit Wiutern nacb Siidaustralieu uud 1860 Uess 
die RegieruDg der Viktoriakolonie 25 Stttdi Kamele ans Indian BerBberschaffen, 
die Burke bei seiner Expedition von Melbourne uacli dem Carpentariagolfe 
verwendete. 1866 warden auf Kosten von Sir Thomas Eld«r 124 Kamele aus 
Indieu gelandet, die dann nach mancherlei Missgoschick sich fortpflanzten 
and weiter gediohen^). Sir Elder batte drei Arteu von Kamelen eingefiihrt, die 
zom Beiten und Lasttragen sich am besten eigneten und ttber 30 Jahre in 
arbeitsruliigem Zustand bleibeii. Die Leistungsfahigkeit dicser Tiero' ist eine 
ausserordentlicli bedcutcnde, sie Icgen mit eiiier Last von 30(-> kg taglicb 
gegen 25 km zuriick uud konnen dabei 4 — 5 Tage lang den Durst ertrageo. 
Andi vurden sie bei der Herstdluig der Linie fttr den Ueberlandtelegrapben 
bemilst. — 



Mb Zveht des Kamels and seine Terwendnng Im Bienste des Hensehen. 

Es kann hier ni ht Aufgabe sein, zu untersuchen, wie weit die beiden 
als Camelus bactrianus uud (J. dromedarius geschiedenen Arten verwandt sind. 
Hier intereesiert nnr dk Tbataacbe, dass in den Gegenden, wo beide Arten 
gebalten werden, sine Vermiscbung beider vorkommt, und iriedernm fntcht> 

bare Bastardo daraus hervorgehen. Diese Gegendo!) . also vor allem die 
Bucbarei uud Iran, sowie Indian sind demgemilss durch eioe grosse Zabl vou 
VarietSten ausgezeichnet, die natiirlich in der Bebaarung, FarbiB nnd Anssehen 
bald mehr dem Dromedar, bald dem zweihockrigen Kamel mebr gleichen und 

die grossten Verschiedonhritcn nntVfison. Allgemein lassen sich aber in der 
Bucharei drei verschiedene Arten unterscheiden, die sich fruchtbar mit einander 
begatten*), es sind nach Eversniann folgende : 1. Air, das zweihockrige C. bac- 
trianus, langbehaart, von starkem Gliederbau; 2. Nar, das einbucklige mit 
langer Wolle, iind /!. Luk. das einhockrige , grosser als die vorigeii. abor mit 
krauser, kurzer, schwarzbrauner Wolle. Diese letztere Art soil nur in der 

») Vambery, Tflrkenvfllker, S. r>ll. 

n & Petwmsiutt ICtteibuigen. 1888, XI. S. 880. 

^ 8. PetwMaw.lli|ftai]iiiifi«n, 1875, & 488. 

«) Bremnsiin, BeiMa von OxtDbiiig nabh Badiaiat 1888. 



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m 



Dm KMnd. 



Bucharci vorkonimen und ist vielleicht die au8 der Vemischung der beiden 
ersteren hervorgegangeue Art, — Im allgemeinen sind jedoch die beiden Arten, 
das ein- vnd xweihdckrige Kamel m vntenciheidenf zumal ne ja auch ehomr 
verschiedenen Heimat eiitsprossen zu sein scheineu* Wir baben gesehen, dass 
fur beide Arten die Wildforra bekannt ist oder gewesen hi ; daniit ist auch 
ilire Heimat gegeben, von der aus sie sich im Dienste des Menschen ver* 
breitet baben, wie es zum Teil noch an der Hand der Geechidite nacbniweisea 
moglich war. — Beide Arten sind dem Nomaden Anens and Afirikas zam 
wertvollsten Haiistier gewordcn, auf dessen Zucht viol Snr^rfalt verwendet wird. 
Die Begattung und der Geburtsakt geheii mir mit Hilfe des Menschen vor 
sich. Bald nach dor Geburt vermag das jiinge Tier seiner Mutter zu folgen. 
Bei den Mongolen bleibt die Stute, welche gefohlt hat. oin Jahr lang von der 
Arboit befreit, das .Tunjro wird jedoch schon wonise Slonate nach der Geburt 
der Mutter entwiibnt . wahroud es bei den Beduinen Afrikas ein Jahr lang 
siiugt. Es wird entwohnt, iridem ihm ein spitzer Pflock in die Naseuscheide- 
wand gesteckt wird* dor beim Saugen das Buter d&e Hntfcer sttcbt, so dass 
diesc das Tier abweist; an diesem Pflock wird nachher der Zaum befestigt, 
oder ein eisemer Ring wird in das Loch pesteckt , vtm daran den Leit«trick 
zu befestigen. — Das zweihockrige Kamel wird schon im zweiten Jahre mit 
auf die Base genommen und an wdte HSrsdie gew5bnt, sowie daran , sidb 
auf Befebl niederzulegen. Im dritten Jabre wird ibm der Sattel aufgelegt 
imd cs wird zum Reitfn bcnutzt , vicrjahrij;: wird cs mit oinor kleinon Last 
beladen und iunQahrig ist es fertig zum schweren Dienst, in dem es .25 und 
mehr Jahre gebmncht werden kann , denn es wird 30—40 Jahre alt. Ara 
meiaten leastet es jedoch vom 5.— 15. Lebensjahre. Nur in Persien ist die 
Dauer, wiihrend welchcr das Kamel benutzt werden kann, eiiie verhaltnismftssig 
kury.e , es crrcicht bior ein Lebensalter von sHten mehr als 9 Jahren. Der 
lieduine Arubiciis und Afrikas sieht das einhuckrige Kamel schon im 3. bis 
4. Jahre als erwachsen an und b^nlzt es von dieser Zeit zn jeder Arbeits> 
leistunf^. Auf die Zucbt des Lastkamels wird nicht sovid Sorgfalt verwendet. 
die odlen L>romedare in der Sahara und in Arabien werden jedoch mit ausscr- 
ordentlich viel Liebe grossgezogeo. Die Geburt eines cdlen Meheri ist ein 
Freadenfeat fdr den Besitsw und seine Familie; das junge drolKge Tier ist 
aller Licbling, cs ist der Spielgcfahrte dor Kinder und darf das Zelt des Haus- 
herrn bctrcten. Ist man auf dem Marsche, so wird, wie Nachtigal erzUhlt, 
ein Sklavc beritten gemacht, der das FUllen einige Tage lang in seiaen Arm 
nimmt, oder dasselbe findet seinen Platz in den Karmuts der Franen. In den 
ersten Jalireii lasst man es frei nmberlaufen , erst nadi seinem zweiten Jahre 
boginnt die Drcssur , in dor es an den Ruf seines Herrn gewubnt wird. — 
auf blossen Zuruf sich erlieben muss, nach dem Willen seines Eeiters seine 
Gangart richtet und. wenn es ihm befohlen wird, stille stehen bleibt. Hierauf 
legt der Beduine gan/. besonders (lewiclit; erst dana ist die Dressor voUendet^ 
wenn das Tier einen volU ii Tag auf der ihm angewiosenen Stelle stehen bleibt. 
Diese Fijouschaft wird besondors don Reitkamelen der Bidejat nachgeriilimt, 
die duium den riiuberischon Einwohnern Kauems auch von uusciiiitzbarem 
Werte sind. Diesen edlen Tieren wird aucb die Nasenscbeidewand niebt 
durchbohrt, sondern sie werden an einer Halfter mit eisemer Klammer ge- 
leitet, welche der Nase atjfliegt. Damit di^ Kamele nicht so wild und un- 
bundig zu Zeitcn der Bruust sind and auch krailiger werden, werden sie 
versdinitten. FrQber war dies aUgemein bei den Kriegskamelen der Perser 
der Fall, wo die entsprechende Operation aucb an den Weibchen vorgenommen 
wurde. — Ebenso ist es auch bei don crosse Herdon von Kamelen besitzendon 
Arabern ; nur wenige Tiere werden 2ur Zucht zugekssen, wiihrend die iibrigeu 
verstummelt werden. 

Die ungehenren Heere Ton Eamelen, die friihere Eroberer Irans and 
Indiens braucbten, warden ram grOesten Teil in besonderen Gestttteo geiftcbtet 



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Dm &ttn«L 



103 



In Indien hatte sich besoiulers Akbar der Grof?.so (1556 — 16(^) verdient 
gemacht, uud man riihmte.den indischen Kamelcn ihra ausserurdentliche Giite 
Qttd LdstnngsfShiffkdt nach. — Die Zacht war daanals dogefllbrt worden in 
den PfOfinzen Adschmcr, Dschodpur, Nagore, Bikanir, Jalmir, Hetenda, 
Trthnesir auf Gufl«cb(nat luid in Sindh. Fiir alle Einzclhciten in der Zucht 
waren besondere \ urschriften gegeben, selbst die Namen der Terscbiedenen 
Altenatafen hatte der Kaiser bestimmt und zom Teil wiOkfiilich abgeftndert. 
Das Hengstfiillon hiess Boghdy, das StatenfoUen Jemazeh ; das Mannchen 
eigneto sich am besten zum Ivnsttragen und zum Kriegsdionst , wiihrond dua 
Jemazeh durch seine Schnelhgkeit zu Post- und Kurierdiensten vorwiegend 
rerwendet wurde; es konnte auch erst nach 3 Jahren zum Dienste gebraucht 
werden, wShrend das Jemazeh achon mit 2Vi Jain en tauglich war. Die 
Kiiniele wareu in Kctars eingetcilt . die iliren bcsonderen Namen eriiiclten. 
i->iese Kctars ziihltcn iin kaiserlichen Dionst jc 5 Kamele, mehrere dor.sollion 
varen zu Kompaguieeu vereinigt, iiber die wieder besoadere Fiihrer gesetzt 
varen. Jeder dieser AbteEuDgen waren ihre Gesetze, Anegaben, Einrichtungen 
zur Fiitterung, Ausrtistting an Geschirr u. s, w. festgesetzt. Ein Tribus unter 
den Hindus , die Beybary , richtete die Dromedare zu Laufkamelen fiir den 
Postdienst ab , der durch das gauze Reich jauf Kamelen vermittelt wurde>). 
In ganz der8elb«n Weise and attch die kaiserliehen Gestttte an der Nordgrenxe 
Chinas eingerichtet, die ftr den Icaiaerlichen HaiBtall in Peking eine grotee 
Zahl von Kamelen liefem. — 

Verschiedenartig sind die Rasscn des ciuhockri^en Kamels. Im allge- 
meinen kann man zwischen dem schnellftissigen Reittier der Wttste nnd dem 
schwcren , den fruchtbareren Gegenden entsprosseneo Lasttierc unterscheiden. 
Doch hat fast jodes Land, das Kamele zUchtet, besondere. iliin cifiontiiniliche 
Spielarten. Ueberall fitidet sich das Djemmel, das I^astkamel, am besten wird 
es jedoch in Aegypten gefunden, wo ein scliweres ausdauerndes Tier gezuchtet 
wird, das Lasten bis zn 500 kg tragen kann. Ueberhanpt sind die im Oaten 
und Sudosten der Sahara, in der grossen Handelsoase Dar For geziichteten 
Tiere besser zum Lasttragen geeignet, als diejeni^en Nordafrikas, dcncn nie 
mehr als 250 kg aufgebiirdet werden. Kur im Westen, siidlich von Marokko, 
haben die Tazxerkani ein ansgezeichnetes Lastkamel, das zu Wiistenrdsen 
lehr gesucht wird. Ganz verschieden von den Lastkamelen sind die Reit- 
kamele, untcr donen schon von Alters her die Dellul, die Renner der Araber, 
beriihmt sind, die in Afrika allgemein Hadjin genannt werden. £9 sind hohe, 
knrzbaarige Tiere roit hochgcrichtetem Kopf und Hals, irei^m und kUhnem 
Schenkelwnrf, die den besten Renner hinter sich znrficklasseD. Die arabischen 
Kamele zeichnen sich alle durch eine lichtc Farbe ana , die manchmal fast 
weiss wird. Diinkelgefiirbte Kamele liiilt der Aralier fiir eine gerintjerc Sorte. 
Die Hadjm von Oman werden in deu Gesiingen als die besten und tiiichtigsten 
gepriesen. In Nordostafirika sind die Biticbarikamele als Beitkamele die ge- 
SQchtesten, — cine schlank gebaute hochbeinige, aber nicht grosse Rasse 
von lichter fast weisser Farbe, mit kurzom glatten Haar. Es schreitet ausser- 
ordentlich leicht iiber den Boden hinweg und legt in seinem Passgang 8—10 km 
in der Stnnde zurttck. In der westlichen Sahara sind es aber die Heheri 
der Tuarik , die allgemein als die schnellstcn und ausdauerndsten angesehen 
Werden , mit verhaltnismassig grossen Lasten in kiirzester Zeit bedeute?ide 
Strecken zuriicklegen. Es soil 7 — 8 Tage hiutercinander taglich 80—90 km 
hrafen nnd bn IS Tage, ohne getrHnkt zu werden, anshalten kSnnen. Unter 
den Meheri ist es wieder eine schcckige, albinoartige Spielart, Milahi = der 
Salzige, die I f^rnders zah und ausdaiicrnd sein soil. Auch in Rornu sullen 
ausgezeichnete Kamele gcztichtot worden sein, die an Schnelligkcit und Ausdauer 
den Tuarikkamelen einigermassen gleich kameu. Wiihrend die Tuarikkamele 



1) 8. Bitter, Maude, XUI. B. 646. 



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104 



Bu KameL 



aber sehr empfindlich gegen feuchtes Elima sind, d&her aich weder weit nach 
dem Sudan, noch an der afrikanischen KUste verwenden lassen. Bind die in 

den Tibestibergen gezuclitpten Kamele s^chr peeif^-net lu Karawanreisen von fler 
Kiiste bis an den TsadbL'e. Vor allem haben die Kamele der Baele einen 
guteu Ruf. Das in den Tibestibergen gezUchtete Kamel wird bedeutend 
grSiser ak did tthrigen afrikaniiolien Kamele and seicluDet tieh auGh daidi 
einen JSngoren rlfinneren Hals aus. 

Die in Iran j^eziiclitetfTi einhockrigen Kamele gleichen wesentlich der 
arabiacben Art, weuu am aucii liiciit von derselben Giite sind. In Irau selber 
Bind die einhdokrigen Kamele nicht bo geBchStst ab die sweihdckrigen, audi 
in geringerer Zahl vorhanden , dagegen ist das Dromedar in den Steppen 
Turkestans und den Kirgisensteppen sehr wertvoU. Das zweihockrige Kamel 
wird im allgemeinen von den Mongolen T^me genannt; das manuliche Tier 
heint fiumn, das venehnittene Miinoo]ien» das sicb twt Arbeit am bestea 
eignet, Atan; das Weibchen beisst Inga. — Schon in seinem Aeusertti ist 
das zweih'Vkrijnfe Kamel als ein piites und leistuDgsfaln'fres Tier zu erkennen, 
wenn der Korperbau gedruugen ist, die JfUsse und das Hiuterteil breit gebaut 
Bind. Der Zwischenranm swischen bdden Hdokem muss gross sein. Steben 
die beiden HScker au&eeht} so ist das Tier gnt genSbrt, kuin dann also die 
Anstiengungen einer langen Reise besser ertragen. — 

Das zweihockrige Kamel wird fast nur als Lasttier verwendet, die Zucht 
beschraukt sioh lediglich darauf, eiu starkes und dauerndes Tier zu ziichten 
und infolgedessen sind auch nicht so viele Arten zu anteisebrnden, wie beim 
Dromedar. Doch zeichnen sicli immerhin eiiiige Lander durch die besondere 
GUte ihrer Zuchtkamele aus. So ist in Indien Marwan und vor allem Dschodpur 
durch die trefflichsten schwarzbrauuen Kamele bek&nnt, welche die grossten 
Lasten and Anstrengungen ertragen. Kleiner sind die Tiere in Afgbanistan 
und Belutschistan, dafiir aber urn so gedrungener und stammiger, mit Bohwarzer, 
zottiger Wolle verselion. In der Bncharei haben die Kamele einen glatten, 
feinhaarigeu Pelz, den sie im Somuier abwerfen. Nur im JSackeu und au den 
beiden Schenkelseiten haben sie starbe Bttscbd langer zott^er Haare, ein 
Unterschied vom einhockrigen Kamel. Schon in alter Zeit und so auch noch 
jetzt sind die Kamele Baktricns boriilimt; in der Mongolei werden die besten 
Kamele in der Frovinz Uhalcha geziichtet; hier sind sie gross, schlank und 
ausdauenid, wahrend diejenigen vom Alaschan-Hochland und Kukunor-Gebiete 
kleiner und scbv&cber sind. Die Kamele des Kukunor unterscheiden sich von 
denen des Alaschan-Landes durch ein kUrzeres, stumpfes Maul und helle FarLe. 
Dicse An/.eiclicn sind ganz bestiindig und es lasst sich nach ihnen sofort unter- 
scheiden, ob die Tiere der nurdlichen odcr der siidlichen Mongolei entstummen. 
In der nSrdliohen Gobi sind die zweihSckrigen Kamele kleui) werdoi nur sum 
Lasttragen verwendet und sind meist isabellfarbig , rdtlich oder schwarzlich. 

Tieber das Wcchseln des Uaarkleides haben wir aus den Gebieten 
AiVikas keine I^otizen. in Asien verlieren sie im April und Aoi&ug Mai das 
flaar and blmben den Sommer Qber nackt, so datt sie dann am bitaalidisten aus* 
sehen. Das Haarkleid u ; h t ihnen arieder im Anfang August, von dann 
bis gegen Ende Septemljci sind sie am schonsten, Im Winter nihen die 
Buriiten, die Mongolen Innerasiens, die Kirgisen und Kalmiicken ihre Kamele 
der Kiiite wegen in Filzdecken ein, die sie vom Oktober bis Ende April tragen. 

Yor der Beise wird das Kamel stets gesattelt. In der Chalcha werden 
6 — 8 Filzdecken urn HOcker und Riicken gevrunden und hierauf der Sattel 
gelegt, daniit er den Kiicken nicht wund schencrt. In der Sahara dienen 
zwei autt Stroh geiertigte, wurstiurmige Siicke dazu, das huizerne Gestell des 
Sattds TO tragen, ttber veldies an starken Stricken nach beiden Seiten die 
Ladung herabhUngt. 

Im Somalilande werden S — 4 aus Steppenfrras gefcrtigtc Matten, deren 
eine Seite glatt, die andere dagegen so geilochten ist, dass sie weichem lang- 



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Du KumI 



106 



haftrigen Pelzwerk gleicbt, auf den Rucken des Kamels gelegt, und auf diesen 
irarden dAon fie^ mte Stangen befestijg^t, welche paarweise zmannnengebunden, 
doi dgentUchen Sattel bilden. Das Tier kann so durch seine Last nicht 
verlctet werden. Auf rks Beladen rler Ticre wird vor allom bei den Mongolen 
Tie! Sorgfalt verwendet; weuD die Tiero nicbt ricbtig gleicbmassig beUdea 
sind, werden sie bald unbraaehbar fUr Strapazen, scheneni aich den Rttdcen 
wimd Oder verletzen sich anderweitig. Die Belastong wird immer nnr dureh 
das n:r'prcn'=;ritige Gleichgewicht b^ider Hiilften festgel ; It >n, iinrl bri dem ge- 
woIiiiIk ht II F<)rts( hroitcn der Kannvanen geht dieses audi sehr gut, da das 
Tier idni uie straucLeit; wenn es aber eineu Bergabbang heruntergelit, wird 
die Last oft verschoben nod dann werden die Tiere wild nod werfen die Last 
ab. So ging es Nacbtigal ofter, als er in den Tibesti-Lilndern reiste. 

Da*^ Boladen geht nicht immer so leicbt vor sich, im Gegenteil, es daiiert 
manchmai iange Zeit und bedarf yieler Geduld, cbe das Tier m vveit gebracbt 
irt, daw ea sich niederlegt nnd ruhig bdaden lasst; oft springt es wieder 
auf, briillt, scbl&gt nm sich und sucht auf jede W< : < sich seiner Last zu 
entledigen. Ueber das Beladen des Kamels hat l^rehm eine anschauliche 
Schiiderung g^eben. Wenn das Tier abgeladen werden soil, biegt es ein 
venig das Kara erst des einen Yorderbeines , dann des anderen nnd ffiUt 
snerst anf seine Vorderbeiiie nieder, dann zieht es auch die Hinterbeine 
einwarfs iind klappt sie zusamraen. Liegt es dann endlich in seiner ihm 
bequemen Lage, so kann es ruhig ahgepackt werden, die abgelusten Ballen 
bleiben za beiden Seiten stehen, das Kamel erbebt sich und schreitet zwiscbcn 
ibnea dvrcb auf seine Weide. Zum Aafbmch der Karawane liisst es sich 
dann an dersclben Stelle zu neuer Belastung nieder. Nac-h Herodots Angaben 
warden in Indien von den Dardae im Norden von Kaschniir drei Kamclo 
neben einander geschirrt, die sich gegenseitig im Lasttragen und in der 
ScbnelU^eit vnterBtlitaai soUten. So wwden sie auch in Aegypten bei Trans* 
porten schwerer Lasten fiber die Snesenge zn sweien, dreien oder auch vieren 
susammengpiooht. 

Am starksten ist das agyptische Kamel; es kann mit 500 kg belastet 
werden , vermag allerdings audi nicht so lange Wfistenmaische sn machen, 

wie die Kamele der Sahara, die zu einer langen Heise auch nur mit 150 kg bis 
200 kg belastet werden diirfen. Dieses (iewicht kann als Normalgewicht fiir 
das einhockrige Dromedar angenommen werden, das nur sclten iiberstiegen 
wird. In der Bucharei giebt es allerdings eine schwarzbraune Art, die 
350—400 kg zu tragen vermag, aber auch nur zu kurzen Marschen gcbraucht 
wird ; in Indien ist die Last gewr»hnlich leichter. Den zweihockrigen Kaniclen, 
die /.war kleiner, aber doch gedrungener sind. kann durchsclmittlich mehr 
aufgebiirdet werden. In der Gobi werden die Karawanentiere fiir gewohnlich 
mit 210 kg beladeuf Icraitige mftnnliche Tiere wobl auch mit mehr. Bei den 
Kalmuken tragen die st&rksten Tiere auch nie mehr als 400 kg and auch 
nor auf kurzeren Reisen. 

In der Gobi legt das Kamel mit seiner Last durchschnittlicb taglich 
30 — 40 km rornck nnd kann H onate lang solche USrsche aushalten* Dann 
ist es aber auch Tollst&ndig erschdpft und bedarf w&hreod mehrerer Honate 
voUstandiger Huhc. 

In den Ebenen Turkestans legen die bcludeucu Kamelkarawanen nach 
den Berechnungen von Burnes') jede Stunde etwas Uber 3 km zuriick, aut 
8andboden jedoch weniger. Der Kahnflcke legt mit seinen beladenen Kamelen 
auf drr Steppe nie mehr als 60 km taglich :'uriick. Die SchncUigkeit von 
Nachtigais Karawane betrug S'/j km in der Stunde in Gegenden, wo die 
Karoele an den 8eiteu des Wege^ von den Krauteru frasseu ; war ihnen keine 
Qelegenfaett dam geboten, 4 km nnd bei gfinstigen BodenTerhSltnisaea nnd 



BrniMi, Tkavsl into Boebam, 1884 



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106 



Das Eamel. 



keinerlei Aufonthalt auch wohl etwas melir. In Gegenden, wo der Kopf des 
Kamels an den Sdiwanz des vorhergehenden bffcstigt wird, uiii dadurcli jeden 
iiberflUssigen Schritt zu vermeidea, erzielt man einc uoch grossere Greschwiudig- 
keit Die Schndligkeit der zum Reiten bentttsten Tiere ist DaWrlidi eine 
noch bedeuteDd grjjesere; der Araber liisst sein Tier am liebsten im Passgang 
gehen, in dem e8, wenn es auch nur alli* 2 Tai,'<^ irchorig gefUttert wild, fiinf 
bis sechs Tage laufen kann , es legt dann in der Stunde 8 — 9 km zuriick. 
Der Araber sagt von diesem Passgang, dass der liiickcn des Ticres dauu so 
weicb ist, ^dass du eine Tasse Kaifee trinken kannst, wiihrend du reitest." 
In diesem Pass legt das Kamel nach Burckliardt') den Wc<^ von Bagdad 
nach 8okne, zu dem die Karawane 21 Tage braiiclit, in 5 Tagen zuriick ; den 
Weg Ton Kairo bis Mekka soUeii Eilboten iu 18 Tagen zuriick gelegt haben. 

Vor dem Marsdie lUttert der Bednine Arabiens und Afrikas seixi Tier 
reichlich, dass es nocb eine Zeit lang Yorrat zom Wiederk^uen hat; es ist 
diese Sitte ganz allgemein bei den grossen Karawanenreisen gebrauchlich, 
ganz im Gegensatz zu dem in Asien iiberall verbreiteten Gebrauche. Der 
Mougole ISsst Tor dem Marscbe seine Eamde 10 oder mehr Tage builgeni 
und fiihrt sie nnr alls 3—4 Tage ziir Trtinko: er behauptet, dass durch 
das Hungern das F' tt i'l i^'-nn Bnckel fester wird, wahrend der Ranch schwindet. 

Die grosse Bedeutuug des Kamels fiir den Mcnschen liegt in seiner 
Fabigkeit, bei ausserordentlichcr Geniigsamkeit die schwersten Dienste zu 
verrichten, lange Zeit das Wasser m ttitbehren und mit der d<irftig»ten 
Xahrung scinen Hunger hefriedigon zu konnen. Es wii d nur getrankt, wenn die 
Karawane an einen Rrnnnen konimt und muss ol't 5 — 6 Tage Durst leiden. 
Hierin ubertritft das aiabische Kamel das baktriscliu bei weitem. ist ganz 
gewobnlich , daaa dte Kamele id Afrika 5 Tage lang ohne Waner stnd, die 
Meheri konnen zur Not 10 — 12 Tage, ohne gotriinkt zu werden, aushalten. 
Die Somali trilnken ihre Kamelc wiihrcnd der Trockenheit nur alio 15 Tage 
einmal) in der Begenzeit sogar nur einmal im Monat So berichtct auch 
James^} dass seine Kamele 13 Tage lang im Somalilande martchiert seien, 
ohne ffin einziges Mai getrSnkt zu iverden und ohne dass ein einziges vei lori n 
ging , und fiigt hinzu , dass eine derartigo Loistuii^sf ihigkeit im Somalilande 
bei den gewaltigen Entlernungcn von Wasserplatz zu Wasserplatz nicht selten ist. 
Prscbewalski mnsste seine Kamele jedoch alle 2—3 Tage triiDken. Fiir das 
Futter brancht der Mensch fast gar nicbt za sorgen. Wohl kommt es vor, 
dass in den wiistcn Sandfebl i m der Sahara, wo niclit die gpringste Vegetation 
zu linden ist, der Hcduiiie sein Kamel mit einer Haiidvoll Dattelkernen fiittern 
muss ; im allgemciueu aber tiudet dasselbe iiberall eine ilmi /.usagende ^Naia ung. 
Wo fast aUes Leben unter den beissen Strahlen der Sonne im brennenden 
Sando erstoiben zu sein scheint^ da findet es docli noch einige harte stachliche 
Kriiuter, mit deuen es seinen Hunger stillt. Was jedes andere Tier vcrschmiiht, 
das ist dem geuiigsamen Kamel noch ein hochwilikommenes Futter. Der 
Nomade Aaiens ISest erst die Fferde und Scbafe auf die Weide nnd wenn 
diese alles bis auf die harten Stengel and stachlicben Kraatcr abgeweidet 
haben, dann findet das Kamel noch seine Nahrung, das in der Not selbst 
nicbt das Zeit des Nomaden oder das holzige Gestell des Sattels verscbmiiht. 
Der Nomade kttmmert sich meistens gar nicbt nm den Unterbatt seiner 
Kamele; ist er an dem Ruheplatz angelangt, so nimmt er den Tisren ibre 
Last ab unci fil orliisst es ihnen selbst, sicb ilii- klirgliches Futter zu suchen. 

So weuig der Mensch dem Kamel aber giebt , so vie! empfiingt er von 
dcmsclben. Die wichtigsten Dienste leistet das Kamel dem Menschcn als 
Lasttier; denn da fiir das Tier selber keine Nabmng mitgenommen zu werdoi 
brauchty sondem bloss flir den Heoscben, so kann fast seine ganse Kraft tad 



Barckbardt, Bemerkungen Aber Beduinen ond Wababiten. Weimar, 1831. 
^ Jain«| the nakaewa bom of Afrioa. Aimiig in Petam ICtt, IB&B, H. 2: 



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Dm KameL 



107 



das Fortscbafcn von hsaim verwendet werden. Zwar ist in frfUieren Zeiten 

die Sahara ebenfalls von Karawancn durchzogen wordcn , cbcnso wurden in 
friihesten Zeiten die alten Scidenntrassen von China nach Westen init Eseln 
und Mauitieren begangen, deuii zur Zeit der alien Handynastie wird iioch 
nit^endg das Earael in den dunesiBGhen Quellen erwfthnU). Aber jene Kanwaoen- 
sSge waren nur moglich , wenn Strassen aiigelegt wurden , die in kurzen Ab- 
standcn an Quellen voriiberfiihrten , die aber ungeheure Unterhaltungskosten 
erforderten und infokedessen nicht gentigenden Gewinn abwarfen. Audi 
wnrde ^ grosser Ten der Last dnroh das mitgenommene Futter der Tiere 
ausgemacbt, so dass sich dadurch schon die Ausdehnung der Reise beschrHnkte. 
Wieviel freier und unabhangiger wurde der Handel in Afrika, als man sich 
der Kamele bediente! Jetzt sind die Kamelkarawaneu oft vierzig und mebr 
Tage anterwegs, und wenn auch der Gnmdsats vorwaltet, von einer Oase zur 
anderen zu wandern, so werden doch oft mehrere Tage gebraucht, um zu den fiir 
Menschen bewohnbaren Orten zu gelangen. Arabien hat seinen Kuf als altes 
Handclsland ausser lieiuer Tjage gewiss niir seinem Reichtnm nn Kfirnelen und 
deren friiher Gewohnung in den Dienst des Menschen m verduuken. Von 
Tripolis nacb Mvrsnk geht wocbentlich einmal eine Kamelpost^ in Indian wnrde 
schon in friiher Zeit der Postverkehr durcli Kamele vermittelt und seit der 
Eroberung der nordlichen Mongolipi dnrch die Hussen geht eine regelmassige 
Eamelpost von Kiachta nacb Urga und von da durch die WUste Gobi nadi Kalgan. 
In Aaien ist das sweihSckrige Samel besonders in den gebii^gen Tdlen zu 
venrenden, es klettert mit ausserordentliclicr Gcsohi<^ichkeit selbst iiber die 
scbwierigsten Passe. Prschewalski iibcrschritt mit seinen Kamelen den Kuenlun. 
In Afrika werden die Kamele gewohnlich hintereinandcr her getrieben, in 
Persien tind sie jedoebt binteremander angekoppelt, meistens ta 7 Stiiok, 
und bildcn so ein „Kattar". — Auf dem vordersten Tiere sitzt dann gewobnlich 
der Fiihrer und ermuntert die Tiere durcli oinfftrmigen Gesang. 

Wie bereits gesagt, wurde das Kamel schon im Altertum von den vorder- 
asiatischen Erobereru ak Transportmittel fiir das Gepiick bei ihren Kriegs- 
zOgen benutzt Die Erx&hlung, dan die Araber das Heer des Kambyses vor 
dem Tode des Yerschmachtens retteten . ist so aufzufasson , dass eine Mt-nge 
arabischer £amele Wasser^) zufubrten, denn das wassertragende Kamel hat im 
Arabiscben denselben Namen, wie die BewiisserungRaastalt. Ebenso liatte 
Xerxes bei seinem, Zuge nach Griechenland und Alexander bei snnem Zuge 
nach Griechenland Kamele, ebenso auch letslerer bei seinem Zuge in die Oase 
des Jupiter Ammon und nach Indicn. Es war ein im Gefolge turko-tartarischrr 
Horden, der Heeresziige Dscbingis-ChauB , der Eroberer Osteuropas. Sultan 
Uahmnd branchie anf sanem Zuge gegen 8<munatti (1034) allein 20000 E^mele 
sum Wassertragen, und auch die Englunder batten in Indien Kamele als Trees. 

Das Kamel ist niclit iiberall Reittier geworden : eigentlirh nur da ans* 
schliesslich, wo das Pferd fehlte, mit Ausnahme Arabiens, wo beide, Kamel 
und Pferd, in hochster VoUkommeuheit als Heittierc ausgcbildet wurden. Es 
ist auch nur das Dromedar, wdcbes das Pferd sum Teil durch seine Ausdauer 
und Schnelligkeit orsetzen kann. In Asien reitet dtr Mongole auf dem Pferde, 
jagt auf ihni in wilder Ungebundcuheit iiber die ciullosc Steppe und lindet 
darin seine Mannealust ; das zweihiickrige Kamel wiirde schiecht zu dem wiideu 
llongolrai paasen. Auf ibm reitet er nur in der Winterzdt, da es einen 
sicheren Gang hat, den tiefen Scbnee besser durchtritt und langer Mangel 
ertriigt; es dient ibm sonst nur als unschiitzbares Transporttier fiir sein Zeit, 
seine geringen Habseligkeiten, seine Weiber und Kinder. JS'ur wtnn ein einzeluer 
Uann admdU due weite Wfiste m durcbeilen bat, dann wird das Dromedar 
SB dem Knxierdientte verwendet. Ala solchea ist ea denn auch in der Wiiste 



') Richthofcn. Cliina, Bd. I, S. 457, Aiim 

*) Keliisr, Tiere u. a. w., S. 33 mid Uauuiicc-i'urg&taii, <]m ixamel, 11, 77. 



108 



Gobi, in Turkestan, in Iran und in Indien im Gebrauche. Aucli der 
Beduine vom Ennde der "Wiiste bedient sicli ni(dit des Kamels zum Reiten ; 
avf flUchtigem JLCoss durcbstreift er die Wiiste. Aber die ecbten Wiistensobue 
ana dem Innern der SnJiarftf die rftuberisohen Tnarik, die Uelad Soliman, die 
Tibbu, deren beimischer Boden der trockene WUstcnsand ist, auf dem das 
Pfcrd nicbt mehr Nahrung gcnttp findct , sie liaben das Kamel sich zum un- 
iibertreff lichen ausdaurrnden Rcittier orzogen , mit dcra sie wie yerwachsen 
erscheinen, you deren Ausdauer so uft ihr Leben abbangt. 

Auch an den Wagen wird das geduldige Tier ge8|>annt; die Postkarren 
von Urga nacb Kalgan, die zum Teil der Personenberorderung dienen, werden 
von Kamelen gezogen; ebenso ist es bei vielen Nomaden Tuians und der 
Kirgiseusteppe , in Persien, Indien und aucb in Biidrussland der Fall. Die 
Zeltwagen der Ifongolen in den WolgalSndem warden von dnem Eamel ge- 
sogen. Nocb jetzt ist die Telega zwiscben Orenburg und Tascbkent mit einem 
Kamel bespannt. Von der Krini und den iibrigen pontiscben Kiistenlandem 
muss es grosse Lasten von Getreide, Salz oder FrUcbten, nacb den Markteu 
dee inneren Kosdands fahren. In Aegypten nnd in Bikanir muss es sogar 
den Fflug zieben. 

Dem in der Wiiste und wasseramien Steppe berumschweifenden Nomaden 
ist die Milcb des Kamels ein beliebtes Nahrungsmittel. Der arabiscbe Beduine 
geniesst in der Wiiste uur Kamelmilcb, wie auch die Hirten Irans ; im Gegen- 
satz zu dem Hindu, dem ee durdi seine Religionsvorscbriften geradezu ver- 
boten ist, Kamelmilcb zu trinken , inn so den Abscheu vor den wandernden. 
viebziichteiiden Nomaden zu zeigen, die sogar Kamelmilch trinkrn. ]v. Afrika 
wird die Milch gewuhnlicb im irischen Zustande genosscn uud wird aligcmeiii 
ale sehr silss nnd angenehm bezeidinet. In Marroko wird diesdbe sogar der 
Kuhmilch vorgezogen. Das Nationalgericht der Bcduincn , das Behetta , ist 
Mehl oder Reis in Kamelmilch gekocht. Die Gunda Tibbu . ein Hirtenvolk 
nordlicb des Tsadsees, niibreu sich die eino Hlilfte des Jahres von Gussub, 
Hirse, die andere HSlfte von Kamelmilch. Sogar den Pferden wird die Milch 
zu trinken gegeben. Ebenso ist es in Asien. Der Gross-Chan der Mongolen 
pflegte an seiner Tafel stets Kamel- oder Pferdemilch als Getrank zu baben. 
Hier ist die Milch ebenfalls ausserordentlich fett und siiss, bat aber einen 
unangenebmen Beigescbmack, ebenso wie die Butter, die aus ibr durch Schilttdn 
in Icdernen Scblftuchen bereitet wird. Bei den Kalmfiken wird sie zusammen 
mit Ziegelthee genossen und macht denselben durcb ibren Pettgelialt und 
eigenen Sal/geschmack zu einem angenehmeren und nahrliafteren Getriink. 
Bei den Tuikmeuen wird sie meist entrahmt, weun moglich, mit Wasser ge- 
misdit trad bietet nnn mit einem etwas bitteren, salsigen Geechmack ein be- 
liebtes erfrischendes Getriink. Die saure Kamelmilch heisst bei den Kirgisen 
Agiran (Airan), getrocknet Kurut. Auch wird dieselbe durcb Saaerteig zum 
Gerinnen gebracbt und heisst dann JourL 

Scbon in alter Zeit waren die Glewebe ans Kamelwolle berQhmt. Die 
Priester und Groraen der Pcrser tragen Glewander aus Kamelbaarcn, die 
aneserordcntlich weicb und fcin gewesen sein sollen. Ebenso sind in Kitaia 
die Gewauder aus der Gegcud des obercn Hoang-Ho beriilimt. Bei den Kal- 
miidcen dient die Kamelwolle znr Verfertigubg von breiten 8e9en, Bftndem, 
Gnrten. Der Filz der Jurten ist aus Kamelwolle gcwebt, ebenso wie das Zelt 
des arabiscben Beduinen utkI der Teppicb, auf den cr seine Glieder streckt. 
Der Kamelbarn wird zur Tuchbereitung gebraucbt : der getrocknete Mist^ 
Argol, ist in den Wiisteu und baundoseu Gcgcndcn daii eiuzige, unentbehrliche 
Fenemngsmittel. 

Im allgemeinen scblachtet der Nomadc das ilim ilusserst wcrtvolle Tier 
nicht ; erst wenn es vor Ermattung bingesunken ist, fallen die Mitglieder der 
Karawane dariiber her, urn sich einmal den Genuss der Fleischnahrung zu 
Tcrschaffen. Als bestes Stfick gilt daon der Bnc^el. Nor in kamekeidieii 



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I 



Dm IUimL 100 

Liindern wrd es gesthlaclitet nnd verspcist. In Tripolis wircl da?? KamelHeisch 
in Streifou geachnitteu and getrocknet mi dem Markte teilgeboten. Seit dem 
Auszuge aus Aegypten ist den Juden das Essen des EamelfieiBcheB als das 
eines onreinen Tieres verbuten, ebenso wie den Hindus. Den Arabern aber 
gait es stets als [.erktrbissen. Ein alter arabischer Dicbter singt: „Wir 
speisen unsere Freunde mit dem Fett von Kamelbuckeln**. Reiche Scbeichs 
liessen wobl gleicb ein ganzes Kamel braten, wie es bei den Persern gescbab^ 
wo das Fleisdi der Kamele besonders scbmackbat't gewesen scin muss, denn 
ein Kumelbraten gehorte auf die Tafel des Kiinigs. J)ic Kalmiiken verzehren, 
wie alle noniadisierenden Hirten Asieiis, init Vorlicbe das Fleisch der Kaincle, 
so ziib uud hart dastteibe aucb ist Aus dem Fett, das geschmolzen selir weiss 
anssiebt) macheii sie Lichte, die den Waebskerzen nur wenig nacbstehen. Auch 
bei den Cbinesen wird das Fett der Kamelbuckel sehr geschatzt, dasjenige 
der wilden Kamele erbalt den Vorzug. Hooker und Fiisse des zahraen Kamels 
aber sollen besonders scbmackhaft sein und werden als Leckerbissen genosseu. 

Aveh die Haat des Kamels wird zu den venchiedensten Zwedcra 
benutzt, — sie eignet sich vorzUglicb zu Wassenchlauchen, indem sie am 
beetcti das Wasaer vor Verdunstung schiitzt. 

Dass ein so uberaus uiitzUches Tier auch in dem Geistesieben des No- 
maden eine bed^itende Rolle spielt, ist nur zn natUilich. Freilich ist hierin 
ein grosser Untenohied je nach seinem Werte sowie nach der geistigen Miti- 
pift des Besitzers. Wobl findet sicb das Kamel audi in den Spncbwnrtem 
des Mongolen , aber so innig ist es mit ihrem ganzen Ideenkreise b- i w citcm 
nicht verbuudeu, als bei den Beduinen Arabiens und Afrikas. Das mag zu]u 
Teii daran liegen, daas diesen das Kamel und vor allem das edle Dromedar 
von ungleich grosserem Werte ist, gewiss aber liogt es aucb uu ihrer bohereu 
geistigcn Begabung. UebL-rall fiudet sich das Kamel in den Liebea- und Kriegs- 
liedern der Araber, und in der Eiusamkeit der langeu Wiistenreise unterhiilt 
ideh der Beisende gem mit seinem Tiere, das ihn za ▼entehen seheint 
Wiibrend seines Aufenthaltcs unter den Uelad Soliman hatte Kachtigal die 
beste Gelegenheit, dies zu beobacbten. Die Gesi)riiche uber ibre Kamele 
waren endlos, bald iiber eine Stute, welcbe gefohit batte und so und so viel 
Milcb gab, bald ttber ein ▼ieWeTsprecbendes Pftlton, bier Uber einen schndl- 
l&ssigen^ Hengst, dort iiber einen starken Wallach. Hatte jemaad das Gliick 
gehabt, einmal ein edles Rennkainel zu kaufeii oder zu rauhon, so crzablte er 
lange Gescbicbtea uber seine Schnelligkeit und Klugheit. Die meisten kennen 
alle einzelnen Tiere ihrer Herde^ wissen oft die FuTssparen d^elben von 
einander zu unterscbeiden and Teifolgen ein verintes Tier mit Erfolg in eine 
fremde Herde. Sie erkennen aus einer Fufsspur, ob das betreflFende Kamel 
leer oder beladen ging, ob es schwer oder leicht belastet war und schliesseii 
alleio aus der iSpur mit grossem iScharfsiun auf kleine korperiicLe Feliler oder 
Eigentfimlichkeiten. Ffir jedes Lebensjahr sind besondere Namen gebrftuchlieh. 
Das noch saugende Fiillen biess bei den Uelad Soliman Hawar oder in der 
Daza-Spracbe Errei ; zweijtihrig Ben Lebun arab. uud Ai Mobedi daz. ; drei- 
jiihrig Hiqq arab. und Ai Mageze daz. ; vierjahrig Teuija arab. und Goni 
MatQzsede daz. Dazo mfen die Tendiiedenen Farben noch onendlich viol 
tnebr Bezeichnungen bervor. In ahnlicher Weise verfabrt der Beduine Arabiens. 
Hier beisst aucb das einjiihrigc Fiillen Hawar, ist es weiblich Hawara; im 
zweiten Jahre, wean es den boizernen Stacbel in der Nase tragi, heisst es 
Mahlnl, weibL Mahlnla oder Haffrud, weibL Maffrade. Dreijaluig Hodsch, 
wdUL Hodscbe. VieijSluig beisst der Hengst Kaand robbua, die Stute 
Bakakara robba. D'icliemmcl tinny Kaiud ist das Miinnchen im 5. Jahre, 
wahrend das Weibcben denselben Namen wie im vierten Jahre bcibehiilt. Tiill 
beisst das alte mfinnUche Kamel, Phathir die alte Stute. So giebt es nun nocb 
mizilblige Namen. Wobl tausend verschiedene Bezeichnungen fiir das Kam^ 
«cAleii sich im Arabischen, je nach den Terschiedenen VerhlUtnisseD, finden lasseu. 

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110 



Dae Kamel. 



Dio Besehimpfang nnd nun gar ent der Mord eines Kamels wird blutig 
geraclit, es gehort ja mit ziir f amilie des Boduiuen, der Freud und Lcid mit 
ilini teilt. Darum ist es aucli von Mohammed in die Religion iitid ihre Vor- 
sciiriUen aufgeuommen wordeu ; die Gliiubigen sollen is als ein gutiges Geschenk 
Allftfas ansehen, und als voiiielitiisttit nnd wohlgefulligstes Opfer gilt das Kamel- 
opfcr. Auf seiner letzten Wallfahrt nach Mekka schlachtcte der Prophet 
63 Kamole, so vie) Jahre er alt war. Die Siilme fiir Blutrache wird mit 
Kanielen bezahlt, 100 fUr eineu Maim, 50 fiir eia Weib, der Kouigsprois aber 
betragt 1000 Kamele. 

Bedingnngen des Yorkoimiieiis. 

Da das Kamel eiii Haustier im Dieoste des Menschen ist, so ist seine 
Yarbreitong dan^ Baubtiere im grossen nnd ganzen nieht beeiiitr&ehtigt. 
Auch die irilden Kamele haben in ihrem Verbre^ungsbesirk, auf den wUstoii 

Steppen und in den' unwirtlichen Schluchten der innerasiatischcn Gebirge nur 
den Wolf zu fiirchteu, dem sie jedoch vermoge ihrer Schneliigkeit und ihrer 
feinon Siime bicht entgehen. Wohl aber ktinnen Inaekten , wie in maadiffli 
Gegendon Afrikas und Sndamerikas die Rindviehzucht , so audi diejenige dea 
Kamels hindern und das Vordringen in diese Gegenden mit Kamclkarawaucn 
zu Zeiteo wenigstens unmoglicU machen. Schon am Tsadsee wcrden zur Regen- 
zeit die Tiere sehr von Fliegenschwiirmen geplagt, von Timbokta aus sudlich 
werden die Karawanen im Sommer durch die Insekten zom Teit nnmSglich 
gemacht; so litten die Kamele, die, Lenz bis Bassikuiiu benutzte. ansserordent- 
lich Ton Stechfliegfii und mussten /uriickgeschickt warden. Um 8ennaar stcllen 
sicb zur Kegeuzeit giosse Schwiirme vou Miickeu uud Fiiegeu ein und geben 
den AraberatSmmen damit das Zeichen, das Land zu verlaeaen nnd veiter 
nach Norden in die Bergc zu, ziehen. In der Oase Merw hat der Bestand 
an Kamelen scit dem Anfang dieses Jahrhunderts bedcutend abgenommen, 
da dieselben zum grossen Teii der iiberhand nehmenden Bremsenplage erl^on 
eind. Die Tiete werden am Fre»en gehindert, wSlzen sich wQtend ▼or Scbmens 
auf der Erde lad gdien an Entkr&ftung zu Grunde. Darum meiden auch 
die MoTij^olcn im Sommer den B viangol am Nordabhang des Kuenlun , weil 
hier so viel Fliegen vorhanden siud. Auch am Lob uor kauu der Insekten- 
plage wegen k«ne Kamelznebt betrieben warden. 

Zwar ist das Kamel ausserst geniigsam in den Anforderungen an seinen 
Untcrlialt, — hartes dorniges Gestrii})]), das jcdes andere Tier verschmaht, 
vermag es mit seinem starken Gebiss zu zermalmen, — und doch findct es 
nicht iiberall das ihm zusagende Futter. Im Gegenteil, es scheiuen ganz be- 
atimmte Pflanzen zu sein , die ihm zusagen , die es ttngere Zeit nicht 9ikU 
behren kann, ulme voIlstUndig zu entkiaften. Auf den iippigen Alpenmatteu 
des Kuenlun magerteu Prschewalskis Kamele sichtlich ab. Ebensowenig sind 
ihnen die fruchtbaren Weiden Kanems zutraglich. Die gewohnlichste Nalirung 
der Kamele ist der Ag&l od«r Agol, AUiagi camelonim u. A. Sirgisomm, 
dne echte Wustenpflanze , die sowohl auf den wiisten Flachen Innerasiens als 
in der Sahara vorkommt, hier A. Maurorum. Es ist ein niedriges Gestrauch 
mit za Domen verkiimmerten Blattkuospen, das in seiner ganzen Organisation 
d«n imaserlosen Banme angcpasst ist Im Westen, in den Steppen Bnsdanda 
kann man sogar die Grenze der Steppe und des Yorkommens des Kamels 
mit der Grenze des Alhagistrauches bezeichncn. Eben«50 beliebt ist der S:ix;ial, 
Haloxylon Ammodendron, jeuer wunderbare Baum in der trockenen iSalzste])pe, 
der eine Dicke von 25 cm nnd eine Hdhe von 5—6 m erreichend , oft einen 
Wald in den Eindden bildet, der zwar griint und bluht, aber oboe Bl&tter 
und ohne Nadehi ist , denn die Blatter sind zu ganz kleinen Schuppchen go- 
worden. Das Hok ist ausserordentlich hart und schwer, dabei a}>pr infolge 
der eiugelagerten Salzmengen sehr spiode. Dieser Baum, muugoiibch Sak 



.J 



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Dm KftmeL 111 

ge&annt, kommt in ganz Innerasien von China bis ziun Kaspimeer vor, noch 
bw sn €iiier Hdhe von 1900 m. Er ist eine besondere Liebiiogsnahrttng d«r 
wilden Kamele, fehlt jedoch am Lob nor, wabrend er in Alaschan, in der 
Dsungarei und in Turkistan sebr verbreitet i8t In Tibet ist er cbrii falls nur 
vereinzelt zu findeo. In der WUste Gobi bildet er mit Paamma viilosa und 
Synanchnm acvtiim die Haaptnahmng der Eamele. In Tibet und am Lob nor 
wird er (lurch den Charroykstraucb , Nitraria Schoberi ersetzt, einen Strauch 
von 60 — 90 cm Hohe, dessen ZArelga und Friiclite einen bcdcutenden Salst- 
geschmack besitzen und fiir die Kamele einen Leckerbissen abgeben. Der 
Charmyk gedeiht am besten auf salzhaltigem Boden, ist aber iiberhaupt in 
ganz Innerasien und bis nach Sttdrussland verbreitet. Am besten und kriiftigsten 
erecheint er am Kurlyk nor. wo nucli vinn bedeutende Kaniclzucht ^M-trifben 
wird. Audi die Tamarisken, besonders T, Pallasii werden als ausgczeichnetes 
Kameltutter uberall erwahnt. Von letzterer gilt die Riude als Hoilmittel fiir 
die Tiere, wenn aie sicb erkaltet baben. ffie heiaat bei den Hongolen Suchai 
moto. In Iran kommt der KampMorn, Kor shutur, Acacia Girafae, vor, der 
dem Tiere einen ihm besonders angcnchmen scb.'iumigpn Spricliel giebt. Bei 
den Kirgisen ist der Dyrisun, Lasiagrustis splendens, em wertvoUes Futter, 
ein Straudi, der 200^270 cm hoch wird and bis an einer Hdhe Ton 3000 m 
vorkommt. Er fehlt in Tarim, Ghknan nnd Nordtibei, ist nur wonig vertreten 
am Kuku nor , hiinfiger dagegen in Ordos und in den Gcgondon am gelben 
Flues. In dea Thalern des A^tyntag und auf dem salzigen Boden der nurd- 
lichen GoM wSchst Oalidium graeile, Budargana roongol. nnd Hedysanimarten. 
Wiihrcnd diese angefUhrten Pflanzen die besten Futtermittel fiir die Kamele 
in Asien :ih^p!u'n , c^iebt es noch eine Reihe, die ihnen ebcnfalls als Putter 
dieneu. Bei den Kirgisen ziihlt Vambery>) folgeude PtlHuzeii aol": Alabuta r 
Ganscfuss (Cbenopodium rubrum) ; Kokbiik (Atriplex canum), Tirskcn (Eurotiu 
eeratoides); Dsohftren, Bbrgtin, KArsuk, Syran (Salicornia herbaoea, auch Girgen- 
sonia-Arten wcrdcn mit di^scrn Nann'u belegt), Kurkara, Karabarari, Balik-kOz 
(Salsob^ kali), Japtal, Kurtaschi, .laprol, Tschair (Ferula Schair und Scorodo- 
desma lolfoetidum), Izen, Tschagir, Dscliingil (Halimodendron argenteuui). Soweit 
€8 mSglich war, nnd fiir jene einheimiechen Benenntingen die wtaeenechaft* 
lichen Namen angegeben^). Ob Ferula Schair dem Kamel als Futter dient, 
ist, wenigstens in frischem Zustande, sehr fraghch. Diese Arten sind mpistons 
Halophyten. Ausserdem sind alle Tamarisken Futterpflaazen , ferner die 
Alyssom- nnd Aetragalnearten. IKese fttr die weiten Steppen Ariene cbarak- 
teristischen Arten sind eng verwandt mit denen Nordafrikas. Auch \wt ist 
die Grenze der Verbreitung dos Kamoh , wenigstens diejenige seiner Zucbt. 
an die Steppen kriiuter gebunden. Vorziiglich ist es die Domrun - PHauze, 
Salsola vermiculata, in der Sahara nnd Aegyptcn, neben dem schon genannten 
Agdistraucb. In Agadeni, nordlich des Tsadaees, ist ein anagweichneter Ort 
fUr Karaelweiden T>ie Oase ist reich an Siwak-Biischon. iippigem Hadwuchs, 
an Sebat, an Bn jiukba (Aristida plumosa) und Nissi (Paincum turgidum). 
Auch fehlt hier mcht der Akresch, Vilfa spicata, den die Araber Abii>Sabe 
nennen. Am Nordrande der Sahara ist Schia (Artemisia odoratissinia) eine 
beliebte Futterpflanze ; an der KUste Abt ssiniens riihmt man den Rackbaumi 
Avicennia tormentosa, dessen bitter und siluerlich schmeckende Blatter fiir 
die Kamele ein besonders starkendcs Futter abgebeu sollen. Ferner sind 
hier die Wciden dicht mit dem Schnhsch genannten Bfischelgrase (Andropogon 
targidmn) bestanden. Wo die Wiistenkrauter fehlen , da giebt man den 
Kamelen wohl auch Heu zu fressen, docb sagt ihnen dasselbe nicht so zu : 
die Somali-Kamele bleiben kleiuer uud sind auch nicht zu so aastrengeudeD 
Arbeiten xu venrenden, vie die aich von Wiietenkriliitem n&brenden Tiere. 
Zwiaehen dem Tsadaee und Niger giebt man den Eamelen anch getrocknetes 

i) S. Vamb«ry, TflrkenvOlker, S. 187, 

>) MMh gUtigon llitteihingan dec Bann Kraaanoff. 



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112 



Dm KmmI. 



Bohnenkraut , Haraua, das sie sehr zu lieben seheinen. Von Bedeutung sind 
noch folgende Pflanzon : Gosah-el-bil (Deverra chlorantha) , Gelf^elan (Statico 
aphylla), Sita (Limouiastrum Guyondanuin) , Schobr (Callif,'onum comosuni), 
Haleba (Periploca angustifolia) und Jadaria (Rus dioica). Audi die rutibohue 
(Vicia iaba) wird von den Kamelen gern gttfrwsen. 

Die in Asien vorkomracDden Futterpflanzcti sind ebenso wie diejenigen 
Nordafrikaa dem Trockenkliraa angepasst, hier dem der Steppe, dort dem der 
"WUste. ^ Teilweise geschieht dies durch die AusbilduDg ilirer Organe, teil- 
wdse sind es Salspflanzen, deren Sakgebalt eben die admelle Vwdiuistuiig 
des Wassers hindert. Man kSnnte meinen , dass das ICamd jene harten, 
dornigen Gestrauche nur deswegen frisst. weil ihm keine anderen in der Wiiste 
geboten sind. Dies trifft jedoch nicht gaoz zu. Zwar waren die Kamele 
Nachtigals naeh einon ans^engenden Handle dnrch die Saluura sebr abge- 
magert wad erbolten sidi erst wieder auf den iippigen Weidoi Kanems, aber 
nur zu oft erfabrt man , wie die Kaniele auf fruchtbarem Boden , der einen 
reichlichen Graswucbs triigt, sicbtlich abmagerten, dass ihnen das Futter nicht 
ZQsagte und dass sie, wo sie Gelegeubeit fanden, lieber harte, holzige Baum* 
zweige frasten, als die grttnen Griiser des Bodens. Mehr als einmal en&hlt 
Prschewalski , dass er an den Uppigsten und schonsten Alprinmttf n voriiber- 
pezogen wiire, auf denen die Kamele docb niclit j^eniigendes l^'utter gefuuden 
hattou. Ebouso iat es im 8udan, wo das Kamel die schonsten Wiosen ver-^ 
sdimSbt Eiae wesmtliche RoUe ben der Ernahrung des Tieres spielen jeden- 
falls die Salzpflanzen , sie sind es , an die das Kamel geradezu gebunden 
scheint. Durch die Fiihigkeit, selbst die hartesteii und stachlicbsten Gestrauche 
und Bauuizweige zerkleioern zu kooneu, ist dem Kamel die Muglichkeit ge- 
geben, in jenen heiasen troekenen Gebieten noch fortkommen zu konnen, und 
daranf beruht eben auch seine auaserordentliche Brauchbarkeit als Lasttier; 
denn es giebt kaum eine Wiiste, wo alles Leben erstorben ist, wo nicht das 
Kamel noch geniigeudes Futter iande , — durch . die Gebundenbeit an die 
Salzpflanzen aber ist die Zucht des Kamels in engere Grensen eingeeckriUikt. 
Eine streng drtliche Pflanzenformation kann man die Halophyten eigcntlich 
iiirlit ncnnen ; in der Sahara ist die steinigc Hammada und die Areg-WUste 
luit den Wadis und Oasen durch die ISalzpHanze verbunden, und ahnlich so 
ist es in Asicu. Wo in diesen TrockenrSumen salzhaltiger Boden sich findet, 
da aiedeln sich Halophyten an uud finden sich dem Kamel aosagende Futter- 
pflanzen. Findet sich dann auch noch brackisches Wasser, so sind die besten 
Bedingungen fiir eine ergiebige Kamel/.ucht gegeben. So ist es in Egei und 
Bodele, in der iS ahe des Tsadsees; diese Oasen werden ihrcr vorzuglicheu Weiden 
wegen rem. doi von Noiden kommendea Karawaaen orsehnt, auch sind sie 
der Liebliugsaufenthalt der umwohnenden kametziichtendeu Stamme der Wttste. 

Die Kamele sind an <;alzige Kabrung geradezu gebunden. In jenen 
Trockenraumen finden sie derartige Nahrung fast Uberall, sei es in Form von 
mineraliscbem Salz, von salzhaltigom Wasser, oder von Pflans^, die, anf 
saJzhaltigem Boden wacbsend , dasselbe in ihren Geweben aufspeichwn. So 
wie dip Weidegrunde von Egei und Bodele niit ihren Salzpflanzen und 
brackischem Wasser, so wird aucb Kanem, das selber kein eigentliches W^eide- 
land fUr Kamele ist, vorzUglich des natronbaltigen Wassers wegen von den 
KatnelUrten aufgesucbt. Auch in den siidlichen Gallal&ndem, am Sainburu, 
wird ganz ausserbalb des eigentlichen Gebietes noch eine bedeutendc Karoel- 
zncht getrieben. £s ist der sUdlichste Punkt derselben , in einem von Wald- 
land umgebenen Gebiet, das schon den Elefanten in grosser Zabl beherbergt 
und sich durch salziges oder brackisches AN'asser auszeichnet. Eine ?on Emln 
Bey von Fatiko ostwiirts ansgehende Exjx'diliun traf in dem noch unbekannten 
Gebiet Uberall auf Brackwasser und eine bedeutende Kamelzucht^). Die besten 



*) Nadir, r. Smin Bqr. Pei. Mitt, 1860, S» MS. 



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Dm Eamet 



Kamele habeii die Tiuirik aus den Gependen der Salzgruben von Kawar, und 
Brehm erziililt, dass die Beduinen Ostsudans wahrend der Begcnzcit gowuhnlich 
Sals in Ueinen Teichen aufl^n and dftmit ihre l^ere trSnken. Ganz eheawt 
ist es in Asien. Sobald das Kamel den salzigen Saxaul, Badargana oder dfts 
Sakkntut Calidium gracile fresscn kann. vorschmaht es jede nndero Nahrung ; 
ebenso sohr liebt es die salzigen Chanuyklriichte. Bei don Aloagolen gilt es 
aU Begel, den Tkm Sftor, gegen dreimal im Honai, S«lz zu reicben. 
Fksehewslski mnsBte fiir seine Kamele Salz mit anf die Reite nchmen. Die 
weissen Salzefflorescenzen anf dem Boden (hr Wiiste, die sogonannten „Gud- 
scbirs" werden von den Kamelen mit grossem Appetit genossen und tragen 
sehr am ihrem Woblbefinden bei ; wo dieee fehlen, mags ihnen reines Kochsalz 
g^ben verden. Haboi sie lange kein Sabs erbalten oder fehlen ihnen die 
SalzpffriTizpn . "^o magern sie trotz des besten Futters sichtlich al). Wo im 
Gebirge die Gudschirs und die Halophyten aufhoren , fehlen aiif^li die wilden 
Kamele and die zabmen Kamele werden trotz der scbonsten Alpeumatten 
gans entkraftet und konncn keine Anstrengungen ertragen. Prscbewalski wdst 
sehr f)f> auf das Bediirfnis des Kamels nach sal/haltij,'er Nabning bin, die 
Deutung jedoch, dass dadurch nur die Fresslust angeregt wurde, scbeint nur 
zuni Teil richtig zu seiii. Die Kamele baben wie die meisten Ubrigen Gras> 
fresaer nicht nor eine ausgesprocbene Neigung fHr Natronealz, sondem er- 
scbeinen geradezu daran gebunden. So erbalten dieselbon auch in nnwren 
zoologiscben Garten regelmassig und in ziemlich bodoutcnder Mengp Salz'). 
Jedes Tier braucht Kocbsalz zu seiner Erniihrung, nicht nur als Genussmittei, 
.Bondern als ein viebtiges Kabrungsmittel^). Den Fleieobfreesern ist die zur 
Btldang der Baustoffe des Korpers notwendige Henge an Chlornatriam acbon 
in ihrer Nahrung gegeben , den Pflanzenfressem mm^ es meistens in anderer 
Weise zugefUhrt werden. Die zur Ernabrung d^ Korpers notwendige Menge 
an Ohlor and Katram ist die gleiche bei Fleisch- und Pflanzenfressem. Da- 
i^ten betragt die Kalimenge in der Nahrung des Pflanzenf^ressers , da in den 
Pflanzen mcist Kalisalxe enthalten sind , das Doj)pelto und Vierfache von 
derjenigen in der Nahrung des Fleisch IVessers. Hierin liegt die Ursache, dass 
eine grossere Mengenaufnahme von Natronsalz, also in erster Linie Kochsalz, 
geradezu Bediirfnis werden kann, denn nnzweifelhaft mass sicb der Uebenchnss 
an Kalisalzen im Kfirper des Pflanzenfressers anf Kosten irgend welcher 
Natriumverbindungen zu Natronsaken umsetzen. Diese Umsetzung wird in 
der chemiscben Retorte wohl schwerlich eintroten ; wir miissen uns abcr iinmer 
vergegenvftrtigen , dass in dm ti^cben Geweben VerblfltniBse stat^aben 
konnen, von denen wir noch keine Vorstellung babmi, dass das Nichteintreten 
jener Eeaktion im Laboratorium noch keinen Bowels gegen die Eichtigkeit der 
oben anfgestellten Bebauptung enthiilt, die sicb mit zwingender Notwendigkeit 
ans den MengeoverbKltniasen der aafgenommenen Nabmng and den Banstoffen 
des Korpers ergiebt. Wie gesagt, wo und wie diese Umseteong nnn that- 
sachlich vor sich gchen mag, ist nicht sicher festgestellt , zum ^rros'^en Teil 
gebt dieselbe jedeni'ails scbon im Magen und dem darauffolgenden driisen- 
reicben Barmteil, dem Duodenum, yor sicb. Gerade dieser Teil des Darm- 
kanales scbeint yorwiegend zu dieser Arbeit befabigt zu sein, denn bier mfinden 
die Ausfiihrgange der Bauchspeicheldrtise und der Leber. Das Sekret der 
letzteren, die GallenHiissigkeit , ist ausserordentlich iiatrnnlinltitr seine Sauren 
sind fast ausschliesslich an Natron gebunden. Der JNationgeliait der Gallen- 
ilUssigkeit bat bei der Emfihrnng sweierlei Aufgaben m edFUllen, der dorch 
den Salzsiiuregelialt des Chymus sauer reagierende Speisebrei erhiilt durch das 
vermittelat der Gallenfliissigkeit gebildete Koobsalz alkaliacbe Beaktion, and 



') Im Dresdener zool. Gart«n z. B. je 4—6 Wochen einen Leckstein von 5 kg. Naoh 
gtttigeii MitteiluDgen d. H. Geb. Rat KQhn. 

>) S. Toii a. Pefetnikoto, SitBoagsbflr. d. Mftncheoor Akadsmie. U, 1860. 



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114 



Das Kaniol. 



ferner bewirkt dieselbe eine anment fdne V«rteililng cler im Putter entiudtenen 

Fettstoffo , wodurch dieso leichtcr resorptioDsfUhig werden. Wird Tieren eine 
Giillenfistel anj^elefi^t , so vermogen sie das Fett ihrer Nahrung nicht mehr 
zu resorbieren and magern iufolgedessen ab. Zu diesen Aufgabeu der Gallen- 
flaBiigkeit vfirde bei den PflaQsenfreeaern noch diejenige der Umsetsuog dee 
Ueberechiisses der Kalisalze hinzukommen , die dann entweder durch eine be^ 
senders reichliche Absonderung der Gallenflussigkeit oder durch Anfnahme 
voQ Kocbsalz geleistet wird. Ein Zusatz von Kocbsalz zur li^ahrung unserer 
Wiederkauer bat auf ihre Gesundheit und Emabrung einen hScbst fBrdeilicbeii 
Einfluss, 88 wird reichlicber Fleisch und vor allem Fett gebildet Ganz der- 
selbe Vorgang hat bei deti Kanielen statt , die salzreicben Krauter und das 
8alzige AVasser siud fiir ihvQ ErDabrung ausscrordeDtUch wertvoU, ja sie baben 
aicb 80 daran angepasst, dass sie dasselbe nicbt mehr zn entbebren vermogen ; 
felilt ibnen salzige Nahnmg, so magern sie ab uiul das Fettpokter ilires 
IJuckels scliwindct , so dass derselbe scbhifi und hiingend wird. Vielleicht 
diirfte das Felilcn der Gallenblase bei den Kainelen mit dem Gebundenseia 
an salzige Nahrung zusammenhangen. ' AUerdiogs sciiemt dieselbe im TierreicK 
mit der grSraten UoregelmUssigkeit vorzukommen und zu febleo. Sie fefalt 
den meisten Nagern , dem Pferde , Elefanten, Rhinoceros, Tapir und Fekkari, 
den Kamelen , Hirschen , den Cetaceen sowie einer grossen Zahl von Vogeln, 
den Tauben, Papageien, dem Kuckuck, dem Strauss (wabrend der Naudu eine 
besitsEt) und einigen HfUraervSgeln. Jeden&lle sind dieeelben an mne grOesere 
oder geriogere Znfitbr von Wasser nicht gebuiiden , sie leben sowohl in der 
Wiiste . als in wasserreicheren Liinderti. Die Absonderung der Leber ist ja 
allerdings durch das Fehlen der Gallenblase nicht beeintrachtigt , sie gebt in 
ganz derselben Weise Tor eidi, nor fliesst das Sekrei beetftndig ab mid es 
liesse sich daber wohl annehmen, dass bei der Aufnahme von Nahrung nicht 
die notige Menge Gallenflussigkeit vorhandcn ist, um alle Nahrungsstoffe in 
der geeigneten "Weise umzusetzen , jenen Tieren eine natronhaltige Nahrung 
deshalb um so vorteilliafter ist. Schliesslich darf auch nicht vergessen werden, 
dass in der Gallenblase die Gallenflussigkeit in eigentumlicher Weise ver- 
andc-rt wird und cs fragt sich, ob diese Umiuulerung bei den einer Gallenblase 
entbebrenden Tieren gar nicht statttindet oder durch einen besonders dift'eren- 
zierten Abscbuitt des Gallenganges bewirkt wird. Mag nun die Abhangigkeit 
in anatomischen Vwbiltnisaen l^rttndet aein oder nicbt, jedenfaUs gebt ana 
der Verbrcitung des Kamels hervor, dass es salzhaltige Nahrung nicht nur 
liebt, sondern dass ihm dieselbe zu seiner Ernahrung unentbchrlich ist^). 

Die Fiihigkeit des Kamels, lange Durst ertragen zu konnen, ist zur 
Genilge bekannt. Es finden sich jedoc^ benerkenswerte Unterschiede zwieohen 
den Kamelarten, den Gegen^n, in welchcn sie leben und vor allein in Bezug 
anf die Jahreszeit. Bei grosser Lufttrockenheit miissen sie bedeutend ofter 
getrunkt werden, in feuchtem Klima kiiunen sie dagegcn eine lange Zeit ohne 
Wasserznfubr bleiben ; diese F&higkeit kann dnrcb Uebung and Gev5bnung 
noch verstarkt verden , wie die in Australien angestellten Versuche zeigen. 
Als allgemeines Ergebnis stellt sich heraus , dass die Kamelc in Afrika und 
Arabien liingere Zeit nicht getriinkt werden brauchen , als in Asien. Die 
mittlerc Zeit ist die „Kbim8" d. b. die Durstzeit von fiinf Tagen. Sie nimmt 
zu, kann auf das Doppelte und mehr gesteigert werden, jo weiter man nacb 
Westen und Siiden , in die heissfenchten Gegenden Sudans und das Somali- 
land gelangt, nimmt aber bedeutend ab nach Osten und erreicht in den 
iurcbtbar trockenen Hochebenen lunerasiens ibre geriugste Ausdehimug. In 
der wGstlicben Sahara verden auf den Earawanenreisen die Kamele nor daon 
getriinkt, wenn man an eine Quelle gelangt, oft dauert dies bis zu 12 Tagen, 
ein Zeitraum, den das gute Meheri ohne liacbteil aushaltea moss. Gelangt 



*) Siebe hieno Kflhn, Zweckntange Ernftbrung de* Pindviehs, S. 7$. 



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Dm EamaL 



115 



man daun in die Nahe eioer Quelle, 8o wirfi das Tier seine Last ab, reisst 
rich lo8 nnd atllnt mit muridwatdilicher Gewalt davauf bin. Oft UberUflsl 
der Tcncbmachtende Beduine wohl seinem Kamel die Fiihrun^? und tertraut 
sich aeinem Spiirsinne an , denn es soil auf eine halbo Stnnde Wegs weit das 
Waaaer ,,riechen''. So erzahlt auch die faeilige Sage der Araber^ dass, als 
xa Ismaels Zeiteo Hedsohas noch lom Stamme der Amalek bewohnt war, den 
Sohnen Amaleks ein Kamd aus dem Lager entwichen war. Sic faiiden es 
nacb tagelangem Sachen schliesslicli bei der Quelle Zomzem, die ihnen bis 
dabin unbekanut gebliebeu war uud au der sie nun ihr Lager aufschlugen. 
Zemzem war die Quelle, die AUah . der Gott Ibrahims , fiir Ismael herrorge- 
rufen hatte — und an di^r Stelle wurde nun Mekka erbaut. In Dar For 
werden li-- K inifl"' nur in grosseri Zritabstiinden getriinkt. ilic Somali kiimmern 
s'wh f^.st 1^ 11 iiiclit uni die Trankung ilirer Kam^lo. In der Trorkenzeit werden 
sie iiur zweimal, lu der Hegeozeit nur einmai iin Monat zur rrauke gefiihrt. 
Anch in AraMen selber finden sicb diesa Versehtedenheiten. In Osman, an 
der feuchteren Kiiste, konnen sie fiinf, ja sogar neun und raehr Tage ohne 
Wasser leben, sobald sie nur saftigc -Kniuter als i'utter haben. Wellstedt 
bat seine Wiistenreise zwischen Bagdad und Damaskus in der Regenzeit in 
28 Tagercisen obne Trii&kung der Kamele zsrflckgelegt. Anf der beissen 
Hochebene Jedoch, in Nedschd, moss das Kamel jeden vierten Tag mindestens 
pjrtriinlvt wrrden , ebenso in Iran, In Buchara konnten di'^ Kamelr I^urnes 
in der heissen Zeit bocbstens 2 — 3 Tage den Durst ertragen, achon am vierten 
Tage waren sie so matt, dass sie zum grossen Teil fielen. Dieselbe Beobachtung 
machte auch Prschewalski. Im Friibling und Herbat vermocbten teine Eamele 
bei saftigem Futter wohl 6—7 Tage auszulialten der heissen trockcnen Luft 
der innerasiatischen Hochflaclie wurden sie jedoch nie ianger als zwei Tage 
ohne Wasser gelassen , sondera w urdeii gewobnlich jeden Tag gctrankt. Die 
wildan Eamele werden wobl ISnger den Dntat ertragen konnen , docb sollen 
dieselben auf 100 km weit sor Trttnke kommen. Im Wintw begnflgt sidi 
das Kamel mit Scbnee. 



AbblBglgkett Ton der BodenbesebafTenhelt. 

Sobon im Bundebescb wurde das einbockrige Kamel al» dasjeuige der 
Ebene beseidmet, dai h5dislaM zwei Berge ersteigen kann, wHbrend das zwei* 
bSekrige nor Gebitige bewobnt Das Bromedar ist fur gebirgigen Boden fast 

gar iiicht zu verweTidoiv Zwar kann es unter Umstanden auch Berge tiber- 
winden, doch macht ihm dieaes bedeutende Schwiorigkeiten. In Marroko nnd 
Algerien wird es zu Reisen Uber den Atlas fast gar nicht verwendct, ebenso 
wenig in Abessinien. Nachtigal beschreibt, wie ansserordentlicb scbwierig es 
war, die Kamolkarawanen gliicklich iibcr die Tihrsti-Berge zu hringcn. Der 
Anstieg ging meistens gut von statten . so wie es alior bergab ging, begannen 
die Schwierigkeiteu : die Kamele wurden von den Treibem am Schwanze fest- 
gebalten, dass sie nidit ins Gleitra kamen; war dies aber einmal gescbeben, 
so warfen sie wie toll ihr QepBck ab und stiirzten in wilder Flucht den Ab- 
hang herab . so dans eine groR«e Zahl von Tieren im Gehirge veniiigliickte. 
Auch in Iran und Vorderindien ist das Dromedar auf wechseiudem fiodenrelief 
nicbt zn Terwenden. Es kommt aber ancb bier viel auf die Zncbt an. Die 
Baele in den Tibesti-Bergen haben Eamde, die in den felsigcn Scblnchten 
ganz ausgezeichnete Dienste leisten nnd yorzi|^lirb Id ttern. E^oi^^o stieg 
Botta mit schwer beladencn Kamelen die Berge in Jcmen liinaul und iiber- 
zeugte sich auch im steilen Sinaigebirge . dass dieselben im Glebirge sehr gut 
zu verwenden sind» Das Hedsobas-Kamel /u Taif gilt allgomein als tuchtiger 
Btrgkletterer, gan?: ver^chicden von dem Tehama-Kamel, das nur it! dei Ebene 
gut zu verweaden ist Im Somalilande ermiiden die Kamele zwar durch die 



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116 



Das Kaiuel. 



geringftte Steigung, aber anf Sokotra leieten sie im Klettern geradein UngbuiV- 

Hches ; sie Tcrroogen bier Steinstufen zu erklimmen und filocke zu iiberschreiten, 
die der Mensch nur mit Anstrengung bewaltif,'t. Fiir daa Gebir^sland wird 
in Iran immer das zweibockrige Kamel verwendet, das hier eotscbieden aicherer 
geht. In den Himalt^a-PSeaai wurden dieselben jedoeh anch nntangUchf als 
der Grossmogul Aurengzeb 1663 aus dem Pandschab iiber fiamber die Htma- 
Ifija-P.'isse nach Kaschmir hinaufstifL'. Prschewalski hnt dagcgen mit seinen 
Kamelen wobl acbtmal den 4000 lu holieD Kamm des Gautiu-Uebirges tiber- 
aefariUen nnd ebenso begegnete er oft Kamelkarawanen , die von CMna nach 
Tibet leieten nnd selbst bis Lasa mit Kamelen kamon. Allerdings tiitt in 
diesen Gejrendpn meist der Jak a!s Lasttier ein. In China wurden von 
V. Richthofen oft auf hohen Passen grosse Kamelkarawanen gesehen . die den 
Verkehr von der Ebene Tai-juen-fu nach der Mongolei vermittelten ; so gingen 
die Tabakkarawancn von Ku-hwu-hsien iiber den Pass Han-hsing-ling in der 
Provinz Scliansi und von Tatunf:-fu nach Kiai-t-schon iiber den Yen-niouu-kwan. 
Ganz vorzUgiich kann aber das wilde Kamel klettern. In den hochsteu und 
gefiihrlichsten Scbluchteu , an den steilsten Abbiiogen, wo des Menscben Fuss 
kanm nocb zn baften Yermag, &nd Fnchewalaki die Sporen des irilden 
Kamels neben denen des Kuku-jeraan, der Bergziege. Auf steinigem hartem, 
selHst j:;;lattem Boden strauchelt das Kamel nicht so leicht , selbst Gletscher- 
strecken konnen von den Tieren iiberschritten werden. Aber es kommt hierbei 
aehr anf die Beschaffenheit des Bodens selbw an ; sobald derselbe dureh Regen 
scblupfrig geworden ist, gleitet das Kamel selir leicht aus, besonders mit 
seinen HiiitPrboinen. Daher kann es auch sehlecht in Tripolis auf dem 
mergeligeu Lebmboden verwendet werden, ebenso wenig im Sudan, wo es zur 
Regenz^ leicbt m Fall konunt. 0er sichere Schritt des Tieres znm Geben 
nnd Laufcn ist wesentlich auf Sand und Kiesboden eingerichtet und darum 
betreten die Kamele im Gebirgc auf dem festen Sandboden die c:i"f^ibrvollen 
Klippen mit derselben Sicherheit wie die Maultiere. Der tiefe Sandboden, 
auf dem das Kamel bei jedem Schritt einsinkt, macht ihm ebeuso viel Bc- 
schwerden wie jedem anderen Tier. Yermoge seiner langen Beine kann es 
densclbcn jedoch leichter iiberwinden ; in dera tiefen Wiistensand zwisclien 
Mesched und dem Oxus vermag die Karawane in eincr Stunde mch 3 — 4 km 
zuriickzulegen. Auf ihren Winterreisen sind den Kalniiiken die Kamele des 
tiefen Schnees wegen nnentbehrlicit , nm das nSti^ Hob nnd Wasser sum 
Unterhalt hcrbeizuschaffen. Auf scharfem Kiesboden eriabmen die Tiere 
leicbt. dann pflegen die Monfjolen ihncn dip Klauen mit derben Ocbsenhauten 
zu lunwickt'ln oder ihnen Sohlen anzuniihen. Oft sind auch scharfe Graseri 
8tipaceen, die Ursacbe, dass die l^ere sicb die FQsse wnnd lanfen. Wenn 
der Eeisende liingere Zeit flber d<>rartige Wiesen zieht, wird sein Weg oft 
durch bluti^'e Streifen von den wunden Fiissen des Kamels bezeicbnet. An 
deu 2iordabhangen des Kuenliin ist es besonders die Kabrcsia tibetica, an 
denen die Kamele sich blutig steeben. Die JSf ougolen neanen solche Gegenden 
mototsebirik, d. h. bebolzte, wegen der Hirte der BUme dieses Grases. 



AbbUngigkcit von der Temperatnr nnd Fenchtigkeit. 

Wie .schr das Kamel von gewissen Futterpflanzen abbiingig ist, baben 
wir geisehe!! ; sic sind olinc Frai^e von grosser Bedeutung fiir die Gren/.en 
seiner Verijrcitung, doch sind aie nicht das allein bestimmende. Der Alhagi- 
straaek kommt weit fibw das Gebiet des Kamels hinans im Sndan vor, eb^p 
die Mimosen und Tamarisken. Temperatur und Fenobtigk^t sind ftr die 
Frage nach der Verbreitung bedeutend wichtiger. 

Das Kamel ertriigt die huchsten Warme- und Kaltegrade; es bat sein 
VerbreituDgsgebietin d^ Landem mit kallestem Winter und nejiseatein Srauner, 



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117 



mit den i^rosstcn jiihrlichen TcniperaturschwankungBn , die wir iiberhaupt aiif 
der Erde kennen. In Nordafrika ist eine Kiilte von 5 — 6 » unter dem Gefrier- 
pankt im 'Winter nidits AnnefOidentliGhea. In Ifarokko nnd Algerien werden 
am Siidabhange des AUasgebirges jedes Jahr im Winter — 4 beobachtet, 
in der weiter siidlicb gelegenen Gegend , der Vorwiiste , sogar — 6 ® , in 
Ghadarja sinkt die Temperator oft eine ganze Zeit lang unter 0. Duvejrier 
fand das Wasser sehr oft am Morgen gefroren, ja im Winter 1857/58 war 
das ganze Land zwei Tage lang mit einer Schneedecke bedeckt. In Ghadaoiea 
sinkt die Temperatur oft auf 5 " 0. unter Null. In Mursuk') sind im Dezember, 
Jannar und Febmar die Mindestwerte — 4^ , — und — 49 beobachtet 
vorden nnd Bohlfs') machte bier im Winter 1865/66 einen Jannar dnrch, 
in dem an 84 Tagen das Quecksilber nicbt iiber den NuUpunkt stieg. Schnee 
ist in Fessan und Tripolis im "Winter m'chts Seltenes. In Aloxandrien ist in 
der Zeit von 1866—1880 ein Miudestwert von — 17, beobachtet. Auch 
in Arabien kommen Temperaturen unter 0*5 vor. In Bagdad beobachtete der 
Reisende Michaux*) im Jahre 1872 dreimal — 6,3^'. Die harteste Winter- 
kiilte Asiens kann die Verwendunr; des Kaniols niclit hindern. In AVestsibirien, 
in den Kirgisensteppen bis nach dem Haikalsee Nverden Kamele verwendet. 
Zum Scbutze gegen die grimmige Kiilte werden sie in Filzdecken eingeniiht 
nnd ertragen so, den T^ter« ohne daaa die ^Ute ihnen Sdhaden zxd&gte. 
In China sinkt das Thenntnneter im Winter, der hier von November bis 
Pebraar danert, auf — Q^j^o bis ■— 7° In Semipalatinsk betnipi; die mittlcrc Tem- 
peratur im Winter — 21, 9^; die grosste Kiilte, die dort in den Jahren 1854 - 1860 
gemeseen wnrde, betntg — ^,9<». Pnchewalaki hat auf aetnen Beieen lange 
Zeit die harteste KUlte ortragen , ohne dass seine Kamele daninter gelitten 
hatten. Wiihrend der ganzen Keise iiber die moogolischc Hochcbone hatte er 
Tag fiir Tag bis — 37o ; im tibetanischen Hochland im Dezember sechsmal 
— 3(V>, die tibrigen Tage — 20o. Auch in Zaidam, wo nocb Kameibncht ge- 
trieben wird, wurde im Oktober in der Nacht eine Kalte von — 23,6o 
beobachtet , flir sirh ini Novnmbnr sogar bis auf — 25.2'^ steigerte. Sind die 
Kaltegrade, die das Kamei ertriigt , bedontond, so sind cs uicht minder die 
Hitzegrade. In der Wiiste Gobi mass Pi-^chewalski die Uitze des trockenen 
Lossbodens and beobachtete hier die fturchtbaren Temperaturen bis asn 62,5o 
bci einer Mittagshitzo von -f- 38,1"- Auf dem Ala.scban-Plateau batte die 
Luft am 20. Juli 1873 cine Hitze von 45® C. erreicht. Im tibetanischen 
Hocblande wurde als Meistwert 4~ 43,6*^ beobachtet. Ebeu solche Tempera- 
turen nnd nooh bedeutendere , bis an 48,8«» hatte Nachtigal in der Sahara 
auszuhaltcn. Das KameL ist aber im stands diese hochsten EBlte- wie Hitse- 
grade ohne Beschwerde zu crtragen. 

Wiobtiger ri1s dirsf ftnsscrsten Werte scheincn jedocb die Scbwankunn:pn 
zu sein, welclic die Temperatur in ihrem jahriiciien und taglichen Gauge er- 
leidet, und diese miissen genauer betrachtet werden. 

Fiir die Sahara sind ganz bctriichtliclie Schwankungen in der Temperatur 
sowohl fUr die Jabreszeiten ale ftir die einzehim Tage beobaditet, Schiranknngen, 
die sicb auch im Suden nachweisen lassen. Am Tage tropische Hitse — in 
der Nacht Sinken der Temperatur unter den Gefrierpunkt , — das sind 
Schwankungen, die in der Sahara zum ofteren beobachtet sind, die auf pflanz- 
Iwhe nnd tieriSche Lebewesen im allgemetnen sebr yerderblich virken, von 
den Kamelen aber ohne Schadcn ertragen werden. Sie fuhlen sich sch^bar 
gerade in diesem Wechsel wohl, mebr ah in den Liindern mit stets heisser 
Temperatur oder denen der gemiissigten Zone. In Medina in Senegambien, 



') Hann, Klimatologie. 

«) Rohlfe, Quer durch Afrika. 

V Mftch liioher, Dia OattelpAliiM. 



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116 



Dm KanflL 



dem ttnaneraf TOrgeschobenen Qrt, nach dem noch Kamele von IHrnbnkin aus 

auf Karawanenwegen gelangen, und in dem gan/en Osttoil Sencgambiens sind 
die iiussersten Temperaturen : 7,9^ eigentlicher Mindestwert und 44.8'' eigent- 
licher Meistwert, also eine jiihrliche Schwankung von 36,9", die gegen Osten 
noch betracbtlieher wird, da bier die lieistwerte viel iiber 4^ liegen. Diese 
hochsten Temperaturschwankungen treten zweiinul im Jalire auf, ini April und 
Mai und im Oktober und November, d. h. also in der trockenen .lahreszeit, 
und dieses ist audi die Zeit, in der die Kamelkarawanen nichi uur hi& ins 
Innere too Senegambien , sondern sogar bis an die Kttste gelangen k(fnneii. 
Dann sind auch die taglichen Scliwankungcn am bedeutendsten, betragen gegen 
20^ wahrend zur Regenzeit die Temperatur sich immor in der Nabe des 
Mittels, bei 27o, bewegt^j. Wetter im Osten warden die Schwankungen be- 
trftcbtlkhM'. In Enka oeobachteie Nfu;htigal>) die niedrigste Tempefatnr im 
Bezember 1870 von 15o, die hdchste im Oktober von 37,5<*. Die iiussersten 
Wprte ffir diese Zeit liegen also um 22,5" von einander entfernt, die tiigliche 
Schwankung war die geringste im August, der Hauptregenzeit : 9,2", die 
grosste im November : 16,5". Diese Zablen gelten nm fttr den Winter, wfthrend 
der heissen Zeit sind eie viel bedeutender. Docli zeigen sie aucb so schon 
eine betriichtliche Steigerung gegeniiber denjenigeii Seuegainbiens. Yon Bagirmi. 
wo seit Barths Zeiten die Kamclzucht ganz zuriickgegangen ist . haben wir 
nur sehr wenige Angaben, von Miirz bis Mai 1872 : die niedrigste Temperatur 
war im Miirz: 14o, ebenso die bdchste 43,8^. In demselben Monat, aleo am 
.\iifang der trockenen Zeit . war audi di(^ tiigliche Schwankung am grosst''n 
mit 24,5*. Aus Egei und Bodele, den beiden beriihmten Kamellandern im 
Norden des Tsadsees, liegen fiir den Mai und die Zeit vom 27. September 
bis 8. November von Nacbtigal genanere Beobacbtungen Tor. Die im Hai 
beobaditeten Temperatoren zeigen den grossten I^ntorschied zwischen Tag 
und Nacht, der fur die ganze Sahara so charakteristisch ist, Der Unterschied 
betrug sehr baufig gegen 30", am 15. Mai zu Toro in Bodele 31,7". Der 
niedrigste WSrmegrad war 11,9* in Egei, daa Uberbanpt seiner kalten Nacbte 
wegen bekannt ist. Die hochsten W^megrade gingen an 14 Tagen uber 45* 
hinaus. Am 22. Mai warden 48,8" gemessen . ergiebt sich also fiir den 
Mai eine Schwankung von 36,9". Im Herbst war die Temperatur niedriger 
als im Mai ; von don 33 Beobachtnngstagen zeigten 20 eine niedrigste Tempe- 
ratur unter 20", von den 20 Beobacbtungen der hochsten Tranperatoren cr- 
hoben sich nur 5 iiber 40°. Die eigentlich hochste Temperatur war 45,2", 
die eigentlich niedrigste 11,5", also eine Scbwankimg von 33,7". Der tagliche 
Unterschied zwischen hochster und niedrigster Temperatur war nur cinmal 
25,20, hielt sich roeistens nabe an 20*. 

TJeber die Gegenden von Timbuktu wie uber den ganzen Westen der 
Sahara fehlen genaue Angaben. Fur die Gegenden der Sahara zwischen 
Mursuk und liornu haben wir einige, wenn auch liickenhafte, so doch wertvolle 
Beobacbtungen Nacbtigalsa). Im April 1870 sind nur 11 Beobachtangen 
gemacht. Von diescn war die niedrigste Temperatur gleich am Anfang der 
Reise in der Niihe von Mursuk 4,8", die hochste war 37,7". Die grosste 
tSgliche Schwankung betrug uur 15,5". Im Mai war die niedrigste Temperatur 
13,2" , die hSebste 47,6o. Die tiigliche Schwankung betrug nur swelmal gegen 
16". war moistens iiber 20", crreicbte einmal sogar 26,6". Im Juni war die 
vereinzclt stehende niedrig-ite Temj) r ifrir 17". Die niedrigstcn Tagestemp'M-i - 
turen wesen fiir gewohnlich iiber 20° auf. Die hochste Temperatur war 4s s . 
Auch bier die tiigliche Schwankung meistens 20", die hochste 27, 7«. An du :^..'u 
deswegcn sehr unvollkommenen Zablen, weil sie nur auf einmaliger und nicht 
einmal Ittckenloser Beobacbtnog beruhen, kann man jedoch schon eine Zanahme 



Hann, Kliiuatologie. 
I) Naohtigal, S%baia mid Sudan. 



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Du KafflMl. 



119 



in der taglicben TemperatorsGhwaitkung Yerzeichnen, die tun so grosser wird, 
je mehr man deh sidlichen Gegonden n&hert Filr die Tibestiberge sind die 

Zahlen ebenso unToHkoiiiiTioni). Sie bexi^en sicb auf den Juli und Anfang 
August uud zwar auf 27 BeobachtuTifrstage. Die niedrigste Temperatur war 
22,60 iQ der Nahe von Tao, die hochste 45,8^ die tagliche Schwankung war 
hier in dem Qebiiige eioe geringe, waf nur einmal l^,6o, betrug siebennutl 
Ib^, fUnfmal 14^12° und blieb die ttbrigen zehumal untcr i2*>. Die geringste 
Schwank'ting war 7,9**. Diese ausserordentlich gerinpe Sclnviinkung crkliirt 
sich aus der gebirgigen Natur des Tibestilandes. Fur Mursuk giebt Nachtigal 
folgende Beobachtiuigszahlen Uber April und Mai 1869 und die Zeit von Ifitte 
Oktober 1869 bis Anfang April 1870. Die niedrigsten Temperaturen wurden 
liier ira Dezember, Januar und Febrnar beobacbtct: 1,0«, 0,0" und 1,8^ Die 
t;i:,'^licbpn T^nterschiede lagen zwischen dtMi Grenzen 22.2" und 7,0 bez. 20,2o 
und 9,y^ uud 20,4" uud 9,6°. Im Apnl und Mai waren die Lochsten Teiupe- 
ratnren 87,1* und 41,0*. Die bfichsten ^lichen Schwankungen 184<* und 16,8o. 
Die yon Nachtigal fur den Winter beobachteten Temperaturen sind jedoch 
nicht die niedrigsten, roan nimrat den Mindestwert fiir jene drei Monatfi — 4<>, 
— und — 4<> an. Die Meistwerte sind in diesen Monaten 21<>, 24<> und 
33*. FQr die Oase Bir Milcba find Rohlfs eine tiigliche TemperatancfawukaDg 
Ton 240; in der Oaae. Au^jila im Mai 19,7* ; in Knfra im August 23* und 
im September 21,5^. 

Vergleicbt man nun die Temperaturschwankungen im 2Corden und SUden 
der Saliaiia,' bo ergiebt sicb, data die bocbsten Schwanknngen , bis su 3S,7^, 
im Sfiden vorkommmi und zwar wabrend der trockeneti Zeit, vorziiglich ver- 
ursacht durch die gros5;e Eiliitznng. Geringer. wenn auch noch ziemlich be- 
deutend, sind sie iui 2surden, in der JSabe der Kiiste, hier aber im Winter 
d. h. zur Regenzeit, am grossten, Diese Verschiedenheiten aussern sich denn 
aucb in ganz bestiromter Weite auf das Kamel. Wir warden noch auf die 
VerschietU nlieiten beider Arten, des nordafrikaniscben uiid Sudaii-Kamels, bei 
der Besprechung der Feuchtigkeitsverhaltuisse zuriickkouimen miissen, hier sei 
jedoch darauf hiugewiesen, dass die Bekleidung beider Tiere der Temperatur 
gemiss eine Tendiiedene. ist. Das sOdUche Sudan- und Tibesti-Kamel muss 
zwar bedeutende Schwaukungen, aber doch wesentlich grosse Hitze bei grosser 
Lufttrockenheit aushalten ; es ist kurz behaart. Das iiordafrikanische Knmel 
hat bei nicht bo bedeutenden Schwaukungen wesentlich niedere Temperatur 
bei b5herer Luftfencbtigkeit zu ertragen : es ist gedniugen, fleischiger mit einem 
massigcrcn Fettbuckel und lang behaart'). 

Auch in dem Xordosttoil Afiikas und in Syrien sind die Schwankungen 
ziemlich betrachtlich. In der hbyscben Wiiste sind im Februar Temperaturen 
von — beobachtet vorden. In Farafrah sank die Temperatur in zwdlf 
Nachten untcr Null. Ebenso ist in Kairo die Temperatur oft in dor Xiibe 
des Gefrierpunktcs . uio anch in Jerusalem. An bciden Orten sind aber 
Temperaturen von 40,3" uud 38,5<* im Sommcr lnkannt. la .Jerusalem sind 
Starke Schneefalle kcine Seltenheit ; im Ost-Jordanlande sind scbon Karawaneu 
im Schnee zu Grunde gegangen. Aehnlich wie ftir die Traiperatur urn den 
Tsadsce atellen sicb die Werte fUr Nubien und den iigyptiscben Sudan. In 
Euka war der Januar der kalteste Monat (Mittel 22,5?), dtr April der heisseste 
(Mittel 33,50). In Chartum ist ebenlails der Januar der kalteste Monat (22,7»), 
der Jnni aber der beisseste (34,6*). Der Oang der Temperatur ist in beiden 
Orten so ziemlich derselbe. In Lado , am oberen Nil , von welchem Orto 
ostlich noch Kamelzncht zu finden ist, waren die eigenUielien Groiizwerte : 
40,5^ und 19,7°. Die Temperatur steigt hier das ganze Jabr hindurch uach- 
mittags auf 90*| die durcfaschmttlicben Hindestwerte betragen aber 21S so 



>) Nachtigal, Sahara u. Sudan. Temperabirt»bflllSB, Bd. 1. 
^ Veif L d. Abbilduogen b. Nachtigal, Bd. 1, 8. m 



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180 X>M Kunel 

daas wir eine raittlero tagliche Warmeschwaiikung von nur 9° haben, aber auf 
Temperaturen ttber 20^ b^figlich. Es sind also Temperatoren imd SchwaDkungen, 
wie sie den heisBfeuchten Strichcn Sudans und SenegambioDs fifjcri sind. 

Dasselbe Klima wie in der innerafrikanisclien Sahara ist in Arabien. 
Es finden dieselbeu Schwankungen im jahrlichen und taglichen Gango der 
Tonperatur statt, im Sflden, in Aden und Oman anf hohe mittlere Tempe* 
ratnren, am Nordabhang der Wiiste, in Damaskus und Kesopotamien anf 
niedere mittlere Temperaturen beziiglich. Im Winter kommen hier Tempera- 
toren Ton — 6*> und darunter vor. £iie wir die Temperaturverhiiltnisse Irans 
beliacliten, vollen vir noch dnen Blfok anf die inditiche Wttate wcarfeo, jeuen 
liandstrich im SUden und Stidosten des Indusgebictes , wo gchm Beit langer 
Zeit eine bedeutende Kamelzuclit betvi'-ben v.ird. In Multan, ebenso in Lanore 
ist die Mitteltemperatur des kiilteiiten Munats, des .Januars, gegen 12^. Die 
des heiss^ten , des .Tuni , 34« , also eine mittlere jahrlicbe "Wftrmeachwankang 
von 22". Die eigentlichen Grenzwerte sind al)er fiir Multan 52,8*' und — 1,7"', 
Ebenso sind die tagliclien Schwankungen bedeutend. In der trockeneii Zeit 
gegen 20", in der Regenzeit, im JuH und Septonilier. jpdocli nur 8 — 9". Also 
verhiiltnismassig grosse tagliche Schwankungea zur heissen, trockenen Zeit, 
gerinfe Schwankungen zur kahlen Regenseit, wie im Sftden. Von Iran gieM 
OS nur ungeniigende Angaben. Es ist eine TTocliflfiehe niit ausserordentlich 
heissen Sommern und kalten Wintern , die den Kamelen verderblich werden 
konnen. Im Hamun-Becken beobacbtete die persische Grenzkommission am 
81. Januar 1872 — 15o, ebeneo ver^elinet Bellew im Winter 1857/58 Tempe- 
raturen von — 15". Je weiter man nach Norden gelangt, in das Qelnet der 
turknienischcn und arabisch-kaspischen Steppen , um so grosser werden hier 
die jiihrlichen Schwankungen, wie die folgenden Reihen ergeben: 

Samarkand . . . MeUtwert: 40,1^ Mindestw.: — 16,1<*, jfihrLSchwank.: bQ,l'>. 
Pctro-Alexandrowsk „ 39,3», „ — 23,7«, „ 63.0>. 
Taschkent ... „ 38,6°, „ — 23,2», „ „ 61,8*. 
Perowsk .... „ 39,t«, » — 27,7», „ „ 66,8*. 

Diese ausserordentlicben Schwankungen beziehen sich auf eine niedrige Tem- 
peretnr von weniger ale Samarkand hat ein Mittel von 14,5*; Petro* 

Alexandrowsk : 12,9", Taschkent: 13,1" und Perowsk: 9,5o»), Es wird also 
trotz der hohen Sommertemperaturen im allgemeinen dem Lande wenig Wiirme 
zugefiihrt. Auch innerhalb eines jyionats finden bedeutende Schwaukungcu 
fltatty nnd zwar sind dieselben am bedentendsten in den Wintermonaten. Die 
mittlere Temperaturschwankung betriigt fur Orenl u j im Winter 28*. Be- 
deutend grosser sind natiirlich die eigentlirliPii Schwankungen. Ebenso gross 
sind die tiigiicben Auiplituden. Die uoiumerhchen Mouats- imd Tages- 
schwanknngen dnd viel geringer. Im Winter kommen in diesem Gebiet dnreh- 
Bchnittlich ebenso viel tiigliche Schwankungen von 10 — 12" vor, als im Somnier 
Ton 6 — 8"-). namlich 1.5 auf 30 Tage berechnet; ebenso viel von 22— 24« im 
Winter als ini Summer von 12 — 14". Das zeigt am deutlichsten , wie viel 
kalter und dabei veriinderlicher der Winter als der Sommer ist. Auf die 
Kamele Ubt die Kaltc sowohl als die Verftnderlicbkeit einen groraen Einflues 
nns. Wahrend eines harten Winters komrat es vor. dass ausserordentlich viel 
Kamele vor Kiilte umkommen, wio os deu Kirgisen oft ergoht. Aber die 
>iatur des Ticres hat sich diesem Kiima in bemerkenswerter Weise angepasst. 
Das persische Lnk, das einhdckrige Tie» mit kursem, kraosen Haar kann hier 
nicht mehr leben. Hier sind beide, das ein- und zwoihockrige Kamel, mit 
lang herabhangendem, dichtestem Haanvnchs bekleidet. der ihnen in der winter- 
lichen Kiilte mit ihren ausserst wechselvoUen Temperaturen den notigen Scbutz 

irnlasicn, H^l. TIT. S. 910 U. meb LMtftf. 
^ Uaim, Klimatologie, nacb Tabelie Q. 504. 



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m 



gewahrt. Im Sommer jedouii , der heisse Tage aber mit verhiiltiiismassig nur 
geriugeu Schwankungeu bringt, legen sie ihr Winterkleid ab, sind eine Zeit 
lang &st gam kahl und erhalten daaadbe ent wieder, aobald der Winter 

herannalit. 

Je weiter man gen Osten und Norden koramt, um so festlandischer wird 
das Klima, um bo grossei' werden die Sciiwaukungen. Id Semipalatiosk betrug 
im Jahre 1877 die grSeste Hitxe 87,4* die grosste Kfilte — 49,9*; daa let 
also innerhalb eines Jahres eine Schwankung von 87,3<>! welche die Eamele 
ohiie Schaden ertrag» i! In Urga betragt die Warmeschwaukung innerhalb 
eiues Jahres 80,8^ uud von bier aus gehen regelmassig Kamelposten uach 
Kiachta und ttber die Wilete Gobi nach Kalgan. Hier werden, wie auch 
Qberatt in den EirpMiateppen die Tiere im Winter mit starken Filzdecken 
umgeben, die sie bis zum Eintritt des Friibjahrs tragpn. 

In Ostasien tiudet eine bemerkenawerte Anpassuog an das Klima statt. 
Der Winter ist die Mg^ilicbe Zeit, in der sie ram Transport dimen, wKhrmd 
sie im Sommer auf den Steppen herutiiscbweifeu. Sobald der Herbst naht, 
sarrmehi die Noniaden ihre Herden luul bringcn sie nach Kalgan, urn sie zum 
Transport zu veiuueten. Im VViuter kbnuen sie die hilrtesteu Strapazen und 
Kalte ertragen , im Sommer jedoch sind sie ausserordentlich empfindlich ; die 
MoDgo\en bogeben sich dann nur hSchst nngem mit ihnen auf die Beiee. 
Wenn sie jedoch gebrauclit werden miissen, so werdtn sie selir sorgsam vor 
Hitze und Eikiiltung bewuhrt. Sie werden zum Sclmt/e mit Filzdecken bedeckt 
und auch uicht sogleich abgesatteit, sobald Uus Lager eireicht ist, soudern 
mttesen. aich erst 1—2 Stvnden lang abkttUen. Wenn anch Prscbewalski in 
der heissen Sommerszeit seine Reisen machte, so zeigen doch die Vcrlaste, 
die er wiederholt durch den Tod eines Kamels erlitt , wie wenig ilinen dies 
zutriiglich war. Auch die im Innern Hochasieos wiluiebeuden Kamele vcr- 
laesen mit der heissen Jahrenceit die WOsten and Ziehen aich in die bSher 
gelegenen Schluchten der Gebirge zuriick. 

Wir sehen also, dass das Kamel in den kiiltestei) wit^ heissesten Gebieten 
der -alien Welt zu lebeu vermag, wie es die grossteu, echt kontinentalen 
Temperatnrechwanknngen ertrSgt, wie es afaer anch andererseits sioh so toU- 
koinmen dem Klima angepasst hat, dass das Meheri des Tuarik in den eiaigen 
Steppen der Kira:hen wohl elen so bald erliegen wUrde , wie umgckehrt die 
mongolischen Kamele aus Ohalcba in den heissen Saudwustcn der Sahara. 
Bs ist jedoch uoch ein wichtiger Faktor filr die Yeibreituag des Kameb zu 
beriickaichtigen : die Fencbtigkeit der Luft. Bdde, Temperatur und Feuchtig' 
keit, letztcre aber in erhohtem Masse^ wirkon ausanimeni um die Gkenzen der 
Verbreitung des Kamels festzusetzen. — 

Um die Feuchtigkeit eiues Klimas zu beijummen, pilegt man gewohnlich 
das Verhaltnis der wklioboi zur mtSglidioi Feuchtigkeit, die eogenannte 
relative Feuchtigkeit desaelboi aasugeben. Da jedoch die m5gliche Feuchtig* 
keit fiir jede Temperatur eine verschiedenc ist, so ergiebt die relative Feuchtig- 
keit erst dann eine richtige Vorstellung dariiber, ob eiu Laud trocken oder 
fencbt genannt werden kann, wenn die Temperatur desselben beigefiigt wird. 
Daraus folgt aber sofort, dass eine VergleichuDg zwisdien zwei Klimaten im 
ei^' ntlichen Sinnc nielit mdglich, dasselbe hv.\n . da ja zwei venindcrliche 
Werte verghcheu werdeu soUen, nur aniuiberungbweise geschehen. Wir ziehen 
es darum vor,' die Lnftfenchtigkeit der einzelnen Gebiete so zu beatimmen, 
daee wir sie in Bezug auf den Dampfdruck untersuchen, und wir werden sehen, 
dass wir hierdurch weit einfachere Werte erhalten, die gegenseitig vcrglichen, 
una ein ausserordentlich khires Bild von der Trockenheit bez. Feuchtigkeit 
des betrelienden Gebietes geben. Um den Yorteil des hier emgescblageuen 
Wegee zu zeigen , soUen jedesmal beide Werte, relative Feuchtigkeit is Ver- 
bindung mit d«r Temperatur und der Dampidmdc nebeneinamder gegeboa 
werden. 



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hsm KameL 



Es fragt neh ferner, welcher Art die Idimatischeii. W«rte sdn mflsaen, 

nm flir tierische Organismen in ihrer Wirkung entscheidend za sein. Die 
eipentlichen Meist- und Mindestwerte konnen der Verbreitung eines Tieres 
natiiriich keine Grenze setzen, denn der Organismos desselben ist gewiss so 
widerstondsfilbig, dass er eine einmalige, kans andanomde hobe oder oiedera 
Tcmpentur b«i. Liiftfcuchtigkeit ohne weiteren Schaden zu ertngen Vttrmag. 
Dagegcn diirften Mittelwerte , die sich vielleicht auf den Zeitraum von zehn 
Tagen bezieheD, am entsprechendsten Werte abgeben, welcbe als klimatiscbe 
Grenzwerte fftr die Verbnittuig der Tiere anznsprecben sind* Ldder Bind 
die BeobacbtttDgen aber nicbt in dem Umfange vorhanden, urn znr Bestimmung 
der Grenzen des Kamels beniitzt werden zu konnen. Wir miispr^n nns im 
giinstigsten Falle mit Monatsmitteln bcgaiigen, oft warden jahreazeiUiche oder 
gar iiur Juhresmittel an ihre Stelle treten miissen. — 

In Senegambien ist das Kamel im allgemeinen nicht zu finden. Dieses 
Land liegt noch im Gebiet der tropischen Soromerregen, mit don geringsteo 
Niederschlag im Dezember (0" o dor Jiiliresmcngo), Januar, Februar und Miirz. 
Die eigentlicbe R^^gon/Ait tritt gegen FthIp 'S\:u ndcr .ftnii cin, die sich ausser 
einem bedeutenden Feuclitigkcitsgebalt der Lull durcii geriuge tagliche Tem- 
peratufscbwankungcn aaszeichnet, daher ein gletcbmSssig feacbtes tmd scbwOke 
Klima besitzt Fiir S. Louis liegen Zablenwerte vor, die als BeiH})icl dienen 
mSgen. S. Louis hat ein Jabresmittel von 23,20 mit einer relativen Feuchtig- 
keit von 71°/o* Dem entspricht ein Dunstdruck Ton 18 mm. Der Juli, zwar 
nicbt der feuebteste Mona^ ab« dodi der Regenidt angeb5rig, bat dn Hittel 
Ton 26,9\ (lie rdative Feucbtigkdt betrMgt 77o/o, — der Dunstdruck erreicbt 
dann eine Hobe von 20,5 mm. Anders im Januar. Zwar betragt dann die 
relative Feucbtigkeit auch nocb 64%, aber bei einer Temperatur von 20,2* 
entspricbt ihr ein Danstdraclc Ton nur 11 mm. Dies iat anch die einzige Zeit, 
in welcber grosse Kamelkarawanen von Timbuktu aus westwarts nach Sene- 
gambien zielicn und sogar bis an die Kiistc liin kommen , wahrend sonst im 
Westen des Nigtr Bassikunu, lOV* Br., der sudwestlichste Punkt ist, bis 
zu welchem noch Kamelkarawanen gelangen. Von Timbuktu siidwarts* be- 
dienen die Eiarawanen sich nicbt des Kamels als des Lasttiers, sondem Ocbsen 
treten an seine Stelle. Doch erwalmt Ziiller im Norden der Ooldkuste, in 
ISallaga und Atakpamo die Vorwendung des Kamels ; wahrscheinlicb gescbieht 
dies nur in geringem Masse und eine eigentlicbe Zucht des Tieres wird auch 
nicbt Btattfinden. In ftbnlicber Weise bdrtcoi die Beisenden in Kamerun aucb 
von Efunelkarawanen, die im Kordostcn jcnes Gebietee zu Zeiten erscbeioen 
Bollen. Doch fehlen noch genauere Nachi-icbten. 

T'l 'I'imbuktu ^vird die Regenzeit von den Kameltreibern der von Norden 
kommeudeu Karawanen sehr gcfiircbtetf sie verlassen den Ort mit EintriU 
der Regenzeit, d. h. im Sommer, wenn die Winde vom atlantiecben Oiean 
ber weben und Rcgen und Luftfcuchtigkeit mitbringcn. Dieselbe kann jedocb 

nur gering sein ; fj;leich nordlich von Timbuktu beginnt die Wttste und das 
Klima ist auch nur tur die der uordliclien Sahara entsprosseneu Kamele ge- 
iahrlich. Uiu Timbuktu selber ist noch Kamelzucht vorhanden, im Westen 
sogar nodi bis zum 17^ n. Br., wo die Turmos Kamele neben ihren Rinder- 
bcrden wcidcn. Diesc Zudit findrt sich jedoch nur am Rande der Wiiste. 
sobald der Boden in der iS'iihe Bassikunus Iclmiig , fiir Wasser nndiirchliissig 
wird, da bort die Kamelzucht so tur t aul, denii die medergelailcue iiegeumeuge 
bat Zeit cu verdunsten und erbobt so die Luftfenchtigkeit 

Das ganze Gebiet zwischen Timbuktu und dem Tsadsee ist den Kamelen 

Sehr wenig zutrtiglicb ; sie werden zwar flberall verwendet, der ganze Handel 
zwischen Kuka und Timbuktu gesrhiebt auf dem Riicken der Kamele. siidlirh 
dieser Handclsstrasse bort ihre Benutzung jedocb voUstaudig auf, Kinder smd 
an ihre Stelle getreten. 



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Das KameU 



123 



Rohlis kam mit Beineii Ktmelen Kwar noch bis in das Beich Bantsdii 
unter dem 10.<> und D. Br., hier aber kotmte er unniuglicli init denselben 
wf itrr kommen und sie mmsten vcrkauft werden. Aber selbst der Sultan 
but nur ausserordentlich wenig dafiir, eiu Beweis, wie wenig dieselben bier 
zu Tcrwenden sind. Weiter ustlich , im SUden des Tsadsees , am Tuburisee 
warden Bartbs Kamele als Wuudertierc ungestauut. Zvvar sind die klimatiachen 
Veilialtiiisse dieser Gegenden in ihren Eiii/.elbeiten noch vollstandig unbekaunt, 
aber die reiche Waldvegetation und der iiberall bliihcnde Ackerbau lassen 
schliesaen, dass die relative Feuchtigkeit eiue duiclischuittiiuh betrachtiiclie ist 

Der Handel svisGben Timbnktu and Kvka wild swar Torwiegend darcb 
die Araber der nordlich gelegenen Wiistc mit ibren Kamelen betriebeu — 
sie bringen dieselben nach Kano und Kuka auf den Markt, um sie als Transport- 
tiere zu verdingen, doch wird aucb im Bornulande selber noch Kamelzucht 
getrieben. Zu Bartbs Zeiten muss dieselbe noch ganz bedentend gewesen 
sein und gute Tiere hervorgebracbt haben, denn er neunt sic balbe Mehara> 
Kamele, die dencn der Tuarik fast gleichkommen sollen. Jetzt ist der Kamel* 
markt Kukas aber ein sehr uubedeutender, eigentlidi nur solche Kamele werdeu 
verkauXt, die mit Karawanen aus dem Norden gekommen sind und nun wieder 
mit Karawanen zuriickgehen. Wenn die Kamele nicbt vor Eintritt der Regen- 
zcit (]:is Land verlassen, so bringt ihiien die feuclite Witterung unfehlbar den 
Tiitri u^ang. Die Regenzeit tritt in Burnu ungefiihr in der Mitte Juni ein 
uud dauerl vier Mouate. Em bind die Lropischeu Summerregeu, die grosse 
Hengra an Feuchtigkeit bringtti und das ganse Land fast ttbersdiwemmen. 
Rohlfs berichtet uber die Regenzeit: „Wenn man um diese Zeit das Land 
aus der Vogelschau betraclitcn kBnnte, miisste es aussehen wie ein grosser See". 
Daun ist die Luft mit Wassergas erfullt, die relative Feuclitigkeit betragt im 
August gegen B4 Dies ist die den Kamelen Yerderblicbe Zdt^ wo sie in 
grosser Zahl zu Qrunde gehen. Sobald jedoch die nordlichcn und ustlichen 
Winde im Oktober einzusotzen bpginnen , nimmt aueli die Luftleuchtigkeit ab. 
Der Gang der Feuchtigkeit wird am besteu aus der folgendeu Tabellc und 
nacb den von Nacbtigal emuttelten Werten ersichilich: 



Eelative Feuolitigkeit in <*/o. Temperatur. Dimstdruck. 



1870. August 


84 


26,0«> 


20,9 


mm. 


September 


80 


27,5« 


22,0 


n 


Oktober 


64 


29,4* 


16,2 


i> 


Kovember 


44 


26»3o 


12,5 


n 


T)o7pmber 


4B 


24.0" 


9,3 


n 


lb 71. Januar 


45 


23,8« 


9,5 


n 


Febmar 


40 


24,5« 


8,1 


n 


1872. Desember 


46 


23.1" 


9,2 


« 


1873. Januar 


48 


19,3" 


7,0 




Febmar 


44 


23,1* 


8,8 





In dieser Tabelle fohlai nnn alietdings gerade diejenigen Monate, wdche 
nnn am wichtigsten waren, die sogenannte Trockenzeit, die den Kamelen am 
meisten zusagt, immerhin aber konneu wir schon einiges dcrselbeu entnehmen. 
Die Regenzeit und Herbstzeit gcltcn fUr ungesund , sie weisen auch ausser- 
ordentiiidt hohe Werte fur Luftfeucbtigkeit auf. Der Winter dagegen, De- 
zembcr, Januar und Februar sind bei weiteni niclit so vcrderblicli. Am ge- 
sundesteu ist der heisse, troekene Friihling und wir miisseu annebnifn. dass 
dann jene Werte fiir Ueu Duustdruck noch geringcr werden, da dim gauze 
Aossdben des Landes auf eine bedentende Trockenbeit der Lnft binweist 

AVie die klimatiscben Verhaltnisse in Bagirmi sind, lasst sich nicht mit 
Zahlenwertcn belegen ; jedenfalls wird das Land wobl feuchter sein, als Bomu, 
denn es ist reicblich bewassert und die Bewohner treiben teilweise eineu 



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1S4 Kamel. 

ergiebigen Aokerban. Kamele warden nach Nacfati|(al ak Hanstiere nicht 
gdialten, za Barths Zeiten benutzte der Sultan von Bagirmi zwar T^^wmJ* 
zu seinen Kriegszugen ^ aber wir wissen nicht, ob diese im Landc selber ge- 
zdchtet waren, oder vielleicht aus den Gebieten Wadais stammten. So ist 
denn an den westlichen und stidlichen Ufera dea Taadsees die clgeutliche 
Zncht det Kameb nicht mehr zu fioden , nur in der trockenen Zeit gelangen 
Kamelkarawancn von Norden her in die Lander, am aie mit Beginn der 
Begenzeit sofoi t wieder zu verlassen. 

Dagegen i&t im Norden des Tsadsees, in Egei und Bodelc, schon eine 
et&idige EunelraGht m finden. Hier fand Nachtigal awar aocii im ICai einen 
bohea Feuchtigkeitsgehalt der Luft , das Hydrometer nach Saussure zeigte 
an einem Tage bis zu 56 und fiel an diesem Tagc auch nicht unter 46. Die 
Feuchtigkeit war hier um so unertraglicher , weil auch die Temperatur eioe 
so bohe war, 46* 0. Dieee Schwttle danerte jedoeh nur kurte Zeit and wird 
wohl als Aitsnahmefall zu gelten haben , denn im allgemeinen hielt sich dat 
Hyfirometer innerhalb der Teilstriche 20 und 40. Auch koramen dio hier 
bosoudcrs starkeu taglicben TemperatttrschwaDkungen in Betracht, die die 
Unertraglicbkeit d«r Temperatur bedeotend mildeni. Adudich waren die 
Verhaltniaee im Herbat, im Oktober, wo Nachtifl^ wieder darch Bodele kan^ 
das Hygrometer zeigte 35—46 bei niedrigerer Temperatur und geringer tag- 
licher Schwankung. Zwischen Mai und Oktober desselben Jahres machte 
Nachtigal seine Beobachtungen in Borku und Ngurr Digre. Das Hygrometer 
sdgte 30'-40 mit geringer taglioher Sdiwankung, wie nach die tigliehen 
Temperaturschwankungen nur gering waren, die Temperatur selber aber war 
verhiiltnismassig hoch , pin? nur einmal unter 20® heninter. In den Tibesti- 
Bei'gen waren die Sciuvankungeu sehr bodeuteiid, das Hygrometer zeigte 
20—78 in der Zeit vom 20. Juli bie b. August Fttr Muxauk erbielt Nacht^ 
die in der folgenden Tabeik fibersichtlicb auaammengestellten klimatiscben Werte: 

BfllatiTe Fenditigkeit in */«. TempemtnF. Dnattdniek. 



1869. April 


27 


22,20 


5,02 


mi 


Mai 


24 


28,8» 


7,13 


n 


Oktober 


47 


20,9» 


8,08 


» 


November 


56 


17,0* 


8,17 


It 


Dezember 


55 


14,0« 


6,57 


n 


1870. Januar 


61 


12,0« 


6,31 


n 


f'ebruar 


48 


14,8» 


6,29 


n 


Marz 


45 


19,9« 


7,73 





Aus dieser Tabelle und vor allem aus den Werten fUr den Dunstdruck 
gdit die zu alien Zeiten dea Jalires herrschende Trockenbeit deutlich berror. 

An den Nordabhiingon des Atlas, in Algerieti . wird das Kamel gar 
nicht verwendet, iiberall tritt liier das Pferd oder Maultier an seine Stelle, 
Dies iat nicht nur eine Folge der uugunstigeu Bodenbeschaffenheit , sondem 
aucb dra boben FeuchtigkeitBgehaltee der Lult Aus Algerien baben wir nor 
Ton xwei Ktistenorteni) einjilbrige Beobachtungen, die ^dlerdings nur ein un- 
gefabrea Bild zu geben vermQgen, auch wabrecbeuilidi zu geiinge Werte angeben: 

FQrDeUys: lelat Feuclit Temperat Dunstdr. j FOr Dellye: relat. Peacbt Tempent. Doattdr. 
Januar 67 »/« 15.0° 8,5 mm ' August 48 o/o 28.3o 13.7 mm 
Februar 76, 13,1" 9,6 " - - 



Hiirs 67 » 13,0» 8,6 

April 71 « 17.60 10,6 

Mai 68 „ 20.4" 12.3 

Juni 82 „ 23,80 14,1 

Juli 59 „ 26,10 15,3 

Fiacher, Klima der Mitteltueerl&oder. 



September 56 „ 26,9« 15,0 

Oktober 58 „ 283* 12,0 „ 

November 57 » 19,1" 9,3 „ 

Dezember 68 „ 11,1° 6,6 „ 



Jahr: 63 V* 19»8«11^0nim 



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1k» XMnd. 125 



p. TiziUstt: relat. Feucht Temperat. IhinsMr F Tizi Usu: relat Feacht Temperat Dunatdr. 



Januar 
Febraar 

Harz 
April 
Mai 
Juui 



87 "/o 

83 „ 

80 „ 

75 „ 

68 „ 

62 „ 

68 „ 



8,6« 
6,70 

10,50 7,6 

16,30 10,3 

20,1« 11,8 

25,0" 14,5 

29,1« 16,8 



7,4 mm 
6.0 „ 



August 51 o/o 28,0^ 14,5 ram 

September 60 „ 24,2° 13,4 „ 

Oktober 76 „ 18,1» 11,8 „ 

November 85 „ 14,0« 10,3 „ 

December 85 „ 9,lo 7,4 „ 



Jahr : 80 «/o 17,5<» 11,9 mm 



Diese Tabellen konnen uns mancherlei zeic^en. An und fiir sich siad 
diese Orte ziemlich feucbt, wie das Jabresmittei uud der Vergleich mit den 
!&r Mimiik erbaltenen Werten seigt Bin Land itir Ejunelxncbt kSiiiite 
Algerien, abgesehen von den BodenverhaltDissen , schon infolge seiner Loft- 
feucbtigkeit nicht sein, doch ware es immerbin moglich, dass im Winter oder 
im FrUlgahr, wo der Dimstdruck Uber 10 mm nicbt viel hinaasgeht, das 
EamcA hier leben kdimte, wenn es our rechtaeitig vor dem Eintritt bSberer 
Lnftfeucbtigkeit, wie z. B. in Kvkft, das Land verlasst. Da aber die Handela- 
verhiiltiiisse nicht derartig liegen, so ist eben auch kein Grund vorbandeilt dass 
zu jeuer Zeit das Kamd zu Transportzwecken verweudet wird. 

Ancli in Tanis itt die Nordseite reiohUch befeQcbtet^ wfthrend die Ost- 
nnd Siidseite bereits sehr regenarm ist und an Unregelmassigkeiten der Nieder- 
scblage leidet , bei Sfax reicht hier die Steppe ans Ufer und bezeichnet den 
nordlichsten Punkt, bis zu welchem das Kamel sich vortindet. Die Oa$;en 
Tttggurt, Wargla nod Ohardaja {32^ n. fir.) baben keine regelmassige Regeu- 
zeit, es vergehen oft Jahre, ohne dass ein Tropfen Wasser tallt. Auch in 
Tuat un l Obadaraes soil es .Talirp I:ing nicht regnen, zuweileu in 20 Jahren 
nar einmal. In ganz Tripolis sind Kegen sehr selten. Barth beohachtcte 
hier, dass Knaben uoter Leituug ihres Schuhneisters im Dczember 1845 durch 
Geskoge avf dem UstH AUah tftglioh am Begen anriefen : im Jahre vorher 
war fast ganz der Regen ausgehlieben, ebenso war es in der Zeit von 1864 — 68. 
An der Tviiste wird die Luftfeuchtigkeit zwar eine griissere sein, als im Innern 
des Landes, aber dass dieselbe im Verhaltuis doch eioe geringe sein muss, 
geht achon daiaus henror, dass die Wiiste hier fiMt ganz an daa Heer 
heranreicbt. — 

Auf der ganzen Strecke von Tunis bis nach Alexandrien rchloji 
Beobacbtungen Uber die kiiinatiscben Faktoren ganzhch, und man muss sich 
dflonit begniigen, ana dem Aiuaehea dee Laadee anf die Trockenbeit der Loft 
zu schlieaaen. Errt f&r Eairo nnd Fori Said kSnnen wir beetimmte Werte 
geben>). 



Port 8Md: 

Januar 
Februar 
Marz 
April 
Hai 
Joni 
Jnli 
August 
September 
Oktober 
November 
Dezember 



MlaiFeadit 

72 „ 



70 
69 
71 
72 
72 
72 
70 
TD 
71 
74 



14,10 
13,5» 
17,00 
18,30 
22,40 
25,0« 
27,90 
27,00 
25,50 
22,40 
18,50 
14,50 



8,8 mm 

8,3 
10,8 
10,7 
14,4 
16,9 
20,3 
19,1 
17,0 
14.4 
11,4 

9,1 



n 

n 
n 
» 

V 

n 
ft 
n 

n 
n 



Jahr: 71 o/^ 20,b» 12,7 mm 



Xkieo: 

Januar 

Februar 

Marz 

April 

Mai 

Juni 

JuU 

August 

September 

Oktober 

November 

Dezember 



Henekt. 

70,2 o/o 

69.0 
62,2 
49,2 
45,1 
46,8 
50,2 
66,8 
63.0 
70,6 
71,1 
70,1 



J, 
ft 



if 
ff 



Tttnperat 

13,8" 
16,80 
21,40 
25,8« 

28,90 
29,60 
28,70 
26,4* 
23,00 
18,7° 
14,8" 
12,90 



Dnartdr. 

8.6 mm 
9,8 
11,8 
12,2 

13,7 
14.0 
15,0 
14,6 
13,1 
11,3 
9,1 
8,0 



}t 
j> 
ft 
n 
If 
i> 
tt 
tt 

M 



OS. 



Jahr: (X>^«/« 81|7o 11,6 mm 



10 



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126 



Das KfttT>**li 



III diesen Tabellen sind vor allem die fiir Kairo geltenden Werte wichtig, 
wo wir eine das game Jahr hindnrch 8ich ziemlich gldeh bleibendo Fen^tig- 
keit der Luft haben, und zwar eine verhlLltnisniilssig grosse, wie sie in der 
eigcntliciien Wiiste oirgends zu firiden ist. Die tiir Mursuk geltenden ZahleD 
sind ja bedeutend geringer, noch betrachtlicher ist aber die Lofttrockenheit 
in der westlidieii Sanaray im Sttdeo der AtlaslSnder. In Gbardaja z. B. iand 
Daveyrier^) im Juli 1859 eine relative Feuchtigkeit von nur 21 weiter 
im Sudcn auf der Strecke you MetUU naoh Bi Golea sank sie wgar am 
30. August bis auf 10»/o. 

Yergleicht mau uun die eiuzelaen Lauder im A'ordeu uud tSuden der 
Sahara in besng auf ihr Kliina, beaondtts ibre Laftfeochtigkeit, so findet man 
ziemlich bedeutende Unterschiede, die in einer ganz merkwurdigeo Weise auch 
in dem vcrschiedenen Aeusserea der eiuzelnen Kamelarten zum Ausdruck 
iiommeu. A Is die edelsteu and ausdauerndstea Tiere gelteu die den Oaseo 
der iDDSren Waste entsprosaenen Kamdie der Tuarik f sowie dicjeuigea des 
Tibesti-Laades, letzterc deu orsteren zwar an Schnelligkeit und Ausdaner, doch 
nicht an Kraft nacbstehend. Es sind holie schone Tiere mit kurzem seiden- 
artigen Haarkleid, die ausserst emptiudlich sind gegea die feuchte Luft des 
Suuns and der Kflste. Scbon sin einmonadicher Avfentbalt an dw Kfiste 
batte das Wustenkamel, das dem Fiihrer von Kachtigala Earawane gehorte, 
80 entkraftet, dass es nur mit Miihe erhalten werden konnte. Es fehlen nun 
zwar bestimmte Werte fiir die Lufttrockenheit der Wiiste, es lasst sich aber 
annehmen, dass dieselbe noch grosser sein wird , als diejenige von Mursuk — 
also vielleicht niemals die im Oktober oder November vorhandene Luftfeuchtig- 
keit im Monatsmittel crrfirhf-n wird. Eiii V* rsui 1i . die durch die Tabelle 

fegebenen Werte zu vergieiciien , zeigt sofort den Wert der Bestimmung der 
tuftfeuchtigkeit durch den Luuiitdruck. Die hochste relative Feuchtigkeit 
baben wir im Jannar, 61*/o, aber bei einer Temperatar von nur 12*. Dann 
ist die Luft aber bei wuitein trockener uls diejenige des Oktobers ; die relative 
Feuchtigkeit betragt dann nil rdiugs nur 47'*/o, die Temperatur aber im Mittel 
20,9^ Wie viel ein£achcr uud klarer lasseu sich die Werte fiir den Duost- 
drBck Tergleioben. Das der Wttste entsprossene Kamel ist an eine Laft ge- 
wdhnt, deren Dunstdruck im Monatsmittel wahrsdieinlicb nicht Uber 8 mm 
binausgeht. Fiir Karawanenreisen jedoch, die das ganze Gebiet der Sahara 
von Borden nach Suden durohquereui ist das Kamel der Tuarik aber nicht 
su Terwrnden, sowohl in Peoaa als im Sadan wttrde es der Feuchtigkeit sn 
leidit erliegen. Fiir diese Zwecke ist das Kamel aus den Oasen Fezzans am 
brauchbarsten. Es ist in cit-cTn Lande geziicbtet, in wolcbeni drr Dunstdruck 
der Luft im jahrlicheu Yeriaufe — so weit unsere Zahlen weuigsteus reichen — 
von 5 mm bis 8,7 mm schwankt. Wahrscheinlich ist der Dunstdruck von 
.luni bis September ein hoherer. Dieses Kamel kann in der Trockenseit in 
Kuka sebr gut U'bcn , denn der Dunstdruck gebt dann nicht viel iiber 9 mm 
hinaus. Sobald aber die Regcnzeit eintritt. die Luft eincn Dunstdruck von 
16,20 und mehr mm erreicht, miisseu die Karawanea das Laud verlassen. 
Scbon in seinem Aeusseren ist das Kamel Fezzus TOn demjenigen der Tubn 
und der Tuarik verschieden. Es gehJjrl der sogenannten arabiscben Spielart 
an, ist gedrungener, tleiscbiger und fettreicber, zwar nicht so ausdauernd und 
schnellfussig ais das Mehari, vermag dafilr aber um so grossere Lasten zu 
tragm. Dabei ist es l&oger und dtcbter bebaart, entsprediend der niedrigen 
Temperatur, die es im Winter zuweilen za erleiden hat. Aber selbst die 
Fezzankamele miissen vor der Feuchtigkeit. wie sie an der Kiiste herrscht, 
in acht geuommen werden; erst von Soqna aus pHegt der Jieisende Fezzan- 
kamele m bentttzen. Bis hierber reiste auch Nacbti^ mit Eamelen, die der 
Kfiste entstammteoy nnd in keiner Weise niit deiyenigen Fezzans einen Yogieich 

^) S. Fischer, Klima d. Mittelm«erl&ii4er. 



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Daa KameL 



aushielten. Es waren kleinere langhaarigc Txerc, von bedcutend geringerem 
HarVtwert Ein Blick anf die Tabellen von Kairo mid Port Said sagt uns, 
wie viel feuchter die Luft an der Kiiste ist, das Jaliresmittel betrSgt schon 
12 mm. In einem Lande mit derartiger Luftfeuchtigkeit vermag nun das 
Kamel zwar noch ^ezuchtet zu werden, es hat aber bedeutend an seiner 
lidstungsrahigkeit eingebliaat and irt za aoBtrengeodea Wastenreisen un- 
braachbar geworden. 

Es wlire nun interessant, in derselben Art audi flic Tiuftfeuchtigkeit fur 
den Norden und Siiden des Nillando'; zn untersuchen , ob liier in ahnlicher 
Weise eine Aiipassuug an das Klima wahrzunebmen ist und ob auch bier 
der obeo erbalteoe Wert fUr Luftfeuebtigkeit ak OreDzwert fILr die Verbreitttng 
des Kamels gelten kann. Leider felilen uns jedocb genauere Angaben voll- 
Btiindig, und mr mlissen uns damit begniigen , aus flem Ans^ehen des Landed 
und der Verteiiung des J^iederschiages eine annahcrudo Vorstellung von der 
Luftfeaclitigkoit der betreffenden (^ebiete zu erlangen. Aegypten sdber iet 
ein ausserordentlich trockenes Land ; im Wadi el Arabah unter 29<* nordlicher 
Breite beobaclitPte Schweinfurth im Winter 1876/77 kfinen oinzigen Regentag, 
auf dem hoch^tcn Berge Unteragyptens, dem Dscbebel Gharib in vier Jahrea 
nod im Wadi Qereh, 26* nSrdlieher Breite, in sechs Jabren nicht 

Ebenao irocken and regenann iet die ganze OBtkfiate ; bier ist die Trecken* 
heii ao gross, dass nirgeads die Dattelpaime gedeibty nar bei Kosseir, Suakin 
und MasfiftHHh') werden einige Palmen in Garten gezofiren. Tm Winter habcn 
wir in Suakin und Massauab aUerdings ofter Kegen und dann miissen die 
Kamele .tiocknere Oegenden aufsnchen. 

Bezonders an der Siidgrenze iBt der Einflozs der Begenzeit zefar bemerkbar. 

Sobald in Sennaar im Juni mit steigender Hitze die Begenzeit einsetzt, ver* 
lassen die Nomaden ihre Weidepriinde und ziehen mit ihren Kamelcn in nord- 
licbere, wenn auch kiihlere (iegenden, wo die Luftfeuebtigkeit eine nicht so 
grotM tst In Abesainien zelber, etnem reich bewaldeten and bewftsserten 
Lande, feblt das Kamel vollstandig. Nur bia an den Fuzz des Gebirgez 
werden in der Trockenzeit die Tierc al^i Transportmittel verwciidet ; diose 
entstammen alie der Umgegend von 8ennaar. In den Nilliindern wird Aerali 
das ianger behaarte arabizehe Kamei benatzt, daa bier jedocb als ausser- 
ordentUdi ztarkcs kraftiges Tier gezilchtet wird. Die dichtere Bekleidung 
Rcheint dem veranderlichen Klima zu entsprechen. Sn werden besonders in 
Cliartum die nach der Regenzeit im Oktober auflretenden kUhlen Nordwiude 
recht emphndlich , die bis in den Marz bestandig wehea und wahrend dieser 
Zdt aaoh im tSglicben Ghuige betrftcbtliche Sdivanknngen dec Temperatnr 
venuzacben. 

Ebenso unbekannt sind wir mit der Bewegung der klimatiscLen Elemente 
in Dar For. Uier ist bis zum 14.o nordlicher Breite die ausgedehnteste 
Kamelzucht zu finden — es liegt aber das ganze (j-ebiet schon im Bereich 
der tropischen Sommerregen mit betrSobtli^ hohem j&hrlicben Niederschlag. 
Doch wird jedenfalls dieae (ran/c Rogrnmenf;:c niclit ziir Verdunstung komroen, 
denn Dar For ist im Nordf'n ein sandiges, nicht bewaldetes Land, in welchem 
innerhaib des Gebietes luit Kamel/ucht auch keiu Ackerbau betriebeu wird. 
Ba lizst zieb also annebmen, dass bier die Verdanstang des jihrlieh gefiiUenen 
Niederschlages nur unzureichend vor sicli f^eht, dass also die al)solute Feuclitig- 
keit der Luft eine nur geringe sein kann. Auch an der Soraalikiisto sind 
ahnhche Yerhaltnisse. Im ganzen Itande sind Kamele verbrcitet, mit denen 
die Somalen im Oktober in kldnen Karawanen an die KQste nacb Berbera 
kommen , um hier Tauschhandel zu treiben. Sowie jedoch die Regenzeit be- 
ginnty verlanea sie die Kttate und Ziehen mit ihren Karawanen ttber das Hinter- 



S. Fischer, Die Datielpalme. 

10* 



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128 



Das Kamel. 



land DBcli Sliden. Ende MXns ist Berbera TOn alien Somalen mit ihren Eameten 

verlassen. Sie ziehen gewohnlich aiif der sandigen BUtsna, wo eioe sparliche 
Vegetation nnd die Duichl.issigkeit des Bodens eine nur gerin?o Luftfeachtig- 
keit zuliisst. Uebrigeus siod die Kaaiele der Somalen audi uicbt gut; sie 
kdnnen nur yerh&ltnism&ssig wenig Strapazen ertragen und erliegen sehr bald 
anBtreDgenden Reisen , wiewohl sie gerade in der Entkaltsamkeit von Wasser 
geradezu Unglaubliches leisten. Anf ihrem Zuge von der Kiiste nacb dem 
Hinterlande meiden die Kameltreiber vorsichtig dio. liewaldcten Gegenden 
Abessinieus , deren feuchte Lull ihren Tieren sehr gelahrbringend ist Nur 
im Sttden des Hgyptiscben Sudans seben wir, wie in einer von Waldland nm- 
schlossenen Gegend Kamele leben. Von Liido bis Redjaf ist sogar eine regel- 
mas'^ige Post oingerichtct . die von Kamelen bosorgt wird. In kurzer Zeit 
haben dieselben sich an das Xlima gewohnt, ohne dass man bedeutende Ver* 
luste gebabt b&tle. Die Begenmengelm Jahrnmittel irt liier liamlich bedeatend, 
betragt 127 cm ; sie verteilt sich auf das Jahr mit Ewei Hejstwerten im April 
bis Mai und August bis September. Ebonso auffallig ist die Thatsacbe, dass 
die Gallas um den Sambura eine recbt bedeutende Zalil von Kamelen besitzen, 
mtt doien sie nordwSrts naoh dem Haboflchlaade Tanschbandel treibeo. Geoane 
klimatische Angaben Bind noch nicbt vorhanden, nur mag erwabnt werden, dass 
die Gpf^end sehr salzreich ist, und dass die Bewohner ohne Ausnahme vieh- 
zUchtende Komaden sind, dass also wohl ahnliche Verhaltuisse in bezug auf 
BodenbeiGbafiianbeit, Vegetation nnd vor allem LnfUbucbtigkeit vorhanden aein 
werden, wie in Dar For. 

Wie in Afrika, so ist auch in Arabien das Kamel gegen feuchte Luft 
ausserordentlich empfindlich ; iiberall , wo reichlichc Regen fallen , erliegt es 
der Luftfeuchtigkeit. Im Hochlande von Asir erlagen alle von den Aegyptern 
anf ihrem Fddzuge (1834) mitgel&hrim Kamele, denn za jener Zeit, ee war 
im August, fielen ziemlich betrachtliche Kiederschliige. Nach Hemprich und 
Ehrenberg') fehleu audi im Priihling und Winter die KjVd* rschlige nicht, 
so dass wir A sir als ein reichlich benetztes Land ansehcu milssen. Danun 
feblt hier das Kamel voUstandig und der Esel ist in dem gebirgigen Lande 
an seine Stelle getreten. Anch im Hochlande Jemens ist das Kamel zur Zdt 
der tropischen Sommerrcgcn nicht zn verwenden, wiihrend der Kiistenstreifen 
zu alien Jahreszeiten ein trockenes Gebiet ist. Hier wird denn auch diis 
Jemeukamel gezilchtet, das ebenso wie dasjenige vou Oman sich eiues aus- 
gezeichieten Rnfes erfreut. Schon das Yorkommen der Dattelpalme, die gerade 
in diesen Gegenden ihre besten Friichte zeitigt, mag ein Beweis fiir die Trocken- 
heit dos Landes sein. Fiir Maskat sind aos der Regenzeit folgende Werte 
bekannt ; 

Dezember 76 ^/o bei 22,5o = entspr. eiuem Dunstdr. von 15,5 mm 
Januar 77 „ , 20,5o « „ ^ « » 13,7 ^ 
Februar 67 „ „ 21,lo = , ^ • » 12,4 „ 
Haiz 61 « n 23,3» = „ » « i. 13,1 „ 

Diese Werte konnen wir aber nicbt als fiir ganx Oman geltend ansehen. 

Im Gegeuteil, die rcichlichen Winterniederscliliige von Oman sind auf den 
Dschebel Achdar zurUckzufuhren ^) und als Monsunregen zu bezeichnen. Darum 
ist die innere Abdachung des Gebirges auch wenig befeuchtet, ein regenarmes, 
trockenes Liand. So sagt ancfa Wellstedt*), dass Oman als eine mit Oasen 
dicht besetzte Wiiste anzusehen ist. 

Dem Klima Arabiens schliesst sich dasjenige der vorderindischen Wiiste 
eng an. Hier wird Uberall in den Oasen der Wiiste und am Indus ein 

Fischer, Datielpahne. 
*i Fiaoher, Daltolpalme. S. 69. 
^ Wdbtedb ,!Mieii in Anbisn'. 



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Das Kamel. 



120 



brauchbares Eamel gezUchtet. Der ganze Nordwesten, die Gegend der Battel- 
palme ond des Ivaim ls, ist Snsserst regenanu, trotz dor Nftbe des Meeres, — 
eine Folgo der Kiistenketten , die dem Sudwest-Monsun seine Feuchtigkeit 
fiitziehen^). Der April und Mai, ferner die Monatc Oktober, November und 
Dezembei' sind in Multaa ausserordentlich lufttrocken uud auch in deu Ubrigen 
Monaten fSttt nor geringer Niederscblag. Wenn wir anoh keine Zahlen an- 
zugeben vormogen, so ist es doch scliun bezeiclinend genug fiir die Trockenheit 
des Landes, dass hier die Dattelpalme mit bestem Erfolge gezogen wird. 

"Wir gehen nun wieder von Arabien aus weiter nach Norden. In Synm 
iat achon aeit alter Zeit das 'KMmdi heiiiiisch. Die Air Jemaalem*) geltenden 
Werte zeigen denn aooh, in wie hohem Masse die lioft ent&nditet is^ wir 
erhidten Werte^ die an diejeoigen Mnrsnks erinnem: 



Belativtt Feacfatigkeit in %. 


Temperatar. 


Baiuidrack. 


Januar 


78 


4,0« 


4,4 nun 


Februar 


78 


4,10 


4,4 „ 


Wkn 


66 


io,(y» 


5,3 „ 


April 


51 


11.20 


5,1 „ 


Mai 


46 


15,60 


5,8 „ 


Joni 


47 


18,3« 
19,5<» 


7,3 „ 


Jnli 


62 


8,8 „ 


Augost 


42 


20,10 


7,4 n 


September 


54 


18,90 


8,9 n 


Oktober 


46 


17,40 


6,8 „ 


November 


60 


11,40 


6,1 „ 


Desenber 


72 


5,50 


4,9 „ 




Jabr: 6d«/o 


bd 12»9« — 


7,3 nun. 



In Damaakos wird die Loflfeaohtigkeit wabrBcheinlicli eine noeb geringere 
st-in , denn bier ist die Zabl der Begentage noch geringer als in Jerusalem. 
Auf Jerusalem entfallen im Jahr 53,5 , auf Damaskus nur 43,4 Regentage'). 

Der Lttfttrockenbeit Sjriens steht diejenige Kleinasiens nicht viel nacb, 
auf den inneren Hochfliteheik wird dieselbe TieUeicht dieselbe eeb, denn die 
folgenden Werte gelten fiir Smymai das, in der N8be des Meeres, bedeatend 
In TL Lnftfeuchtigkeit baben muss, als die im Inneni dee Landes geiegenen 
Gebiete. 

Wir baben: fiir den Winter: 72,5% bei 8,7o = Dunstdruck von 6,1mm. 

„ „ Prtthling: 62,5o/o „ 15,60*. „ „ 8,1 „ 

„ „ Sommer: 53,9 o/o „ 25,3°= „ „ 13,0 „ 

„ „ Herbst: 68,Oo/« „ 18,lo= „ „ 10,5 „ 

Gerade im Sommer dUrfte der Wert nocb bedentend gemindert werden, 

(locli sind dicse Zablen immerbin sclion ein guter Beweis fiir die Luft- 
trockenheit Klcinasiens, Mit Atisnahme der Gegend am Ostufcr des Srliwarzen 
Meeres und dem SUdosten des Kaspischen Meeres gehort Kleiua^ieu, das 
Hochland nm Armemen and Inui sowie nocb ein Teil von Mittdasien in 
klimatischer Beziebung zn den Mittelmeerltinderu. So sind denn auch in 
Iran, wie in Kleinasien und Syrien die Niedersc]ll:i^!P nur gering und diirre 
Perioden nicht selten, in denen es wabrend drei Jabren nicht regnet Der 
Ofaarakter des Landes spriebt deiitlicher als es Zahlen setbet YermSchten. 
£Sb isty wie anoh Afghanistan, im Innem eine Wliste, trockener und unfrucht- 
barer als selbat die Sahara. Aiif der einsamen 8rtlzwii^te von Kerman finden 
sich nur vier Oasen.'; keine Piiauze, kein Grasbalm wackst auf der iiden Flacbe 
und dieser troetloee AnbHck Sndert aidi m keiner Jabreraeit Niokt nnr in 



>) Fischer, Dattelpakne. 8. 59. 

*) Fi«cher, Klima der Mittebneerl^Lnder. 



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130 



Dm KameL 



dieaer Wfiftte ist die Luft so fibernriterig trodcen , in gans Iran sind nnr dort 
KultnntattoD, wo der Mensch der Nattir zn Hilfe kam, wo er das Uebermass 

voii Hef^^'Ti zn piner .Tahrcszeit auf das gamo Jahr sparsam verteilte und so 
die Dnrre ertragUcher machte. Wo in der lieimischeii Eeligion die Bewasserung 
des Landes ids ein verdienBtrolles , Gh>tt wohlgeflffliges Werk gepriesen wird, 

da ist es gewiss, dass das Land m ausserordentlich trockenes niedenchlags- 
armes Gp})iet ist. In Schachrnr, zwischeu Asterabad und Tebbea wurden im 
Soramer nur 14o/o Feuchtigkeit bcobachtet. Nur an den Ufern des Kaspiscben 
Meeres iu Masouderan fehlt das Kamel, denn bier baben wir ja ein mit dicbteu 
LaubwSldern bestandenes Gebiet, dessen reicblicbe Regenmenge tot allem nr 
Sommerszeit aiif hobe Luftfeuclitigkeit binweist. Scbon Lenkoran , an der 
Siidwestkiistc , hat im Juli cin Dunstdruckniittel vou 20 mm und dif^se^, wird 
sicb nocb steigern, je weiter vvu xiach Osten iu das eigeutliche Maseuderan 
kommen. 

Im Norden Irans, in dem Haum zwiscben dem Kaspiscben Meer and 
dem Amu Darja, brcitot sicb das f^obit t der umberscbweifenden Turkmenen 
aus, die ungebeure baodwiiste Karakum, die dets voUstandigeo WassermangeU 
wegen unbewohnbar ist. Nor im HSn und Aprfl bedeckt sie sich stellenweise 
init loichtem Griin , das den Scbafen und Kamelen willkommene Wcide ge» 
viibrt. Im Sommer herrscht bier die furcbtbarste Hitze, die sicb bis zu 
54" steigern kann. Umgeben wird diese Wiiste an ibren Grenzeo wie voa 
einem Ringe anbaafahigen Landes, in welchen die Wohnplatze der Tntkmenen 
liegen. Nicbt nur dieses Gebiet, sondern die ganze. aralo-kaspische Kiedemng 
wird durcli ausserordentbcb bobe Trockenbeit mit starken j&brlicben und 
taglichen Temperaturschwankungen gekennzeicbnet. In den nordlicberen Steppen, 
im Kisil-kum-Gebiet, ist der Winter sehr kalt mit sparlicben Kiederscbl&gen ; 
in den siidlicberen Steppen ist der Winter dag^n weniger raub ; siidbcb des 
41. Parallolkrcises im Scbutz rler (Tpbirge, bat sogar kein Monat pine Mittel. 
temperatiir unter O". In dem taj^licben Gauge der klimatiscben Elemente er- 
iuneru diese Gegeudeu an die Sahara, bcsonders iui Sommer sind betracbtliche 
Temperatiirschwankangen zu yerzeicbnen. 

Fiir Petro-Alexandrowsk sind die Werte zum Tsil bskannty imd sie 
mogen als Beispiel fiir die ganze G^end dienen. 

Petvo-At«xandrow*k: reL Feuchtigkeit. Temperatur. Dunstdmek. 

Januar 74o/o bei — 6,6o 2,1 nun 
Juli 330/ 0 „ 28,30 9^1 ^ 

Jahr: 49 "/o bei 11,9« 5,2 mm. 

QprMtle der Dunstdnick zeigt, wie ausserordentbcb trocken das Land 
vor allcm im Winter ist, und nicbt, wie es nacb dem Werte fur die relative 
Feuchtigkeit scbeinen konnte, der Sommer. Qanz dieselbeo VeffaSltniMe 
herrscben i 1 Ion sttdlicheii Steppen llusslands, den Kirgisensteppen und den- 
jenigen Westsibirietis ; anch bier baben wir zicmlicb k;iHe Winter mit bober 
relativer Feuchtigkeit, die die Vorsteliung erwecken kunuten, ak sei dann die 
Luft ausserordentlich fenchl Thatsacfalich ist dies aber nicht der Fall| wie 
die Tabdle f&r Orenbuig s. B. seigt. 

Orenbarg: reL FenelitiglMiL Tempenitar. Damtdmek. 
Dezember 93 0/0 Jauuar ^15,8*) 1,25 mm 

Juli 58o/o 21.10 X0,70 „ 

Jahr: 76o/« — 2> 4^ mm. 

Aebnlicb ist es in Kasalinsk, wo das Jabresmittel fur relative Feuchtig- 
keit bei einer Temperatur von 7,7« bis 67 "/o betragt, einem Dunstdnick von 
5,5 mm eutsprechend. Der Juoi bat eine relative Feuchtigkeit von 48<^/o, 
die bei einer Temperator von ongeilUir 26^ einem Donstdnuk vm. ™C"friir 



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Dai KaaieL 



181 



9 mm gleich ist. So bat auch Barnaul im Janaar oine relative Fwclitigkeit 
von 98 "/o- <^''^ jVuloch 1<^i der nirvln'geii Tempentur koine ao grosse Bedeutung 

haty die Luft ist dabei iinmer auch trocken. 

In Ostturkestan sind die Werte fiir Jarkund vorbanden. Trotzdem es 
in einer ktinstlicfa reidi bewSsBerten Gegeiid liogt, ist die Feaditigkeit eine 

nur geringe und lasst mit Sicherheit huF noeh bedeutendere Trockenbeit der 

nnkuitiviortrn Striclie schliessen. Der .lanuar liut ein l^Iittel Ton 58®/© rela- 
tiver Feuciitigkeit bei — 13 Vs", der Januar 29 ^jo bei 10,3", der Juli 47 "/o 
bei 20,1°. Die Werte fiir den Dunstdruck stellen sicb demnacb auf 0,7 mm, 
2^ nun nod -8,1 mm. 

Die Hochebenen Innerasiens, auf denen das Kamel noch zum Teil wild 
vorkommt , und wo seine Zucht seit alter Zeit getrieben wird , sind durch 
Prscliewalskis Reisen in iliren kliinatischeu Yerbaltnissen im allgomeinen be- 
kannt geworden. Wenn auch die genaueren Zahlenwertc zur Stundc nocb 
fehlen, so Bind doeh auch bier in grossen, allgemeinen ZUgen aus Temperatnr 
und Feuciitigkeit die Bedingungen fur die Existcnz dcs Kaniels abzuleiten. 
Ganz Innerasif Ti wird durrh seine ausserordentlich grosse Trockenbeit gekenn- 
zeicbnet. i'iir Jarkand smd die Werte schon angegeben, je weiter im Innere, 
nm so hdher steigert sich noch die Trockenheit. Auch hier ist der Winter 
und das Friihjabr die Zeit der grossten Lufttrockenheit. Das Fsychrometer 
Prscbewalskis zeigte im April nur seltcn iiber 10* Feucbtigkeit an. wenn auch 
ofter betrachtliche Kiederschlage stattfanden. Anders ist es jedoch am unteren 
Tafim, am den Lob^nor and den Ostlidieren Gebieten. Ton Tibet bericfatet 
Prscbewalski von grosser Lufttrockenheit im Winter, Frttbjahr and Herbst 
hei ffhlentieni Nior^rrsrblag , wlihrend gerade im Sommer i^tarke R^engiisse 
ticleu, von denen seine Kamele ausserordentlicb zu leiden batten. Im Winter 
traten swar atich Sohneefalle ein, aber die Menge des gefallenen Schnees war 
ma gering und die Trockenheit der litft so gross, dass derselbe am nISchsten 
Tage schon immer verschwunden war. In Tibet ist das Kamel zwar nicbt 
ein Haustier wie bei den Mougolen. In der diinnen Luft des hochgelegenen 
Landes ist der Jak das geeignete Haustier, doch komuien regelmassig Kara- 
wanen mit Kamelen bis Lasa. Prscbewalski batte selber zum Teil Kamele 
in Tibet und sab "ftcr Karawanen , welche sicb derselben neben den Jaks 
bedienten. Die Vertciluntr der Niederschlage ist in Zentralasien dieselbe wie 
in Tibet, erreicbt im bommer den bocbsten Grad. Hiermit steht die Zeit, 
in welcher die Kamele benutst wwden , vSlIig im Einklang. Han sollte an- 
nehmen, dass der Sommer die geeignetste Zeit fiir Kamelreisen sei, aber gerade 
im Gegenteil. Um keinen Frei? lasst sich dor Mongole dazu bewegen, im 
Sommer seine Kamele als Lasttiere zu vermieten, denn er weiss, wie gefubrlich 
die Zeit fSae diesdben ist, und sollte es ja nicht zu vermeiden sein, so behandelt 
er die Ticffe mit der ftossersten Sorgfalt und scbiitzt sie vor jcdem Luftmg* 
Im Sommer lasst er seine Kamele, das ist stohende Kegel, frei in der Steppe 
scbweifen, mit JSintritt des Herbstes jedoch ziebt er mit deoselben umher 
oder Terdingt sie in Ealgan zn Ejurawanen, welche zor Wintemett regel- 
massig von Peking nach Kalgan und Urga iiber die Wiiste Gobi zieben. Zwar 
haben wir bestimmte Werte nor fOr Peking, aber diese sind lehrreich geniig. 

Peking: reliilive Feachtigk«ii Tempeiator. Dunsidniek. 
Winter 58 Vo — 4,6o 1,6 mm 
FriihUng 51»/o 13,9"> 6,3 „ 
Sommer 7lo/o 26,2«> 17,7 „ 

Herb8t__62o/o 12,6o 7,0 „ 

Jahr: 61»/o 11)8*^ M mm. 

Die Werte fiir den Donstdmck zeigen dentlichi wie wenig der Somme 
dcB Kaviden sutiiglich ist 



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132 



Tl's wiire nun intcressant, auch die Nordgrenze der \'i rbnM'tiing dna 
Kamels in Sibirien im cinzelnen auf die klimatischen Wert-e zu pruten. Hier 
fehlen jedoch zuineist die Angabeo, our soviel wiaseu wir, duss ubemll dort 
das Kamel fehlt, wo die Steppe auf hort and der Wald anfSngt. Gtaa iatereeaant 
sind nocli die Verhiiltnisse in Tniiisliaikalien, wo um den Tarai Nor die Buraten 
eine zieTulich reiche Kameizucht haben. Dass dies Rchr gat mdglich isty geht 
aus den kUmatischen YerbaltDissen Nertschinsks hervor. 

Hier haben wir: 



Aus diesen Zablen geht bervor, wie trocken die Luft sein muss. So 
scheint es auoli ttbwall in Sibirien in der Steppe zu sein. Radde berichtet, 
dass er me in SteppMi habe Bdmeeflocken fallen sohen, selbst bei Windstille 
und geringer Kalte ficlen nur immer einzelnc Kristallblilttclien. Nicht die 
eisige Winterkalte setzt den Tiereu Schranken, sondern die Luftfeuchtigkeit 
Wie trocken die Luft Sibiriens zur Winterzeit ist, durfte allgemein bekaoat 
sein, und sf;u dieser Zeit begegnet wohl der Rentierbesitzer dem Nomaden anf 
deni Kamole : im Sommer dagegen muss die Luft notwendig foucliter sein, 
das zeigt der Wiilderschmuck und die reicbe Vegetation. Der Wald mit 
seiner Luftfeuchtigkeit zur Zeit der yegetationsperiode ist die Greuze der 
Eamelverbreitnng. Eine heisstroekene Lntl, wie diejenige im Bmem der Sahara, 
ist in Asien nirgends dauerad vorhanden. Dor Winter ist stets sebr kalt, 
und infolpf^ dessen triift man nirgends eine Kamelart, die sich wie das Tuarik- 
kamel dui cii kurze und feine Behaarung auszeicbnete, sie sind aile mit langem 
woUigem Haar versehenf das ihnen in der kalten Lnft des Winters den ii5tigen 
Scbntz gewabrty wfthrend es in der hdssen, feoebieren Sonmieneit al^ 
worfen ^^^rd, 

Im allgemeinen erhalt man eine Anscbauung von der in der Luft ent- 
baltenen Fencbtigkeit dnreb die Werte ftlr Begenmenge and Temperatur; je 

mebr Regen fallt und je beisser das Land ist, um so mebr Wasscr verdnnstet 
Es miisste demnnclT die Oroii:'o der Kanielvcrbreitung nach der Verteilung 
der Niederschlage zu ziehcu noin. Jedoch sieht roan sofort, dass neben der 
Jahreszeit, in welcber der Begen fallt, anch die Bescbaffenheit des Bodens 
sebr wesentlich ftir die Beurteilung der relativen Feucbtigkeit ist. Die Menge 
des jabrlicben Niederscblags in Senegambien ist bei weitem nicht so gross, 
wie diejeniire des Somalilandes und dem Lande der kamelziichtenden Gallaa. 
Sie betriigt Lier nur 20—60 cm im Jabre, wiibrcnd sic dort eine Hobe vou 
130 cm, ja iiber 200 cm erreicbt, nnd dodi ist die absolute Feucbtigkeit in 
Reiiogambicn im Mittel jedenfalls grosser als Ini Snmalilande. Hier findet 
sich noch iiberall Kanselzucht. wiiln'end sie dort vollkoraraen feblt. Auf tbonigem 
oder erdigem Bodeu hat das Wasser liingere Zeit zum Verduusten, die absolute 
Imftfencbtigkeit wd grSesinr sein, als in einem mit sandigem Bodeo bededcten 
Lande, wo das Wasser sofort in die Tiefe sickert und nur verbaltnismassig 
wenig zur Yerdunstung gelangt Tnfolgedessen kann in einem Lande mit 
verhUltnismiissig bedeutendem isiederschlag, das einen Sandboden besitzt, doch 
das Kamel leben, w&hrend es in einem anderen Lande mit geringerem NieAor- 
scblflg aber undurcbliissigem Boden der Feachtii^it erliegt. Einen einfachen 
Auedruck fiir Bodtii- und Niederscblagsmpnge, sowie Tempcratur giebt neben 
der Dampfspannung der Luft die Vegetation. Steppe und Wiiete: das ist 
der Ausdruck ftlr die Ezistensbedingungen des Kamds im allgemeinen. WfMe: 
der Ort, wo die Kiederscblige das ganze Jahr hmdnrcb fehlen, die Vegetation 
demgemisB eine susserst geringe ist Steppe, wo eine eininali^ Bijg^nseit 



Mai: 55«/o 
Juli: 76 "/o „ 
Oktober: 70o/o „ 



Jahr: 71«/« nl Feuohtigkmt bei 

Jannar: 73o/o „ „ „ 



29,4» „ 03 w 

18,40 11,8 „ 

„ 2,9 „ 



3,7* Dnnstdmck 8,6 mm 



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Du Kamel. 



m 



eine mir Inine Zeit wMltreiide fittditf^ Gm- imd Keftnlerregetation herror- 
zaubert Will man jedoch genaaer die Greme beatinmieay so muss man zu 
klimati?rhon Faktoren greifeu. Wir mtissen nun zwar zugeben, dass die ge- 
gebenen Werte zu verscbieden siud, als dass sie, miteinander verglichen, eincn 
groBsen Anspruch auf Qenauigkeit machen konnten. Sie sind mm Teil nur ein 
einzigesmal mit nidit gam fehlorfreien Instnimenten gemacht worden, von 
T?fisoii(]t n, bei denen es initor dem Druck ausserer Yerlialtnisse der hOchstcn 
Energie bedurlie, um iiberhaupt nur Beobachtungen anzustelleu. Doch ergiebt 
sicb mit voUer Sicberheit, dass dio relfitive iTeucbtigkeit alleiu uuter keinen 
UnstSnden einen Greoswert fttr die YwbRitimg dee Kamels abgiebt; wir 
haben Gegenden kennen gelernt, wo dieselbe 90 ".'f, und mehr betrug. Erst 
mit d^r Temperatur zusammen genommen. erhaltoa wir das Erc-t bnis, dass bei 
eutsprechend niederer Temperatur die relative Feucbtigkcit bis 93% 
steigen kann, due sie dagegcu bei b5herer Temperatur bedenteod geringer 
sein man. Einen viel einfachecen Gkenawert giebt una aber der Dunstdniok. 
Aus den angefUhrten Tabellen crseben wir deutlich, dass dem Vorkommen 
dea Kamels uberall dort eine Qrenze geseizt ist, wo der in der Luft entb&ltene 
WMMrdampf im M onHniittel eine G^annkraft tou mehr ab 11—12 mm effeioht 



Ble dreniMi der Yerbrettang. 

Es soli nur noch kurz eine zusammenbangende Darstettnng des Gebietee 
gegeben werdeo, in welcbem das Kamel Torkommt und sebe Zucbt be- 

Uieben wird. 

Im aussersten Westen Afrikas fiodet sicb das einbockrige Kamel auf dea 
B^oariscben Inseln, auf Teneriffi^ Lancerote and Faertaventura, vor ollem anf 
letztereu beiden Inselii soil es gut fortkommen. Im 15. Jabrhundert ist es 
von den Erobprcrn von Airika aus bier eingefiihrt. In Marroko und Algerien 
ist das Vorkommen des Kamels gauz allgemeio, in beiden Landern ist es zum 
Haoatier geworden, das zum Tefl soger im Gebixge verwendet wird. In Algerien 
ist dasselbe wesentlicb in den stidlicben Oasen am Abhange des Atlas zu fioden, 
in Marroko aber ist es iiberall seit langon Zeiten das wertvolle Lasttier, 
drasen man sich bedient, um die Datteln aus den Oasen der Wiiste an die 
Kflste nun, Yeckanf zn bringen. HSet>) wUl bier aneb xveibddcrige Eamele 
gesehen b^ben, docb wird diese Nacbricht nirgende bestatigt Ffir eine Bdse 
tiber den Atlas sind die marokkanischen Kamelp p.b'^r nicht zu vorwenden, 
bierzu bedient man sich stets der £seL Ebensuwenig auch fUr eine Eeise 
dorch die Wttste.* IMe fUt cine derartige Beise erfoiderlichen l^ere werden 
auf dem Markte von Ilerh^ ▼<m den Nomadenstammen der ostlichon Saliara 
erstanden. In dor n icbsten Umgebung voti Tripolis ist weder Kamel- noch 
ubcrbaupt Viebzucht zu Hause, ist es wohl auch niemals gewesen'), da der 
mergelige Boden um Tripolis besonders nach Kcgenwetter fur die Tiere sebr 
ungunstig ist. Naher der Wiiste wird jedoch bedeutende Kamelzucbt betrieben. 
Zwischen Misda und Gbadames fand Kolilfs^) iiberall Araberhorden , die aus- 
schliesslich das Kamel ziichteten , die Tolad Mscliaschia, die Bewnlincr von 
Ingkba, Lindeleib und Maties. i^och bedeutender wild dieselbe auf der 
Hammada, der Yorwtlste der Sahara. EBer gelten ale ausgeieidmete Kamel* 
lander die Oase Gliadames, am Hande der Sahara und die Weidegriinde der 
Uelad-bu-Ssaef , die auf ihre Tiere die grosstc Sorgfalt verwenden. ' Die der 
ilacben Kiiste entstammenden Kamde haben keinen besonders guten Buf, 
steben anob an Korperkraft nnd SohneUigkeit denjenigen aus den weidereicben 

') H&tt, Nachrichten aus ^larokko. 

*) Lenz, TimbukfeQ L 

*) BarthB Reim, 8. 54. 

^ BohliB, quar donroh AfHln, I. 



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134 



Das Kaiael. 



DtatrilEten tod Soqna, dem Dmshebel Harndscli nnd den G^ebieten der Urfilla 
nadi. In den letzteren Gebieten fehlt allerdings das Wasser, dalUr aber sind 
um 80 mehr frische Krauter vorhanden uiid daiui bedurfen dio Tiere der 
Trankung nicbt. Die Kamclc sind viel starkknochiger, muskuloser uud fett- 
reicber ala die des Eustensaums. In Fezzan selber ist die Kamelzucht wegen 
des Ifaogds an Futter solir erschwert. Grossere Herden konnen dort nicht 
;inf d*^n Weiden gehalten wcrden. Die in Mursuk ansassigen Besitzer von 
Kamelen schicken diese in die Berge von Soqna, auf die Abhiinge nnd 
ill die Thiilcr der Harudsch und halten aie nur kuri^ vor der Abreise in der 
Nahe der Stadt. Das Kamd Fezzans gehoit der arabischen Art an. In den 
Gegendeu der schwarzen Berge und im Lande der Harudscb baben sie einen 
kriiftigcn lUu und tragen hier iibor den ganzen Korper ungleich verteiit langes 
woUiges fia&r, das jedes Jabr verspounou wird, um daraus Zeltetoffe und 
OepftcksSdce sa weben. 

In den Oasen der westlichen Sahara sudlich von Marroko und Algeriea 
treiben die Nomadenstamme liberall Kamclzucbt und bringen ihre Tiere zum 
grossen Teii nach Herb auf den Markt, um sie als Transporttiere fiir Wiisten- 
reisen %u Terdingen. In Herb aind besoiiden cKe EamcAe der Tazzerkant begehrt. 
Hier kommen eigentlicb anr Lastkamele zum Verkauf; zum Beiten ztichtet der 
mehr im Sudosten dieses Gebietea berumscbwcifende Nomadc das Rennkamol. das 
Mehari, dessen Zucht besonders bei den riiuberischen Tuarik beriibmt ist Dicne 
haben ihre eigentlichen Wohnsitze im Sudosten der westlichen Sabara, sehweifen 
jedoch auf ihron Raubziigen durch (bis ganze westliche Gebiet bis nach Tim- 
buktu und an die Nordgrenze des Borimreiches. Zwisclien Ilerh und Tim 
buktu fand Lenz iiberall in den Oasen die ausgcdehnteste Kamekucht. Hier 
bildeten die Tiere olt das einzige Besitztum der Arabcr, bis dicht an die 
Kttste bin warden noch Eamele gebalten, eo noeb im Wad Nun. Die Gebieta, 
die Lenz als besonders kamelreich namhaft macht, sind die der schon ge- 
Tiannten Tazzerkaiit . ferner der Hamad bei Tenduf, im Wad Sus . in d^r 
Hamada Tuman und die Gebiete der Arauan im Norden vou Timbuktu. 
Diese Eamele sind jedoch meisteDS Lasttiere, die ?oii den Besitzem an die 
Karawanenreiseuden verkauft odor nur vermietet werden. Besonders in Arauan 
betrachten die Berabisch es als ihr Vorrecbt . rait ihren Kamelen die Kara- 
waneu nach Timbuktu zu bringen, weshaib dort die vou Norden kommenden 
Eamele verkauft oder znraokgeschickt werden mfissai. So weit sicb die Wfiste 
nach Siiden erstreckt und nomadisierende Araber umherschweifen, so \\>:'A fiiidet 
sich auch das Eamel. Um Timbuktu sab Lenz noch ganze Herden von 
Kamelen weiden. Siidlich des Niger ist jedoch kein einziges Kamel mehr zu 
sehen. Die Karawanen benutzen nach der Kttste von Groinea nor das Bind 
als Lasttier. Im Weston von Timbubtit fand Lenz die Eamelzucht noch bis 
in siidlichen Breiten , wenn auch nur vereinzelt . so bei den Turmos , einer 
Araberhorde am Nordufer des Benknr . nordlicb des 17. Parallelkreises. Mit 
diesera Parallel krcise i^t iin Webtea Timbuktus die Grenze der Zucht und 
des regelmiissigen Vorkommem des Eamels ^rreicht. Bassiknna ist der sUd- 
•licbste Ort, den Karawanen nocb rcgelniiissig mit Kamelen errcichcn. Nur in 
der trockenen Winterzeit 'jf^^anrrrn sic noch ^veiter siidlich nnd westlich nach 
Senegambien. Nach der Guiueakiiste kummeu sie jedoch nie. Ein voUkommen 
alleinstehendes Gebiet der Verwendung von Kamelen ist das von Gwandjiowa>). 
Hier soUen sie zwar noch regelmassig vorkommen, der Verkelir zwiscben diesen 
Gebieten und dem Norden geschieht jedoch niir auf dem Riicken von Rindern, 
Pferden oder Eselo. Im Osten vou Timbuktu zwischen Niger und Tsadsee 
bezeidinet die Handelastrasse von inmbakta nacb Enka fiber Sokoto, Eatsena 
und Kano die Siidgreme dee Eamels. Der Handel zwischen diesen Stfidten 
vird fast nnr durch Eamele vermittolt nnd swar besonders durch diejenigen 



') ZOUer, Katuerua. 



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Dm Kamel. 135 

der Tnaiik. Der Hauptort fBr die Zndit ist bier die grosae Oaae Agades 

auf dern 17" n()rdlicher Breite, zugldch der stidlichste Ort mit bedeutender 
Zucht in dieser Gegend. Schon in Dammerghu fangt eine bedeutende Rind- 
viehzucht an und wie es scheint, wird hier das Kamel auch weiter zuriickge- 
draogt, je mehr die Araber ihr Nomadenleben anfgeben und sesshafte Acker- 
Utwat wcrden, wenn sie auch oft in dieser neuen Lebensweise nocli ihre alte 
Aiihangh'cl[l<oit an das heimische Wiistentier bewahren. Manche der urn Kann 
und westlich vod Kuka wohuenden Stamme haben dassolbe, nicht zum Vorteil 
seiner Leistungsfahigkeit , zu akklimatisieren gewusst. £in dcrartiges Land 
ist der Kojamdistrikt mUich von Knlca. Barthi) beschreibt Bomu nocb als 
ein reiches Kamelland und riihmt die hier Torkonuncndcn Ticre als solche. 
die sich an Auadauer und Schnelligkeit mit den Tuarikkamelen inosscn kimnton, 
zn Nacbtigala^) Zeiten hatte die Zucht jedoch schon fast voUstiindig aufgehurt, 
anf dem Markt von Koica wurden our noch wenig Kamele Terkanfl^ die mit 
Eintritt der Regenzeit auch alle dae Land verlassen mussten. Welter nach 
Suden findet sich das Kamel gar nicht, auch nicht niohr in Bagirmi, wo Barth 
Doch Kamele in dem Heereszuge des Sultans sah. Die vrenigcn Kamele, welcbe 
nch nocb in Benm ansaer den Ton Nord«i mit Karawanen gekommenen Tieren 
finden, entatammen wohl meiat^ den Abgaben, welche die Tuarik an der 
Nordgrenze des Reiches entrichten miissen. Diesclben bleiben hier jedoch 
nicht lauge am Leben, sondern der Bestand crganzt sich immer durch neue 
Zuziige ans dem Norden^). Auch am Nordnfer des Tsadsees vollzieht aicb 
der Uebergang vom Nomadentum zum sesshaften Leben und das Kamel ver- 
schwindet damit immer mehr als Haustier. In Kanem war fiiilier ein ausge- 
zeichnetes Land fiir Kamelzucht , das salzhalti'jc Wasser und die reichen 
Weidegriinde liesseu die Tiere vortretllich gedeiheu, doch nur dem schweifenden 
Araber lobnte die Zucht Jetst aind die Qnnda, die Wandala in Schitati 
und andere Stamme sesshaft geworden, ihr friiher fast ausscliliessliclier Kamel- 
besitz hat abgenommen und Rindcrherden sind an seine 8telle getreten. Nur 
die rauberischen Aulad Bohmau, die noch wie friiher an der Gewohnheit des 
freien Umborachweifena festbalten, bentasen aoMcUieBBlicb Earode, die sie ram 
grossen Teil selber in anerkannter Giite ziichten oder den benachbartcn 
Stammen rauben. Darum haben auch die Kreda am Siidostufer des Tsad- 
sees aus Furcht vor den rauberischen Ueberfallen der Aulad Soliman, teils 
aber aaeb wegen der zu banfigen Bc^nfaUe, denen ibre Kametberden erlagen, 
jetzt fast nvr nocb Rinderhorden. Dagegen sind die Kamele der Bidejat im 
Norden Kanems von trcfflicher Zucht, die, wenn '^io viclleieht an Schnelligkeit 
hinter den Mehari der Tuarik und den Hedscbin der Bischari in Ae^T)ten 
soracksteben , doch den Yorteil haben, vortrefTlicbe Lasttiere zn win. Diese 
Eamele heissen Zenzal. — In Egei und Bodele bieten die reichen Weiden 
mit ilirrm brackischen Wasser stets beliebte Sammelplatze der kamelznchtenden 
Araberstamme, wo sowobl diejrniircn der westliclien Wiiste wie die von Wadai 
sich einhndeu. Ausgezeichuete iiuiuL-lzucht hiidet sicii sodann weiter nordlich in 
den Tibestibergeii, wo die Teda und im Siiden die Baele in der felsigen gebirgigen 
Gi'pend ein au.ssororJcntlich ausdauerndes und schnelles Kamel ziichten, das auch 
besscr als das Tuarikkarael im Korden und Suden der Sahara in feuchterem 
Lande zu verwenden ist. Der Reichtum von Kameleu i»t hier zwar nicht so 
gross, am so m^r wird aber ibre Gitte gerObmi, wenn sie aucb mit den 
Rennkamelen der Tuarik keinen Vergleich aushalten. In fiuherer Zeit soUen 
die Baele der nordhchen und westlichcn Gegenden bis nach Borku auf die 
Weideplatze gewandert seiu, jetzt ziehen sie im Herbst und Winter nur bis 
Wanjanga nadi Norden and im Oiten bis Bidadi, Tewa and andere Weide* 



■) Harth, Reieen, DI., 8. 175. 

^ Nachtigal, Sahara und Sudan, 11 , S. d9L 

0 Roblfs, Quer d. Afirika. 11., S. 89. 



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136 



Dm KftmeL 



plUtze jonor Gegoid. Ihre Kamele sind von vorztiglicher Zucht, ebenao gute 
Reit- ills Lasttiere, un<^ danim hat ihr Land, wenigstens im Weaten, von den 
E&ubziigen der Daza Borkur und der Bahal el Ghasal, der Mabamid und der 
Aulad SoUnuoi Ti«l ta leiden, selbst die Toarik sollen dieser Tiere wegen 
ihre BeutezUge zuweilen bis bierber, also fiber 1000 km weit, ausdehnen. 
Die Baelekamele sind gewandt, an felsiges Land gewohnt , stark wie die 
arabiscben der nordlichen Sahara, und sollen, da sie den Grenzgebictcu 
zwiscben Sahara und Sudan entsprossen sind, ohne Gefabr das nordiscbe 
Klima ertragen und andererseits anch niebt so leicht der heissfeucbten Luft 
des Sudan erllp^en. Vom Tsadsee aus verliiuft die Grenze der Kamelver- 
breitung gegen Us ten durch Wadai und Dar For. In Dar For'), dor trrossen 
Haudelsoase, besitzen vor allem die nordlichen Araberstamme ungebeure 
Kamelherden. In M'Badr, dem groesen Lager der Homr Araber , besitsen 
diese gegen 30000 StUck, bei Millet besitzen die Zyadieh 10000 Stuck und 
bei Saga ungefahr ebenso viel. Aucb im Westen, nach Wadai zu , begegnet 
man vielen Elamelen; die den Mabamid geborigen Tiere sollen fast nicbt zu 
zSblcD aein. Im SUdffii Dar Fors aind jedoch Scmtfe nod Binder ansMhliettlich 
Gegenstand der Zucht. Im Aegyptisdien Sudan kommen in der Breite von 
Dar For zwar auch noch Kamele vor, jedoch nur wabrend der trockenen Zeit 
weiden liier die Araber ibre Herden bis an den Fuss des abessinischen Kocb- 
laadea. Sobald die Regenzeit einsetet, waadem die Nomaden tim Sennaar 
und Cbartum weiter nacb Norden in die trockneren Gebiete; znm Teil sind 
hifr rlio 'Rrwohnrr auch acsshaft, wie die Ta£!:riiri in Galabat (13'^ iiorfllioher 
Breite), treiben Ackcrbau und besitzen nebeu anderen Haustieren aucii einige 
Kamele. In den agyptiscben Aequatorialprovinzen sind durch Emin-Bcy'^j 
Yersuche gemacht, das Enamel zu akklimatisieren uud vorl&ufig versaben 
Kamele den Postdienst zwischen Lado und Redjaf. Dagegen vennogen die 
Tiere in den nordliclier gelegencn Liindern der Schilluk wegen zu grosser 
Luftfeucbtigkeit nicht zu leben. Einc von Emiu-Bey^) von Fatiko ostwiirts 
abgesandte ESxpedition hatto in unbekannten Gegenden schwane Nomaden* 
st.'inime angctroffen, die eine unverstandlichc Sprache redotcn und grosse Herden 
von Kanielort hpsisscn. Wahrscbeinlicb sind dies jene siidlichen Gallas, die 
durch die Erkundiguogen Denhards') bekannt geworden sind. Dieselben wobnen 
am Sambnnisee nsd eOdlich dayon. Beeonders die fljrtemtSmme der WiJniafi, 
der Mba ui\(\ T^eikipia treiben Kamelzucht und stehen mit dem nordlichen 
Vorland, mit Abessinien und den Somalilandern in steter Handehbeziehung, 
ebenso die Borani Galla im Osten des Semerugebirges und die Wasamburu 
Ton der EUete des Sambom. Der Handel swisdien den Gallas nnd' den 
Somalen wird wabncheinlich durch Kamele vermittelt, die ja auch im Somali* 
lande sehr zahlreich sind. An der Kiiste werden vielfach Karawanen rait 
ELamelon geseben, sie kommen bier bis nacb Bender Gam*). Dock auch das 
Innere des Somalilandes wird nach alien Kichtungen von Kametkarawanen 
durchzogen. Hier erreichen sie den siidlichsten Pnnkt schon am Webifloss. 
Im Winter sind die Somalen mit ihren Kamelen an der Kiiste des Roten 
Meeres bei Berbera uud Tedjura, um mit den Arabern Tauschhandel zu treiben. 
An der Kfiste des Roten Meeres sind die Kamele nur wenig an der afri- 
kaniachen Seite zu sehea; nur in den EfistenorCen Masf^auah und Suakin, 
TOn wo sie die Waren narli rlcm Tnnern des Landes schalTen. Nubien und 
Aegjpten sind beide mit iluen Wiisten echte Kamellander, in denen einc 
ausgezeicbnete Zucbt getnebeu wird. Die hier geziichteteu Tiere sind vor 
allem als Lasttiere sehr gesncht, da sie anssarordentlich kr&ftig sind. Sie 



0 Mmob Bag, Dar For. Pet Mitt. 1880, 8. 877. 
») Nacbr. t. Erain-Bey. Pet Mitt. 1880. 
■) Denbard, Erkundigungen etc. Pet Mitt, 1881. 
<) Heo^ SomalikOslie. Pet mUL, 186Q; 



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vermSgen bis zu 500 kg zu tragen, wabrend soDsi die grosste Kamellast 250 kg^ 
Mf langen WQetonmlbndien jedodi nie mehr alt 150 kg betrSgt Dooh ml 

die iigyptischcn Kamele weniger ausdaaenul im Ertiagtta Ten Durst, fSr 
langdauprnde Wiistenreisen daher nicbt so gut zu verwcnden. T>eii besten 
£uf als Kaoielziicbter habeu die Bischariaraber sudiich der Bereoikeetrasse 
in den ndrdUoben Teilen der Btboi swiachen Nil mid Heer; sie znchten be- 
sonders eine grazios gebaute, hochbeiiuge Bane tob liohter, fast weisser Farbe*X 
die selir geschatzt ist. Viele von dicsen TiereQ werden zu Heitdromedaren 
gescbult uiid /.iihleu zn dm besten dieser Art. In den gebirgigeren, slidlicbcii 
Gegenden der Biscliari soUen auch nicht selten verwilderte Kamele zu iiuden 
8dQ>). Im N4ndeD der Bcrenikestrasse wohnen die Ababdearaber , die sich 
ebenfalls durcli gate Kamele auszeichnen. In Nordagypten , der Sinai-Halb- 
insel uud Syrien wird das Kamel uberall als unentbehrlicbcs Transporttier 
verwendety ebenso sind Arabiens Bewohner iu alien Gegeuden aui das Kaniei 
aagewieaen, aowoU id den firiedliohen Betehftftigungen als im Kriege. i,Um 
mit einer Armee Arabien zu erobem, dazu sind mehr Kamele ii5tig aJb 
Menschen, aber um diese Kamele zu habeu, muss man schon Herr von Arabien 
sein." Hier sind es vor allem drei Lander, die sich duxch ihre Zucht aus- 
niehneii. Jemen, Oman mid Nedechd. In frilheren Zetteo^ noch mns Jahr 
120 V, Chr. kamen wilde Bjamele im ndrdlichen Arabien am den Golf Ton 
Akaba im Lande der Nabataer vor, Strabo bericbtet una davon. ^Dann ffolgt) 
der Ailantische Busen und das Land der Nabataen dicht bevblkert und reich 
an Weiden . . . Dabei liegt eine Sbene reieh an Wald and Wasser, voU von 
niancherlii WeideTieh, besonders von Manlesdn; aach eine M« hlzm wilder 
Kamele und Hirsche und Gazellen und Lowen und Panther und viele Wolfe.** 
Jetzt sind in Arabien nur zabme Tiere bekauut. In Jemen sah Wellstedt 
bei den Fadhelibeduiuen uad den Abd AU die schonsten Kamele in Arabien, 
die audi vorziiglich in der ateinigen Halbinsel Sinai zu verwenden sind. Die 
besten Kamele Arabiens sind unstreitig die Dellul Omans, die in den Gesangen 
der Arabcr immer als die tittchtigsten Kenner gepriesen werden. Schon in 
ihrem Aeusseren verraten diese Tiere ihre edlere Abkunlt, sie sind suhlank 
and hoch gebaat, mit fenrigeu Augen. Im Lmif flberholen sie mit Leichtigkeit 
jeden Renner. Die reichste Zucht Arabiens aber ist auf dem Hochlande 
von Nedschd ; vollstiindig fehlt dieselbe jedoch in dem Gebirgslande von Asyr. 
Durch PaliUtina und Syrien findet sich das Kamel bis nach Kieinasien als 
Hanstier verbraitet, ohne dass es hier besonders berfihmte ZachtlSnder gSbe, 
Hier ist aadi noch uberall das einhockrige Kamel ausschliesslich zu finden, 
in Persien jedoch wird neben ■ dem jirabiscben Droniedar das zweili<")ckrigo 
Trampeltier verwendet und zwar besonders in den gebirgigen Gegenden des 
Nordens. Nor in der Gegend ?<m GKlan and Hasendwan, am Sftcrostafer des 
Kaspiscben Meoes fehlt das KameL Vorziiglich den nomadisiersnden Stammen 
Persiens gilt das Kamel als unentbehrhches Lasttier und zwar moistens das 
zweihockrige nshutur". Es tragi gewohnlich eine Last von 150 - 200 kg, in 
der Brunstzeit sogar 250—300 kg. Das Dromedar wird meistens in den 
Sandwusten der firaicben Prorinzen gefunden, wo es seiner Schnelligkeit und 
Ausdaner wegen vorziiglich zu Eilritten vf^rwendet wird. Jetzt ist die Zucht 
in Persien gegen friiher bedentend zarut kgefraugen ; wahrend sonst ein be- 
tracbtlicher Handel mit Kamclen uaciji dem Ausiaud getrieben wurde, beziebt 
Persien jetst im Gegenteil einen groesen Teil seines Bedaoifo aos Bagdad and 
liefert nur noch eine kleine Anzahl in den Kankasas'). 

Auch in Afghanistan und in Indien werden beide Kamele verwendet, 
das zweihockrige besonders als Lasttier in den Gebiigeny das einhdckiige als 



«) Schweinfiirth. Pet Mitt. 18(32, S. 331. 

») HeucUn, ForscbunKeu. Pet. Mitt 18«1, S. 16. 

^ Pohtf, Feraen, d. Land a. amna Bewohner. II., 8. 98. 



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138 



Du KameL 



Reittier za Eildiensten in den ebenerm Teilen. In Indien kommen beide 
Arten nur im ndrdlichen Pandscbab und m der iadischen WUste Yor; wo 
i!irRrlbc gen Osten hin nufbort, ist audi die Greiize der ^^:rb^eitung des 
Kaniels. Marwar, Bikanir und Multan sitid durch ihre guten uud ausdauerodea 
Kamele bekannt, auch DscUodpur iiat vortreffliclie, schwarzbrauue TierS, 

An den Abbangen des Hindakasob wird besonden das swethSckrige 
Kamel gezUchtet und dasselbe ist audi allgeniein im Osten Trans verbreitet, 
doch findet sicb das Dromedar noch ziemlich zablreicb in den Steppen der 
Turkmenen und Eorgisen. flier, in dem ebenen Gebiet ist es besaer zu ver- 
wenden und thaibi&clilich wird ea bei den fi&gisen aiicli hSher gesehitst als 
das zweibockrige. Doch nimmt es, je weiter nacb Norden und Osten, urn so 
mebr ab. In Innerasien und in der Wiiste Qobi ist das eiohockrige Kamel 
jetzt gar nicht mebr zu fiaden. Eiae genaue Grenzlinie beider Arten laset 
dch nicht zidien. Die Gebiete beider geben inefoander fiber, und xwar iti 
es das Land der Turkmenen, die Bncharei und der Norden bans, wo beide 
Arten gezUchtet und zur Erzeugung fruchtbarrr K istardarten vcrwendet werrlen. 
Darum findet man in diesen Landern auch etne ganze Eeiiie von Spieiarten 
des ein- und zweib6ckrigen Eamels. Im Stidwesten kommt das Dromedar 
in grosserer Zahl vor, aber auch Kalraiiken und Kirgisen baben beide Arten. 
Die Grenze der Kamfherbreitung geht in der Steppe Westsibiriens noch iiber 
den 50. Breitengrad bis nach Orenburg und ostlich davon. Im Winter halten 
sidi die Nomaden jedoch siidlich des 50, Parallelkreises in den an Sdiilf and 
Riedgras reichen Steppen und am Easpischen Meere auf. Hier findet sieh 
eine verhaltnismassig grosse Zabl von Kamelen, die in der salzreichrn Steppe 
vorzugUch gedeiben. In der Provinz Semipalatinsk findcn sicli nur noch zwei- 
bockrige Kamele^, die hier auch Zugtiere vor den Karren gespauut werden. 
Wie gross der Viefastand bet den Nomaden ist, geht aus den amtlichen An- 
gaben herror, die jedoch viel zu niedrig sind, weil die Besitzer aus Furcbt 
vor Besteuerung einen bedeutend geringcren Besitzstand angeben. Ein kirgi- 
sischer Grosser besass 150 Pferde, 500 8chafe, 30 KUhe und 20 Kamele. 
Der Viehstand der Earakirgisen belanfb sieh anf 691 584 Scbafe, 96666 Pferde, 
14 889 Kamele und 14351 Kiibe. Auf ein Zelt entfallen hier durchscbnittUch 
2212 Schafe, 450 Pferde , 56 Kamele und 65 Kiihe. Im boheren Norden 
und im Gebirge kommt nur das zweibockrige Kamel vor, mit dem die Nomaden 
in der Sommerzeit in das Gebirge bis in die Gletscherregion Ziehen , wfthrend 
im Winter die Steppe dtirftige Weide liefert. Bei den Kirgisen der grossen 
und mittleren Horde, welche besonders in der Ebene leben , wird das ein- 
hockrige „nar*' scbr hoch geschatzt Im Nordosten von Semipalatinsk hort 
jedoch die ZucLt der Kamele voUkommen auf, hier ragt gebirgiges, reich be- 
waldetes Land uber den 50. P.irallelkreis hinaus und setzt der Verbreitung 
des Wiisten- und Steppentieres ein Ende. In der Dsungarischen Ebene treffen 
wir jedoch wieder bis an die Abhiingc des Gebirgcs bin, bis an den Altai 
und den Thian-schan das Kamel als Haustier bei den nomadisierendeu Mongolen 
an. In der ganzen Mongelei findet sieh, sowot das Land es gestattet^ das 
Kamel , jedoch ausschliesslich das zweibockrige*). Die beste Zucbt in der 
Mongolei findet sieh in der Provinz Ohalcba, am A bhang des Changai-Gebirges. 
Die bier geziicbteten Kamele sind ausserordentlich gross, stark uud ausdauerod, 
wilhrend diejenigen Tom Alaschan^Plateau nnd Kukn>nor bedeutend kldner 
und scbwiicher sind. Dt n Sommer vcrleben die Mougolen mit ihren Herden 
in den Steppen , wo die Tiere frei umhorlaufcn , sieh aushaaren und an den 
salzigen Wiistenkrautern ein ihnen zusagendes Futter finden. Mit Beginn des 
Herbetes werden die Kamele dann in Kalgan Oder Knkn Ohotai sum 9?iaiisport 
Termietet. Ein Chalchaer Kamel legt mit seiner gew5hnlichen Last v<m 



*) Lansdell, Reise durch Zeniralasien. 
^ Pncbewalski, Reisea 1870-73. S. 104. 



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/ 



216 kg tagiich 40 km zuriick, die Kamele Tom Kuka-nor nur hikhstens 30 km. 
Der TraiispOTt von Ealgan geht meistenteils duroli ^ Woate Gobi naoh Urga 

und Kiaclita, gewohnlich jedoch nur bis Uzjgay weil wciterhin Gebirge und 
haufig ticfer Schnee den Eamelen das Gehen erschweren. Um den Tarai-nor, 
anf dem 50. Parallelkreis , halten die Burjatcn noch sehr vie(e Kamele , die 
selbst im Winter obne jeden Schntz im Freieu gelassen werden. Freilich 
sind dieselben bier auch viel schwachlicher als sonst, jedenfalls eine Folge 
dos rauhen Klimn? Doch kommt bier nocli das Kamel iiber den 50. Parallel- 
kreis nach Nordcn liinims . wostlich des Baikalsees , am obcren Jenissei, wo 
8amojeden ueben Rentier uucb vereinzelt Kamele baben , vor ; bier schliesst 
rich bei den Koibalen die Bentienracht an diejenige des Kamele an. In den 
transbaikaliscben Steppen ziicbten Burllten , soweit sie niclit zum sesshaften 
Leben iibergegangen sind, die n5rdlichsten. schon etwas verkommenen Kamele 
UDter dem 55. Breitengrad, der Bestand an Elamelen ist jedocb nur ein 
Snssearst g«nnger. In Nordcbina, in Ordoe and am Peking iet die Zahl dem 
Kamele one gana bedentende ; sie vcnnittebi den Thee und Tabakhandel ana 
der Ebene von Tai-jaen-fu nacb der Mongolei. Mit dem 40. Parallelkreis 
scbeint bier aber ihre Yerbreitung nach Stiden aufzohoreD, wenigsteos habea 
wir keine Nachrichten darflber. In PetacbiU ist das Kamd noeh vidfach 
Lastticr, das verwendet wird, um Waren^ beeonders Steinkoblen, nach Peking 
und Sclieliol zu schaffen. In Kitaia, am SUdiande rlcr Oobi, ist cin grOflSOB 
Gestiit, das deu kaiserlicben MarstalJ in Peking mit Kameleu versorgt. 

Im innersten Teil Asieos kommt das wilde iCamel vor. Seia Gebiet 
entreckt aicb vom Tarim, Lob^nor and von Chami bis in die sttdlidie Denngarei, 
vuu Manar und Gutschen bis nacb dem Nordweaten von Zaidam. Mit dem 

Hochland von Tibet schneidot die eigentliche GrenzR des Kamels nach Sttden 
bin ab. Es kommt zvar in Tibet noch vor, doch wird es von den Einwohnern 
nicht gezilcbtet 

Ueber das wflde Kamel verdanken wir Prschewalaln^) die zuverliissigsten 
Nacbrichten. Der Hauptaufentbaltsort der wilden Kamele ist gegenwartig in 
der Wiiste Kum-tag, ostlich vom Lob-nor, ausserdem findet sicb dasselbe ab 
und zu in den Wiisten des untcren Tarim und im Gebirge Kuruk-tag ; noch 
seltcner in denen am Tschaitscheu Darja. Weiterhin in der Richtung vou 
Tschertsclien anf Chotan kommt es nicht mehr vor. Am Lob-nor, wo jetit 
das Dorf Tscharcbalyk steht, und weiter nach Osten, am Fusse des Altyn-tag 
und in letzterem selbst warcn uoch vor 30 Jahren diese Tiero sobr biiutig. 
Der Fiihrer Prschewalskis erzahlte, damals Herden von eiuigeu Dutzendi 
einmal fiber 100 Stttck geaehen zu babeni. Gegenwftrtig kommmi rie nor dicht 
am Lob-nor und auch da nur in geringer Anzabl vor. Das im Herbste sehr 
fette Fleisch wird gegessen. AUe Kamele Ziehen nach der Wtiste Kum-tag 
und kommen dort her. Im Sommer lasseo sich die Tiere bei grosser Hitze 
dnrch die Anndhmlichkeit der Altyn-tag-Thfiler anlocken and stdgen oft in 
flShoi Ton 11000 Fnsa. 

Nach d«l Berichten PrBcbewalBkis und fruherer Reisender hat Langkavel^) 
drei Linien verscichnet, anf denen sich das wilde Kamel vorfindet, die siid- 
lichste ist eine Linie vom Kuku-nor nach Westen und b^nreift die Handorte 
im weetlichoi Gbuasttf im l^anachaik-Gebirge, im Koka-nor^Gebiete, in Zaidam, 
am Ohuitun-nor and im nordlichen Tibet In der Wiiste Knm-tag und im 
Altyn-tag reicht bis gegen den Lob-nor diese Linio am meisten nach Norden, 
dann wendet sie sich stidwestlich uogefabr der Wiiste am Tschertscheu Darja, 
der sich in den westlichen Teil des Lob-nor ergiesst, folgend, bis nach der 
8tadt Tichertadien ; dann finden rich die Kamele westlidi tod Ghotan in der 



>) Pnchewalski, Von Kuldacha nach d. Lob-SOt. Ikgbd. Pet IGlt. Vk. 6S. 
*) 8. Langkavel, Das wilde Kamel 



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140 



Das Kamel. 



Sandsteppe and ndrdlich in den Wfistea Ton Takla-makan and Dacht-i-Tatar. 
Die /.wdte Liaie folgt von Barkul ongefabr der Ssdidieii Fortsetzung des 

Thian-Rchan und sowohl nordlich als sBdlich vnn ibm warden wilde Kuimle 
beobachtet, siidlicli um Chami, um und eiidiich von Turfan und im kalilen 
Gebirge bei Tokson, nordlich aber in Thian-schan-pc-lu, im Norden von Gutschen 
und Manar. Die dritte Linie folgt ungeRlhr dem 48. Parallelkreise ▼on 
Uliassutai im Osten bis in das Wiistengebiet Kabano in der nordwestlichen 
Mongoloi Auf diescr Linio soUen wilde einhockrigc Kam<^lc vorkommen, und 
aich BOgar ixn Gebiet der Cbalchaer linden, welches an Hami grenzt Doch 
enriUint FtadiewalBki a«8drfllcldioh , daas in der Mongolm das eiidiSokrige 
Kamd imbekannt sei und wenn auch friiher von Westen her, von Turkestan, 
elnhSckrige Kamele nach China gebraclit worden sind, so bleibt es doch sehr 
unwahrscheinlioh nach alien anderen Angaben, dass hier ein G^iet des wOden 
Dromedars sem solL Baa wilde Kamel ist bedentend Uoaer als das sahne, 
mit Bchlanken OUedem, feiner WoUe und von dmikelrdtlicher Sandfikrbe, dem 
Boden, auf f1em es lebt, so ubnlich , dass es ans der Femo m\r schwer 
zu erkenneu ist. In Cbotan sollen auch braune bis weissliche Exemplaie 
Torkommen. 

Mit dem Einbruch der Turkenvolker ist das Kamel auch nach Euro{>a 

in die pontischen Steppen Siidrusslands gekommcn. Hier dienen sie besonders 
als Zugtiere fUr die Zeltwageu der Nomaden und iiudeu sich uberall da, wo 
Steppe und Noniadentum herrscht. Am Wolgadelta haben die Kunduren 
viele Kamele, ebenao die fiascbkiren ostlich der unteren Wolga^). An der 
unteren Wolga und am Kaspischen Meorr li;ihoii die Kalmiicken ibre Winter- 
standorte ; sie besitzen nieist zweibockrige Kamele , doch bnben sie auch ein- 
hockrige, weisse Tiere, welche sie bucharische neonea und weiche nur zum 
Fortsoiafien von HeiUgtttmem , religidsen BUchern and Gkrfttsehaften benvtst 
werden diirfen'). Auch in dor Krim wird das Kamel iioch vielfach benutzt, 
am Waren nach den Handelspliitzen f^^iidrusslands zu verfracbten. Am Ende 
dee Torigen Jahrhunderts konnte die iuimelgrenzo um die Ufer des Schwarzen 
Ifeeres noch bis smn Dnjestr dnrch BesBarabien vsd das Donaudelta bis sum 
BaUcaD gesogen werden, mit der Zan^ime des Ackerbaues ist dieselbe jedoch 
im ganzen zuriickgedrangt. Das ndrdlichste Vorkommen des Kamels ist bei 
Samara, wo es Mackenzie zuerst zum Ziehen und Pfliigen verwendet sah; 
sonst findet es sicb nur noch bei den eigentlichen Nomaden, wie den Kal« 
mliken xwischen Wolga und Don und den Nogaiern im Nordwesten des 
Asowschen Meeres und in der Krim. Nach dem Krimkriege wanderten 
Tatareu mit ihren Kamelen in die Dobrudscha und dort sind dieselbeu jetxt 
auch vollig eingebiirgert. JSremer sah sie bei Ghilatz die gcfrorene Donau 
iiberschreiten und tatarische Karren sieben. In der Balkanbalbinsel ist das 
Kamel nur eine Seltenheit, es kommt um Konstantinopel , Salonichi wnd 
Larissa vor, an lotzten beiden Orten am hiiufigsten. Der Pisanischen Kolunn'. 
sowie der Eiufiihiung des Kamels in Amerika uud Australien wurde scixuu 
gedacht 



So haben wir das Kamel in seiner Verbreitmig in Asien und Afrika ak das 

geduldige Lasttier verfolgen konnen, das in den Steppen und WOsten zum Er- 
halter „patriftrchalischer Lebensform" wurde. Nur das Karael ermoglichte es, 
dass der feme Osten Asiens mit dem Westen in frtihe Handelsbeziehung trat, 
dass die Sahara von eioon Ende zum anderen tod Kamwansn durehsogen wird. 
Das iBt TOr allem sein boher Wert im Vsrkehr der Valksr ftbsrhaopt FOr 



«) Vambcry, TarkoQTOlker, S. 511 a. 551. 

*) Ritter, IslrUkuode u. b. w., S. 690, u. Pallaa, Rom. Bdae. 



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Daa Kame^. 



141 



jone Steppen- und Wiistennomadcn aber ist es das unersetzlichste Besitzmittel, 
an das ibre ganze Lebcnsweise gebunden ist, und das wie kein zweites Tier so 
iiinig mit ibrer Existeiiz verknupft ist. Ohne Kamel waren wedcr die eisigen 
Steppen Westsibiriens nocli die innerasiatisclion Ehenen bewohnbar ; sie wiirdea 
bis jeUt uud wohl aucU uoch auf lange Zeit intmuh em uuubersteigliches Hiuder- 
niB f&r den Verkehr eein und ein Nomadenleben voUstandig rerbieten. In jedem 
Kal^'m , den dcr Mongole fiir soine Braut zablt , ist gewiss ein Kamel TOr- 
handen ; dem Araber aber, in seiner bildorreichen Spracbe, ist das Kamel die 
„milchgebende Palme der Tiere^, und es ist ihm ganz gewiss, dass Allah den 
Chrbtea nicht so lieb baben kanii, wdl er ibm die Dattdpftlme and das 
Kamel Tenagt bat 



U 



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ErwSgungen lUier die jetzige Lage der Geographie. 

(Bebreibcn an die R«daktaAii d«r .Zeitadir. f. wus. Cfeogr/) 



Hochgeehrter Herr Redakteur! 

Weun icb die jetzige Stelluug der Geographie erwiige , * kann ich zu 
keinem anderen Besiiltato kmnmen, aU dass sie in mehreren Bezidmngen 
untcr ziemlich schwierigen Verbaltnissen arbeitet. Meine Betraclitiingen baben 
sclbstverstiindlich zuniichst Interesse fiir mich selbst; rla icli mir jedocb die 
Moglicbkeit deiike, dass sio auch fiir eineu odcr aiidern Facb - KoUegen 
Interesee haben kdnneD, erbitte ich mir ein PiUtschen in Ihrer geschStsten 
Zdtsohrifty nicht fttr eine Abhaadlttng, sondem nur fUr dnige korze Be> 
merkungcn. 

Gewiss erkennc ich unuiuwunden an, dass die Aufuabme der Geographie 
an den Univenit&ten ab selbst^ndiges Faeb ein nnschatzbarer Fortschritt ist 

sowohl in Bezug auf Entwickelung des Studiums selbst als in Bczug aaf 
hohem und nicdern T'^iitcrricbt ; dessenungeaclitet Labc ich (loch einen starkcn 
Eindnick von der zierahch schwierigen Steiluiif,' der Geographie und vod 
der Antipatbie, mit der sie in weiten Kreiseu hetrachtet ^rard. Bei dea 
UnivenitStcn sieht man sicher im Ghtncen scbeel auf das neue Fach , dem 
man gem den N;inieii Wisseiischnft vorsagt; in den Schulcn wird die Geo- 
graphie gev.i>hi)lich mit Heiabsetzung behandelt, und der lA'hrer, dem noch 
meistenteils die faclunaasige Ausbildung fehlt, stellt sich mehr oder weniger 
in Opposition zu der neuen winensdiaitlicheD Richtung^ die ihm selbetTerstandlich 
Beschwerde macbt ; das grosse Publikum endlich liat nur Interesse an lieise> 
abenteuern und dem historiscben Verlauf der Reisen , wHhreud ihre wissen- 
scbafUicbe Ausbeute und ihr Beitrag zur klareren Auft'assung der Lander 
uod VSlker mit Gleicbgiiltigkeit nnd ohne VerstSadnie betrachtet werden* 

Bei den Universitaten erhebt man alsOi wenn meine Vermutung ricbtig Ht» 
den Einwand gegen die Geographie, dass sie vermeintlich gar keine AVissen- 
8cbaft ist, sondern von dem Icbt, was sie bei andern borgt. Es ist anacbeinend 
eine vemicbtende Einwendnng, wdche scbwer gcnug auf das junge Fach Wlt\ 
ich glaube uber dcnnoch, dass diescr Von\'urf, reclit betrachtet, nicht Tid ztt 
bedeuten hat, und die Geographie hat dann jcdenfalls viele Leidensgenossen. 
Denn abgesebeu von der Geographie, dcren liecht auf den Namcn Wissenschaft 
gar oft bestritten wird^ h3rt man baufig genug die Medizin, die Geologie, die 
Statistik, die Archfiologie, ja selbst die Geschichte ale sdiwache Wisaen* 
scbaftcn bezeichnet . und os blciben \xo\\] znlctzt nur die nnathcmatischen, 
pbysis?clien und cbeniischen I)iszij)liiien, ^velclle in der wissenschaftlichen Rang- 
ordnuog eiunB liihudichen Platzes sicher sind. Dass die Aledizin und die 
Geologie sicb anf eine ganze tteihe anderer flcher stiltst, wie dies anch mit 
der Geograp]ne dtr Fall ist, lasst sich ja nicht leugnen ; sie baben aber den 
Vorzug vor der Geographie, viel langor an den Universitatcn rxistiert und so 
einen gcwisscn Auspruch erlaiigt zu hahcu, riicksicbtsvoU behandelt zu werden. 
2^oeh in meinen Knabet^ahren betracbteten die Fhilosopben Zoologie und 



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Lrwuguugen iiber die jetzigc Logo der Geographic. 



143 



Botanik nvr als eine erfirenliclie Zentrennng i&r die Schuljungen nnd stoUten 
Bie zan^chst in oine £Iasse mit Gymnastik und andcrcin iSport. — Uebrigens 
ist es inir noch nicht gclungen , obgleich icli dio Sache selbst erwogen und 
Belebrung bei aoderen gcsucLt babe, damit im Klaro zu koiumen, was man 
luiter Wissenschaft eigentlich Tentelieii solle; so hinge man aber &ktiseh 
ToUig aneinig ist iiber die Beantwortung dicser Kapitalf^age , scbeint es mir 
ganz unberochtigt, sicli der Gen£»mphio gegeniibcr uuwillic: zu stcllon und sie 
aus dem Bereicbe der Wissenschufteu zu exkludiereu. Nur so viel darf ich 
wobl aussprechen , dasB jede Wissenscbaft sich damit beschiiftigt , Tliatsachen 
einer gowisson Ait bu sammelD und kcmstatieren und mv m oiiu in mehr um- 
fassenden G;in7cn 7.n vcreinrn , und man wird wolil aiicli daiin mit mir oiiiig 
scin, dass alle Wissenschaft Kntik voraussctzt und eiu ..Wariiiii'' ontliiilt. 1st 
dies aber der Fall, so muss die Geographic auch deu Nameu Wisseuschalt 
Texdienen ; sie bat zudcm ibre eigcne Aufjpibe and ibre eigene Hetbode ebeneo 
wie die (ieologie, die Botanik und die Gescbichtc. 

Diws die Gpograpbie ibro eigene Aufgabo hat , bezweitle icb keincn 
Augenblick. Die Geograpbie belracbtet, uacb meiner AulYassung, zuoiicbst 
die Erde als Ganxea, nnd die Natur in ibrem Verbttltaisse zu dem Uensehen. 
Sie betracbtet die Erde nicht allein als einen Himmclskorper mit fester and 
Hussigcr Oberfljiche, in eine Atmospbiiro gebiillt und mit Pflanzen und Tieren 
bevulkert, soudeni zugleicb als Wobnort des Menschcu mit entscboidendem 
ESnflnese anf die Entwicklung des Knltnrlebens nnd den Gang der G^scbicbte, 
wenn aach selbst in roancher Bcziebung geformt durcb menscbliclie Arbeit. 
Die Goo^T'phie fordert unstreitifj eine gewisse, ibrem hesonderen Bediirfnisse 
eutsprcclieiide Kenntnis der Naturwissenscbaft, £thnograpbie und Gescbichtc, 
benutzt aber den empfangenen StoflT nicht, um systcmatiscbe Ausziige der be* 
treffenden Wissonschafton /u licfein, sondern um kUttzulegen , wie die ver- 
scbiedenen Telle der Erdo rait Be/it lmni; auf Natnr mid Menschenleben aus- 
pf^f^rmt sind ; sie nimmt liaupt'^iichlich iliren Ausgangsjnuikt in don Kontineiiten 
uud dereu Uuterabteilungeu , iiicht in Phlinomcncu und Gegeustiiudeu uiit 
Zufttgung dieser und jener Exempel ibrer Verbreitnng oder Fandstellen. 
Indem die Geographic somit ibre eigene Aufgabe bat, die weder mit der der 
Naturwissenscbaften, der Ethnographic oder der Geschichte zusammenfiillt. ist 
aie zugleicb ein Yerbinduugsglied zwiscbeu diesen^ sie sammelt uud verciuigt 
and bOdet so gewissennasaen einen Gegensatz zom Spedalstndium , das, hei 
einem stcts tiefercn Eindringen in minutiose Einzelbeiten, mcbr und mchr von 
einer Erkonntnis des Ganzen ableitet nnd leicht Einsfitii^kcit tind befrrenzte 
Aut'fasamig hervorbringt. Der Geolog, der Zoolog uud Botaniker sind ohne 
Zwelfbl geneigt, den Geographen als Dilettant zu betraebten; ob aber ibr 
eigenes Wissen nicht oft ziemlicb mangelhaft ist ausserhalb ibrer Spezialit&ty 
und ol) man berecbtigt ist, den Geogiaj)]ion als Dilettant zu betra' I tf 'i, ^veil 
er seiu geologisches , zoologisches und botauisches Studium auf da a bcgrenzt, 
was er in seiner eigenen Wissenscbaft braucht ? In der naturwissenschafl- 
lichen, ethnographisohen und zum Teil auch bistoriscben Ijiterator liegt eine 
umfassende und bestiimli;,' waclisende IMenge wertvoUer Erliiuterungen iiljer die 
vcrschic'dcnon Liiudcr und \'()lkcr der Erde vor, aber alle diesc zcrstrcMitiMi 
Mitteilungen geben an uud iur sich keiuen Begriff vou dem , wab man z. B. 
unter Spanien, Bnssland oder Yorderindien versteben soll> von dem Zusammen- 
sein und Zusammcnwirkeu oigcner physischer und ethnograpbiscber Faktoren, 
welche die bctreffenden Lander zu individuellen Existenzen stempcln. Die Auf- 
gabe, die bier zu losen bleibt, fiiiit der Geograpbie zu und liegt weder im 
Bereicbe des Natnrforsdliers nodi des Historikers ; dem Naturfoisoher feblt die 
efthnograpbisGb-historiscbe Ausbildnng, dem Historiker die naturwissenscbaftbche. 
Der Ethnograph konzentriert wie der Historikor seine Betracbtung auf don 
Menscben, wenn auch vou eiuem audereu Gesicbtspuuktc aus, der Geograpb 
aber zieht (wenn er d«m nicht Garlands Ansebauungen buldigt) so wobl die 



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144 EnrSgoDgeii ftber fU« j«t»ge Lage der Geogttptiu. 

Natur als den Menscben in seiner Bctrnchtungsspbare liincin und interoBsiert 
sich insbesondere fiir die VVccbsolwirkungen zwiscben beiden. 

Wabrend icb somit nicbt an der Selbstandigkeit und wissenschaftlichen 
Berecbtigung der Geograpbie gezweifelt, bin icb audererseita keineswegs sicher, 
dass der Arbeitsplan . dem fur don Augenhlk k gehuKligt wird — nicbt von 
alien , jedoch von viclen (ieofiraphen — sicli in tli-ni i;unsti;^'Stcn Gelciso b<?- 
wegt; icb glaube, dass die wi^iseuscluiitlichen Gcugruplien der Gegenwart zu 
aehr Spesialisten und und swar naturwisBenscbaftliche SpesialisteD , und dass 
man der allgemeinen Geograpbie — deren Wicbtigkeit icb Ubrigens vollstiindig 
einriiumo — eine bohere Bedeutung beilegt . als sic beansprucbon darf. 
Wenn der Geograph sicb als Spezialist in deni einen oder auderen der oatur- 
wisMnachaitlicliai F&oher ausbfldet, so liegt die Einwendung nahe, die uch 
ja auch oft genng hdmi Jisst, dass man ihn sebr wolil entbehron und aich 
an die verscbiedcnen naturwissenscbuftliclien Facbleute balten konne, dio nun 
aucb , jeder auf seiuem Gebiete , beginnen , die Bereicbe der Geograpbie zu 
betreiten; nod ist die AuifasBung ricbtig, dass die Geograpbie der Erde all 
Totalitat betracbtet und die Natur in ihrem Verbaltnissc zum Menscbeu, so 
kann der als naturwissenschaftlichcr Spezialist ausgebildete Geograpb scliwcr- 
licb vermeiden seine JSpezialitat zu sebr bervorzuhcben und andere Gebiete 
znrUckzusetzeu , welche seine Aufmerksamkeit ebenso sebr verlangen. Bcr 
Geograpb mUBS sicherlicb vielc .Jabre auf eine sorgfSUtige Yorbereitung in den 
J>i8ziplincn , womit seine Wissenscliaft ihn in Berubrung bringt . opfern . und 
zwar bofsonders auf die so lange versiiumton naturwisscnseluiftliclicn Fiicber. 
allein er soli sicb nicbt als Hpczialist iu eiucm derselbeu ausbildeu ; dies i^t 
die Sache ibrer besonderen Facbgelebrten, und seine eigene Aofgabe liegt in 
einem anderen Bereicb. Will der Geograpb sicb als Spczialist ausbilden, so 
scheint es mir, es Uige ihm viel niiber sich einen grosseren oder klcinercn Teil 
der Erdoberdiicbe zu erwiihlen und demselbcn die moglichst allseitigo und 
unpartdiscbe B^andlnng too den verschiedenen Gesicbtspunkten aus, weldie 
seine Wissenscliaft fordert, angedeiben zn lassen, — aber damit wird freilidi 
die allgcmeine Gcogrnpliie m einer Einleitung reduziert , obscbon von grosser 
und unstreitbarer Bedeutung, und die Spczialgeograpbie wird dann die 
Haupfsacbe ausmacben. Nacb meinem Dafiirbalten kann dies docb keinesw^ 
als ungfiostig betracbtet werden, denn micb diinkt, dass der Geograpb Tor 
alien Dingen sein Aibeitsfeld eben auf jcneni Gebiete bat: liier erst kommt 
er in mcbr direkte Beriibruug niit den geograpbiscben Individuen : Kontinenten 
und Landern, bier erst wird ibm Gclcgenbeit, sicb in die Wecbselbeziehungen 
zwiscben den einielnen Seiten der Naturverbiiltnisse in mehr iibersebaulicben, 
ini Raumo begrcnzten Bereicbe zu vcrtiefcn , und bier erst erl.inprt cr den 
voUen und klaren Bcgriff (soweit dies sicb iiberhaupt erreicben liis«t) von den 
Wecliselwirkungen zwiscben der Natur und dem Menscbon. Diu ailgeuieine 
Geograpbie auf Kosten der Spexialgeograpbie zu accentuieren, muss, wie es 
mir scbeint, den Geograpben leicht oazu bringcn, sicb von seiner nacbston und 
eigentlicbcn Aufgiibe zu entfernen, — in solcbcm Falle aber wird er obne 
grosse Scbwierigkeit von den Reprasentanten der verscliiedeuen Wissenschafteu 
ersetst, an welcbe das geograpbiscbe Studium sicb lebni 

Dass die Geograpbie in den letzt verflossonen Dezennien, besonders in 
dein !Ui wissenschaflHcbcn Geograpben reiclien Deutscbland, unstreitig grosse 
Fortschntte geraacbt bat, muss von jedem, der Gelegenbeit und Voraus- 
setzungen gebabt, ibrer neueren Entwickelnng zn folgen, anerkannt verden. 
Sie wird jetzt zum Gegenstande einer wissenscbafUicben Bebandlung gemacbt, 
sie hat oigene Repiiisentanten an den Uuiversitiiten erreicbt, ibre naturwissen- 
scbaftiicbe Seite, die so lango /urtickgesetzt wurde, wird jetzt nacb Verdienst 
gewurdigt, und man vergisbt ebeufaliB nicbt durcb ctbnograpbiscbe, siatistische 
und btstoriscbe Studien die Formen und Kulturstufmi des MeoscbenlebaM su 
beleuditen, — iodessen kommt es mir Tor, dass man nnier der nuohea Ent* 



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firwBgUDgeii ftber die j^tage Loge der Geograpliie. 



145 



wickelung des Studiums nicht hinliinglich im Auge behalten hat, dass die 
Repraseotanten der Geograpiiie, wenn sie ihrer Wissenscbaft eine bleibende 
Bedeutttog behaupten woUen, die Brde ah TotalitUt umfaaMn milsaen mit der 
mSgHdiat gleichartigen imd unparteiiBclion Behandlung der Seiten der Natur 

und dcs Mcii8chciil('l)ons , welche zanachst Bedeutung fiir dii^ knrrfkto Anf- 
fassung des Ganzen besitzen. Ebea in dem kritiscbeo Zuaamiuejiarbeiteu der 
Leistimgeii der Spezialfacher erbliclce ich eine wesentiiche Seite des wissen- 
schaftlichen Wertes der Geographie, und eben dadurch iiffnet sie einen Ein- 
blick in das Dasein , welchen keine andero Wissenschaft v.u geben im stanJe 
ist. Mag der Geof^raph sich noch so sehr als Spezialist in eiiiem dor Hiilfs- 
fiicher seiner Wisseuschaft ausbililcD , wird er doch Ituchstetib da^u gelaiigeri 
mit den besonderen Pflegem derselben gleichgestellt zu werden und ist insofem 
leicbt ontb(>lirlich , zumal an den Uriiversitatoti ; alloin liiilt vr iLiran fest, dass 
es die Erde als Gauzes ist mit ibren Katurvt'rliiiltnissen und ihrem Menschen- 
leben und deu Wechselbeziebungen zwischen beiden, was sein Arbeitsfeld bildet, 
BO steht er einer besonderen Aufgabe gegeniiber, welche die Pfleger der Spezial- 
facher ihm niclit stioitig macfaen kSnnen. Kann er auf dieseni Wege die 
Reprasontantcn der Spezialflicbcr uberzeiigon , dass seine Wiasenschaflt eine 
selbstandige Aufgabe hat, wird cr ofi'cubar seine Stelluug als Universitats- 
lehrer in lioliem Grade etkrken, und durch die Scbttler, welche er ansbildet, 
wird er mebr und mchr im stande sein, in den niedcren IJntcrricht einzugreifen 
und den ^Vr rt soii r Wiasensfdiaft als ein bedeutuDgsToUea Glied derhumanen 
Bilduog zu bebaupteu. 

Kopenhagen, 3. April 1891. 

Mit Hocbachtung crgebeust 
Ihr 

E. Loffler. 



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Die Plaine de la Crau Oder die proven9aiieclie Sahara. 



Von i>r. Gastav Berndt. 



ElnleltnDg. 

Im Juj^endaltor nnspros Plancten waren die beiden Nachbarkontinente 
Europa und Ai'rika mit eiiiaudcr vcrbimdcn. Da, wo jetzt die Wogen des 
Wassera zwischen Ozeaa und Hittelmeer heriiber- und hinliberfluton , ver- 
knlipftc einst ein Istlimus die beiden Kontinente uiu! schied das hcutige Mittel- 
meer, damals noch ein grosser Biniipnsee, vom Atlanti<5rlicn Ozean. Erst in 
spiiterer Zeit bei einer jener gewaitigen Hevolutioneu, ^ie sie unsere alternde 
Erde schon so vielfiich eilebt hat^ barst jeue LSnderbradce, sank in die Tiefe 
and gestaitete den Gewilssem dea Ozeans Zutritt in das Beckon des Mittd- 
meeres — Europa und Afrika waren fortan von cinandor f^escLieden. 

Niemand hat die Jahrtausendc gezUhlt, die seit jeuem denkwiirdigen 
Ereignisse verstrichen sind bis zu der Zeit, da die erstcn Volkerkeime dem 
Schosse der Krdt- ontsproasten , wudisen und weiter sich entwickclten. Seit 
jencr Zeit ist die Wi!rronp:o, wclche von den Alten die Siiulcn dos Herkules 
geiianiit wurde , ?p;itf'r abtr von Tarik und der verstiimmeltcn Hc/eichnung 
CriU ai Tarik den JNaiuen der Strasse von Cribraltar ') erhielt, uicht blosa eine 
Iiander' und Heeressdidde, sie ist anch eine Volkerscheide geworden. In zwet 
niachtigen Stromen war die Kultiir aus dem Morgenlandc nucli dem Abend- 
lands vorgedruiigen. Vom Euplirat ausgehcnd, floss der oine dicisor beiden 
Kulturstrdme durch Aegypteti nacli ^'ordai'rika, der audere breitete sicb, uach- 
dem er am griechischen Olymp eioe woblth&tige LSuterung erfabren batte» 
laogsam oach Westeuropa aus. An den Saulen des Herkules stiessen beide 
znsammen nnd aiis diosoin Zusammen«(to8s cntspann sich jenor furchtbare 
Kontiikt zwischen den Volkern beider Welttcilc, der zwci Tolie Jahrtausendc 
danern und wShrend dieser Zeit die besten und edekten Lebenskr&fte der 
grossten Nationen der Erde aufreiben und zerriitten sollte. Auf den Blacb- 
feldern der iberischen Halbinsel wiirgtcn sich Komer und Karthager in liei^sera 
Terzweifeltem Eingen und als ihre Keiche liiugst zerfallen und untergegangcu 
waren, da brach tiber die lleerenge von Gibraltar der hungrige Wtotenldwe 
in die Christenheit des Abendlandes. Wic der verzchrende Glntwind der 
Sahara, so kamen die Araber aus ihren Einoden heriibergesturmt narh dou 
Kiisten SpanieuSi urn bier das verheissene Paradies in Besitz zu nehmen. 



') Der Gibrallarfil', ^vurdc im AUcrtnni K<il}>e ^'t nannt; die Bexcicbinuig GW ist her* 
tuleiten voiu Azabiachen und bcdeutot soviol ab Jierg, Fels. 



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Die Plaioo de la G»a odet die proveD9aluoh9 SiUiara. 



147 



Lilnger deuu eiu Itaibes JaliitausenU wogte der Kampf, der nun /wiscben 
Krens nnd Halbmond^ Bibel and Koran uch entspann, unentschieden bin iind 
her. bis cndliili der LOwo des Islam dem Bilde des Gekreuzigten weichen 
musste. Die Kraft des Moliammedanismus war fortan gebrochon. Seitdem bildet 
das Mittelmeer eine scliarie Scheidewand zwischen der Kultur des Orients 
itnd dm Occtdfints. Httben wohnen die Vblker indogermaiusdier fiasse, die 
sicli 7,n Christo bekennen und die Bibcl zum Kanon ihreft Lebans goniidit 
habt !i . (Iriibcn die Abkommlinge Sems . rlio den Propheten verehrcn und aus 
dem Koran die Regeln ihres Glaubens schopfen. Hiibeu stebt das Kreuz 
Cbristi, drttben weht das Banner dee Propbeten — es kann Icsum ein schiirferer 
Gegensatz gcdacht werden als zwischen den Bevobnem der nordlichen und 
sH^ehen Mittebneerliindcr nocb hcute bt-stcbt. 

Und dennoch, so scbueideud die Kontraste auch seiu mugen, die una 
entgegentreten, wean wir die G^bicbte der nordlichen und slidlicben Mittel- 
meerlEuder sowie ibre Bewohner in Be/ug auf Pbj^ognomic und Obaraktcr, 
Sittc und Doiikun/Tsnrt, Geistes- und GemUtsbbeu mit eioander vergleichen, 
80 ziibh-oidi und auftaUpiul sind audcrerscits die geraeinsamen Zii^rn , diu wir 
wahrneliuen, wcnu wir die natUrliciie Beschafl'enbeit dicser Liiuder betrachlen, 
die Sossere Geatalt und innere geologische ZuaammenBetzung ibree Bodena, 
ibre meteorologischen und klimatischen Verhiiltnisse, ihre Bewiisserung sowie 
endlich die ?egetabilischen nnd animalischcn GebiMo. die ihr Boden unter der 
gemeinsamen Einwirkung jener erstgenannten Faktoren erxeugL Scbon ein 
Blick anf das ftussere Belief, die ganze Tertikale nnd borizontale Qeetaltang 
der L&ndergebiete, die das Becken dea Mittelmeeres rings umscbliesaen , zeigt 
UDverkennbar gemeinsame Ziige. Die Ketten der Kiistengebirge verlaufon ira 
allgemeineo ziemlicb parallel mit den Strandliniea i ein scbmaler Streit tiacbeu 
Landes scbeidet sie in der Regel Ton den Ufem des Meeres. Mogen wir nnn 
den Atlas oder den Libanon und Taurus ^ den Apennin oder die Dinariscben' 
Oder v.T'^tlicbon Scealpcii , die Alpinen und di(? Montagnes des Maures odor 
die Cevenuen , die Kiisteiisierren des katalonisclien , valenzianischen oder an- 
dalusiscben Litorals ins Auge fassen — iiberall tritt jener gemeinsame Zug 
sehr dentlicb ausgepriigt uns entgegen^). Diesc eigentiimliche Gi staltung des 
Bodens vcrbunden mit den analogen meteorologiscbcn tind klinialiscbcu Vcr- 
hiiltnissen ist doim auch der Grund, dass die Zalil der Fliisse. wrlcln^ diese 
Lauder zu dem von ihnen uraschlossencn Binncnmeere entsenden, erne vcrbaltnis- 
mfissig sebr blnne ist Nnr drei derselben, £bro» Bbdne nnd Kil, sind schifF- 
bar und an der ganzen afrikanischen Mittelmeerkiiste von Acgypten bis Marroko 
sind die meisten Kiistengewiisser niebts weiter als armselip^e Biichc . die nur 
ein epbemeros Dasein fristen. Wie im afrikanischen Literal so ist es auch 
an den Kiisten der ibeilscben Halbinsel, der Provence, Siziliens, Kalabriens 
und Friauls. Hier wie da sind die gerolliiberscbiittetcn Ufer und die breiten 
dcltaartigen Fiumaren der Kustcufliisse, die walirend des HomnierB fast ganz- 
lich ausgetrocknet dalicgeu oder nur von eiuem dUnncn kaum sichtbarcu Wasser- 
faden durcbsidcert sind , tnr Begensett fiber in retBsrade Torrenten sicb ver- 
wandeln , welche gauze Berpli;iiic;e in Gestalt fliissig gewordener GeroUmasscn 
nnd Scblammstrome mit sich znr Tiefe wiil/.en , das Kainszeielicn dor Sunde, 
die die Bewohner dieser Lander durch sinnluse Abholzung der Wiilder an 
dem Boden ihrer Heimat veriibt haben GlUhend heisse trockenc Sommer, 
in denen oft Monate lang kein Tropfm zur Erde fallt und den lechzenden 
Boden befruchtct, ;^efol^t von eiiiem rcfj;enrci(>ben Herbst and Winter, in welchem 
ofl siindflutartij^e Niedersrliliif^e das Land iibei-^cliwemmen und alles mit fort- 
reibsen, was ihnen im VVege steht; schwiile fcuciiLwariae SciroccowiuUe, welcbe 



*) Martins, du SviUherg am SMtara, u. 582. 

') Fischer, WtUdtr mnd FMUhmne der MitUimeerUinder f IkMt* Jferve 

IV, 4 p. 267. 



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148 



Dis Pkittd de U Oma oder die proTen9aliBelM SalUMi 



die Lebenskraft verzebren und den Organismus entncrven, wecbselnd mit 
trockenkiilten Landwinden oder gluhend licisson Stanbsturmen , die direkt aus 
der Wii<-tn l-ommen und mit ilirem Grluthauch alios , was Odem bat , zu ver- 
sengeu uud zu crsticken droiieii — das sind die genieiasamea liauptziige in dem 
Idimatiwhen Bilde der MitfeelmeerUiiider , die sich mit eimgen Modifikationen 
immer wiederbolen. Diese merkwlirdige Harmonie in der iiusseren Konfiguration 
und inneren KoDstitution des Bodena sowie die auffallende Verwandtschaft der 
bieraus resultiereuden hydrograpbiscbeu , meteorologiscben uud klimatiscben 
VerhftltniBBe kommt denn auch nirgends in so ttberraBcbender und augen- 
ftlliger WeiBe mm Ausdrnck als in der Uebereinstimmung der cbarakteristiscben 
Banmformen und Pflanzengostalten , die als typisch fiir die Vegetation der 
Mittelmeerliuider zu betracbteu sind. Rings um das gaoze Mittelmeerbecken 
gcddht der Weinstock in bdel»ter Yorticfflidkkeiliy und scbon der Name 
des Getrankes, der in fast alien europaiscben Spraoben mit dem Semitiscben 
iibereinstimmt »), scbeint darauf binziideuten, dass er vielleiciit die erste KnUtir- 
pflanze war, die, ausgebend von ibrer urspriinglichen Heimat iu den Fuutuii- 
und Kaukasuslfindern, dem Strom der westwarto TOrdringenden Kultar langsam 
folgte nnd bo audi ullmiihlich nach den L&ndem des Ocddenfs gelangtc. Den- 
selben Weg auf der Waiulerung aus tn Morgcnlande nacb dem Abrmil tT. le 
scblug wobl auch die Olive cin, dor iiauni der Miuerva, dessen Verbreitungs- 
gebiet eineu last vullkommeu gei>cliloi>beuen Uuitcl um das Beckeu des Mittel- 
meeres bildet Wo der Oelbaum gedeibt, reifen aucb F^en nnd Mandeln, 
Aprikoscn uud Pfirsiche und zu diesen cdlen Fruchtbiiumen , die , wie man 
gewohnlich annimmt, dem Orient entstammen, gesellen sicb Lorbecr und AI\ rte, 
Grrauatapfel und Maulbeerbaum , sowie die kostlicben Aurantiaceen- und 
Hesperideenarten mit dem ledwartig gliinsenden Laob nod den goldgelben 
Fr&cfaten. Nun ist zwar nicht zu leugnen, dass bci der Yorbreitung ail dieser 
eben gcnannten Kulturpflanzen die Hand des Menscben vielfach mit im Spiol 
gewesen ist. £s ist sogar mit voiler Sicberbeit uacbgewiesen, dass die Araber 
nicht nur mefarere Weisenarten*) und ebra gamte Anzabl anderer wertvoller 
Kulturpflanzen, wie die BaurowollsDstaude and den Jobannisbrotbaum , deren 
apaniache aus dem Arabischen entlebnte Namen schon auf ihrcn oricntaliscben 
Urspmng biudeuten^), aus ibrer ostlicben Heimat mit nacb Westeuropa ge- 
bracht nnd dort beimisch gemacbt haben, sie haben auch den edelsten aller 
morgeolandiscben Frucbtbliume, die datteltragende Palme*) — Phoenix dacfy- 
lifera — auf der iberisrlim Halbinsel zuerst angepflanzt und jetzt schmiickt 
der scbdne Baumi der mit seinem schlauken Stamm uud seiner piastisch 



') Hebraisch griech. olros; latein. rinuin; iful. vino; span, vino und bt'no; 

ft, uud prov. vin; engl. mne; dtsch. Wein etc Fiacher, Walder und Fruchthaine p. 265. 
BehB, (hiUur^lanjren und Meatstiere p. 64. Daas ftvch die »1t«a Aegjpter sebon Wdnbau 

triebcn, ergiebt sich claraus, dass in den Crtlflt'n aus der iltesten Zeit BiM r sjch findea, 
■welche die Weinkultur darstellen. Man sitht da Wiuzer, welche Traubtm vom Spalier 
nehmen, wSlirend andere den Most austroten. DarQbcr stoht geschriebon: ,Das Leaen der 
Tiftuben dea Landgnta/ Ber Beuiier deaaelben biesa Ptah-botep, der vor oiwa 6000 Jabnn 
kur Zeit der Fyruoidenerbaner kbte. Noeh beute erimieni MaventQdte u den Ufiani dee 
inareotiscben Sees, welche die Araber ,Woiiipre8Hon'' nenncii , an jcne alttigyptische Rebei^ 
kultur. VergL hierdiber £bers, Cicerone durch das alU und neue Aegy^Hf If p. 57. 

■) Willkomn, titer iKe Verdndtfwiffm He.; Liitnttea XXVI, p. 686 und 687. 

') Wie aus dcni arabischen Wort fQr BauniwoUe d&s span, algodon, das prov. alcoto^ 
daa altfr. auquetoit, das oeufir. ooton, daa ital. eoUmt^ daa deutache Kattun bervotgegangea 
nnd, ao itt der arabitehe Name dea JobatmiabiotlHMinia daa Wtintelwerfc, tou welefaem 
abstaminrn' - ] an. garret, algarrobo, garrofa, port afarrobeira, it. carroho und carrubhio, 
frans. carouve. VergL Dies, etj/mol. WorUrb. d. rom. Spr. 1, p. 115 und Hehn, KuUur^ 
pfUmtm und BamUent p. 867—371. 

*) Fis> hnr, Br;tia(je zur jihyRis<hfn GiOiiraph!e ihr Mittehneerh'inrJ'-r : ^tudien uber 
das Klima der MiUcimeeridnder ; Wdider und Fruchthaint der MtttelmeerUmder i die DtUtel- 
fotme. — Be ha, L e. p. S17— 988. 



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Die Pkine de la Crau oder die~provenfalucbe Sabars. 



149 



geformteu Bliitterkrone aiie underen liuumg&sialten hoch iiberrugt, den ganzen 
Kfittemaum des Hittdmeeres tod Damaskus and deo heiligeD Apollohtdnen 
aof Belos und Chios bis zu den Dattelwaldern von Orihuela und Elche , das 

man nicht mit Unrecht daa Palmyra des Abcndlandcs genannt hat. Aber 
nicbt bloss in der Yerbreitung der vou MeuHcbeoband gehegten und gepflegtea 
K^tnipfliuiMn , anoh in der geogrnphischen Verbreitang der wild nod ohne 
Pflege geddbenden Gewachse bekundet sich cine unverkennbare Ueberein- 
stimmting der cluiraktoristischen Typen, welche die Pliysiognomie mediterraner 
I^dscbaft bestimmen. Wie Lotus und Papyrus die Charakterptianzen des 
alten Aegypt^u^, so konnen Pinie und Cypresse als die gcmeinsamen Charakter- 
pflansen der gesamten Mittelmeerlander bezeichnet werden*), die von der 
Strasse von Skutari und dem goldeuen Honi l)is zur Meerenge von Gibraltar 
lille Kiistensatime und PfertVlsen schmiicken und oiiicn st» liervorstechcnuK'n 
Zug in der Phyiiiognomie jeuer tjiidlicheD G^enden ausmucbeu, dass sie uut 
den bildlichen DaisteUimgen neditetnner Landedialt fast sur stereotypen 
Vordergrundstaffage gowurden sind. Aber nicht bloss in dem entschiedenen 
Vorwiegen der KonilVrm, unter wclchen nebon Pinie und Cypresse nnmcntlich 
die Lariciokiefur {Tiuuii Luricio), die Aleppoticbte {Rhus hcUepeusis) uud 
verschiedene Wacbnolderarten , wie Jumperus Sabim und jHH^aerus fkurifera, 
ZQ finden sind, gegeniiber dem anffollenden Znriicktareten der Luubhr)l/er. 
unter denen besondcrs die immergrtinen Eichen, wie Qucrcus Ilex, Q. Ballota, 
Q. coccifera, Q. lusiianica und Q» To^ga, waldbildend aul'treten — auch in 
einer gunz eigentttmlichen nii^ds soast als in den [Imgebangen des Hittel« 
nieeres so cbaraktcristisch auflretenden Gestriippbildung, die in Palastina Hischj 
in Griechenland Xcravuni, in Italien Macchia, i: Siidfrankreich Gnrriiiues, in 
Spanien Monte bajo genannt wird*), sowie endlich uucb in dena entschiedenen 
Vorherrschen der Zwiebel- und Staudengewacbse, namentlich aber der Genisteen 
und Cistineen uud jener aromatisdben Felsen- und Steppenpflanzen, die, meist 
/u den Labiaten gelu'Jrcnd, weniger Juicli P^'iille dor Blatter und Farbunpracht 
dcT Hliiten als durcli intfTi^ivrn (Tfiuch sicii Ixnncrklicii niachen, spricht eine 
80 uuiiaiicude Emheitliciikt^il uud Uebereiustimmuug in der Vegetation der 
Hittelmeerliinder*) sich aus, dass man, so vieles auch dag^n geltend gemacht 
werden kaun, uuwillklirlich sich geneigt fiihlt, dus ganze MitteTmeerbecken als 
einen vollkommen selbstiindigen , von den umlicgenden Hinterliindern scharf 
gescbiedenen Schopfungsberd zu betracbten, dcsscu zentrale Teile unter den 
Wassern des Ifeeres versnnken sind, wfihrend die R&nder dieses Beckens den 
Spiegel desselben noch iibcrragen und in alien Zfigcn ihrer natiirlichen Physio- 
gnoraie den Stenipel der einstigen Zusaramcngehorigkeit noch bis auf den 
hetttigen Tag unverkennbar zur Schau tragen'^J. Diese gemeinsamen Ziige 



1) Fi^^clioi , Wdlder und Fruchthaine, p. 259 und 266. — Hehn, 1. c p. 228 and 240- 

•) Fischer, Wdltler und Fruchthaine, p. '^^2. 
'I Fischer. Studnn, p. 1. 

♦) Christ, das Pjlaiuenleben der Schweis, p. 20—^7. — Fischer, Studitn, p. 82— 84s.— 
Grieebmeh, die VegeMion der Erde, I, p. 281—873. 

*) Martins, 1. c. p r>:?;? — S uesfi, das Antlitz dtr Krtfc, T, p. "60 - 460. Das>' nbriprcns 
Victor Hebn viel zu weit gblit, wenn er in seinem witjUtjrUult zilierteu W'urko ubei die 
Eulturpflanzen und Uaustiore alien Kulturpflanzen dor westlicbeu Mittelmeerl&nder fa^t auH< 
nabmaloe du Indigenat abspricbt and ne luit der von Ost nach West vonckreitenden Kultur 
Mfl dem Horgenlaad nach dem Abendland einwandem lini, baben scIiob A. de Candolle 

Sder Vr»prunij der KulUirpfnnzcu) uml Orisebach in imistergiUigpii .•\rl)fiten nach^^ewiespii. 
n ein vdllig ueaes Licbt tritt nun aber die HeimaUiragu jener Kulturptiiui^eu der Mittel* 
meersone, wenn wir die neuesten Entdeekungen fossiler TBanzenresto in den jilngoren Krd- 
acbicbten SQdftankreicbs nacb ibrer ganzon Bedeutung wQrdigea. JDort hat Sapor ta in 
den Tuffen von Mezimieax eine Varictilt der Granate, im unteren Miocen von Narbonne einc 
solche der Myrte nachgi.'wit'scn uml (iaudin, Plancbou u. A. fumlfi; ilon Fi'im'vnhiium in 



•ehwecer ab die getatniehttea Bypotheeefl, die nnr aof liagutitawI^kultDrliutoiiedie Deduk^ 
UoBen ridi etfttimi. 




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150 



Dio Plaine de la Crau oder die proveoyalische Sahara. 



I 

treten in ihrer UebeniiiBtimiiiiing nodi Beh&?fer bervor aU dies die Tontdien- 

den ganz allgcmcinen Andeutungeu nachzuweisen vermochten, wenn eoger be- 
grenzte Gebiete im Detail mit einander verglichen wcrden. So ist mit yollem 
Becbt bebauptet worden, dass die ibenscbe Haibinsel sowobl in ihrer borizon* 
talen nnd Tertikalen Gestalt wie ancb in Klima and Bewfiaeening , ganz be> 
Bonders aber in ihrer PHanzenbedeckung wait mebr einen afrikaniscben als 
einen europaischen Charaktcr an sich tnigt'). Wie die Haibinsel dcr Pyrenaen 
80 zeigt aucb die Kuste der Provence eine auffalleude Verwandtscbaft mit dem 
benachbarten afrikaniscben Eontineni Das krafti^c Profil ihrer *aaa KaXk, 
Gxaoit Oder Porphyr bestebenden Vorgebirge, die rhythnuache Wiederkefar 
ihrer halbkroisformigen Buchten , die von diesen Vorgehirgcn portalartip: inn- 
schlossen sind , die charakteristische , vielfacb schon subtropische VegeUUon, 
welche dio Felsenfianken dieser Vorgebirge und die Qestade der sie verbin- 
denden MeeresbnchtMi bedeckt, die Farbe des Himmels, der sicb iiber solcher 
Landscbaft ausspannt . und der gliihende Strahl dt;r Sonne , die fast irnmer 
unbewolkt von dicsom Hinimol hcrabscln^int — alles das erinnert woit mclir 
an Afrika als an Europa und im Ausciiauen dieser proven^aliscben Uferlaud- 
scbaften mochte man glanben, dass die Wellen des Mittelmeeres aof ihrem 
Wege von Siiden nacb Norden d;i3 Spi^elbild der Kalkfelsen und Sand- 
btinke, die sie an den KUsten Mauretaniens und der Berborei bespulen, mit 
sicb heriibcrgebracbt baben bis an den Fuss der europiiiscben Aipen^). Dieser 
entschieden afirikanisehe Typus in der Pbysiognomie der proven^alisdien Land* 
scbaft beschraukt tidi jedoch nicbt bloss auf den zwischen Rhone und Var 
sich liinziehenden mediterranen Literal , er ist anch wciter landeiiiwlirts sehr 
deutiieb ausgepriigt ; nirgends aber tritt er £rappierender za Tage, als in jenem 
iiberans mentwtirdigen Stiick Land, das unter dem Namen der PLAICE D£ 
r^A (^KAI' bckanut ist nnd wegen seiner auffallraden Verwandtscbaft mit 
der afrikaniscben Wttste nicbt mit Unrecht die franaSstsche Sahara geoannt 
worden ist'). 

So bcscbrilnkt dieses Gebiet seiner ruumliclien Ausdehnung nacb ancb 
ist, so interessant ist es in geologischer und hydrographischer Hinsicht wie 
audi in Brzng auf sein Klinia, dio Art der Bebauung und die Er/.eugnisse 
seines Bodens sowie die Lebewesen, welche denselben bewolmen. Da dieses 
merkwiirdige Stiick Land nicbt niir dem Geologen und ivimiatologen , dem 
BotanikerundZoologen, sondem ancb dem praktiscben Laadwirt, dem Historiker 
und Etbuologen des Interessanten und Lchrreichen ausserordentlich viel bietet, 
da aber gar manches von dem. was hierilbcr veriifientlicht worden ist, vor dem 
Forum der neueren wissenscbaftUcben Forschung als uuricbtig und nicbt mebr 
haltbar rich enrieeen hat, da endhdi manches ^Achtenswerte in Bemg anf 
£lima, Erzeugnisse und Bewohner dieses Gebietes noch wenig oder gar nicbt 
bekaiMit ist, 550 will die vorllegende Arluit. die leider ihrcn Oegenstand 
nicbt so cingchend behandeln und in der \V eise erscbopfen kanu, wie derselbe 
es Terdiente, sondern ans Uangel an Raum in den eng gesteckten Grenzen 
einer knrzen Skizze sich halten muss, das oben erwUbnte Laudgebiet der Crau- 
ebone 7.um G-egenstande einer geograitliiscb-j)bysikali8chen Untersuchung niacben, 
welche, ausgehend von der Etymologic des Nam ens . zunaclist die landschatl- 
liche Physiognomic, Topographic und Geologic des iu Rede stehonden Gebietes, 
sodann sein Klima und die damit in engster Beziehnng stehenden Bewfisse- 
rungsverhiiltnisse beliandelt. hierauf, der Welt der orgatiiscben Lebewesen sich 
•/.uwendend , die durcb BochMibcscbaflfenheit , Khma und Bewiisserung bedingtc 
Flora und Fauna sowie die hiermit im cugsten Zusammenbang stehende Be- 

M C;i\ iinil! OS , ol-i rraciofif/i aohre la hiHtoria }iatural, geofjiafln. agrit oVura, pobla* 
cum y fruiik^ <hi reyno de V'aletn-ia. — Willkotam, die Ualbinael di:r I'tjitiidcit, p. 2- 
Rectus, nouvelle geographic unirerselle, II, p. 178. 

Martin*, 1. c p. 427. - Coqaand, la Crmi Buttet. de la Soe. giohg. de Fnmee. 
XXVI, p. 582. 



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Die Flaine de la Cmu oder die proTen9aU8cb6 Sahara. 



151 



biiiraiig dee Bodens betrachtet, um dann noch einen knrzen BUok anf die 

eihnographiscben Verhaltnisse des Gcbietcs /.n wiifen unJ cndlicli in cinor 
abscbliesscndcn Zusammenfassung den Nacliwcis zu liefern, wie es voUkommen 
berecbt%t ist, die Plaine de la Crau die fjranzosiscbo Sahara zu ueonon. 



I. £t)rmologie. 

Unter CraK oder Cntou ^) vcrsteht der ProvciK^ale eine rait Kieselsteiuen 
von verscbiedener Grosse bedcckte Fliiche. Es giobt ini proven<;alischen 
Kiisteugebiet mebrere solcbe mit dem Namen Crau bezeicbnete kSteintriimmer- 
feller*). JDasjenige, mit welchem wir in dem Torlteg«ndeii Versiicfae es za tbun 
hftben, isk der schun im Aliertum beriibmte Campus k^ideus oder Campm 
Herculetts, der jetzt die Crau par excellence, wohl aucb die grande Crau (T Aries 
genannt wird zum Uuterscbied von der im Nordea der Alpiuen gelegeneu 
petUe Cra», die am linken Ufer der Durance swisclien Saint Bemy und Mol* 
Idges rich ausdehnt. 

Bochart^), der von der Ansicbt ausgeht, dass eine direk' ^^ r vandt- 
scbafit zwischen der keltiscben und den orientaliscben Sprachen besteije, will 
das Wort Crau auf eine hebraiscbe Wurzel zarfickfUbreD) die soviel wie Fels 
bedeutet haben soil. Ricbtiger ist es wobl, wean Oambden*) in seiner 
BrlUmnia annimmt, dass das Wort keltisclieii Ursprungs sei. Aucb Diez*) 
erkliirt es I'iir ciiics derjeni{,U'n Wiirter, deneu man unhedenklich keltiscbe Hor- 
kunlt zusprechen kuune. Im Kyuirischen lautet das Wort craiy , im Breto* 
nischen h-ag, im Galischen creagy mr^, crag, im Englischen crag — Worte, 
die alle soviel wie Stein , Pels , KUppo bedeuten. Wie aus sdag esdau , aus 
fag fau geworden ist, so wurde aus crag crau, dis aus^^or im Provengalischen 
aucb uoch im Patois von 8avoien und im iS'ormanuischen in gleicber Form 
Torkommt und bier einen weicben leicbt modellierbaren Stein bedeutet. Bei 
den proven^aliscben Troubadours kommt das Wort Oran nicht als Apellativum 
vor»), wohl aber tindet sicb bei ibnen das Adjektiv crane steinij^ und Gups- 
sard^) iibersetzt es nicbt unpassend mit skrilis , was durcbaus der ^'atur 
und Beschaffenheit eines solcben Stdntrammerfeldes entspricfat. Wenn aber 
A struck) behauptet, dass die Worte gns and grave auf dicsolbe Wurzel 
zuriick/ufuhren seicn , wie das Wort cragf 80 ist dies durcbaus unricbttg, 
was Uiez') Uberzeugend nacbgewiesen bat. 

>) Iiu Tes-tament des lieillgcii Cacsarius wird die Crau oder Crnou nocli ctiinpu.'i 
lapid€u» genaunt Unter ibrom mitieUateiiu«chea Nameo Oramu, nebea wolcbem auch 
crMWNi vat ftaden itt, kommt ne mrknndlioh sa«nt tad den ItaiMrlicMn Ghuttn diss 11. lahr- 
hunderts vor, welche die Privilogien <h'v Kirche von Aries erwahnen.' In einer andcren 
Ctkuode Tom Jahrc 1225 wird sie cruris geuauut YergL Villeneuve, sUUieti^e du 
dipartement des Boueh^'drn'Skonet II, p. 888. ^ Ifittral, dkUonimn pnwn/g'^- 

*) Miitral, der d» Wort Cmt m der eben ritierton SteUe mil fofuie eoMverte ie 

caiUoux, terroir pierrritx (Uiorsotzt , unterscheidet von uu.sror Grande Crau Aries, die von 
den I'roven^alen auch la plena Crau, la vaaio Crau, la Crau coussou geoanut wird, la 
jMMo Crau, die zwiscben Novcr, Kjragues tand Cbftteau Renard neh amdehnt 

■) Bochart, Chanaan lib. I, cap. 42. 

♦j Cambden, Britannia cap. de primig ineolis. 

») Diez , 1 - II. \>. -liil. 
Tan de marca cum ha codols.en Crau (soviel Mark aU Kiesel in der Urau) Ray- 
BOttsrd, ehoix de poimet du IVovlMufowrs, I, p. 294. 

^ Gnessard, gram. prov. — Die?., 1. c. 11, p. 2C7. 

') As true, mimoires pour Thistoire miurdlc dc la province de Languedoc, p. 429. 

») Diez, 1. c 11, p. 320. — Mistral (dictionnaire , p. 6G5 und Mireille, p. 44) 
will das Wort Ciaa mit dem giiech. x()ttiQos in Beuehang aetzen und Bouche (Vhoro- 
graphie ou demipHm de Provence, I, p. 19) leitet ei mr von dem Tei% «att{te ab, weil 

dif T^irv^i II Albion und Bergion im Kani}ifr' init Ilorknlps bier ttaxk geicblieil IMbeil, ^pwr 
donner lepouvante a JUercuW, wie Bouche binzusetzt. 



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152 Plaioe de la Crau odcr die proTeofaliscbc Sahara. 



U. LandsehAftUelie Physlognomie. 

»AMi Ami* la mm; t Iw MtUrt, 

llmt Iw }y«N, tmt r^MTiMrr, 

lit M nurn etnmu: d'aiglo, au patU UaHtft 

Itt la mar ftrntuo, t dt n vabHf 
K lit ti toHmpU, riM, alabre, 
Kt/Hrrga lou lir dt mabrt, 

J. AitfmtiuiiH, itm Troa r I AurtUft, 
D'tm ta*tr <iirl,rtri <lr Mttrt 
Amat*ol<in itijm tu trntma* . . . La Cruu, 
i dufttMta Crm 4anrt9, 
Lm mmd* Crm, ta CNm^Mtrtt, 

So schildert ein geistroUer provenralisclier Dichter der Neuzeit, Fredcri 
Mistral, Entstelmng unci landschaftliclie Physiognomie dor Crau im aditon 
Gesange seiner Mireio, einer bukolischen DichtUDg, die zu den anmutigsien 
Erzeugnissen der modernen provengalischen Litteratur gehort und uns das 
Natnr- und Mensclienleben dieses merkwurdigen Landgebiets in ebenso reizeD* 
dor unci anzichender Sprache als feaaelnder and anachaulicher Darstellttiig vor 

Augcn ftilirt. 

in der i iiat mciiU kaim uberrascUeDder und Irappierciider sein fUr den 
Fremdling aus dem KordeO) als der erste Anblick der anscheinmid nnabteh' 

baren Eindden , die ihn auf einmal von alien Seiten umgeben , wenn er , bei 
Aries (lio reicb bebauten Fluren proven^alischen Landes verlassend , zur 
Sommcrzcit das Craugebiet betritt. Wie auf Zauberscblag ist das iippige 
Griin der G&rten und Fflanznngen, welche die reicfet bebauten Ufer dee £hone* 
stromes zu beiden Sciten begleitcten , plotzlich verschwunden — trocken und 
diirr, wie verscngt und verbrannt, liegt der nackte, hicr braunj^rauo , ilort 
ockergelbe, da aschfuhle Felsenboden dieser unabsehbaren Steintriimmerwuste 
vor ihm, aUBCheinend ohne jede Spur verhtillenden Pflanzenwuchses — tot and 
Starr wie die Wttste. Nur da und dort ragcn, bleich und silberweiss, die. 
diirrcn sonnversengten Stengel einer Distelstaude , das verstaubte G-estriipp 
eincs l)IjitterIof5en Ginstcrbiischcs , oder die verkriippelteii und verkriimmten 
Stiininie einer Kermcseiche odcr Aleppofohre aus dem taubeu Geroll der uden 
Triimmerfelder, die rich scheinbar grenzenlos in unabsehbare Fernen dehnen 
und dem Blicke nirgends i inon Halt oder Ruhepunkt darlnelen. Die trockene 
Luft liat gleichsam Klar^j; und Ton gewoniien in der verzehrenden Glut, die 
eiuen Tag um deu auderu vom ehernen Sommerhimmel niederbrennt. Wie 
wenn If illionen .feiner Glaascberben klirrend durdi einander gescbfittelt wfir- 
deii, so klingt das unablSssige Qesdiwirr zablloser Cicaden, Gnllen, Heimclien 
und Grashiipfer, die im beissen Gestcin und im verstaubton Gestiiude ibr lautes 
Wcscn trcibeu. Yuii Zeit zu Zeit scheucht der schreitende Fuss einen Flug 
echter Wanderfaeuschreeken anf, die bier in diesen nnbebauten Strintraramerw 
feldern eine seiten gestcirtc Brutstatte finden. Aber ihr Flug ist triig und 
matt, ihr Korper kraftlos und diirr wie die Halme der Graser und Krauter, 
von denen sie sicb nabren. Langsam und triige ist auch der Flug sonnen- 
mtider Raubvogel, die in langeu Spiralen das einsame Revier durchstreifen 



'} ,J)im ouvre hi imim ; el U JfiMro), — avec U Foudre et TOum^m^ ^ de 9a main, 
«omme des aigUt^ wnt parU» i<ms tront; — d« la met profonde, et de tet ram'tu, — H df 
ses ehtmes, iu tont, avidea — Spierrer le lit de marffre; — et ensuite a'elevant commc un 
lourd hrouillard, 

LAquiUtn^ la Fot^i et POuragamf — d'tm wie eotiv^cle de pondinjwe — assom- 
metU In let e&lonei . . . £a Crmt, — la Cmu emerU mix thwe venU, — la Crau muette, 
la Omu ihetit — a ecntervi Thtitri^ eomertttni", . . 

Mistral, Mtrdlie YIU, 331. 



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Die Plaine de la Crau oder die provenfaliscbe Subaru. 



153 



untl niit deoi schrillen Schiei ihres weithin scliallenden Jagdrufs die Stille 
dieser Eindden von Zeit zu 2eit nnterbreclmi. AUes ist mild und matt, alles 
wie versengt vom Strahl einer Sonne, die Tage lang, Wochen laiifj mit fast 
afrikanischer Glut vom immer wolkenloscn Himmel niederbieiint. Alles 
scbmacbiet uach Kublung uud docli noch immer kein Wolkclieu urn stahl- 
fiyrbenen Sommerliimniel sich zeigen , das anch nnr ao grow wSre wie ein 
FUnffrankenstUck. Nur das leichtbewegli' he Y-.'lk der Eidechsen scheint 
sich wohl und behaglicli zu fiihlen in solcher Luft. Immer behend . immer 
munter und regsam , schliipfen die kieinen oiedlicbeD Tiercben rascbelnd 
dnrclis dUrre Oras, gleiten flink vnd gewmndt Qbor die heissen Steine hin, 
blicken dabei kltlg und neugieri;^ mit ihren glanzenden Augcn nadi alien 
Riclitiingen bin nm sich 1 leckoii bestiindig mit den kieinen fciiitMi Ziirifj- 
Icin, denen eia Tropfen Moigcntau zu geniigen scbeiut, um ihren Durst zu 
ISechen. So gleiten sic schnell wie der Blitz durch die Glut, die immer er- 
stickender wird , je holier die Sonne am Hinunel eniporsteigt Die Strahlen 
schcinon sich in gliibende Pfeile vcrwandclt zu haliLMi. die von Stein zu Stein, 
von Ptlanze zu Ptfanze weitcrschiessen und die ganze Luft ( ntziindcn, dass sic 
zuletzt einem Kessel mit gliibendem Metallfluss gleicbt, in widchem os be- 
ttandig siedet und brodelt, gShrt und kocbt, wie in einem Hoebofen, fainter 
desseu fackelnder Lobe alles zu zittern und zu tanzcn scheint, als ob da ein 
S<-bwarm feuriger Wespen unnufhoilich auf und ab fltige. 8elinsiichtig schaut 
das geblendete Auge nacb alien Kicbtungen aus nach einem Busch oder Baum, 
der t3cbat(en und Efiblung b5te zvl erquickender But — vcrgebens! — f^Ni 
(Vauhre , ni (CmoAro, ni d'nmo'^ ^) BBgt Miatral sebr bezeichnend .in seiner 
klassischen Charaktcristik (Ivr Crau; denn auch vom Mcnsclien und seinem 
Tbun ist wcit und breit kaum eine Spur zu gewaliren und Stunden laog kauu 
man wandem, ehe man einmal einen jener einsamen Mcicrhdfe antiifft, die 
bier ;?cnannt werden und mit ihren Weinpflanzungen, Fracfatg&rten und 
Getroidcfeldern wie griine Oascn mitten in dor sterilcn Steinwiistc liorrpn. oder 
das vert'aliene Geniiiuer einer stcinernen Hirtencabano, die. (Tiau in (irau gc- 
zcicbnet, ins fable Felsengebuckel sich niedcrduckt und kaum zu uuterscheiden 
ist Ton den kablen SteintrOmmerfeldem der Oooflsons, die sie rings umgeben, 
odor eine verlassene Bergerie, dercn Hirten und Herden binaufgezogen sind 
nach Apu f^riinen Hoclnvoidcn der brian^onischcn Alpen, nur die altcn. kranken 
und hiutaihgeu Tiere der Herde zuriicklassend, die die weito "NVanderung nicht 
mebr mitmacfaen kSnnen. Da stehen sie^ die armen Tiere, TerlaBsen und ver- 
gessen mitten auf der sonnendttrren Haide, ohne Hirt, ohue Hund, f^zlich 
'«i( b sclbst iiberlassen. H'lc fressen nicht, sie kaupn auch nicht wiedor — mit 
oiieuem Maul und lechzeud herausbiingeuder Zuugo baben sie sich so dicbt 
ak mfiglich in dnander gedrMngt, immer eins den Eopf unter den Baucb dee 
andem stoasend, wie wenn sie dort Schatteu und Schutz suchen wollten vor 
dem allcs versengenden Strahl der Hocbsommeraonney die ibnmi erbarmungslos 
auf den Pelz niederbrennt. 

Aos den StrandsUmpfeu und Marais, welcbe die lifer der Etangs um- 
geben, siebt man von Zeit xu Zeit ganze Scharen brennendroter Flamingos 
aufsteigen, oder ein Trupp scheucr Trapprn flieht. dem Strauss der Wiiste 
gleich . mit Windeseilf iiber die braune Hni lc. Manchmal taucht ein Rfiicr 
am ferneji Horizonte aul, der auf fliichtigem ivoss iiber Stock und Stein daiiin- 
jagt) nm bald darauf wieder binter einer ParkhUrde^ einem Steinbag oder einer 
Juniperusliecke zu verschwinden — man meint, man mtisse den wcissen Burnus 
eines Beduinen binter ihm herflatteni seben - so freradarti^' ist der Rindruck, 
den solch eine fliicbtig auftauchende und plbtzlich wieder vcrscbwindeude Er- 
scheinung jedesmal bervorruft. Mandunal. Irabt auch einer jener schwanszot- 
tigen Ca^argnestierey die hier Suom marins — Heerstiere — genannt wer- 



>) .A» arbre, m ombre, ni amel' Mi«tral, MireiUe YIU^ 331. 



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154 



Die Plaine de la Crau oder die proven^aliache bukara. 



den und den wOden Btifieln der rSmisehen Oampagna sebr ahnlich mni, Mm 

breitgehSrntes Haupt.aos dem Schilfrobr imd Binsengestrilpp tines Sumpfea, 
schaut sich finstor und drohend mit seinem tuckisch blickmuku Auge nach 
alien Hichtungen hin urn und verscbwindet wieder mit wutendem jScbnaufen 
iat dampfendmi Pfobl, der thin als Lageretatt dient Von Zeit so Zeft^ ir«m 

del- ^locrwind mch aufmacht und in wildcn Wirbein daberfegt» erheben sicb 
dicke braungraue Staubsiiulen boch in clio Luft , wandern trombpnai tig ein 
Stiick weit durch die Steppe und verschwinden plotzlich wieder, indem sio vor 
den Augen des Beobacbters wie in sich selbst zusammensinken. Wohl bringen 
Bolch frische Seebrieen fur einige Augenblicko erquickendo Eiihlung; aber sie 
ist immor nur von kur/cr Datier ; sobald der kiilile Lufthauch vonibergozofron, 
ist die alte Glut wieder da, die immer erstickender wird, je boher die Sonne 
steigt Die grauen (Jraukiesel, die die vcrlassenen Weidetriften bedeckeu, wie 
die dnnkelblaugrlinen Jnniperuahecken , welcbe die Ooaseons von einai^er ab« 
gren/en , die windzerzausten Wipfel der Aleppofohrcn wie die vom Mistral 
gcbeugtrti Stiimme der niederen Kermeseichen, die liie und da aus dem Wirr- 
sal von iiiockon und Triimmern aufragen, die dunklen Silhouetten der italie- 
niscben Pappeln und TTlmen, die in langen Alleen die Ufer der Kanale nod 
Wasserleitungen bej^leiten, wie die feinen Linien der Telegraplienstangen , die 
den Bclinurfijraden Lanf der nacb Marseillo fiihrenden Mittelmeerbahn bezeich- 
neii, die spitzen Tiirine ferncr Kirchen, die, am aussersten Kande des Ge- 
sichtskreises aufragcud, die Wobnstatten der Uenschen besseichnea, wie die 
sierrenartig xws&gten Gipfelreihen femblauer Bergketten, die mattdammernd 
hintcr ibnen wpgziehen und die Wiiste von der bewohnten Welt 7m scbeiden 
scheinen — alles zittert und tanzt wie trunken bin und her in der tiimmern- 
den Glut der bolien Soune, die gauze IStiiime vuu Liuht und Glanz iiber die 
Haide ausgiesst, als ob sie allee, was in ihr lebt, versengen und verzebrcn 
wollte, dem liun^ernden Lowen gleicb , der , wif^ der Dicbtcr so bezeichnend 
sich auadriickt, mit dem Blick die abessinificbeu Wiisteu verscbliogt: 

la eaiour sempre mat vwo, 
annpre qwe mai se recalivo; 
E aou soulhi que motmto a Vafrest dou chn sin, 
Duu soulei'as li rai r Vuiclc 
Plovon a jabo coume uii ruscle: 
Simblo un I«mnm» g»e, dius aoun rtttde, 
Dewnifis dou ngard U demt oMmi / 

Souto un fau, que fnric bon jaire ! 

Zxm bloitnd dardai belt^^aire 

Fed parHue d^ekaeme e d^eistame fiuromt 

jyei»8ame de ffuf<tpo, qtte volon, 
Mountotit davalon, e tretnolon 
Ommt Jam qv€ iamoion* % 

Und wenn nun das Tagesgestirn den Meridian passiert hat und es gegen 
die dritte Mittagsstunde bin geht um die Zeit, wo die fiberbitete Lnft den 

bochsten Grad ibrer Warme und Trockenbeit erreicbt hat, dann /cigt aich 
wohl gar jene merkwiirdigc Lufterscheinung der Fata Morgana oder Mirage, 
die deu Wanderer giinzUch vergessen liisst, dass er noch auf europiiiscbem 



1) ,£lf la chaleMr, de pine tn flue vive, — de plue en plus devient ardente; — et dm 
toleit qiti numte au eimth du dd pur ^ du grand Saieil les rayons ef U ftdb — vleiiWMif 

o f r < comme itrw gihoulec: ^ t» un JiOM, doM la foim gui U towmenU, -^Wecre da 

regard leit deserts ahyss>ns ! 

Sous un luiiti, ipi'd ferait bon s'ctoulrc! — Lc blond rayonuement (du aohil) qui 
scintille — simule des essaiins, ties esmims furieux, — dea cssaims <!<• ijuepet^ fui ttdeiUt — ' 
motUentt desemdent et tremblotenl — eomme des iumes gm s'aiguisenC 

Mistral, MireiUe S, 393. 



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1 



Die Plaiue fle la Crau oder die proveafaliiche Sahara. 155 

Boden weilt nnd ihn wie mit Zanberschlag mitten in die Wttste veorsetzt, wo 
jeiieB Phanomen oin ganz alltigliobeB ist, welches der Dicfater der CraoidylleD 
w aaachaalich eobild^: 

,Mai pciu-n-pau 

Lou terradou se desentristo; 

JB veici pau-a-pau qu^aprraKn W MOH * 

E trelusis un grand clar iVcdgat 

Li dakuler, li bourtoniaigo, 

Autour d* term 4«m »*tmdgo 

Gramditton, e ee fan un eajpiu ^oumbro mon. 

Ero uno cisto eelestino, 

Un fret pantai de I'alestitM ! 

Dr-loiui lie I'aiijo lihiia unO Otlo Iku-Iku 

AUh s'aubouro, erne n UttOt 

Si font, a glhimi, » IAiKmo, 

8i eUmdfU Umn^tm eriistM tm wnlhi*'*). 

Ein scbriller PfifT weckt den Wanderer aus dem „frischen Traum vom 
gplobteii Laude" iind mit eincm Sililage fuliH er sich plotzlicli ziirtickversetzt 
aul Duropaischen Boden, wenn er, von jenen weseulosen luultgebild* n sich ab- 
wendend, znrUckblickt nnd die lange veiaae Bauchfaline des Eilzu^'os gewahrt, 
der, von Aries herftberkommend, iiber das tischplatto Gcliinde dahinjagt, den 
fernen Beriren entgegen, die da druben ira iiussersten SUdosten durch don blau- 
grauen Duust des calinaartigen Hitzenebek heriiberdiunmern und die schone 
Massilia dem spahenden Auge cntzieben. 

Aber alles, was an den Mensehen und sein Leben und Treiben gemahnty 
ist hier so voriibergeheiid und Huchtif^ wic: cine Vision — cincii !\IomeTit nur 
sieht man die laiifzc Kauchwolke , die wie ein weisser Wimpcl von dem 
schwarzeu iSclilote liuttei t, durch die Luft sich hiukriiuseln , daim i^l sie ver- 
scbwimden, ein paar Sekunden noch bdrt man das scbarfe K!irren der raaseln* 
den Rader, dann ist es in der Feme verhallt und rings umher wallet wieder 
die Todrspinsarnkeit der Wiiste, dcren Stillo nur noch stiller und crj^reifender 
gemacht wad durch das eintooige Zirpen der Uriileu und das heissc Schwirren 
der Cicaden, das wie die Stimme der lant gewordenen Sommerglut die ganze 
Luft erf&Ut, als ob die Einsamkeit, der ganze bertickende Zaui)er, der liber 
der sonndurchgliiten Steppe ruht, in dieeen Tonen nach Ausdruck und Ex- 
losung riinge. So ist die Crau — 

.Aeamjpetthdo eseearouso, 
L*immeniio Onm, la Crau peirouto 



La Crau antico, ounte, di reire 

Se U raeatiie Mnin de crnre, 

SotiUi un deluge counfaunrlnre 

Li Gigant auturom fugutron ac/ajja " •). 

Und in diescr ihrer Oode uud Verlassenheit erinnert sie auf Schritt und 
Tritt an die grosse afrikaniache Wfiste, von der ein deutsciier Dicbter sagt: 

.Wer sie duich^' },rittm hat. den graustj 
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere 
Wi« dne kere Bettkrfamt ', 

') fMuis pen it }}eu . . . — le pays perd sa tristesse; — et void peu a peu qu'au loin 
«e meiU ~ et rtMUndit un grand lac a'eim: — let p^Urnm^ let powrpier* autour de la 
landt qtd $$ Vquefle^ — f^aiuiuMitf, et ne font un mol ehapeau Sombre. 

C'etait une rue ri'hsle, — 10/ nn frais tie Terre-promisr' — Le hni'j de Feau hleue, 
utte ville bientot — ou loin s eleve, arec ses boulevard^ — ga murailie forte ttui la ceint, — 
eet fmiamet, h$ igUt^ ees (oAwrct, » tee «(oeA«r* alttw^A qm erwsaent au soleiV\ 

Mistral, Mireilk X, 395. 

■) ,£a Crem ineviUe el oride^ — la Crau immense et jricrretm', — la Crau antique, 
oil, /' lu tires — si le* rieU$ «Oftl dij^nea Mfei, ^ $omt un deluge aaablant — les Geanis 
or^eUieux furent enseoaie'\ Mistral, Mireillc Vlll. 329. 



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156 



Di« Plaiae de la Ci»ii oder die proTon9aU8che Sabai*. 



Aber sehr irren wilrde man, woUte man glauben, dass die Crau wirtdach 

80 leer und nrm ist, wie sie beim crsten Anblick ersclicint. AVer mit auf- 
mcrksamem Auge ilir Inneres durchforscht , der wird finden, dass auch ihr 
scheinbar erstorbeuer Schoss geheimes Lebea birgt in uberscbwonglicher Fiilie. 

ft 

III. Topographie and €^eologle>)* 

Die Phiinr <l' la Crau stollt in ibren ausseren Umsitnizungslinien ein 
iiuliczu fjlcichschenkeligcs Drcieck dar, dessen Spitze hci Aries zu suchen ist 
nicht weit von der Stclle, wo der Rhonestroni bei Fourques in die beiden 
Mlindungsanne des Petit Rhdne und dee Grand Rfadne sich teiH, welche das 
Deltaland der Camargue umschliessen. Dar nordHche Schenkel dieses Land- 
dreiecks wird von einer Linic p;ebildet, die, am Siidlmng der Alpinen cutlang 
laufend, Aries mit Ejgui^res verbindet; der andere von Nordwest nach Siidost 
gericbtete Sdienkel dwses Dreiecks kann zor Dantellung gebracbt werden 
durch eine am linkcn Ufcr des Grand Bhdne entlang laufende Lime, welche 
Ar]'"^ mit Fos^) verbindet. Einc dritte. dio Orto Fos und Eygui^rcs vor^in- 
dende Gerado repriisentiert die Basis des Drciecks, welcbe sich an die iso- 
lierten, die CJfer des Etang de Bcrre umgebenden Hohenzuge von Saiut Mitre, 
btres and Saint Chamas anlchnt^). 

Dieses merkwitrdif^e Stiick Land wird in zwci iiahezu gleiclie Stiicko go- 
teilt durch die von Lyon nach Marseille fuhrende Eisenbahn, welche die Crau 
ibrer ganzen Langc nach von Aries bis Miramas in schnurgerader Linie durch- 
ziebt und gewiaaennaBBen die von der Spitze anf die Basis des gleiohschenkeligen 
Dreiecks gefiillte Normalo darstellt. Die Oberfliicho der Crau ist keineswegs 
vollkommen horizontal ; dieselbe senkt sich vielmchr pranz allmiihlich von Norden 
nach Sildcn in der Weise, dass das Niveau des Bodens von einer Seehohe 
von 30 bis 40 welcbe er am Sndfuss der Alpinen enreicbt, naeh den 
Siimpfen zu , welche die Crau vom Mecre trenneii , bis za einer solchen von 
mir wenig Metern iiber dom Meere sit li crnicilri-^t. Sie zeigt auch leichte 
iiepressionen, welche, obgleich sie grosstenteils dem Auge sich entzieken, doch 
erbeblicb genug sind, nm bei der spS,ter zu betrachtenden kttnstlu^en Be- 
wassenuif; des kultivierten Areals berticksiclitif?t werdi n u miissen. Die be- 
deutendste dioscr Bodcnsenkungen ist das Tlial von Fanj n innnle , welches in 
der ^iiho von Bnssitrn fast an der Grenze des SSteintrummerreviers sich be- 
findet und cine Tieie von 33 m uufweist. 

Dicse^i ganze zwischen Aries, Ejrguidres und Fos gelegene dreicckige 
Stiick Land ist nun mit Myriaden von Stcinen bcdcckt, welche nach ihrer 
aijssercn Form und Gestalt ebenso verschieden sind wie nach ihrer inneren 
iiiineralogischen Zusammensetzung. Die moisten dicsor Craukiesel sind eiformig 
gestaltet and variieren in der QrSaso von der Dtcke einer IfSnner&ust bis 
zum TJmfango 'eines Pferdekopfes oder eines grossen Kiirhis. Auf der Aussen- 
seite sind diese Kiesel bninn, grau, gelblichweiss oder dunkel rost&rben, im 



') Awtruc, 1. c. !>. ni2. — Douche. 1. c. I, p. 19— 2^. — Coquanci, 1. c. i '11-- 
582. — Darluc, histoire naturelle de la Provetice^ I, p. 288—298. — Grat, dcscnption 
^eeioff. du dfyart. de Vaucluse, p. 194. — Jaqnemin, guide du voyageur dam Aries, p. 65. 

— Lanianon, annales des voyages, III, p. 291. — I'Ory, descrijition (i>'oIofi. du T>au}ihine, 
p. 694. — Martins, I. c. p. 427—439. — Millia, voyatje datis leu (icpdrtrment^ du Midi 
de la Franre. IV, 1, p. 69—83. — Papon, histoire generale <le Provcncr , I, \>. 262, 326, 
327, 555. — Reclus, 1. c. II, p. 231—236. — Sauitare, voyagea dans ksAlpcSt III, p. 394. 

— Villeneuvc, I c. I, p. 65-72, 87-96, 108-108, 114-190. 

') Drn X:init>n d>-s kl<Miion Strandortchens Fos will man uaf di« Fouae Marituiae der 
Isomer zuriitkfuhjuu. Milliu, 1. c. IV, 1, p. 28. 

^) Ein Ea«j$crlich ziomlich in die Augen fallendet, aber in seinea iopographischea 
Details whr mangelhaflca Bild von der Plaine de la Gnu giebt die soiut recht schOne Karie 
dee BhOnedeltM W Reclus, 1. c. U, p. 246. 



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Die Flune de la Cmu oder die pcovaifaliiclie SaluuM. 



167 



Innern aber sind sie meist weiaa; ihrr AT mso i^^t hart, kompaUt und fcinkorni"; 
und zeigt zuweilen ein schwammig iuckercs oder iu Flatten sicb sonderndes 
GefUge, das nnmkentibar anf eioen Toraufgegangenen Zersetzungsprozess bin- 
deutet Vide Bind auf ihrer Oberflfiche mit einem Ueberzuge von grttnen und 
gelben Flecbten bedeckt, aus welchem sich init Si( hcrlicit scliliessen liisst. 
dass sie alter sein miissen als die zwischeu ihnen iiegendeii KoUkiebel spatercr 
Alluvionen , deren glatte und glanzende Obertliiche dcr Verwitterung bisher 
mit Erfolg widerstandcn und daher auch jenen ersten Ansiedlern und Pio- 
nieren einer sidi bilclonden \' t:itioiisc!ocke nocb kf'ine Fn-imtntt ^^ewiihrt hat. 

Was nun die Kntstehuii^ dcr Crau In'trifft, so ist diese von jclier 

eiu Gegenstand des lebhultehten Streites gewcseu, der noch bis zur Stundo 
nicht endgiltig eotschieden ist Scbon die Alten serbrachmi sicb den Kopf 
iiber die Art und Weise , wie dieses merkwurdige SteintriimmerfcM slcli ge- 
bildet haben koiuic ; und da sic eino natUrlicbe Erkliirung nicht zu linden ver- 
mocbten, so ersannen sic die abentcuerlichsten Miirchen. Aeschylus be- 
liehtet in seinem Jh-om^heus , Jupiter halie diese Sterne vom Himmel regnen 
lassen, nm seinen 8ohn Herkules mit ucuen WafTen zu verseben, nadidem 
dieser seine Pfeile im Knmpfp mit dm ilm angreifenden Ligiiriorn verf?chossen 
hatte*). Nach Aristotelos^j schlittelte sich die £rde ciust gewaltig and 
warf bier aUes Bewe^lfcbe wie in einer Wanne dnrebeinander, so dass die 
schwereren Eorper oIhh auf zu liegen kamen. Posidonius*) l&sst gar die 
Steine aus dem zuriickgobliebenen S( lilamm i ^cvh wie Pilze cmpnnvachson. 

Wic die Alten mit Miirchen und Mytlieri aus der Geschichte ihrer Gutter 
uiid Heroen spielten, so spiclten die Nuturforschcr und Gelehrten einer spiiteren 
Zeitt die ^e aufgeklilrtere soin wollte, mit geologischen Hypothesen,' die oft 
nicht minder abenteuerlich und phantastisch sind als jene Gotter- und Heroen- 
mythen der Alten. So stellte SollrryV) in seiner handschriftlichcn Gon- 
grapbie dcr Provence im Jahre 1560 zuerst die Ansicbt auf, dass die Crau- 
ebene nicbts anderes sei als ein Prodalct der Durance, die sicb, anstatt jbrem 
gegenwiirtigen Laufe zu folgen , in friiherer Zeit einen Durchgang durcb das 
Defile von Lamanon zwischen dem Massif do Vernp^ues und deii Alpinen ge- 
offnet uod im Siideu dessciben durch Ablagerung des Stcingescbiebes die Crau- 
ebene gebildet babe. Diese Tbeorie vurde aocqptiert ▼on B o u c b e , P a p o u «) , 
Pcyresc, Gassendi^) und L a m a n o n , von dmen namentlich der letz- 
tere durcb seine handschriftlichen ^litti'ilungen iiber nnser Gebiet eine gewisse • 
Beriibmtbeit crlangt bat. Auch Eiic de Beaumont") scbloss sich dcr 
Ansicbt Lamanons an, da er iu der Cran dieselben Gesteiuc wiedcrzuiindeu 



1) Strftbo litierk die betreffoade StoUe Gtogr. IV, c 188 wie folgt: 

"//Ifif Jl Atyvtuy ei( {'naQjiriToy arQaroy, 
ly^' ov /i«;f»Jf, od(p' oJJa, xai &ov^6f ntQ u>y 

iytavd''' iXia&tu d ov tiv ix yaias U9w 
twi, tJiei nag j^ioQog tmi uak9ttXo(, 
Idtuy (f* aut^^ayovf I It ai Xiv( oixre^ii, 
vetf'iXtiy S' vnogj^wy yttfxtdfi yoyyviauf nit^w 
imoaxioy &r,aet. /^oV, olf mmta oh 
fiaXoiy duiati (laJiut,- Ar/i t' OTQreToy. 

>) A^tarotdkiiB ftiv oiy ^Mtv vtio aiiafiwy my xakovftitftat> fiqastHy ixattdyrng tovi Uihtve 
tit tHt^afamf awch«9^ «k t& itoSUr tmi^ x^iH***^' 8traboni« Oeographieat IV, e. 182. 

') IloeitJoii'io-: Jt Xiui'r^i- oiaaf nayn'tu uira xXi Jncuot . xid iJia Toi to ti; rihioyns fiCQH- 
iU^Bf, xa9^aJie^ zovs notauiovi xdx^tixae x(U las ifirif ovg tag aiyittXiitdag^ ofioiove 'fi *ai 
itlmf JMK ImfuysSetg \nffoe\ ofnuott^tt. Strab. Gtegr, ibid. 

*) Bouche, L c. I. p. 20—21. — Coqnaud, L c p. 668. 

Bouche, 1. c. I, p. 21. 
•) Papon, 1. c. I, p. 826. 

') M'ntli, r»« rte Peyresc, p. 241. 

") Laiumun, notice sur la pUune lU la Crau; annalea dcs voyages, III, p. 289—291, 
*) SUe de Beaumont, kgon* de gMogie pntH^, 1, p. 880. 

12 



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168 



IKe Fkina de la Cma oder die proreafAliwihe Stliaia. 



glanbte, die er in den miichtigen Terrasscn diluvialer Ablagerangen im Strom- 
system dcr Durance gcfunden Imtte. Zwar trat der grosse Alpenreisende 
Saussure^), welcher die Crau gleichfalls iu den Kreis seiner Untersuchung 
zog, der Ton Soll€ry aufgestcUten Ansicht entgegen, indem er mit Reeht 
anf die grosse Yerschiedenheit hinwies zwischen den Rollkieseln detr Crauebene 
und denen dcs Durancebettes , die dariii besteht , dass in dem gegenwiirtigen 
Flussbett (ler Durance die (^iiarzite sehr selten, die Variolite aber sehr hiiutig 
zu iiudeu siud, wiihrend in der Crauebene die erstereu entschieden vorwiegen, 
die letzteren dagegen nur in sehr geringer Anzahl vorhanden sind. Ans diesem 
Grunde Sollerys Hypotbese verwerfend, substituicrte Saussure fiir die- 
selbe eine andere noch wcit wcniiger haltbare Theorie, die dureb und durcli 
ein Frodukt jener veralteten Ideen ist , in welchen die Geologio der damaligen 
Zeit noch befaogen war. Anf die Gleiohformigkeit der Oberfl&ebe der Cran- 
ebene und das bedeutende Voluinen der sio bedeckenden Steintriimmer eich 
stiitzend, erkliirt cr sowobl die Wasser der Durance wie aucb die des Rbone fiir 
uufUhig, den Transport dieser Triimmergesteine bewirkt zu babeu, und behauptet, 
derselbe kSnne nur dnrch das ICeer bewerkstelligt worden aein zu einer Zdt, als 
es nnsere Kontincnte verlies* nnd mit grosser Kraft in die unterirdischen Hohl> 
rftmne sicb binabstiirztc . die an don tiefsten Stellen sicb offneten und einen 
grossen Teil seiner Gewiisser versclilangen. Trotz des wobl berecbtigten Ein- 
spruchs, den der grosse Alpenreisende gegen die Tbeorie erhob, dass die 
Durance cinst einen anderen Lanf eingesdilagen und nacb ibrem Durchbruch 
durcli (las Drfib' von Lamanon die Craukiesel ali},'el.i;,'ert babe, bat diese 
Tbooi ie doch bis in die neueste Zeit bincin unter den franzosiscben Geologen 
zablrcicbe Anbiingcr gefunden. V i 1 1 e n e u v e -j acceptiert sie und selbst ein ver- 
dienstroller Forscber wie Oharles Martins*), der dnrch seine mit Desor 
und Escher unternommene wissonschaftliche Rcise nach der Sabara und eine 
neue auf die dort angcstellten Forscbungen sicb stiitzendc Fiibntlieorie einen 
Kamen sicb gemacht bat, yertritt in seiucm interessanten Heisewerk Du tipdjs- 
herg au Sahara alien Emstes diese sehr gewagte Andcht. Nach Martins 
fiillte einst ein ungebcurer Gletscber die Thaler der Dmfance und ilirer Ztt- 
fliisse bis in die Gegend von C^biiteau-Arnoux. Dieser gewaltige Durance- 
gletscher lagerte nun im Yerlauf von Jahrtausendeu au seinen Seiteu uud 
seinem nntmi Bnde ungeheure Massen von Moranentrfimmem ab, die dem 
groBsen Zentralmassiv der brianQonischai Alpen eotstammen. Diese Horanen- 
triimmcr, vereint mit drtn A])la,i^erungsmaterial iilterer Anscbwemmnngen, 
warden nun zur Zeit der (iktscberscbmelzc durcb gewaltige Wasserstrunie, 
die durcli den Engpass von I^aiuanon sicb ergossen, mit fortgcrissen uud dort 
abgelagert, wo sie jetzt noch liegen nnd das merkwiirdige Steintrflmmerfeld 
der Crau bilden. Bei diesem Dislokationspro/ess sind allc brockcligen Ge- 
steine zerrieben und entwcdcr in Scblamni oder in kleinere Fragmente ver- 
waudelt worden. Kur die barten (^uarzit, Serpentin- uud Porpbyrgestcine 
haben diesem fortgesetzten Reibungsprosesse widerstanden und sind kopfgross 
oder in nocli betracbtliclieren Dimensionett in die Crauebene hliutbgelangt. 
Die Crau ist also nacb Martins keinesweirs eine Moriine , sondern sie ist 
gleich den Diiueu des Ufersaumes auf Kosten der Morancn des ebemaligea 
Dnrancegletschers nnd der nngehenren Hassni Slterer Anscbwemmungcn , die 
das Bett dieses Gletscbcrs erfUIlten, gebildet worden. IMe Crau wiire sonach 
nicbts anderes als ein ungeheurer Seliuttkegcl. ein grosses geneigtes Stronidelta 
und das ganze Tbal der Durance von den Alpen des Daupbine bis zum Defile 
von Lamanon das Sammelbecken des in ibm augebiiuften dislozierten Gesteins. 
So plansibel diese Annahme eines Transports der Craukiesel durch die GtewSaser 



') Saussure, 1. c. Ill, p. 394. 
>j Villeneuve, 1. c. I, p. 65—72. 
^ Ifartiat, 1. c. p. 436-^89. 



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Die Plame de la Ctaa oder die provenfaliadie Sahara. X59 

der Durance auch erscheinen mag, so manoigCach und gewichtig sind die Be- 
denken, welche gegea die fiacktigkcit draser Theorie ndi erbeben, wenn maa 

diest lbo den Thatsachen gegeniiberhillt und das Terrain der Crau nach seiner 
geologisclicn Zitsammensetzung mit vorurtcilsfreiem Blick unti r^uclit. (' o q u a n d 
hat dies in ebcuso griindlicher als scharfsinniger Weise gethan und das Re- 
saltat seiner Untersuchungen im Sulletm de la Socictc gcologiquc de France 
deponiert*). Ee eigiebt neb aus diesen Untenacbungeii folgendes. 

Das Terrain der Crau besteht gar nicht aus eincm seiner Entstehang 
und Herknnft rnvh riTiheitlichen Material, wie die meisten iilteren Geologen 
stillschweigend augeuouiiuen haben, indom sic das Triimmergestein der ver- 
scbiedensten Epocben so zu sagen in einen Topf zusammenwarfen und seine 
Herknnft und Bilduiig nach ein und denndbeii Theorie zu erklaren uuchten ; 
es geboren virlniohr die die Crau ziisanirnensctzenden Nagelflunf,'esteine und 
RolLkiesel nicht weniger als fiinf vcrschiedenen geologischi'ii Periodcii an. Die 
Gesteine dieser fiinf vcrschiedenen Epochen lager n iu luuf verscbiedcnen 
Scbicbten, von denen die erste der Kreideformation , die sweite der Terti£r- 
formation , die dritte der pliociincn , die vioilo der iilteren quaternaren , die 
fiinfte der gegcnwiirtigen Formation angehiirt. Wenn man am recbten Ufer 
des Etang de Caronte enilang von Martigues nach Fob sich begiebt, so tra- 
versiert man einen roCen gran geetreiften Then. Bei Bonrdin ist dieser Then 
von Biioken aus Nagelfiue dor verscluedenaten Didce dnrchsetzt. In dieser 
Nngelflue wiepcn die Kalkblricko vor und man erkennt Icicht Vortreter der 
Jura- und Kreideformation der umliegenden Gegeiideu. Ihr Vulumen, im all- 
gemeinen von kleinem Kaliber, variiert von der Grfisse eines Htthnereies bis 
zu der einer Faust ; nur einige dieser Bliicke errcichen den Umfang eines • 
^i'llben Menscbenkopfes ; diese grossercn aber sind sehr seltcn. Untcr diesen 
ivalksteinen finden sich auch gebiiiidorte. rritUch oder gelblicb gefurbte Kiesel- 
schiefer, sowie Quarzite, welche auf ihrer Ausseuscite von einor ockerartigen 
oder rostroten Patina llberzogen, anf der Bmchffik»he aber weias sind. Ausser 
diespn finden sich audi Steine, von denen die einen aus Aveissem (^uarz be- 
steben, die andem aus einem Granit, dessen in Kaolin iibergcgatigener Feld- 
spat den Stiickeu ein verwittertes Aussehcn verleiht imd ihren ui'spriinglichen 
Cbarakter Terwischt. 

Je mehr man dem Meere sich niihert, desto raehr Uberwiegen die an- 
fanf»s dem Thon untcrgeordneten Nagelfluebiinke die<?pn letzteren und werden 
zuletzt das vorberrschende Gestein. lufolge der geringcn Kohiixcnz, die der 
Gmndmasse dieser Nagelflue eigen ist, losen dieselben, sobald sie mit der 
atmospharischen Luft in Kontakt kommen, durcb Verwittening in ihrc Ghrund* 
elemente auf, zcrfallen und bildcn so einen Camptis hijiidcus. ein Steltitrummer- 
feld, das recht wohl einc Crau genannt werden konnte, von der qur.terniiren 
Grande Crau aber durch die ganze Dickc der miociinen Etagc geschieden ist 
Auf dem Plateau des Mas-) do .Milan kann man stark geneigte NagelHuebSnke 
v^'alirnelimen . wclclie eine Miiclitigkeit von 3 bis 4 ni hatien und bis zum 
Meeresuier mit rotem Tbon alternieren. Die horizontalen Nagellluolager der 
Crau aber crreicbcu uiemals eino derartige Miichtigkeit. Je llucber und hori- 
sontaler solche Nagelflnescbichten li^n, desto mebr sind sie begreiflidierweise 
der Zersetzung durch Vcnvitterung ausgesetzt, desto besser daber audi ge- 
eignet, solche crauartiee Kieselpjatoaux zu bilden. Wenn man aber, wio 
Villeneuve') dies ,thut, die Crau der Grande Colle mit der eigentlichen 
Crrande Cran von Aries zttsammenwirft, so ist dies darchaos fisdscb and eben 

>) Coqnand, 1. o. p. 541 -&82. 

*) Maa itk nach Villeneave (1. c. Til, p 1^4) oin Wort ligiirisoher Ablcmft tind hff 

deutf't Fiuni, Moierei; 08 wir<l in (H«'-'''in Siinu' n.unt nflich im (Ii'liief von Aries uiul iiu 
Ltkogutfdoc gebraacht, w3.hrend man in der ustlichen I'rovencu (iafCb* das Wort bastido^ im 
CSontat die Bezeiishiiung granjo anwendct. Mistral, MireilU, j>. 44. 
^ Villenenve, 1. c. 1, p. — Coquand, Lap. 645. 

12* 



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160 



Die Plaine de k Crau oder die proven^alischc Saliara. 



nnr geeignet, nocb mdur Verwirmng in die verwickelte Frage nacli der Eni- 

stebung und Bildung der Crau zu bringen. Boicle Plateaux liegen iu ganz 
verscliiodeneii Nivoaux und gehoren ganz vcrsclnedeneu geologisclieii Perioden 
an. Die Verwitterung der alteren Nageltiue hat audi das Eolimaterial ge* 
liefert zu den langen Gouadoidieres^) genannten Blocklinien, velche kordouartig 
die Kiistensiiume um/ielien und von den Arcdiaologen g:ui/ ii rtiimlich bald l&r 
Scliutzwiill'^ (\<'r Fosmr Mnrimutr, Inild fiir dir Krsto riner alien Romerstrasse 
erklart wordcu siiid^j. In den Uiugebungen von Fos lugern fast in uniiiittt l- 
barem Kontakt rait einauder vier verschiedene Depots vou Blockeo, die gauz 
▼enchicdenen Alters sind und zwei Crauplateaux konstituieren, von denen das 
cino an Ort und Stelle gebfldet worden ist auf Knsten tier iiltcren Nagelflue- 
gcsteine. wiihrend das andcre ncnoreii Urspruii;^s imd ;iiis Materialien gebildot 
ist, die nicht an Ort und Stelle voVhauden waren, sondern aus der Feme her- 
beigeschafft wurden. Interessant und lebrreich in bezug auf die geognostische 
Koustitution der Crau sind die Resaltate, welche die Anlage von fiinf Brunnen 
ergeben hat. von denen der erste im iiusserston Nordeii dor T'l au . der zweite 
etwa zwei Meilen von Salon, der dritte zu Eutressen, der vierte zu iSaint 
Martin de Crau, der fiinfte bei dem Etang de D&seaumes sich b^ndet. Die 
bierbei vorgenoinmenen Sondierungcn zeigton die nacbstebendc Schicbtcnfolge: 
1. Rote niit Rollsteinen vormcnc^te Hurnuserde, 2. N.ii^rlflun. 3. Kieslager mit 
Rollsteiueu vermischt, 4. Fester Muscbclkalksaudstein. 5. Saudbett mit Quarz- 
kSrneni, 6. Braune Thonerde mit Kollsteinon, 7. NagelHuebank, 8. Saudbett 
mit Kii g und Rollsteinen, 9. Horizontaler Must In lkalk. 

Hii'fans pri,n"f1/t sich also, das?s oin mariiu r Muschelsaudstein in sehr ge- 
ringer Tiefe unter den Scliicbten lagert, die ihn ubcrdecken mid dt rpn Mlich- 
tigkcit im Maximum 8 m betriigt. Beachtenswcrt ist aucb das Alterniereu 
von Gesteinen marinen Ursprungs und anderen NagelfluegeBteinen, die offenbar 
nicht mehr dem Diluvium angehoren. Die Aufschliissc jener ilinf Brunnen 
zeigcn also, dass die Basin der Crau durcb NagclHue, Kalk und Sandstein ge- 
bildet wird. Aucb die Strasso, die von Aureille nacb Mouries durcb das 
Cranplateau fuhrti bietot sebr instruktive Aufscblttsse ttber die geognostiache 
Zusanunensetzimg des Terrains. Es sind niimlich die zick/ackfdrmigen Laoets, 
mittilst deron sie sich bei dem letztercn Orte von dcia Cranplatoau in die 
Region des tiefer gelegenen Sumpflandes binabsenkt, in Gesteiiischicbtcn ein- 
geschnitten, welche teUs aus einem blaugriinen glimmerfShrenden , teils ana 
einem rotlicben sandigen Thon, aus weichem Sandstein, Biinkcn von Nagelflue 
mit Kalk- und (^narzitkiosidn und diinin ii Lagcn von Muscli- dk beateben. 
Die Schichten sind gegen Siiden geneigt, aber so schwacb, dass man sie fast 
fttr horizontal balten kiinnte, und tragen auf ihrer (Jberflticbe die quatenuiren 
RoUsteiiif dt r Orau , welohe die beiden Formationen ganz gleichmaasig ttbei^ 
decken, ein Umst^md, der mit Evidenz ihre voUstandige Unabh&ngigkeit tob 
dem bedecktf^n Terrain bekundet. 

Wir liaben also, weuu wir cine Inventur des in dei* Crau vorhandeneu 
TrOmmermaterials aufnehmen und die dabd sich vorfindenden Cysteine nach 
der Zeit ihrer Bildung und dem Ort ilirer Herkunft iu Grui>pon sichten 
wollen, scharf aus finandcr zu halten solcbe Gcstcine, die durch Zersetzung 
and Zerfall austehenden (iesteins an Ort und Stelle sich bildoten, und solcbe, 
die auf mechaiuscheni Wege aus der Ferne herbeigescbafft und zwischen dem 
flchon Torhai^enen Verwitterungsmatcdal abgelagert wurden. Es handelt 
sich nun darum, zu ermittdn . wohcr dieses die Ictztcre Gruppo bildendo 
aus der F'erne berbeigeiubrte Rollmaterial stammt, welches die Transportuittel 



*) GmuidoiWierc von code^ codo, cauodo, couedtf coueeh^ eouatkt codou, cddoul, coUmlt 
eaiw, eodol, Rollitoin, BoIUdeaeL Hi«tral, diet p. 577. 

') Coqnand, 1. c. p. 547. — DesjardinH, fi>>!i-c ^ur ^,; rmhouchures du BhSMf 
p. 38. — MilUu, L c. IV, 1, p. 28. — Saur6l, notice sur les Fossae MarianaCf p. 25. 



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Die i'laino de la Crau odcr die provenvalische Sahara. 161 

varcn, die es herbeiscbafften, und anf weldiem Wege es an seine gegenw&rtige 

Lai^'crstiitte gelangte. Priifen wir wiederum mit unbefangenem Blicke den 
Thatbestancl. Dio auf dcr OlM ifllu lu- dcr Orau lagerndcn Kiesel liegen ent- 
weder frei oder sind zu einem Nageltluegest^in zusammengebacken mittels eines 
kieselig-kalkigcn Zements, wclcher dor darunter lagernden marinen Molassc 
entstammt. Sie sind fast alle kieseliger Natur. Die wetssen Qoarzite der 
Alpen bilden neun Zohntel dorsclben, wiihrend der Rest am Protogiii-, Graiiit-, 
Amphibol- nnd Kalkjrestoirun f^ebildet ist. Darunter benierkt man einige 
Variulite vom Mout Genevre und einige kalkigc Mandelspilite aus dem Drac- 
gebiel Der ber&bmte Campus lapidens der Alten ist also eigentlicb nicbts 
weiter als eine grosse Mineraliensanimlun;,' . in wddicr f ist ausnahmslos alle 
Gebiete der Alpenthiiler vertii ton sind. die dem Khone ihre (jewiisser /usenden. 
VergleicUt man nun den 8c)iichtcnbau der Grande Crau von Aries und das 
auf ibrer Oberflftche angehanfte Trfimmermaterial mit dem geologiscben Ban 
nnd dem Geschicbe des Duiancetbalos im Norden dos Detilcs von Lamanon, 
so erpfebon sich folgendc sebr scbwrr wiriiriidc r[it('i >i liiedr' . die von den 
meisten derjenigen, welche die Geologic dt i Orau zuui Gegenstande liirer Unter* 
sucbungen gemacht haben, nicht geniigend beriicksichtigt worden sind. Die 
Kagelflu^estdne und Rollkiesel , welebe das Rett der Durance einnehmen, 
zcigon von Senas bis oberball) Cbarleval , also rri l ado itinerhalb derjenigen 
Zone, welche narli d* i Ansicbt der iiltercn Geologon die Durance hiitto durcb- 
brechen mtissen; uni durcb die Brescbe von Lamauon in die Grande Crau von 
Aries zn gebiogen, eine ungeheure Menge griiner Felsarten, namentlicb Serpen- 
tine, Eupbotite and Variolite , die den Hocbtbiilern der brian^oniscben Alpen 
entstanimen. Man kann bier dicse griinen Gescbiebc miibelos zii Hunderten 
sammelu. Da nun auf dem linken Duranceufer die alten Alluvioncu von iSenas 
bis auf erne Entfemnng von 1000 m von Lamanon emporsteigen , so finden 
sich aiicb diese griinen Gescbiebe bis zu dem letztgenannten Orte in grosser 
Mengo. Der Kanal von Boisgelin, der am Grunde des Tlialos selbst hinliiuft, 
ist, so lauge er die Scheitellinie, welche die Wasserscheide zwischea Durance 
und Rbdne bildet, nocb nicbt fitberscbritten bat, in die diluviale Nagelflue des 
Duranoethales eingescbnitten. Subald man diesen Molasseriicken, welcber von 
tlt'm ohen jrenannlen Kanal durcbsclinitten wild und dii- Triimincrfelder des 
Durancetbalcs von dcnen der Grande Orau scbeidet, iiberscliritten bat und in 
die letztere eingetreten ist, scbeincn plotzlicli die vorher so hiiufigen Serpentine, 
Buphotitt' mid N aritdito giinzlicb verscbwunden zu sein. Wobl findet man 
hier iiiid da nocli viuv^a Stiicke dieser Art, aber auffalletnl vi<l scdtcnrr als 
im Thale der Durance nurdwiiii'^ vnn dmi wa^^^prsobpidondrii .Molasseriickon 
des Defiles voa LHiiumon. Widuend also die Alluvioiit-n des Duranoethales 
im wesentlicben aus griinen eaphotitfuhrenden Gesteinen besteben, ist das 
Rollmaterial der Grande Crau von Aries vorwiegend ausQuarziten zusammen- 
gesetzt. Dieser radikalo l^iitprvcbied in der Konstltution der beiden bcnach- 
barten Gebiete, der bisher nocb viel zu wenig beaclitet worden ist, wiirc aber 
Tolktibidig nnerklftrbar, wenn die Grande Crau von Aries einer direkten Mit- 
ivirlning der Durance ihre Entstebung verdankte. Es miissten, wenn die An- 
nabmc dfr alteren fran/fisi<rben Gerdnupn rirbtig ware, wenn die (Jowiis^or 
der Durance einst wirklich ihren Weg durcb die Brescbe von Lamanon ge- 
nommen und , dureb das Glebiet der Crau fliessend , direkt ins Meer sicb er> 
gossen batten, im Suden des Driilos von liamanon, namentlicb in den Um« 
gebungen von Ey^uirr, <? . Mi ilc und Salon, also da. wo der Strom seine 
Gewasser auszubreiten lu L-ann . narhdem er das Bergtbor passiert batte, die- 
selben Gesteiue in gn's,seier Anzaid sicli finden . die im Norden dieses Berg- 
passes so bSufig vorkommen. Es miissten sicb femer in dem Defile von 
Lamanon selbst die Spuren eines cbemaligen Fhissbettes irgendwo erkcnnon 
lassen. Aber wedor das eine iincli das andere ist der Fall. Es bildet vi^l- 
mebr der Eogpass von Lamanon eine natUrlicbe Barriere, welche die Gewiisser 



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162 



Pie Ptiiiie de la Ciaa oder die prorent^Iiidie SaliMra^ 



dor Durance schonaus rein liydrostatiKchen Griinden nicht iiberschreifeii konnten* 
Das Dorf Lamanon licgt niinilicli in zieinlich ^rlciclier Entfernunfr von S<'nas 
und von Salon, der Punkt, wo der Canal do Oraponne und der der Alpiueu 
sich durchschneiden , ein wenig ndrdlich Ton Lamanon 106^4 m iiber dem 
Niveau des Mittelmeeres, Senas 86 m uml Salon 76 m. Es liegt also Lama- 
non auf tier Sc'lieitelliiiie eincr Erliclnin;;, dio noi Jwarts ins Thai der Durance, 
siidwarts in^^ (jobiet der (irande Crau von Arlrs ablallt. Hieraus ergiobt sich 
also init Nolweudigkeit die ycblusslolgeruug , dass die Gewasscr der Durance 
niemals durch den Engpass von Lamaoon sich ergossen, daher aiich nidit an- 
mittclbar bei Bildung der Grande Crau von Aries mitgewirkt baben kdnnen. 
Dieser Engpass ist cben nur die Stelle, wo die Craugebiote der Durance und 
des RbOne am meisten einauder sich uilhera, ohue jedoch jemals auf dieseia 
Wege mit einander sich v^miBcht zu baben. Beide rind vielmebr dvrcbaus 
unabbangig von einander. Wubrend die am Nordhang der Alpinen in den 
Unigcbnngon von Saint Reniy und MoUeges angebUuften Gescliiebeablagerungpn, 
welclie man ihrer gcringeren Ausdebnung wcgen die Petite Crau zu nennen 
pilegt, von den Gewilssein der Durance gcschaffen wnrden, ist die am SUd> 
bang der Alpim n sich aofldebnende Grande Crau von Aries, iiisoweit sie aoB 
Rollmaterial und Flussalluvionen bestelit . l( (lii;Iich ein Produkt der TJlxme- 
gewiisser. Die Petite Crau im Nordeu der Alpinen und die Grande Crau im 
Siiden dcrselben w^eisen also GescliiebeabLigerungeh auf, die zwar gleicbzeitig 
entstanden tem kSnnen, aber durcbaus nicbt ale Erzeugnisse ein und deaselben 
Stronibctles an/nseben sind. 

Fassen wir nun die im Vor«?te]icndeu gewonnenen Rosultate kurz resu- 
mierend zusaniraen, so ergiebt sich folgendes. Die Kbene der Grande Crau 
von Aries ist aus xwei gans verechiedenen Scbichten von Nagelflnegesteinen 
zuBammeDgesetzt. Die ontere, in welcber Kalkblocke als Einscblussobjdcte 
vorwiegen, ist gebobcn, marinen Ursprungs, gebort geologiscb zur subapenninen 
Formatiou und cnt»tand gleicbzeitig mit dem ober. n lukustren Tertiiirterraia 
der Basses-Alpea. Die obere Schiebt ist nicbt gehobeu, bestebt ana Kiesel*, 
Granit-, Porpbjr-, Serpentin-, Eupbotif-, Variolit-, Ani] hibol- und QuarziU 
gesteinon . denen nur selten Kalkbliickc beigemischt sind, gobfirt der quater- 
naren Periode an und ist ein Produkt des Khoncstromes. Die quatcrnaren 
Ki^el der Cran bieten eine Sammlung all der Gesteinsarten dar^ wdcbe in 
den ThSllem der Alpen ansteboid zu linden sind, die dem Rhone ibre Qe- 
wiisscr zuscnden. Die dem Durancegebiet entstammenden Stiicke sind daruntor 
nur sehr scbwach vertrcten und was wirklicb den Alpen des Durancesystenis 
zuzuweisen ist, das ist nicbt etwa unmittclbar von den Gcwiisseru dieses 
FluBBes durch den Engpass von Lamanon nacb der Crau transportiert, sondem 
zuniicbst erst in das Bett des inionn binabgefiibrt und erst von da aus um 
das Westende der Alpinen berum nacb der Grande Crau von Aries gescbafft 
w or den. Dass die Gewiisser des Rhone thatsacblicb im stande waren, ein so 
gewaltiges Qeschiebematerial bis hierber zu transportteren und in solcber Hohe 
ttber dem gegenwiirtigen Stromniveau abzulagern, das erkliirt sich unscbwer 
ans der liingst nidit melir bezwcifelten Existenz ungebeurer Gletselierstrome. 
die za Anfang der quaternaren Periode den grossteu Teil der Alpen und des 
Jura bedeekten und aucb im Bbdnethal bis in die O^end von Douzdre berab- 
reicbten, wo noch jetzt ein gewaltigerf Rerrclntte genannter Moriinenblock, an 
welchen ein Dorf gleicben Namens sich anlelmt , Zeugnis von dem einstigcn 
Vorbandensein dieses miichtigen Eisstromes ablegt^). Das Scbmelzen dieses 
gewaltigen, das ganze obere und mittlere Rhonetbal fiillenden Gletscbers 
musste die Gewiisser des aus ibm abfliessenden Stromes derart ansChwellen, 
ihr Niveau ao bedeutend «rbdhen und ibre Gescbvindigkeit in einer Weise 



') Faltan et Chantre, monographie giologi^c dea ancient glaciers et du terram 
erralijpw de la parUe moyeune du Uutm du Ehone, Aunt ei Ly«» IBBO* 



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i 



Die PlMne de 1» Cnm oder die provenfalische Sahara. 



163 



beschleuuigen ^ daas sie recht wohl in den Stand gesetzfc warden konnten, 

M()rruieiil)l()ckp von sn fi^ownltigpn T)imon??innpn, wie sic niclit nur in der Grande 
Cruu von Arlos, snmV ru audi weitor westlicli ini Litoral des Langucdoc viel- 
lucli zu linden sind, uuf so weite Streckeii luit fortzufuhren iind in so unge- 
henren Hassen abzulagmi. Es gehoimi aooach die ilinf Depots von Boll- 
material , welcbe die Crauebene bilden , nicbt weniger als fiinf verschiedenen 
geologisehf-n Perioden an , deren Produkte man scharf aus eiuander balten 
muss, wenn man Uber Zusammensetzung uud Eutetebung der Crau ins Klare 
kommen will. (Foriaetnuig folgt.) 



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Die geographische Ausstellung des IX. deutschen Geographentages 

zu Wien. 

Von Dr. Franz Heidorich. 

Die mit dem diesjiibrigen deutsclicn Geographentajrp tn Wirn vorbunileiie 
Ausstellung envies sich als ungemein reiclihaltig uod anziehend. l>em Aus- 
stellungskoniitee, an dessen Spitze Prof. A. Penck stand, gebiihrt fiir deren 
jjweckmiissige Anordnung und die darauf verwendete Miihewaltung nneill- 
po'^cliriinktes Lolj. I>ci doin T'liistamlo, dass dor f1nnff!clic Goo.n i jilientag ziini 
ei'stenraal in Oesterreich stattfand, w;u- cs wolil nur borechtigt, in er^^trr 
Linic die Eutwicklung dcr tisterreichischeu Kaitogiapliie zu veranscbauliclicii, 
welche man selbet im Inlande so gerne m untenehatzen geneigt iat, nachdem 
die bestcn Leistungen auf diesem Gebiete bisber von Seite des Kriegsarchiys 
und arirlcrcr Tnstittite m'cmnls der oft'entlicbeu Besicbtigung freigegeben wurden. 
Nebeu der Entwieklung der Kartograplue sollte aucb die Arbeit usterreicbischer 
Foncber in der Heimaty wie in der Feme vor Augen gefUhrt werden. Das 
Prinsipy Ssterreiclusche BethStignng auf gonginpbisrbem Gebiete Torzafiibren, 
wnrde jedocli anerkenn^^r^'-v <'rtf'! 'veise niclit in dcni .Mas^c dnrclif^efiihrt , dass 
nicht auch die geograxiluticiien i*ublikaUoiieu des deutscben Verlages dancben 
Platz gefnnden hlitten. Die gesamten zur Scbau gestellten Objekte waren in 
fol^cnde fliuf Haujjtgruppen eingereiht: 1. Historische Aysstellung, 2. Geogra^ 
jiliiscli*' Ijaiidscliaftsdarstolhingcn, 3. und 4. Geographische Lebnnittd und ueue 
geographische Fublikatioueu , 5. Instrumeute zu geograpbischeu Ortsbestim- 
uiUDgen. 

Am reichhaltigsten erwies sicb die bistorische Gruppe, in welcber 

eben die Entwieklung der K irtojjrapliio von Oesterreich- Uiic^nrn mit besonderer 
Beriicksiehtiguiii^ dor offiziclleii Kartenwerke zur Darstcliung geianji^to. Ohcrst- 
leutnant v. Haradauer hat dicse Gruppe mit vielem Fleisse und grossera 
Geacbicke zDsammengestellt Von einer erscb5pfenden AnI&brung aller inter- 
essanten Objekte abseliend. wollen wir nur cinigc wenigo herausheben. 

Hier fanden sicb Kartrn von Ober - Oistrrrcicb (aus dem J. 1067) und 
vou Nieder- Oesterreich (Itiy?), die den bekannten Jesuitenpater Georg 
Matbiaa Vischer zum Yerfasser haben. Die Werke dieses tttchtigen 
Geograpbcn standen ISoger als ein Jalirbundert in bohem Anscben. Eines 
der scbonsten Erzeii^^nis'^e dcr Kartograpbic des vori^en Jahrbuiulcrte h\ cine 
Karte von Tirol aus dem J. 1774; sie wurde zum grcisseren Theile von Teter 
Anich bcrgcstellt, cinem Ifonne, der bei mangelbaf%er Scbnlbildung in der 
,luf;t'ii(l si(;lj erst im reifen Mannesaltcr jene Kenntnisse ancigtu tr. die ibn zur 
Aiit'iiahme beiiihif^tcii. Xadi scincin Tode beendete si in (iehilfe Blasius 
Huebcr. i( lil.ills ein anliinglich giinzlich ungebddeter Baucrusobu , die 
Karte. Ein gliicklicher Gedauke des AusstcUungskomitecs war es, die primitiveu 
geod&tischen Messinstrunieiite anszustellen , deren sicb Anich bei seinen Anf- 
nahmen bediente, und die er eigenbSadig Yerfertigt batte. Diese iBstrammte 



* 



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Die geogmpbische AaBsteUung dos IX. deutschen Gcograi>hontag08 m WioL 165 



crrdllen uns, wenn man me in Vcrgleich zieht tnit jenen neuester Konstruktion, 
mit Bewini li ning fur den ^ranii . der mit so ungenUgoiidon Hilfsmitteln ein 
im grosson uud ganzen so riclitifrps BiH seines Hcimatlandos schaffen 
vrusste. Bemorkenswert ist, dass die Anichschc KaiUi Bergseeeii vcrzeichnet, 
welche rich hente nidit mehr Torfinden. Aelteres Datums als die Anich'sche 
Karte von Tirol ist eine solche von M. Burcklehner aus dem J. 1629, 
welclie , in Knpfer gestochen . das Land in pi rspcktiviacher Darstellung zeigt. 
Yiele Au^erksamkeit errcgte die n^^^ppa cliorographica totius Regni Bolieiuiae*' 
(1720) Ton J. Ohristoph MUller, einem NUrnberger Kartographen , der 
in Ssterreichisclien Milit&rdieosteD stand. Yon dcmselben riihrt auch eine 
treffliche Karte Ungarns (1709) ber. deren Vergkirh mit dor wpit Ulteren 
Karte von Mathias Zyndt ^Das Kliynigreich Hungern"* (1566) den Fort- 
schritt der geogra])]ii<tc]ien Kenntnis dwoss Landes im 17. Jahrnvndert Ter- 
deutlicht. Eine lioLlilxd. utsame , prachtToU in Kui)fer ausgefiihrte Karte ist 
diejenige des Jesuiton .Idscjih Licsganig von Galizien und Lodomorien 
(ITOO), welcho hci liiik^^- itiKf-r Boleuchtung das Land in perspektivischer Dar- 
stellung giebt Die Trelilithkeit dieser grossen 42 Blatter umfassenden Karte 
wird dnrch den Umstand illustrtert, dass ale noch im J. 1824 vom osterreichi- 
schen Generalst.ibe in verbeseerter Ausgabe zur Publikation gelangte. Erwiihnt 
sei scbliesslicli nncli rlie von L. Dupuis nach der unter Leitung des oster- 
reichischen Generals Graten Ferraris vorgcnoraraeuen V'erme^sung aus- 
gefilhiten Spezialkarte der Niodcrlande (1777), mit einem prachtvoUen Titd- 
knpfer. Sehr sahlreich warcn alte ostorroichische Stiidteplane ausgestellt ; am 
reichsten war naturgemilss Wien vertroten ; wir konnten deswn rjinmliche Ent- 
wicklung vom 15. Jahrbundert bis in die ueueste Zeit autmerksam verfolgen. 
Beeondere Beachtung fand der ber&bmte Plan der Stadt Wien nnd der Vor- 
stJidte au8 dem J. 1547, welcher Ton dem Wiener Burger Boni facias 
Wolrniiet in Oel £»rnialt wmdn iind ji t/.t dem bistorischen Museum der Stadt 
Wien angeburt. Die Kommission liess dieses kostbare Objekt auf llUOO d. 
gogcn Feuer versicbern. 

ZnsaramenMngend fand rich in dieser Gruppe die Entwicklnng der oster* 
reicbischon Militiir-Aufnabmcn von 1764 — 1890 dargestellt. Die vom militiir- 
geograpbiscbcn Institute, welcbcs 1839 bervorging aus dor Voreinij^unr^ einer 
seit 1806 bestuudcncn topograpbiscben Generalstabsabteilung mil iluiu deposito 
delta guerra in Maibod, ausgestellten Karten zeigten deutUch die raechen 
Fortscbritte , die dieses Musterinstitut von Jabr zu .Tabr maclit. Wir saben 
in dieser Abteilung zunacbst die :'ilt< st«'n (Jonerahtaliskarton. wr Irho oin Prndiikt 
der nacb dem siebenjiilirigen Kriege vom FeldiUHiMhall Daun (1764) an- 
geregten and vnter Kaiser Josef (1787) becndigten ^ogenannten josefinischen Anf- 
nahmen sind. Da dieselbcn der trigonometriscbcn Grundlage entbehrten, gclang 
es nicbt die einzelnon Aufnahmon m einem Gesamtbilde zu verriniirftn. Daber 
wurde, durcb die BedUrfuisse der uapoleoniHcbon Kricgsperiode geturdert, unter 
Kaiser Franz 11., auf Anirag des Erzberzogs Karl eine neue Vermessimg 
der Monarcbie auf trigonometriscber (irundlage begonnen (1807); diesc wurde 
bis iilxM- Italieii und die Walacbei ausgedebnt und nacli durrli Kricrre mid 
innere Unruiien ve^aIJla^■^tt•n vcrscbied<'nen Untcrbrccbungen erst Kude der 
Sechziger Jabre beendigt. Die I^luppieruug gcscbab im altcu JUassftabe 
1 :28000t die Pnblikation 1 : 144000. Obwohl diese alte in Knpferstich ans- 
gefiihrto Generalstabskarte fortwiibrond in Evidenz gcbalten wurd»\ erwies sie 
sicb namenUicb fiir die gcbirgigen Tbeile der Monarcliie als unzuliingUcb, indem 
sie den Yerlauf der Kiimme vieliacb uuricbtig, die Vergletscbcruug nur an- 
gedentet nnd keinerlei Hdhenraessangen ausser der trigonometrischen Punkte 
enthielt. I^riialb wurde unter Kaiser Franz Josef 1. im J. 1869 auf An- 
regiing des damaligen Kriegsmini*'tf>r'< v. Knbn eino nbermalige Neuaufnabmo 
der MouarcUie angoorduet, auf Grund deren die bereits im Miirz 1890 volleudete 
Sperialkarte 1:75(XX> ansgefuhrt wurde. Die Anzabl der Blotter derSpezial* 



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166 Die geographiscbe Amrtellaug dai IX. dmbelien a«ograpbeDtaig«s ta Wien. 



ksrte der ostcrreichisch - ungarisclicn Monardiie tnit dcm Okkupationsgebiete 

BosiHPn xmd Hcrzopnwiua betriigt 751 ; pcgenwiirtig wird an einer Rcam- 
bulieruug der Karte gearbcitet. Die Trefflichkeit dieses Kiesenwerkes ist be- 
kannt; wir wolleu nur erwabiion, dass die Originalaufnahmcn im Masse 1 : 25000 
^maclit wurdcn , uiul dass cs niittels des angewandtcti heliographisclieii Ver- 
fahrens, welches bei Zeit- und Kostenersparnis den Kupferstidi crsetzt , miig- 
lich wurde, diese Arbeit in so verhaltnismii^sit,' kurzer Zeit fertig zu 8tcllcn. 

Hit der JJcrausgabc der Gcueraktabskarten ist jcdoch die emsigc Thiitig- 
keit des militSr-geograpbischen Institutes keineswegs enchopft. Neben vielen 
kleineren Kartcnwerken sind daraus herTorgegangen : die bekannte, priicbtige 
in Kiipfnrsticli atisircfiilirte S c h e d ascbc Kartp voti Zentralpuropa in 47 Blattern 
(1871J, der man woiil nur den Vorwurt machen kanu, dass sie zu viel briugt 
and daher nnter der FQlle der Details leidet Um rasdh eioe bravehlMUoe Karte 
zu schaffen, wurde dtirch nudumische Vergrossemiig der Scheda'schen Earte 
die Generalkarto von Z c n t r al eu r o p n 1:800000, 207 I^lattor ans- 
fulleud, in den J. 1873 — 76 geschaffon. Es ist dies eine Heliogravure mit 
brannem Terrain und griinem Waldaufdrucke. Die infolge ihrer Herstellungs- 
art bewirkte Dt rbheit der Gcrippe und der Schrift, aowie verscliiedene andere 
UnzJil.'inglichkeiten lofitcn die- idr-c zu pinor ncnon. sio orsetzenden G en e ral - 
k'a r t e von M i 1 1 e 1 e u r o p a 1 : 200 (XH_» m 200 Biattern nahe. wolche seit 1887 
im Erscheiuen bcgriffeu ist. Das Terrain zeigt diese Karte in braunen SchraffcQ, 
die WiUder haben Grttnaufdruckt die GewBaser sind blau, alle librige Geripp- 
zeichnung und die Schrift ist scbwarz. — 

In don .T.'ihren 1881—88 \^nirdo die T c b e r s i c h t s k a r t e von Mit- 
teleuropa im Masse 1:750000 ausgegeben, cine Heliogravure mit fiinf- 
fadiem Farbendmcke. Voiles Lob verdient die im Erscheinen begri£fene 
hypsometrische Ucbersicbts karte vonMitteleuropa gleichfalls 
im Masse l:7r>0(KX). von welcher bereits 10 Blatter zur Ausgabe gelanr^t sind. 
Die Karte zeigt die Hohcnunterscblede bei Tbalebeneu und Tbalsoblen durch 
griine Farbe in zwei Abstuftmgen von ttber und nnter 150 dann in Sepia, 
nacb der flauslabscl i i. M. thode: je hoher desto dunkleri die Brhebungen von 
0 m, 150 m, 300 ra und (lariUxT von *?00 zu .^00 in. Die ausgestolltcn Blfittor ^el)« n 
ein iiberaus plastisches geschmackvolles Bild des Landes, namentlicb die Ge- 
birgfegegenden der Ostalpen tretcn sebr charaktcristisrh hervor, Zu bedaucru ist, 
dass die Karte im Meridian von Bern abschliessen roU, wodurch dne bypeo- 
metriscbe T'rbt rsidit des gcsamten Alpensystoms t ntfalU. Vielleicbt entscbliesst 
sicb die Direktioii des Militilr-geograpbiftchcn Institute*? nnrh die feblenden 
Partieen der Westalpen herzustellen und eine spezielle HohenschichteDkarte 
d«r gesamten Alpen sur Ausgabe gelangen zu lassen. Wir sind ttberzengt^ 
dass dieselbe ebenso sebr von dem Sclmlmanue als dem Touristen bogeJirt wiirde. 

Die obgenaiinto Karte '/ei<?t in der Art ihrer Ausfuhruug entschicdeiie 
Aehohcbkeit mit der treOhchen Kaveusteioscheu Karte der Ost- 
alpen im Hasse 1:250000; zweifellos bat ihr letz^ere zum Muster gedient. 
Die gesclmiackvolle Harmonin der Farbentiine . die sorgsame Benutaung dea 
roicln ri Qui lltMimatprials machen die^^e K.-ii tc zu ( inem der besten Erzfutjnisse 
der modernen Kai tentechnik. Der allgemeine Beitall, don sie bei alien Alpen- 
freundcn gefunden , ist nur die verdiento Anerkennun;,' liir eine so gewissen- 
hafte Arbeit. 

Das reiche f^oolo^isrho Kai'tmimaforial tier lialkanlialbinsol faiul sicli von 
Prof. Toula geordnet, wiihn iul I'rol". T o ni a s r Im- k (lit- Kartof^rapbie der 
sudcuropiiischen Liinder iiberhaupt zusammeut»tt41te. In leUttrer Gruppe fesselto 
▼on alten Earten besonders eiue Origiualkarte der europSischen 
T ii r k e i in tiirkischer Sprache , welche in der Schlacht von Peterwardein im 
J. 1716 erbeutet wurde, und welclic viel genauer ist, als die Karten , die 
damals im Abendlaude erschienen. £s ist dies eiue OriginaUcarte , wie sie 
der beutige t&rkiBche Generalstab nicht aufeuweisen bat, indem sicb diesar 



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« 



Die gcograithische Ausstollung des IX. deutschen (jeographentages su Wien. 167 

einfiich darauf beschrSnkt, die Kiepertachen Karten, sowie die daterreichiachen 

und fruDzosisdien Generulstabskurten niit tfirkischer Nomenklatur za versehen. 
Lobenswtrt ist dii* Thiitigkoit ties rVisc-lien (lonenilstabes , der eine Karte 
von Serbien im Massftabe 1 : 75 UU) herausgiebt Unter den ?oia KaiserlicU 
Russiscben Gcneralstab publizierten Karten fand' besonden Beaditung die 
Karte von Bulgarien im Maasftab 1:210000 (1884), die gegeniiber der 
iilteren O r igi n al k a rt p von R u 1 ar i (> ii 1:420(X¥) (1R70— 74), die von 
dem Orientreiserult n E. Kanitz lierriibrt, viele Foitscliritte aufweist. 

Sobald nmu vou der Xartographie der siideuropaischeu Gebictc spricht, 
muss mit besonderan Danke der eboiso frachtbaren ale gelebrten Th&tigkeit 
H. Kieperts gedacbt werden. Von dessen viclen aus^'eslillUMi alteren und 
neuoroii Kartenwerken woUen wir nur die seit 1890 im Krscheinen begriff«ne 
Speziaikarte von Westkleinasicn (Berlin, Keimer) bervorbeben, 
weldie in nmfassendeter Weise noser dermaligee Wiseen dieaes Gebietea karto- 
gnqihiaob verbucbt. 

Ein eipener Saal der Ansstollungsraumliohkeiten war kartograj>it!*r|ien 
Seltenbeiten aus Wionor Sammlungen gewidmct. Hier tielen uns besomiers 
anf: Eine von Peter Anicba Hand in Sepia gezeicbnete Karte der Gcgend 
von Bozt Ml (1700); ein pracbtvoUer Kupferstich, den Plan von Madrid 
(1650) und ein Holzsclniitt mit mei8t4?rbafier ii^juiah r Aiisscliiaiickung , den 
Plan Venedigs darstellend (1500). Femer eine aui Belehl des Scbweden- 
kijiugs augefertigte Karte von Deutscbland nucb dem Dreissig- 
jiibrigen Kriege, ein Biesenstadtplan von Wien ana d«r Zeit Maria 
Theresias (1700 1774) von Daniel v. Huber. fiinor iiiteressante Karten 
von \' e n 0 t i t n inil Friaul aus dem 16. Jilirhunderte , eine Originalkarte 
von Japan aul Keispapier, altc Seekaiten, Hundzeicbnungen auf Pergameiit etc. 
Die weiivollate geographiacbe Beliquie Wiwia iat nnatreitig die Pentinger^ 
scbe Tafel, welcbe im J. 1496 von Konrad Col tea, eincm von Maxi- 
milian zu Wien gekronten Dichter in einer Klosterljibliothck . walirsclicinlich 
der zu Worms aufgcfundeu wurdc und seit 1738 in der k. k. Hofbibliotbek 
wAk anfbewabrt find^ Bieae Tafel war nicht in der Auaatellnng^ wnrde aber 
den Beauch^ des Oeograpbcntages an der HofbiUioUick selbst gezeigt. 

Die zweite Gnippe der Ansstellung war geo|Dn*apbischen Landscliaft*;- 
dantellungen gewiduu t , deren Wicbtigkeit Holratb 8imony wUhrend einer 
mehr als dreissigjabrigea Lehrthiitigkeit an der Wiener Univeraitilt betont 
hatte. In der ersten von Prof. Penck zusaramengestellten Unterabteilung 
fanden sicb Photograpliioii , Panoramnn , Reliefs uinl Karten, hesonders der 
Ostalpen. Ki'i fzliicklieher Gedanke war es, das treilliche Pomba'sche Re- 
lief von ituiiun, das seiner rclativeu Kostspieligkeit wegca leider nur in 
sehr wenigen Elxemplaren in Deutachland und Oeaterreteh zn findm aein 
durfle, dem Publikum vorzuzeigen. Bei einem Massftabe von 1:1000000 
fuhrt dieses Relief obne Ueberhohung der vertikaien Erbebungen das Terrain 
Italiens auf gekriimmter Oberfliiche vor Augen. Das Relief ist eine stumme 
Karte, ein mit Farben benialter Gipabgusa (Meer dunkelblan, Tief land dnnkel- 
griin, Bergland beUgrUn, Hodigebirge gelb, Sdineeregion weiss) ; eingezeicbnet 
finden sicb die Fliisse, die Ortszeichen nnd die Anfang'^buobstaben der Xamen 
der grosseren Stiidte. Zum erstenmal tiuden sicb bier uoseres Wissens die 
gesaroten Alpen plastisch im natnrlichen Yerhaltnis der Hdhe zur Flacbe and 
mit Riicksiebt auf die Erdkriimmung dargestellt. Die Auasichtaweite von einem 
Pnnktr k:i nn durclt Anle^nnr; eiiK's Milliiii'-terlineals uiniiittelbar frcmcsspii werden. 

^ebcu diesem Ohjekte erregte besondere Aul'mej ksainkeit ein iiberaus 
sorgsani ausgefiibrteii K e 1 i e f d e r U m g e b u n g von Wien im Maassftabe 
1:12500, daa im k. k. Featttngaartillerie • Begiment Nr. 1 unter Leitung dea 
aucb als Afrikareisenden bekannten Hauptniannes Anton Lux ausgefiibrt 
wnrde. Von dtiijs«lben befand sicb noch ein R e 1 i e f d e r U m g e b u n g von 
Trie at (l:25000j in der Ausstellung. Von aLdnrn Reliefs vcrdienen lobeiid 



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168 geograpbische Ausstellung des IX. doutschen Goographentages zu Wieiu 



hervorgehoben zu verden die von Oberleatnant Guttenbmnner (Schneeberg 

uiul Uax, Zentralkarpaten , Stciermark etc.). von L o g e t p o r e (Sannthaler 
Alpen). Oberlercher (Ankogl-Hochalin-Rolicf. Glocknerkmini von Furcher- 
eck u. a.), JU ohnert (Zentralalpen vom Urtler bis zum Grossgiockner). Einen 
Iidchst sinnrachen Appaxai zar mechaniscben nnd miiheloseik Eonstraierung 
plastisclim- Terraindarstdlliiiig in Gips , sowie ein dumit verfertigtes hiibscbes 
Gipsrelief fltr (Toj^onr! Tnn Leobpn fiihrte Graveur Pried ricb Kienzle 
aus Leobcn vor. Dieser Apparat batte bcreits auf der Laudesausstellung filr 
Steiemark in Graz (1890) Beacbtung geftmden und war mit der aflbom^ 
Staatsmedaille ausgezeichnet worden. Ein Rolief von Wohrl uod Kon- 
sort en in Linz. Oberosterreicb im Ma^se 1:75 000 dirstellend, leidet an der 
mebr als doppelten Ueberbobung, welcbe ganz falscbe Vorstellungen von 
den 2seigungswinkeln des Terrains hervorruft. Gleichen Mangel, aber nocb in 
weit grjwserem Ausmasse^ besitzt fltne Relief karte Earopas Ton MorizHen- 
ziger mit 20facber Ueberbobung; let/teres Objekt liiitten wir },'(„rn von der 
Ausstellung ferngebalten geseben. Von Hanf1'/eicliinin^,'cri j^oion erwiihnt 
Bichters Tiefenkarten des Wiirtber- und Millstiittersees, vor allem aber 
Hofrat Simonys der Oeffentlicbkeit bisher leider Torenthaltene Tiefen* 
karten, Profile und Darstellnogen der Temperaturverliiiitnissc der Seen des 
Salzkammergutes. An anderer Stelle wurden aucb die Apparate nnsfjestollt, 
mit welchen Simony durch voile dreissig Jabre Tiefmessungcn vomabm. Welch 
frochtbare Thiitigkeit auch in wiasenschaiUicber Bichtung dor Deutsche und 
Osterreichiscbe Alpenverein seit eeinem Besteben cntfaltet, zeigten 
die vom Zentralausscbuss dcssflben zur Ausstelbnj? £re]:infrten Objckto. 

Pbotograpbien und An.<ichten, welcbe von iisterreiciiisch - ungariscUen 
Reisenden aufgcnommen wurden, bat Prof. Paulitschke zusammcngestcllt 
Da fanden sich zanSchst dessen eigenc Aufnabnicn aus den Snmal- und 
G ;i 1 1 al ."indern nelisf pliotO'^raiiliistlii'n Tyjien dor Somal, (t a 11 a und 
Harrari, ah Frucht eiiier Emle Dezember 1^84 in Gonieirischaft mit 
Kammel von iiardegger uuternommeneu Forscbungsreisc. Die Viilker- 
tjpen flind ale erste pbotographische Aufnabmen der Bewohner jener Gebiete 
fiir die Etbnologie Afrikas von bobem Werte und geben Zeui;jiis von deni 
Forscbergciste dieses th;itiiren Geographon. Mit crrosser Sitif^falt sind die 
photugrapbiscben Originalautnabmen der Kanari.stbeu Inseln von Prof. Oskar 
Simony, sowie die Gletscberanfnabroe Neuseelands von R. v. Lenden* 
feld ausgefiihrt. Die pbotograpbiscben Aufnabnim v, Hdhnels aus Oat- 
afn'k;i pjiben anscliauliclh' I'lldcr <li r (Jraf T e 1 e k i scben For8cbnn£;srei<;o. 
Durch kiinstleriscbe Ausfiihruug lielen die Objekte von Baron S til 1 tri ed 
aiif, der Aquarelle und Fhotoaquarelle, sowie Pbotograpbien aus China, Japan 
und Griecbenland ausatellto. (i losses Interem»e nahmen die Arbeiten J. v. 
Payers in An<:pnirb, niindicb Tal>it'aiix nnd l^anoranion aus den Polarregionen. 
Payer bat aut seinen Kcisen zablreiche doniinierende Punkte bcstiegeu und 
von dieson aus sowobl Vorniessungon vorgenommen , als auch Panoramen ge- 
zeicbnet, in welch letztere er die geniessonon Winkel eintrug. Sebr cbarakte- 
ristiscbe Vegotationsbilder aus Indien, Cliina, Japan, sowit^ Tit i'si'i Miisicbten vom 
irulisrben O/.ean und dor Adria wurden von Kti^ren Freiherrn v. Ran- 
8onnct Husgestcllt. Allgeiueiue liewuudei ung landtMi zebu priichtige Oel- 
gero&lde, Originalstudien aus dem Ortlergebiet, von dem bekannten HaJer 
Adolf Oberraiillner, dem beriibmten Meistor der Darstellung der Hoch- 
gebirgswelt. Von interessant^n pbotograpbiscben Aufnabmen seien tioeb or- 
wiibnt: AViibuer (Korallonritlc des Sonnwendjoclies in Nordtirul) , U e e r 
(Ostalpen), Divald und Felbinger (Karpatben), Eckert (Bohmen), 
Wiinach (Montenegro), Philipp'son (Peloponnes), Decby i Bosnien, 
Horzegowina , Kaukasu^) . D i e n o r f S yrien 1 , fiubenideck (Transkaspien), 
L jfalvy (Zentralasieu und Indian) u. m. a. 

In der Groppe 3 und 4, geograpbische Lehrmittel und neue geographiscbe 



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I 



Die geogn^pbisdie AasrteUiuig dea VL. dentschen Ofiographentages m Wira. 169 

Publikationen , kam die reiclie Thatigkeit des deutschen Verlages auf geogra- 
phischrai GeUete nir vollen Qeltimg. Neben den Arboiten und Pnblifcationen 
von Justtts Fortius in Gotha inachten sich die vou Reimer in Berlin, 
des G eo g r apli i s c li (■ n Institute? zn Weimar, von Wagner und J) c bos. 
Yelhageu & Klasiug, BrockhuuH in Leipzig, Eugelhorn io Stutt- 
gart, Hirt in BresUii, Flemmiug in Gloguu, Friederichsen in Ham- 
baig, Herder in Fnihur^' vortcilliaft geltend. Besondere Beachtung von 
Seite der Schulmiinnor fanthii die elf ncnen orohydiotrr.ipln'schen Scluil- 
wandkarten des Methodischen Atlas von S y d o w - H u b e n i c h t , wclclie 
bei aller Boriicksiclitigung der Forderung der Scliule nacU kriiftigcm Fluss- 
netze und plastischer Bergzeiclmung doch einen gefiilligen Gesamteindrock lier* 
vorbringen. Wenig Beifall verniochten die von G. Lang in Leipzig und 
F. Halbig in Miltenberg ausgostellten ychulwandkarlcn tins :ib7:ntj("\viiinen. 
Die Derblieit der Flusszeichuung ist bis ins» Extreni gctneben, die Farlnn- 
nfianxieningen sind grell und gesclimacUos. 

Von osterreichiscben Firmen sin<l im grosser n 'S]:imo. auf geograpbiscbera 
Gebipte bisber nur tbatig gewescn : ]!r>Izel, Artaria. Temp sky und 
Hartleben. Letzt«irem gebUlirt zweitellos das Verdicust, durch populare 
Werke zu billigen Preisen weite Scliichten fSr geo^rapbiscbe Bestrebuagt-n 
Ztt interessieren. Die F. Temps kysrbe Verlagsbucbbandlung hat sich 
neuestens durcb Heraust^ ibp von Kirchliufrs Liliiderktniilc , Suess' Antlitz der 
Erde etc. wieder bestens in den geograpliiscbeu Kreisieu emgefiibrt. A r t a r i a' 8 
Verlag, der Endc des vorigen Jabrbunderts berrits gegi^ndet vurde, sclieint 
nns hintec derZeit /.unirkgebliebeu zn aein. W le anerkennenswert die Tbatig^ 
kcit Stt inliaiist rs . rles bekannten Kartograidun dieser Firnia, nuch in tbeore- 
tischer Hinsiciit war, so muss man docli gesteben , dase w in tlor prak- 
tiiicben Kartograpbie keiueswcgs JVIustergiiltiges scbuf. Seine Kaiten lassen 
eine kiinstleriftche Hand vermissen, sie zeigen sich mit Kleinigkeiten iiber- 
laden und in der Farbenwabl , bei der Vorliebe fiir grelle Tone , unsdioii. 
Der ;io\vif;?i mit prosscn Kosten in Ai'taria's Verlag ausgefubrte 8cbeda- 
Stciniiauserscbe Handatlas ist ini'olge dieser Uebelstaudu eiu totgeborenes 
Kind. AUe Vwsucbc, den Atlas durch Korrekturen modem zn gestalten, 
werden sich ale ^crg(;bens erweisen. 

Das geojrra])hi9cbe Institut von E. ITolzel bat sich seit l imr lantjon 
Reihc von Jabreu namentliub auf Bcbulkartograpbiscbem Gebicte vorteilbatt 
beUiatigt. Die Earten V»v. Haardts, des tQchtigen Leiters dieser Anstalt, 
zeigen gewahlten Geschmack, seine Wandkatte der Alpeu ist eine Muster- 
leistuTif?. Lobend verdicnen aus Hol/els Verlag bervorgehoben zu werden die 
zahlreichen wissenscbaftlicben Publikationen und die Reisewerke , deren 
Illustrierung vorztiglicb , ja vielleicht sogar zu reicb ist. Beacbtenswert ist, 
daaa diese Firma aucb fOr den Export arbeitet. Wir saben in der Aus- 
stellung zwei Schulatlanten fiir Aigentina, sowie eine Wandkarte dieses 
Staate?'. 

In der Abtcilung der Hilfsmittel fiir den geographischen Unterricbt fanden 
die Apparate Prof. Schmidts zur Untersttttzung des Studinms der mathe- 

matiscben Geographic rerdiffllte Anerkennung. Hier war audi Kollektion 
transparentor Bildcr sowie Apparnte fiir Projektionszweckc von .T. Porulia 
zuaammcDgestelit. Die „!Societe dc reuseigncmeut par I'aspect'^ in Havre hatte 
eine Anzahl Ton Projektionsbildem ans Italien, Fraiikrdcb, Holland und der 
Schveiz, sowie Bilder zur astronnmiscben Geographio eingesendeL 

Auf besondoren Wunscli wunle ii: 'Inijipe 5 eine Ausstollung von In- 
strumenten fiir geograpbischo OrtsbesUmmuug von Oberstleutnant St er neck 
und Oberleutnant Krifka zusammengestellt , die von Seite der Facbmiinner 
ungeteiltes Lob fand. Besondere Beacbtung fanden die Apparate zur Bcstimmung 
der Intensitiit der Sclnveiki aft. sowie die auf Forschungsreisen zur Ortsbestim- 
mung praktisch erwieseaea iostrumente. 



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170 geogr&phiscbo Aiustellung dee IX. deutocbon Geographentages za Wien. 



Der amgeidchneto Vortrftg von Prof. Steiner am Prag in der'letzteo 
Siteung des Geographentages : „ IJeber Photogrammetrie", sowie eiii kurz vorher 

in der Wiener Geographischen Geselhchnft von Oberingenieur V. Pollack: 
„Ueber plioto^^rammetrischo Messkunst und deren Anwendung" gehalteiier, 
hatten die iillgtimeine Aufmerksamkeit auf die ausgestellten photogrammetrischen 
Apparatc und Arbeiten gelenkt. Neben den photogrammetrischen Aufnahmen 
von F i n s t e r w a 1 (1 e r (Sulden- und Gepatschferner^ und Pollack ( Arl- 
borp) ficlen l)esoiulurs die phntof^ramnietriscbcn Aroeitcn dcs italieniscben 
Ingeuieurhuuptmauns P a g a a i n i auf, welche den Monte-Kosastock darstelleD. 
Diese Praditexemplare ^hrten dentlich vor Augen, wie ireit bisher di« 
Pliotograrametrie gelangt ist nod bis zu velchem Umfange rie angewendet 
werden kann. 

Wien, AprU 1891. 



Litteraturblatt 

znr 

Zeitschnft fiir wissenaohaftliclie Geographie. 



Bd. vm, 1891, Nr. 3/4. 



Besprechungen. 

(■cographlHchefl Jahrbuch, heraoagegebon 
von HEKXAXX WAGNEB. Xni. Buad. 

Gotha, J. Perthes., 1889. 

Gomiiss der utueren Viliuderung di'« Geo- 
graphischen Jahrbuchs in je zwei Bilnde ent- 
b&lt der Torli^endc Band die Berickte Qber 
dcB Fortadmit m den geophysiscben FScbern 
ink weitcstpn Sinu uu'l in dor Klluioli>(^e. 

Nfii ist (lioisnml liin/iipetri'ttn eiu liericht 
nber die Entwicklung imd den gegenwirtigen 
Standponkt dar erduiagnetitMshen Fonchtma 
▼on lYof. Kanrl Schering in Darmitadt Au7 
dem verhiiltnif-iuas-if,' rocht Iviiapjii-n Kaunie 
von 50 Seiten erbUten wir hior von einem 
aiisgezeichneten Fachkenner nach einer kurzen 
Uebersicht fiber die wichtigHten litterarischea 
Hiilfsmittel zar Lehre vom ErdmngnctiBinne 
eine klaro Darli'gimg (li>r fiincliimcnt.ilon 
Leistungeti, weiche auf dieuem (jebiete oaoh 
den anrt-gendcn Fonehongsergebnissan Hum- 
boldts und ILinsto<^ns die beiden grosson 
GCttinger Gauss uii>l Wilhcliu Weber in den 
.lahren 1830 hervorriefen. JSoil um 

folgfe die VorfObnuig der in alien Kultur- 
rtaaten aeitdem (mitonter aneh schon Torher) 
gfschohonr'n MesHunpfn der pr«iniaL,'n«'ti8cht'n 
fch'uienle auf Ubaervatonen {an dentm es 
namentlich noch in SOdamerika nmngolt), 
aaf VermeNnng8»Ezpeditionen oder Konntigen 
Reisen, ondlien bei Getegenbeit der gleich- 
zfiligt n iiiti niationalen Stations • Polarboob- 
aehtuugen wiihrcnd der Zeit von 1>^S2 und 
1883. Ganz wie es die segcnsreiche Aufgabc 
dieees .Tahrbacbs ertbnlort, wird una dabei 
dpr ungeheure, bercita jet«t vorliogende 
liui lit r . Zeifschrirti'tj- vind Kartenscbatz flbor 
die erdmagnctischtt Kigcnart nller Lander 
and Meere erSffnet; wir erkennen gonau, in 
wf leli< 111 Unifango die crdniagnetischon Kar- 
t*.n auf yngeron oder woitniaschigen Netxi-n 
guter st&ndiger Beobachtujigt-n Uisscn. wi 
lie nnr Ton Messungen durchziohender For- 
sdmngBraiModdn ibr«n Stoff entlehnen, auch 
wo sif }>i'\m dQrftigen Vorrat selbst letzt<!rer 
noch hypothetisch l)leiben milBsi-n. Ks fallt 
gleichfaUs Licbt auf die zur Meunung ver- 
wendeten Iiuriammenie aowie auf allgemein 



Theoretiscbm, insofem «a aus Einzelbeobacb- 
tungeii ill begtimmten Landern gt'tolgcrt 
wurde ; so wordcn karz bertihrt die Ansicbtea 
Dalfoar Stewarta Ober Erklarung dcs Nord> 
licbts iind der periodischen Schwankungen 
in deu Aeut^ui uugtii dan Qrtlichen Magnetic- 
mus, femer Prof. Adams' Deutungen eben 
di^ser Hchwaukungen samt den plOUlicben 
Peiturbationen (.magnetiacben Dngvwittnrn*) 
durch Eruptionen von Eisondampfen in der 
Sonnenatmosph^re. Gegen Ediuund Nau- 
uianns Behauptung, dass auffallige Aus* 
bieffangen der erdinagnetiacben Linien> be* 
■onden der Isogonen, anf tektoniacben BrOeben 
dor Erdrindi' licruhen sollon, verluU aich 
Schering zuriickhaltcnd, ohne cino Beoin- 
Hussung des Verlaufs jener Linten dtttch 
bOhere Gebirgo wie Himalaja, Karpaten n. a. 
wi lengneo. Referent bat an anderer Stelle 
schuii auf das (noch unvenith-ntlithte) Er- 
gebnis der iin Htibtst ISb't duich Max Escben- 
bagen ausgefllhrten erdmagnetiBchen Auf- 
nabwen dcs Uarzes hingewicsen, welchos 
auch keine nierkbare Stoning dor ordmagne- 
tiHchen Linien durcli Verwerfungsapalten, 
oino mehrfacbe und zum Teil aehr anaehn- 
Kohe dageg«n dorcb Geateinmnagneiiamas 
PTschlosspn liut. Nur i:st Scherings nllgo- 
nn'iniTt r Kinwaiid gogcu dtu» Nauiuaiiu'iiche 
Theorem rii. iit ganz ourchsicbti^: .Es niOssten 
ja dann in tiolcben Uegenden diejeniffen Linien, 
welcbe jetzt bogonen sind, dieae Kigensehafl 
fiir alle Zeiton bcibehalben, wahx rid doch 
ein Vergleich alterer und neuer luagnetiBchcr 
Kartea im allgomoinen das Gegenteil lehrf 
Kaumaim behaoptai aicbi, dass eine und 
dieaelbe Isogone a. B. am groasen Qnerbnich 
durch Nippon, dor ,Fo-jt.i maj^'na*, au,> u ch litT 
der FuHchijama aufragt, wie feKigcuagelt 
stebcn bleibe, »onderu vielmohr, dass dieser 
Einbruch alien im Laufo der Zeit Qber ihn 
^leichsiim dahinwandelnden Isogoncu und 
IsiMiviiaiiiiMi iVw gegenwiirtig so auflulligo 
AusbuchtuDg nach Norden an dieser Stelle 
einpragen werde, etwa vie eine ▼om Flow 
nocli nirbt genii;/- nd ausgewetzte Felsschwolle 
die d;uuiM;rwegi*iionden Wasseruiafisea liteta 
an der nilralidben S(eU« den Waaaer&U bit- 
den Iftaat. 



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6 



Besprecbuitgca. 



Die Qbrigen Abflohnitte atnd die •ebon 

aus den Vorgangerbiinden bekannten, auch 
'die Boricbterstatter mind geblieben. UergcH->ll 
und Kudolph verfasstcn altO wieder das Ka- 
pitel aber Gdopbysik im engeren Siiute (mit 
recht anerkennens wetter Unparteilichkeit^ zu- 
mul im beissen Mrimiri^'~-f reit ,hie Ilrbunj,', 
hie Senkung* ; nnr die hii-sslicbe, jetzt doch 
fa«t bloBii iiocb cxotische Missform ,qaater- 
rar* fur quartiir »uhe man Ueber ausgeiuorzt) ; 
Toula fiibrt una die ausserordpntiicbo Fiille 
des Kenntniszuwacbsos fllirr <1''ii ^'totjjuosti- 
acben Aat'baa der LS.nder in iimslerhafter 
Sicbking vor, ebeirao vortrefllicb bcspricbt 
Krlimmel die ozeanograpbi-i lu ti Fortschiit te, 
Hann die klimatologischon, Drude die pfianzen- 
goograpbiscben ; Scbmardas ticrgcogr.iiuM licr 
AbMhniit ist swar abenuals mebr Katalog, 
giebt indeetea dieemal dooh auch teilweim 
sf.iU ilr>a Titeln von BUcbern und Abband- 
lungen Inbaltlicbes, s. li. lutadelt ur recbt 
AiiistUbrlicb iibor die l^efaeefonehang der 
Challenger-Auelahrt. 

Die letxten riebzig Seiten dind derTa1ker» 
kuiidr ^'nwidmet. Audi dicst r Sclilu-^^al-M Imitt 
faast wie die tucistcn 8oobcn geiianntuu die 
Portechriitc dor .labre 188G bin 8S in« Aage. 
Oeorg (ii'rland bobandelt in ibm don wegen 
seiner uugobcuren Ausdchnung und seiner 
Aul'spoicbcrung in ho iiusserst verschieden- 
artiger Litteratur dopptdt schwiorigeu Stott' 
mit gewobnter Sacbln'herrschung. Was man 
bei Schmardai nicht erwahnt findet, was hin- 
gegcn namcntlicb von Drudo und Hann gut 
benutzt ist, das wurde dioBnial aucb von 
Gerland in aus^cdebntem Masse verwcrk't: 
das VorbandenMm dm Supanschen Litteratur' 
bcricbtes in roterniiinnH Mitteilungen. Es 
liegt ja auf der Iluud, dass letzterer viol 
eingebeoder den Juhalt von Ncuorscboinungen 
danralegeii T^mag als daa Ueograpbiache 
Jabrbuen bei BenMm bncbiftnkten Raonie* 
D.i nun jcrli r OpoErTapb die Gotbaer Geogra- 
pbischen Mitteilungen zur Hand bat, weuig- 



I ttens doch jeder denticbe, ao wftM wigar 

I eine ginz erscbftpfende Hin-w t isnng auf die 
Referate im Supanschen iatteraturbericht 

< soitens des Geographitfcben Jabrbnchs im 
Interesse der Benaiser dieses gar nichi mebr 
zn eafbebrandea Wegweiaert. Wie wenige 
Kacli|:onosflen baben beispir l^wr isp Zeit genug, 

. um die Rchr wertvolle, abor sebr breit und 
ganx unQbertiicbtlich verfaaate Abliandlung 
Quedenfeldts tibcr .Eintoilung and Verbrei- 
tung der Berbei-nbovcilkerung in Marokko* 

j in der I'erliner Rtbnologiscben Zeitxcbrift 
durchzuarboiteu ! Gorlaiid giebt von dieser 
wichtigon Arbeit eine Inbaltsangabo auf 
wenigen Zeilen, die naturlich das Sclbst- 
einsolu-n derselbcn nicht ersparen soil; in- 
dcsHon er b&tte si rj>l ili*s-j Zeilcn gp.iriMi 
konnea and dem Bcnutzer des Jabrbacba 
doch mebr geboten, wenn er auf daa ans- 
fdbrlicbc Iiibaltsreferat boi r. trrni;inn auf- 
mcrksam gcmacbt hiitk*. AnderornfiU ver- 
kQuiniert eine gtiwiiwe Form der Auiilhrung 
des erwahnton Litteratarbericbts ein wenig 
den Zweek. 80 f&brt Gerland das Refetat 

' ilc-i I'lifor/r^icbneten Qbor Ohavnnn*:"' ^Keisen 
uad I'liiM Ijiingen ini alteo uitd ueucn Kongo- 
Rtiiatc'' in It dm Worten an, es aei in dem 
liefectit adas Nene und Qote des Bucbea 
vielleicbl etwRs m lebbafi bervorgehoben', 

VOUi I'llrllf .scllist lifi-st t's luir, t'H ^-'i 

, wegen seinei i'Ligialti vie) berufen.* Lutzte- 
res ifit auch in jonem Referat kr'ilftig betont, 
aber der Benutzer des Jahrbucbs will doch 
wisHeu, was er n. a. etwa fttr die VSlkw- 
■ kunde <!i'>- KnllL:lll,^'llI(■ll^■^ l'r;iucl)tMr<'> in 
I dem Werke hndet oder ob aueb diescsi allei 
I unter die Piagiato gohdrt. Nach jener Wort- 
fiussung wird or das Ref- riit kauui i in-i'h<'n 
miigen, wahrend z. B. Hann ilim melir Nuuen 
8tift«t, indem er bier (S. 88) auf 2-8 Zeilen 
j sagty auch tiber das Klima des Kongostaatss 
I finde man einige Hiiieiiiingen and Beobacb- 
; tungen im ChaTaoneseben Bacbe. 
I A. Kirch boff. 



L^iyui^L^ Ly Google 



Die BergsfOrie von St Anna und Gastelier in Sildtirol/ 

Ton Joi6f DAmian in Trfent 

Das Gebiet dcr Etschbuclitgebirge der sudlichen KalkalpeT57one ist selir 
reich ao grosscD und kleincn Bergsturzen beziehuogswcisc aa i^'elsstUrzcn uud 
Bergratachnngen, reicher als man beim ersten Blick ervarten sollte. ESs ist 
aber auch ein GeMetj wo die Gebirgsziige von vcrscluedenen gross;irt]\'en 
Bruchlinien duiolizor:^pn sind und bedcutunp^vnllo Stiirungcn erlitten halxn. 
firschemungen, die otleukuadig massgebend und bediogend wareu fiir das Yor- 
handemein der mitunter gewaltigen Ablagcrungsgebiete der TtUmmeriDasaeD, 
die ihren Ui'sprung den vorausgegangenen FclsstUrzcn verdankcn. HftDcihe der- 
' IIh n •i'md ill der Litteratur schon vielfach erwiUiat and haben znm TeH ancli 
gesonderte Bearbeitung gefunden. 

Vom Zusamraonbruche einer grossen Felsenpyiaiaido westlich der Bocca 
di Brenta in der Brentagruppe hat Prof. E. Diohter eioe eingehondc l)ar- 
stcllung gcgobcn Die aus^'odolinton Felsentriiramerfelder im ?^Li<llicli(-'ii Tirol. 
Lavini di Marco I < isson, und die Marocche im nntoren Sarcatliale mirdlich 
von Arco und Did mud bald als Felssturzgebiete bald als Moriinenreste ge- 
dentet worden. Erstere obwohl in der Ausdehnung in keiner Weise mit den 
Alarocche des Sarcatbales n IHcb von Pictramurata vergleicbbar , sind unver- 
liUltnismassig eingehender l)carbeitet worden als diese. Es ist hier nicht der 
Ort, auf die Kontroversc, ob es Borgsturzablagerungen oder Glacialgebildc 
Bind , eimngeben. Nnr so viel mag erw&hnt eein , daBs ich jene Ansicbt fHr 
die riditige Lalte, welcbe bei den Lavini di Marco das Ablagerangsgebiet 
eines grossen Felsrut.scbes -) und an dmi INfaroccho jencs eines grossartig nn- 
gelegten Felssturzes sicht. In beiden Fiillen baben wir postgluciale Bil- 
dnngen vor nns. Hinfcer den Trfinunerwallen Ton bedentenden Felsstttrzen *) 
liegen die bcrrlichsteu Gcbirgssccn SUdtirols, der 118 m ticfe MoWeno-See. in 
dessen Farbenpracbt sich die zerrissi non Gestalten dor Brcntagruppo spiegeln, 
der Tovel - See mit einer Tiefe vou '6b m bei niederem Wasserstande iin 
gleichnamigen Thale, eincm der scbonsten Alpentbiiler unseros Gebirgslandes, 
nnd der Lago di Tenno oberhalb Riva am Garda-Sec. Seine Ticfe betrilgt 
nach meincn Messungcn bei solir iiiodereni "Wasserstande 28 m. Da der See 
/ur Zcit der i\lessiiiig»"n nur mit oiner diiniien an niebrercn Stellen offencn 
Kisdecke iiberzogen war, no ist die Muglichkeit, diiss nocii ticfere Stcllen vor* 
kommeo, ni^t ao^eschkMeen. 



') Der Bergitun an der Bocca di Brenta Hittdlungen det denttdt-Oflten. A.T. 

1885. S. 72. 

*) Penck, A., Dr., Prof., Dh- Shuim di San Marco bei Rovereto. Mitteil. der Wiener 

geo^. Geseiihciiuft. ima. s. S95 a. 

A. Stopi'ani, LY'ra neozoiou il, T. dor; (Juoloijiu (I Jtalia. Milano 18S0. S. 97 tL 
*} Dr. R. l;.-p!siiis. Dns weslli-'!... Sudtirol. Berbn 1;^7S. S. 'Jl, 1:31^ 272 tt. 287. — 
J. Daimao. Der Molveno-See in Siidtixoi. Petermanns lliUuiluiigcn. 1891. 
*) Eigene MessnngeB. 

"} Diosclben wurden in der Wci^n Torgenommen, daas in gleichen AlMtlinden durcb 
die MiUe LOcber im Ei»o goucblagcii wuvdon. 

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172 



Bie BargitAiBe von fit Annft mid Ctetoliar la SfldtiroL 



Am nordostlichen Endo des G.trda-Sces in cinom verb^rErfren Winkel 
ist Torbole Lerrlich gelegen. Sudlich von diesem Orte springt da^ Ostufer 
au£fallend vor. Dieser Vorspning besteht aus losen Gesteinen and grossen 
Kalkgestelnstrummern, walircnd dort ndrdlich und sudlich die Scbicbtenflachoi 
des nnteren und oberen Jura im Norden gcfi^en die Alluvialebene der Sarca 
im SUden gogen den See steil einfallen und das Ufer gcradlinig verlaaft. 
Dieser Vorspruug ist gebildct durcli eiuen kleiuen Felsrutsch, der ca. 500 m 
fiber dem Seespiegel tou der Westseite des Mte. Baldo loebrach und ta6k sum 
Teile nocb in den See hinausschob. Unten am Seeufer liegen einzolne sehr 
grosse Blocke, an dcnen die erodierende Kraft des Weilenschlages verschicdene 
sebr interessante Formeu geschaffen ; am oberen Ende des Ablagerungsgebietes 
lit dno kleine Termsse, ftuf der mitunter rierige BlScke hemm liegen, die 
teilweise noch fast dieselbe Lage ihrer Schicbten zeigen , die sie oben gehabt 
haben mussten, woraus der Schlusa bcrcchtigt, diiss der Rutach nicbt besonders 
zerstorend auf die abgebrochenen Massen gewirkt haben kajin, wie bei an- 
deren derartigeo Erscheiiitiiigen &8t immer der Fall isi Em BUck nach anf- 
warts lehrt una die obere Bruchlinie kennen, wo der Abbruch erfolgte. Der 
Uebergang von Nago zum flacben See von T^oppio (3.6 ni tief) respcktive 
zum Etschthalo ist auch von einem Feissturi^gibiete besetzt, wie aus den 
Triimmermassen hervorgeht, die dort herumliegon. Die neue Bahn, welche 
Mori rait Riva verbindct. fuhrt darch das Ablagemogsgebiet. Bei Calliano 
im Etschthale unterhalb Trient b'e/^cn sfullicb der genannten Ortscliaft nicbt 
unbedeutendc Trilnimernmsscn, in dmcn die Burg, Castel Pietra hiueingebaut 
ist Ein ij'elssturz vom unttjreu Teilo der "Westseite des Mte. Volano hatte 
diese Ablagerung geschaffen, die die Etscli fruher bestrich. 

Neben diesen zum Teile vielfacli bckannten Ablagerungsgebieten von 
Bergstiirzen cribt es in der ^ahe von Trient zwei andere, die, soweit mir be- 
kannt, in der Litteratur gar nicht beriihrt wurden. Der eine von diesen be> 
fiodet sich am Nordwestabhange des Honte Bondone, der sich bei IMent am 
rechten Ufer der Etsch erhebt, der andero am Westabhange der Manolftp 
Maranza im Siidostcn dersclbcn Stadt. Bei Verfolgung der Gletscherspuren 
stiess ich wicderbolt auf diese Ablagerungen. Am Nord-West- und Sudab- 
hange des Monte Bondone reiehen me Spnren des alten Btschgletschers weit 
hinauf. Sie laasen sich bis zum Sattel zwischen der Cima Bondone und dem 
Orto d'Abramo verfolgen. Die Feststelbing derselben als solcbe ist in don 
Gebioten, wo das Kalkgcstein ausschliesslich das Gebirge zusammeDsetzt, nicbt 
achwer. BlSd^e aos der Forphyr-, Gneis-, Granit- und Schiefergruppe , die 
in grosser Zabl za trcffen , sind auch die nntrOglichen Zeugen , dass dk ESis- 
masson jencr fernen Zeit bis zu den berrlichen ancli den Botanikem wegen 
des Artenreichtums der Flora ') wohl bckannten Alpcnwiesen des Mte. Bondone 
hinaufreichten und durch ihre Ablagerung erdigen Materials den Gruud schuien, 
ans dem die reiche Vegetation den KiihrstotV beziehen konnte, denn neben 
den genannten Blucken kommt audi feincs Material in bedeutender Meugc 
vor , das Morariencliarakter an sich triigt. Die Terraingestaltung tntg auch 
dazu bei, dass der GleUcber das nutgeliihrte Material teilweise deponierea 
musste, indem von der Cima Cornetto ein Felsenrttcken, Rosta genannt, ab< 
zweigt und in nordliclier Richtung streichend bis zum Mte. Mezzano westlich 
vom Seebecken von Terlago reicht. An diesem Hobenriicken musste joner 
Arm des Etscbgletschers , der seioo euormen Eismassen gegen Vezzano zor 



I) Paveri Pi«tro prot, Altra serie di ricerche e atudi sulla fauna pclagica dd laghi 

italiam. Atti delln Kocif>t.\ vrnoto-tron'tiim iH scirtizc nnt. Padova 1883. Vol. VIII. fHsc. FI. 
IS. o48 fand ihn kaum 5 m tiot. Da die vun rmr vurgonommeneD MesaungeQ ita Winter 
getnacbt Mr Zdt niederen Wsmentiuides, to laMen neh di« kteinett Untttsdiiede leidit 
erklftren. 

■) Gremlich. Jul. UnMre Alpenirieaen. Ftogramm dm ObennnniiMiiwM in Halt 
1884/85. IiuMbnick 1885. S. 22. 



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Die BergitOne von di Anna vnd CtM» in etUHuol. 173 

Veremigung mit dem Sarcn^lctsclier sandte, ein natiirliches Hindernis findon 
und seine Greschiebe zum Tcile iiblagcrn. Sind obpn auf der Sattelhohe 1568 m 
bis hinab zur Malga di Vigolo und Baselga die schunsten Alpenwiesen aus- 
gebreitet, so muss es befremden, dass bei diesem Punkte die Thallandscliaft 
imd das Gehangc dcs Mt6. B<iiidond einen ganz andcren, einen rauhen und 
ungemein wilden Charaktor annimmt , den wir liiimb bis gegen St. Anna uud 
zu den obcrsten Hauscrn von Sopramonte verfolJ^«.'^ kijnncn. Wie bei alien 
Ablageruugdgebieteu von Bergstiirzeu linden wir auch Licr grossOt wild durcU* 
einuBder gewoifene TrfimmermasBflii, die in miserein Falle ans roten imd 
weissen Kalkgesteinen ties Jura bestehen, zwiscben dem Gebiete der edlen 
Rebe und des Maulbecrbaumes und jcncm der buntfarbigon Wieson und Weide- 
platze. Dieses Triimmerfeld heisst im Volksmunde Lavu i^. In der geolo- 
gisch kolorierten Spesdalkarte der oeterr.-ungar. Moaarehie im Hafsstabe 
1:75000 ist diese Ablftgeruiig mailt eingetragcn. Da ilhnliche Blockmassen 
schon oft als Moranen angeseben wurden , ro (lurfto niclit uberfliissig^ sein, 
bei diesem Triimmerfelde uos auch die Frage vorzulegen, ob wir das Ab< 
lagerungsgobiet esim B er gBt ura ee oder grosse Ifor&nenre^ for mu haben. 
Eine genauere Pr&fuDg desselben fiihrt zum Scldusse, dass ersteres der Fall 
ist Wandert man von St. Anna den Wcfj. der liings der Ablagerung binauf- 
ffihrt, bergauf warts, so febien uucli bier die erratiscben Bliicke uicbt, neben 
diescn finden sicb aber auch „ pseudoglacialo Ersclicinungen. Der Weg 
ist, wie fast alle in der Umgebang TOn Trient und iiberbaupt im italieniscben 
Siidtirol niit Stcincn r^cpflastcrt ; man verwendet mit Vnrliobe Porpb}Troll- 
stiicke oder weisse und rutliclie Kalkgesteine der niicbsten liei^end ; die letzt- 
genannteii Steine sind uicbt besonders bart und vom Wasser wie auderea 
erodierenden KrSfiten leicht angreifbar, nnd so konnten die Fobrwerke in 
diesen Pflastersteinen Kritzen und Furcben scbafTen . die den Gletacherkritzen 
und -furcben tauschend ahnlich sind und sicber als solche gedcutet wUrdcn. 
soUte man sie ausserhaib des TVegcs finden. Wo die Triimmermassen ihren 
oberen Anfkng nehmen, ist eine kleine^ eehmale Tfaalalafe ; das Thai erocheint 
&8t abgeschlossen nnd dadurcb wurde eine Vertiefiing, mit unebenem Boden, 
Dber dem sicb ein Triimmerwall der Lange nacb binziebt. t^escbaffen. Ware 
dieses durch die Blocke abgescblossene Becken von 10 m Tiele bis zum iiande 
nit Wasser gefttUt, so wSre am Gnmde bei Measungen ein Wall zn finden; 
wiire dessen Wasserstand sebr niedrig, so wurde der genannte Damm das 
Becken in zwei klein^rf^ zerlc;,'on. Vom oberen Rande der Abbruchstellc 
siebt man am untereu Ende dor Kutschtiiicbe also an der Grenze der Ab- 
lageruug und des Abbangos nocb ein anderes Becken, das mit Wasser gefiillt 
war nnd von Gesteinsfragmenten ganz nmscblossen ist. In der Spezialkarte 
der osterr.-ung. Monarchie ist es nicbt einge/ciclniet. Am oboreu Rande des 
Ablagerungsgebietcs liegen nocb cinzelnc frrnule Gesteinsartcn aus der zen- 
tralen Alpeuzone, sie mebren sicb sobald mau ober dem Ablugerungtigebiete 
hinaiilstdgt nnd sie versobwinden gans im Blockgebiete. Die l^dga di Yigolo 
und jene von Baselga sind auch am oberen Telle, aber nocb im Sturzgebiete, 
auf einer ebenen Flache von geringer Ansdebnun^ an^elej^t , die zum grossen 
Teile der Bach, welcher von den Wieseu des Bondoue kommt, durch seine 
Anschvemmungen gebildet bat Das Badibett litest sicb anf dieser kleinen 
£bene deutlich nachweisen und eine starke Manor musstc zum Scbutze der 
Malga di Baselga aufgcfUbrt werden. Al)cr wobl nur bei sebr starken Nieder- 
schlagcn und zur Zeit der scbncUen Schneescbmeize im Friibjabre fliesst das 



Dime Bezeichoung erinnert uufTullend an Lavini odor Slavini , die man Hir jene 
Orte asgewendet findet, wo aui^dehnte FeLsentrOmmer borumliegeo. Chr. Schneller, Tiro- 
K»che Namenfoncbungen. Innsornck 1890. S. 161. Ks mng hier erwUhnt scin, dasin man 
die .^teiltn AbstUrze hinter der untenu Sfrasst iisjjom' bei Civczzano dMtlicb von Trient, die 
in ihren tmteren Partien aua JTlassalluvimu, in den obereo aua MoriLaenmaterial bestehea 
nad an denw hftufiga Bewegvngan vorkommeB, aacb Slavisi neant. 



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174 



Die Beigatllicd iron Si. Anna nnd CastaU«r in SftdtixoL 



Wasser oberirdisch. Bei trockener Jahreszeit verschwindet dasselbe scbon am 
obereD Tcile der Ebene unter den losen TrQmmern. Im Bachbette, das anch 
weiter abwlirts kcnntlich ist, treton ficinde Gtesteine in nicht unbedeuteiider 
Mengo auf inul zwar in tlen oberen Particn, wo die Kraft ties Wassers einc 
fjril^^snrp ist, in grosser) Blocken. gogen untcn bin. wo dio Wassennenj^e durch 
Einsickeruug abgenommen, in kleineren J?'iagmenten. Bei einer Stufe mitteu 
im Ablagwangsgebiete, die durch ein mSchtiges Hanfverk yon grMsen Bruch- 
stiicken abgescblosscn ist, und wodurcb eine Beckenform , wie sie in cbarak- 
teristiscben Bcr»:,'sturzgpbipten immer zu finden sind, gebiMet wird, verliert sich 
jede Spur ciner obenrdiscben Anscbwemmuug und das Wasser diirfte allem 
Anscheine nach aelbst bei den grSssten Wassermengen, die ron oben jfommeOf 
sich verlieren, am erst am unteron Ende der Ablagerung wieder zam Vor* 
schoin zu kommen. Abseits der Einne dcs Badics fand icb auch nicht ein 
Stuck iremden Materials aus den Zentrabilpen. £s ist daher auch sicher kein 
gewagter SchlusBt dass jene Porphyrgesteiiie im Badibette darch das ab* 
flicssende Wasser von dem oberen Gebiete des Mte. Bondone in dieses 
Triimmerfeld gefiibrt worden sind und nocb gegenwrirtig gcfiihrt werden. Yon 
Stufo zu Stufe senkt sicb dasselbe bis zum unteren, gezackten Eiide, wo auch 
die oben verschwundenen Gewiisser wieder erscheinen, und zwar der Formic 
tion dcs Thales gem^s dstlidi die grSssere and westUch die kleinere Menge. 
Die Ausdeliniing dcs Alilagerungsgebietes betnigt ungeiubr 2,8 km bei eincr 
mittlcron Breite von 0,4 km. Die Steiue, weiche bier ausgcstreut liegen, sind 
ausscbliesslich rutliche und weisse Kalkgesteine der Jurapcriodo uud zwai* wie 
es scheint so, dass die oberen and westlichen Partien mehr ana den rotai 
Kalken und die ostlich am Abbange des Mte. Bondone und unteren aus 
wcissen bestehen. Gcgen das untere £ade der Ablagerung tritt eine oftenbare 
MischuDg beider Gesteinsarten ein. 

Beckenbildungen , vie wir sie bei den Marocche im Sareaihale, bei den 
Xttvini di Marco bei Mori, bei dem Abschluss des Molveno-Sees, bei den Berg- 
stUrzen, din don A]!f -ho-See und den Lago Niiovo im Gebiete der Siidtiroler 
Dolomitalpen gobildet baben, beim i^Uimserbergsturz im Kbeintbale ^) und an- 
derswo, wenn dwarCi^ Ereignisse in der Katur-) cingetreten, beobachtoi 
konncn, linden sich auch in unserom Gebiete, wenn anch im viel kleineren 
Mnfsstabe. Neben den sclion crw.ihnten Hohlformen am oberen Rande und 
im Ablagerungsfeldc sellist stossen wir auf ilbnlicbe Bildungen am ostlicben 
Kaiide, wo der bewaldete Bergabbaug die eine Wand, die Triimmerbaufeu den 
westUchen und ndrdlichen Abedilass bilden. Wasser kann sich auch bier kdnee 
ansammeln. 

Die (Testeinsfragmonto. die den Abhang berabrutschten , wurden an der 
cntgcgenstelieuden steilen Tbalwaud weit hiuaufgeworfen und die Qehange mii 
grossen and kldnen Blocken bedeckt Anders aaf der Seite, von der der Ab* 
rutscb tor sich ging. Hat man die nSrdlicbe Brucb« resp. Rutscblinie liber* 
schritten, so reicht dor Wald aiif dem vom Brucbe und der Rutscbung nicht 
bcriibrten Abbange bis zum Trummcricld berab, und zwischen letzterem and 
der Thalwand ist eine kleine rinnenformigc Senkang, dnrch welehe ein 
schlccbter Weg gegen die genannte Matga binauffiibrt. Vom oberen Kande 
des Ablagcning<5gebietcs ii1>ersiel!t man auch die Abrutscbungsfliicbe mi l die 
Brucblinie ; erstere bat eine Lango von 1,6 km, cine Breite von 7 — 80U ra und 
einen Neigungswinkcl von 21 ». Ungefabr 300 m unter der 2100 m hohen 
Spitae des Monte Bondone ist am nordwcstlicbon Abbange eine ganz schmale 
Felsenterrasse, and in dieser Hdhe sind auch die oberai B&oder der Bra^* 



Dr. O. Hartung. Das alto Borgsturzgebiet too Flinn. Zeitsebriit der Gesellaohaft 
f. Erdkuntle zu Hcrlin l^s t Bd. XIX. 

*) BOhm, Dr. A., Diu ^iochscou der Ostalpen. Mitteil. d. k. k. geogr. UcseUschaffc in 
Wicn. ISSG. Bd. XXIX. S. 632. ~ M. Neomayr, Ueber BergatUne. S^tMhxtft d. dentwh.* 
0«ierr. Alp.-Ver6ine* 1889. S. 19 fE. 



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Die Btt^tOrae von St. Anna and Cftatelier in SOdtizoL 



175 



stelle. Selbst tou der Malga Ui Baselga aus sieht muu dio gezackten und 
serrisseneii Fdspartien, die Dei jttngeren Febstarzge'bieten so deutlidi m Ter- 
folgm sind, wie s,m ^ft r* ale im Sarcathale, am Mte. Gess in dor Breiita- 
gruppe, am Mte. Zuim bei Ituvereto. am Mte. Pichoa bei Tenno und am Stt il- 
ab£alle ostlich des Tovel-Sees im gleichnamigen Thalc der Brentadolomitcu. 
Brae L«8te ana festen Felsen ziebt sich voo der genannten Terrasse IKngs 
des Abbanges hinab bis an das obere £ndc des Ablagerungsgebietes uml Ijildet 
die Sudwcstpfrp'i/o tier Alirutschilailic. Oben auf dor Loiste. die um ein be- 
deutcndes Mass iiber der Hutschbahn erhtibt ist, beginnen die Alpenwiesen. 
An der Begrenzung zwischen der steil anfsteigenden Leistc und dem Abhang, 
von dem ein Toil abrutschtc, habcn sich Schuttbalden von rotlit her und weisser 
Filrbung j;:pbildet. Die nordostliche Grreu/.c der Abbriiehstelle ist iiiclit so 
scharf und deutlich ausgepriigt und verliiuft aucli liiclit so I'oradlinig, sondeni 
melir bogenfiirmig. Vom uberen Rande der Abbruchstulle zeigt os isich noch 
vioweifeukafter, dass bier ein groaser Teil der oberen Seliichten in die Tiefe 
rutschte. Gewaltige Triimmermassen biingen nur melir lose mit dem Abhange 
zasanimen und drohen im niichstcn Augeoblicke hinabzustiirzen. Zaldreich 
siod die SprUnge und Kliiftc am Eande, einzelne derselben habeu nur cino 
geiiugc Breite, bo dass man sie leicht und obne Gefahr ttberspringcn kann, 
aber immerhin eine Tiefe von mchreren Metcm. Andero wcisen grossere Di- 
incn5?ioncn auf; so bat eitio derselben eine Tiefe von 12 m und eine wech- 
selude Breitc. Diese Zerkliiftung des Abhanges Itisst sich in nurdlicber liicb- 
tung gegen die Malga Brigantma Inn Terfolgen. Aucli in der Richtnng twe 
Malga di Vazon ist das zu Tagc tretende Gestein selir zerrissen and mit 
Spriingcn bcdeckt, die aber melir den Oliarakter von Iv.urenrt ldern an sich 
tragen. Die Rutscbflacbe ist im obersten Teile suhr steil und liier auch fast 
oboe Pilanzenwucbs, aber in ihrer ganzen Ausdelinung mit grossen und klciuen 
Gksteinsfiragmenten, die auf der Schicbtcnflacbe haftcn gcbliebeu sind, bcdeckt, 
die wirr durchcinander liegcri und die Wanderung in denselben selir erschweren. 
Auch in der V'ef^etation macht sich die Ahrutschbahn von benaclibarten Gc- 
bieten Idar keuntlicb. Die siidlicb vom ik'rgsturzo licgenden hochalpineu 
Wieaen wurden achon erwShnt; im Norden und Nordosten Ton demselben 
stOBSen wir auf einen geschlossenen Fichtcn- und Larchenwald, wie man in 
der an "W^.ldungen so armen Gegend Trients so selten fiudet; dat,'ec»cn 
ist die Abbruch' und AbrutscbHache im unteren Teile mit spiiilichom Laub- 
and Nadelholz bestanden, im oberen Teile tritt an die Stelle der Laubliolz- 
ttrSncher und der kfiramerlichen Fichtcn und LUrchen die Zwergkicfcr. Lilrcben 
und Fichten ra^cn auch zwiachen den Felsentrttmmem des Abhangea in ge- 
ringer Zabl bervor. 

Das Vorkommen dieses und manch anderer kleinerer BergstUrze in der 
Umgebnng von Trient ist im Gebirgsban and in der Richtungsanderung der 
Gebirgsziige oft'enbar bedingt. Gerade bier ncbmcn dio Bergketten ihr Etscb- 
bachtf^ebirgo eine audere Kiditung an. Der Monte Bondone westlicli der 
Etsch bat nach Yacek ^) seine Fortsetzung im Monte Ceiva ustlich desselbeu 
Flnases and bier dnrchsiehen einzelne kleine Briiche die Gebirgskettcn. Die 
Gcsteinskomplexo der jiingeren geologiscben Formationnn . die oft liodi oben 
auf den Bergspitzen gefunden werden, treten in geringcr EntlVrtiung untcn im 
Tbale in gestorier Lage wicder auf, sie siud von oben bcrabgerutscbL /Cwischou 
Venano und Terlago, zwischen dem Monte Bondone und der Paganella liegen 
die Scbicbten vielfach gestiirt und untcrcinander geworfen, dass, wie R. Lep- 
sius mit vollem Reclite bemerkt^), die Gewiisser nicht wissen, woein odcr wo- 
hinaus, um schliesslich im flacbeu Felseubocken des Sees von Terlago sich zu 



*) Yorlftge der geologischen Karto der Umi^bang von TduA. Teriuutdlangen der k. 
k. geol. Rciohs;inHtalt. Wien 1881. S. 101 u. !62. 
t) x)M weetlicke SQdtiroL Berlin 1878. S. 12. 



176 



Die BergstiirKe vod iSt. Aiiua uud Ctuttclier in Siidlirol. 



sanuneln und nnterirdisch den Weg wahncbeinlieh zur £it8ch zn nebmeiL 

Wiire es bei einer solchen Gestaltung der Gebirge zu wundern, wenn in iin- 
serom Crebietc noch in jiingster gcologischer Verganj^enheit, namlich nach dem 
Kiickxuge dcr Gletscher, bedeutuugsvoUe VerauderuDgen stattgefundou und den 
Gehlngen Ttnswer Gelnrge mdit aelteii andere Formea gaben, als sie nach 
dem Sdnrinden der Eimiassen batten. In der nacbsten Umgebung too Trient 
komraen auch gegenwlirtipf fort und fort kleincre Felsbriicbe vor, so an dcr 
Strasse, die von Trient durch die eoge Felsenschlucht der Fersina nach Pergine 
und Valsugana fnhrt oder anf der eiitgegengesetssten Seite anf der Strasse 
liber Buco di Vela nach Cadine und ludicaricn. Begebt man diese Strecken 
im Fruhjahre nach der Schneeschmelze oder beim Auftauen des Bodins , so 
darf man sicber sein, dass am Wege herabgoroUte Gesteinsmassen liegen oder 
an den Strassenmauern durch dieselbcn Bescbadigungen verursacht warden. 
Nicbt sclten bort man von Ungliicksrallen, die dadurch entetanden, daes herab- 
kolleriule Gesteinsmassen voriiberpeheiule Personon tfkltetcn. Wcr wird da 
nicbt an den Aiisspnirh Albert Hoims erinnert, der lautet : „Konnten wir alle 
die iu der gleicheu Zeit an verschiedeneu StuUea bcruuterfalleudeu Steiue an 
eine Stelle zusammengedrSogt fallen sehen, sie wiirden aus den Alpen allein 
eineu unaufliorlicben , Tag und Nacbt . jalirein, jabraus fortgebenden grossen 
donnernden Bergsturz bilden" »). Am Fusso des Stcilabhanpfes wcstlich von 
Trient, iiber den der Bach von Sardagna im senkrecbten Fall bei 70 m hoch 
hmbetUrzt und der aus leidit varwittemden eocanen Binken beatdit, liegen 
eine Mcnge grosser G^fteinsUoeke. und die leicht erkenntlichen wnnden Stellen 
oben an der Fclscnwand laRsoii leicht erraten , woher sie gekommen. Eine 
ganz ahnlichc firscbeinung tretien wir am Monte Calmus oberbalb Viilamon- 
tagna am Kalisberg bei Trient. Ich hatte schon einmal Gelegenheit daranf 
hinzuweisen, dass am Nordwcstabhango des Monte Chegul des Mar/olartickens 
ein Felsbrucli erfolgte, der aber nicbt /nr volleii Entwickelung f^ekomraeu ist. 
indem nur ein Tell der iosgerissenen Massen auf eiue schmale Felsenterrasse 
stUrzte, der librigc jedoch noch mit dem Gebirgbzuge in lockerem Zusammen- 
hange blieb. Viele grosse und tiefe Spriinge durchsetzen den obwsten Teil 
dee letzten nin dlichen Auslaufers des Chegul 3). 

Das Ablagerungsgcbiet einer grosseren Felsi;utscbung liegt nach nieinem 
Dafurhaltcn auch sudlich des befestigten Hugels S. Rocco links von der 
Strasse, die von Trient gegen Italien fiihrt. Fast mitten dnroh dasselbe 
fiibrt der Fahrweg von Trient iiber Villazzano - S. Kocco nach Valsorda und 
Vigolo Vattaro, und ein Gan^? dabin ist fiir den Geolop^en und Geoj^raphen 
auch in anderer Beziehung nicht obne Intoresse. Der Weg fiihrt dutch die 
▼erachiedenen Formationen der Trias *% die den Westabhang des Harzola und 
Maranza zusammensetzen. Gleicb ausserhalb der Tersina - Briickc begegnen 
uns links von der Strasse. die nach Villazzano fiihrt. selir vert^itterte TuiTlager 
mit zahlreichen Porphjrblockou eingeschlossen «), die in der zitierten geologi- 
sdien Earte unter der Helapbyrgruppe eingctragcn sind <■). Im y«rwitterungs- 



>) Ucber BvffstOrae. Zilrioh 1882. 8. 1. 

1) Spuren frabdrer Terftiinng anf der Mnrzola und Mannza. Mitteiluiig dea deatseli* 
Merr. Alp<-n-Y. 1888. S. ir.O. 

Geologische Speziaikarte der Csterr.-uogar. Hooarcbic. Blatt Trieat. MaGnt»b: 

1:75000. 

*) Vacek 1. c. S. 158. 

*) Es Bei liier erwiihnt, dass jUngere Eruptivpesteine auch Ostlich von Trient bei Co- 
gnola v(jil<oiniiH'n, and in der genaunten geologischcn Kart* niclit fingetruf^t'n siml, wenn sit- 
auch eine nicht geringc AuBdchnung besitzen. K» ist wohl dassclbe (lestein, dms Vftcek io 
der Vorlago der geologischen Karto 8. 160 aU Basalttufl'e Qber der .Scagha erwUiat. tm 
ist dosselbe Geetcin, >hi< Pi of, A. Cathrein (Vcrhandlungon ilri k. k. gcol. Reicheanstalt in 
Wien 1887, Nr. 10, H. 2].>i wogtn seiner verwitterton Gestiill lur genauere UntcrBuchungen 
sehr wenig cinladend fand. Kh findet sich wiedor oberhalb Cognola bei Tavomaro, BenMt 
aaf der kleinen Stufe des Monte Calmiu, wo es in Form einer griinon und scliwar*gnMian 
VenrittenutgMirde Yorkomnt mid bei Madenio. Ein Jtttnlicbai firttptivge^tein finden wir 



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Die BergstUrze von St. Anna uad Castelier in Sildtirol. 177 

prodnkte iSesoB Uateriate gedeibt ein guter Sttdtirolerweiii, gocda d'oro, gol- 
dener Tropfcn, genannt. Da die Festigkeit dieasr Gesteinsart eine sehr geriDge 

ist, 80 'jjQid man naturgemiiss zu einem anderen Gcsteine und zwar 7u oiner 
festen und dauerbaften Breccie, die uns in dea Mauern bei S. Bartolumeo, bei 
ViUaszano nnd aach an der HauptetraMe von Trient gegen HattareUo mehr- 
fach begegnet und in ibrer Zosammensetzung und Lagerung so manche Aehn- 
lichkeit mit der „ Hottinger Broccie " bei Innsbruck besitzt . deren Alter 
und Entstehun^ trotz der schon reicblicben Littcrator noch nie mit gauz 
flicherer Elarheit festge^tdlt ist Mem stSsst anf sie wesilidb der Villa Rossi 
in Villazzano beim Maso Malpensada, das links von der Strasse gegen Matta- 
rello liegt- Sie lagert in fast borizontalen liiinken, deren Machtigkeit zwischen 
1 und 4 Metcrn schwaukt, auf der untern Trias. Die Hauptmasse besteht 
aus dolomitischeu Kalkgesteinsfragmenten , die aucb am oberen Abhange der 
Maranza vorkommen, cwiscben denen rote und graue, viclfach gerundete Por- 
pliyrblocke , oft von nicht mibedeutondf^r (irosse, ScliieferstUcke , Gneisfrag- 
mentc tmd einzelne Sandstoine und Scagliamcrgel eingobacken sind, Porphyr 
kommt m der Gegeud von Trieut nur in dem schon genannten Tuillager auf 
der Twraase von Poto und Said vor; Glimnnttrschiefor oberhalb Poto am Sattel 
von Roncogno und in kleineren Fetzen unterhalb desselben Dorfes. Dagegen 
deutcn die eingeschlossenen Gneissc entschiedon auf die Herkunft au3 der zen- 
tralen Alpenzone. Ist dieso Breccie beim Maso Maipensada, wo sie am besteu 
aufgescbloasen erscbeint, da dort ein Stdnbrocb war, in borizontalen BSnken 
gelagerty eo nebmen diese schon gleicb oberbalb und noch mehr auf der Berg- 
seite gegeniiber dem Doss di S. Rocco . wie die „ Hottinger Breccie" in der 
Nahe der Hottinger Alpe eine Keigung gegen das Thai bin an, das heiasty 
816 aUcomodieren neb der BSscbung des Abbanges. Sleigt man denselben 
binauf, so scheinen sicb die fremden Einschliisse zu verlieren. Hier im Stiden 
wie im Norden bei Innsbruck wcist die Breccie vertikale Zerkliiftung auf, 
finden sich an der Uuterlage lockere Partit n , auch bei der Breccie der Villa 
Rossi treten nicht selten nnter derselben (^uellen zu Tage, so eine grdssere 
sUdlich der Villa und kleiiierc am Abhange des Berges gegenttber von S. BoGOO* 
In Sii'Uirol wie in Nordtirol bildct sio fin vortreffliches Baumatcrial. 

Enthiilt auch die Breccie von Hotting nni Mayrschen Steiid^rnche nur 
wenige Urgebirgsgesteiue, so bat Prof. J. Blaas in einer westlicbur gelegenen 
Stelle einer abnlidien Bildung mehr firemde Gesteine nacbgewiesen *). Wie 
bei Innsbruck die Breccie sich bis zur Hottinger Alpe , also weit binauf ver- 
fnliv n liisst, kommt sie auch auf dem Abliange der Maranza bis zur gleich- 
uamigeu Alpe vor, allerdings uicht mehr alii anstchender Felsen , sondern ich 
traf aie nor in einselnen grdaseren Blddcon, in denen nocb PcrphyrstUcke ein< 



aucb westlicb <lor Etsch auf dem Fufsstt ii^p, tier von Sardagna zum Coniotlo JI Vazon nicht 
durch das Thai, sondern auf der Vorderiieite mit cinem steta sch&nen Atublick aaf das Etach- 
fbal und Trient steil binauf fuhrt. Hier hat cs eine geringc Vorbroitang, macht sich ab«r 
nicht.sde.stow(<niper in >1or iippigim Alpon\ o>.n>tatioa kenntUch, die in cuMom Zttwetsiiags* 

prudakto aich auf das schunste ontfaltcii kauu. 

') Si(:hf> Pir hlor, A., Beitriigo zur Gcognosie von Tirol. Zeitsclirift des Ferdinandeum« 
f. Tirol u. VoriifllK-rg. TII. Vuh^o, VIH. Heft. Innsbruck 1859. S. 167. 168; Prof. Dr. A. 
I'enck, Die Vcri^'lr-tsclierung der Doutsth.-n .Mpcn. Loii)/ig 1882. S. 230 ff. und Pio {^ut- 
iinpcr Breccie. Vi^rbandlunp^Cn dor k. k. gfologj.scbfn Hoii-l)t<iinstalt in Wicn 1887, Nr. 5. 
S. 140; Dr. Aug. Bj^bnif Die Hottinger Breccie und ihre Beziehung zu don glacialen Ab* 
lagerungen. Jurbnch dor k. k. geologiKhm RachiaiiBialt: Wien 1884. XXXIV. Bd. 
S. 147 ff. ; Prof. Dr. T. Blaas, Ucber die Glacialformation im Tnnflmlf. Zpit.schrift des Frrdi- 
nandeuius in Iniiabruck. III. Folge, 29. Heft. Innsbruck laii5. S. 23 uud Erliiutorungen zur 
geologischen Karte der diluvialen Ablagerungen in der Umgcbung von Iniisbrurk. Jahr- 
buch d«r k. k. goologiscben Ketcbaaosfadt in Wien. 1890. Band XL. S. 21 fi. In den 
Werken tod Penck, BObm tiad Blaas ist auob die zahlreiche Litterator liber die g«nannte 
Breccie angefQhrt 

*i Eriftntemngen sor geol. Karte etc Jabrb. der k. k. geol. BeicbcaoBtalt. Wien 1890. 
Bd. XL. 8. 48. 



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178 Die BeagvMne von St Anna and CMtoEer in Sadtiiol. 

gebacken erschienen. Xeben tliesen Beriihrungspunkten sind aucli nicht un- 
wesentliolio DifFerenzeu zwischen bcidcn Bildungen, die iiicht ausscr Acht ge- 
lassou werden durfcn. Die Bilduog im Suden Tirols hat nicht die grosse 
AuBd^ung irie jene im Norden ; es fehlen im SSden die Funde von Pflanzen- 
restcn, es fdilt met auch jcde Spur einer unteilagemden GrundmorSkne , wie 
sie dort von cinigen Forschern angenommen , von andoren bpstrittpn wird. 
SoUten eiamai die Anschauim^ea iiber das Alter und die Bildang dcr Hot- 
tinger Breecie fUrar alle Zweifel gekl&rt sein, so kann yielleicbt auch flbnr 
jene you dor Villa Rossi niihcrer Aufschluss zu erwarten sein. Die Erwah* 
nung diossT Ablageninj: bei dieser Gelrgonheit soil auch nur den Zweck haben, 
um Gcologen vou Fach darauf aufmerksam zu macbcn und zu weiterer, fach- 
mSssigerer Forschun^,' uiul Untersuchuug anzuregen. Daher wenden wir uns 
nun (loni Ablai;eriiii^'sgel)iete zu, das Una ansserhalb 8. Bocco Bttdlioh des 
glciclinami^en lliif^cls b* i Castelier entgegentritt, und das nnr von oinora Berg- 
rutsclic lierriiliren kann. Es muss betout werden, dass bier die Veihiiltnisse 
nicht HO klai hegen, wie bei deti LavC obcrhalb Sopramoute im Westen vou 
Trient. Sind die Abhange der Maranxa und die TerrasBe, anf welchw Povo 
mit den verschiedenen Fraktionen und Villazzano liegt, ganz ubersiiet mit 
fremden , aus der zentralen Alpenzonc stammendcu Gcsteinsnrtcn , so muss cs 
befremdeu, dass sudlich des Doss di S. Rocco die erratischen (jresteine selteDer 
weirden and gleicbartige Ealkgesteinsfragmente den Abhang bis zar Hanpt- 
straBse fainab bedeckcn. Am Wege, der liber S. Rocco nacb Valsorda durch 
dioso in der gcolo':r;^, ], . koloi iorten Spczialkarte zum Teile al« Diluvium und 
zum Teile als Dolouiit cingctragenen Ablagerung augelegt ist und strada delle 
Lambre beisst, fand icb wobl einzelne fremde Gesteine, so Porphyrblocke yon 
klt-inoren Dimcnsionen in den Mauern und bei einem Kalkofim am Begintie 
derselben ; cla?jeE:eii stiess ich auch nicht auf ein Stiick weitcr answUrts , und 
ein andercr Kalkofen war ganz aus Kalkstcinen aufgebaut und auch ausgc- 
kleidet. Unmittelbar nach der Durchquerung der Ablagerung von Norden 
gegen Siiden stellen sich sofort Spnren frttherer Yergletscherung in grosser 
Zalil wicdiT (ill. Hart am "\Vc!];o und von dicsera angci^c-hnitton liogt fine 
AblamTimi:. die einer Morrlnc sdir iiluilicli ist, und nnterhalb der Villa 8ara- 
ciiii jetzt (Jonci und Treiitiui lieute Gerloni, die auf einer schmalea Seitenstufe 
liegen, ist eine unzwelfelbafte HorKne anfgeschlossen. Abgeseben von der Zu* 
samniensetzung derselben aus verscliiedenem Materiale, abgeseben von dor 
Lagerunir und Anordnung desselbcn zeugen die zaidreichen gekritzten Knlk- 
gestehie, dass man sich einer Moriine gegenUber bcfiudet Hier ist auch die 
Sudgrenze des Bergsturzgebietes, die 1,6 km von der ndrdlicben bei 8. Rocco 
entfernt ist, wiihrend das Material in einer Ausdehnung von uber 1,4km deu 
Abliaiig bedeckt, dcr dorf , wo das Material abgelagert ist, eine ungefiihre 
Buschuug vou 12^ besitzt und gegen die Strasse zu sich iu ein weUiges Terrain 
auflost. Eine Wanderung quer durcb die Trummomassen etwas nnterhalb 
des genannten Fahrweges otwa in der "Xiilie des Lago Turcliino lebrt uns die- 
prlbf^ Ei ( lirinnng kcnncn wie oben : niimlich das Yersehwinrlcn des erratisclien 
Materiales, sobaid man innerhulb dcr Blockmassen sich betindet. Lassen scbou 
dicse Anzeichen vennuten, dass auch hier vom Abhange dor Maranza herab 
ein Bi Mgiutsch erfolgt sein kihinte, so sprechen noch andere Griinde dafiir, 
dass die abgelagerton meist glcichartigcn (icstcine cinem Borgsturze ibr Da- 
sein vcrdanken. Auch hier finden sich die fur Bergs(ur/g»bieto figentiimlichen 
Bcckenformen innerlialb des Ablagerungsgebietes. Zwei von diesen Bodeii- 
senknngen bergen noch gegenwartig standige Wasseransammlungen , so der 
Lago Turchino und dcr Lago delle Cancllc. Bcide liegen am untcren Ende 
des Triimmcrfeldo?? und sind ganz von Gc^tcinstriimmcrn umschlossen , beide 
haheu eine rundliche Gestalt und sind otienbai* gleichzeitig und durch den 
gleioboi Voiigang entstanden. Aber wie in der mannigfaltigen Natur der eine 
See nicbt dem andern gleicbt und jeder seinen Eigencharakter besitst, und 



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Die Bngstflne ron St Ansa and OMtelier in SOdtiioL 



179 



eioe mebrminder besondorc Bchandlung und Beschreibung erfordert, so troten 
audi an dieaen obwohl sdir Ueinen Seen manche Yenchiedenheiteii anf. 

Das nordliche der beiden Soebedcen, das seinen Namen, Iiago Turqhino, 

sebr mit Unrecht fiihrl , da soino Wassorfarbe nicht blau , sondern griiii und 
zadem meist scbmiitziggrtin ist, liegt in einer trichterformigeu Yertiefimg, deren 
KSnder den Spiegel des Sees an der niederaten Stelle urn 10 m fll>wragen. 
Den Zufluss erhalt er von Nordon, wo er in Form ciner nicht unbedeutenden 
Quelle unter grossen Kalkf^estoinsbriicbstuckfii ontspnnfj;t . (lurch eine klcine 
Mulde fiiesat and Uber einc niedrige Stufe mit starkem Getulle dem See zu- 
fallt. Die Mulde wie der See sind iclion an der nordlichen Bcgrenzung des 
Ablagerungsgebietes. Der fruchtbare' Boden der Hulde, 1< i mit Feldern und 
Reben bepflanj^t ist, ihre wcstHchc Bof^renzun^, wo ebenfalls Weinborgo, Obst- 
biiume und Maulliferli-iurae stoheii . kontrastiprt in fiuffallcndor Weise gegen 
den Ostabhang, der ^anz mit dcm Blockwerk der ubrigea Ablageiung und mit 
OestrQppe, wie es dem Absatzgebiete ^igen^ bedeckt erscheint. Abflnss ist am 
See keiner sichtbar, das "Wasser findet unterirdiscb seiiien Ausgan-,'. Die 
Ticfe kann nicht bedeutend sein, da der Grund, mit Triiinmeru bedeckt, trotz 
der Triibung meist sicbtbar ist Am westUchen Eande des Wasserspiegels 
fand ich Ueinere, fremde Gesidne, PorphyrroUatAcke, and aaeb oben am Bftode 
des Trichters kommen solche in goioger Zabl vor. Dagegen stiess icb bei 
einer aberniali'i^en Durchquening dieser Bildang von hier 7,um siidlichcn Ende 
aach nicbt auf ein eimsiges Sttick, diLS als Erraticum hutte gedeutet w^erden 
kSonen. Am Siidende, wo der Abbang sebr iteil m den schon arwiihnten 
Tillen Gerloni nnd Gond<) anstcigt, ist ein anderes waaserltnea Becken mit 
steilen Riindern umgeben , die wieder mit zerstreuten , eckigcn Truramern be- 
deckt sind. Da das Becken sich tricliterfdrmig zuspitzt, so ist kein ebener 
Boden vorhanden , und der nnterste Teil anch mit Kalkgestcinsstiicken ganz 
bedeckt. Hier liegcn auch einzelne Gesteine ana der mittleren Alpcnsone^ 
Sdiiefer . Granito und rorjdiyrrollstiicke. Das zwoitc Sfebocken mit gntem 
T{*cbt»i Ijago dcUe Canelie genannt. da es niclit nur am Kandc, sondern auch 
in der ilitte mit Scliilf bewachsen ist, hat weder eineu sichtbareu Abliuss 
nocb .Zofloss nnd einen ganz flachen Boden. Die den See abBcblieaaeoden nnd 
umliegenden Hilgel besitzen nicbt mehr die Hohe und Steilbeit der Rander 
wie beim Lago Turchino und am wenigsten im Nordcn und Siiden, wo in dor 
Verlangerung nach beiden liichtungen noch andere aber wasserlose Hoblformen 
zu treffen sind. Andi ergab taoh bier mehr fremdes Ifaterial als im iibrigcu 
Ablageningsgebicto , so am Nordostufer, wo ein zerfSedlener Kalkofen mit ab- 
gerundeten Porphyrblocken ausgefiittert ist , die in der Niihe des Sees ciner 
kleinen Flache entnommen und zum Bau desselben verwendet wurdeu. West- 
Ueh nnd slldlich in einiger Entfemung rom See fid mir k«n erratiachea Ma- 
terial mehr auf; in den aufgeschlossenen Hiigela &nd ieh an keiner Stdle 
aach nur eine Andeutung eines fremde n Gestcines. 

Vertiefungen ohne Wasseransjimmlungen , wasserlose Becken , finden wir 
auch am nordostlichen Rande dicser Ablagerung zwischen dem Doss di S. Rocco 
nnd dem Abhange des Berges. Erstcrcr fallt gegen Norden und Osten sebr 
steil .lb, da hier die gegen Riidcn und Sudwcsten einfallenden Scliicliten in 
Steilwiinden abbrechon. Mit dieser T/il'o der Schicbten im Zusammcnbange 
steht eine sanftere Abdachung gegen iSuden, ein Vorschieben einzehicr Aus- 
lanfer in deraelben Ricbtung. Da das am Bergabbange der Maranza abge- 
brocbene und abgerutschte Material hart am Stidabfalle des Doss voriiberging 
und zum Teile auch dort abgclagcrt wurdc , so rr/.i^stc ustb'rb vom Doss 
zwischen diesem und dor Berglehne eine Abdiimmung eines Bcckcns erfoigen, 
die mit dem Felanitscb sicber im genetiacben Znaammmbange ateben, von 



>, Tn (lor Sppzialkarh^ dnr ok! en-.-iin^;ir. ^foniu i hio 1:75000 flUUQn dioSO LaudbftlUer 

Qoch die Mamen der frUberen Be4t2er: Treutini unU Saraciai. 



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180 



Die BergsUlrze von Si. Anna und Catielier in S&dtuoi 



denen das ndrdliche im Weston m cioer Voratafe des Hfigdt TOD 3« RoCCO 

begienzt erscheint. Ware die Vertiefang mit Wasser gofiillt, so hiitte das 
Snnhi ckrn Reirie Stcihifer und seine ticfstcn Stollen im Wcsten ; gegen Norden 
wiirde der Boden sehr alliliahlich gegen eiue Terrainwelle, auf welchcr gegen- 
waxtig das Landhaos Pedrotti^ Mher Giani genannt, steht, ansteigen. Aucb 
won der Ostsette, Ton der Berglehno her, vnd noch nichr von Suden wttrde 
der Boden tinter sehr sanfter Buscliung zur Tiefe tibergelien. Gegenwartig 
breitet sich dort eine Wiese aus, und der Teil gegen die Villa liin ist mit 
Weia- und Obstgarten bepflanzt. Siidlich an dieses anschliesseud liegt ein 
Bweites, nindliches, etwa 10 m tiefes Becken ohne Wasser, das gegen Norden 
eine rinnenartigc Fortsetzunf^ und am Grunde eine kleine . ebcne Fliiclio auf- 
weist, ahnlich wie das cbeufalls wasserlose Becken iu der Nahe des Lago delle 
Canelle, nur mit dem Unterschiede, dass in diesem ein Acker liegt, in jenem 
aber eine spSrUche Weide. Die niiebete IJmgebimg hat schon einen ganz 
anderen Charakter als die Gebiete ausscrbalb der Triimmermassen. Erratische 
Gesteine fehlen bier am Rande derselben nicbt, sie treten in der Form von 
Quarzporpbyrstuckeo verscbiedener Farbung auf. Das obere Ende des ab- 
gerotwhton Hateriales treffen wir bn dem Hofe Piaoizza in 478 m abBolnter 
Erhebting. Hier breitet sich eine acbmale Stufe am, die aus losen Trummer- 
massen bestclit. Auf dem We?o von S. Rocco zu dieser Terrasse nebmen 
aucb, wie wir bci einer Wanderuiig im unteren Teile geseben, die erratiscben 
Blocke ab and versdiwinden, soweii ich beobacbtra koonte, siBhliesslich ganz. 
Bei diesem Umstande mnss es wundernehmen , dass auf der Ebeno von Pia- 
jiizza fromdcs Material, meist der Quarzporphjrr - und Glimmerschiefcrgruppe 
augehorund , in ^^losserer Menge vorkommt, besonders gegen das Sudcnde 
mehrt sicb dasselbo und eiu Kalkofen . der oberbalb des Fabrweges gegen 
Valsorda noch im Triimmerfelde stclit, ist aucb zum grSssten Teile mit Porphyr- 
bluckiMi iiufgcbaut. Das untere Ende des AblaRerungsgebietcs liegt an der 
Reichsstrasse nicht weit von Mattarello. T?pi der Hiiusergruppe S. Vicenzo 
steht oberbalb der Strasse fester Kalkstein un, uud teilweise auf Bankeu des- 
selbm und immittelbar itnterhalb beginnen die aufgelosten HiigdrMben iiber 
der Strasse, die zum Starzgebiete geboren und sicb bis zum Wege binzieben, 
der bier von der Hauptstrassp gegen NovaUne und Valsorda abzweigt. ' An 
der Strasse beim Kilometerstein i98Vi ist ein Aufschluss, der aus losen, durch- 
cinander geriittelten KalkgesteinsblScken von Terscbiedenen Oimensionen ohne 
Scliicbtung und Sonderung bostebt; bier liegen aucb einzelne, grossere Stttoke 
der Kalkbreccie, wie sie bei der Villa Rossi und am Abhange der Maranza 
ansteht. Einen guten Ueberblick uber den unteren Teil des Ablagerungsfeldee 
gcwinnt man von einem HQgel der untersten Beibe oberbalb der HanptstaraBse. 
Das Terrain ist welli^^: di 1 liiigelig, kleine rundliclie Vertiefungen, ovale Mulden 
und langlicbe Thalchen cbarakterisieren diese Bildung. Nirp r i l^ i^cbaut festes, 
austebendes Gestcin hervor, die nicderen Erhebungen zvvischen den Ver- 
tiefungen bestehen, soweit ich sie untcrsuchtc, aus losen TrQmmermassen^ 
aach scheint am unteren Rande das fremde Material seltcner vorzukommen, 
dagegen stellt sicb dasaelbe sofort zablreicb ein, wo das Stnizgebiet das £nde 
enreicht. 

Steigt man von Pianizza den untcr 27o geneigten Abhang, die Abrutsch- 
babn, gegen das Fort Brusaferro am siidlichon Rande der Abbruchsstelle hin- 
auf , so begegnen uns aucb hier einzelne PorpbyrblScke, aber m<^t in gromr 
Zah), mit Ausnabme an einer Stelle, wo sicb eine ganz scbmale Stufe findet, 
auf der sio zablrcicher auftreten. Ansscrlialb der sudlicben Abbnubsstelle, 
die sicb aucb bei dieser Abrutscbung leicbt kenntlicb macbt, stellt sicb beim 
Fort das orattsche Material ungemein und auf&Uend hHufig ein. Oberbalb 
der Abbrucbslinie in der NShe d^ Alpe Maianza bei einer Hobc von 1100 m 
tritt dieselbe Erscbeioung auf, denn me genannte Malga ist fbrmlich ftbersaet 



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Die BMrgrtOnM von St Aana and Cait«li«r in SUdUroL 181 

mit eiratuchea filocken uud auch moranenartigen A blageruugtiu , deneu Hie 
woU audi dS0 reiebe Vegetation Terdanken mag 

Trotz des Umstanaes, dass una im Ablagcrungsgebiete an oinzclncn 
Stdlen , wie auf der Stnfe von Piantzza , am iiordlichen Randc , beim Ijago 
Tuichiuo und delle Canellc uud dmui wieder auf der EutschfliicUe nicht ge- 
rade telten GesteiiM begegncM, die muk amrweiftOiaft a te enatfaehan reohnea 
muss I 80 glaube ich doch nicht irre ra gebcn, wenn idi andb dieie moare 
Bfldang des Abban^jes dem Ablafjerungsgebiete einea Ber^tnraes resp. cinea 
Februtsches, der in postglacialer Zeit erfolgiei zozahle, und zwar aus mebreron 
Grfinden. 

Das erratische Material, auf das man im Qebiete dieser Ablagening 

stosst, ist nielirminder an den Bogrenzungon und oben auf (hr Stnfe von 
Pianizza am zalilrficbstcn zu treffen. Innerhalb des Ablageruugsgebietes tritt 
es nur sporadiscb auf, wiihreud dassolbe sofort in grosser Hiiufigkeit vorkommt, 
wenn man es in irgend einer Bichtnng Uberschreitet and intakton Boden be- 
tritt. Hiitte der alto Etschgletsclicr , der in nnscren Gcgenden noch iiber 
1600 m hinaiifreichte , scino riesigen fiismassen iiber dieses lose an Vertie- 
I'uugen so reiche Triimmerfeld hinweggeschoben, so miisste gerade iu dan vicleo 
Ghnben imd Senkongen mebr Material aus der mitUeren Alpensooe zu finden 
sein, als thatsachlich der Fall ist : odor man miisste doch annebmen, dass der- 
selbe die vielen Unebenheiten, die doch nnr aus losen Massen bestehen , weg- 
zurUumen im stande gewesen, wonn sie auch durch den Doss di H. Eocco 
einigennassen Tor der Stosskraft der Eismassen geeehOtat waren, deim all* 
gemein wird doch heute anerkannt, dass die Gletscher die Fabigkeit bcsitseiif 
loses Terrain anzugreifen, wegzuraumcn nnd in die (Trundmorane aufzunehmcn. 
In der Umgcbuug von Thent gibt es aber auch eino Menge Beispiele, die 
una den Bewets Hefem, dauaa der Gletscher auch festra Felsen absuniitzen und 
abzuschleifen im stande ist. Man begegnet zablreicben Eundhockem, so dem 
Doss di St. Agata oberhalb Povo, dem Mte. Celva ebendort, dem Kalisberg 
im Norden der Stadt Trient, dem Doss rotondo westlicb der Etsch, der 
Coet'alta bei Pine und dem Doss Trento, der altehrwiirdigen Verrucca der 
Bdmer, in der nacbsten Nahe der Stadt. An dieser imTenmtteltcn Erliebung 
aus der Ebene des Etsclitliales hat der diluvialc , milchtige Fitschplotscher, 
cincm Kiesen gleich , seine Kraft so unverkeimbar in Thatigkeit gesetzt , dass 
es sich verlohat, deu 8]>uren derselben uachzugelien. Aus eocanen iiaikeu 
bestebend erheht er eicih mit steiloi oft &st senkrecbten WSnden am rechten 
Ufer der Etscb in mehrcrcn fast horizontalen Bfinken^ die nur ganz wenig 
pegen Norden einfallen. Die Sudseite fallt am steilsten zum Vorort von Trient, 
Fiedicastello , ab. Hier hatte der Gletscher, der Stoisseite entgegengesetzt, 
nor die obersten Partien abgemndet; ganz andm ist die nordfidie und die 
nordwcstlicho Scito bescbaffen. Die Ton der Vegetation nicht voUstaudig be- 
deckten Schichten lassen deutlich erkennen , wie dor Gletscher dicselben an- 
gegriffen und Teile derselben tbatstichlich abgehobcit liat. Scbichten, die auf 
der Sfidseite grosse Rioke aufweisen, versc^winden gegen Norden bin gans 
nnd gar, und es ist nicht ein Auskeilen derselben, sondern sie sind augen- 
scheinlich vom Gletscher abgeniitzt worden. Es lasst sich somit hier zwar 
Dicht das Mass feststcllen, um wie viel der Gletscher den Hiigel abgetragen 
and abgeschliffen hat, aber doch bestimmt festsetzen, dass cin Gletscher einen 
festen Felsen abzuniitzen verraag. Dem Doss Tiento gegeniiber, wo die 
Militarschiefsstiitte stebt, und oberlialb der letzteren an der Stufc, welche Sar- 
dagna triigt, stelien auch eociine, unteu liorizoiitalc und oben etwas gegen Siiden 
eiufalleode Biiukc an. Wie am Doss Trento treten auch hier dies^ben Er- 
scheiniingen auf. Die oberste Schichte vetliert sidi allmSldich dfinner and 
dfinner werdend; wo dieee aosxukeileD ecbeint in der That wurde sie aber 



') Sjporen der Vereiauag auf Marzola und Marauuu L c. 



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182 



Die BergstOrze von St. Ann* and Caatelier in SQdUi-ol. 



trom Oletscher abgeschliffen — , setzt die liegende in der ganzen Machtigkeit 
an, aber auch tie nimmt rasch ab und Tdrschwindet ganz, um einer anderea 

Platz zn machen. Solche Formen kiinnen nur durcli p\\um nictscher geschaflfen 
werden ; Wasscrcrosion ist ausgeschlossen : an eine Erosion durch die Luft f»ar 
nicht zu deukeu. Auch an andereu Orteu der Umgebung vou Trient sind 
Beispiele genog Torhanden, dass der Toraberflieeeande Qletacber dm anateheii^ 
den Pelsen stark abgesclilifTon hat, Abgesehen' von den sehr zalilreiclien 
Gletschcrscbliffen und Kritzcn auf festen Pelsen ostlich von Villamontagna, 
sieht mau am Wege, der von Trient iiber Cognola nach Civezzano fiilirt, einige 
Httndert Sdhritte vor der oberen Stnunonsperre eine fast horizontal golagerte 
Liasacbicht zur Hiilfte weggeschliffen, und doch hatte bier der Gletscber kanm 
seine voile Erosion skraft. da die Stromung der Eismassen, wie aus der Rich- 
tung der Kritzen an mebreren andem Stellen bervorgehtt nicht nach Siiden, 
welches doch die Haoptrichtung gewesen sein raiuste, sondem naoh Sttdwestea 
gerichtet war. Wonig welter osUicb zweigte auch ein Arm des Etschglotschert 
gegen Osten in das Thai der Brenta ab. Dnrt, wo derselbo Gletscber einen 
L'rosscn Teil seiner Eismassen iiber Cadiiie uiid Terlago gegen Vezzano und 
zum Garda-See sandte, hat derselbe nicht nur den Doss rotondo nnd den 
Soprasass abgerundet, sondem die Schicbten der grauen Kalke, die dort gegen. 
Nordosten aufgcricbtet sind, nicht abgeschliffen , sondem fdrmlicli aufgerissen. 
und zwar naturgemiiss die oberen mphr als die unfi^ren , die erst dann be- 
arbeitet werden konnten, wenn von deu iiberlagerndeu schon ein bedeutender 
Teil aofgeafbeitet nnd fortgeiUhrt worden war. Wenn nun der Gletscber bier 
wie anderswo den harten Pels angriff und Telle desselben fortzuscbleifeii ver- 
mochte, so muss man ihm doch vielmehr die Kraft zuschreiben, lose iiberein- 
ander gelagerte Gesteine eines Bergsturzgebietes abzutragen, wegzuraumen und 
in die Grundmor&ne au&nnehmeii; dean die Kraft, lodcerez Material fortza- 
schaffen, ist den Glotscbem aelbat TOn den grSBsten Gegnem der Gle(8cber> 
erosion zuerkannt worden. 

Da in der Umgebung des Ablagerungsgebietes der Abrutschung das er- 
ratische Material so massenbaft auHaritt, so muss ea doch hefremden, dass im 
Sturzgebiete selbst dasselbe im Verhliltiiisse zu den benachbarten Stellen selten 
zu finden ist. Wenn wir es auf der Stufe von Pianizza in einer bcdoutenden 
Zalil von frcnideu BliJcken antrafen , so liisst sich diese Erscheinung dudurch 
erkliiren, dass diese beim Abrutsche mitgefiihrt wurden und an der Oberflacbe 
geblieben. Auf Itbnliche Weise konnen auch die. Wanderblocke, die sich an 
den Begrenzungen und selbst in den Triiminermassen finden , bei der Ab- 
mtschung dorthin gokomraen sein, avo wir sie gegenwiirtitr finden. Auch bei 
den Lavini di Marco bei llovereto im Etschthale, bei deu ALarocche im un- 
teren Sarcathale , wo selbst unter den Trammem Urgebirgsgesteine begraben 
liegen , am Sturzgebiete unterhalb des Molveno - Sees , am Monte Chegul bei 
Trient und bei den Ablagerungcn oberhalb Sopramonte und St. Anna, woven 
oben die Kede^ sind iremde Gesteine, die offenbar aus der Gneiszoue der 
Alpen stammen, zu finden, und dodi sind bei alien bier genannten Berg- 
stiirzen die abgestiirzten beziehungsweise abgerutsditen Telle der Abbango 
vielmehr durcheinandcr ir^ivorf ii worden, als in unserem Falle; denn es han- 
delt sich bier nicht um Felssturz, wie bei don M&rocche oder bei GalUano 
oberhalb Bovereto, sondem om einen Felsmtach wie bei den Lavini uud Imw^ 
nnd zwar acheint die Bewegung einen langsamen, mhigen Oharakter gebabt 
zu haben. 

AVic bei anderen rezentcn Bergsturz- oder -rutscbgebieteu sich meistens 
die Stellen geuau nucbwcisen lasscu, von denen der Abbrach erfolgte, so auch 

t) Edm. T. MoiMMviGa, Die Dolomitriffe, a 478; Suda, Fr., Die lAvini di Marco im. 
ISiMhilMle. Zeiiwlinft det deutKb. n. Merr. AlpenTSreiiu, 1886. S. 97s Psnol^ A, Dr.., Ui» 
Slsvini 1. c. S. 395. Icb selbst fand dori aach xsfalni«li« eRatuchs BKkkei nsmflnClioh 
(4aanporpbjrbldck« venchiedener F&rbuiig. 



I>ie BergstOrze von Anna uad Ciu»t>«Uer in SOdtiroL 



18d 



hier. Oberhalb Fianizn fiUlt van cine K^die auf , die in dem Abhang der 
Maranza unter dem Fort deutlich kenntlich ist und derea Sudrand, auf dem 
das Fort Prusaferro steht, scharf ausf^epriigt erscheipt. Die Wande derselben 
haben eine viel grosserc Stcilheit , als die dieselbe uraschliessenden Abbange, 
und die steilste Boschung zcigt sich am obcistcu Tcilc des Abbruches. 

Auch hier wie in anderen Sturzgebieten andert sicht die Vegetation, so- 
bald man dasselbe betritt. Sowohl im Tsordeii bci S. Rocco wie iin Stiden 
bei den Landhiiuscrn dcr Pamilie Gerloni und Conci wie nicht mindi-r im 
Westen der Thalebeiie gegeo Mattarello tritt dieses klar uud deutlich an den 
Tag. Weingarten und ObstblUune begegaen uns ttberall nor am Bande der 
Ablagening und verschwinden fast ganzlich im Innern dieser Bildung. In 
kleineren Partien kommen freilich aucli hier angebaute und bewohnte Stellen 
Tor, meist in den Vertiefungen , wo das sparliche Wasser die zwischen den 
TrOmmem Torhandene Fhubterde angeflcnwMiimt hat. Eb ut das dne Er- 
■ icheinung, die nicht unserem Oebiete aJlem zukommt, nir finden sie ebenso 
in den Laviiii di Marco, wo pjeradc in neuester Zeit an verschiedenen Stellen 
die Hiigel abgegraben und geebnet werden, um so eiuen Platz zu scbaffeo, 
anf velehem dann Wdmrdien gepHamit weraen. Eg isA gewise nicht ohne Inteiv 
eise, dass in den dadiifcfa getdiaffeuen AoiiKhlfissQii keine erratiechen Blocke 
stt finden sind. 



uiyui^cu by VjOOQlC 



Die Plaiiw de la Crau Oder die provenfaHecbe Sahara. 

Ton Br. OoitaT Berndt 



(FortMUong.) 



lY. Meteorologie nnd Kliniatoloia^iei). 

Mit der BodcDbeschaffenheit eines Landgebietes steben ioi engsten ursach- ' 
lichen Zusammenhango die meteorologischen PhSnomene, welche das Klitua 
desselben bedingen. Dm beweist die afrikanisclie Wuste im grossen wie ihr 
Abbild im kleinen, unsere proven^alisclic Saliara. Es wird sich dies aus nach- 
stehender Untcrsuchung erp;ebGn, welche zuniichst den Luftdruck, sodaiin die 
Luftwiirme, hierauf die von Druck uud Temperatur iu uomittelbar8ter Ab> 
liangigkeit stebenden Luftbewegtrngen nnd endlicb die Luftfeocbtigkat, die 
Bf'wiilkung und die Niederschlage unseres Gebietes betracbten wird, um aus 
diesen verschiedenen metcorolo^chen Pbanomeneii eia Gesamtbild von dem 
Klima desselben abzaleiten. 

1. Laftdriick>). 

tJeber den Luftdruck und seine Scbwankungen in dor Crau liogen una 
nur iiusserst sporadische, liickenhafte und durchaus unzureichende Beobach- 
tuDgeu vor und cs wtire im Interesse der Wissenschaft ungemein wilnschens- 
werty wenn dieee Lttcke mSglidiBt bald ansgef&llt wilrde dorcb Erriditung 
&XMt meteorologischen Station innerhalb unseres auch in klimatischer Beziehang 
80 ungemein interessanten Gebietes, auf wolcher systematischo Bcobaclittinfren 
aogestellt wiirden in der Weise, wie dies auf den 8tationcn des schweizerischen 
Ketzes tmi laiiger als einem Dezennium goBchiebt In dem zwischen 1749 
nnd 1819 liegcnden ^citraum von 70 Jabien beliefen sich die bedeutendsten 
Variationen des Barometerstandes auf 49 mm, dip rapideste Variation, welche 
am 10. Januar 1803 um 7'" am wiihrend eines starken iSiidwestwindes eintrat 
nnd das Quecksilbcr von 765 mm auf 729 mm herabdruckte, betrug 36 mm. 
* Im Winter ist der Luftdruck am stiirkstcn und konstantesten und schwankk 
wiihrend dieser Zeit in der Kegel zwisclien 765 mm Und 7G9 mm ; im Somnier 
ist er mcist otwas ni(!dri/:,'er und oszilliert zwisclien 700 mm und 765 mm. Am 
hauiigjittju variiert er iiu ilerbst. Die Ostwiudc erniedrigen ihn im Durch- 
schnitt nm 6,5 mm, die Kordwestwinde nm 13^ nuUt ^o Sttdostwinde tun 
20.5 Dim und mehr. Im allgemeinrn kann man annchmen, dass, wie tiberall, 
m auch in uiisercm Gebiete plotzliche und raseho Luftdruckanderungen stets 
auch sichere Yorzeichen mehr oder weniger heftigcr Luftbewegungen sind und 



») Aatruc, 1. c. p. 3:i7-352. — Darluc, 1. c. I, p. 294—296. — Fischer, Britrnge: 
Studten, p. 1-2, H. lf>, 20, :j4-36, 17, 51, r,8. — Grisebach, 1. c. I, p. 240 - 252, 533. 
534. — lianu, Ilandimch der KUmatolugie, p. 404 — 449. — Reclos, 1. c. II, p. 17 — 31, 
269—274. — Villeaenv*. 1. c. I, p. 171—836. — Martins, 1. e. p. 480. — Millia, Le. 
lYt 1, p. 72-74. 

YilUnenTe, 1. c. I, p. 207. 



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Die Plaine do la Crau oder die proven^alische Sahara. 



185 



zinir ia dem Sinne, dass die Landwinde, nftmenilich dw Mistral und dk 
Tnunontana durch Steigening des Luftdrucks, die Seewinde — vmis marins — 
dagegen dutch Yerminderung desselben sich ankilndigw. 

2. L u f t w ii r m e 

Da die Triimmerfelder tier Crau, wie wir schon gesehen haben, vor- 
wiegend aus sehr fasten, silikatbaltigcn Gesteiueii bcstehen und, wie im fol- 
gepden noeh zu seigen sein wird, aasserst minimale atmosphkrische Nieder- 
scblagc empfangcn, infolgedessen audi der natiirlichen Bewllsserung durch Bilche 
und Fliisse f^iiir/lich entbrhren und daher fast ausschliesslich auf kUnstliche 
Ueberrieselung durch Kanaie uiigewieseu sind, so iiaben diese Steinblucke, ob- 
gldeb vide deiselben wohl sohon Jahrtansende hier lagem mdgen, der zer^ 
setzenden Einwirkung der Atmospbarilien, die man in der Kegel mit Verwittcrutig 
zu bezeichnen pflegt, bisher sehr erfolgreichen Widerstand gcleistet. Eine natiir- 
liche Folge jener eigentUmlichen mineralogischen Beschaffenheit des iu diesen 
Steinwttsten aiifgeh&vft«n RoUmaterials sowie des aiisserordeDtliehen Mangels 
an atmosphiirischen NiederscblUgen und fliessendem Waaser ist die atifiUlende 
DCirftigkcit der Vegetation dieser Blocktritnimorfeldor. Abgesehen von den 
Kulturoasen, die inselartig Uber di^e Steiuwuste zerstreut sind, 4ehit es den- 
selben fast ganzlich an BSamea und Striaolieni ; uiur aj^lklies Gtaa spriesst 
vwischen den einzelncn Blocken und diese selbst sind entweder nur nit oiner 
fittsserst dttnnen Decke voti "^^ooscn und Flcchten iiberzogcn oder zeigen noch 
die durcb den Wassertransport abgeschliffene und gerundete Oberflkche, die 
oft 80 glatt und glilnzend ist wie poliert. Die Folge dieser fast ganzlichea 
Entblossung von einer schfitzenden Pflanzendecke, welcbe die Wirkungen der 
Insolation absclnviiclien kGnnte, ist die, dass sich die Oberflaclie dieser Triimmer- 
felder unter der bestilndigen Ein\virkung eincr im Sommer fast immer un- 
bewtilkten Sonne uusserordentlicli stark erhitzt. W us uua diose Stein bliicke 
durcb Insolation an Sonnenw&rme auigenommen haben, das geben sie durch 
Htickstrablung an die iiber ihnen lagcrnden Luftschicbten allmablicb wieder 
ab, teilen auch diesen nach und nach cine ausscrordentlich hobe Temperatur 
mit und so verwandelt sich im Sommer das ganze Craugebiet in eine einzige 
groBse Galdera, die wie ein (Ghlttbofen auf die sie Hberlagemden Lnftschiohten 
wirkt und in denselhen einen bestilndigen ungemein intensiTen Aszensionsstrom 
erzeugt. Man kann sich durch den Angcnschein von dieser intensiven Erwiirmung 
der Luft iiber dem (Jraugebict Uberzeugen, eine Erwarmung, die bisweilen 
einen so hoheii Grad erreichti dass ue, wie liber den Sandwttsten der SahaxB» 
aach hier das seltsame Ph&nomen der Loibpiegdung hervorbringt , das Ton 
den Italienem Fata Montann. von den Franzosen Mirage genannt wird. Wcnn 
man an einem heisseu 8uianiertage in die Gegcnd gelangt, wo die beiden 
Schwesterstiidte Tarascon und Beaucaire zu beiden Seiten des RbOnestromes 
liegen, so sieht man gegen SUdosten bin iiber don sierrenartig zorzUgton Gipfein 
der Alpinen einen eigentundiclien Dutist lagern, der in seiner Farbung auf- 
fallend an die Calina^) der iberischeu Halbinsel eriuuert und in bestaodig 

«) Villonouve, 1 c. I, p. 184, 208. 

*) Coqaand, 1. c. p. 582. — Corse, le mtragej ntSmoires de Vacad, de Marseille. — 
Vartins, 1. c p. 437. — Mtllin, L e. IV, 1, p. 78. — M onge, mimoire tur fe mirage. — 
Beolos, 1. c. TI, p. 235. — Villeneuve, 1. c. I, p. 200. 

*j Calina ist uicht, wie Diez (1. c. II, p. 112) iuimmmt, von caligo, Aondern, vie 
Mistral (1. c. p. 428) ganz richtig angiobt, von calere abzuleiten. I'eber die meteoro- 
logiechen Eigenttimlichkeiten dieser Encheinung, die nicht bloss auf die iboriHchG HiilLinNt l 
sich beschr&nkt, sondem, wie Fischer (Studien p. 27) hervorhebt, auch aul Cjpem, Siciliin, 
in Untoritalion und iiudern Mittelineerliinderii Vn'obiichtet wird und in uneerem Speciulgebiet 
Sago odor Ndflo (Vill cneuve, 1. c, I, p. 193, 194) gwiannt wird, vcrgleicho bMondors: 
Dove, der 8(^wmer F6n, p. 81. — Fischer, SlfiuRm, p. 27 u. 34. — Klein, alJffem. 
Witterungskunde, p. 97. — Hann, 1. c. p. 418. — Loronz u. Rothe, Lehrfnirh drr KUma- 
tologie, p. 153. — Mabrj, KlimaUd. UtUers^ p. 519. — Rectus, L c J, p. 781. — KOder, 



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X86 Plaine de la Cnw oder die proven^alische Saliara. 

yibrierender Bewegimg sich befindet. Die Firstlinien der Hausdaclier wie die 
SpitzeD der KirchtUnne, welche dieselb^n uberragcn, die dunkeln SUhoaetten 
der Pinien, Zyprcssen unci Alfppofiihron, die die Ortschaften un::f'^;-ii, wie 
die Konturen der fcrnen Berge . die hinter ihnen wegziehen — alles 

Bcheiat bestiiiidig zu zittern uud zu suliwaiikeu iu der iiberhitztou Luft, die 
▼on dem sonndiirchglfihten Stdnboden aufeteigt und dabd in Shnlkhe Yibrfr* 
tionen versetzt wird, wie die Luft in eincm Hochofen oder einem mit gliihenden 
Kohlen gefiillten Bcckcn. Diese Bewcgung scheint sich nach dem Horizont 
bin fortzusetzeu uDd der ganzen Atmosphare mitgeteilt zu haben. lo einer 
gewissen EntferouDg untenidieidet man niclits mehr als eine bU&nlich-weisse 
scbimmernde FlS.che und glftiibt das Meer oder einen grouen Strandsee vor 
sich zu sehen, in dcsson Wassern sich die Biiame, ITiluser und Berge der 
Umgcbung widerspiegela. Aber je mehr maa diesem vermcintlicben See sich 
n&hert, desto wetter weicht er znrilck nnd ent allmMhlich wird man es inne, 
dass der vcrmeintliche Waaaerapiegel nichts anderes war als eiu Tmggebilde 
jenes merkwiirdigen PhKnomens, das dem Scliiffer auf hohcr See fernc Xnseln 
und Felsengestade , dem durstgequalten Wiistenwanderer Palraenoasen uud 
Weidegriinde mit Seen und Stromen vor die getauschten Sinne zaubert »). 

Nach Poitevin*) crrcichte die Tcmpemtur im Sommer des Jahres 1705 
eino seiche aussergowohnlichc Hohe, dass man Eier an der Sonne Bieden 
konntc und die gun/.e Weinernte vernichtet wurde, well die Kebstijcke buch- 
sUiblich verbrannten. Auch im Sommer 1773 blieb, wie Uarluc^) berichtet, 
das ia der Cran beobachtete Maximnm der Temperator nor urn nnter dem< 
jenigen, welches sie in demselben Jahre an den Ufern des Senegal erreichte. 
In der Regcl fallt dieses Temperaturmaximum auf den Juli, der in unserem 
Gebiete durchschnittUch warmer ist als der Juni und August, und man kann 
w&bre&d dieses Monats anoh in ganz normalen Jabren das Thermometar im 
Schatten auf 30 bis 3lo, in der Sonne auf 40 bis 45* singen sehen *). Diesea 
Maximis entsprechen Minima von — 15 ^ die aber niir in iiusserst seltenen 
Fallen beobachtet warden, wie dies im Winter toq 1621 zu 1622 der Fall 
war, wo in gana Europa eine ^tte herrscbte^ dass selbst das Adriatisebe 
Meer acb mit Eis bedeckte*), sovie audi im Jahre 1776, wo der Etang de 
Berre, der sonsk kaum Sjiurcn von Eisbildung zu zcigen pflegt, so fest zufror, 
dass man ihn ohne Gefahr mit Lasttieren iibcrschreitcn konnte '•). Hieraus 
ergiebt sich also, dass die jUhrlichen ExtreiAe, zwiscben welchen die Temperatur 
unseres Gebietes bisweilen sich bewegt, eine Skala von nicht weniger als 60®' 
t'inschlicsscn, eine Oszillationsanii»litadc.- -die nacligewiescnerraassen mohr als 
einmal, namlich in den Jahrcn 1709, 178'.) und 1820 von der Temperatur 
durchlaufen wurde') und m ihrem Umfange den iu der Sahara beobachteten 
Temperatoreztremen wobl nur vm weniges nacbstehen dttrfte"). In der Kegel 

der Fohn; Jahrb. d. toetierauiaclieti Oes. J861j63, p. 29. — Secchi, la t:aligine atmosftrica 
e la ma origine; Bullet, meteor, d^osservat. del Colleg. Bom. Vol. V, p. 17. — ViTenoft, 
liter eine eigtnitimliche Trubung des Hmmels inj&s^ien und deren Jkii^mng turn Seiroeeo; 
ZeUtchr. d. merr. Get. f. Met. 1, p. IIS a. 129. ^ Willkomm, gwd Jahre tn Spimiien tmd 
Portugal, III, p. 110; fiber die Cafina oder den H&hotruurh in Spatiien, Poggendorff s Aunah 
d. Phys. u. Chem. LXXVDI, p. 431; die Strand- und Stemengebiete der tberiechen Malb- 
imel, p. 192; die Batbhuet der Pifrenaemy p. 341. — Ze»1td&. d. Merr. Cfet. f. Met, I, 
p. 41 u. r.c. 

') Hum bold t , Atiskhtcn der Natur, I, p. 31 u. 34. 

*) Poitevin, essai aur le cUnua de MonlpdUerf p. 189. 

5 Darluc, 1. c. I, p. 296. 

^ VilletienTe, 1. c. I, p. 208. 

*) Ibid, p. 232. 

^ Darluc, 1. c. I, p. 296. 

») VillLMiouve. 1. c. I, p. 208. 

**) In Biakra bdtraAen die mittleren Jahniextrem« 469 und 4,4<*; doch ainkt am Bodea 
•eL1»k cue Temperatur oft ht» auf den Gefrierpmikt, so dass Btsbilatuig eiiitriti Erwia 

de Bary lii olmchtote iin nordlicheii Air sehr uicdrige Wintertemperaturen und bis imn 
6i. Februar war doa Wasecr jedcn Morgen dick geixoren. Uann, 1. c. p. 406 a. 427. 



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Die Plaiaa de la Cran oder die pioTfliifalieche Saliam. 



187 



fallen in der Crau die Minima der Temperatur auf den .Tanuar, betragen 
aber selten unter — 3^ and h&ofig ist der Winter nicht viel kiilter ala der 
Friihliog* 

3. Till ftbewegung. 

Rs ist eine bekannte nictcorologische Tliatsache, dass die ungleiche Er- 
wiiruiuug der verschiedenen Luftschichten der Atmosphare, wenngleich nicht 
ab das einzige, so doch als eins der hanptBichliohsten MotiTe anznsdiai ist, 
welchc in dor unscrn Planeten umgebenden gasformigen Hiille jene Bewegungen 
nn(! Stromungpn hcrvorrnfen, die wir Winde zu nennen pflegen. Die Richtig- 
keit dieser aus der Erfahrung abgeleiteten Thatsacbe findet auch in unserem 
Gfebiet, so klein und besehrftokt dasselbe seiner horizonteleD Ansdebnuog nach 
ancb sein mag, ihre voile Bestatigung und aus dem Nachstehenden wird neh 
crgeben . in welchcm Umfange die im Vorstehendeii dargelegten abnormen 
Wilrmererhaltmsse die Xiicbtuug und Intensitiit wie den ganzen ineteorologischen 
Obarakter der in nnserm Grebiete auftretenden Winde beeinflussen und modi* 
fizieren. Ihrer Ricbtiing nacb kunnen die bier InTiscbenden Winde in zwei 
grosse Haupfgnipppn gotcilt werden, numlich in Land- und Seewinde. Znr 
ersteren Gruppe gehoren alle diejenigen Luitstromungen, welcho aus den beideu 
Bwdlichen Quadranten der Windrose kommep, zur letzteren alle die, welche 
aus den beiden sUdlieben Quadranten herweben. Wir betraditen beide Grappen 
in der eben angegebenm BeibeDfolge. 

A. Lasdwiade. 
a. Der Nordott oder QregaU% 

der von den Griedien nauiiwsj von den Komem aquih genanni worde, weht 
von den Seealpen her, wenn dieselben sich mit Schnee bedeckei, was in der 
Regel erst mit Beginn des Monats November geschitlit. Vm dieso Zoit sind 
die Niederungen der Crau und der angreozeuden Oamarguc noch relativ 
warm nnd an dieser hdberen Temperatur partizipieren aa<m die diese Kie- 
derungen iiberlagernden unteren Luftschichten der Atmosphare; die boheren 
Scliicliten dt rsclbon. wolclic die Gipfel dor nahcn Soealpen umhilllen, werden 
durcii die bier eintretenden Sclmeefjille rasch und stark abgekiihlt, und so 
entsteben die sebr bedcutenden TemperaturdifFerenzen in der Atmosphilrc, die 
dudurcli sich auszugleichen sucben, dass die starker erwSrmte, infolgedessen 
leichtere Luft der Nicdtn-ungon cmporsteigt und cincn vcrdfinnten Raum unter 
'^ich zuriickliisst, den die (lurch die Schncefillc bedeutend abgckiiblte und da- 
durch scbwerer gewordeuc i-iult des Gebirges wieder ausfiiUt, indem sie aus 
der H5he nacb der Tiefe in Gestalt eines katten Windes herabeinkt So 
entstebt der Grcgali, der vom November an den ganzen Winter bindurcb in 
unserem (jcbiet von Zeit zu Zeit zu verspiiren ist und erst bei Eintritt dea 
Friiblings, wenn der Schuee in den Seealpen wieder schmilzt, allmiiblich seltener 
wnrd, um anderen Lnftstromnngen die Herrscbaft zu iiberiatten. Zwar tritt er 
in unserem Gebiete nknials hi ftig auf, < rzeugt aber banfig feucbte Nebel und 
gilt aUgemein &x nngesuud. Mit ihm liegt &st den ganzen Winter im Streit 

- b. der Nord oder die DvmonfoiKi*). 

Er ist der ^OQiag der GriecbeUf der scptenlHo der Bomer. Wilbrend der 

Gregali meist ziemlich feucht ist, da er einen Tcil des Golfs von Genua uber- 
weht, ist din Tramontana als cin editor ans dem Herzcn des Kontinents 
koromender Landwind, der grossere WassertlUcheu gar nicht beriihrt, stetii 
trocken und kalt und giebt der Atmospbare in der Kegel sebr bald die Heiterkeit 



'"I Dor GreqnV wird von den Proven^alen auch Gregau Oder kvnweg Oti genaaai 
Mistral, Miraiie, p. 87 u. Villeneuve, 1. c. I, p. 188. 
>) Villenenve, I. c. I, p. 189. 

14 



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188 



IKd Plftino d« la Crau oder die pmeufaliMslio Sftlnni. 



uiul Elastizitiit wiodor, die ihr der feuchtcre Nordost geraubt hatt '. Wean 
dieser rauhe, aus den Hochgcbirgeu der Alpeu Lerabkoiumoude Kord uuualtend 
webt, briDgt er wohl bisweilen etwas Sclmeefall mit; indessen dehnt n<^ dM 
Gebi'et seiner Horrschaft selteii bis zur Klistc aus. Sobald cr nlinilich das in 
mehr a!s dncr Beziehuiif^ nierkwiirdige DviWO von DonzOre passiert hat und 
in das nunmehr rasch sicli erweitornde Thai des unteren Khone eiugetreten 
i8t» Sndert er in der Begel seiiie rein meridionale Bichtung, indem er lekr 
haufig Terar^milzt mit einem anderen oft gleichzeitig mit grosser Heftigkeit 
wehenden Winde, der in der ganzen Froveace gefiirchtet let als 

c. der Nordwest oder Mistrau'). 

„Ar Miitral, le parlement tt la Duranet 

ffnift let trett jftmii tlf l>i htfrtnci"*) 

hoisst es in einem IVanzosischen Spiichwort, welches jetzt our noch zum Teii 
zntrefTend iet Das Parlament, das froher das Land mit Steoem bedrfidrte 

und aussog, existiert iiiclit mehr. Die Gcwiissor der Durante, die einst durch 
ilirc T'fbcrsohwcramungen die fiirchti)arsten Verheerungeii in den reich bebauten 
Fluren provenyalischeu Landes anrichteten, sind durch Wiederbewaldung der 
ibre fiamrndbassins nmgebenden Hocbgebirge nnd Wildbacbverbanungen ge- 
biindigt und in Eanale geleitet worden, die ihre belebende Fencbtigkeit bis 
in die Ge^end von Marseille hinabtragen und fiber die ganze Provence Segen 
und Fruchtbarkeit verbreiten. Kur die Wut des Mistral oder Mistrau, der 
von den Grieeben mteiQoiv, von den BSmem drdus genannt wurde, jenes ge- 
fUrchteten Gaetes, der oft tage-, ja wochenlang den ganzen mediterranen Literal 
der Provence und des Languedoc mit orkanartif,'er Heftiqkcit durchrast, hat 
man nicbt zu biindigeii vermocht. £r durchtobt noch hcute das Land mit 
jener ungebrochenen Kraft and Wildbeit^ die ecbon die Alten mit Staunen 
and Entsetzen erfUllte. Xirifends abcr in soincm ganzen Herrschaftsgebiete 
tritt er hiiufiger und lieftitrer auf als in dor kahlen, fast ganzhch baam- 
losen Steintriimmerebene der Crau, wo nichts zu finden ist, was sich spinem 
rasenden Ansturm entgegenzustemmen und seine Gewalt zu brechen verniochte. 
Man hat behauptet, dw Mistral sei neueren Ursprungs und erat dureb die 
Abholzunf; der Oevcnnen hovori^ernfoii worden Diesc Bolianptung ist einc 
durchaus nidiallljare imd ihre Hichtigkeit lasst sich weder historisch naeliwcispii 
noch pliysikalisch btgruadeu. Wenngleich nicht in Abredo gestellt wordea 
soil, dass die Abbolsung des Oebii^es dazu beigetragen baben mag, die Tern- 
peraturkontraste des an klimatisclien Gegensiitzen selion so reichen Land- 
gobiotes der Provence noch mehr zu verschiirfen und damit indirekt anch die 
Intensitiit dieses Windes zu steigern, so kann der^elbe doch nicht lediglich 
als eine Folge der Bntwaldung des Gebirges angeseben werden. Es ist viel- 
mehr nachgewiesen, dass schon die keltischen Autochthoncn des mediternmen 
Literals dip?en Wind als rauhe Gottheit verehrten und ihm Kultstntten 
errichtctcn. Audi der Eiiiser Augustus erbaute nach dem Zeugnis Senecas^) 



') Vou don zahlreii hen Sthrifton, wflrlio dies^i incikwQidigcn Wind bebandcifal, find 
bMOnders herrorsubeben : Astruc, 1. c. p. ii^7— ii&2. — Darluc, 1. c. I, p. 296. — Ddrich, 
*6«r den Urnprung des Mistral; Zeitachr. d. daUrr. &e». f. Met. XVI. — Fischer, Stnditn^ 
p. M u. 35. — Grig.;ba,;li. 1. c I, p. 2I0--242, 533-534. — Hann, 1. c. p. 486-438. — 
Martins, 1. c. p. 39". :?it7. 405, 418, 42t», 531. — Millin, 1. c. IV, I, p. 72. — MQhrv. 
1. c. p. 5.53. — Nabt'it, dns 1 1 anzosuiche Rhoneland; Jahresher. d. jeogr. Ver. FraiJ^^ 
XXXV, IRTO 71. — I'oitevin, 1. c. p. 65. — Uoclus, 1. i. II, p. 270—274. — Reclus- 
Uie, dtc Erde, li. p. li>8. — Suussure, 1. c. Ill, p. - Villeneuve. 1. c. I, p. 189—191. 

— ZeiUchr. d. ostcrr. Ges. f. Met. I, p. 234, II. p. -^l-i n. 3ti2. 

*) Im Froven9aliBchea lautet dieses Sprichwort nach Yilleneuve, L c IV, p. 348: 

«L(m MitHmm et la Duren^ 
Sount lets fl^ouf de la ProHrn)'^-)' . 

") V. LOffelholz-Colberg, die Bedcutung und Widtttgkeit de» Walda, Leipzig 1S72, 
p. 96. — Marsh, man and nature, p. 153. — Reclus, I. c 11^ p. 270. 

*) Seneca, quaeetiones naturaieB, lib. V, oap. 17. 



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Bio Plaine de la Crau odcr die proven^aJiscbe Sahara. 



189 



dem Windgott Circius im sUdlichen Gatlien einen Tempel ; and dam nicht 

nur die Romcr, sondorn audi die Gricchcu diesen Wind sclion kanntcn, das 
gelit aus zahlreiilu'ii Zeu^'iiisscn ilirer Dichter und Prnsiiikcr horvor. Schon 
Aeschylus^) uirarat Bezug auf diesen Wind in seiner Tragodie des befreiten 
Prometheus, in welchcr auch dje Sage von der Entstchung der Crau zu finden 
ist Auch Strabo^) charakterisiert unseren Wind ganz richtig an denelben 
Stolle seiner Geographic, wo er den Camjm ''rnhlrus oder IhrcuJtus, unsere 
Grande Crau von Aries, ein^^cliender schildert and uiit dem klaren und richtigen 
Urteil dtis scbarfen Beobachters die unhultbaicu Hypotbcsen des Aristotelen 
nod Posidooias hiosichtlicli der ]^t8(ehiing dieoer m^rkwOrdigeii Ebene 
zuriickwcist. Er bemerkt da, dass das ganze Rhoneland von einem heftigcn 
Nordwind lifinv^nsucht werde, der nirgends mit grosserem Ungestiim anftrete 
als im Canipus inpidcus. Man sagt, fiigt er hiuzu^ dass dieser Wind Steine 
anfhebe ond mit fortfiihre, Beisende TOtn Wagen herabwerfe tmd rie ihrer 
Kleider beraube. Diese Angaben, deren Hiclitigkeit noch hcute dofdi 
tiigliche Erfahrung sicb bestiitigt, werden unterstiif/.t durdi Miltcihmgen Dio- 
dors vou Sizilieu^), der iu gleichem Sinue iiber unsern Wmd und seine 
Wirknngeii sich Knaaert. Nicht minder zahlreicb aind die Zeugnisse, die aich 
aus dem Grebiete der romiadieD Litteratur fiir die Kxialenz onseres Windea 
anrdhreu liessen. Cato*), Seneca*), Plinius«), Lucanus"), Vitru- 
V i u 9 A u 1 u 8 G e 1 1 i u 8 »), Nonius M a r c e 1 1 u s und andero riimischc 
Autoren aus friiherer wie spaterer Zeit erwiihnen den circius in ibren 
Schrit'teii und berichten gar niancherlci von dem Uugostiiin und der Heftigkeit 
dieses Windes, der noch heuto nicht nur im franzosischcn Langticdoc. sondem 
auch jenseits der Pyreniien im ganzen cntaloiiisclien Litoral bis in die (jJegend 
der Ebromtindutig unter demselbeu Nomeii bekunut ibt, den er schou bei den 
Romern trag, w&hrend die Proven^en iho Misirau oder Misfraou, wokl anch 
Vent terraUf die Franzosen 3£istral nennen, weil er im ganzen sudfranzosischen 
Mcditerrangebict als der Meister der Winde aich erweiat, der sie alle an Kraft 
und 8tiirke ubcrtrifft '-i. 

Die im Voitjtehendeu angefuhrten Zeugnisse uus dem Altertum beweiiien 
mit linzweifelhafter Sicherheit, wie anhaltbar jene oben erwahnte Behauptung 
i;*t, dass der Mistral neueren IJrsprungs und erst seit Abholzung der Cevennen 
entstanrlen sei. Es niiissen also andero, tiefprliegende Ursachen vorhanden sein, 
auf welclie die Entstehuug dieses merkwiirdigen Windes zuruckzufiihrea ist. 
Im NadiBtebenden wollen wir nun zu ermitteln vennchen, woher er dieae 
Kraft and Starke nimmt und wie ea zu erU&ren ist^ daaa er dieae aeine Meiater- 



•) Galienus, comment, in VI epidemiar. Hippocratis. 

*) Bei Ftriil.o [Gcoiir. lib. IV, c 182) lautot dieso Ftello, uclche von Fisclu-r [Sta- 
tlien p. 34) iiikorrekt zittoit 'Anrd: „ajtaaa fily otf xai jj i;u(JxtifiL^'ii ;fwp« 7i{ion\rLfii'ii iari, 
itaffe^ovTtag (ftii to niiiov roiro to fitiaft^ogeioy xaratyi^et nyevua ,iiaiof xai if^ixtodes' iptMi 
yow ovQti9ai xai xv)i4tMi$is^ xiiy /U^iur gyiovCt xaragiktta{hu di fovf w9^HWS ano tor 
ixiytt^my xai yv/jyov«ihtt liml SffiiM' ttitt it^^tOf ino riji ifiWo^*. 

») Diodorus Sicnlus, biblioth. MMoT^ lib. V, 26. 

*) Cato, onyiH'x, lib. VII, 5. 

') Seneca, qnucst. not., V, 17, Ti. 

•) Flinios, hisL not., lib. [XVU, 21]. 

*} Lvoanna, de beUo Phanalico, lib. I. 

"*) Yitruviug, iJc architect, lib. I, cap. 6. 

") Aulas Gellius, nuet. Attic, lib. II, cap. 22, 29. 
Nonius MarcelluB, de proprietttte sermon., eap. 1. 

'*} Lat. circius, cercius; griceh. xigxoi (VVirbel), proT. und cotal* Cenf span, eieno. 
Vergl. Diez, 1. c. II, p. 247, und Mistral, dirt., p. 519. 

Wio (ills Lit. nuitfister das Stammwort ist filr da-s it. maf^fio ti. mastro, d;i-< span. 
maestro u. mae^itre, das port, meatre, das altfr. nmtstre, daa neufr. maUre, das wallftcb. mcster, 
dM eogl. tncster, das deotaebe meister etc., so sind von dteseo Wnnelworten wiedemin ab> 
geleitet: ita!. m(t(>;(r(ih\ span moeatral, cat., nmffol, pvoT. mi$tr«um, mbtrtm a. wtaettre^ 
fr. mistral. Diez, i. c. 1, p. 257. 

U* 



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190 



Die Plaine de iu Lrau oder die proven^alische Sahara. 



Bdiaft Dirgends in seinem ganzen Hemchaftsgebiete energischer geltend macM 
als gerade in dem hier zu behanddnden Stiick Land, das wir die proven^jaliache 
Sahara nenncn konnen. 

Wie in dem voraufgehcuden, die geologischen Verhaltuiase unscres 
biets bebandelnden Absdinitt bemts nacbgewiesen wnrde, ist das ganze von 
den Alpinen im Norden, dem Grand Bhone im Westeu uii l 1 m fitang de 
Berre im Siidosten cinr^psrhlossone flreieckijifn Stiick Land dcr Grrande Crau 
von Aries, das einen Flachenraum von ca. 5300U Hektaren umfasst, von My- 
riaden von Qesteinstriimmem der yerschiedensten Art nnd Grosse fibersSel. 
Auch iin Norden der Alpinen wie im Westen des Hhdnedeltas, zwisclien dem 
Siidabhang des zeiitralen Berglandes und di^ni Kii*>tensnnm. flnden sicli, wie 
gleichfulls sclioti or-R-iihnt wurde, solclie crauartigo Blocktriimiiiorfelder, wonn 
aueh nicht in gleicher Ausdelinung uud JMiiclitigkeit wie iu uaserem iSpezial- 
gebiete. Qleich der Grande Crau von Aries sind aach dieae den gaozen medi- 
tfrraju'u Literal tunsiiumondf'n Blockfelder der Insolation stark exi)oniert, weil 
die Ptianzenhiille hier, wie iiberall im Gebintc der Mittelmccrliinder, eine ziem- 
lich diinne und spiirliche ist, den Bodeu nur diirftig deckt und ihn nur wenig 
▼or der Einwirkung der Sonnenstrahlen sebStzt WSlder nnd Wieaoi mit 
dichtem Laubdach und gesclilossener Grasnarbe, wie sie Zentraleuropa auf- 
zuweisen hat, fehlen hier giinzlich. und roiche Kulturen vvechseln bestandig mit 
weitgcdehutcu Fliichen, auf deuen der ockerfarbene AUuvialbodeu oder der 
anBtehende, mit Bolleteinen Qbcsraaete Fele nackt nnd entblSset zn Tage tritt 
nnd schntzloe der Einwirkung einer Sonne ausgesctzt ist, die hier, wie wir 
oben sahcn, zcitweise oinc fast afrikanischo Glnt entwickclt. Auf diese Weise 
erhitzen sich mit Begiun des Friihjahrs die den gauzeu mediterrauen Literal 
liberlagemden Luftmassen sehr stark, steigcn infolgedessen rasch in die Hohe 
nnd lassen so einen luftverdiinnten Raum unter sich zuriick. dcr sofurt dun h 
sehr energische Aspiration wicder ausgefUllt wird, indem die Luft, welclie die 
noch scheebedcckten Gipfel dcr Ccveimi n und die Gcbirc^o des zentralcn Hoch- 
landes undiuUt, infolgedessen also kiilter uud schwerer ist als die Luft der 
erwarmten Nicderungen, mit grosser Heftigkeit in jenen aufgelockerten Rattm 
iiber der Kiistenebene sich hinabsturzt und so das j^estiirte atmospharische 
Gleichgfwicbt wieder herstellt. Dass in der That diese bedeutende Tem])«'ratur- 
difierenz zwischen der sonndurchgliihten Luft dcr KUstenniederungen uud der 
kalten Hdhenlnit des gebirgigen Hinterlandes ein Hanpt&ktor ist, der bei 
Bildung des Mistrals mitwirkt, geht sehr deutlich daraus hervor, dass dieser 
Wind mit Eintritt der Nacht sehr haufit; cinlullt. wcil dann die KUstenniede- 
rungen durch Strahlung starke Abkiihlung erleiden, dass er aber bei Tages- 
anbrucb sich wieder erbebt, nm nit der bdbersteigenden Sonne an Intmsitat 
stetig /uzuiRbmen. i iidlicli aber auch daraus, dass cr aidi fast ausschliesslidi 
auf das Kiistc nland bescln iinkt, auf d( in Mcerc dagegen schon in geringer 
Eutferuung vom Gestade wenig oder uiclits mehr von seinen Wirkungen zu 
verspllrcn ist, selbst zu Zcitcn, wo er seine voile Energie entfaltet hat £s 
ist sonach die Cr&u als der Hauptentstchungshcrd, sozusagen die BmtstiStte 
des ^Mistrals', nnd die intensive Insolatinn ilires F( Isbodfiis, die jenc ungemcin 
starke Erwarmuug der dariiber la.yei iidt n Luftschichten bewirkt und so einen 
bestandig sich erneuernden Ascenbionsstrom erzeugt, als das jnimiim tuoixtts 
bei Bildung dieses Windes anzusehen. Bamit soil jedoch keineswegs behauptet 
werden, dass die ebon besprochene Tempcraturdifferenz zwischen Litoral und 
Hinterland der ein/iije Faktor sei, dor bei Erzeufrnng des Mistrals ins Spiel 
kommt. Es konnen vieimehr hierbci noch verschiedonc audcre atmospharische 
Yorg&uge mitwirken, di^ ihrer Natur nadi allgemeineren Ursprungs, auf einem 
ansgedebnteren Schauplate sich abspieleo, aber das Ihrige dazu mit bdtragen, 



*) Fiiicber, ^udien, p. 34 u. 35. — Grisebach, 1. c. I, p. 241. — Uann, L c 
p. 436—437. — Martins, 1. c p. 396-897. — Ilecluii, L c. U, p. 270. 



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Die Plaine da la Ciaa oder die pravenfaliKhe Sahua. 



191 



jeoen oben geschilderten rein lokalcn Vorgang wesentiich zu unterstiitzen und 
m seinein Eodeffekt nicht imerlieblicli zu TentSriten. 

Wenn entweder ein rasches Steigeu des Luftdnicks Ubcr dem westlichen 
und zentralen Frankrticli auf tkr Kiickseite einor Cyklonc odor rapides Sinkpn 
des atmosphiirischen Druckes im Siideu und Siidosten von JbVaukrcich itber 
letzterem nordlicbe Winde erzengt so werden dieselben dnrcb jene oben nach- 
gewiesene TemperaturdiffeMiiz bcdcutend Tcrstiirkt und treten dann als jene 
orkanartigeu Mistralstromnn^on auf. die oft mehrereTage lang mit ungeschwaclitcr 
Heftigkeit die Atmosphiire in Bewegung setzen. Jener Teniperaturgegensatz 
dokumentiert sich im Winter auch dadurch, dass er iiber dem Meere eine 
ansgesprochene Tendenz zor Bildtmg barometrischer Minima hcrvoiraft, wShrend 
er iibtr dem Innern do'^; franzr»sisc]ieii Fcstlaiides die Entsteliung von Anti- 
cykloneu begiinstif^t. Eiuo Zun^rc lioiien Luftdruckes reicht dann gewohnlich 
von Zentraleuropa heriiber. Uuft nun eine der ebeu erwiibuten Ursachen cineu 
aUgemeinen noidsfldlicheii Ghn.dietiten hervor, so wird denelbe im Gebiete des 
sudfranzdsisohen Litorals sehr bedeutend verstiirkt und die von dem zentral* 
franzosischfn Hochlande nach dem Lowengolf lierabsinkenden Luftmassen er- 
halten auf diese Weise ein sUirkcres QefiilL Aber selbst wenn die taglicheu 
WittoiingBkaTteii einen Gradienten fOr Nordwind in diesen Gegenden nicht 
critennen lassen, sonderu zicmlich gleiehmilssig verteilton Luftdruck anzeigeo, 
kann in Siidfrankrcich hcfti^'er ^fistral weVicn, weil auf kleiuere Entfcrnungen 
selbst eiti gchngcr Gradient, der der Beobachtung giin^lich sich cntziebt, lieftige 
Winde, ja selbst tokale Stfinne hervorsorufen vennug >). Ein solcher geringer 
Gradient fur Nordwind ist aber in Sudfrankreicb infolge der bcdcut«'iidcn 
TemperaturdifFeronz, die bier zwischen Kiistcngebict und Hinterland sich bildet, 
fast immer vorhanden. Hierzu kommt noch ein anderes Moment. In dem 
ntirdlich vom zentralen Hochlande gclegcnen atlantischcn Gcbiete Frankroichs 
hemclien die Tom Ozean herkommcndcn Nordwestwindc cntschieden vor. Die- 
selben verlieren lion auf ihrcni We^'e iiber das uordfranzosische Flacldand 
einen Tcil ihror 'euchtif^keit ; der H iuptmasse il^-ps Dampfficelinlts aber eut- 
ledigen aie nicb erst an den ilnieu zugewendeten Abuaugeu des zentralen Hoch- 
hudes, indem sie als klimmende Strbmung an der Lnvseite deeselben empor- 
steigen, um sich an der Leeseite teils in die breite Stromrinne des KhunethaleS) 
teils in die flachen Niederunp;oti des mcditerranen Litorals liinabzustiirzcn, die 
hier durcb exzessive Temperaturditi'ercnzeu erzeugtea iukalen Luftstrumungeu 
noch Terstirken zu helfra und so die gauze Ebene als trockene Uistralwinde 
zu durchrasen. Der Mistral tst also, wenn wir ihn nach Herkunft, Natur und 
Wesen kurz charakterisieren sollen. ein BiTincii- odcr Landwind, der liinsichtlich 
seiner vertikaleo Bewegung ebenso gut unter die i5'allwinde zu rechnen ist, wie 
der Fdbn der Alpen und die Bora >) des adriatischen Kustengebiels, was bier 
ausdrucklich betont werden soil gegenUber der Behauptung Hanns, der deu 
Mistral nicht zu den Fallwindon ziihlcn will, wilhrend er detj Fohn und die 
Bom dabin recbnet^). Wie der Fuhu vou deu Kammen der Zcutralaipea 



>) Haan. L o. p. 437. 

<) Ueber Bora, Moritui and Borinetto, ndrdliolie Binnenwinde der fistliehen llittelmeer* 

irinder, deren Name ofTonb ir vom grireli. ,'?(/(/f'(f,- .ibzulcitrn ist, vcigl. bosomlors : Biu chiL li, 
ub. etM m. d. Bora verb. ei<ii:nt. Art van A'tbtl «. ub. d. Verbrtg. d. liora; Zettschr. d. osterr. 
Gee. f. Met. I, p. 2:U; Temperaturerlwhung durch Bora; ibid. X, p. 112. — Deacbmana, 
dbtr di9 Bora in Kraini ibid. p. 281. — Fiachor, Sfudien, p. 84 und 35. — Hann, L c. 
p. 438 Q. ^9. — Kamtz, iiber dm Buran; Beii- rtur. f. Met. Ill, p. 28; after He Bora da 
tchfcarztn Metres; Zeil<clir. d. Hsdrr. Hr^i. f. Met. I, p. 234. — Lorpiiz. pfiysik. Verhultn. 
M. Verllg. d. Organism. ». quarmnsclten Oolf, p. 53 — 80. — Lon nz u. Hot lie, 1. c. p. 209, 
258, 271. 376, 413—424. — Prottner, die Bora u. der Tauernwind ; Zeitschr. d. osterr. (jc$. 
f. Met. I, p. 209, 225. — Stahlbergor. Bora in Kume; ibid. V, p. 587. — Wrangel, 
fifcer die Ursachen der Bora in Xutoorosaisk ; ibid. XI, p. 238. — WQllcrsdorff-Urbair, 
He Bora; .Sit.'iou/sbcr. d. k. Akad» d. IT^te., 1863 Jum und JuK. 
*) Hann, 1. c p. 438. 




192 ^ Flaine de la Cnu oder die proveufaluche Sahann 



nach den Thal^ des uordschweizerischen Hiigellandes, die Bora von den Hocb- 
plateaux des Karstes und dureh die Passlfieken dee dinariscliMi Gebirgee nach 

den Kiistcn der Adria aicli hinabsturzt, so wirft sich der Mistral von den 
Kalkplateaus der Gausses und iiber die Kamme der das zentr<'ilfran/.r)sisclie 
Hochland umschliessenden Randgebirge nach dem Khonethal und dem |>ru- 
Ycn^alisch-limousinischen Literal liinnnter. Da aber der Karst und die Kiimme 
der dinariscben Alpc n. die im allgemeinen dieselbc Hohe erreiclien wie die 
sargformig gcstieckteii Ru(jken der Ocvennen, don Ufern der Adria niiher 
liegen als die Beige des zontralfranzosischen Hoclilandes den Kiisfpn des 
Mittolmeercs, so muss notwendigerweise der Windschatten der Boru em kur/.erer 
sein alB der des Mistral oder, was dasselbe ist, der Mistral wird unter einem 
kleinercn Winkel den Boden fassen als die Bora. Es ist sonach der Untor- 
scbied, der in dieser Bezieliung zwiscbcn Mistral und Rora bcstebt, kein 
generelier, sondern lediglicb cin gradueller, und wir sind vollkommen berechtigt, 
sowoU den Mistral vie aucb den Fdbn und die Bora als Fallwinde xu he- 
zeicbnen, die sich aos der HOhe nach der Tiefe liiiuintcrstiirzen und sich in 
dieser Beziehung nnr dadurcli vonoinnnder unterscheiden, dass beim Fohn der 
Fallwinkel, unter welchem die dislocicrtcn Luftmasseu am Bodeu anlangen, 
im allgemeinen am grossten, beim Mistral am Ueinsten sein wird, wahrend er 
bei der Bora zwischcn beiden in der Mitte liegen diirfte. Auch in bezug auf 
die Wirkungen, die der Mistral vprmoge seiner meteorologischen tind (Ivna- 
mischen Eigcnscliaften ausiibt, hat er so uanches Gemeinsame mit dem Fohn 
der Alpen und der Bora des Adriagebiets. Wie diese trocknet auch er die 
Lnft aus , vermindert ihren Feachtigkcitsgchalt und verstiirkt infolgedessen 
durch Aufliellung des Hiiiiinels und V^crminderung der Bewolknng die In- 
solation 5), cine Wirkung, die nii ht nur fiir die Vegetation seines Herrscbafts- 
gebietes von crosser Bedeutuug ist und zum Teil wenigstens die schiidiichen 
und entscihieden deprimierenden Einflusse wieder ansgleicht, die er vermSge 
seiner enormen dynamischcn Kraft auf die Pfliuizen ausiibt, sondern auch fiir 
die gesamten animalischen Lcbowcsen, nameutlieh deu Mensclien dadiirch von 
hochster Wichtigkeit wird, dass der Mistral erfahrungsgemiiss zur Sanicrung 
der AtmospbSre sehr wesentlieb beitrfigt. Wie der Fobn die Stagnation der 
Luftmassen, die am Grunde der tief eingeschnittoncn, von hohen Gcbirgs* 
wtillen rings ummauerten Alpenthiiler ndien. durch iiusserst energiscbe Ven- 
tilation iubibiert und damit auch die Bildung von Sumpfen und Aliasmeu 
Terbindort oder docb wenigstens abschwacht, die namentlicb itir die flacbeU) 
b&ufigen Inundationcn exponicrtcn Ausglinge des Rhein-, Beuss- und Rbone- 
thalos genilirlicli werden und sif ziilet/t mibewohnbar machen mn<5sten. 
wenn nicbt die trockeuwarmen Luft^iitroniungen des Fobns die stagnierenden 
Wasser aufsogen und die ihnen entsteigenden Mtasmen vertrieben *), so wird 
auch der Mistral trotz der mannigfacben Zcrstorungen ^ die er vermoge 
seiner dynamischcn Kraft so hiiufig anrichtet, in letztcr Instanz doch zum 
Segcn dcss(ll)eQ Landos, als dessen Geissel man ibn zu bezeicbnen sicb 
gewuhnt hut. 



<) Sehr tuucbanlich schilderfc GriBebftoh den WechscI in Klima und Vegotation, der 
nirgends rascher und nnvennittelter rich vollsieht als da, wo man, dem Lauf des luiOne 

folgend. zwisrlu'ii Moiitrlimar und Orange die Polargr> ir/p des Oi lliininis unter ■14''2.Vn. Br. 
Qberschreitf t und dann durch dns Di>Hlc von Douzore aus dor Ko^iou dot: zeDtruleuro|t&i8chea 
Wie«en und LanbwRldor plotzlich in das Gol>iot der moditerranen Flora cintritt^ Mit RAcht 
F-fliri iljt der genanntf- Forschor diesen plOt/.lichen VogetationBwechsel und den ganz erstaan- 
lichen rilanzenreicLlum dieses Gebiets. das allein innerbalb des Dreiecks Orange-Perpignan- 
Nizza nicht wenigor als GOO Artcn ziihlt, gntonteils dem die Aufheitening dos Himniols und 
damit aoob die Inflation begOiuitiKenden Kioiium des Mistrals tu. \etgl. Grieebacb, 
1. c I, p. 240. >- If artine, \. c. p. 5%. 

-) Berndt, der Alpenfi'Iin in >;vn,> m Iak/Iuss auf Natur- inid Jfemelb«f*]ebm,* fil^ 
g&nzungshelt No. S3 su Peterxuanns Mitteilungen, Ootba 1880, p. 10. 



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Did riiune Ue la Urau oder die proven^alische Saiianu 



193 



i,Avmio vmtosa, 

Cum vento fasHdiosas 
Sine vento vm^nom" 

sftgt iiiit Rocht oil! altes Sprichwort, das auf den Mistral und scino sanieronde 
£inwirkuug aaf die Atmosphiire sich bezieht. Nicht bloss Avignon, souderu 
der gan^x flache Kiistenstricb der Provence and des Languedoc, der sich von 
den Rhonemiindungen bis su den Ausliiufern der Pyreuuen liinzitOit udcI ausser- 
ordentlich reich ist an Strandseen und Siimpfen, wiirde infolge dor Miasmen, 
welche die stagnierenden Wasser dieser Etangs und Marais bestandig aus- 
atmen, ohnc Zweifel viel uugesunder sein, sie wiirden von den Vorbeorungen 
epidemiach anftretender Kranldieiten noch weit biiufiger und schwerer lieim- 
gesucbt sein, als dies in neuerer uiul ncuester Zeit geschali, cs wiirden iramer 
mehr Stiidte ausstorlien und in uiiliuwohnbare Triimmerbaul'en sicli vemnTidelu, 
wie dies mil les liaux, Aigues Mortes und andcren proveuvalischou ivui^teu- 
stidten seit Jahrhunderten bereits geachehen ist % ja der ganzo mediterrane 
Literal Frankreichs wiirde scbliesslich vollstfindig unbewobnbar werden und 
ganzlich veroden, wenn iiielit die trockenen Mistralwinde cine energische Ven- 
tilation der Uber den Kiisteuniederuugen stagnierenden Luftmassen bewirkteu, 
dureh starke Ezsikkation der Lnft und des Bodens, fiber den sie hinstreicfaen, 
der weiteren A'nsbreitung der Strandseen und Siiini>fc ein Ziel setztoD, dabn 
gleicbzeitig die aus ibnen bestiindig sich entwickidnden Miasmen iminer wieder 
boseitigtea und so zur Sanierung des gauzeu mcditerrauen Litorals sebr 
wesentiudi beltriigen 

d. Der West oder Ponmni^), 

der CiffVQOS der Griechen, der favonius der Romer, koninit aus den J'yreniien 
wenn dort der Scbnee scUmilzt, und wcht Uber die Ebenen des Roussillon 
and Languedoc als ein fKschm*, aber im allgemelnen ziemlich mfissiger Luft^ 
Strom, der nur dann intensiver auitritt, wenn er cine mehr nordweatliebe 
KiclitiHiL' nnd damit auch itwns von dein Charakter des Mistrals annimmt. 
nut welchem er thatsacblicb bisweilen sicb vereinigt. £r wird dann von den 
Frovensalen BBihrato oder Mistmro genannt und soU nach der Heinung der 
Landleute einen besondcrs giinstii^'on und fordcrnden Einfluss auf den Reife- 
proTiess dos Getreides und der Gemiise ausliljcn. Am Abend lieisser Sommor- 
tage steilt er sich in unsereni Spezialgebicte mit grosser licgeimassigkcit als 
eino erfrischendc Brise ein, die unter dem Namen Ponrenftcou bekannt isl 
und stets mit Frcuden begrflsst wird, weil sie die crstickendc Uit/A' der sonn* 
darchgluhUn Hocbsommertage angenehm mildert und die ersehute Kiiblung 
bringt. 

B. Seewinde. 

ft. Der Sad west, Labech oder Garbing 

wTirde schon von den Griechen durrh den Namen kitf} oder Xt^vxng wie auch 
von den Romern, die ilin Africus nannten, ganz richtig als ein afrikanischer 
Wind cbarakterisiert, der, aus dem NachlKArkontinent kommend, das westlicbe 



*) Desjardins, aper^t historique aur le$ embtictiures du Rhone. — Lentheric, fes 
«aia mortefi <lu Golfe de Lyon. — R^gy, anaimuemenit A* VHUmA m^iterraM^M. 
«) Villoneuve, L c. I, p. 191. 
») Ibid. 
*) Ibid. 

•) Wie du proT. lofieeft oder a(eeA, das altfr. leftwAe oder ?«frM^, dfts catal. UtotUg^ 

elas span, Icbeche odrr leveche mu] ittil. !ff}fccin vom grioch. Xitii, kijioi ((wfuoi 
Sudwestwind licr^tainmon, so isl d.i« n< u]iii>v. (jarhin mit seinen Verwandten, dem catAl. 
garbi, dem span. (j<irl>iiui, dem port, ijarahia uiul ilem ital. a-gherbino auf cine arabischu 
Wurzel rariiciuufBiireii. Diez, L c. 1,^ 201 u. 249. Fie;ta^ii lexkm arabico-kUinuM 
111, p. 267e» — %at meteorologiBelimi Cbuaktwiitik dieses Wmdes, der nodi immer voa 



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IKe Flaiiie da 1* Can oder die provenfaluelie Salum. 



Becken des Mittelmeers ubcrweht und die ganze Nordkiiste dcssclbcn von der 
Mccrenge von Gibraltar bis zur KhonemiiiidaDg, ja bis iaa adriatiscbc Meer 
hinein als ein im Sommttr kiililender, im Winter schwtiler, feucbtwarmer See- 
wind bestreicbt und im gtidlicben Litoral der iberischen Halbinsel noch ganx 
den Charakter eines ecbten Wiistcnwindes' aii sidi triifjt. Hier in den Vci^m 
von Mula^^a und Almcria wie anch in den Jlmrtm von Murcia und Siidvalencia. 
wo er uoch niclit Zeit gchabt hat, sich geniigcud mit Wasserdampf zu siittigen, 
um action als feucbter Secwind aufzutretcn, da die Entfemung dieser EOsteii 
von dcncn des gegoniiberliop i 1 i Kontiiients eint sebr kurze ist, tritt er 
mcist als ein trocken - beisscr Glutwind auf, der siinen sabarischen Ursprung 
noch nicht verleugnen kann und deuselbeu aucb dadurcb verriit, dass er oft 
ganze Wolken von Wflstensand und feinem Staub mit sich f&brt, die die Lnft 
rei&istern nnd das Licht der Sonne verdunkelo wie beim Wehen des Samums, 
Seine Wiirme und Trockenheit ist bier nocb so gross, dass er oft binnon 
wenigen Stuudea die TVeinpflanzungeu gauzer Distriktc zerstort^), ja es soil 
sogar vorgekommen sdn^ dass, von seinem Gluthaiicb erstickt, die Vdgel tot 
aas der Lnft herabfielen Diesen Cbarakter eines trocken - bcissen WUsteu- 
wiudes, den er im siidspatiiscbcn Kihtcngobicto nocb unvcrkonnbar zur Scliau 
tragt, bat er in unserem Gebiete ganzlicb verloren; deun wliiu er hier anlangt, 
hat er bereits einen langen Weg liber das Keer zurttckgelegt und auf diescra 
Wege Zeit gefunden» grossere Quantitiitcn von Wasserdampf aufy-unelinit ii, die 
ibm nunmehr den Cbarakter ciiu s feucbton St owindes vorlcihen. Im Winter 
scbwUl und feucbtwarm, wie alio Seewinde der nordlicbtn Mittclmeerkiisten, 
tritt er im Summer in unserem Gcbiete als ein feucbtkiihlei, die Hitze des 
Tages angenehm mildernder Seevind auf; der sich mit grosser Regelm^igkeit 
gegen 9 oder 10 Uhr morgen?; zu eiliebon jifltf^t, gegen Mittag bin allmiiblich 
an Starke /.uninimt und etwa uni 2 Uhr das Maximum seiner Starke erreiebt, 
um von da an uacb und uacb wioder abzuilaucu uud gegen 5 Uhr ganz ein- 
zulvllen. W^en seines feiichtktthlen flauches, den er \om Meere her mit- 
bringt, und des angenehm mildernden Einflusses, den et namenilich zur Sommcr> 
zeit auf die Hitze des Tages ausiibt, ist er in unserem Gebiete wie in der 
ganzen Provence und auch im benachbarteu Languedoc ein gcrn gesebeoer 
Gast. Nur in der Gegend von Aries und Avignon fUrditot man ibn, weil er 
diesen SUidten die Miasmen zufubrt, welche die stagnierenden Strandseen nnd 
Kustensiimpfe des westlichen Tiitorals bestiiudig ausbaucben, ein Einlkiss, dossen 
vcrdcrblichti Folgen ledigUcb durch die energische Ventilatiou, die der Mistral 
bewirkty paralysiert werden*).. 

b. Der 8fld, MUgian oder M^i<mt% 

der vomg d«r Griecben, der ausier der Bomer, webt in unserem Gebiete wie 

in der ganzen Provence /is mlicb seltcn, nimmt aucb fast niemals den Cbarakter 
eines Sturmcs an, sondt rii tritt immer nur als leiclitf Soebrise auf, die am 
hiiuHgston gegen Eudc des Sommers und zu Aufaug des Uerbstes sich eiustellt. 



horvorragonden Forachem mit doiu repfcnbringendeu SulatM oder Levantt verwechselt wird, 
veigi. besondors: Dove, klimatoloijinche Beitrdge; iiber die Regen in Sjxinien und Nord- 
afrika; Monatsher. d. Akad. d. Wi»&., Berlin 187i5. — Fischer, Bdirage; StmUen, p. 36. — 
llann, 1. c. p. 440. — Hellmann, w'/er heisse Winde tmd Localwinde auf der iberiachen 
lliilbitisd; Zeitschr. d. osterr. Ges. f. M't. XIII, p. ;{08. — Kl. iii, I. c. p. T'- h. 7»». — 
MQhry, 1. c. p. 520. — Reclus, 1. c p. 1, p. 6W u. 7»1. — Willkoium, die Strand- utuL 
Stq^etigebietc der iber. HtHbinsel, p. 181. — JHe HaUmua der Fyrenden p. 258 u. 85(k 
') Hollinann, 1. c. p. 

*) W i Ilk y Hi ui be^weifelt dw KicUugkeit diesor Angabe (Strand- und Steppengtbitie 
p. 181); doch wird dieHelbe neucrdinga bestatigt durcb PaCSarge, i^WMMW WM PoftnngcL 
«) Villoneove, 1. c. 1. p. 188, 191. 

*) Der Sftdwind wiid von dm Fh>vea9Blen andi thii-larg genaniit, vdl or tob olmtti 
Ueeie barkanmit VilleneaTe, L o. I, p. 158 n. Mistral, mreOk, p. 45. 



Die Plain* d« la Gnw oder 4ie prorcafaUache Sabacftp 



195 



durch feuchtc Wiirme sich uukundigt und leiclitc R^genfalle in ihrem Gefolge 
hAt, gevdhnlich aber sehr bald durch dea am diese Zeit achon onergiacher 
Miftretendea Mistral wieder aus dem Felde geachlagoi wild. 

0. Der Sttdott oder Bi$ter^^ 

TOD den Griechen €iqos, von den Romcrn mdturmis genannt, ist kein and^ror 
uls der Seirocco dor Ttulioner. Troten f^loich die charakteristischeii moteoro- 
logischeu £ligentiiinlicbkeiten dieses merkwiirdigea Windes in dem westlichen 
IGttelnieerbeclien nieht mehr so scharf trad deuUich ausgepriigt m Tage, wie 
tlit'S in dem ostlichcn Becken der Fall ist, dossen Gestadeliinder van den 
Gewiissern dcs tyrrhenisclien und adriatischcii Mrercs bespUlt werden und als 
der bauptsachliche Tummelplatz dieses Windes anzusehen sind, so verleugnet 
docb aach in nnserem Gebiete der Sttdost nicbt ganz den Oharaktcr eines 
schwiilcn, feuchtwarraen Seewindes, der, durchschnittlicli iin Herbst und Winter 
liiiufiger auftrctcnd als im Friililin;^ uiid Sommor, stine Ankunff ;nit grosser 
Kegelmiissigkeit durcli DopresHion dcs Luftdruckes, gleichzeiti^'c Krlioiiung der 
Temperatur und Veriueliruug der relativen Feuchtigkeit im voraus verkUndigt, 
sobald er sich eingeetellt bat, den Himmel dioht mit achverffli^ tiefziehoDden 
Wolken verhiillt, dii- man hier ganz bezoiclmcMid ballcs tl- rofuH') ncnnt, die 
j»aiize Atmosph-ire mit oiner feuclitschwiiien, brUtenden Wiirme erfiillt und 
auf allc aiiiuialischen Organismcn eine erschlaffende and deprimierende Ein- 
wiilrang aiiflflbt. Er ist der Hauptregcnwiud unseres Gebietes and ist 
namentlich im Sp&therbst und AVinter von reichlicben Niederschlagen be- 
gloitet, die bisweilen einen wahrhaft sintfliituiiif^en Oharaktcr annehmen und, 
wie in der yanzeii Proveuco so aucb iu unserem Spezialgebiete, scboa arge 
Verheerungcn angcrichtet haben. 

A. Der Ost, Lntmt oder Ltbtm*)t 

▼on den Griecben dnij.ic'rff^i^, von den Bdmem miitokmus genannt, ist in der 
Provence ganz ebenso wie der Siidost moist ein Regenbringcr, da cr Uber den 
Golf von Genua lu rulicrwelit und h'wv mit Wasserdunsten sicli s.-lttigt. Bisweilen 
aber tritt er in unserem Gebiete unter dem Namen vent blanc als ein kalter 
and rauher Luftstrom auf, der von den Bergen Korsikas hcrUberweht und 
namentlich ini crsten Friihjabr der im Beginn ihrer Entwickelnng befindlichen 
Vegetation nieht selten gefiihrlieli winl. In den Jaliren 1820 und vcr- 
nichtete dieser Wind um die an.i,'ei;ebene Zeit einen ■j;n)ssen Teii der OliTeH" 
biiuoic in der Oiau und den umliegendeu Distrikleu der Provence'*). 



*> DfM itftlienische tc&oeco iai irrtumlich vom griech. a«(^Mu, aostrockneo, abgeleitet. 
Nieht Ton dem griecb. aetpou, flonden von dem aiu der arabieehen Beseiebmmg fllr (Htea 

abgeleitetcn mittcllat. siroccus slammt ital. seirocco, sciJocco, sirocco; ronian. eyssiroc, syroc, 
issalot; prov. eisserb, eimini. siru, cissalot, siroc; franz. giroc, siroco; catal. xaloc, axaloc; 
span, siroco, xiroqm, xaloquc; portug. xaroco. Vergl. Diei, 1. c. I, p. 873. — Freytag, 
L c. II, p. 41&a. — Mittral, dtct., p. 852. — Pedro de Alcal4, vocaMitia armtigo m 
ktm OMfeHtma. sab: levmte. D!e tneteorologis^en KigenwhaftoB dieses Wttdes Vbandeln 
0. a.: Do V e. iiln-r Kiszt i(, Pfthn untl Seirocco; der Svhtveiser Jfim; das Gesetz d i ' v , ;-thc. 
Fiscber, Jidtrdj)!'; S'ladien. — ilaun, 1. c. — Kiimtz, Lehrbuch der Mcti'i>rotatfie. — 
Klein, 1. c. — Lorenz, der Quarneru. — Lorenz u. Rothe, Lehrbveh der KUmatoJogit^ 
— Beclus, 1. c. I u. III. — Reclus-Ule, die Erde, I. — Vivenot, verylHch. klimat. Shzte 
Ih. d. Niederschlags- u. Temperaturverh. v. DetUschland, Italicn, Nordafrika und Madeira; 
JMermo uh klimntisvher Kurort. 

*) Villeneuve, 1. c. I, p. 195. 

s) Fiseher, ShM2i«», p. 13. 

♦) Das prov. Icran, h'ltnn ist fitymol. venvrindl mit dnm ifal., ■-]---\n u. poitu^'. Jevuntc 
0«ten, Soiinenaul'f^aiij,' (,occ il sale a kvu'); abuiich porlug. mt^ctfWc, caIhL soitxent. Diez, 
L c I, p. 218. 

^) V. LdffelboU-Colberg, I c. p. 98, 



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196 



Die PUine de la Craa odcr die provenfaUsche Saharm. 



4. Luftfeuchtigkeit, Bewolkung und Nicderschlage. 

Wie iiberall so hangt auch in unserem Gebintr lio grossere ocler ge- 
ringere Feucbtigkeit der Luft in erster Linie von der liichtung der herrscben- 
den LnftatrQme ab UDd zmr in der Weise, dass beim Wehon der lAodwinde 
die relative Feucbtigkeit der Luft im allgemeinen cine geringcre ist ale an 
Zeiten, wo Sccwinde die Herrschaft fiiliron. Von den ersteren ist der Mistral 
derjenige, der die Lut't am meisten austrockuet, von den letzteren erhoht der 
Sttdost den Fevcbtit^koits^i^ehalt derselben am bedeutendsten. Hiermit steben 
natttrlich aiicb die l ; v < l] ings- und Kiedersclila^'^vorlililtnisse anseres Gebietes 
im engsten ursiicliiiclion Zusamrnpiihanf^e. Landwinde. wie der ^Nfistral nn ? 
die Tramnntana, vprmindern die Bewijikung und bofrcicii oft in weiiigon Stiiu- 
den den Iliniiuel von seiner Dunsthiille ; Seewinde dagegen, wie namentlich der 
Eisserd nnd Labech, vermeliren dieselbe und bringen ^bes Wetter. Ffir den 
aufmorkfiamon Bco])ac!itcr sind die Wolkoii selton triigonde Wettorsignale, in- 
softTii aus Hohe und Kichtung Hires Zugcs, win aus Fiiibung und Physiognomie 
derselben mit ziemlicber Sicherbeit auf die bevorsteliende Witterung gcscblossen 
werden kann. G^leicb dem Fohn der Alpen kQndet auch der Mistral io der 
Kegel dorcb leicbtes hoch/iehendes Cirrusgewolk sicb an, das entweder in 
Gestalt eines rundlich gowpllten feinlockigen Lammerfliesses oder als ein diinner 
gleicbmassig verteiltcr milcbweisser Duustscbleier den Himmel bedcckt Sind 
die Woiken grau tind leicht, wie ein Nebel, der sicb bis an den mittleren 
Regionen der Atmospbtire eriiebt, so kttndMi sic in der Regel den Nordost- 
wind an, wahen sie sicli dagogcn in scbworcn dunklon Massen am Bodon hie, 
so sind sie fast ausnahmslos die Vorboten des budost, der seine Natur als 
feucbtscbwiilor Rcgenwind aucb in unserem Gebiete nicht verleugnet i). Hucbst 
interessant ist der Kampf^) dieses letzteren Windes mit dem Mistral. So 
lange der Mistral nocli iiicht wpht, streicht der feucbtwarrae Siidost iiber die 
flacheii Kiistonnioderungon der Provence und des Languedoc bin und man siebt, 
wie die dunklen regenschweren Woiken, die er vom Mcere mit heriiberbriugt, 
langsam landeinwfirta Ziehen, an den AbhSngen der Cevennen sicb empor' 
wiilzen. hie und da sicb teileri und zerreissen, uni scldiesslich hocli drolien im 
Gebirgo in dichten Ecgnnstromen der Ueberfiille ihrer [<\nichtigkeit sicb /u ent- 
ledigen, oline den angrenzendcn Niederungen aucli nur einen Tropfen davon ge- 
spendet zu haben*). Sobald aber der Mistral sicb erhebt, vermindert sicb 
Warmc und Feucbtigkeit der Luft selir rascli nnd es entspinnt sicb nun in 
der Atraospbiire cin Kumpf zwischen den l)eiden feindbchon Luftstromungen, 
der durcb die in entgcgengesetzter Kicbtung ziebenden Woiken detn Auge so- 
fort sich verrfit. WShrend in den oberen Begionen der Atmosphibre die 
weissen posit iv olektrisclien Cumuhiswolken » weld^e der Mistral vor sich her* 
treibt . 11 siidijstlicher Richtung dem Meere zneilon , walzen sicb nntor ibnen 
hinweg die dunkel bleigrauen negativ elektrischen Dunstmassen, die der Siid- 
OSt Yom Mecre bcriiberbringt, langRam und schwerfallig dem Gebirge zu. Aus 
dem Eampfe dieser beiden in jcder lieziehung einander entgegengesetzten Luft- 
stromungen cntsteben jeno hcftigen Gewitterstiirme , die zwar moist auf ganz 
eng begreiiztc Distriktc sich beschriinken , aber iiberall da, wo sie sicb ent- 
laden, die furchtbaisten V'erwiistungen anricbten, Im Durcbscbnitt ziiblt man 
in unserem Gebiete 200 Tage, an welcbeo der Himmel Woiken zeigt, 50 Tage, 
an denen er ganz mit solchen bedeckt ist, 100 voUig heitere und etwa 1& 



«) Villeneuve, 1. c. I, p. 195. 
») Reclus, 1. c. II, p. 273. 

*) Wie iibor den orhitaten Sandfirichon dor Sahara will man auch flbcr den sonn- 
darebglohten Blocktriimmerfeldern der Crau biBweileo die BeobachUing gemacht haben, daw 
es in den oberen Regionen der AtmoapbAre regnet, obne d«m aan am Bodmi selbai ^wai 

davon wahrTiiinnit, vrvU die nicderfallcodcn Tropfen von dem wansen Aneniionwbom wieder 
in Dampf verwandelt werdeo, Uevpr sio z\m Erde gelafigen. 



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Die Flaiiw de U Ccm odar dk proTenfaliiche Salwxft. 



197 



Neboltage. Juli und August liaben die meistea beiteren, Oktober imd November 
die meisten bedeckten Tage aufzuweisen i). 

Was nun endlich die wasserigcu ^iedcrscbliigc anbotrifft, die der Boden 
nnaeres Gebistes aus der AtmospbSre efflpfungt , so ist ee nicht so sehr die 
geringe absolute Menge als vielmehr die Art ihrer Verteilung Uber die ver- 

scbipdcnon Zeiten dt s Jalircs, din tli m Klima desselben seiuen eigentumlichen, 
durcbaus an die Wiistc erinnerndeii Oharakter verlcibt. Wie in der afrikani- 
schen Sahara gehdren auch in der Crau Reifbildung und Schneefalle wahrend 
der Wintermonate oicht gerade zu den ungewobnlichen ^'orkommnis8en ') ; 
allein lu'er wit.- dort vorscliwimL t der Uoif luicli Sonnenaufpang selir rasch 
und auch die Schneedocke . die selteu mehr als eini^e Zentimeter Dicke er- 
reicht, vermag kaum liiiiger als eiiiige Stunden sich zu halten uud wird in der 
Kegel sclir bald durcb die Strabten der bSber eteigenden Sonne wiedor be- 
t>eitir^t. Nur in einzelnen ganz exceptionellen Piillon fiol der Schnee in un- 
serem Gebicte so reichlich , dass er mehrere Tage deii Boden bedeckte , wie 
dies ini Friilding dcs Jahres 1820 geschab , wo der von Korsika hertiber- 
wefaende vent None die ganze sfidliche Provence bis mm Ldberon mit einer 
fast meterdickcn Scbnee^iiebt bedeckte, unter welcher die im ersten Friildings- 
triob stehenden Biiume ungemein litten , da bald darauf Tauwetter und dann 
abermals Frost eiutrat Hagel fiillt in unsercm Gcbiete ausserst selten und 
da die Komer desselben kaoni grosser sind als JagdpulverkSrner, so ricbtet 
er eutweder gar keinen odcr docb nur so nnerheblicbcn Schaden En, dass der^ 
selbe kaum in Betracht komnit *). Urn so reichliclier slnd (laq:ogen die Regen- 
fiiUe in unsereiu Gebiete. Da da^sclbe aber durch seine geographische Lage 
der das sentrale Europa umfassenden Zone der Sommerregen bereits gSnslidi 
cntriickt ist und niit alien seinen Teilen sclion in die subtropische Zone der 
Friihlings- und Herbstregen fiillt, so ist in ihm der Sommer ausserordentlieh 
arm an atmoepharischen Nicdersclilli^en und es hat Jabrgango gegeben , in 
denen die Cran wiilirend der Soimiierinooatc auch nicht cinen Tropfen Regen 
einpfing und unter der gleichen Diirre litt wie die regenarmen Hocbplateaus 
der iberisr ]|f;.n ]\I(^seta und die sie unifjeljenden Niederungen dcs valeiiciaiiisclien 
und andaiusisclien Litorals ''). Krst mit dem Hcrbstiiiiuiiioktium , wcnn die 
Sonne tleu Gleicher zuui zweiten Male durchlaufen liat und wiuder in die siid- 
Uche Hemispb&re eingetreten ist, beginnen die den gesamten MittelmeerlSndwa 
eigentumlichen Herbstregen sich einzustellen und wcckcn die schlummernde 
Vegetation aus der Lethargic ibres Sominerschlafes noch einmal zu kurzom 
Leben. Im Laufe des Monats Oktober immer hiiufiger und reicbliuher wer- 
dead, erreicben diese Herbstregen in der Regel im November, bisweilen aber 
auch erst im Dezember ibr Muctmum Etne zweite, wenn gleiob quantitativ 
woniq'er ergiebige Regenperiodp pflpgt sich g<*f?en Finli^ dt s Winters einzustellen, 
nimrat in der ilegel um die Zeit dcs Fruhliugsa<^uaioktiuius ihreu Aufang und 
bringt das Maximnm der Niederschliige bald scbon im Harz , bald erst im 
April 1), dessen berkommlicber besonders fttr das Geddben der Cerealien sehr 



•) Villeneuve, 1. c. I, p. 105. 
Im Sandmear der libyiohen Wflste beobachtetc Jordao im Februar ein Minimmn 
TOn >-5*. Dm ente Eii warae in Tuafnh am Neujahrsmorgen bemcrkt und in 12 Mftcklen 
Bank die Temperatnr onter 0*. Haan, L c. p. 429. 

*) VilleneaTe, L c I, p. 198. 

IWd, 

■) Uebor die sotmncrlichen Dtirrepcrioden dieser Gf^biote veigl. Hellmann, Feuchti^ 
licit und Betcolkung a. d. iber. Halbimel: ZeitBchr. d. osterr. Ges. /'. Met. XIII, p. 386. 

Beclus, 1. c II, p. 278. — Fiteher, Studkn, p. 10. — Hann, 1. c. p. 405 

n. 406 

Nicht selten fallt in unserom Gobiet daa Maximum dcs FrtthjahrsregenB erst im Mai, 
der. wie iin Ostlichcn und mittlflien SpMiien, aneb in SildfrttBkreicb meiit noch wbr re^- 
reich ist. Hann, L o. p. 410. 



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198 



Die Plaine de la Crau odor die provenfalische Soliara. 



ervonscbter Kcgenreichtura in einem proTengalischeii Sprichwort zuui Aus- 
dnicke kommt, welches katet: 

f,Abrieu es de trenfo, mai qmttd piouriS A^smAhin, 
Farii' mmi ni degun" 
Welch ungeheuie Wichtigkeit diese periodisch auftreteudeu Aequinoktial- 
regen in landwirtschaftlicher fiezielmng . fttr unser Gebiet gewinnen, das wird 
sofort einleuchten, wetm man erwagt, dass nicht mir die Wiederbelebung der 
schluinmernden Gras vegetation der Coussous, die den grossen Herden der 
Wanderscbafo deu ganzen Winter hindurch als ausschliessliche Nahruog dient, 
BOndeni auch die Amsaat und Ernte der Gerealien, namentiich deB Weizens 
und aahlreicher anderer Kulturpflanzen , die in den Oasen unseres Wiisten- 
jjcWetes pebnut werden . fast ausscbliesslicb von dcm recbtzeitigeti Eintreten 
jener periodischen Herbst- uud Friihlingsregcn abhiingt Wiibrend auf dcm 
Brocken innerhalb eines Zeitranmes von 24 Stnnden im Maximum 126,7 mm 
Begen fallen, in Triest 140 mm. auf Korfu 117 mm, empfangt in unserem 
proveriralischcn Craugcbietc der Boden in der gleichen Zeit bisweil'Mi nicht 
weniger als 306,8 mm, ja am 11. Oktober 1862 wurde sogar binnen 7 8turi(]f ii 
ein Niederschlag von 233 mm gemessen, also Regenfalle, die an Menge der 
Feuchtigkeit , welche sie dem Boden zufahren, den tropitchen Regengttasen 
kaum orheblich nachstehcn diirffen und in eineui T;t;j;o durclischnittlich 11 mm 
Wasser lioforn , wiihrend zu Wicii der Boden durclischnittlich nur 4 ram an 
einem Regeatagc empfangt Diese Aequinoktialregen unseres Gebietes tragen 
sehr hfinfig ganz den Charaktor tropiecher Gewittergttsse an sich und aind duan 
in der Kegel auch von elektrischen Erscheiiiungcn begleitet; denn ira ganzen 
Gebicte der Mittelmebrlander giebt cs kcinen Distrikt, der gewittcrreicher 
ware abi gerade Sudfrankreich , eine bdcbst beachtenswerte Erscheioung, bei 
welcher der Hietral, der mii aeinem trockenkalten Luftstrome in die fibwltitate 
Luft der Niederungen hcreinbricht , als crregendes Motiv olmc Zweifel eine 
ebenso wicbtige Rolle spielt, wic der aufsteigende Luftstrora. Bei den Sommer- 
gewitteru scheint es jedocb fast immer nur zu Wolkenbildung , welche starke 
dektriscbe Spannung und Entladungen benrormft, viel seltener dagegen zu 
Niederschliigcn zu kommen. Die Zahl der Gewitter, die im nieditcrranen Li- 
teral Siidfrankreichs beobachtct wurde, hi'tni^'t diuchschnittUt li im Jalire 171. 
von denen 74 auf den Somraer kotunicn , w-ihrcml das Minimum mit 40 erst 
auf den September fallt *)• Nirgcnds aber in der ganzen Provence treteu 
Herbst' nnd Frflblingsgewitter baufiger und beftiger auf als in unserem Crau* 
gebiet, nirdends auch zicben die sie begleitenden Regeni,'iisse infolgo der oif^en- 
tiimliclicn Bodenbeschaffenhcit unseres Gebietes verbiingni.svolh r" Folgeii nach 
sich al« gerade liier. Wie aus deu Ilamblas der sudspanischeu Kusteusierreo, 
die hat ausnahmalos den ganxen Sonuner bindurch kaum einen Tropfen flieesen- 
den Wassers beherbergen, zur Zeit der Spatlicrbstrogen die gcfvircliteten 
Avenidas in die roich !)ebauteii Fhm'n der Huertas von Valencia und Murcia 
uiederstiirzcn und binnen wenigcn iStunden ganze Distrikte verwiisten, so ver- 
wandeln sich ancb die zu den Ebenen der (Sua sicb niedersenkenden gaudrcs, 
welche die Sudhiinge der Alpinen schluchtartig durcbfurchen und gleich den 
TJanihlas des suilihcrlschcn Litorals den Sommer hindurch voUig wasserlos 
siiid, bei solcheu plotzlicli iosbrechenden GewitterstUrmen in Zeit von wenigen 
Stundeu iu reissende Torrenten, die mit iliren Wasserfluten und den durcb sie 
in Bewegung gesetsten ScMamm - und Gescbiebemassai alles fortreiaaen and 

'I Villciiouvo, 1. c. I, p. I'Jo a. Mistral, diet p. 14. Der letastere ftthrt ausser 
doin oliigen iioch oiiio Keihe anderer SprichwOrttt Hii| die anf die ApcilngQa oad ihie la&d- 
wirtscbalUiche Bedeutang uch beuehen, wie: 

JSejamai a&nAi venii 
Jumai pltt^o arribarie." 
^ Darluc, 1. c. I, p. 320. — Fischer, Stuelien, p. 14. — Martins, L c. p. 428. 
^ Fiicher, Studten, p- 12 n. la. 
Ibid. p. W. ^ 



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Die PlMae de la Crau oder die provenfalische Sabara. 



199 



aberscbUUen, was ihnen io den Weg kommt. Ein besonders denkwUrdiges £r- 
rignis dieser Art ist der fiirditbare GewittefBtornii der im Mai 1724 uuser 

Gebiet beimsucbte. Bei diesem Gewittor fid der Begen in solcb exorbianter 
Monge. dass er eine die ganze Crau durcliziehende Zone von einer Lieue Breite 
uod secbs Lieues Laoge binncn wenigeu Miimteii bedeckte. Wie bei plutz- 
Kcben Springfluten aiif dem Meer^ so bUdeten die niederstOrzenden GewSsser, 
die kdne Zeit fanden , nacb beiden Seiten bin sicb auszudchnen und abza> 
fliessen, eino koiivexe flussij::^ Masse von mchr als zwci Motor HJilio , die sich 
mit der Scbnelligkeit des Sturmwindes vorwarts bew^to uiid die gauze Crau 
▼erw^stete , indem sie ganze GebSnde mit fortrise , dae Wild auf dem Felde 
uiid (lie Harden auf der Weide ertrankto >). Fassen wir nun kurz resumiorend 
die Ereignisse zusammcn, wolcbe aus den ijben Losprochenen metcorologi c lu n 
Thatsachen resnltieren, so geben dieselben in iiirem wechselseitigen Zusammeu- 
wirken folgeudes Gesamtbild von dem Klima unseres Spczialgebietes. 

Der Luftdruck, der als Mimatiedber Faktor eine weit weniger hervoo*- 
ragfnde Rolle spielt als andere mcteorologiscbe Elemente, ist in unserem Ge- 
biete /ii mlii h dcrselbo wie im Niveau des nabe gelegenen Mecro?? und parti- 
zipiert uuch meist an den Scbwankungen, die Ubcr dem Spiegel desselben sicb 
Tollsiehen ond nicht seiten Anlaae geben , die IntenaitSt nSrdlicber Lnftetrd' 
mtingen durch Bildung sekundarer Minima erbeblich zu verstarken. 

Weit wicb tiger sind die tlierraiscben Pbanomene, die das Klima der Crau 
cbarakterisieren. In bezug bierauf gehdrt onser Gebiet zu der siidlicben jener 
beiden Zonen, in welcbe Frankreich gesondert wird durch die Erbeboogaroasse 
des xentralen Hocblandcs, daa ffir Frankreich fast dieaelbe Bedeutung hat, 
wic die Alpcn fur Zentraleuropa und die Apenninenhalbinsel, insofcrn es cine 
Scheidemauer bildet zwischen dem atlautiscbeu Norden und dem mediterranen 
Sfiden, zwei Oebiete, die nicht nor in oro- tind hydrographischer , sondern 
namentlich aucb in klimatischer Beziehung im schiirfsten Gegensatzc zu ein- 
ander stelion. Wlihrend im Norden dieser Gebirgsbarridre din mif*]i i n Jahres- 
temperaturen nicht mehr als 10 bis 12" betragen, steigen sic iin Siideu derselben 
rasch zu Hohen von 13 bis 15"; wahrend dort im mirdlichen und zentralen 
Teile des aUantischcn Gebictcs die Isothcrmlinien durcbwo^ oino im lonem 
des Landes deutlicb nach Siiden sieh kriininieiulf Kurvo bosclireiben . macbt 
die uuser Gebiet umscbliessende .Tabresisothi rmr' von 14"-) fine ganz entj^egon- 
gesetzte Uewegung, insol'ern sie von Genua. aui> iiber >«iz/,a bis Toulon uud 
Ifarseille siemlich parallel mit dem Kttstensaum verlfinft^ dann aber landein- 
wiirts sich wendend eine deutlicb nach Norden gerichtete Kurve boschreibt, 
deren Scheitel ziemlicb f^rnau im Norden unserer Orauobone zu lichen kommt; 
erst jenseits der Khonemiindungen erreicht diese Linie wieder die Meereskiiste, 
vm derselben bis in die Gegend von Narbonne zn folgen tind dann U&ngs des 
Koxdhanges der Pyrenaen flieh dem Golf von 7^i.s(\iya zu verlaufen. Die Crau- 
ebene bildet demnach einen ziemlicb ticf in das Land sich bineinbuchtenden - 
Warmegolf, der zu beiden Seiten, im Westen wie im Usten, von Gebieten 
ti^erer JahrMtraiperatur eingesehlossen ist und dieee ttczeptionelle Stellung 
ohne Zweifel nicht nur den hohen Sommertemperaturen, sondern anch den im 
allgemeinen scbr railden und gloicbmassigen Wintern zu verdanken bat , cine 
klimatischc Bcvorzugung, die in dem Gedeiben zablreicher gegen Kiilte sebr 



'} Darluc, 1. c I, p. 297. — Martins, L c p. 430. — Villeneuve, 1. c« ^ 
P- IW. 

*) Verbindet man die drci Orto Aviffnon, Monljullit^r, MarafM'llo durcli grade Linien, 
so erhalt man eia dreiHcitigetj StQck Land, das uiiser C'caugtibiet in eich »cliliesit Nach 
Fischer {Studien p. 47) und Hann (I. c p. 420) haben diese drci Orte «ina Jabxttttmpaiatar 
Ton 14,01 14^ I^S*. Wir verdoa also irobl kaum viel fehlgreifen, wean irir ftr naier Cn»' 
gebiet, n welebem liiaher direkta Beobachtun^n nicht angestellt wnrden, einfl AibrM- 
tempcratur von 14,0" iinnelinicn, womit auch dor Verlaiif dor isoflicrmischen LndMl nnd 
2oaen auf Tafel 2 und 3 Fischers StMdim im vresentlichcn Qbereinstimmt. 



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200 



Di« Fteiae de la Cmn oder dk proveDfalisdie SdianL 



empfindlicher Kulturpflanzcn recht augenfiillig zum Ausdruck kommt. Die 
Durcbschnittstemperatur des Juli betriigt in dr r Crau 24" »). Es gehort somit 
UDser Gebiet eiuer Zone an, die von den lihOueniundungen mit stetig za- 
nehmencler firdte bis in die Gegend von Gibraltar sich erstreckt nnd ausser 
dem provengalisch - limousiuiacll0it Litoral das ganzc catalonischc und nord- 
valencianisclie KUstengebiet sowic einen bptriichtlichen Teil der zenti;iliherischen 
Meseta und des andalusiscben Berglandes in sich schli^st. Einen selir inter- 
essanten Terlaiif zcigt auch die unsere Crauebene dorelischneideade Linie, 
welche alle Orte des nordlichen Mcditcrraogcbietes, die eine Janaartemperatur 
von 6"") aufzuweisen Imben, mit einuiulor verbimlLt. Vom Golf von Genua 
ausgehend , verliiuft dieselbe bis in die Gegend von Marseille ira ganzon dor 
Kliste parallel, orst hier kriimmt sie sich nordwarts in die Crauebene hineiii, 
um sich dann, sobald sie dieselbe verlassen hat, in siidwestlicher Bichtung der 
iberischen H.ilbinsel zuztiwcnden . die sic nm Ostcndc dor Pyreniicn errciclit 
und in weit geschwungcncr sudwiirts von Balagner uiul Huesca verlaufend*^r 
Kurve durchzieht, urn erst iu der Gogcnd von Pau wiodor auf franzosischen 
Boden surildczakehren und dann in den Ozean eintretend steil polwSrts zu 
verlaufen. Diese fiir die geographische Verbreitung gewisser Kulturpflanzen 
m bedeutungsvoUe Liaie fiUt in unserem Gebiete mit der Polargrenze des 
Oelbaumes zusammen. 

Was die Luftstcdmungen anbeirifft, so sind in der Oran wie im ganzen 
liinouHinisch-proTen^iscbon Litoral, der in klimatischer Bezi 'i i eine ziem- 
lich scharf vom iibrigpn Frankreich gcsondertc Welt fiir sich biidL-t . die aiis 
dera Innern des Landes kommenden uurdlichcn und aordwestlichen zeitwcis 
durch Tramontana verstarkten Mistralwinde entschieden die Torherrschcndoii 
Luftstromungen, welche alle anderen Winde an Hiiufigkcit und Heftigkeit des 
Auftr-^ ti IIS writ iibertreffen. Diesc gefiirchteten Mistralwinde, die in der Gegend 
von Avignon wie auch im Oraugebiete oft binncn zweiraal vierundzwanzig 
Stunden das junge Laub der Baome so TollstSndig zerpfliicken , dass sie 
winterlich kahl dastehen und die Korner ans den Aebron der Gctreidefelder 
herauspeitschen 3), trcteii in dor Orau wie im ganzen untrrcn Hbuncgebictc zu 
alien Zeiten des Jalirr-; auf, mit di-r iModilikation jedDcli. dass sic im Winter 
und Jb'ruhiwig gewuhulich heiligcr und hiiufiger sind als im Soniuier und Uerbst. 
Die Daner einer Uistralperiodo wecbselt zwischen 3 und 7 Tagen, ansnabms* 
weise erstreckt sich eine solche Sturmprriodo audi wohl iiber einen Zeitraum 
von 9 bis 10 Tagen. Nur wcnige sehr versteckt liegonde Thiiler sind von (b-r 
Einwirkung des Mistrals ganz gcschiitzt, dann aber auch muistenteils ungesund, 
da, wie scbon oben nachgewiesen wurde, der Mistral die Luft Ton luasmeo 
nnd schadliclicn Ausdiinstungen reinigt *). Die hohe Bedeutang, die er als 
klimatiscbtr Faktor duicb (Vu'sf^ Finwirkung auf die Btnvohnbarkeit und 
SalubritUt seines Herrschaitsgebietes gewinnt, wird noch wesentlich erhoht durch 
die Ton ibm bewirkte Steigerung der Evaporation und Insolation ^) , zwet Mo- 
roente, die litsniHlcrs fiir die Pflanzenwelt von Wicbtigkeit sind. Ganz ahnlich 
wie boim Wehen des Fiihns ist audi w-ihrend der Herrschaft des Mistrals der 
Himniel fast immer blau und wolkenlos und der Gegunsatz zwisclien dem hell 
strahlenden Sonnenlicht und der eisig kalten, alles durchdnngendeu Mistralluil 



') Die Julimittel von Avignon, Montpellior, Marseille betragen nach Uann (L c 
p. 420) 23,8, 24,1, 22,l»; die Sommerinittol dor drei genannten Orte nach Fischer (5IimK(» 
p. 47) 21,9, 23,0, 2l.3« Reclaa Q. c, p. 24) giebt 22fi^ als 8oiniii«niiittel dei M«di(aRB»* 
f?ebietcb von Montpellier an. 

-j Niu li Haun (1. c. p. 420) lietragcn ilte Januarmiltt'l von Avinrnoii, Afontpellier, 
Marseille 4,8, 5,6, 6,4«; die Wintermittcl nach Fischer {Stttdien p. 47) 5,9, 6,2, 7,8*} wk 
Beelus (I. c. II, p. 24) betrftgt daa Wintermittcl des Gebiets too MontpeUier &0*. 

*) Fi8ch«r, Sttiditn, p. 84. — Mistral, JfornUe, p. 281. 

*) Ibid. 

Orisebach, 1. e. I, p. 240-248; 588-584. 



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Die FlAine tie la Crau oder die iwoveiifaliMhe Sahara. 



201 



ein ungemein irappierender. Durchschnittlich ist im unteren Rhonegebietei wo 
dor Mistral biafig noob durch die Tramontaoa verstSrkt wird , jeder zweite 
Tag ein ^fistraltag. In Marseille w« ht r an 175 Tagen im Jahre^). Da 
nun jeder Wiml, der zu ^rarseille als ecliter Mistral auftritt, notwondij^erweise 
erst die Crau passiereu muss, bevor er dahin gelangt, so wird diese Zahl auch 
die mittlere HSufigkeit dieses Windes in unserem Spezialgebiete annSharnd 
zum Ausdrucke bringen. Welch immense Bedeutung aber eiu Wind, der so 
haufig und heftig auftritt, nicht nur als rein klimatischer Faktor, sondern aucli 
durch seine direkten und indirekten Eiuwirkungen auf die Ptlanzen- und Tier- 
welt seines Herrschaftsgcbiotcs , ja soibst auf den Menschen und seinen ge- 
ssmten Haiisbalt gewinnt, das wird im weitercn Verlaufe der Untersuchang 
noch zu Tage treten. Ilier sei nur noch bemcrkt, dass der Mistral in erster 
Linie zu driijeitigcn Wiiiden gehort , die, wie Czerny -^' in einer lelirrr ichea 
Lotersucliuug dargeliiaii hat; bustaudig verandernd und umg&staltend aut die 
Physiognomie der OberflScbe unseres Planeten einwirken, insofem er nicht nor 
den Wcllenschlag des Meeres derart steigert, dass er die schon seit dem 
Altertumo nachwcisbare Zertnimmorung der Felskiistcn von Marseille unaus- 
gesetzt unterstUtzt und beschleunigt , sondern selbst den trag kriechendeii Go- 
wSssem des Rhdnestromes im nnteren Teile seines Laafes ibren sttdSstlich ge- 
wendeten Weg gewiesen tin haben schcint'). Von einem allg' mrinereu ver- 
gleichenden StaiKli)unkte aus betrachtet , bilden die unser Gebiet charakteri- 
aierenden Mistralwinde nur ein untergeordnetes Glied in der laogen Kettc 
gleichartiger anemologiBober Pbininaene, die wir Ton dem dnroli die Saulen 
des Herkules gebildeten Westportal des Mittelmeerbeckens IMngs seines ganzen 
nurdliclien Kiistcnsaumes bis zur aussersten Ostgrenze an den Hohen des 
Kaukasus verfolgen konnen und, wenn auch untcr verschiedenen Namen, dorli 
immer wieder unter denselben charakteristischen meteorologischen Kennzciciien 
antreffen : auf der ibertschen Halbinsel als Terral und Cierzo , im sQdfranxo- 
Bischen Kiistengebiete als Cers und Mistral, auf der Balkauhalbinsel, namcnt- 
lich im adriatischen Literal uie auch am 8iidwestfasse des Kaukasus als Bora- 
winde, die selbst auf den Hochebuueu Kilikiensi und Karamauiens noch deut- 
licb sicb fUblbar machen — alles polare ^nenstrSmungen, die in letster 
Instanz ganz ebeuso als Heaktionen der nurdlichcn Bergumwallung des Mittel- 
meeres anzusehen sind, wie die in entgegengesetzter Richtting wclienden, oft 
Staub fuhrenden 8ciroccostiirme als Glieder in der Kette von atmosphariscbeu 
Beaktionen su betracbten sind, die gleicb dem Samom der Sahara, dem Le- 
veche Siidspauiens und dem Chamsin Acgyptens alle ausgchen von jenem m&cb- 
tigen breit entwickelten Wusfcengiirtel, der das Mittelmeerbeckeo im Sttden om- 
schliesst *). 

Hit dem Vorherrschen trockener Laudwinde stehea auch die Nicder- 
scblagsTerfaflltaiese vnseres Gebietes im engsten ursftcblichen Znsammenhange. 

Es ist hiebei, wie schon weiter oben bei Besi)reclmiig der verschiedenen 
Hydrometeore erwilhnt wurde, nicht so sehr die absolute Mengo der jalirlichen 
Niederschlage als vielmehr die Art ihrer Verteilung iiber die verschiedenen 
Zeiten des Jabres, weniger die Zabl der dnselnen Regentage dis der Wert 
doisdben, die Intensitiit und Dauer der jedesmaligen Eegenfalle sowie die von 
ilnH-n geliefcrte Nicderschlagsmenge, was hierbei ausschlaggebend in Betracht 
kummt und dem Klima unseres Spezialgebietes sein afrikanisches Uepriige auf- 
druckt. Wfihrend das nordliche und zeotrale Europa noch der Zone der 



») Fischer, Siudien, p. 34-35. — Hann, 1. c. p. 437—4:18. — Niasen, ttalische 
Landeskunde I, p. 383. 

>) Czprny, die Wirlnngen der Windt auf dtc GcstttUtutg der Mrde; Brgftaniiigaheft 
No. 48 ?.n rctormanas tjeotfr. Mitteilunt/en^ Gotha ISIH. 

') Fischor, StHdimt p. 35. 

♦) Ibid, p, 37. 



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202 



Die Flaine de la Cmu oder die provenfaliscbe Sahara. 



Begen 211 aUen Zeiten angeboreo, liegt dieOratt bereits in einer kUmatiacheo 
B^on, in welcher die atmospliarischen NiederscblEge uicht mehr iibcr das 
gauze Jahr vertoilt sind. Je weiter man nfimlich aus dem Herzen ansems 
Eoatinents nacfa Siiden vordriiigt, je mehr man dabei dea Grestaden des Hittel- 
meeres sich nlihert, desto gcringcr wird im allgemeinoi die Zahl der jilir- 
lichen Regentage, desto ungleichmassiger verteilen rich dieaelben liber die ver- 
schiedenen Zfiten des .Talires. Wiihrend in der zcntralenrnpiiisrhpn Zone kpinp 
Jahreszeit der atmospharischea Niederschliige ganzlich eotbehrt, drangen sich 
dieselben im Hittelmeergebiete immer mehr auf gewisse Zeiten susammen, je 
weiter man in demselben nach Siidcn gelangt, wahrend sie anderr •runzlich 
frei lasspn : die eigentlielu^n Kpi^^cnzeiten werden auf imraer engere Grenzen 
cingeschriinkt, die sie erfiilieiiden Regenpenoden verkiirzen sich iramer mehr 
und selbst die einzelnen Regenfallo vermogcn nicht mehr den Zeitraum cines 
gansen Tages auszurullcn, wie dies be! unsercn nordischen Landrcgcn der Fall 
ist , sondern boscliriinkon sich nnr auf die Dauer von wenigon Stunden und 
sind durch Perioden der Aufhoiterung des Hininiels von oiiKiiider iintrennt >) ; 
dafiir aber tretcn sie desto plotzlicher auf und ptiegen um so inteniiiver und 
ansgiebiger ta sein, je kiineere Zeit sie andanem. Was also die Nieder> 
schlage des Mediterrangebietes in extensivem Sinne einbiissen , das gewinneo 
sie in intensivcr Bezifdnmfj. Dass aber diese Beschrankiini:^ der mediterranen 
Niederschliige in ihrcr riiumhclien und zeitlichen Ausdehnung und die gleich- 
zeitige Yerstarkung Hirer Intenaitfit nicht auch einen Gewinn nnd eine Forde- 
rung, sondern viclmclir eine Beeintriichtiguag der Pfl:ui/,onwclt und damit auch 
dfr Knlturfiihigkeit und Bewohnbarkeit unscres Gebietes involvirt, das soil 
weiter unten, wo von der Vegetation uud Agricultur die Rede sein wird, nocb 
eingehender nacbgewiesen werden. Nach Bee Ins*) zerfallt Frankreicn bin- 
irlitiic]! der Verteilung der Kiederschlilge fiber die Jahreszeiten in droi vcr« 
8chieden(> Zonen , deren Grenzen jo r\nch der verschiedenen Kielituiii; der 
Winde und Temperatur der Luft bin und her scliwanken. Dei- Nordt Ti und 
das Zentrum des Landcs bilden die erste dieser drei Zonen, welche die Zone der 
Sommerregen genannt werden kann ; der an den atlantischen Ozean angrcnzende 
westlicbe Teil sowie das Saone- nnd niittlere l^lion Vi < ken kon^^tituicr^'u die 
zweite Zone, welche durch reichliche Herbstregen charakterisiert wird; das 
untere Rhuncthal cndlich sowic der gauze uiediterrane Litoral /.wischeu Alpen 
nnd Pyrenaen bildet die dritte auch nnser Spesialgebiet mit einsebliessende 
Zone, die wcgen ihrer ausstrordentlicli splirlichen sommerlichen Niederschlage 
die Zone der regenarmen Sommer genannt werden kann nnd boreits deu 
Uebergang bildet zu der nordlicheu subtropischen liegenzone Wiihrend der 
gansen Dauer des Sommers nSmlich hat die Cran darchsdimttlieh nor eecbs 
Begentage anfauweisen, die ihrem Boden das iiusserst minimale Quantum von 
nur 82 mm Regen zufiihren ♦). Dies*r atiffallende ]\rangcl an sommerlichen 
Nicderschiagen wird zwar cinigeimasseu ausgegliclien durch jene ungemeiu er- 
giehigen Herbst- nnd Winter* reap. Friihlingsrcgcn, die den Boden niit wabr* 
baft sintfluilicben Waasermamen liberBchiitten und ihm, wic scbon oben an 
Beispielen gezeigt wurde, hinnen wenigen Stunden vicl grossere Mengen atmo- 
sphariscber Fcuchtigkeit zufiihren, als dies wochenlange Landregen in der 
zentraleuropiiischen Zone vermogen. Bei all dera aber ubersteigt doch die Geaamt- 
menge der Niederschliige, welche der Boden unscres Gebietes wiihrend der 
Baner eineg Jabres empfkagt^ nicht erheblich die relativ unbedentende Sam me 



Willkotnm, ZtUKhr. f. aOgem, Srdkumde III. p. 960. - Fi sober, Sludim 

p. 12. 

•) R«elt]8, 1. c. II, p. M. 

Kis- luT, Stuiliev. p. 10 u. Taf. L — Haan, hep. 410. 
*) Fischer, Htudten, Taf. I. 



Die Plaino de la Crau oder die proveQ9aii8cUe Siihara. 



m 



Ton 600 mm *). Und wenn man einen Blick aaf die Eegenkarte Frankreichs 
wirft, die gleichzeiiig auclt sehr deutlich das orograpbiache Bild des Landea 
wiedergiebt 3), so slvhl man. class ilie Crau nliclist dam zantralan Maroebecken 
zu deu regeuarmBten Gebietcn JbVankrdcLs gehort. 

Y. Hydrograiiliie. 

Das8 die Bewasserungaverhaltnisse eines Landgebietes ira intimsten Kausal- 
nexns mit den cfeologiscben uinl kliniuf isclion Vorhiiltnissen desselben stehen, 
ja dass dieselbcn geradezu al.s ein gcmcinsamcs llesultat des gegeuseitigeu 
ZoBammenwirkens jener letztgetmntiteii beiden Faktoren sich erweisen, das 
lehrt aowohl die afrikanischc wie unserc proven^alisc ho Sabara. ^^ ic. dort die 
Grewasser, dio von den Su(1]i;iri.i:jfn des Atlas zur Wiist*' liiiiabriiiiien , nacb 
knrzem . Lauie entweder im loscu Flugsande sich verlieren, indem sio in don 
Svsserst durcUassigen Boden einsinken und ganzHch Torsickern odcr ibrcn 
Liuif ungeseben fortsetzen, um in unterirdischen Bassins sicb zu sanimeln und 
(laiiii in (Irii Terraindeprc'^'jionr'n dcr Wiisto r-ntwrder nls lebeiidi^i'v Spriiii^- 
qu< 11 oder in kiinstlich geboiirten artesisclieii Brunnen oaseubildi nd wieder ans 
TiigesUcbt zu trelcn, so liegen aucb die unter deni Namcn (jaudres bekannten 
Betten der Torrenten und GKesBbachc, welcbe scbluchtartig die Abhftnge der 
AlpjiM n durcbfurchen . den ^Tiisstt n Tcil des Jahres bindurcb ganz ebenso 
trficken wie die Kainblas der sudiheriselicu Kti?tensierren ; denn das ''plirlicbe 
asser der liergbiicbe, dus sio durcbrinut, verscliwindet schou am Fusse der 
Bei^e in dem lockern von HohMumen vielfach durdtsetzten RollkieBol- und 
Nagelflueterrain der Crau und sickert weiter, bis os auf undurcblilssige Thon- 
schicbten stosst: bier staut es sicb , indem es ganz ebenso wie die Sicker- 
wasser der afrikanischeu Wiiste eiu unterirdiscbes Reservoir bildet, desseu 
Niveau in einer selir gletchmassigen Tiefe von etwa 3 bis 4 m unter dw Obei*> 
fliiche des Bodens liegt'), und iliesst daim der allgeineinen stidwestlicb gc- 
ricbteten Neigung dipser Scbicbton fol^cnd weiter. um erst in der Xiiho dps 
Meeres nordwarts vom Etang de Galejon in zabbreichen dicht bei einander 
liegenden Qaellen^ die onter dem Namen Lawons *) bekannt Bind, wieder zum 
Vorscbein sa kommen. Die Folge dieser Durchliissigkeit des Bodens und des 
Mangels an sommerbilien atrnospbiirischen Niederscbbigen ist die, dass nicht 
eine einzige natUrlicbe Wasserader die Crau durcbUiesst. Dicse ganze Ebcne 
vlirde ohne Zweifel ebenso wie einzelne Distrikte der algeriscben Sabara eino 
einzige wasser- nnd y^etationelose vollig utdjowobnbare Einodc sein, wenn 
nicbt der ^lensch es verstanden biitte . der kulturlosen Wihte hie and da ein 
Stiick Boden abzuringen, durcb kiiustlicbe Bew iisserung den sterilen Steini^rund 
zu befrucbten und durcb Colmatage in anbautabiges Oasenland zu verwandeln, 
das dankbar und reichlich die aufgewandte Miihe lobnt 

"Wie dies in der alf^erisclion Sabara durcb Erscbliessung von Quellen und 
Bo1irnn<^ von artesisclien Brunnen gescbeben i^t (ein hocb verdienstvoUes Werk 
der Kultur, das in neuester Zeit in besonders auerkenueubwcrter Weisc von 
den Franzoaen gefSrdert vorden ist), so gesdiah dies auch im provea^alischen 
CSraugebiet dnrch Aniage von KanSlen und Bohnmg ion Brunnen , die eine 



') Nach Hann (1. c. p. 412) hotra^'pn die j&hrlichen Rr<^enjii('iigen fiir Avignon, 
Montpellier, Marseille 47d, ijUO, 514 mm; nach Dove u. Martins, auf wolche Fiackor 
{Stutiien p 51) sich statzt, 578.8, 914,6. 514,0 mm, ftlr tuner Speiialgebiet deatet FUeher 
{^ien Taf. 1) eine jfthrUche Eegenmenge von 611,0 mm an. 

*) 8«br pUwtiBeh tritt die vertikale G^tiilt d«s Lundtt herror auf dor Regenkarte von 
Fkankreich una Zentralcuropa bei Rei Ian, 1. c. I!, p. 22. 

•) Convert, la Crau. La situation (Kluellc et st/n tivtuir; Journal d' agriculture 
pratique, 50* anni. Paris 1S80. Tome U, No. 41. p. 559. 

*) RecluH, 1. c. IT, p. 236. — Bernard, k canal dt MasrvMi repertoire de la toe. 
de statistique de Maneille 1871. 

15 



204 



Die Plaine de la Crau oder die proTenfaliscbo Sahara. 



aebr Tersdnedene Tiefe baben , je nachdem sie melir oder weniger weit vom 
FoBse der Alpinen entfernt sind >). 

Sclioti zur Zeit der Romerherrschaft vor naliezu zwei .Talirtausenden, da 
das alte Arelate dem Mceresufer nocb ein bftruclitlichos Stiick iiiiher lug als 
das beutige Aries , liess M a r i u s , wie Plutarch uus benchtet, auf seinem 
Zage gegen die Ambronen eiiieii Eanal anlegen, der tod Aries aasging, ebe 
Anzabl von Teichen und Seen mit einander verband , die rosenkranzartig am 
linken Ufer des ostHchen Khonearmes anfgereiht lagen, und bei Fos im Meer 
miiadete, einem kleinen Kiistenorte, desseu Name noch heute an jenen Fossae 
Marianae geDannteii RSmerkanal erinnert*). Aber dieses "Weak dee grossen 
Feldherro, das lediglich den Zwecken der Schiffabrt diente nod gegenwartig 
durch den von Aries uach Bouc fubrenden Kanal ersetzt ist, war fUr die Be- 
wasserung der Crau, dereu tiefstea Teil es durcbschnitt , nicbt verwertbar 
Erst in der zweiten H&lfte des secbzehnten Jahrhunderts kam ein Edehnann 
TOD Sulou auf den gluddichen Gedanken, die Gewiisser der Durance durch 
das Di'file von Lamanon zwiscbon dom Hassiv von Vcrnt^giies nnd den Aljiinen 
nacb der Crau zn leiteu uud diese damit zu bewiissern. Der Name dieses 
Hannes, der so znm WohltiriUer dieses ganzen vorher fast ganzlicb unbebautea 
und unbewobnteii Landstricbes wurde, ist AdanideCraponne. £r be- 
gann im Jahre 1557 das grosse Werk, welches uocli heute scinen Namen trliLrt. 
Wie dumals die Bewohuer von Salon in feierlicher Prozession dem berltri- 
striimeuden Wasser der Durance entgegcnzogen und es freudig begriissten aU 
eine segensreiche Wohlthat*), so brechen uoch heute die arabischen Wfisten* 
siihne in lauten Freutlenjtihel aus, wcnn die franzosischen Ingeuieuri' oinen ar- 
tesischen Brunnen erbohrt habeu uud das be&ucbteude Nass in meierboben 
Strablen aus der Tiefe emporschiesst 

Der Eanal de Craponne oder Fo$8e Craponne*), wie er wohl auch ge- 
nannt wird , zapl't die Durance unterhalb Pertuis an , fuhrt einen Teil ihres 
"Wassers durch das schon mchrfacli gonannto Dofilr von Lamanon in die Crau 
und teilt sicb bier in mebrere Hauptarme, von denen zablreicbe Nebenkauale, 
die Ton den Proven^alen heals genannt werden, naeh verw^edenen Richtangen 
sich abzweigen. Der erste dieser Hauptarme dtesst an Salon. Pelissanne und 
Saint Chamas voriiber und ergiesst sich siidlich von dem letztgcnannten Orte 
in den Ktaug de Berre; zwei audere Uauptkanale, vou denen der eiue Canal 
des Alpines genannt wird, bewassem die dstlichen und sentralen Gebiete der 
Crau und miinden, nachdem sie zuletzt eine Strccke weit dicht nebeu eiiiaoder 
hingelaufen siiid. ustlich von Istres in den Etaug de Berre. Von eiueiu dieser 
beiden, dem Canal des Alpines, zweigt sicb bei Jlderlc ein auderer Seitcnast ab, 
der unter dem Nameu Braucbe des Alpines etwa 11 km weit in vollig gerad- 



') Coijimud, 1. c. p. 554. — Villen<'uvc, 1. c. I, p. 411. 

*) Coquiind, I. c. p. 547—548. — Martins, 1. c. p. 431. — Mi II in. 1. c. IV, 1, 
p. 88. — Reclus, 1. c. II. p. 24ti— 247. 

Wio iu dcii iiieditornmon Provinzcn Spaniens, namcatlich in Valcticia, Murria und 
C!riiii.i<ia. in dun Pyrenuen, in punz Stidfrankreicb, ja Holbst in <Ien wallinor Alj>cu, wo noch 
beute ilu> Ut-^ie Barazenischer Wasserleitungeu z\i tindep sind. so haben ohni' Zwoifel auch 
in uoaereiu Gebiet aunMr deu E&mcm scbon die Maoren, als sic oach der Erob^roDg der 
iberiBchen Halbuitel fiber die PyreaSen in Frankreicb eiuf^ruupen waran and sa Fruioetam 
sich Tiicfb rpfplassen hatfcn, den Veraueh i^eiuauhf , i!fn sfprilen Steintrilmmerbt)den der Crau 
duicii Aulage vou KuuilleD anbaufTkhig y.u laucIitD, vtsu ihnen hier ullardings wenij^r ge- 
lang, als in andercn Landern, um deren Agrikultur sie sicb bleibende Vordienste iTworlteB 
habeu. Vergl. hiersu: Blotnitski, iiOer die Betciuaerungskaniaie in dm WatUtcr Alpen^ 
Bern 1871. — Oavanilles, o&*m>aeiofie« II, p. 184. — Cfariit. I. c. p. 110. ~ Ford, 
Spain f, p. 40H AOr>. — .lanViert do Passa, t'ln/rtfjc en Kspagm. — Ramond de Car- 
bonnieres, Hetse nacJt dtn hi/d^ten fransoittschcn uml s^an, I'yrendcn, Si^trassburg JTSif. — 
Willkomui, Jieiseerinnerungen I, p. 107. 

*) Millin, I. c. IV, 1. p. 65. 

") Martina. 1. c. p. 578. 

«) Darluc, 1. c. I, p. 372-385. — Millin, 1. c. IV, 1, p. 64. — MattittC, L c. 
p. 431. — Reclus, I c. 11, p. 232—236. — Villeneuve. 1. c i, p. 2Sl-88i. 



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Die PUune de la Crau oder die prorenfalischo Sahara. 



205 



Unigar Bichtang von Ost nach West llufty daim ab«r eine mehr sfldweBtiiche 
Bicbtiing einschliigt und, uriter dem Namen Canal de Langeade die ganze Cran 
tfavereierend , Hmn Etang de Meyr:inn<^ sirli zinvoiulft , in dosspn siimpfi^cn 
UiDgebnngen er sich verliert ; ein liinfter Hauptkanal cndlich zieht in ostwest- 
licher Bichtung am Kordrande der Cran entlang und mundet untohalb Arlea 
in den Rhone. WSre dar Plan des Schopfers dieses Kanalsystons vollstiindig 
durchgefiihrt worden, so kiinnte schon jet/.t da*; f^air/c Oraugebiet in frucht- 
bares Kulturland umgewaudelt sein ; denn man hat berechnet, dass der Canal 
de Craponne alljahrlich oin Areal von 163 Hektaren mit einer AUuvialschicht 
von 25 cni Dicke bedecken kann; in einem Zeitrantne von 320 .Tahren wM.Te 
er sonacb im stande gewesen , die ganze ein Areal von .^8 000 Hektaren ura- 
fassende ObcrfliicbG der Crau zu colmatieren >). Leider ist das nun freilich 
oicht gescbehen, weil Adam de Oraponne vor Volleudung seines Werkes 
in Jabre 1575 starb uod dasselbe nacb seinem Tode nor teilweise mr Am- 
fiihrung kam. Trotzdem hat doch die Crau diesem vordienstvollen Wcrke 
schon j*'tzt sp!u* viel 7.n verdanken. Schritt um Schritt rin[(t ilio Kiiltur iind 
der Anbau der oden iSteinwiiste ein Stiick nach dem andern ab uiid dringt, 
Ton den R&ndem derselben ausgebend, an den Bisenbahn- nod EanaUinien 
entlang iminer welter in ihr Iiineres vor. Von Jahr zu Jahr mehi t sic h die 
Zahl der Kulturoasen. die inselartig ihr Tiinens durclisctznn . nml iibciall, wo 
die Gewiisser der Durance ihre befruchtenden Alluvioncn uud Sinkstotic ab- 
lagern, beginnt der Boden allm&hlich mit frisch sprossendem GrQn sich ztt 
bekleiden und bedeckt sich nach und nach mit einer tragfiihigen Humusst hi< lit. 
Das siidr)stlicli von Aries an der Stras'so nacli Salon fielc;;'™^ Doif Itaphele 
ist umschlossc-n von Wiesen , die so trisch und griin sind wie norinannische 
oder ostfriesische Marschen ; Saint Martin de Crau , das einst von PHanzen- 
wuchs nichts weiter aufzuweisen hutte, als ein Paar elende halb verkriippelte 
Mandelbiiume, die zwisehen Kicsclschotter ( in kummorliclics Dasein friistetcn, 
ist jetzt rings von Weinpflanzungen, ObstLjiirtcn und Getreidofeldern nmgeben 
und aucii aut" der SUdosUeitc der Crau beginueu bereits reiche KauHierren 
TOD Marseille ihre Vilten zu bauen, Faktoreien und Etablisseroents aller Art 
anzulegen ; ja wiirde vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft die ganze Crau 
Id anbatifahiges Kulturland nmpewandelt sein . wonn nicht , wa«; weiter unten 
noch zu erortern sein wird , die Zucht jener zahlreichen wandernden Scliaf- 
herden, die den Sommer in den Gebirgsthalera der Westalpen, den Winter 
aber in den Niederungen der Crau unter freiem Hiinmel verbringen, noch ein- 
triiglicher sich erwiese als dor Anbau der Cerealien nnd anderer Kultnr- 
plianzeu und so dem weiteren Vordringen der Agnkultur einstweilen ein Ziel 
setzte*). 

Interessant und lebrreicb \st < s, ^\ ie hier die Wasser der Durance, eines 
durch seine Verwiistungen seit .lalii hiinderten sclion bci iichtiiztt n Gebirt^s- 
stromes, verwertet und aut* dem Wcge der Colmatage liir die A^rikultur nutz- 
bar gemadit werden 3). Da die Durance eine zahltose Menge von grosseren 
nnd kleineren Torrenten und Giessbfichen aufnirnmt. dir alle in den Westalpen 
entsprin^on und nach Hochirewittcrn nm\ n ichlichen Krtrin^Missen stark an- 
scbwellen, so fuhren ihre Gewiisser neben dem groben Koilmateriale, das sie 
schon im Ober- und Mtttellaufe absctzen, eine Menge der verschiedensteu 
mineralischen Stoffe in Gestalt eines IVin zerteilten Schlammes mit sich, dor 
durcli den Canal d rivipiuuH' und de Boisgelin audi in das Craugobiet ge- 
langt und liier nicht nnr als ein nieelianisches Vcrhe^^serungsraittel des Bodens, 
sondeni ganz ebenso wie Mergel, Kalk oder atidere Miueralieu als chemisches 
Dflngungsmittel verwendet wird. Um nun zu ?ermeiden, dass dieser feine 
Scblamm, der sich bei Bew&sserung der Felder auf dem Boden absetat, um 

') RecluB, 1. c. U, p. 236. 

>) Martina, 1. c. p. 432-433. 

»} Villeneuve, 1. c. IV, p. 314—818. 



Die Plaine de la Crao oder dio provenfalische Sahara. 



die Stengd der Pilanzen eine Kruste bildet, die zn einer tuffiirtig«ii IbMse 
▼erh&rtet and sowohl dem Stroh des Getreidcs schadet wie auch das On» der 

"Wiesen verschlanimt uiul fiir das Vich ungeniessbar macht, vcniihrt man bei 
BewasseruQg der Aecker und Wiesen iu folgender Weise. Man zieht in un- 
mittelbarer Nfthe des grosseik Hauptkanales kleine Graben von 15 bis 20 m 
Lange, 2 m Breite und Terscbiedcner Tiefe je nach der verachiedenen Be- 
schaffcnlicit dos Bodons. anf welcliom die tragnil)ijj;e Ackorkrume rulit. In 
einen solchen Graben, den man hier rmi/ nennt, wird das Wasscr des Kanales 
durch eine Rinne an seinem obereu Eude eingcfuhrt, wahrend eine andere 
solche Rinne an seiuem untcrnn Eode dassdbe wieder abfuhrt. Im ersten 
dieser Griiboii laf^(M'ii sidi nun dieschweren saii(li«,'on Bestandteilc di-s Sclilammes, 
den man )))if( oder tiifr nennt . ab , wahrend die leichteren Sitikstotio in die 
folgendeu Griiben gelangen und dort je nach dem verschiedenen Grade ihrer 
Schwere sncoessiTe sich niederschlagen. Siod die Gr&ben mit diesen Sink- 
stoffen geniigend gefiillt, so iiffnet man die unteren Abzagsrinnen , l;isst den 
zuriickbleibenden Schlamm noch eini«^(» Ta^e ausdiinsten nnd hebt ihn dann 
mit eiseruen Bcliaufeln aus, woraut wieder neues Waaser in die Graben ge- 
lassen wird^ Nacb altem Branche vird der Hanptkansl, der das Wasser aus 
der Durance aafnimmt, am Pnlmsonntage geofTnet 1 m Tai^o aller Heiligen 
wieder geschlossen. Die Landleute, welchc ihre Aecker colmatieren , acbten 
dabei besonders auf die Farbe des Wassers. An derselben erkennen sie so- 
gleich, ob im Hocbgebirge ein Gewitterregen niedergegaugen ist, welcbe Thsl- 
gebiete er betrofifen hat und welcbe Gebirgsbache durch denselben angescbvellt 
worden sind : auch vcrmfij^on sio imch der Fiirbung der Gewiisser sehr gcnau 
die Tauglichkeit des i:>chlammes I'iir die Colmatage zu beurteiien. 1st das 
Warner dm Eanales rot, so ist es zur Colmatage unbrauchbar, weil es dann 
viol Eisenoxyd fiihrt, und wird daher sorgfaltig Yon den Feldern ferngebalten. 
Auch das grau geHirlite AVasser wird nieht vcrwendet, weil es die Aecker und 
Wiesen vcrsaudet; am bt sten ei{?net sich das Wassor, das vcrscliiedene heterogene 
Stoffe mit sicb fnlut ; es ist fiir jede Bodenart verwendbar ; doch vermeidet 
man es, dio Wiesen kurz vor dem Schnitte zn wSssem. Der aus den Nays 
gcwonncne Selilannii wird in Karren verfiihrt und besonders zur Vcrbesserung * 
der sterilen Sand- und Steinluiden VLrwendet, Hier bildet er die erste diinne 
Humusischicht , aut welcher in der liegel zuerst kiinstliche Wiesen angclegt 
werden, die im Durchscbnitt einen Ertrag von 10000 bis 11000 1^ trockenen 
Heues pro Hektar geben. Spiiter, wenn die Humusscbic lit nach und nach 
immer dicker geworden ist, bant man auch Zercahen und andere ticfer wur- 
zelnde PHanzcu, urn schliesslich Gemiise, Gartengewiichse und Obstbilume aller 
Art folgen zu lassen, so dass auf diese Weise der Ehrtrag des Bodens von 
300 Francs pro ha nach und nach auf 3000 bis 4000 Francs sich steigert. Li 
ganz besonders presdiickter untl iiutzbringender Weise wird das Wasser zur 
Erhuhung der Tragfiiiiigkeit dea Bodens verwertet von Herrn JuUieu, Be- 
sitzer der etwa 8 ton von Fos gelegenen Mas de la Feui^anney welcbe in jeder 
Besiebung als eine Musterwirtscbidt bezeichnet werden kann und in dieser 
Ei?enscbaft auch weiter unten nocli mehrfach /.a erwiihnen sein wird. Die 
Kas de la Feuillaune hat 100 1 Wasser pro Sekunde zu be4inspruchen. Da 
jedocb diese 100 1 Kanalwasser Herrn d u 11 i e n nicht geniigten , so setzte er 
auch jene unterirdiscben Wasserreservoirs in Kontribution , welcbe. wie schon 
obcn crwahut wurde, tinter der Oberflaclie der Orau sicli befinden und in der 
Gegeud von Fos schou in einer Tiefe von S bis 4 in erreicht werden, indem 
er mittelst Zcntrifugalpumpen das Wasser jener uuterirdischen Reservoirs 
emporhebt und die 100 1 Kanalwasser, welcbe ibm zur YerfUgung stehen, noch 
um 200 1 Punipenwasser vermebrt> welcbes allerdings dem ersteren an Glite 
bei weitem nicht gleichkommt^ (ScUius folgt) 



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» 



ElektrizitMtsMusserungen in der Sahara. 

VoQ Gerhard BobU*. 

Es soUen bier die Beobachtungcn der Keisenden fiber Elektrizitatserschei- 

nnn^'cn wictlergen;ebcn werflcn . welclie in der Sahara pomacht wurdcn siiul ; 
zucleicli aber sei auch die Bemcrkung erlaiibt . dass kein K"ispnder mit In- 
strumeuteii versehen war, uiu die Acusscruugeu uiessen zu kuimeu. Dies ist 
mn 80 bedauerlicber, ale Schreiber dieees glaubt, daee die Erecbeinungen sich 
ebenso aussern in der Wiiste Gobi, in Arabicn , Australien, im Kalston und 
Colorado Desert. Jedenfalls muss man sich die Elektrizitiit urspriiuglich an 
der JBrdoberilacbe gebuoden deuken und walirscheiulich wird sie durcb Eeibang 
der Steinef Steincben und des Sandes bervorgebracbt 

Es gebuhrt dem englischen Kapitiin Lyon das Verdienst. zuerst auf die 
Hlracheinung der Elektrizitiit in drr Saliara aufraerksam gemaoht zu haben. 
S. 83 seiner Keise nach Mursuk sagt Lyon: „Die86 Wiiste biess Sbir ben 
Afeea. Die Ebene iim nns stellte einen so ToUkoramenen Horizont dar» dass 
nan vie anf See eine astronomische Bcobachtung battc machen konnen. Wcgen 
der ungeheuer trorkcnpii Tiiift entfielen unseron Heni lrn und Barakaiis (tri- 
politauiscbes Oberkloid) elektiische Funken, und sie knistcrten hiut, wenn sie ge- 
lieben warden. Ebenso cntspriihteu Funken den Schwiinzen unserer Pfeide, 
Venn aie dam it Fliei^en veijagtm." 

Heinrich Barth, dicscr sonst so f^c\Yissenhafte l?eisende . hat es unter- 
lassen, sein Augenmerk auf die elektrisclieri Krscheinungeu zu rirhteu, und 
ebenso vcrmogen wir nicht in den weiiigen Aufzeicbnuogen, die uus vou scineu 
Begleitem Vogel, Orerveg iind Bicbardson vorliegen, etvas darttber zu fin- 
den. Audi Kc'iit'-Caillie hat keine Auf/L-iclmungen dariiber gomaclit, obsclion 
gerade er mit 8turmen der ciitsetzlichsten Art in grosser Hit/.e zu katni>fen 
batte. Deoham, Clapperton und Ouduey fiihrten nur das uotdiirftigste mete- 
orologiscbe Tagebucb, fiber elektriache Erscbeinungen finden vir nicbts. 

Erst Henri Duvcyrier giebt in eeinem Werke Les Touarcg du Nord 
p. 128 folgende Notizen, die geviasermaaseen die dee KapiULn Lyon er- 
giinzen : 

„Ich var mit keinem Instrument Yerseben, um die Elektriritftt der Luft 

zu messen , folglich ba-^icren alle meine Beobachtungen auf durcb. Auge und 
Ohr walinielinibaren Ersclieinunf^en. .Tedoch babe ic!i niemals vernarhliissif^t, 
selbst die kleinsten Pbanomene, wclche icb dem clektrischen Fluidum zu- 
sebreiben konnte, aufzuzeicbnen. Es sollen bier die in meinem Reisejoumale 
befindlicheii Xotcn folgen: 

Elektiische Fuiik.n. (Am IH. .Tanuar 1861, heftiger Wind aus WSW. 
Bodentemperatur — 1*^ , Lutttemperatur 12" 2 um 9 Uhr.) — (regeu Mittag 
und Nachts Entladungen elektrischer Funken in den WoUkleidungon , wenn 
man sie aebfittelt (Am 30. JU&rz 1861 kein Wind>), Temperatur IS^T 



0 BSchtk wahrschoiDlich war tagi snvor Sturm gevesea, oder d«nelbe bsfiuid iidi 
anf o^wft* andBKMi StoUe dar Sahaia* 



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208 KlektrizitutsiluaseruugeQ io <ldr Sahara. 

morgens.) Abends entsprangen dem Schwanze meines Pferdes beim Schlagen 

nacli Fliegon cloktrisclio Funken. (13. April, sclirecklicher Wind .lus W. 1/8 S.) 
Den tjanzeii Tui^ und die ganze Nacht der flimmel bedeckt, auigewirbelter 
Saud. Abends Elektrizitiit in deu Seideo- und BauoiwoUstoifen.** 

Wir konnen fttglich die Notizen fiber Blitz und Bonner ttbergeben, die 
Buveyricr anfiihrt, woUen aber nicbt untwlaSBen mitzuteilen, was er beim 
Sturm oder Gewitter iiber Elektrizitiit sagt: 

„Wenn man uuter „Orage" (Sturm, Unwetter oder Gewitter; die fran- 
zosische Sprache bat keinen bestimmten Ausdrack for Gewitter) eine grosse 
atmosphariscbc Storung versteht, welche hauptsiichlich durch Elektrizitat be- 
dinj^t ist und die sich manifestit rt mit heftigem Regenfall , grosscm WitnK 
Blitzen^ Donner, Hagel etc., so muss ich gestehen^ dass ich in den 230 Tagen, 
die lob der Exploration auf den Hochcbenen der Tuareg widmete, nichts der- 
f^leichen gesehen babe, und nacb meinen Unterredungen mit den Eiugeborenen 
muss ich plaubcn , dass dipso atino>i)li;iris('lieii Stfirun^cn . sn liaufig jenseits 
des Tropenkreises und zienilich hiiutig in deu nordlicheu Teilen der Sabara, 
welche noch dem Mittelmecr-Klinia angehiirt, ziemlicb selten in den erhobenen 
Teilen der Zentral - Sahara aind. Trockene Unwetter (orages), ausscbliessUch 
der Thatifj;keit der "Wimlc zuziischrciljen und ahne Beteiligung der Elektrisitfity 
Bcheinen inir das ( 'haraktoristischo des Klimas dieses Latnles zu seiu." 

Sodann fugt Duvejrier in seiner geologischen Abhauuiuug, wiihreud er 
TOO der Zersetzang der Gesteinsmassen dardi Hitze und KSIte epricht, p. 39 
noch binzu: 

„Dip Elektrizitat, liinl-inf^liclt stark, so dass das pjerinf^sto Reiben Funken 
aus den Kleidungsstiicken hervorlockt,. bat auch ihren kiemen storeaden Ein- 
fluas, eine nnbekannte, nicbt wahrzunebmende Kraft, die man aber nicbt Ter- 
neinen kann.'* 

Was mich selbst anbctrifft. so liabe icli dariiber folgende Aufzeichnimg', 
die leider erst mit meiner dritteu iicisc n'luer durch Afrika'^ beginnt: 

„Ztim erstenmale beobacbtete idi bier (icb lagerte in einem Nebenarm 
des Hadi-um-el-cbeil, in der Wiiste siidlicb von Tripolis) die auch von Du- 
veyrier und Lyon wahrgenonimcne, den Arabern iibrigens wolilbekannte Er- 
scheinutij; . dass nacb einem heftigen Gebli (Samum) alle Gegenstiinde mit 
Elektrizitiit geladen sind. Aus den woUenen Decken sprangcn Punken, wenn 
ich sie scbilttcltc und auch den Haaren meines w^ssen Huiidcs entlocktc icb 
durcli Strcicheln knisterndc Ftinkon. Zu^lcich verspiirten wir den Einfluss 
des Gebli*) auf unsere Verdamui;^ : er wiikt namlich abfiihrend, wiUireud bei 
umschlagendem Winde, nameutlicli bei Nordwind, diesc Disposition des Mageus 
von sellMt wieder aufbort Die Ursache der KlektriziULtsentwickelung dfirfte 
in der starken Reibung, in wdcbe die Sandk5rner nnter sicb Torsetzt werden, 
zu suchen soin." 

Leider Imtte die libysche Expedition ^) , die docii in jeder anderen Be- 
ziebung so mustergiiltig ausgeriistet war, ebenfalls yersanmt, Instnimente zor 
Beobachtung der Elektrizitat mitzttuefamen. Es ist das uni so mehr zu be- 
dauern, als icb audi sp.'lter auf meiner Kufraexpcdition . wie auf der Expedi- 
tion nach Abessinieu in denselben Felder vertiel: kein instrument zum Messea 
der Elektrizitat wnrde roitgenommen. Gerade deswegen bedaueriidb, weil eben 
die Sahara als ein grosser Elektrizitatserzeuger betracbtet werden kann, aus 
topograpbischen und geologischen GrUuden. 

') D. h. ich mOchte dns jetzt nicht so unbediiijrt hinsiellen, sondem glaube violmehr, 
dan das viele Tnnk«& dc» Wassers beim anttrocknenden Gebli die Uraache dee Abfllbrau 
war, da dai Wasier -wahreelieiiilich vtark abfObrend tnur. Wenn man zu Fom nanehiert, 

hat man durchschnittliMi. um ^'I'^uml zu blftibcn. Ins gegen 10 Litor xu trinkcn nPtig. 

•) D. h. bei der lib>«cheu Kypedition hatlt- weaigsti.'na Prof. Zittel Oronpapier aach 
der zehnteiligen Skala von SchSnbein mitgenomnion und «ehr gowiBBetiliai'to M*'H3UDgen 
flber den Ozon^ehalt der Lull angost<»llt. Auf der Kufraexpcdition brachto icb selbai Omq* 
papier nach dur 16gradigeQ Skala tfigUch and n&chtlich zur Anwonduog. 



.i^ L,d by GoogI<' 



SlcMriiitiUiaiBnenDigen ia der Salunt. 



209 



Auf meiner Reise nach Kufra hatte ich iJbrip^cns Golegenheit noch ein- 
mal Beobacbtungen zu machen, die, weil sie ein grosses luteresse beanspruchen 
kSimen, bier wi^ergegeben warden soIleQ: 

Es war am 14. Fcbruar 1879 , als wir uns in Sokoa befanden und 
Dr. Steckcr init s^'inem Diener Hubiner eine Exkursion nach dem Djebel 
FerdjaD, der westsudwestlich ungeiahr 15 km von iSokna eotfernt liegt, unter- 
ttOBunen hatte. Ich Dotierte in meinem meteorologisGheii Tagebuche „8tsab- 
bedeckt und widentandsloser Samiim'*. Am Abend und gegen llittemacht 
war der Sturm am stiirksten, cr blics aus Sild-West and Juim spftter anB 
Westen. Ich notiere nun wortlich mein Tagebuch: 

„Nar mit Miihe gelang es den beiden, wMhrend des Orkans das Zelt 
aufreddt ztt erhalten und wohl iiur dadurch, dass sie Belbst die Zeltstange 
hielten. Bci der fast absolut troekt'iicii Ijiift werdcn Tinn, wio es scheint, alle 
Gftronstiiiule mit Elektrizitat iiberladeu. ist die atmospbiinsche Luft schon 
au und fiir sich ein schlecliter Leiter, so wird, wenn z. B. das Haarhygro- 
meier eine relative Feuchtigkeit von nur lO^ oder Ib^ zeigt, oder gar auf 
4 — 5<> herabsinkt. die Leitangsfiihigkeit bei ciner solchi'n Trockenhoit fust ganz 
auf^ehoben. Es muss sich nun in alien Kr.ri)eru eine grosse Meiif;e von 
Eiektrizitiit ansammeln, bervorgebracht durch die Keibuog, welche der 8and 
mad die kleinen Stdneben erfahren , wenn sie mit gprosserer Oeochwindigkeit 
fiber den felsigen Boden vom Orkan dahinp;i schleift werden. Tritt nun noch 
jenc grosse Hit/.e, welche ziiweilen bis zu 50" (J. oder 60' C. anwachsen kann, 
hinzu, zumal wenn unter dem Gesteiue vielleicht auch Magneteisenstein ist, so 
giebt aUe» dies susammen gezogen genflgend GrQnde sur BrklUning jener auf- 
ftUigen Thatsachen. 

Diese aber warfn derart, dass die fast ein Dezimeter langen Haare 
Dr. Steckers wie Borstea zu Barge stauden, dass seiu Diener Hubmer ihm 
mebrere Centimeter laoge Punken dorch Berdhrung ana dem KSrper lockte, 
ja, dass Dr. Stccker an der dem Sandsturme ausgesetzten Wand des Zeltes 
durch Dariiberfileitt n mit dem Fin^^er feurige Schriftziige hervorbrachte. Ob 
sein Begleiter Hubmer gleichfalls so elektrisch geladcn war, vermag ich nicht 
mehr zu sagen; soweit sie Stecker betreften, vei^ienen die Thatsachen voiles 
Vertrauen. Wahrend des Stunnes befand ich mich nebst Franz Eckardt, 
meinem Diener, in un.serer Wohnuii^-^ ii Sokna; iler feine Staub durchdran,;:? 
alles, obschon wir direkt wenig vom ^Sturiii l)eiuerkten . da unserc W'ohmin^ 
fest eiogekeiit zwiscben anderen Hiiusern lag. Aber weder mein Diener noch 
idi konnten nachts auch nur eine Minnte schlafen ; ebenso ging ee den meisten 
eingeborenen Dienern, und itb stibe keineswegs an, diese Schlaflosigkeit mit 
der Elektrizitat in Verbinduiif: zu briiigen, wie ich denn unter den Tropen, audi in 
nicht wiistenhafter Gegeud, hiiuiig genug die Beobachtuug machte, dass Schlaf- 
losigkeit fast immer in Begleitung von heftigm Tornados oder Gewittern anftrat** 

Nun konnte man sagen, dass diese Schlaflosigkeit durch das Heuleii des 
Sturmcs oder andere Ursachen hervnr«»erufen sei: wir h or ten den iSturm 
gar nicht, sondern merkteu ihu nur ati dem Eiudriugen des Staubes. Dann, 
ab icb eines Nacbts in Freetown (Sierra Leona) in sicherem Hafen Tor Anker 
big und keineswegs der Dampfer irgendwie vom Sturmo beliistigt oder gar 
gcscbaukelt wurdc , schlief bei einem hcfti'^'en Tornado weder einer Ton den 
vielen europiiischen Passagieren noch vou den Eingeborenen. 

Ich kann bier meine Beobacbtungen schliessoi, denn eine ganz abnorme 
elektriache Erscheinnng, unterstutzt von eiiK in Sttebeben — am 10. November 
1881 , am selben Tage, als das Erdbt lien in A^'rnm <>tattfaiul , das sich bis 
Massaua liiblbar machte — gehort wohl nicht bierhcr , obsdion das Rote 
Meer , wo das Seebeben war, eigeutlich nur als eine Einkeilung zwiscben zwei 
Wiisten, der arabischen und libyschen gelten kann. 

Nachtigal iiussert sicli nur kurz Uber die elcktriscben Encbeinungen in 
der Wiiste. £r sagt p. Baud 1 seines Werkes: 



UiQiiizea by Google 



I 



210 



Elektrizit&tsaussernngen in der Sahara. 



„Der Regen war in den seltenen Fallen seines Vorkommens von elek- 
trischen E r sch e i n u n g en begleitet Die 1 -radige Elektrizitat der 
Tj'ift, wdche bei dci- vnr!\ei rsclienden grossen Trocl ri ii it kcine LeitUDg zur 
Erdc fand, wurde nicht iiistrumentell bcobachtet, kam aber stets im cewohn- 
licben Leben zum Ausdrucke. Bei trockoncn Winden der siidlicheu iiimmels- 
hUlfte besonders konnte man aus den wollenen Decken beim Avsklopfen elek- 
trische Funkeii locken uikI o\h-u auf der Terrassc dos Hauses den grosaen 
Hund Friiulein Tiiiiu's tut ht streicliphi. ohno knisternde Funken hcrvorziirufen. 

Dass der Ozongeluilt der Luft von der elektrischen JSrscheinuiig beein- 
floBst worden ist, iat cine bekannte Thataache. Wenn etektriache Funken durch 
Sanerstoff odcr Luft scblagen , bildet sich bekanntlicb Ozon. Wir haben nun 
in ei'ner Abhandlung moines Freundes Zittel iibrr die Boobaclitnngon iiber Ozon 
iD der Luft der libyscben Wiiste eine sebr griiiidliche Arbeit. Wir beben 
daraua hervor, dasa in erster Linie der Ozonreicfatttm in der Wttstenluft ev' 
heblicb groaaer iat, als in den von bewolinten mit Vegetation nnd Wasser ver- 
sehenen Gebieten. Die dunkolste FUrbnnpr der Reagenzpapiere fand stot^^ »tatt 
bei vollkommen kiarem Himmel, bei Htiirkem Tbau oder Keif und bei nord- 
vestUclier und westlicher Richtimg. War der Hiinntel bewolkt, so zeigte sich 
regelmfiai^ eine geriti^'oro Ozonreaktion , aber gleiclizeitig feblte auch der 
Tbau; die schw-icbste Farbung' strllte sicli cin w.'ihreiid oiler utitnittoll)ar nach 
einem aus Siid oder Siidost kommenden 8amuni. Am Tage beobacbtete Zittel 
eine schwacherc Ozonreaktion als wahrend der Nacbt, w&hrend es in £uropa 
umgekebrt sein soli. Dies fande seine Erkl&rang in der geringeren Anweaen^ 
heit von Luftfeuchtigkeit wahrend des Tagos. 

ScMirsslicb sagt der erfolgrcichc Kcisc'iide Prnfr>s?!or Waltlier ^) : ..Wegcu 
der Menge der Elektrizitat ist es auch erkliirlich , dass der Ozougehalt der 
"Wtistenluft ein ziemlieh bedeutender ist. Dass dieser Ozong^ialt eine Folge 
der Elektricitiit ist. Vie^t nahn nnzunehinon, und dass dieses Ozon, welcbes sich 
in der Wiiste so leicht und so liiiutif; hildct, eiucn grossen Anteil hat an jje- 
wisson Zersetzungs- oder NeubiidungHprozesseu in der Wiiste, das ist nicht 
unwabracbeinlicb. Die chemiacbe Yerwittemng wird gewiaa aehr anterstiitzt 
dun;h den Ozongcbalt der Wliatraluft. Es geniige bier darauf hinzuweisen, 
welche geheimnisvollen Kriifte in der Wiiste in Tijiitigkeit koniraen und dass 
unter diesen die Elektrizitat und der Ozongehalt der Wiistenluft eine Rolle 
apielt bei den Denudationsvorgangen in der Wiiste." 

Aim den vorstehenden diirftigen Angaben iiber ElektrizitS^tserscheinnngen 
und iiber dio Beobachtungcn des Ozongebnltes dor Luft schoint mir nnn klar 
hervorzugebcn, wie wichtig solche Erscheiuuugen sind, und diese Angaben sollten 
nor kUnftigen Beisenden dienen, damit aie afeh mit Indmmenten Tersebeo, urn 
exakte fieobacbtuugeu anatellen zu konnen, aowohl vnbae den Tropen, ala in 
nneerer attdweatafrikaniachen Kolonae. 



0 Die DenndaUon in der WOste etc, van Johannes Walther, Leipzig 1891. 




Kefflers ZeitschriFt Bd. W 



Taf^l 5. 





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BeitrUge zur Morphoiogie der Flachkiisten. 

Vo& Karl Weale. 
Kapitel I. 

Allg^meine Beschreilmng der Brscheimiiiip. 
' A. Begriff der Kilste. 

§ 1. Hauptformcn nach dcm Vertikalprofil. 

Die Kusto ist die Grenze zwischen Lund uiid Mecr. Sie tritt irns in 
den beiden HanptformeD der Steil- und FlachkUete entgegciu Diese land- 
laufige UnterBcheiduii^ grUndct sich auf die Gestalt des VertikalprofilSy wdchea 

wir erhalten , wenn wir scnkrccht zum KUstcnverlauf Sclmittc vom Meeres- 
bodcD nach dem Laudinuero fubreu. Von der Grosse des Ncigungswinkcls, 
welchen die Oberflftdie des letzteren mit der Horusontale btldet, liiingt es ab, 
. welcher von den beiden Kategorieu die Kustc /.ugerechnct wird. 

GcgenUber der prossartijron Miinniprfalti^koit im llelief der Kiisteu kann 
uud will diese Klossitikatiou nicbt erscbupfend sein; sie giebt aus der gan/A ii 
Pbysiognomte imr einen Zug, and zwAr einen bedentsamen , in die Augeu 
fallenden; welcher aber nicbt immer der cbarakteriatische ist. Wie unzuliing^ 
Uc!i ist. ^eht unter anderein daiaus henor, dass sie niclit einmal einen 
bestimniten Grenzwert fiir die Neigungswiukel der beiden Klassen anziigobon 
im stande ist, woher es denn kommt, dass niaiichc Kiistcnstrccken bald der 
eioen, bald der anderen Kategorie zugeziihlt werden. 

Xotli drristischer zeigt sicli dieso Oberflilcblichkeit (und /.war in des 
Wortes eigentliclistcr Bedeutuiii,') dariii . da«?3 sie das Gestade zw ar von der 
See aus betrachtet, es aber seltsamerweise volhg uutcrlasst, die direkte unter- 
ueerische Fortsetsung desselben, den Meeresboden^ auf ibre Konfigoration 
hin zu beach ten und zu klassifizieren. Nach Analogic der obigen Ausdriicke 
ergeben sich die Bczeichnungen Tiefhodon mid Flachboden. Gownnnen ist 
hierdurch die Aloglicbkeit von vier Kombinationeu , vvelcbc in der !Natur alle 
▼orkonunen, wenn auch diejenige von FlachkGste mit Tiefboden nur sparlich 
vertreten kt. 

Dennoch bofriedigt auch diese Eititeilnnj» noch nicbt und wird anch 
niemals dazu im stande sein, weil sie das Weseu der KUsten zwar streift^ 
aber nicbt erfasst. Die Eiisten sind vor aliem horizontale Gebilde, als solcbe 

wollen sie auch vcratanden sein. Tritt demnach die vertikale Koniiiouonto 
als Eiiiteilungsprinzip zwar in den Hintcri^rund , so diirftc die vorlauti^'e Iki- 
behaltung der auf ihr beruhenden Bezcichnungen : Steilkiistei Straudkiisto, 
Flachkfiste, von ihrer historischen Berecbtigung abgeselicn, f&r nns dennocb 
nicbt nur deshalb angebracht erscbeinen , weil, wie v. Hichtbofen treffend 
schreibt^), ,,das Vertikalijiofil dor An=;(lruck einer bedeutsinnen Oharakter- 
eigonschaft der Kiisten ist**, sondcrn auch, weil die Forschung an Ort und 
Stelle sowohl, wie auch dabeim von der Betracbtung dieses Prolils ausgehen 
vird nnd ansgeben muss. 



') T. BichUiofea, f fLhrcr etc. 297. 

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212 



Beitr&ge sur Morpbologie der FlaclikQ«teii. 



2. Die Kuste eine PlSche. 

Die Kuste i^t einu Flllcho , keiiie Linie ; dus lehrt die BcobachtUDg. 
Sie kann keine Linie sein; das seigt dne einfache Ueberlegung. 

Voraussetzung fiir die MJiglichkeit der Liiiiengestalt wiire die voUige 
Unl<cwofj;Iiclikeit des Meeres. Sobald dieses audi nur an seiner Oberflache 
in Bewegung iibergeht, muss die Kiistc aufliorcn eino Liuie zu sein. Es ist 
dies eine notwendige Folge der gansen Art und Wdse, in weleber die Be- 
wegnngsench^ungen des Meeres auf die Umrattdtiiig des Festlandes ein- 
wirken. 

§ 3. Die fiewegungserBclieinungen des Ueeres als Faktoren 

der Attsgestaltung. 

Nun ist in der That das Meer niemals vollkomnien ruhig. Der aufsteigende 
Luftstroin, liprvorfrertifen durcli die Umsetzung der Sonnenstrahlen in Warme, 
er/eugt die Winde, und dicse haben im Geiblge Wellenbewegungen , Avelche 
sich in den oberen Teileu des Mccres fortsetzen, und Stromungen, welche oft 
sni bedentender Tiefe hinabrdehen ; ausserdem wird es bis auf den Grund t^- 
s^chfittcrt duicli Eidbebcn und das atts der kosmischen Anzieliung resultierende 
PhUnomcn tier (Tezoiten. 

Zum Teil werden diese Bewegungen durcb innere Keibung oder durcb 
entgegenwirkende Krfifte neutralisiert, zitm Teil aber setsen sie sich an den 
Kusten in Arbeit uni. Diese bestebt in Zersttiruiig, Transport und Ablagerang. 
So geringfiigip die Arboitsleisttingen dicsor Pbanomene lokal audi soin mofffn, 
SO sicLert ihnen der Umstand , dass sie au einer so gewaltig langen 8trecke, 
wie sie die Samme der Umfassangslinien aller Landmassen der Brdoberflache 
darbietet, gleichzeitig zur Gcltung koinmtn . jedcrzeit eincn holien Wert, der 
zum Unmcssbarcn »icb steigert im Hi!il)lick auf die Tbat>aclie, dass im L;uife 
ungeziililter Jahrtausende fast jede Stelle uuserer Kontineute wiederholt die 
Arbeitsst&tte des Ozeans gcwesen iai 

§ 4. Wirkungsweise und Effekt der Agentien des Meeres. 

Dtr Vorscliiedoiilicit dloser Bewegungscr^dieinungen nach UrsprnnjE^, 
Periodizitiit uml Zeitdauer entspridit Art und (.Tirissc ihros EtlVktcs auf die 
Ausgestaltuug der KUstenzone. Unausgesctzt tiuitig ist nur die Wellenbc- 
wegnng. Die Branduog Terseicbn^ demnach anch den grossten Arboitsbetrag. 
Derselbe setzt sich aus alien drei Arten von Arbeit zusamnicn. Wesentlich 
nur umlnE^priid wirken die Stromiinijon iind zw.ir die mfist '/nf:il!if:<'n Wind- 
triften der Kiiste in bohercm Grade als die grossen ozeanisclien. Ebenso be- 
stebt die Arbeit des Gezoitenstromes vorwiegend in Umlagerung ; nnr an 
giinstigen Stelleii m rmag er zu zcrstoren. Der Effekt kann lokal zu bedeuten- 
dor Hfihe anwadiseu. Erdbebenfluten vermnircTr iiusserst zerstorend zu wirken; 
jedoch trcten sie zu selten auf, als dass ihnen eiue grosse Bedeutuug beizu* 
messen wiire. Beaditnng in weit lidlierein Masse gebfthrt dagegen der zer- 
storenden Wirknng der Sturmfluten. 

EiMtt dor Brandun^^lle Iwi tomttontem Vivesn. 

Unter der P'inwirkung der Brandungswelle allein bildet sich an felsigen 

Slcilkiisten eine Holilkr1di> iuis, dorcn Hohe zuTi;iclist die Breite iibersteipt, 
welche sich .iImt im Liuife dor Zeit unter Mitwirkini^' der Schworkraft zu 
einer schmaleu Terrassc erwcitert. Das Endresultat ist eine iStrandkiiste mit 
unmittelbar aafsteigendem Steilrande. An flaehen Gh»taden wird die Ebreiten- 
au«di liiiung uni so mehr iiberwiegen, je allmiihlicher das Land aus dem Meere 
eniporsteigt. Das Endresultat ist liier ein von jcder Welle iihr rl.iufener 
Strand, weicher gegen das Land hin seine baidige Begrenzung iu eiuem Strand- 
wall findct. 



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Beiizitge znr Moipliologia ^ Ftnchlrttoteii. 



Mitwirkuag voa Rat und Ebbe. 

Din Dimensionen dcr Kustcnzone werJcn bedeutftidor, Bobald dieselbe 
der Biuwirkung von Ebbe uud Flut uutersteht Daim konzentriert sicb die 
Arbeit der Brand utigswelle niclit auf ein eng benenztes Gebiet, aondem m'lt 
dem Steigen und Fallen des Meeres waodert das Ai'i eitsftild landeinwfirts 
und seewiirts. Wild das^elbe dadurch nun zwar auch grosser, so driss auf 
jede Teiltiacho eine gcringere Arbeitsleistung cntfallen iniisstc, so wird diescr 
Ana&ll dadurch gedeckt, dass mit Gezeften bebaftete Me^re krkftigcro uod 
grosserc AVellen zu entwickeln pfleg* ii als gezeitcniose , ausserdem aber die 
Kraft der andiingenden Welle durch die Flut verstiirkt wird >). 

Bnbi das fltnadM. 

Bleibt das Meeresniveau koDstant, so ist an Steilklisten der Ausbreiiung 

der Strandterrasse dort ein Ziel gesetzt^ wo dio Brandungswelle der hochsten 
Flut auf bort zc rsturend zu wirken ; jenseits dioser Grenze hort der maritime 
Einfluss auf und das anstehende Gebirge ist der Abtragung allein durcb die 
Agentien des Pestlandes ausgesetet. Die endgiiltige Brmte kann bier einen 
bestimmten Bctra;^ iiicht iiberschreiten ; untcr gb iclu ii maritimen Yerbaltniasen 
nird sie in jedem Fall gon'nger sein als an llachen KUsten. 

Dieses gebt obne weitcres hervor aus dem ungleich geringercn Neigungs- 
innkel, unter welcbem die Oberflacbe des Laiides gcgen den Meeresspiegel 
eiiitallt. Der Einfluss des -ili i res sollte bis zu dem Punkte reicben , in dem 
l)ci auflandigem Sturm eine Horizontal*' vnrn Kamm der bocbstcn Plutwellc 
im offonon Meere, laiulcinwiirts richtct . das Festland trcffen wurde. Der- 
selbe reicLt aber selbst an olieueu Kiihteu dariiber biuaus, iadeui mebrore 
Wellen, deren Anzahl je nach Oertlichkeit and Umstftndeo verschieden, beim 
Auflaufeii auf don Strand cinander iiberbolcn , wodurcb die letzten in ein 
hi'iheres Niveau gehol n werden als ihnen eigcntlicb zukiime. Tndcm die 
leUt« schliesslicb katarakturtig hei'abstiirzt, trifft sie das Land biuueuwiirts 
des Schnittpiuiktes von Land und Hexuontale. 

In erhobtem Masse findet diesc V^erbrciterung des Strandes statt an 
Stellen , weldie die andringendc Flutwelle in ihrem Breitcnausmass einengen, 
also in Buchteu, Kauiilen, Flussmunduiigen. Dio Flut erreicbt dort eine oft 
recht bedenten^ Hdbe und ein flach ansteigender Strand demgemass eine 
ansserordentUche Brcitc. In den HUndangen der Strome begegnet die Flnt 
dem bernbkommenden Silsswasser. Indem das Meerwasser seines hohcren 
spczitischen (iewicht^s halber unter jenem aufwarts iliesst, cs gleicbsam auf 
seinen BScken nimmt, bewirkt es eine Stannng, wetche unter Umsiftnden sich 
weit nacb dem Inncrn bemcrkbar macbt. Dadurch kann aucb ungegUederten 
Landera ein maritimer Charakter weithin verliehen werden. 

Vegstivs StrsadTSisoluslnrag. 

Bei nogativer StrandTerschiebung wird die Tliatigkeit der Brandungs- 
Welle ill ein tiefores Niveau vcrlegt. In ihrer A\'irkini;Ts\veise wird dadurch 
nichts geiindert. An ISteilkusten sctzt sich bei ununt('rl)r(K henem, aljer gleich- 
massigen Ruckzuge des Mceres die Tcrrasse alluiiihiich nach uiitea fort, oder 
es wird. wenn die fiewegong seitweilig aufhSrt, dort, wo das Meeresniveau 
sich irorade bofindct . eine Torrasse aus^oarbeitet, wclche liinwiedcrum eine 
gewissc Breite nicht ubcrscbreiteu kana. £s entateht eine ^traudkiiste mit 
zuiiickUegoudem Steilrand 

An FlachkQsten sind die Yerftudemngen im Angriffsbereiohe der 
Brandungswelle noch geringer und nm so weniger aufMend, als diese ihrem 



') V. TJiclitlinfeii, Fiihirr, '^'M. 

*i Vergl. fiber alle dicso Vorgaago v. Ricbibufen, Fubror, Kap. IX, 292 ff. 

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214 



Bcitr%e zor Morphologio dor Flachkiiaten. 



Bestreben nacli Ausgleichung der Formen unverandert treu bleibt. Bass je- 
doch in dcm weiten Gebiete, welches Wcr durcli deii Ruckzug des Meorea 
freigclcgt wird. mnnrlu rlci Ver.'nulorungen eintrcten miissen , ist wolil voraus- 
zusehen. Welcher Art diese sein kiiuneu, werden wir an andcrcr iSteile zu 
betraohten haben. 

Positive StraBdverschiebung. 

Anders gestaltct sich die Sachlage bei lieri'schcndcr positivcr Strand- 
verschiebung. Die SteUkiiste untcrliegt der Abrasion. Gegen das Meer bin 
iiegt diia jcwt ili^'o (ireDze des Kiistenguhietes dort, wo Wellen nnd Strumungen 
nufh(»ren , durch Transport iiiul T^mlagening des niocliaTiisch zcrkleinerten 
Ablirucbsmaterials die Kiistenfortnen umzngestaltcn. f;t :^ei» das Land bin aber, 
wo die bocbste Brauduugswelle eben nicbt melu zersloreiid zu wiikcn vermag. 
Findet jedocb in eiiiem Gebiete^ in welcliem solchs Gebirge oder TafellSiider, 
welcbc vordeni einer sU\rken Erosion nusgesetzt waren, bart an die KUste 
lierantreten . cin Vordrinfren des Mei rcs statt, so iibei-flutet dioses die Passe 
und dringt. <lie Tiialgriiude iiberscbwemmend , oft wcit in das innere ein, so 
ein vielgegliedertesy mit dichten Inselschwarmen besetstes, balbinsebreicbes Ge^ 
biet heraaabildend. 

Das ganze Gebiet ist Kiisto, aucli die Tust'lii iri'lioren dazu mit cben- 
derselbcn Berecbtii;uii,:( wie die Halbinseln, welcbe jeden Augcnbiick ge- 
wiirligeu miissen, durclx ein wciteres Ansteigcn des Alcercs ebeul'ulis zu luseln 
zu werdeo. Die hierher nieh^rigen Ty^en reprasentiersn die hdchste PoteDS 
der Kiistenentwickelung. Es sind dies vor Allcin die Fjordkiisten und der 
dainiatini'^chp Typus. dann aucb die Jiia.s- und die Liinankit'^teTi. 

Wiibrcnd die negative Strandverscbiebung iinter Umstjinden, niiudicb bei 
ruhigcr Fortdauor, die Ureite der Kiistcnzone zu verscbmiilern im stande ist^ 
da alsdanii die Agentien des Meercs nicbt Zeit linden , wedor an Stcilkiisten 
Terrassen auszubild( n. nocb an Fhicbkiisten die einzelnen Gebiete geborig zu 
verarbeiten , wirkt die entscgtngesetzte Bewogung unter alien Umstanden in 
entgegengesetztem Sinne. Fiir die letzlere Ait der Kusten Icucbtct dies urn 
80 raehr ein, wenn wir bedenken, dass der Abfall des Landes sowobl vie ancb 
des Meeresbodens in den allermeisten Fiillen ein sebr aUmiiblicber ist. Indem 
einciscits aiif dcni letztcren dio transportablen fcston Brstandtcile in weitem 
Abstand vom Lande nocb im Bereicb der Wellen und Strornungen verbleiben, 
werden andererseits auf jenem selbst bei geringem Vertikalbetrage der Strand- 
verschiebuDg unverbiiltnismilssig grosse Gebiete vom Meere okkupiert. Hier- 
bci wird die Gliederung der Kiiste bis zur iiussersten Fcinboit dnrcliijcruhrt. 
Das Meer ergiesst siclt in alle Vertiefungeu zwiscben den ausspringcnden 
boheren Teilen des Landes nnd bildet so hinter natiirlichen DSmmen und 
WSllen flacbe Seeen, Tidgegliederte Euchten und weite SUmpfe. 

§ 5. Wirkungen des Windes. 

Diese Kiisten rcihpn sicli in ibrer oft grosRartii^pn Broiteiientwiekfdtin;^ 
den zuletzt genaunteu wurdig an. Bei ibnen kommt, wic bei dcu Flacbkiisten 
fiberbanpt, nocb der Faktor des Windes in bobem Grade insofem in betracht, 
als er Dunen niclit nur unmittelbar am Strande aiil ltaut, sondem dieselb«i 
als WaTubrdiiiK'ii oft wcit landeinwtiits trcibt. In den Ijaiides an der fran- 
ziisiscben Westkiistc entwickclt der DUnengUrtel eine durcbscbnittlicbe Breite 
von 6 km. Ausser der Lagune von Arcachon sind die Etangs durcb die 
ini tscbreitende Diinenwanderung nicbt nur stetig ostwilrts getrieben, sondem 
babcn sogar ihr Niveau uni 20- 25 m crlulht. Diircli den erstgonanntcn Vm- 
stand erreicht der Kiistensaum. r aus zwinpundcn gein'tisclK n Griiiulen 

doch zweifellos mindestens bis zu den ubtlicben Uleru dieter Etangs gerugbnet 
werden muss, die respektable Breite von durcbschnittlicb 10 km. 



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Beitriiga sur Morpbologio der Fkchka^ten. 



215 



§ 6. Definition des Begriffes EUste. 

Sonit selien wir Hberall, wo Laud and Meer aneinftnder grenzen^ eioe 

Stiitte unausgesetzter Tluiti^'keit und unabliissig sich voll/.ioliondcr Kraft- 
Avirkuugen. Daiuin sitid die Kiisten aurh nirht ntwfvs scldeclitliin Gegebeiics. 
Wie jetzt uoch die Bewcguugeu iuuerlialb d* i Erdriiide im Veiein niit deu 
Schwankungen des Meeresspiegels und den dynamischen £inwirkuugen der 
A^ntiro dcr Hydro- imd Atmotplitiro foi tdauernd die gegenwfirtigen KUsten- 
mnrisse nmirostalten und I'mmer neuc Konturon zti scliaffen suchen, so haben 
eben dieselben Fuktoreu Heit uiidenkliciien Zeiten dassolbc Zicl er^tiebt — 
ob in gleichem Yerhfiltnis zn einander vie heute. moge dabingestellt bleiben. 
Der Begiim ihrer Thatigkeit und daniit dor Kiisi nbildung fallt niit dom 
Aii'/t'!;t>lick /Msamni'Mi, in welrluMn \V:ts<5(>r !iii<l Land sich in die Erdobei- 
tliiclie zu teileo bcgiuucQ, eiuerlei, Welches von beideu das Primare ge- 
vesen ad. 

Welche Lag« nun audi jedcrzeit eino Kiistt; geliabt haben mag, nie hat 
sic .Aloor tmd Land in Gostalt einei- Fjiiiir iit'srliicdcn. Vit liiit lii- i-.t sio oinom 
8anme vergleichbar , welcher als Triiger der niannigtaltigsteii Eischeinungen 
in wechsehider Breite die Lauder unuiebt , und desseu Dinieusionen von den 
verschiedenartigrten UmstSnden abbSngig »iiid i). 

Die Rn'itenextrenie dieses Saiiiiit s siiid dii- kaum angedeutete Hohlkehle 
in der senkrecbt ab-^tiirz^'uden Felswand und jenir inpilfnlnoitp (Tiirtel, welcher, 
oft amphibischer Natur, allinahlich von Luud /.n 3K»'r iiberleitct. In den 
Tjpen dcs Fjords nnd Dalmatiens berttbren sie sich; jedes GUed der K&ste^ 
sei es Insel oder Festbmd, zeigt an und fiir sich betracbtotf dftS HininiQin 
der Entwickelung, die Gesamtheit das Maximum. 

B. Die Kfisten auf dem K&rtenbilde. 

I. Die KOsto alR Linie. 

§ 7. Die K a r t e als G r u n d 1 a g e dcr F d r s c b u ii g. 

Der Thatsache gegeuiiber, nach welcher die Kuste in Wirklichkeit eine 
Fliiche darstellt, ist der ungomein biiufigc 0ebrauch des Wortes „KU8tenlinie** 
zum mindesten auffallend. Im Spracbgebrauch findet es wobl ausschliesslicfa 
Aiiwoiidung 1111(1 srll)st ill dor oin'5chIagigen Litteratur tritt es ausserordentlich 
biiufig auf; in dor iilteren niebr als in der modernen. (Jarl Kitter spricbt in 
den bckaunteu .,Abhandlungen zur Bogrundung einer niebr wisscnschaftlichen 
Bebaodluog der Erde" *) ausnabmslos von Kustenlinien nnd ebenso tritt dieser 
Ausdruck be! ncueren Antorcii gegoniiber Bezeichnnogen wie: Kfietengebieti 
£iistenzone, Kii5?tnn';;nnn stark hr-rvnr. 

Da es absurd ware, anzunebnien, die Kenntnis der wahrcu Natur der 
Kiisten sei all den zablreichen Forscbern, welche aicb aeit langer Zeit mit 
nnserera Gegenstande beschiiftigt haben , vcr.schlof5sen geblieben , so darf die 
Ursache fiir jenen immer wiederkebrenden Qebrauch auch nicbt einem Mangel 



•) V. Richthofen, P'iihror etc. p. MO untcrscheidet , nachdem et von dem Paktor der 
Zeit. (\. h. der Daiu r <1' r Kinwirkung abstniliiert hut, zwei KlaH^en von rmstilnden, insofeni 
sio .1. Ill Meerc und deu atmosphririHcben Bewe>fungen, oder dem Fostlnndo angi-hOron. 

Die Falctoren der erstcii Kl;i--ie bleiben fiir grosso Kai^ton-^treckin jfloich; sie sind: 
die vorhemchende Hichtang und Starke des Windes; die z, T. damit . 7. T. mit den io 
ffroaaer Ferae eneagten Ddnnnftswelleu /usaniinenliiingendc Stilrke >i''r Uraudung; die 
Tenjp«raiur des WMaere; daa Fditen oiw Vorhaadensein von Eis; der Abatand xwischea 
Ebbe und Flut. 

Die dem Festland angehSrigcn Faktoren kOnncn Hirli ;iiif growo Strockon bin gleich 
bleiben, oder ichon in kanen Entfemungea groue Aeuderuu^en erleiden. Sio aind: die 
vertiksde Geetalt der KAite; die borizoniueii CTmriMformen, inBOfein sie bedingea, daes 
einzelne Teile dcr I^raii(iiin<:f nK-hr an-^cr ^otst ala andere, einige ihr gans eafasogen lind; 
Gesteuuziuammensctzting und Lagerung der Ueaieine. 

*) YergL besonden den Vortrog vorn 17./1* 18^* 



216 



BeitrSge nir Uorphologie d«r FladikflftteiL 



an Erkenntnis zugeschrieben werdcn. Vielniolif ist sic in tier Gostalt 2U 
suchen, wclehe die Kusteii auf der Gruudlage bcsit/eii, ohue welche kein ver- 
gldchend geographiscbes Stiidium denkbar ist, also ia der 6estalt> in welcher 
816 auf dtr Kaite crscheinen. 

Die Kartc ist fiir jcdo geographische Forschung ein wesentliches Hulfs- 
mittel und um so uucntbchrliclier, iiber je weitcrc Gebiete sich die zu uuter- 
Bttchenden EncbeinuDgen Terteilen. Bine Tergleichende Beirachtiing der 
Ktisten ohne Karten iit demnach undenkbar , dcnn wclchcr Gcograpb ware 
in der Lage, aucli niir eincn einigcrmassen bctriichtlichen Teil jener unge- 
beuera Strecke an Ort und Stelle zu studieren, welcbe die Lander der £rde 
umspannt! 

Die Kurte ist die im Niveau eines konventionell bcstimmioi Ortes ») ge- 
dachte hori/ontalc Ebene, niif welcbc alios nicht im crleifbpn Nivoaii Befind- 
liche projiziert wird. Betracbtcn wir daraufbin die Kiisten in ibrer ver- 
scbiedenartigen vertikalcn Gcstaltung, so ist leicht ersichtlich, dass in der 
Projektion deraelben sicb cbonfalls Unterscbiodc bemcrkbar werden machen 
miisscii. und zwar wird diejenige Kiiste, bei wekiior die vertikale Komponente 
auf Kosten der horizontalcn stark uberwiegt, auf der Kartc ura bo scbinalcr 
erscbeiiien miisscn , je grosser ibr Ncigungswinkel ist. Von vorubcrein ist 
daraus zu entnebmen, dass flacbe Gestade einer getreueren Wicdergabe Hlhig 
sein werden als steilo und liolie Kiisten. 

Diesc v-r itU'11 niit Ausnalimo dor Fallc , in welchen denselben durcb 
V'orgiiuge der auf Seite 214 genaunten Art luorpbologiscb voni Kiistengebiet 
nicbt m irennende Gebilde vor^ und eingelagert sind, anch auf Kartea 
giiisseren Mafsstabes als Linie erscbeinen , Flacbkilsten dagegen werden auf 
oboTidenselbcn Karten scbon desbalb biiutiger als Flacbe anftreten, vreil wegen 
der geringeu Keiguug dcs Ycrtikalpro£lcs aucb solcbe Erscliciuungen oinge- 
zeichnet werden kSnnen, welche, obwobi oft nur von gcringem Umfang, dennoch 
morphologisch wicbtig und fur die Bestimmung des Cbarakters als Flacbkiiste 
aus8cblagf2:f'l)oiul sind, d;i sio nur diesen nnzuhaften pflegen. Es sind die^ 
vor allem Kiisteninscln von besonderer Gestalt, liiclituug uud Anordnung, 
eigenartig gestaltete Halbinsdn nnd Vorgebirge und alle Arten von Strand> 
seen. Aucb die StrandwUlle nnd Diincn gebiiren bierber. 

Wo diesc Ersehcimingen in der Natur nicht vorhanden siiid , oder wenn 
der Mafsstab der Xarte so geriug ist, dass sie ubcrbaupt nicbt ciugezeiclinct 
werden k5nnen, ohne die Geeamikonttiren zu Terwiecben, da eracbdnt anch 
die Flacbkiiste auf der Karte als Linie. G^eralkarten weisen demnach, 
wenige typische Kiislenstrccken ansf»pnonimen, nur Klistcidinien auf. Die allzu 
baufige Benutzung dorselben, welclie in friiberer Zeit nocb mclir Platz batte 
als beutzutagc, well Spczialblatter ent^^cder gar nicht Torbanden oder docb 
kaum zugiinglicb waren, erkl&rt denn aucb den fortwiibrend wiederkehrmden 
Gebraucli (ks "Wortes ,,Kiistenlinio" zura gr^s^tell Teil. 

Vennugen (ieneralkarten nun xvrnv aucb nicbt ein getreues Bild der 
reinen Kiistcngestalt wiederzugebeu, so bietet ilie weitgebende Mannigfaltigkeit 
in der Gestaltung der Linien docb immerbin eine treffUche Gelegenb^ sn 
interessanteii Beobacbtungcn, welcbc in nicbt gar weoigen FiiUw Riickschlfisee 
auf den Charakter der Kiisten zulassen. 

§ 8. Yorberrscbende Formen. 

Anf der niedrigsten Kartengattung , det einfacben Umrisskarte^ ist das 
erstc, was una auffaUt, die soeben erwilhnte, nngemein grossc Mannigfaltigkeit 
der Konturen, in welcbe Ordnung zu briogen ein scbier nnldsbares Problem 



') Die fflr tint in crster Linie in Betracht konimendeu Seekarten liegen fast aus- 
naliJiiHlos ini Niveau dcH mittlt ) m Niedrigwasscrs .Icr Spi iii^'/r it. (KrQmniel, Ozeano^-. 828.) 
Zweifellos bezicben sich aucb die Udhcnangabeu deiaolbeji auf dns gloiche Niveau. 



i^iy u^L^ Ly Google 



Beittlge znr Motpliologw d«r FlaebkOaten. 



217 



zu sein sclioint. Hiit man nlier einmal die sicli Laid aufclriini^'eiule Beobachtung 
gemacht, dass gcwisse Foriucn nichrfacli wioderkehreo, so ist damit eiu Fiager- 
zeig far den zu beschreitenden Wef» gcgeben. 

Die ausgezeichnetsten und hilufigsten Foimon sind die des Bogens und 
der p;oraden Linie. Erstere ist die vorheiTsclieii«le. Sie schwankt /nisclicn 
der unregelmas«ifi:stfn Kiirve und dt-r matheniatisch gcnniicn Knislinie. 
Letztere tntt zwai' iiacli Hiiufigkeit dcs Vorkommens und Liinge der Aus- 
dehnong gegen die andere zuriic£, hebt sich aber aus der bunten Menge der 
fibl^cn um so auffallender und cbaraktoristiscber ab. 

Die Westkiiste des aniorikanisdu ii Kontinentes lasst sicli uhne Kiinstelei 
in sechs grosse Bogcn un<l eine geradc Jjinie zeiiegcn. Die Hiilfte der Bogeu 
wt konkav, die andere kon?ex gegen den pazifischen Ozean gerichtet Ale 
Konkavbogen crscheinen, von N. nach S. geordiiet: 

1- die Kiistenstrecke von Alaska \m mr San Juan de Fucastrasse, 

2. die Strecke vom Buseu vou Telmantopcc bis zur siidlicheu West- 
kliste Columbiensy 

3. der Busen Ton Arica. 

Jedcm diosor Koiik:ivl)Of,'i'ii ciifspricht cin koiivexor . iliii siidlicb be- 
, grenzoiidtT. Zwischen deni Golt von Ari< t uMtl dcin konvex gostriltchTi Siid- 
eude des Kontinentes erstreckt sicb, bei Ai ica belbst bcgiuuend und nut Cliiloe 
endigend, die Kiiste in atets gleichbleibender Bichtung darch 25 Breitengrade 
dahin, einer Ausdebnung, die aaf Erden einzjg d&stehi 

§ 9. Form on der Hocli kiiste. 

Die KUsto ist jedermaun als eine ausgepriigtc 8teil kiiste bekaant Unter- 
zidien wir ihre Kontoi'en einer eingehenderm Botracbtung , um die Besultate 

mit den spilter zu erzielenden, auf eine ebenso ausgejiriigtc und bekannte 
Flachkiiste bt'zun;licben zu verpleicben. Zu dif Zwecke sehen wir von den 
Strecken uordlicb der San Juan de Fucastrasse uud siidlicb der Insel Cbiloe 
zanSchst ab, da diese aucb auf Karten kleinstcn Malsstabes als breite Kouiplexe 
erscheisen^ wir aber nur Linien mit Linien vergleichen wollen. 

Die '/wisrlicn jencn Piinkten befindliclie Strecke nmfasst den von der 
genannten .MtM-resstrrtssc l»is zum Golf von Tebuantcpec reichenden und den 
von Columbia iiber die Puata Piuiiia biuausscbwingonden Konvexbogen, ferner 
den /.war sebr unregelmagsigen, in seinen Gesanitkonturon aber wobl als solcben 
erkeiiiibaren Konkavboi^en Zentralamerikas , den Golf von Arica und die ge- 
radUnige Kiiste von Chile. 

Teilbarkeit der Bogen. 

Dic^p snuolil \vi<' aucb sanitliclie Kurven zerfallen wieder in einzelne 
kleincre Jiogen, wtlclien auscheineud viillig gcradc Linien zwiscbengelagert 
sind , wie die Kflste von Oregon , einzelne Teile deijenigen von Mexiko and 
das Gestade von Nicaragua. Indessen erkennt man unscbwer, dass damit die 
Teilbarkeit noch nicbt erscbopft ist und dass sowobl die pinzolfuii Puditon 
wie aucb die geraden Strecken meist wieder aus noch kleineren £in* und 
Anebacbtongen beateben. Diese verleihen durcb ihre zackigen, scbarfkanfigen 
Umrisse der Kitetenlime eine gesEhnte oder ausgcscbweift geziibnte Gestalt. 
Vollig glatte Linien worden wir anch nnf Sppzialbliittern kaum cntdecken. 
Wo sie auf solcben sicli dcnuocb tindeu . wic an der mexikanischcn Kiiste 
zwi8cbai'22 und S5* nSrdl. Breite, entpuppen sie sich als flache, sumpfige^ 
nut Strandaeen teilweise besetxte Gestade. 

Oortalt der Buobtan. 

Soweit die Existenz der Einbacbtungen auf der Mor])liologie des Kon- 
tinentes selbst borulit, scliwankt ibro Gcstalt in viclfaclipn Abstufimgon 
^wiscbeu derjenigeu des iief in das Land eiudriDgenden Golfes von California 



1 



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218 



Bsitrilgtt tar Morphotogie der FlacbkOaien. 



und dcs Hachen Golfes von Telmautepoc. Erstcrer !mt lit'i inebr als ll(K)km 
L&uge eine Zugangsbrcite von kaum 200 km, Ictztcrer bei einer Sehncnliinge 
von ca. 400 km eine Tiefe i) von 80 km. Im aUg^dnai hemdien tief ein- 
sdueideode Bncbten vor, von irgend welcher Ueboreinstimmung der Umrtsa- 
fonnen kann nber nicht die Rede sein. 

Dieses ist schou njebr der Fall bei deDjeoigeu £inbucbtungen , welchc 
nnzweifelbaft den Agentien des Meeres, also in enter Linie der Brandnngs- 
wellc ihr Dasein verdankcn Sftweit sie auf d^ Karten nnserer Handatlanten 
erkcnnbar sind. ist tier (iiundzug ihres Wesens eine nabeza halbkreasfomige 
Gestalt von geriDgem Kadius. 

Bimensionen der Bachten. 

Einige typischc Boispitlc der kaliforniscben Kuste crgcbcn folgonde I)i- 
mensioneo, wobei indesseu zu bemerkcn ist, dass die augegebeuen BaieD die 
bedetttendsten sind, bei welchen die Entstehung anf dto Arbeit der Brandnngs- 
wclle zurUckzufdhren sein dUrfte. 



Najue 


Lago 


Radios 
km 


Selme 
km 


Tiefe*) 
km 


Index') 


Monterey Bay 


370 N. 


32 


41 


18 


0,44 


liiihia Ona Bay 


340 „ 


22 


41 


18 


0.44 


TodoB los Santos Bay . . *. . 


32« , 


9 


14 


10 


0,71 



Die Tabelle lebrt, dass alle drei Buchten nemlich tief ins Land eln* 

schneiden. Die ersten boiden nShern sich der Form eines Halbkreises, die 
Ictzte e;o]it noch dariibor liinnus. Die'^e sehr eingreifcnden Forrncn treten 
den flacheren gcgeuubcr zurUck. Es crkliirt sich dies obnc weiteres aus der 
Art der Entstelrang, 

SntitBlinQg der Bufikteni 

IMeselbe ist, wie schon erw&hnt wnrde, auf die Thatigkeit der Braadangs> 

welle zuriickzufubren. AVenn im allf^emcincn audi Kiistenlinie und Gcbirgs- 
riehtung einatidcr parallel laufen, so l)Osteheii dock iiberall geringe Vcrscbieden- 
heiten in der Streicbungsrichtung und Lagerung der Scbicbten, der Harte 
nnd Angreifbarkeit der Gesteine. Dadnrcb wird die BranduogsweUe In den 
Stand gesetzt, an Stellen geringoren AViderstandes einen grossercn Arbdts- 
effokt zu erzielen als an andrreii. TnI das Plus mnmontan audi ntir vcr- 
scbwindend klein, so genugt docli der Faktor der Zeit, urn scbliesslich zwiscben 
den hiirteren ScboUen Einbucbtungen obiger Art und Gestalt cntsteben zu 
lassen. Die Tiefniausdehnung derselben ist unter sonst gleicben Verbaltniaaen 
abh&ngig vom Abstande der widerstands&higen Pnnkte «). 

^ Unter ,Tiefe* Tcnlehea irir in disiera ZnnuDineBiliuife die LSjige dec Lotos, welcbe* 
TOtt dem von <W Schnr- am veiteit entfemten Pnnkte der Periplierte anf jene geWIt wird. 

•) Vergl. Anm. »). 

') Ein sobr oinfaches Mittel, eieh dc:n Grad dor Kriimmong der Bogcn, wic sie an 

den Kilsten bo h.1nfip Hioh finden, zn voranschaulichen, erhult man, wenn man Tiofc (s. Anni. ') 
dorch Sehno dividiort. Kilr den Halbkreis erfjiebt sich daun der Index 0,5. Kiistenstreckon 
mil ( inom kloinerfn Imlfx als (id.), wi li lin- cini-i- 'li' t.< vnn 1 bei eincr Schnonl&nge von 
20 cntspriclit, rufeu »<-hon mil Karten voa luitUeren Mai'astilben , mehr aber wohl noch in 
der Wirkliebkoit, den iMn ii uck der geraden Linie herror. 

Das Rezii'rfikc lict ia ili r li t /ten Kolunine go^ebenen Zahlcn bietet zwar den Vorteil 
ganzor Zahleo. fiilirt uIk r in'-olV rn Icicbt zu Mi!<sverst<'indnis8en, als uni so griisapre Indizos 
t:ift>t, ji' flacluT di'r HoL'^ n. I'ui ilrii ll.ill<kn'is ist der Index dann gloich 2. Doraolbe wird 
beim mexikaniscben Golf erreicht. wenn man den Durchiuesuir so dasH or den Utbmut von 
Tebnaot^pec und dio Apalachtoe Daj in NW.-FIorida schneidet. Derselbe misat etwn 1750 km. 

*i Bei der Monterey Bay besteben diese nach einer Map of the vicinity nf M. B. Cali- 
fnrnia Nr. 59 18.'»5 aus Granit. An dicsc lohnt sich weicheres terti^en Gestein an, woicbes 
tnncr starken Abraoion unterliegt. Zu beiiien Seiten des ia die Ba^ infllideaden Saliime R. 
finden Bich dagegen alluviale An* nnd Auflagerungen. 



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Beitr&ge zar Vorpholoigte der FlAottftntflii. 



219 



§ 10. Formen der Flachkfiste. 

Iro Gfgensatz zn der durchweg ateilen pazitischen Hochkiiste Amerikas 

gohcirpii gros?*' Tt ilr- firs atl uitisclioii Gcstades dcr Flachkiiste an. In un- 
untcrbrocliener Erstreckunsr umfusst dioso di'^ crosamte Osfkii^to der Vcr- 
eijiigten Staaten von Long Island sudwarts, unisohiicsst den guu/ea nioxikaiii- 
schen Golf bis gegen Vera Oriiz bio, setzt sich mit Uoterbrechungen in Central- 
atnerika bis C\ist;nioa fort und tritt auf langon Strocken in Siidamerika auf. 

Wie nin Hli( k auf dio gcolngisclio Plarte ') lehrt . zielit ein tertiiirer 
Giirtel von wcchselnder, z. T. miiclitiger Breite, iu MassacUusetts begiunend, 
rings nm den alteren Kern de« Nordkontinentes bis ttber den Bio Grande 
hinaus. Dem tosseren Rande dieses TertiUrgUrtcls liiuft die heutige. alluviale 
KiiKtenlinif* im allgcmcinen parallel; nur die Halbin<5f>l Florida nnd dio go- 
waltigen Ailuvionen des Mississippi, Arkansas und Ked liiver treten iiach 8. 
end N. weit ttber den Allnvialsanni binaus. Dem Tertiarstrande gemSas tritt 
auch die licutige Ostkiiste stufenforniig nacli SW. zuriick. Soweit sic dem 
Schwemmlande angebort, bildet sie die zweite and dritte Stufe Katzels*). 

BogesfDna 

Gleich der pazifiscben Kiiste tritt nns auch die Ost- und Siidkiiste des 
Xordkontinentt s it? grn's'^en Bogcn, und zwar drH , entgegen. Zum Untcr- 
scbied aber von dem dortigen Wcclisel zwischen konkav und konvex fiudeu 
wir bier nnr die erstere Form ausgebildet Anf den regelmiissigen Ban des 
mittleren Bogens zwiscben K. Hatteras und der Siidspitzc von Florida bat 
scbon Rntzel "-) hingewiesen : nber auch der nacb Sebnenliingo und Tiefe 
kleinste zwi^cheu K. Cod und Hatteras bildet eine ini grossen und ganzen 
konkav gegcn den Atlantischen Ozean gedlFnete Bogenunie*). Die ausge- 
zeichnete Halbkreisform des Golfes TOn Slexiko , deren Regelniiissigkcit nur 
dort EinhuHRe erleidet, wo dio gro«;Hen Strumo der Golfstaaten lin e Sodiniente 
in das Meer vorschieben, ist so bekannt, dass sie keiuer bcsondercn £r- 
vahnnng bcdarf. 

Geringe Teillarkeit der Bogen. 

Ancb diese grossen Bogen zerfallen wieder in einzelne kleinere Ab- 
scbnitte, welchc an einigen Stellen anf lange Erstreckungen bin den gleichen 
CiKir.iktcr Ix'walirrn. an arnlrrcn einem scbnell \vcebsclti(li ii Aussehcn untrr- 
worlen sind. Sehen wir an dieser StcUe von dem Umstande ab, dass an tier 
ganzen Kiiste solcbe Strocken, welcben Strandseen, Kiisteninscln und Melirungen 
feblen, deren Projektion also eine Linie bildet^ seltener sind als die mit der- 
gloicben Fj st beinungon bebafteten und legen auch durcb die Ictztoren cine 
Linie . wt k he dann alu-r natiirlicb in den gegen das Meer zu iuisserst ge- 
legeiien liand des Kiistensaumes gclcgt worden muss , cinerlei , ob er von 
Festland oder Inseln gebildet wirdt so ist das erste, was nns von diesem 
Standpunkte in der Konturierung der Flacbkuste auff&Ilt, die unleugbare 
Tendenz derselben, fhonfnlls Kn£»on und gerado Linion ausznbilden. 

Im Gegensatz aber zur lelsigcu Hocbkiisle, an weicber das ganze Be- 
streben der umgestaltenden Krafte auf mSglicbst scbarfe and zackige, ge- 
brocliene Linien abzielt. pcigt die Schwemmland kiiste zu glatten und regel- 
m-"i<i'^igen Linien. Demgeniiiss sind finmril goradlinige Formen bautifj^^r und 
ausgedebater als an der fclsigeu i^teilkUsto, daun aber verfiigen die Bogen, 
welche auch bwr oft mathematbcb genaue Abschnitte mner Kreislinie dar- 
stellen, dorcbgangig iiber sebr grosse Radien, denen gegenttber die Tiefenans- 
(Iflinung sebr gering ist. 



>) Vergl. gcol. tTeberrielitBlntte der U. S. in Batset, die Ver. Staaten I, pug. 28. 

») a. a. O. I. 26. 
^) a. a. 0. I. 26. 

«) Stielcn BondatlaB, Bl. 78 nnd 80. 



220 



1^ 

Bcitiige sttt Horphdlogie 4er FkolikQileii. 



Wo stwei selbstilndige BilduDgen dieaer Art zusammentreflen, finden ddi 
oft Yorgebirge von ^igenarti^'ir Fonn, Avolche sich unteneeisoh meitt in 6e- 

stalt von langgestrecktcn Biinkeii turtsetzen. 

Konkavc Bogen sind hattfigcr als konvexe. Urn so mebr muBS es tiber- 
rascben, den roohrfach crwiihntcn Koiikavbogen Kwiscb^ dear KO.-Spitze von 
Long Island, Montank Point uiid K. Hattpras aus lauter konvexcn, kleineren 
Kurvcn zusnnimpngcsot/.t zu selien , welclic clnrch die Miinduiigstricliter des 
Hudson und des Delaware und die Cliebapeake Bay vun einaitder geschiedea 
warden. Konkave Formen treten doit gar nicht aof, und nur erne einzige 6e- 
rade ist zu verzeichnen, Diese bestelit aus dw 25 km langeii , einfaclien 
KUstonlinie siidlicb K. Henry nnd dcr mehr als 100 km in deren Fortsetzung 
sick binziebenden, saudigen Keh rung } die sicb dem Currituck und dem Albe- 
marle Sound Torlegt In Uurem sttdlichen Brittel biegt rie unmerkUch see- 
warts aus tind nimmt dadurch an der Bildung des let/ten Konvexbogens in 
dieaer Region der atlantischen KUste teil. Derselbe endet im K. Hatteras, 

Die iibrigen Bogen wcrden gebildet durcli die Siidostkiiste vou Long 
Island die Os&uste von Kew Jersey zwischen Sandy Hook und K. May 
und diejenigc von Delaware und Maryland von Si. Henlopen bis zum Ofain- 
coteague Inkt -). Sio zeicbnen sicb diircli grosse Regplnifissigkeit des Banes 
aus. Eine Zusammenstelluug nach Kadius, 8ebnenlange und Tiefe ei-gicbt 
folgende Zablenwerte (km). 



Nanw 


Radius 


Schne 


Tiefe 


Index 




326 


188 


15 


0,08 


Heiilopen>CbinGoteague Inlet .... 


188 




28 


0,15 


120 


103 


12,5 


0,12 




100 


96 


13 


0,135 



Dimensionen der Bogen. 

Aus der Tabcllc gelit bervor, dass die Radien im Verbtiltuis zu den' ii 
der EiubucUtuiigen der ieisigen Steilkiiste eine betracbtlicbe Lange aufweiseu, 
dass die Bogen sebr flaoh sind und dass die drei letxtgenannten , wenn auch 
nicht die gldchen DimensioneD, so docb fii.st gleicbe KrftmmungsindicoB be- 
sitzen. 

Mit K. Hatteras beginnt die Begion der Koukavbogen. Bis zur 8ant«e 
Riyermandnng zerfiillt die Kttste in deren drei, deren ausserordentiiche Begel- 

miissigkeit sofort auffiUlt'). Der nordlicbste, aus lungg> t v kten, fiusserst 
schiiialcn Tnseln zusammengesetzte , welcber sich von K. Hatteras zum K. 
Lookout hiniiberziebt und den gewaltigen Pamplico Sound gegen die lialeigb 
Bay abscbliesst, ist ein matbematisch genauer Kreiiabaclinitt. Es ist der 
flacbste von den drei Bogen. 



Name 


Kaditu 


Sebne 


Tiefe 




Raleigb Bay . . 


166 


114 


13 


0.114 


Onslow. „ . . 


121 


158 


35 


0,221 


Long „ . . 


120 


145 




0,234 



Onslow Bay und Long Bay stimmen deronacli nicht nur in ihren KrfimmungB- 
verhiiltoissett, sondem sogar in ihren Dimensionen iSsst TolUg ubereitt. 



1) Stieler, HandaU. Bl. 8Q. 

Dors.. BL 85. 
*) Den., BL 88, 



BetttSge stur Morphologic der FlacbkUateQ. 



221 



Vorgebirge. 

An den Beriilmingspiinkten dieser Flachbogen begegnen wir den auf 

pag, 220 crwiilinten eigenartig gestaltetcn Vorgebirgeu. Der Begriff ist natfir- 
lich nidit daliin za verstehen, dass hier Gebirge oder iibcrlmupt betrachtlichere 
H&ben ans Meer treteni es sind dies vielmclir cbeiitalls wenig bohe Land- 
^bilde, welcbe sich ans der einformigen Umgobung nur darcb ihre cbarakte- 
ristische Form hcrvorbeben. Meist sind es iilttrc 1\( rue, an die sicb Schwemm- 
land an1;ic(>rte und deren Priioxiston?: fiir die Bildunj^ (k's Bogens iiberhaupt 
notweiidig war. Zuweilen gelioreu diese Kaps sogar Schwemmlandinseln an, 
wie dies an der zuletzt betracbteten KiiBtenstrectce z, B. durcbgebendB der 
Fall ist. AU gemeinsniiio Ziige sind va. nennen: das Kap besteht uug einer 
nmli einer bestimmten Ricbtung, wclcbn nn oft sehr langon Strecken die 
gleiche bleibt, sich verscbmalernden Landzungc. lu ^deu mcisten Fiillen endigt 
dieselbe in einer scbnrfcn Spitze, die weit iiber die Umgebung hinausragt, 
oft aber aucb deni Lande zu umgebogen ci-scbeint. Stets aber zeigt der 
Meeresboden in der Vcrllinperung dcs Knps Biinke und Cntiofon, web lie im 
Wesentlicben die Richtuiij,' derselben beibelialtcn und liiiuli^ weit in See liiti- 
aus sich lortsctzen. Au der atlantischcn Kiistc der Vereiuigten Staatea wer- 
den dieselben nsboals** genannt Dem K. Hatteras sind die Diamond and 
Outer shoals vorgebigert; K. Lookout setzt sicb 16 km weit in den Bibb 
shoals fort ; K. Roman wird durch die gleicbnaraigen sbonls verlanj»ert und 
Tor K. Fear liegt das Fcuerschiff sogar 27 km weit drausseu am Knde der 
Frying Pan sboaU. 

Die an dieses Kap sich sUdwestwarts anlebnende Long Bay ist insofern 
noch merkwiirdig, als an ihr zum orstenmal die Kiiste auf einer etwa 75 km 
langen Strecke in Gestolt einer scharfen, von Straudseon uud Inseln nicht 
begleiteten Linie erscbebt 

Zerrissenbfit der Formen. 

Die Kiiste von Slid -Carolina uud Georgia ist eiu Uebiet grossartigstcr 
Zerrisaenbeit. Wobl bilden die Aussenseiten der zablloMn Inseln anen Teil 
jenes grossen, tief ausgeboblten Kreisbogens, welcher sich von K. Roman bis 
zum K. Canaveral^) erstreckt, indessen ist der breite Saum so viclgestaltig 
zerkliiftet und zerrissen uud die Lagemug der luselu eiue auscheineud so 
regellose, dass bier die T^idmiz der SchwemmlandkUste nacb mem glatten 
Verlanf vdUig anfgegeben zn sein sebeint . 

Otttta d«r Tvmm, 

In um so glan/cnderer Wcise offenbart dieselbe sicli dagegen jenseitB der 
IVIiindiiiif^ (les St. Jdlin's R. Das Iustlt:ewirr verschwindt t uiid in beispiel- 
loser Rogelni;issi^k< it und Gliittp, din ■^esamte Ostkiiste von Florida umfassend, 
zieht die Linie in gleicber liicbtuiig dxnvh fiiuf Breiteugrade dahin. Die 
Glatte der Linie ist so ansserordenUich, dass selbst anf guten Spezialkarten >) 
Strecken von 50 — 80 km aufzuziiblen sind, welcbe jeder Ein- oder Ausbuchtung 
ermanf^eln und aucb niclit die fjoringste Unterbrecbun^ erfabren. Aueh die 
„Inlets", die Miindungen der iiusserst triigen, ausnahmslos in ihrer ganzen 
LSoge dem Strande parallel laufenden ,,Flii8se'<, vennogen keinerlei Abwecbs- 
lung in die Eiuformigkeit der Konturen zu bringcn. Der einzige Gegei s ai d, 
welcher dies zu thnn vermag. ist da*; vielgenannte K. Canaveral. Das.sell>e 
ist entwickeiuDgsgcschichtlich von bcsonderem Interesae, weshalb wir an ge- 
eigneter Stelle darauf zurUckkommen werden. . 

Von E. Canaveral bis X Florida verl&uft die EUste in Gestalt eines 



') Seine Himen-ionen .-ina: ITiui lin, Sehne 527 km, Tiefe 137 km, Index 0,26. 
*) Bit Mai 1S90 rovidiortc Kartoubliltter der U. S. Coast Survey. BL 169—166. 
1 : 8000a 



uiyui^cu by VjOOQlC 



222 



Beitr^e zur Morphologic der Flocbku^ton. 



ungeheuren konvexen Flacbbogeiis von 400 km Radios, 300 km Sehnealiinge, 

nber nur 33 km Tiefe. St itu^ unmittclbai r Fort^otztinc: biMot die ntis Korallen- 
kf^lk bestebendo Tnselri ilio der Keys. Zwischen K. Florida iiiul don Pine 
lislautls liegen dicse aui eincm matlicniatiscb gcuauou Kreisabschmtt 

Die hinge Kustenlinie des Golfes von Hexiko mSditen wir uns versucbt 
fiiblen , binsicbtlicb des Cbarakters der Linie in zwei grossp Abscbnittc zu 
zerlegen, zwiscben welchcn d:is marlititjc Mississippidelti die Grenze ist. Die 
vestliche Linie ist von euu'r wuiukibarcu Glattc und iSaiUtheit. An der 
t6x»iu8c1ieii KGste erreicht diese diejenige der Ostseite von Florida; ja, in 
der von keinem Einsdiaitt anterbrochenen , 175 km langen Isla del Padre 
fibertrifft sie dieselbo sofrar. 

JJer iistliche Toil woist stark gcbrocbeuc Linien aul. Sanft gerundeto 
Oder gerade fioden sich niir zwiscben der Mobile Bay and dem ia breiter 
Masse sich weit in die Sec vorscbiebeoden Delta des Apalacbioola H. und 
im Tiiittlnron Toilo tier Wcstkiistc von Florida. Der griissere , iibrige Teil 
bat scbarfe, cckige Koutureu oder wirr durcboinander gelagerte Inseln und 
Inselcben. Bemerkensvert ist in dieser Beziebung der Gcgensatz zwischen der 
Ost- und der Wr .stkiisto von Florida. 

Dio Tjinion der atlantiscben Kiiste von Cfntralamerika sind zum grr>sston 
Teil ebentaiis seiir glatt und regelmiissig , besonders in Honduras , Costarica 
und an der Mosquitokliste. Wollte man aber einzig und alleiu aus dicsem 
IJmstando auf den Olmrakter der KU^^te scbliessen , so ware dies an dieser 
Sttdlc i^cradc dcsliall) silir bedenklich. weil audi die nflbozn frr^cnuberliegcn- 
deii Kiistdi von Nicaragua und Sun Salvador, wplrbo beido Ho(iikii>ten fjind 
und von dencu die erstere sicb besonders steil au.s dcm O/.ean erliebt, vullig 
.ungebrocbene, glatte Formen besitzeti ; auf Geueralkarten wenigstens. 

§11. Unzuliinglicbkeit des linear en Vergleic bung 9 momontcs. 

Hier reiebt also das Unterscbeidungamoment des bnearen Vorlaufes nicht 
mebr aus. Mehr Sicberheit gewiibrt es schon bei der Kiiste von (iuyana uod 
dem sUdlichen Brasilien, eoweit sie in dtesem die ProTinzen Espirito Santo 
und Rio Grande do Sul umfasst, wenu audi, was die letztere Strecke anlangt, 
die Tle^rbitung durrli Strandseen fiir die Cbarakterisierung als Flachkttste 
uusscblagge bender sein diirfte als die Gestalt der Linie selbst. 

Ist hiermit scbon angedcutet, dass es dnrcbaus nicht in jedem Falle 
nni.';iiif,Mu' < rsebeint, den Kttstencbarakter ausscbliesslicb nacb dem linearcii 
Verlauf zu lustimmen, so wi i-t die Erdobcrfliielie doch immcrbin zablreicbe 
Kiistenstricbe auf, bei denen dies Verfabrcn Irrtiimer iiicbt leicbt aufkomroen 
lusst. Gemiiss unserer obigen Beobacbtungen werden besonders glatte und 
scblanke Linien in der Form von Geraden und elegant gesdiwungenen Bogen 
von grossem Radius sicb in erster Linie als flacbc Scbwemmlandkiisten doku- 
mentieren miissen. Dem ist in dor Tbat so. Ausgezeidincte Linien der erstcu 
Art siud: das Diiuengcstade der Landes, die Kiiste Paliistiuas, die west- 
jOtisebe von Blaavands Hak bis Hanstbolm und die Westk&ste der iberiicben 
Halbinsel zwisclien der Limiamiindung und dem Oabo Carvociro. Sebr scbone 
Bogenlinien UTrisrhliosepu die Oidfr von Cadix und Valencia. In vergrossertem 
Mufsstabe linden wir sie wieder an der cbinesisdieu Kiiste der Proviuzeu 
Eiang'su und Petscbili nnd in Tonkin. 

Damit ist das Verzeiobnis soldier Linien nun zw;u 1 i u swegs ersdiopft — 
mit wadisendf III ^ral'sstab ntid ztniebniender Genauigkeit der Karton wiicbst 
auch ihre Zabl — iiidessen erscbciut ein uUzuschaifes Vorgeheu in dieser 
Biobtttng insofem bedenklich, als nicht nur neutnile Hochkiisten , sondon 



>) Dimeuioiian: 156 <R.), 180 (SL), 28 (T.), hA. 0,155. Vergi Stiel., HandaU., BL 88 

Carfcoa. 

<} Tf JMcbUiofen. Faiinr etc, 9 136. 



Bdita^e sur Morphologic der FlacbkUsteu. 



223 



sogar ausgesproclieuc Longitudiiialkustcu auf kiirzero Strecken in eben solcheu 
glatten Umrissen aufzutreten vrnnligen. Neben dor bereits erw&hnten KQste 
von San Sulvador und Guatemala ist auch das St' ilufn- zwisclicn Seine nnd 
tSoiniUC und der Adriabnj^on xon Rimini sudwiirts giatt idkI un,?rbrochen. 

Im Verbiiltnis zu dieseni, an welchcm sich der Apinmu /war nicht ge- 
rade steil, abw doch immeriiin in einem groBsereo Neigungswinkel znr Adria 
abdacbt als or Flachkiistcn eigen ist, besitxt der benacbbarte Golf von Venedtg 
zieinlicb unregelmiissipo Konttirpu. Afbnlicli vorhalton sicb dor Golf von 
tieoua und der Golf (in Lion, wobei indessen zu bomorken ist, da^is die Bogcn- 
linieD, welcbe den sildlicfa Agde gclegenen Teil des l«tztgenannten ninrahmcn, 
ao Schdnbeii und Koinheit der Form auf Erden kaum ibres Glcicbcn Hnden. 

"Wio !M ilicsen beiden, so reiclit nwh in vidrn ntidercn Fallen <]:i> liiioare 
VergIeic})uiigs(uoiuent uicbt zur Bostmnuung des Vertikalcharakters aus. Eiu 
Zurttckgreifen auf den zonalen Cbarakter dw KQste ist desbalb unabweisltch. 

n. Die Elite als FUcbe. 

§ 12. Der Strandsee. 
Bogriif dfludbsn. 

Die allgemeinstc £rscbcinung des Kiistensaumos ist der Strandsee. Wir 
verstclien an diosor Strlli- rlanintei W.isx rbocken jeder Art und Etitst* Imng 
und in iedem Stadium der Entwickeiuug, soweit sie geuetiscli vom Begriff 
der Kusie nicbt zu trennen sind. Ansser den durch die anaehwemmende 
Tbfitigkeit der Meereswellen , oder durcb altc oder rezente Niveauverande- 
rungen , oder durcli d'u- VcrclniijunL; bcidtT Faktoron ont'«ta!Klonr-ii , dui ch 
Nehrungen ganz oder teiiweise abgorhlnsseutu iieckon, wclclie uns unter den 
Bezeichnungcn : Haff, Lagune, Etang, Sound u. s. w. entgegentreten, gebiircn 
dcinnacb auch die Einbrucbssecn und in leteter Linie selbst die durch Menecben- 
baiid eingedeicbten Sammelbecken unserer Marscb' U ^) liicrlirr. 

Oh diese Becken vertieft odor zn£!o«;rhweninit, ob sie 'Inrdi V( rd in i stung 
oder durcb mcnscblicbe Tbiitigkeit ibrer Wasserbcdeckung beraubt siud — 
Bolange ibre Umrisse auf dem Kartenbiide nur sicb abbebcn, bilden sie stets 
einen in hohem Grade bedeutsamen Zug in der Pbysiognomie der Flachkiiste. 
Auf diese bescbriinkt sind sic desbalb iiicbt ; auch an Hocbkiisten sind sio 
uicbt selteu. Wir vorweisen nur auf die Kiaskustcn der Bretagne und 
Galiziens mit ihren oft aeeartig erweitertcn Einbachtangen *) und erinnem an 
Ersclioinungen von der Art der Bai von San Francisco, Sebenico, Oattaro. 
Audi in dor Gestaltung ibrer Umrisse ist kaum oin Fnterscbied nacbzuweisen, 
zeichuen sich doch gerade die Innenseiten der >iebrungen durch ausgezackte 
und ges&bnte Formen aus — der Gegensatz zu den Seen der Hocbkiisten 
liegt vielmehr wiedciiiin in der regelmiissigon Aussengestalt der abscbliessen- 
den Land masse, in der Geseliigkeit ihres Auftretens, besonders aber in der 
kettenformigen Anorduung. 

Art des YorkommeDB and Aaexdnxmg. 

Beziiglicb der letztgenannton !)' iden Momoiito strdit wirderuni die atlan- 
tiscbe Kiiste der Union obenan. Ausser der 75 km biuguu Strecke an der 
Long Bay in Siid - Carolina und eiuigeu wenigcn anderen an beiden Kiisteu 
des nordlichen Florida ist der Kiistensaum in seiner ganzen ungebeuern Er- 
streckiinf: von Strandseen jeder Gross(' nnd (u st ah erfiillt. Es sind zwei 
Hauptricbtun-^cn der f^riissten Acbse zu konstatit ien : dio TiiiTigenacbse dos 
Sees gebt der Durcbsclmittsrichtuug der Kiiste parullel , oder sie stebt senk- 
recbt auf ihr. Auf iangen Strecken berrscbt eine der beiden Hauptrichtungen 



') Avc'iitoftcr itTid Biin.l. ^L,Mai li r ?r.' im Gotte?ki nnd Hotti^clilotter So«. 
*) lUUti d« Brest, Murbibati, Loriuutj Kia do Curuuua, Furrol, Ares, Uotauzos. 



224 



BeitrUge zur Morphologie der FlachkilsteiL 



avsBcliliesBlich , an anderai treten beide gleidbzeitig anf, an noch anderen tst 
der Saum so wirr zerrisseu und zerstUckt, dass von ii^nd welcher Orientienmg 
Uberhaupt keine Kede mehr aein kann, 

Q6ttalt 

Gebiete senkrecht znr KSste stehender LSngsaclisen sind die Golfkfiste 

von dor Galveston Bay ostwiirts bis zur Mobfle Bay nnd Nordcarolum mit 

dem Albemarle- und Pamplico-Sound. 

Weit hiiufiger und au^gedebuter sind die licgionen vorwiegend der Kiiste 
pamllellaufender Strandseen: Long Island, New Jersey, die Delaware Halb- 
insel. der Curritucksound und das Oetgettade von Florida, der Nordwestteil 
des Staates Florida initl endlich rlic f^^nzc iihrige Kiistf Aim rikas, soweit sie 
flacb und siidlich der Galveston Bay gelegcn ist. Ebeutialuu zahlen die 
afribanische Kiiste vom Santa Ijucia See bis zur Delagoa Bay, die Ostkiiste 
von Madagaskar \md der siidlich YOn Cotschin sich hinziehcnde Teil der 
Malabarkiiste, die (icstadc^ der Ostsee von Ktirland bis zum DanSf die jiitische 
"Westkiiste, der Golf du Lion mid die Landes. 

Beide zugleich treten auf an der Kiiste von Oberguinea und im Fauleu 
Meere. Dem der Nehning nnmittelbar anliegenden, fainter derselben lang «cli 
hiiizieliondcn Teil der Lagunon sind bier wie dort senkreclit ins Laud cin- 
scliTifidende Buchten aufgesetzt. An der Nordseekiiste wird die Ordinate 
durcii die Eliabruchsbecken der Zuider See, des Dollar t and der Jahde, die 
Abscbse durdh das swiscben FesUand und friesiscbMi Inseln lang sich dehnende 
Wattenmeer reprasentiert. Dieses ist in der That nichts anderes als eine 
reduzierto Strandscebildung. Zu beacbten ist die randliobe Gestak der ge- 
nannton Eiiibrucbsseeu. 

V5Uig regellos nacb Lage und Gestalt sind die nSeaFSwamps** in Siid- 
Garolina nnd Georgia^ die Sumpfgegenden des siidlicben Westflorida und bis 
zu einem gewissen Grade auch die Xjagunen des Golfes von Venedig. 

§ 13. Die Klisteninseln. 
AnordnnQg. 

Die fiir oinige Flaelikiistcn charakteristischen Inselreiheii sind teils in 
der Entwickelung begriffene, teils in StUcke zerrissene Straudwillle und 2^eh* 
mngen. In einer ihrer Entwiekelnugspbasen scbwang die NordseekQste Tom 
5den SkalHngen bis zum Helder in ebendentelben leichten nnd scblankcn 
Bogpnlinipn , wip wir derm in andornn (iprjriulen schon so niaiiclie zu be- 
wundern Gelegcnheit fanden und dcrcn Abglanz in der elegantcn uordholliindi- 
scben Kurve sicb noch jetzt widerspiegelt Durcbbrochen war dieser Diinen- 
saum nur an den Mttndungen der grossen Str5me. Jetzt ist derselbe in viele 
einzelne Stiicke Tipr^iprenjrt. von denen nianclie jianz verschwundcn sind — das 
riiuberiscbe Element Mutet, zum Toil stiindig, zum Teil nur zur Fiutzeit, iibcr 
dem einstigen Wobusitz Heissiger, ausduuerudcr Alenscbeu und zoruig stiirmt 
die Woge am nenen Strand den von sachkundiger Menschenhand zur Abwehr 
wbauten Deich. 

Oeetalt 

Dennocb ist audi in den r>rucbstiicken nocb die einstiu;e Form zu er- 
kennen ; nicbt nur in ibrer rji'sanitlioit . in der kettenforinigon AnordnuniT. 
wclcbe von Tcxei bis W'augeroog untl von der Diine von Skt. I'eter auf EiUer- 
stedt fiber Amrum, Sylt, R5m nnd Fan6 nacb Skallingen nod Blaavands Huk 
liinanzii'bt, sondern aucb an jedem einzelnen der Riljuidfi in der gl^itten , der 
offcncn Sec zugokehrten Strandlinic. Diese glatte Aussenseite ist boi alien 
derartigcn Inseln Kegel. Sie ist eine Folgo der Ausgleicbsbestrebungen durcb 
die Meeresbewegungen und stebt in direktem Gegensatz niebt our an d&[ 



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Beitrfigo txu Morphologie der FlachkOsteii. 



225 



jenen enUogcncu iJianenseite , sondern auch zu den Umrissformen binuea- 
Btfiadischer Inseln. 

Ein Blick auf die Karte Nordfrieslands ofTeiibart dies sofort : die West- 
kiiste der crwillinten vior Inseln glatt , p:pradliiiif^ oder saiift gebogeu , die 
Bioueuseite aus- uud eiugebucbtet und gelappt. Fubr, Pelworm, Nordstrand 
uod die Halligen tagea diesen Untenchied an ihrer West- und Oitseite nieht; 
sie haben ringsherum den Charakter der Binnenseite. Ausscrdem sind sie 
regellos im Wattenmeer verstrcut Uiiterscbeiden sie sich darin scbon von 
der Aussenreibe der Duneninseliiy so kommt uocb binzu, dass die grosste 
Achse der letastoen dem alten DOnenstrand itn allgemeinen parallel bleibt, 
de dagegcn kaum nach cincr solcbon orientiert zu werdcn vermugen. 

Anch diese Parallelitiit der Liingsacbsc mit dem Kustenverlaxif kebrt 
bei alien solchen Inseln inuner wieder; sogar bei den Ausseninseln der sea- 
swAmps kann man sie konstatieren. 

Die Nehmrg- 

Wo Inseln dieser Art sich zu Nehrungen zusammensetzen , verbleibt 
natSrlidi der Parallelismus ; zugleicb auch der Gegensatz zwischen Innen- und 
Aussenseite. Jedoch geniigen Karten kleineren Mafsstabes ntcht mehr, om 
die Gliedemng der ersteren in ail ihrer feinheit darziUegeik 



Kapitol II. 

Einzelheiten des fianea^ mit besonderer Berfkcksiehligiiiig der Tiefen* 

verhftltnisse. 

A MoiphoU^gittdMS. 

§ 14. Anfvrderangen an die Kiistenkarte. 

I>ie Generalkarte umfasst weite Gebiete der Erdoberflache. Sie ist des- 
v^en zwar peeignet. die Vcrschiedenbciten und Ge^,'onsritze dor Hori/.ontal- 
gestalt der Kiisten zur Anschamni}; zu briiigen . welcher Umstand uuser 
langeres Verweilen bei dem Gegenstand im vorigen Kapitel gerecbtfertigt er- 
Bcheinen lasst, einen genanen Einblick aber in den Ban der Kiisten selbst 
kann und m ill sie niclit pewalireii ; diosen gewinnt man erst aiif dem Spezialblatt. 

Aii::<^;"r den Einzelheiten der Kiistonzone selbst nuiss dieses einerseits 
die Haujitciiarakter/tige des anlicgenden Festlandes wenigstens andeuten, 
andererseits die Konfigoration des Meeresbodens moglichst genau wiedergeben. 
Letzteres ist um so dringender erforderlich , als ohne Kenntnis der Tiefen- 
vertiiiltnisse oin Verntandni^ der Morphologie einer Kustonstrecko tinrnfif^lich ist. 

Die Tiefen werden durch Zahlen oder durch Linien gleicher Tiele an- 
gegeben. Jede dieser Methoden ersetst die nntenneeriscbe Terrainzeichnnng 
jedoch nur in dem Fallc, wcnn die erste moglicbst vielc und gleichmiissig 
verteilte Tjotun«»pn giebt. oder die zweite, wetin die Tiefenlinien einen sehr 
geringen VertikaUibstaud bewaliren. Anerkennenswerter Weise enthalten auch 
Tiele Karten unserer Handatlanten Isobathen. Sie geben damit zwar 
tSn in grossen Ziigen gehalteneg Bild des Hi liefs der grossen ozeanischen 
Becken, vermcigen aber. da die Tiinieii >\ch durclif^eliends in grossen Vertik-d- 
abstiinden balteu, die V'erbaltnissc im Kiistengebiet selbst, desseu Huheu- 
anteradiiede sich in ungleich engeren Grenzen bewegen, natflriif^ nicht auf- 
zodecken >). 



•) Wit Freude musate schon in der voriotzt<?n Aiisgabo des Stielerschen Handutlas 
daa Vorgehw C. Vogels begiOsat werden, welcher dem BedUrfnitt weiter Kreise inROweit 
nceelit cu werden suchte, nls cr wcnigstens don Ktlatvn der meai- und sQdouropiliscben 
Uaiar Tiefenliiiien bis »u 6 m, dem Tiefgang grosser Panserschi&'e, binab beigab. Soweit 



226 



Ikitrugc zur Morphologic der FlachkUttoa. 



Von Handkaxten darf man niclit mehr als dies verlangen ; ' gesteigerteii 
AnsprUchen aber zu geniigeii , ist seit lung* rer Zeit das Bestreben der Re> 
gienuigen fast allor spefahrendeu Xationen, ullen voran die britiscli(\ gewcsen, 
iiidem sie diirch eigcns dazu bcorderte Schiffe eiuen grosscn Teil der Gesamt- 
kiistenliinge der Erdo vermesseii liossen und die Rosultute in zahlreichea 
Seekarten niederlegten i). Auch unserc juiige Karine hat sich von Tornherein 
der Kiistomi niif'S'^iiMi^ init regem Eifcr and grossem Eiiolc: unterzogen. I>ie 
unter dem Xaineii der britisclion Adiniralitutsknrtrn bekatinten ATifnabtneu 
zcichneu sich /uia allergrossteu Teil durch Gei)auigkeit der liiurisse und 
reichliche Tiefenangaben aus. Audi die Arbeiten der U. 8. Coast Surrey^ 
welclie seit doiii ( istcn Drittel dieses Jahrlmnderts daticrcn und ununter- 
broclien fortgcfuhrt werden . liaben allmiihlich eincii Imlien (-rrad der Voll- 
komnienLeit sowohl der Situation- als audi der Terrainzeiclmung erreicht. 
W&hrend die Blatter aus den fUnfziger und sechsiger Jabren sich hftufig mit 
einer Uossen Skizzierung der Umrisse und den Tiefenangaben der wichtigsteii 
Fahrwasscr bocjniisrton . enthalten die liis in die neueste Zeit in saul> i fcr 
Arbeit fortgefuhrtcu ausser zabUeicheu Lotuogen auch an fiir die Schittabrt 
gar nicbt in Betraeht kommenden Stcllen dne solch vortrefflicbe Terraindar- 
stellung, dass das Ganzo formlich plastisch wirkt. Dass sie , wie Seo- 
karlrn. /ahlioicho Aiigaben von Gruudproben entbalteu, braucbt wohl nicht 
besonders hervorgebobou zu werdeu. 

§ 1&, Kon figuration desozeanischen^odensimallgemeineo. 

Wahrend die Isobathen der Tiefsee einen von den jotzigen Pestland- 
urarissen vielfach voUig unabliiintjigen V'erlauf anfweisoii, \v< Ich< r sit li l)L'k:uintr 
licb am li in demjenigen der Hundi rtfadcnlinin noi.li kim(lL,'iebt . schmiegen 
sich im ailgemeinen diese Linien den heutigen Kusten ura so mehr an, jc ge- 
ringere Meerestiefen sic repriisentieren. Abweichungen von diescr Rcgel sind 
natttrlich selbst in der Fhichsee durchaus keine Seltcnlieit, wie dies die Tiefen- 
verhiiltnisse der Ost- und Nordsce z, IJ. dartliuii. Dio Annahmo eines gleich- 
mtissig gegen die Tiefsccgrcnze absinkendcn l^'iachbodens hics^ic cben dem 
Bereicb der unigestalteudcn Kialt der Meeresbcweguugeu in Geatalt der Welleu 
und Stromangen zu enge Grenzen ziehen* 

Nach Dolesse liisst die Wellenbewcgung in schlammigein Grunde noch 
bis 18H ni Tiofe Spurcn zuriick , und nach Ciakli kann bei heftigen Stiirmon 
Sand in einer Tiefc von 40 m im Kanal, bis zu 80 oi Tiel'e im Mittelineer 
and bis zu 200 m Tiefe im Ozean fortbewegt werden*). Dass andererseita 
auch rcguliire Meeresstromungen bei genugender Gescbwindigkeit eine gewisse 
Transp'utniliiu'k^^it hcsitzon und so die Anordnunfj srlbst t\cv Tiefseeablage- 
ruDgeu zu beemtiussen vi-rratigen, zeigt das Beispiei des Fioridastroines. Isacb 
Eichthofen^ findet sich Schlamm selbst in 1000 m nur sparlich auf seinem 
Grunde; wohl aber ist derBoden in Tiefen von 180 — 600 m und bis zu einer 
Entt'ernun? von 200 km von der Kiisto mit feinem Quarzsand , Bruchstiicken 
von Scbaltiergebauscu und Korallen und Khizopoden bedecktj der ^cbianuu 
scheint also durch die Str5mung fortgetragcn zu werden. 

Konimen nun auch reguUire Meeresstromungen fiir die Ausgestaltung 
der Flachkiisten unmittelbar nicht in Frage, da sie sich ansnahmslos jenseits 



fiicli bis ']eizt (Juiiuar IbiM) ubcfschfn liinst, ist in dei iicu<nlinga erscheinenden Aasgabe 
dies iJjblichc Vcrfiihrcn Itcileuti nd venillgenieinert und aujgedehiit, iudctn aucb den Tiefen- 
verb&lintMen der Lfiguuenbildungen, welcbo in der alteren Ausgabe nur in wenigen F&llen 
(Wattes^biet, Znider See, Bl. 18 und 48) Berficksiehti^'ung erfkbren batten, eine grOnere 
8ofg&lt gowidint't wird. 

Kiuc Angabc der verDiossonou Ku^tonstrcckcQ findet siuh bei v. Bogiulawski, Oseauo- 
giaphic 41 f. 

8umn, Grundri«« d. pbys. Erdk. 138. 
•} ▼. RichUiofcn, FOhrer, 375. 



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bflitrttgo txa llorpliologiA der IlacUtftalett. 



22? 



der Hundertfadenliuie bewegen, so bleiben docli die ortlirli und zeitlich ein- 
setzenden Windtriften imd vor allem die standig wirkeude Kratt der Welien- 
bewegnng ein Faktor Yon nicht genug zu scbilteeiider BedeatuDg. Obne una 
an dieser Stelle aaf eine Betraclitttog der Art und dcs gcgenscitigra Wirkungs* 

verbaUni'^«ps f in/ulassen, bemerkcn wir nitr, d iss lir ide Faktoren, entgegen 
ihrem soDutigeu Bestreben Dach moglicbster \ creiulacliung der Kusieulinie, 
dem Fladiboden ein mannigfaltig gestaltetes Ge])rage aufzudriicken im stande 
sind. Nor kt dabei im Auge zu belialten, dass im Gegensfttz zu dem der 
Abtragung untcrlicgenden Festlande der Meeresboden in orster Linie ein 
Gebiet der Ablagerung und Nivellierung repriisentiert. Demgemass sind deuu 
auch die Hohenuuterscbiede minder auffalleud die des Festlandes. 

§ 16. Eonfiguration dea Heereabodens an den Kllaten. 

Im allgomeinen dacht sich der Meeresboden an den Kiisten — auch 
denen des Flacblandes — steilor ah ah im ofTpnen Ozean ; docli warden audi 
hier die Boschnnprswinkel an frf^if,'tdpgonen Kiistenstreckeii iininor iioch (lurch 
Gradminuteu bestimmt. Aubuaiiineu hiervon bilden die beiden Vorkomniuisse 
an d«r norwegiscben Ktiste, bei JSdern (58,8^) und bei Oerland (67,7*), wo 
in 3 — 4 km Abstand vom TTcr 235 ni Tiefe gelotrt wordon was Boschungs- 
wiokeln von 3 — 3Ya** entspricht. Im iibrigen herrscht die Kegel, dass mit 
zonehmeDder Tiefe eine Verflachung des Grundes eintritt, eine Erscbeinung, 
mlche aicb jenseit der Tiefseegrense wzusagen rbythnisch wiederholt. 

Kordlicb der tiefen Goulrinne im Golf von Biscaya dacbt sich jenseit 
der unter Winkeln von 14 —27' erreichten Tiefe von 20 m der Boden unter 
bochstens 13' (hart nordlich der genannten Scblucht; die flachste Boscbung 
▼on nvr 3,5' findet sicb Tor der Yilaine) sanft zu 200 m ab, nm dann unter 
der ungleicb at&rkeren Neigung \ ri y steil bis gegen 4000 m Tiefe abzu- 
fallen. Von hier aus gestaltet sick die Abdachung wieder ausserst sanft. 
Ganz ahnlicb liegen die Verbaltnisse an der atlantischen Kiiste der Vereinigteu 
Staaten. In der NKhe too. Si Anguatine nnter 29^ N. enbipreeben den an- 
gegelienen Tiefoi folgende Abstftnde Tom Strande, irorana aich beistebende 
B^bungswinkel ergeben: 

Tiefe in Faden . . 3 10 16 100 500 

Abstaud; km ... 0 0,6 3,75 38,0 114 156 
BoechuDg .... 38' 14' Ca*" 7* lo(y. 

Im westlichen Teil des meidkanischen Goltes lassen sich sogar drei Stufen 
naterseheiden. INe folgende Tabelle entspricht einem Quersofanitt tot der 

Matagorda Bay. 

Tiefe in Faden 3 6 9 100 500 1000 1500 2000 
AbsUnd, km 0 1,0 3,b 6,0 100 130 250 300 430 

Boscliung . Vy 7,5' 7,5' 6' lo24' 26' 1"3' 24'. 

Der Boden des Golfes du Lion zcigt eine derjenigen der Bai von 
Biscaya aimliche Gestaltung. Bemerkouswert ist hier jedoch der Ycrlauf der 
100 m-Idnie. Wftbrend nftmlich an der ganzm KfiBtensti«cke ftm Collioure 
bis zur Grand Khone der Boden so regelmiissig absinkt, dass die Fischer aus 
der geloteten Tiefe die Entfemong ibres Bootes vom Lande wissen'), l&uft 



') Supan. a. a. 0.. 183. 

') Th. Fischer, Entw. d. Easten, Pet. Mitt. 1*8 r>. Kin ahnliches Verfahren flbrigeos 
abfln, wie ?. L«hmaiui, Ztscbr. f. tUlg. Krdk. XIX. 1884, 390» berichtet, die Fisober am der 
Uatetpommencbea Kitote. mdem sie die Entfenumgett oach den Soadrifibn oder Schaaren 

bomenten (verpl. nbi r dh^.sc 220 ff.). Da deren Bildung scbon bei geringcn Tiefen anfhOrt, 
80 kann lich die^ AU^^ch^txeu nur nut kur^e Entfernungen vom Strande erstrecken, wie 
Lehmaon dies auch (a. a. 0. 'Ml] bemerkt. Fischer giebt iiber die Aosdehaung des 
Seh&taangsbereichea an der e&dl'tanz&ittsehen KO«te keine Anekunft. 

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228 



Beitr&ge zur Morphologie der FlaohkOsteiL 



die in Frai^e stehende Linio voUig regelius uiid laehrnials in sicli zartickbiegeud 
einher, was um so mehr za verwnndern ist, als die grOaseren Tiefen irieder 
▼ollkomnieii glcichinfissig abfallcn, 

Derartige V^orkommnis«;n Hnden sich an der atlantischen Kiiste dcr Ver- 
einigten Staaten mehiiacb. Uort wiederholeu die Linien von KX) — 2000 Faden 
deu&cb, wenn audi in flaeherer Kurve, die eleganten grossen Bogenfofmen des 
bcnaclibarten Gestades. Dahingegen sind selbst an der so ausnehmend glatten 
Kiiste von Florida die Linien geringerer Tiefen vielfacb gebrochen, wirr und 
regellos. Diese Uuregelmiissigkeiten des Abfalles sind nicht etvra ausscbliess- 
lich an die Elussmttiidungeii und InleU gebnnden, vor welcben eie allerdings 
Begel mnd, Bondem sie treten ohne finsserlich sichtbare Ursache plotzlidL and 
unvermutet auf uiul sind bo'ionflors in dcr Gopond cL-s K. Oannveral aui^e* 
bildet, in dessen Uragebung der Aleeresgrund sebr vielgestaltig erscheint. 

Gegen das Sudende der Halbinsel Florida konyergieren samtliohe Tiefen* 
linien bedeutend unter sich luid rait dem Straiide. Der folgende Quersebnitt 
durch die Floridaetrasse , 15 km attdiich vom Sudende dea Lake Worth, 
zeigt dies. 

Tiefe in Faden . 3 10 100 500 

Absiand, km . . 0 0,25 1,0 7,0 18,0 
Bdschung . . . 1015' 1« lo34' 3«49'. 

Aneh hier lassen die Winkel eine den obigen Schnittlinien gans Shnliche er- 

kennen ; Ticfsceabsturz und kontinentaler Sockel beben sich sebarf hexTor. 

Ill den flacbcn Randmeeron foblt dor Tiofsroabstiirz naturgemass. Den- 

noch weist aucb bier die Schnittlinie gauz ahtdiche cbarakteristiscbe Kuicke 

auf. Ein Scbnitt durdi die Ostaee, yon Bixbdft gegen NO. geriobtet giebt 

folgende Winkel: 

Ticfe, m . , 10 20 50 90 100 

Abstand, km 0 0,6 10,6 21,6 23,8 27,8 
Boschung . . 57' 3.5' 9' lo5' 8,5' 

und im NW. des Golfes von Fetscbili ist die Abdacbung des Bandes der 
grossen Scha lui tin Bank zu der geringen Tiefe des Golfes 70 mal stefler 
als die Bdschung der Bank selbst. 

§ 17. Extreme des Boschungswinkels. 

An einen wirklicben Steilabsturz ist dort dcsbalb trotzdem niclit 7'j 
denkcn , deuu dcr Buscbungswinkel betragt nocb nicht einmal einen vulleu 
Orad 3), so dass ttber der fast 30 km breiten Bank , weldie nvr Tiefen von 
3 Faden aufweist, der Seeboden Tdllig horizontal ist. Die Kiiste von China 
steht iibcrhaiipt , soweit sie Scbwemmlnnd iimfas-sl. in Bozug auf Flacbbeit 
des Mceres])oden3 unerreicht da. Selbst in dem fiir Schiffe zuganglicheren 
Teile des Golfes von Petscbili, gegen die Miindung des Peibo bin, betriigt 
der Boschtingswiokel bis xu Tiefen , wie sie die modernen Krieg^chiffe bo- 
anspruclien , nur 1'. also ueiiau sovicl wie derjenigc der iiorddcutschpn Tief- 
ebene ini .Moridinn von liorlin. AWiter scowlirts riiilicrt sich der Grund nocb 
mehr dcr Horizoataltiii, indem die 10 Fadcn-Linie trst 100 km ostwarts ver- 
lauft. Ebenso flach ist die Abdachang vor den Klisten der Profinz Kiang-an ; 
Tiefen von 20 Faden werden bier erst in 160 km Abstand vom Kontinent 

Selotet. Uebcr den ausgedolinton Ta Sclia-Banken stossen deshalb auch selbst 
ie so sebr iiacbgebeodcn Dschunken iiiiufig auf den Grund. 

In das andere Extrem veryUtnismSssig steiler Bdschongen Terfallen 
Fladikiisten nur an besonders gearteten Oerfliclikeiten, an den Enden weit in 



>) S. Karte B. auf onaerer Tafel. 

*) Brit. Admiralk. Nr. 1262. China East Coast. 



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Beitr&ge zar Morphologie der Fkchkibten. 



229 



See hiimusgebauter Halbinseln iind Kaps tind in den YerbinduugsstrasBen 

zwischen offener See und Strandgewiissern (§ 21). Tni Meridian tod Rix* 
hoft liegen die 20- und 40 m-Linie in 8 resp. 18 km Eutfi rnnng vom Strande 
ab, ostUch vom Dorfe Hela haben sie sich demselben aul" 380 resp. 530 ra 
genUhert Daraus wiirdcn Boschungswinkel von 3"^ und 7,5" rcsulticrcn, 
eine groasere Steilb^t demnach erst von grosserer Tiefo an zu vcrmerken 
scin. BeacVitft man abor. flass irniorliall) dn- ficringeren Tiefcn die Al)d;ir]iung 
die gauze Halbinscl entlang aimaljeriid die gleioho gcblieben und die G m- 
Linie au der angegebenen ^telie immer noch 260 ni vom iStinnde eiitreriit ist, 
so enchmnt in WirUicbkeit der Abfall nngleich bedeutmdw, da anch der 
Boden zwischen 6 ni und 20 m mit 6* 42' an ihm icilnimmt. Daraus in- 
dcssen auf eine Vermindenin{? der Widerstandsfiihigkeit des ganzen Baues 
schliessen zu woUen, wiire verkehi t. Wie die Skizze Nr. 6 auf Tafcl 6 zeigt, 
wird im Gci^tnl gerade im Angriffbberdch der BrandnngsweUe die Basis des- 
selben um ein BetrfiditUchM v^reitert 

B..Morpliologisclies. 

§ 18. Brandnng und Unterstrom. 

Hire Entstelmnfr verdnnkt diese dem eigentlicLen Strande zuniichst 
liegende sehr tiache BOschung der Wellentbatigkeit selbst. Lault die Welle 

unter gleicbbleibendem Winkel ansteigende Sandboscbnng hinanf, so 
nimmt sic grosse Sandmassen mit; beim Zuriickfliessen aber, welches jeder 
Welle folgt . wcrden sowolil diese, als auch olierlialh des mitlleren Niveans 
abgerissene Kuntcben zuriickgeschwemmt und unterhalb ihres urspriingliehen 
Standortes zur Ablageruug gebracht. Der weitere Transport in See unterliegt 
daon wesenilidi der Tb&tigkeit des Unterstromes. 

Der Sog. 

Diese von den Anwolmeru der Ostseegestade mit dem Worte „Sog'' be- 
zeichnete Erscheiniing ist der eigentliche Schupfer der ebenen Stufe. Letztere 
ist an alien sandigen Kiisten aiisgebildet. Hire Breite biingt al> von den 
Diniensionen der Wellen , dfr Korngriisse und dem spezifischen Gewicbte des 
zu transportierenden Materials unJ der ursprttnglicben Boschung des Unter- 
gmndes. Sie ist hanfig der Triger einer anderen Encbeinmng, welche mit 
dem Sog im engsten genetischen Zosaminenbange steht^ der £racbeiming der 
Sandriffe oder Schaare. 

Die Sohaare. 

Hagen nennt dip^o 2) ^eine wichtigo Erscheinung, die sich in der Natur 
sehr biiufig wiederiiudci und bei flacher Ansteigung des Grundes vielleicht 
jedesmal Torkmnrnt". Ackermann') giebt in Uebereinstimmung mit Hagen 
nnd ArSminel folgende Erkliirung ihrcs Wesens und ihrer Entstehung: 

„Dic sebr grossen Wellen bei starkem auflandigcn Wind wiiblen mancho 
Bestandteile des Mecresgrundes , die infolge der Zerstorung von iSteilkiistcn 
seevSrts gefubrt und dort abgelagert varen, aiif imd nfihem dieselben dem 
Ufer. Die untere Strdmung fiibrt aber die Stoffe, welche der Oberstrom der- 
selben Welle dem Ufer genahert hatte , wenigstens teilweise wiedcr seewarts. 
Weil jedoch dort, wo der Unterstrom dieser Welle und der Oberstrom der 
nSchst folgenden ntsammentreffeni relatire Rnhe eintritt, so miissmi beide 
Str5nningen wenigstens einen Teil ihres mitgefiibrtcn Materiak an diesem 
BjJof /•n]innl:^.e ablagern. Dieselben sind freilich hci jedeni Winde andfit- , da 
aber an jeder Kiiste eiue bestimmte Windrichtung die vorherrschende ist, so 



') Bfutscho Admiralk. Ostsee VK, 1:150000. 
*) Krtlmmol, Ozeanogniphic, 106. 

*) AckexmaiiQ, pbyB. Geogr. d. OabMe^ 48. * 



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^30 



^itrSgd car Morphologio der FlachkOfltent 



bildcQ sich Reihen von Sandriffen aus, die untereinander und gewuhnlicb aucU 
mit dem Ufer parallel verlaufeti und durch tiefe Wasserriuncn von einander 
getrenot sind. Man bezeichnit diese Biflfe an den deutschen. KQsfeen der Ost* 
see mit dein Ausdruck ,Schaare"." 

Allgemeiii bekanut ist ilire Au^bildung, au8$t'r an den Kiisten der Ost- 
8ee> an der Wesfkflste Jfltlaude und am Badestrand von Sylt Ihre Zahl 
wird gewohnlicli mit drei angegeben, doch ist sowohl diese wie auch besonJei-s 
ihre Lap;c und Gestalt so wenifr konstant, dass P. Lehraann einmal ostlicli 
der Glawuitz an der hinterpommerschen KUste eia solches Kiff bianen 24 
Stunden urn einen Tollen Schritt voigerttckt £uid^). Umspringender Wind 
und heftige seitliche Wasserrersetsnng vermfigen dieaelboi an gaoxen Kiisten- 
sirecken zcitwcilig auszuebnen. 

Nach Ackermann ^) vermogen dio Scliaare bei iiochwusser an geeigoeteo 
Stellen eine solche H5he zu erreichen , dass sie nach Ablauf der bei anf> 
landigen, langere Zeit andauernden Stiinnon st^ sioli einstelleuden Stauung 
sogar zu Anhaltspunkton fur weitere Anschwemmungen wcr^lon kniuipn In 
viel allgemeinerer Weise jedoch iiussert nich die TraDspoctfahigk^it der VV cilun 
darin, dass sie den Seesand bei aaflandigen StQrmen vallartig auf den hochsten 
Strandsaum werfen, von wo ans derselbe nach Abfluas des Stauwasaers dnrdi 
auflandige Winde den Diinen -/ngeffihrt wird. 

Lehmann konstatierte Kittbildung an der hinterpommerschen Kiiste nur 
bis zu Tiefen von 4 — 5 m>), doch ist mit Hagen auzunehmen, dass bei sorg- 
siiiner Peilung, zu welcher Lehnuuin die Zeit mangelte, auch in grdsseren 
Tiefen iioch sich derartige Bildungen Toi£nden, wenn sie aucb sich nur weoig 
von dem tlachea Gruude abheben. 

Wellaiuiiteiuitik uad Sandsone. 

AVie selir librigcns die Intensitat der Wellcnbe^egung auf die Aus- 
brcitung der SSandzoae auf anders geartctem Grunde eiiiwirkt. llisst sich deut- 
lich bei Betrachtuug des Meeresgrundes um Uela erkenneu. in den alien 
Stttrmen offoien Teilen der sQdlichen Osteee Hegt die Grenze swischen nr* 
sprungliclicm Thon und auflagerndem Sand in Tiefen von Uber 60 m*), im 
Putzigor Wiek dagcgon zwischen 20 und 30 m. Es geniigt also der Schutz, 
welcheu die flache Haibiusel der sehr weit gebffneten Bucht gewahrt, voU- 
stftndig, um den Tiefenbereich des Sandes auf veniger als die Hiilfte herab- 
zumindem. Ebenso berichtet Uagen , dass vor Pillan » i,wo die Ufer tdls 
hoch mit Sand bedeckt sind, teils ganz aus Sandablagerungen bestehen , und 
wo auch das tiefe Fahrwasser Ubor dem Sande sich hiozieht, deunoch der 
Grund der Rhede nur z&her Thon und ganz frei von Sand ist." Bea/chtet 
man . dass es sich bier um Tiefen von noch nicht oinmal 10 m handelt (die 
[kiiiistlich hcrgcstellte] grijsste Tiefe dos Pillauer Fahrwasscrs brtrri'.'t 9,8 m), 
und dass die Herabminderung der Sandzoue selbst im Bereich der iierrschen- 
den wsstlichen StUnne, welche ungehindert das Tief passieren konnen, statt- 
findet, so erscheiut dieses B('is])iel als ein glanzcnder Bcleg fiir den Einflun» 
wclchcn sok he . die freie Wellenentfaltung hiiidernde Oertiichkeiten auf die 
Ausgestaltuug des Mccresbodens auszuiiben vermogen« 

Gezeitenstrom ttad Bsndsone. 

Selbst ill Gebieten heftiger Gezeiteiistrfimc, deren Transportkraft bekannt- 
Uch sehr btuleutend ist, bewirkt der Scbutz vorliegender Land/.uiigen und 
luseln cine oft sehr auffiillige Verschmiilerujig der Sand20ne in deu geschiltzten 

■) V. LclimauD, d. lunlorpomm. KOete, Ztsclur. f. aOg. Erdk. 1884, 391. 

') At kiTinaxin, ythya. Geogr. d. Ustsee, 43. 

'•'} Lehmann, a. a. 0., 391. 

^) Deutsche Admiralk., Ostaee Vil* 

•) Xrttmmel, a. a. 0., 107. 



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Beitifige zar Morpfaologie der Flaohkfitteo. 



231 



Ueeresteileu. Bdcaimt siud in dieser Beziehung die Wattenmeere , in deneu 
diesellM auf ein Mimmum reduziert i«t, wohingegen s. B. die gesamte Nord- 

see ausserhalb der Kiistenzone tlurchwog sandigon Grund hut. In der einem 
starken Flutwechsel ausgesetztea Alassacliust tts iSai •) TDaclif sicli ilor Gegm- 
satz zwischen gescbutzter imd ungeschUtzter Lage ebentalls bemerklich. Die 
Bncht erh&lt einen gewiasen Abtchliifis durch die allerdings 10—15 Faden 
Uef liegende Stellwagens Bank. Trotzdom ist dtr Grutid fast ganzUch mi( 
Sand . Kies und Bruchstticken von MuscIk ls( lialen Uberderkt . und nur eine 
kleine Fliiche vud oiehr als 40 Faden Tiel'e, weldie unmittelbar hiuter der 
Bank sieb befindet, ist sandfrei and zeigt den charakteristiseheu green mud. 

Offenkandiger iioeh ist der Schntx, wdchen dje langgestreckte Halbinsel 

dea Kap Cod der gleichnamigen Bucht gewiiiirt. Dieso ist durchscbnittlich 
nur hail) so tiff als dio hcnacbbarto ]\f:issiicliusotls Bai mid den gewaltigeo 
8tiirmen aus den nordlifheu beideu (^uadranten weit geoHnet. Trotzalledem 
ist nicbt nw der gesamte Grand von 17 Faden Tiefe an vollig sandfrei, 
sondern sogar in der sclimalen Strassc zwiscben K. Cod und der in seiner 
Verliingenmg Ht'gonden Stt ll\vnf,'ens Bank finden sich in den grossien Tiefen 
Doch schwacbe Spuren einer greea mud-Bedeckuug. 

§ 19. Entstehung der Steilgrunde. 

Zu diesen griissten Tiefen , welche in dem engsten Teile der Strasae bis 
35 Faden betragen, sinkt der sandige Grund unier iibnlich grossen fioscbungs- 
winkeln binab, wie wir 8ie am K. Uela kennen gelernt baben. Auch bier 
beginnt dtM- Sleilabfall erst jeiiseits einer selir Hach gc'neigten Brandunj^s- 
terrasse, welclie in rtwa gleicher Breite wie am K. Hcla die Tiefen bis zu 
3 Faden umfasst, uud wie dort bicb die Hteile Biiscbuug um die iiaudspitze 
bsrum an dem dem Putziger Wiek xugekebrten Ufer nocb eine betrftchtliebe 
Strecke fortaetzt, so erstreckt sie sicb aucb bier an der Binnenseite der Halb- 
insel bis gegen Provincetown bin. Trotz dieser Aehnlichkeitcn fiihrt die Frage 
nacb der Entstebung dieser Steilgriinde auf gauz verscbiedenartigc Faktoren 
siirnck. 

SteilgrBnds ■m Xap Hsla. 

Da in der Ostsee die Gezeiten gar nicbt und die KiistenstrSmung in nur 

geringem Grade fiir den Aufbau der Halbinsel Hela in Frage kommen 
(SJ 25), so verbleibt als ruispt'staltcnder Faktor nur die Wellenbewegung. 
Wie diese im Vereiu niit dem „Sog*' eiuerseits auf gleichmiissig flacbem 
Grande den Seesand fiber die Kttstenaone verteilt, andererseits an einon so 
bildsameu Aufbau , wie iiin das verdickte Ende der Halbinsel darstellt , die 
ebene Brandunf,'sflaehe scbafft, baben wir bereits oben (S. 220 ff.) fjeselien. 
Ware biermit die mecbanische Einwirkung der Welle auf den Grund crscbopft, 
So mfisste das aus tiefem Wasser aufragende K. Hela unterbalb dieser Zone 
uuter Boscbungswinkeln einfallen, wie sie dem Seesand im Wasser eigentUmlicb 
Bind. Die that :I blicbe Verflachung dieser naturlichen Dossierung ist dem 
Umstaude zuzuscbreiben , dass mil zuuebmender Wassertiefe die borizontale 
Amplitude der Orbitalbabnen der Wellenteilcben zwar ebeufalls geringer wird, 
jedoch in weit geringerem Masse abuimmt als die vertikale, so dass eine ge- 
ringfiigige seitliche VerscbiebunK feiiur SaiidkOrncben aucb in griJsseren Tiefen 
nocb ermuglicht wird. Auf der dem Putziger Wiek zugekehrten Seite der 
Nebrung , you K. Hela bis etwa zuiu Huiiterncbt iiaken, ist eben desbalb, 
veil roit der verminderten Wellenbobe die mecbaniscbe Tiefenwirknng abge> 
schwaclit wird . die Boscbung unterbalb des Brandungsstramdes eine steilere 
als an dar Aussenseite. 



•) S. Karte A der beifolgendea Tafel. 



232 



Beitr&ge zur Morphologie der FlachkOaUn. 



§ 20. Entstchuug, Erhaltung undFortbildung vonKapCod»). 

Am K. Cod tritt als ausgestalteiidcr Faktor das Phanomeri dar Gezeiteri 
in den Vordergrund. Wie die Massachusetts Bay, so ist auch die K. Cod 
Bay einem heftigen Flutwechsel ausgcssetzt. Im Hafen von Boston beir&gt 
dersc'lbe zur Spiiiif^zcit 11.3' b<'i tauhor Zeit 8,5, im Mittel 10 amer. Fuss; 
die entsprechendcii \\ i rlc fiir Piovincetown sind : 10,8'. 7,7' imd 9,2'. Boi 
diesem Ausmass und dei- eigeuartigen Konfiguratioa dieser Kii^itcDregiou ist 
auch der Gezeitonstrom heftig; an der Aussenseite von K. Cod ist besonders 
der nordwarts setzende Flutstrom so stark, dass, wie H. Thoreau ») berichtet, 
selbst beim stHrk^ton auHandif^eii Sturm Treibholz nicht an Land kommt, 
sondcrn nordwarts getrieben wird. Uass unter diesen Umstilnden der Gezeiten- 
strom Ton grosser Bedeutong nicht nur fUr die Ausgestaltung des Meeres- 
grundcs , sonderu sogar fiir die Entwickclung der Halbinsel selbst geveeen 
und fortdauernd noch sein muss, eracheint aelbstverst&ndiich. 

Satatdrong. 

Die ILilljiDsel des K. Cod ist nicht wie die unvollendctc Nebrung der 
Danziger Bucht rein alluvialen Frsprunges , sondcrn birgt in ibrem sOdlichen 
grosseren Teil ibrer Gesamttistieckung eiaen alteren Kern, welcber nach 
Hitchcock, dem frfiheren Geologeu des Staates Massachusetts, dor Dihivial* 
periode angebort Diesem Kern ist nur an den Kiindorn ein alluvialer Saum 
angelagert. Auf der sudlicben Hiilfto des Kaps findet man p^rosse Steiublocke, 
auf den letzten 30 Stat. - Meilen jedoch nur Geschiebe (boulders) oder Kies. 
Hitchcock nimmt an, dass der Ozean im Laufe der Zeit den Hafen von Boston 
und andere Buclit( n des Kontinents ausgefressen babe und dass diese Flrag- 
mente durc-h die Stroinnngen in einiger Eiitfeiiinng von der KUste abgesetst 
worden seien und dort diese Sandbank gebiidet biltten. 

So feststebend der erste Teil der Annabmc ist, so unrichtig ist der 
andere. Gewisslicb sind die vereinigton Agentien des Meeres und der Loft 
im stande, im Laufe der Zeit cine Bank von almlich grossem Uuifange zwar 
vric K. Cod zusammen/.utragen, sobald die \'orhiiltuisse danach angethaii sind 
(Tsutig ^ling), eineu Bau abc-r von solcber Kumuibohe und solcher Zusammen- 
setzung konnten dieselben an dieser «qponierten Stelle niemals aulf&hren, 
Venn nicht ein fester alterer Kern gleichsam als Fundament priiexistiert hatte. 

Dieses Fundamont ist nun in der That vorhanden ; es ist dies jener 
30 — 60 m hohe, aus Tbun und Geschieben bestebende Hiihenzug, weluher die 
Halbinsel bis Truro hinaaf durdmeht 

Wie konnte sioh denn aber, wird man i inwenden miissen, dieser schmale^ 
langgedehnte , keineswe^ sehr widerstamistahige Hobenriicken inmitten der 
allgemeinen Zerstoruug gerade an dieser expooierteu Stelle intakt erhalten, 
wenn selbst so harte Landmassen wie das felsige Nantncket und Martha's 
Vineyard so grosse Verlnste erlitton? Verwunderlich eradieint dies nun aller- 
dings , wonn man das Kap nach Lage und Gestalt dcm Kontincnt und den 
Hau^tsturmricbtungen gegenuber betrachtct ; die Scbwieri|;keiten der Erkliiruug 
schwinden jedoch, sobald man seine nMchste Umgebung ins Ange fasst. 

Die Kiiste von Massacliusctts und Rhode Isl t:i 1 erwcckt den Eindnudc 
einer Boddeukiistc. (jK'icli wie an dieser sind audi ihro zieinlicb stark zer- 
rissenen Konturen auf Meereseinbruche zuriickzufiihren , die wie an der Ost- 
see die Folge einer positiven Strandverschiebuiig waren*). AUer Wahrscheiu- 

n S. did Earten Mr. A and £ auf uuaerer TafeL 
*) H. Thoroiin, Cape Cod, 149. 

») Thoreftn. Cnpe Cod, 16. H. WTtiting fKciiort of the U. S. C-oast Survey 1867, 
App. 12, Ihb) sckfeibt dieaem siidlich von Hi^^h iiuad in Truro geleffenen Teil des Kapt 
eb^nfalls ein hOberes als alluviales Alter zii, ^lebt aber keine nahere Befltimmung. 

*) Feixck, Uiu. Wi«8en t. d. £rde, li, 4tt7. Ueber Belege fllr die positive Straadv«r>^ 
•cbiebaag der XQste Ton lIsMSidMMette a. Batsel, d. Vemnigten Staattn, 1, 151. 



Digitizn^ I" rToooTc 



Beitr&ge zur Morphologie dcr Flachktitileii. 



lujhkeit nach war es dasselbe Vorclringen des Ozeans, welches, wie es hier 
din Burhten von Boston \m<\ vnn Plvnionth, die K. Cod Bay und don Nan- 
tui lu't iSouud schuf, weitur ?>ii(llicli die liimanc von New-^'nik. d. s Delaware 
uuU der Chesapeake Bay uud die Kieseuliafle des Albemarle uiul raaiplico 
Sondes eneugte und im N. der KliBte von Maine den Cbarakter der Fjord- 
kiiste attfdruckte. 

Erbaltimg, 

In dom wachsendon Aiistiirm der Gewasser konnte K. Cod einer voll- 
standigen Zerstorung nur dadurch cntgeheu, dass ausser seinetn eigencn, zu 
danemdem Schotze uogenugcnden , das anfbereitete Abbruchsmaterial der im 
S. zerstortcn I^andmassen sich friihzeitig als BchiitzendiT Mantel nm den Kern 
des jet/ifT( II Kajts Ic^tr. Ein ffstes Ufer findct bckanntlich kaiim oino bcsspro 
Scbutzwehr gegeu die abradiereude Kraft der Branduni^swcllc als < ine ge- 
niigend dicke und breite Sandlage, auf der die Wogc /.uiu liicchen kommt. 
Nun ist zwar der Sand ansserordentlicb bcweglicb, so dass ohne inimerw&breu- 
deii Ersatz der alte Steilr;iTid sehr bald wieder der Abrasion freigegeben wor- 
dc n -v-irt' ; beriicksicbtigt man abor , dass die Bedinorun<(t'n fiir eine stetige 
Zuiulir aeuen 3Iaterials hier von jeber gcgebeu waron, so erscheiut die Er- 
baltttog des Eaps durcb diese WandersSnde ttber jeglichen Zweifel erbaben. 

Der Kampf um K. Cod bat nun mutmasslicb folgenden Vcrlauf genommen. 
Vor dem Eiiibruch des Metres stellte die houtige JMassachusetts Bay eiue 
tiache Seiike dar, welchc samt dem etwas biiher liegciiden Gebiet der jetzigeu 
K« Cod Bay vom offenen Meere gegen S. durcb eine breit bineingelagerte 
Jjandmasse . fjcgen O. dagegen durcli einen scbnialen Landriicken getrennt 
wiirde, welciitr vou Monoiiu»y Point sich NNW. bis gegon das K. Ann bin 
erstreckte Dcr Durcb bruch dieses uatiirlicheu Wallcs eriolgte au zwei 
Stollen^ etwa unter i39 fKY nordl. Br. sttdlicb Tom K. Ann and weiter sndlieb 
zwiscben dcr jetsigen Stellwagons Bank und K. Cod. Wiihreod nvn der nord-> 
licbf Tfc'il der nunmehrigen Xebrung der Branduufr aus W.. X. iind O. schiitzlos 

Sreisgegeben war, so dass heutigen Tages nur noch die ripplemarks iiber der 
teUwagen Bank seine einstige Ebdstens beseugen, trat der sUdlicbe, mit detn 
Kontinent verbundeno TeU, das jetzige K. Cod, in den Scbutz der scbon et* 
W&bnten Wandorsande. 

Der eigentliche Konservator des Kaps ist der Flutstroni. Wie gewaltige 
Sandmassen die Brandung audi auf den Strand werfen oder seewiirts entfuhren 
mag, so ergiebig sorgt er fttr Ersatz von den sUdlich gclegcnen IJntiefen — 
so Tan;;o diesc Quellen tliossen. werdi'ii die Amerikaner nicbt notig baben, fUr 
die FortdauLi" ihrcs K. Cod bange zu sfiii. 

Dass der iiurdlich setzende Flutstrom seine scbittzeude Wirkung iiiciit 
auch anf den nSrdUchen Tdl des ebemaligm flSbenrUckens aussudebnen ver- 
mochte, findet seine Ursache in der Ablenkung desselben, bcvor er diesen er- 
reicht. Das Flutf^ebiot der K. Cod Bay /ieht ibn mit >f;K*bt von seinem 
Wege ab durcb das Seegat nordlich des Kaps in ibren weiten Schoss. Die 
Umbiegung erfolgt nicbt plStzlicb; sie kennxeidinet sicb vielmebr in der ans- 
gezeichuet regelniiissigen, sanft konvex gerundeten Bogenforra , wetcbe fur die 
Kflstenlinie von „ Province Land ' so sehr charakteristisch ist. 

Dieses vcrdickte £odo des Kaps ist eiuo rein alluviale Bilduug >). Es 
verdankt Eotstehung und Erbaltnng dem Flntstrom insofern (iiber die Mit- 
wirknng des Ebbesbromes S. 236i als di(> vou diesem mitgefuhrtea Sinkstoffe 
Ton jeber zmn grossen Teil auf den Strand geworfen worden sind, von wo sie 



*) Dieser Anridii ist anch L. Amimzi It is geologioalljr certain, that all the drift 
islaiids of tile (Botten) harbour hare ionned the enerosidiiiieiit of tlie sea upon a sheet 
of drift which extended in unbroken continuity (tcm C. Ann to C. Cod sad farther south. 
Beport U. S. C. S., 1867, 183. 

*} WUting, Bepoit U. a a S. 1867, ISS. 



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234 BeHzftge znr Morphologie der FlaeliUttoB. 

als em Spiel der nordlichea Winde ala WanderdKnen davongetrieben wurdeo, 
bis sie im ruhigen Binnenwasser wieder ein iieues nasses Grab fandeu. Durch 
staiidige £rbobuDg unci Verbreiteruug bildete Bich so der Knoten beraus. Wie 
Whiting sebr richtig bemcrkt, ist die ftussere EUetenlinie der Entstebiug nach 
&lter als die Ubrige JMaase Ton Province Land >). 

Fortbildung. 

Naturgemass ist die dem stiimiisflien Ozean abgewandte Seite do? Kaps 
der ^egebene Ort iiir Keulaudbildungeo ; auf der Ostseite tindeo sich sulche 
nur in den gescbiitzten Bucbten, Irrig ware es jedoch , voUte man anf der 
Innenseite Uberall Anwacfaa Toraussetx* n. Dii s ist in d(>r That nicbt der Fall; 
vielmebr trelFen die T^inwobner unc;efjibr das Itichti^re. indem sie sagen : ,,das 
Kap nimmt an beideii Seiten ab, debut sich aber m gewissen Punkteu im S. 
und W. aus^ und sicb mit dem Gcdaukcn trosten, dass, was der Ozean dem 
eiiien Teil nimmt, er d^ and^n giebt ^ robs Peter to pay Paul fiigt 
H. Thoreau (140) liin/.u. 

Wio die gauze Halbiiisel cum graiio s;ilis als ein Geschenk des Gezeiten- 
stromes zu betracbteu ist, so stebt auch der Anwacbs in morpbologischcr Be- 
siebnng voU und ganz im Zeichen desaelben. Das hervorragendste Interesse 
erbeischt nacb Gestalt und Lage Long Point, niichstdem Race Point. Beide 
Gebilde setzen da an , wo die glatte Kiistenlinie plotzbcb zuriicktritt. Die 
Frage uacb ibrer Eutstebung fiibrt zuglcicb zu ciucm Yersucb der Erklarung 
dar st^en Gnmdbdscbungen , wdche beide in ibrer ganzen Eretreckung be- 
gleiten. 

Btednugaa im Xap Ood Haibor. 

Die Flat konn in die ]liaz8a«hiiBettB Bay nnr von O. und NO. eintreteoi 

in die K. Cod Bai nur von N. und in den K. Cod Harbor nur von S. Eine 
^'prL'I'iclmng der Haffiizoitcn dor aiilie,i»enden Pliit/o ergiebt in der That 
wenigstens fiir den nordiichcn Teii dor K. Cod Bai eine dem Gang des Uhr- 
zeigcrs entgegcDgtsetzte Bewegung des Flutstromes. Einen sicbtbaren Bcleg 
liefert die Beach Point Nehrung, welcbe dnrcb diesen TOn S. kommenden 
Strom cntstandeu ist -). 

liiiuft nun die Flut in der K. Ood Bai auf, so werden grossc Wasser- 
masseu mit bedcutcudeni Uruck in den K. Cod Harbor gepresst. Die zeutri- 
fttgale Bewegung drUckt dieselben hart an die Wandungen des Kessels und 
bindert dadurch niclil nur jeglichc Ablagerung, sondern bat an der Stello dor 
scbarfsten Kriimmung, wo Gescbwindigkeit und Fliebkmft am grossten sind, 
sogar zu erodieren vermocbt. Dieses Fegen der Wanduugeu erstreckt 
aich jedoch ^ wie die Linien gleicher Tiefe beweisen , nor auf die tiefer ge> 
legenen Teile dersclben ; erst von der Niedrigwazzerlinie an ISUt die BSachui^ 
Bteil zu mebr als 50 Fuss Tiefe ab. 

Was wiibrcad der Zeit des Abebbens an trauspurtierbarem Material von 
den oberen fiachen B;^onen auf den tieferen Grand gozogen worden ist, wirdf 
urn mancherlei durch den Flutstrom von ausscn zugefiihrte Scdimcnte vermebrt, 
irit ansteigender Flut seitwarts und nach oben gesdileudcrt. (regen das Watt 
liin wird die seitlicbe Bewegung der Teilcbeu sehr bald durch den entgegen- 
¥rirkendeu Drnck dee mittlerweile uber jenes hinaus getrefcenen Hochwaesers 
neutralisiertf and wilhrcnd der rclativen Kuhc des Stauwassers kommt ein Tetl 
von ibnoTi sowobl auf d* in ^^'att selhst wio auch cntlang der Niedrigwasser- 
liuie zur Ablagerung. So erklilrt sich die Erhiihung des Watts wie aucb daa 
durch Schraffen angedeutete Vorrfidcen dieeer lonie. 



») Ebcada. 

^ Anefa WhitiBga Meintung geht da ImiMa.' Bap. 158. 



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■ 



Beiirilg0 aur Morphologie d«r FlMlAflitflA. 235 

EntatohuDg von Long Point. 

Hat tier Flutstrom den Weg an dem inneren Straude des K. Cod ent- 
lang, an Provincetown vorbei, zuriickgelegt, so stosst er schliesslich tad einen 
Teil seiner Belbst, welcher dtn Bogen nicht niit umschrieben hat. Wo sie 
einander brgegnen. tritt ein Ztistiind rclativer Kulic i-in urid die niitgefiihrten 
Sinkstoffe siiiken zu Baden. 80 euUitaiid Lung Point. Es in seiner ganzen 
Erstreckuug als eine gleichzeitige Bildung aufzufasiijea, eibclieint gewagt, wenn 
nan die Yerftnderangen betmcbtet, wdche allein in dem kunen Zt itraume 
von 1834 bis 1867 statt batten ; nimnit man aber die ortlichen Verliiiltnisae 
wie sie jetzt liegen, so war ihm Richtung and Gestalt fest vorgezeichnet. 

Der Ausgangspuukt fUr wuitere Anschwemmungen scheint die kplben- 
fSmiige y^dickung geweeen m seio, welche gende dort liegt, wo der von 
kommonde Flutstrom auf das sudliche Stauwasser treffen musste. Aus der 
nunmehr erforderlichen plotzlicben Ableukung des Nordstromes nach O. erklart 
sich uebeu der sieiler werdeaden Boschung des Grundes (60—75' hart am 
Strand, Whiting 151) anch das immerbin machtige Anwaobaen der Nebning 
in dieser Bichtung. Oer Verbindung des Knotens mit Promce Land stand, 
nn»lfdom ciiimiil eiii nihiges Binnengewasser geschaffcn war, nichts inehr im 
Wege. Sie scheint zur Hiilfte von K. Cod ausgcgangeu zu seiu, wenigsteus 
Utoei darauf der Ausgangspunkt scbliessen , welcber sicb , wie schon erwSbnt 
worde (234)» da befindet, wo die Kiiste schroflf zurticktritt. Der andere Teil 
liof»t dem breit hingelugertcn Watt unmittelbar vor; uUoni Anschein nach ist 
er aus einer Reihe von Schwcinniiiiseln bervorgegangen, welche sich nach und 
nach zu dem heutigen Wall veroinigteu. 

Wachstnm von Long Point. 

Nach Whiting ist Long Poin* von 1835-67 urn 2 460' T)aoh NNO. in 
die Bucht hinausgewachsen. Dieser Auwachs ist aber nur daiuu zu verstehen, 
dass in dieBem Zeitranm die schon vorbandene, aber mehrfacb durcbbrocbene 
Bank sich soweit erh5hte, dass sie von der Flut nicht niehr uberlaufen wurde. 
X)enn einmal ware ein bis auf den (irund junges Gebilde doch katim im stande, 
die Last eines Leuchtturmes zu tragen, danu aber ist auch wiihreud jeucr 
P^ode die Niedrtgwasso'linie nur nm den xebnten Teil jenes Betrages aee* 
w&rts geriickt. 

Beide Thatsachen sind sehr wobl init einander vcreinbar und werden 
auch ?on Whiting bestatigt. Befand die Bank sich am Aofang unseres Jahr- 
hnnderts anch znm grSasten Teil nnter dem Niveau dea Kiedrigwassers , so 
dass sie auf ^fajor Grahams Karte keine Aiifnahme finden konnte ») , so war 
dennoch durch ihr Vorhandensein die Grundlage fiir eine so ungehinderte und 
rapide Auflagerung gegeben, dass schon wenige Jahrzehute spiiter, nachdem 
KuDstbauten und beach-grass Anpflanzungen ebcnfalls zur Erhohung beigctragen 
batten (Whiting 151), die Bank sich jederzeit Uber Flntbohe erbenen and 
obne Dnterbrechunp wdt in das tiefe Wasser liinausragen knnnto. 

Ist somit ein Vorselueben des Ebbestrandes um ca. 80' jahrlieh zur Er- 
kliiruug der Angabe gar nicht i,. urderhch, so ist es audererseits deu orthchen 
VerbiUtnissen gegenuber kaom denkluur. In vielen Fftllen ttbertrifft der Ebbe> 
Strom den Flutstrom an Geschwindigkeit und Effekt. Die Wirkuugeu des 
letzteren zu betrachten haben wir bcroits Gelegenheit gefunden ; sie bestanden 
eincsteils in der Reiuhaltung der spiralforraig gebogeneu Wandung des K. God 
Harbor, die sidi lokal mr iBrosion steigerte, andemteils in Auftragung von 
Sinkstoffen auf den Wattbod^ Der Ebbcstroni tritt bier ausschliesslich 
fegf^nd auf. Bei der eigentiimlichen Kon figuration dieses Meeresteiles ist vor- 
auiizusehen, dass der ofiene Teil der Bay in irgeud einer Phase der £bbe ein 
aiedngeres NiTean beutsra mass ab dw fast ganz g^blossene E. Ood Harbor. 

0 Iheae Xarie enchiea 1885. 



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236 



Beiizftge car ]|(»rphoIogie der Flachkttstan. 



Das Wasser des letzteren strebt also mit grosser Hcftigkcit uach aussen, es 
vird auf dem kfirzesten Wege um die Spitze von Long Point hernm und hart 
am Strando der Nehrang entlang geiissen. Dio Folge bi^rvon ist zunachst 

die verhaltnisMiassi^ ficrinjxp Verlanijrrun^ dt r Laml/.unp:o . dann deren jaher 
Abbrucb zu dem hier 75' tief iiegeudeu Gruude der Bai und endlich jene 
2. T. noch tiefere Binne in demselbeu, welcLe, allmablicb breiter werdend, 
die KllBte bis ttber Bace Point hinaus begleitet. 

Kace Foint- 

Diese Landzuuge liegt im Gegensatz zu Long i'uinL irei und oti'en gegea 
die TorherrBchenden Sturmrichtungen; sie ist demnach als ein normaler Kfisten- 

wall aufzufassen, der seine EntstebuDg hanplsiiclilicli dcr si itliclicii VerschieLuiig 
des festen !\Iateriak durch die Brandungswelle verdankt (§§ 24, 25). Ub der 
Flutetrotn sich an der Ausgestaltung iUrer Konturen beteiligt, ist aus der 
amerikaniflchen Karte*) nicbt zu ersehen; eine EiowirkuDg d^ EbbestromeB 
dagegen auf die Gestaltung des benacbbartcn ^leeresbodens ist zweifellos darin 
zu prblickcn, dass der Strom, in seinem BiLitt'i)aTisina'?s durcli Race Point und 
Stellwagen's Bank eingeengt, die Wandungeu beider iegt und dadurch jene 
steflen BSscbungen scbafft, wdche fiir beide so cbarakteristiscb sind. 

Leider lassen die ainerikaniscbcn Karten nicht crkennen, ob der Ebbe- 
strom sich mit der Reinhaltung des ongsten Teiles der Strasse begniigt . n l r 
ob er sogar Erosioaserscbeinungen gezeitigt hat. Die besonders rechtti vooi 
ausgebenden Strom entwickelte, Province Land uordlich angelagerte Bank 
lasst keinen Scblttss darauf bin zu; sie hesa^t imr, dass die Materialien, weklie 
durch Flutstrom und Brainlungswelle der K. Cod Bai /ugefuhrt werden, durcb 
den Ebbestrom z. T. iiiuuer wiodcr zuriick^'etra'^cii und von den Wellen auf 
den Strand gewurfeu wurdeu, wu sie zuui Diinenbau Verweuduiig liudeu. 

§ 21. Ueber Erosion darcb G-ezeitenstrome. 

KrtliiimelH Viit«r8ucllQBfeB* 

Bas Baersohe Gesets. 

Ueber dio mecbanischen Wirkungen der (jezeitcnstriime hat in jUngster 
Zeit Kriimmcl cingchcnde Untersucbungen angcstelit^). Von der Tbatsache 
ausgebeud, „dass bei den Flutwellen, die viel tausend Mai langer sind, als 
das Wasser tief ist, die Wasserteilchen sich von der OberHiiche bis zum 
Boden ganz glcicli/eitig und mit fast der gleiclion Gescliwindigkeit horizontal 
liin- und zuriickscliiebeir', folgcrt Jvriimmel mit liicbthoi'en s), „dass durch die 
Gezeitenstrome, wo sie auftreten, bedeutende Unisetzuugen von festen Stofien, 
daher aneb Ehiwirknngen auf die Gestalt des Bodens und der Kiisten statt- 
finden". An sich verengernden tiefen Buchten, an besonders scbmalen Stelleu 
zwiscben KUsteninseln u. s. w. steigern sicli diesc Einwirktingen zur Ei-osion 
des Grundes (Pundy Bai, Pentknd i?'uhrde)j besonders cbarakteristiscb aber 
iusserD sie sidi ira Gebiet weicber Kiisten. „So ist^" wie Krfimmel scbreibt, 
ndie ganze Bodengestaltung bci den fricsischen Inseln und im Wattcngcbiet 
auf die starken Gezeitenstromc zurUckzuftihren ! Donkt man sich die Ge- 
zeiteo fort, so wUrden die zablreichen Inseln durch die von den herrschondea 
Westwinden and den abfliessenden Landwasseni erzengten Sstlicben Knsten- 
strdmungen zu einigcn langcn Nehrangen zusammengefegt worden seiu, die 
ntir die fiir den Dnrchlass des Flusswassers notwendigen Oeflfnungen freiliessen. 
So aber gebt durch jedes Scegat zwischeu je zwei Inseln die Flut mit grosser 
Kraft und staik seitucb eingeengt hindurcb, um die Wattengrfinde fainter den 

*) Comparativd Map of C. Cod Hucbor sbowina phjrtical changw between the mmj 
of M»j- 3. D. Graham in 1835 and the V, B. C. S. in 1M7. 

*) Geogr. Mitt. 1889 YI, Ueber Ero«ion dtvehQeseitenstiQnie. Yon Prof,]>r.OUo-KHtanitteL 

f) Fiihrer 332, 



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287 



Inseln mit Wasser zu bedecken, und die Ebbe entleert mit ahnliclier, vielfacli 
grosserer Geschwindigkeit die so iiberschwemmten Fliichen. Infol;;o davon 
8ind iu deu Eugea der Seegateu Wassertiefeu au^gefurcht, welche in See erst 
▼iele Seemeilen hinaits wieder erreicht werden. Je grosser das dorob dn Gat 
zu bewiissernde Wsttengebiet , oder je enger das Thor, desto grosser werden 
die Ticfen sein. So betragt im Listt r Tief (ncirdl. Sylt) die grosste Tiefe 
32 uad '64t m, was iu der Nordsee erst M Seemeilen westUch davon wieder- 
gefunden wird. Ira Accamer Gat, zwischen Langeroog und Baltrun), ist die 
Tiefe 22 im Amelandgat Sstlich Terschelling 21 m, im breiteren Norderney 
Seegat nur 15 m. Audi das gair/e System der Kalj.'ti tind Priole oder der 
Hionen zwischen deu bei Niedrigwasser trocken iiegeudeu Watteu ist durch 
die Gezeitenstzdme ausgefurcht, die Barren in See vor den Gaten dnrcb den 
Ebbestrom aufgebauL" 

Diese grossen Tiefcii kiuiiun iti den engen Seegaten nritiiillcli nur bei 
steilen Grundboschungen erreicht werden. Hierbei ist jedoch die Thatsache 
bemerkenswert, dass in alien deu von Kriimmel bchandeltcn Fallen der Steil- 
abiall nur auf einer Seite der Tiefe ausgebildet erscbeint, wahrend die andere 
flach ansteigf. Der Unistand, dass dieser Steilabfall auf der niir Uirlion Halb- 
kugel sich dtircligelicuds zur liecliten , auf der stidlicbcu dagegen zur Liukt u 
des eiugebeuden Flutstromes befindet, fiilirt Kriimmel zu dem kSclduss, dass 
der Fttttstrom wesentlich erodierend, der EbbBtrom bingegen auftragend wirkt 
uml dass die ErdroCation „die ordicbe Sondereng ibrer fiffekte TeranlasBt** 
(135 Kriimmel). 

Durck die Hereinziehung des Baerscben Gesetzes erlangt der Kriinimorsclio 
Aufsatz ein erhSbtes Interesse. Krummel glanbt eine BestUtigung desselben 
ausser in dem Verlauf des Fabrwasaers, der oft gcnug den pbysiscben Ge» 
sctzen der Bewegung des fliessondpn Wassers zuwiderliiuft , audi in der An- 
ordnimg and Lage der Biinke und Barren za seben. Seine Wirkung aussert 
ddi nnterschiedlos an Flnssmundangen und Seegaten. Bas normale Bild der- 
aelben gestaltet sicb demnacb in Kiirze folgendermaassen : das tiefe Fahr- 
wasser Uegt nicht in der urspriingliclien Miindungsachse des Flusslaufs resp. 
des Seegats, sondern ist, dem Fiutstrom gerade sicb oiVaeud, auf der Nord> 
hemispbEre seitwSrts nach links (vom Btnnenlande aas gesehen), auf der Siid- 
hemispbiire nacb recbts verscboben. Diese Flutrinne schliesst mit einer Binnen- 
barre, die sanftgebosdite Ebbestrasso . weldic in Fhisslaufen meist breit und 
ziemlicb tief ist, mit breit entwickelten Sundcn und einer Aussenbarre, welcbe 
aucb wieder recbts (resp. links) vom ausgebeuden Strom zu sucben sind. Das 
Lister Tief gibt ein solebes Normalbild : „Der sOdlich Tom Emgang gelegene 
Salzsand fallt stcil ab zur Falirrinne, dieso crbebt sich in sanftem Anstieg 
nach N. bin zuni breit entwickelten Kiistsand , der /uin weit in See vor- 
spriugeudeu liomer Watt biaiiberliilirt ; also bier aucb wieder rechts vom 
Ebbestrom das breite Ablagerongsgebiet (136 KrUmmel). 

Von geringen , durcb ortliche Verbiiltnisso bedingten Modifikationen ab- 
geseben , zoigen alle von Krummel untersuchten Fiille ein iibnlicbes Profil : 
Helder, Eingang zum Bassiu d'Arcacbon, Yiiestrom, Ameiand Gat, Friesische 
Oat (westL Sebiermonnikoog), Norder und Suder Fiep ; Humber, Bristol Golf, 
Helgolander Bucbt mit den Miindungen der Elbe, Weser, Jade, Ems. Stld- 
balbkngel; Port Gallegoe und Sta. Ouz Fluss in Patagonien. 

AUizkiiDg aa Kap Ood. 

Ob die Brdrotation bei der Ausgestaltung des Seegats von S!. Cod und 
der Wandungen des K. Cod Harbor in Frage kommt , ist sebwer zu sagen, 
da in beideu Fallen die gleichsinnig wirkeude Zentrifugalkraft eiue grosse 
BoIIe zu spiden bemfen ist. Dies gilt jedodi nur filr den Fiutstrom. Eine 
Ablenkung des ausgebenden Ebbstroms durch Botation kdnnte man vielleicbt 
in dem Herandiitngea desselben an Long Pt. und spaterbin an Bace Pt 



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238 



Beitr&ge zur Morphologie der FlachkUsten. 



erblicken. Ala ^Aussenbarre" fur die letztere Strecke batte darin der breite 
Flaebboden im Norden des Kaps zu gelten, als diejenige des anderen die la 
der Vfrlfinf^cning von K : i Pt. lief^ende unterseeische Bank, welche sich auch 
durcli die Ausbii'gung der Tiefeiilinie keunzeichnet. Indessen ist dieae nach 
Lage uud Gestalt siclieilich mebr als die Verlaiigeruug von Race Pt. zu be- 
tracbten und ihn Entstehnng auf eben diesdben Faktoren xurUcksuflilizen, 
wdcbe beim Auf bau dieses Stiandwalls aelbst tiiiStig varen. 

Erosion am Kap God. 

Ausgesprocheoe Erosionserscheiuuttgen durch die Gezeiteustrome fiudea 
wot in dem Tief, welches den E. Cod Harbor mft denn East Harbor ver* 
biudet und in diesem selbst. Durch die anf naturlicbo and kttnstliche Weise 
erfolgte Verengung des Tiefs von S. her wurde die Zugangsbreite bedcutend 
verringert, von ITOO* in 1835 auf 900' in 1867. Die Folge davon war ersteus 
die Vertiefung des Zugangsquerschnitts von 3' auf U' (Whiting 152), danii 
die Ausfurehung eines sebr unregelmiissig verlaufenden Flutkanals und schliess- 
licb, wo dieser auf die inelir als 40' hoben Diiiien von Province T. nui traf, 
die Unterminierung und Fortfiilirung dcsselhen in grosser Au^^dehuung. Be- 
sonders thatig hat sicU iu dieser Beziehung der Ebbstrom erwiesen , welcher 
Ton 1835—67 mclir als 30 Millionen Kubikfuss Sand aus dem East Harbor 
in den K. Cod Harbor hinausruhrte. Wo diese zum Absatz gelangten, zeigt 
sich ein Vorriicken der Tiefenlinien seewarts. 

BdUiokgehalt des Wsisen* 

Ueber die erodierende Wirkuug des Ebbatroms ist gesagt worden, dass 

die amcrikanisclien Karten keinen Scbluss daraufhin zulassen. Ein viel trifti- 
gerer Grund aber, uus eines Urteils dariiber zu enthalten , liegt in der That- 
sacho, dass uus* keine Beobacbtuugeu iiber den 8chlickgehalt des Seewassers m 
den verschiedenen Gezeitenpbasen forliegen. Dies ist in der That dn so 
wesentliches Moment, dass Kruuimel den uberzeugendsten Beweis fiir die ero- 
dierende Tliiitigkcit des Flutstroms in der Helgolander Bucht dem Umstande 
entnimmt, duss der Schlicicgehjilt dort am gro&sten ist zur Zeit der ersten Flut. 

il^schlSgige Beobachtungen , wie sie KrKmmel benutzen konnte , liegen 
fiir die amerikaniscben KUstengewasser entweder gar niclit vor oder sind docb 
nicht in die ziipangliiliere Lilleratur Ubergegangen. Es ist dies ein Uebel* 
stand, der sich bei gleichgerichteten Untersucbungeu in jeuen Kustengebieten 
deswegen so nnangenehm fuhlbar macht, weil die Profillinien mandier dortiger 
Seegate und Flussniiindungen ein andores als das Kriiainielsche Bild geben, 
oline dass wir iin stande w&ren, diese Bhrscheinung an der Hand von Schlick- 
tabelleu erkliircu zu kiinnen. 

Oeseitenstrjims an der attsntiiohett Unionkflste. 

An der atlantisclien Kiiste Nordamerikas kommen Gezeiten von dem 
Hohenausmass der Fundy Bay oder audi nur der Massachusetts und K. Cod Bay 
(p. 232) siidlich von K. Cod nicht mebr vor; 5—6' im Cumberland Sound 
und b* bei Sandy Hook sind die grossten roittleren Fluthohen an den fiir uns 
an dieser Stelle in Frage komraenden Oertlichkeiten. Auch die Gezeitenstrome 
entwickeln 1)ei wcitem nicht so bedeutendo Geschwindigkeiten wie in der Nord- 
see; 3,4 Siu. p. h. ira Eingang zur Wlnyali I' ly ist das Maximum fiir den 
Ebbstrom, 2,8 Sm. am gleicben Ort dasjeiDge fiir den Flutstrom. Soweit 
Angaben vorUegcn, ist der Ebbstrom durcbgebends weit starker als der Flut- 
strom. In trefflichcr Uebereinstinimung Uemiit stdit die Tbatsache der 
Erosion vurwiegend durch den ersteren. 



V 8. Karte Nr. E. 



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b«itzifle lUr Morpbologie d«r FkdikfiflMi. 



239 



FadfleS. IHiidiuig^). 

Pfir die Pedee R. Milndung iat dieaelbe offiziell Terb&rgt durch eine 

Angabe auf einer KUstenkarte von 1855 der U. S. Coast Survey ») : the Bottle 
Cliannel is a recent wrisliiiifir of the Ebb current, nnd for the last three years 
has continued to iuiprovc in depth and directness. 7 ^"'^ at mean low water 
etn be found In it Eingescbnitten iat der Bottle CSuuonel in harten Grand, 
was um so beachtenswerter ist, als der Ebbstrom NW. ausserhalb desselben 
ein Geschwindigkf'itsmaximum von nur 2.8 Sm. im zweiten Viertel der Ebbe 
aufweist. JfUr den Kanal selbst fehlt die (ieschwindigkeit, doch muss dieselbe 
wegen der mitilGhen Einengung dort einen weit bSberen Wert erreidMO. 

Ate eigentlicbe AnBsenbaorre ist nicbt die zwiscben Bottle Cbannel und 

S. E. Pass liegende Ost-Bank aufzufassen, sondern die an South Island lang 
nacli S. sicli anla^'crndt', H — 5' unti r Niidn'r^fwasser liegende Sandbank. Die 
Ostbank scheint ilir Dascin dem Zusammentreifeu zwcicr aus verschiedeuer 
Bkbtnng, ?on S. nnd O., kommenden FlutstrSmungen zu Terdanken. Von 
diescn setzt die entere, schwachere, stark ostlich auf die Bank, auf welcher 
in der Beruhi^ngszone mit der andem ein Teil der mitgefuhrten Sinkstoffe 
sich ablageru kann. 

Die Enge zwiscben Nord- und Siid-Iusel zeigt das Normalproiil. Der 
beftig nordwiarts drangende Flntetrom scbiebt sich bart an den Strand der 

Nordinsel, die Ebbestrasse dagegen ist sanft geneigt und mit Untiefen und 
BanV'^ti lir-pr-tzt. Weiter nordlich, wo die Auswoitunp; bcginnt und das Ufer 
der budmsiil nach W. umbi^t, tritt liiugegea das Fahrwasser an die audere 
Seite dee Flnssbettes binflber. Die tiefe Anslnrcbung hart am XJtw kann 
bier nur das Wcrk des Ebbestroms scin, denn das FluBSwasser miisste nach 
dec Gesetzen der Physik die Eeke in weitem Bogen umfliesMtt. Als Binnen- 
barre sind die Marsh Islands zu betrachten. 

Beaufort Hafen. 

Sehr komplizierte Stromverhaltuisse berrschen im Ein^aag zom Uafen 
▼im Beaufort in Nordcarolina. Im Tief selbst setzt nacb ein«r Angabe aui 

der betreffenden Kflatenkarte >) die Flut stark nach N. Uber den Middle 

Groim<l*i Dieses Nordwiirtssetzen des (iibrigens ziemlich sclnvaclien) Flut- 
Btroms bedeutet aber in diesem Fall eine mit dem Fortschreiten desselben 
sich andauernd vermehrende Ablenkuog nach rechts; nordlich vom Middle 
Ground ist die Bewegung rein ostlich. Als Bianenbarre mass man znnEchst 
den Middle Ground, dann das Bird Island Shoal ansehen. 

Klarer und offenkundiger sind die Wirlrnnf^en des 2,7 Sm. p. b. er- 
reichenden Ebbstroms. Dieselben ausseru sicii zuniichst in dem Heraudriingen 
unmittelbar an Fort Hacon auf Boguc Banks, dann in dem Aufbau der sebr 
ausgedebnten n^sMtiksin*' recbts von ibm auaserbaib des Gats. 

In bezug auf den Wert der Flut- und Ebbestrasse gilt liicr vol! und 
ganz das von Kriimmel Gesagte : Das beste Fahrwasser liefert das SO. an 
Shackleford Banks sich hinziehende Flutbett, massiger, weil Uber der Aussen- 
barre sebr flacb, ist die nacb fiW. abbiegende Ebbwtrasae und fUr Fremde 
gar nicht zu befahren ist die Priele des „Slue", wohl eine alte Ebbestrasse, 
welclte vnn Fort ^^•^^:<m WSW. in die Banke hineinzieht, wo sie dorcb breite 
Barren ikren Abscbluss tindet. 



') S. Karte Nr. C. 

*) Preliminary Chart of Winyah Bai and Georgetown Harbor, SMeaioliiift 1 : 40000, 
18d5. Nr. I'.i. Karte (' ist eine verklelnerte Knpie <1ersnll>rn. 

Prelimiuary Chart of Beaulort Uarbur, Nonicarultnu 1 : 20000. 1854. Nr. 2',i. 
«) & Kaite Nr. D. 



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240 



B«itrilge sur Movphologio der Flaobkafiaii. 



Sandy Hook, 

Ob und in welcber Weise die Gezeiteustrome bei der Ausgestaltung 
des Bodeos der Bueht too New Tork tbitig sind, l&nt sich bei den numiiig* 
fachcn dort \n Betracbt kommenden P'aktoren — der Interferenz der darch 
den East II. kotnmondpn mit dor siullichen Flutwelle, dem schwankondon 
Wasser- und 8chlickreicbtum den Hudson — nur auf Grund sebr genauer An- 
gaben, wie taa vm niekt sur TerfUgung standen, bestumneii. So Wei 8<meint jedocb 
ikstzustehen , dass die nnverh&ltnisnaassig ticfe Kinnc , welche die Binnenseite 
von Sandy Hook ein put Toil ihror Erstrockung hart am Strande l)cgleitet, 
durcb den Ebbestrom ausgeturcht woiden ist. Es ist dies dieselbe Erscbeinung, 
wie wir sie am K. Cod mebrfach (Long Pt., Race Pt.) zu beobachten 0*- 
l^enbcit hatten. Audi der Steilabfall an der Spitse tod Long Pt» findet sidi 
bier am Kordende von Sandy Hook wieder. 

Pmmplioo Seflgvti. 

Ocracoke Inlet nnd Hatteras Inlet, zwei Eingange zu dem gcwaltigen 
Pamplico Sound, zeigen ein genan iibereinstimmendes Profil, welches sich yoq 
den Seegaten der Ej-ummclsclien Untersiirhungoii dadurcli unterscheidet , dass 
das tiefe Fahrwasser in beiden Fallen, vom Lande aus gesehen, von der Acbse 
des Tiefs nach recbts verscboben ist. Bescbr&nken wir nns auf die Betracbtung 
des Ocracoke Inlets i). Gemass der Grosse des Pamplico Soundes lanft die 
Flut imtz ^OTWgor Hi'the (B' iiber der Ausseiiharre) init bedeutender Ge- 
schwindip;ki it durcli das Thor in das Hali , wo sie in strahlenioruiig naeh 
H. bis KW. gerichteten Kinueu auf den flacben Grund setzt. Der westlicbsten 
dieser Rinnen entepriebt die Binnenbarre des Beacon Island Hochsandes. 

Die Ebbostrasso setzt im Sund siidwestlich voii diesem Hochsand und 
recbts von dcmselben mit ca. 20' Tiofe ein , biegt dann auf die Siidinsel zu 
und begleitet diese hart am Strande bis zum Tief. Dio grosste Tiefe desselben 
betrMgt 65Vs'< CbarakteriBtiech ffir beide Inleto sind die hokenfSrmigen Ver- 
liingerungen der begrenzcnden Inseln. Diese Haken sind nacb innen gebogen 
und deiitcn damit an, dasB als aufbauender Faktor hier vonugsweiae der 
Flutstrom fungiert. 

Bt Johns Biver and Oomberland Boimd. 

Im Gegensatz m diesen beiden Seegaten Hegt in der Mttndnng des St 

Johns R. und im Cumberland Sound der Flutstrom normal, d. h. in diesen 
Fiillen Tnirdlfrh vnn der Achse der Zugangsbreite. Die Fabrstrassen vor 
der Miindung mi ctliien Meer sind in beiden Fallen durcb Barren abgesperrty 
doch ist das nordUche Fahrwasser, die Flutrinne, jedesmal das bessere. 

Mobile Bai Seegat. 

Ein in morplinldju'isclier Hiiisiclit sebr interossantes Vorkomniiiis bietet 
der Eingang zur Mobile Bai^). Das Seegat derselben zeigt das bekaunte 
Bild : das Fafarwasser links von der Achee, rechte vom im See die Aussen- 
bari i i[i der Form einer balbmondformig gestalteter Heibe ecbmaler Sclnvenun- 
inscln. Was liegt niiber, als die Ausgostaltunj' dieser Meeresstrasse ebenfails 
den abgelenkten Gezeitenstrtimen zuzuscbreiben ? Dies trifFt jedoch nur zu 
einem geringen Teil zu; auch wtirde das Yorkommnis dann kein besonders 
bohes Interesse darbieten. 

Die Ge/eitenstrome wurden trotz der Grosse der Bai niemals ira stande 
gewesen sein, das Gat so zu gestalten . wie es bentc sicb darbietet . dazu i^t 
der Flutwcchsel viel zu schwacb : an Ft. J^Iurgau nach Beobacbtuugen vou 
1847—49 nor 1,2' im Mittel, 2,2' im Mudmum. Dieae Angaben finden nch 



>) S. Karle Nr. G. 

») 8, Karte Nr. F. 



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fiflitrige sur Uorpliologie der FlactikABUti. 



^41 



auf einer Karto der Coast Survey'). Dieselbe Karte belehrt uns nun raob 
diiriibcr, dass iti erster Linie nicht die Gezeiton. soiidern die Winde die mass- 
gebcnden Crestaltungsfaktoren siad. Zuaiichst zur Notiz, dass wir uos bier 
hn Gebiet der Eintagsflttten befinden, dann, dass die StromslSrke in den 
Kaniilen und auf der Barre abbiingig ist von der Wasserstandshohe der in 
die Bucht miindenden Fliissc und der Hichtnng, Stiirlu! und Dauer der Wiude ; 
nach dem Abflauen langandauernder Siidostwiude ist der nEbbestrom'^i nach 
Nordostwinden der Flutetrom sehr heftig. 

Alle Winde aus sudlicbcr Kicbtung stanen das Wasser der Mobile Bai ; 
alle nordlichen ernir ^rii: -n deren Niveau. Bio herrscbende Windricbtung ist 
ostlich ; nach Dauer und Starke verbalten sich die ostlicben zu den westlicben 
Winden me 2 : 1. Unter den ostlicben dominieren dann wieder die aua NO. 
und SO. Biese sind es, welcbe die nahezn periodiach auftretaiden Oscillationen 
dos Wasserspiegfls iiincrhalb der Bay vcnirsachen. Ein gcwaltiger TVasser- 
urasatz und roissend'^ Stromungcn in den Engen sind deren Gefolgo. Wir 
sagen absicbtlicb „iu d c u Engen*', denu neben dem Seegat kommt, als Aus- 
flnSBoflhttng wenigatons, noch die allerdinge sdir flache Strasee zwiacben Fest- 
land and Dauphine Island bier sebr in Betracbt. 

Fliesst nacb einem langandauernden sudlidion Winde das Stauwasser 
der Bay ab, so ergiesst es sich unter der Herrscbaft jedes Ost- bis Nordwindes 
ansser dnrch das Seegat anch dnrch die letxtbezeiohnete Oeffnung in den 
Mississippi Sound. Von dieser Wasserbewegung zeogen sowoiil die Tricbter- 
gestalt dieses Thores als aucb die sebr glattini Ijinien von Little Dauphine 
Island und der sebr hoch aufgeschwemmte Boden des dsUicbeo Toils des 
MiABissippi Sounds. Die Folge diesOT Zweiteilnng des ausgebenden Stroma 
ist dessen Schwacbnng und damit die Verminderung der Transportkraft. Alio 
San lo werdcn schon vor dem See^^at abgesetzty nor die feineren Schliokteilcben 
■werdeu weiter seewtirts nacb SW. gefiihrt. 

Der eindringende ,,Flut8trom" erleidet auf seinem Wege keine Teilung, 
da die Aclise des Mississippi Sounds senkrecbt zu ihm stelit. Infol-^odesscn 
stromt das Meer mit Hefligkeit allein durcb das Seegat in die Buclit hinein. 
In den mcisten Fallen aus SO. kommend, niramt es seincn Weg hart am 
ostlicben Eaud iles Ticfs am Ft. Morgan vorbei, und die bier eutwickelten 
relatiir bedeutenden Tiefen Ton 8—9 Faden sind zweifeUos auf Erosion dnrch 
dm einlaafenden Strom snriioksuiflbren. 

ScbluBS- 

Ein Ruckblick auf die kurze Reihe der von uns betracbteten Meeres- 
strassen und Flussmundungen ergiebt im grossen und ganzen ein ahnliches 
Bild, wie es Kriimmel filr so viele gleicbartige Oortlicbkeiten in fcsten Ziigen 
vorgezeidinet bat. Sind mirh lokalc AbwL'icliungt'u vorhandcn . so sind docli 
audercraeits wirkliche Eiosionswirkungeu , verbuudeu mit bedeutenden Um- 
setsnngen fester StoflFe, in alien Pfillen nacbweisbar. 

Die FrafjC! iibcr die Ahlenkmig solrhor Stromc durcb die Erdrotation 
bringen auch diese wenigeu Uutorsuchiuigeii nicht zuni Abschluss. Das kiinnen 
und sollen sie auch nicht; ihr Zweck ist vollkommen eriullt, wenu sie zu dem 
Hateriali wdcbes zn der Losung einer Frage von so weittragender morpbo< 
logisi^er Bedentung notig ist, anch nur Einiges beitragen. 

§ 22. Die Tiefenverbaltnisse der Strandseen'). 

Unsere bisborigen Untersuclmngon iiber die Tiefenverhilltnisse des Meeres 
an den Flacbktisteu im allgemeiaen uud in den 8eegaten im besonderen legen 



>) Prelim. Sketch of Mobile Ba^ 1852. 1:200000. 

>) Eine aiMRUirli«he MocpliQlogie d«s Stnyidiew i. bei AdkeniMiiiii 8. 50—73. 



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^tr&ge snlr llorpliologie der t'kehkflsWii. 



die Frage iiahe , wie cs ck'uii urn die Ticfe der .abgc^jcblosseuen Beckea stebt, 
zu welcheii die leUteren die Ein^angspforten bildeii. 

Einteilnng denelben. 

Vom genetisclieii Standpankt betrachtet, xerfiAllen die Straadseea in 
zwei Kategorieen : 

I. Sif '^ind ursprunf^lich Teile des Meeres* 
l>ie Abgiiederung kann erfolgen : 

1. Durch die Thatigkeit des Meeres alkiu, 

a) durch seitlicheti Vor^chieben von Kilstenwailen vor Buchteii. 

b) durch das £iitg«g«Dwirken von Ebbe und Flat 

2. Durcb das Entgegenwirken von ICeer imdFluss; Aafwerfoi tod 

Wiillen an den Flussmiindungen. 

3. Durch negative Strandverschiebung ; Abschniirung von Meeres- 
teilen durch Erhdhung vorber UDterseeischer Barren Uber den 
Meeresspiegel. 

4 Darch das Aufwaohsen von Korallenriffen. 

II. Sie sind unprflnglicb Teile des Landes. 
Dieae warden zu Meereateilea: 

1. Durch Abrasion, | 

2. durch positive Strandverschiebung, Der Strandsee eutsteht se- 

3. durch Zusammenwirken beider, [ kundar durch die sub I 1 — 4 

4. durdh Nachrinken dorchfeaditeter bezeichneten Yorgiinge. 

Sedinientc (Versenkungsseen). 

Direkt zum Strandaee kann Land umgewandelt werden: 

6. Hinter schon vorhandenen Wiillen, 

a) durch Aufstau von Flusslanfen, 

b) durch Ueberschwemmung iiifolge von Sturmfluten und Hoch- 
waasem der Fliiaae. 

6. Dnrch Ansammlang von Waasennaasen zwischen Dfinen (Dfinen- 
seen). 

Bllebe die Th&tigkeit der Agentien des Meeres im Kiistengebict auf den 
Aufbau von Nehrungen ausschliesslich beschrankt. so wiirden die Beckon der 
ersten Klasse sich in ibren Tiefcnverhaltoissen nur wenig vou denen des aussen- 
liegenden Flachbodena antofBebeiden mQsaen; ihr Grand wlbfde dann einfacb 
eine sanft ansteigende Fortsetzung desselben bilden. Dieser Fall ereignet 
sich jedoch in der Natur niemals; vielmehr gilt als Kegel, dass die Straodp 
gewasser noch weit tlacber sind als die seichten Bandgebiete der Meere. 

FaltfeorsB dar Tetiaolmng. 

Die Faktoren der Verflachung sind wesentlich dreifacher Art, je nach- 
dem sie dem Meer, dem Land oder der Loft angeboren; ein vierter Faktor 
ist die Strandverschiebung. 

Ble Agentien des Meerae. 

Wellentewegnng. 

Das Moor becintlusst die Tiefenverhiiitnisse des Strandsees uiimittelbar, 
so lange es Zugaug zxi demselbeu findet. Je unvollkommeucr der AbschlusSt 
deato gleicbartiger die Tiefe innen und anssen. Han vergleiche in dieser Be> 
ziehung den ausseren Teil des Putziger Wieks mit der offenen See einerseits 
und dem innern . dnrch eine Barre fast ganz abgeschloasenen Teil der fiocht 
andererseits. (Protil 1—3.) 



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Beitrlge rar Morphdogie der FlachkOstea. 



243 



AbstraLiert mnn in Profil 1 voti dcm alluvialen Aufbau der Halbinscl 
Hela auf dem Grunde , so bleibt kuum eiii L'titerscbied zwischen inaeu uod 
aiissen, sanft and steti^ steigt der Boden gegen das Ufer anO* Ber Grund 
Ittr diese Glcichartigkoit liegt in der weuig behind^rten Bcwcgungsfreiheit des 
MoerPS in di*»som nllen o^tliclicn Winden nftonen Ttil. Scdimente werden 
hier in nur schr geringcm Alasse abgesetzt, dieiiclbeii wandern vielmebr von 
den WeichBelmundungen das siidliclie Ufcr eutlang nach KW. uud gclangcu 
erst zur Ablagerung, ymaa die Bedingungen fiir diese wesentlich andere ge- 
▼ordfn si 11(1. 

Etwa in der Mitte zwiscben Oxhoft und Putzig ragt cine Landschollo 
bei Rewa ziemlich weit iiber die Kiistenliiiie in das Wick vor. Sie ist der 
Ansatzpunkt fiir eine Barre, velche, genau den Tiefenlinien des offenen Wieks 
f()l^;en(b in scbluiikcin Bogcn nach Hehx hiniiberziebt. Dieselbo erreicht auch 
jetzt noch nicht in alien ilircn Punkten den Meoresspicgel , sondern lio^'t ini 
Mittel 1 m tief. Dan daduich abgcgrcnztc inuere Becken ist der tretl liciisto 
Ort f&r Ablagerangen. 

Die Ausfiillung gescbicht durcli das Mocr aus zwci Hicbtungcn, in erstcr 
Linio von SO. her dtirch dio ins Mcer gefiilirton Scditnente der Weichso! und 
das aufbereitete Abrasionsmaterial der Oxbofter Kerape, in geringorera Masse 
▼on N. her durch das Abbrachsmaterial der hinterpommerschen Kusto. Die 
Warzel der Halbinsel Hela ist Diimlieb infolge des standigcn Zuruckweicbens 
des Rixhoftcr Strandes so wenig widerstanilsfiibig , dass burebbriiche durcb- 
aus keine ISeltenbeiten sind. Von 181^—24 erfoigten nach Passarge 3) deren 
nicht weniger als 44 von je 8—70 Ruten Breite, welche durcb Kupierungen 
gschlossen vrerden niussten, und n.u li P. Tjcbmann*) hatte sicb obne das Ein- 
grcifeii der zum Schutze der JJan/.ii^cr Hnclit angewandtcn Teclmik wabr- 
schciniich der siidostliche Teil liingst als hiandinsei abgetrcunt. Durch der- 
artige LGcken termSgen immerbin Detrfichtliche Sandraassen in die Bncht ge- 
scbleudert zu werden. Als weitcrer Ausfiillun^sfaktor fungiert sebUessUch 
nocb dor Wind als rrliober (b'S fSandflu.i^s. i;247 f.) 

So stellen sicb denn die Tielenverliiiitnisse dieses inneren Beckens dar, 
wie sie in den beiden Querschnitten 2 und 3 angedeutet worden sind. Der 
schroflfe Gegensatz zu dem offenen Teile des Wieks f&Ut sofort anf ; weniger 
in Au,m'n fallend ist lU'isrlbe zur 1»L'naclil>art( n O.^tsee jenscitH diT "Xeh- 
rung. Es rUliit dif s dnvou her, dass die dieser vorgelagerte Hache iiaudebeue 
dort nocb eine grosse Iireit<s besitzt. 

Stromongen. 

Wie gross aucb der Vorranjo^ ist , den die Wcllenbeweguug als kustcn- 
gestaltender Jfaktor behauptet, so tritt sie bei der Ausfiillung von iStrand- 
gewSssom deuBoch g^en die StrSmniigeQ zoruck. Es sind dies nicbt die so- 
genannten Kiistenstrfimnngen , welche wobl zum Ausbau der StrandwSUe bei- 
tragcn , im iibrigen aber die Bucbten unboriihi t lassen. sondern die periodi- 
schen Stromungeu der Gezeiten uud die uupenodischen , durch auf- und ab- 
kndige Winde erzeugtea Waaseramsetzungen , wie wir deren in dw Mobile 
Bay (§ 21) kennen gelernt baben. Die Effekte beider Erscheinungen kSnnen 
einander snininicren oder differeiizieren i je nacbdem diese gleichsinnig oder 
widersiunig erfolgeu. 

ICt dem Aofbaa Ton nBlnnenbarren^ hiiiter dm Seegaten ist der 



') In diesem Querscbnitt hatte oine so sUirke (SOfiiclie) UeljerhOhanjj, welche leicht 
sa folg«h«n Vontdllongen fUbrt, der sleichartigen und bedeutenden Tiefen wegeu ver* 
mieden warden kennen. Sie ttt der Gleichmbsigkeit halber dennoeh angewandt worden, 

vtil in Prof. 2 und ■^ tn rinor solchen Uebcrliohung geschritton werden miUtte, um die 
Tiefe tie»* Dinnciiwioks iibtihaupt zur Dar.stollung briugeo su koaaen. 

*) Au» iIliu Wf ichseldelta. Berlin 1857. Ji38u 

*j Ztachrfl. d. G. I £. Uerlin 1884. 

18 



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244 



Bfiitr&ge zur Morpkologie der Flacbktieten. 



mechamscihe EfFekt der Geseiten kmneswegs encbopft; diese taoA nor der 
Atisdrock einer auf dnen Pankt konzentricrtcn Kraftausserung des flut- 

stromes. In viel allgpmeinerer nnd f^rossartigerer AVeise aussern sich die 
mecbanischea Wirkungcn des Phanomena in der gleichmassigen Verteilung 
von Sinkstoffen fiber weite Gtebiete. 

Gezeitcn. 

Gleicli den Sturmeswogen Iiaben die Gezeiten die Tendeuz, alle aus den 
Flussmiindungen in das Meer gefiihrten Sediment© an die Kiiste zurttcltzn- 
treiben. Beladcn mit aieser Flusstriibe, vielen vom Gruude aufpewQhlten 
ff^inen Bestniultcilen uud duin /crrifbeiicn Abbnichsraaterial der Kiisteniiiscln 
driingt die Flut niit Maclit (birch die Secgate in die Strand go wasser. Vieles, 
ja das meiste, wild mit der Ebbe wieder abgefubrt, manches bleibt aber doch 
haften vnd trilgt zu der allmliblicheii Erhohung des Grundes bei. In den 
Wattenmeeren wird derselbe nur noch zur Fhitzoit vom Wasser bedeckt, nur 
das viel verzweigte Kanalsystem der fialjea uud Friele fubrt zu jeder Ztit 
Wasser. 

An gezeitenschwacben Meeren kann der zwar unperiodiscbe Wecbsel 

von Stau und Depression bis zu einera gewissen Grade die Gezeiten ersetzen. 
So ist z. B. die weit in den Kamji See an der binterpomraerschen Kuste 
hineingebaute Sandbank das Werk der Ostsee, die bei plotzlicbem Ansteigen 
heiUg in den See tdneinatromt 0* gleiches heftiges EinstrSmen erfolgt 
aucb sebr hanfig in den Bnkover and den Janmad'acben See*). 

Dip Asrentieu ties l.ainie«^. 

Soviel das Meer zur Erliobung des Grundes der Strandgewiisser auch 
beitriigt, so vermag es dennocb nicbt, dieselben gans anszuf^en. Jat ein 
Becken TOm Meer vollst-Lndig abg' sdilossen , so ist desseu unmittelbarer Ein- 
fluss obnc wciteros lahm gelegt . stt lit es dagegen mit demselben in V^or- 
bindung, so eutspricbt einem eiugehcnden Btrom stets ein ausgehender. Hat 
der Ghrand dann ein gewissea Nivean erreicht, so paralysieren diese in ifaren 
Effekten einander so voUstiindig, dass eine weitere Anflagerung obnc das Ein- 
greifcn des Menscben oder der Vegetation nur an geeigneten Orli n nnrli ein- 
tritt| zumal der ausgeheude Strom haufig durch aus dem Landinnern koaimende 
WassOTmassen verstlrkt wird. Bine V^flacbnog hingegen, wriohe snm voUigen 
Verscbwindon der Wasserdecke zu fiihren verraag, kann eintreten : 

a) durcb Einscliwemmung von Sedimenten seitens einmttndender Flttsse} 

b) durch Vertorfung. 

Yerflaokimg dnnb FliUMediiiuiite. 

Die Arbeit der FlussUiufe iiusscrt sicb am augennilligstcn allerdings in 
dem Vorsrliii l)en von Deltas in den Strandsee, verursacht somit allem An- 
scbein nach nur eine Abuahme des Areals. Indessen liisst sicb aus der Zu- 
sammensetzung des Grundes leicbt nacbweisen, dass die feineren Schlamm- 
teilcheu s i iibcr das Delta liitiaus getragen werden und in den meisten 
Fallen den l>oden des Sees in seiner gan?:en Ausdebnnnf]: bedecken. Diese 
Art der \'i iilachuug ist ungemein weit verbreitet, da nur wenige Strandaeen 
ganz oil lie ZuHuss sind. 

Wird bei* gescblossener Lagune der Wasserzufluss nicbt voUig durcb 
Verduustung kompensiert , so tritt innerbalb derselben eine zeitweilige Er- 
hohung des Wasserstandes ein. welche so ]an<^& dam rt, bis die Nehrung durch- 
brocheu und ein dauenuler Ausglcich der xsiveaus hergestellt wird. Dieser 
Zttstand sicbert binwiedenim dem Meere einea bestimmten Arbeitoeftekt zn. 



1) Lehmaon. 347. 
^ £b«od»i 853. 



^•iblff0 mr Uoipfaologie der FlachkOston. 



245 



TCinc volligo AusfuUung kann in diesem Fall nur diircli Delfabildung von den 
Bundern ber erfolgen, uicht aber (aus den Seitc 244 angeliihrtea Grilnden) 
duTch gleicbzeitige Ansbreitang von Sinkstoffen fiber die gaoze Bodenflfiche. 

Indem so das fiiessende Wasser , wie es in seinen verschiedenen Arten 
der Thiitigkcit (iberhaiipt eiiier der raiichtigstcn Faktoreii in der Umgestaltung 
der i^^rdoberriache ist, gewaltigo Massen von festeii Bestandteilen in die Kand- 
gebiete der Meere trsnsportiort, wird es zu einem der bervorragendsteu Fak- 
toren der KttBtengestahun^' im lusonderen. Derselbe ist zu alien Zeiten 
thatig gewcsrn. Was seine Th;Ltifj;keit in tier goolofjischen Gegcn'^'art an- 
betrifft, soweit sio sich auf die Austiilluuf; von Strandgewiissern erstreckt , so 
£ndcn wir vdllig zugeschuttete chemalige Meeresteile allgemein verbreitct in 
den einstigen Aestuai'en aller derjenigen FlQsse, welcbe heute beim Auf ban 
vorgescliobener (mariner) Deltas bcgriifeii silld. (Po, Bhonef Ebro, Lena, 
Jiiiaissippi, Niger, !Nil, Dooau a. 8. w.) 

Ausgefiillte Laguneil. 

Ib grOsserer Zaitl auf beBchrftnlcteiii Raume begegnen wir ibnen an der 
Kflste Ton Languedoc, vo mehrere der Etangs. welcbe in ibrer Gesamtbeit einst- 

inals einen cinzigen grossen See, den Lacus Kiibresiis ') bildeten, bereits j^anz 
aufgebort baben zu existiereo, wabreud anderc durch die Tbatigkeit der 8iid- 
OeTeimenfllisBe nacb Umfang nnd Tiefe bedentend reduziert worden sii^ 
XSbenao haben die in den Rigiscben Mecrbuscn mfindenden FlQsse cinen ebe- 
maligen Strandsee ganzlicb ausgefullt. Die Seen , welcbe sicb nocb jetzt dort 
finden, liegen nicbt im eigentlicben Deltagebiet, sondern alle hiuter dem hobeu 
Dttnengebiet 

Abgesohn&rte Teile, 

Erfulgt die Einscbwemmung in eiue langgeatreckte Lagune nicbt an alien 
Stellen gleicbmassig , oder konssentriert sicb dieselbe auf einen Punkt, 80 
konnen Teile volUg abgeadkoUrt nnd zu scbeinbar sdbslandigen Becken um- 
gewandelt werden. 

Die Lagoa Mirim. 

Den Anscbcin einer solcbcn von der I/agoa dos Patos abgescbniirten 
Zjaguoe erweckt die Lagoa Mirim an der allantiscben Ktiste Stid-Amerikas 
(Rio Ghraode do Sul). Dieselbe bildet ibrer ganzen Katur and Lage naeh 
die natiirlicbe Fortsetznng der Lajijoa dos Patos , wie sio audi entscbiedcn 
eine gleicbzeitige Bildung ist. Di i i f di ist est zweifelbaft, ja sogar sebr un- 
wahrscbeiulicb , dass sie jeraals mit der nordliclien Laguiie ein eiubeitlicbcs 
Ganze gebEdet and mit dieaer in Toiler Breite in Yerbindung gestanden hat. 
Die Grilnde, welcbe fiir eine selbstandige Bildongsweiae der L. Mirim sprechen, 
sind in KUrze folgende. 

Wie wir an anderer Stelle seben werden (S. 255) , erfolgte' dor Auf- 
ban der Paios>Nehrong Ton N. her — dafUr spricht die Lage des Canals do 
X^OETte und andere naber zu bczeicbnende Umst&nde. bt dies richtig, so 
muss die Lage dieses Seegats desbalb {iberraseheti , wcil es an einor Stclle 
sicb beEndet, die, nacU der Breiteuausdebnuug der begrenzenden Landmassen 
ini adiliessen, aUes andere als eine Stelle Srtlicher Schwacbe reprSsentiert. 
Die natnrgmEsso Lage fur das Tief miisste dann viclmebr am Siidendc der 
Jj. Mirim zu sucben und der Canal do Norte (Kio Grande) als cin spiiterer 
Durcbbrucb zu betracbtcn sein. Nun ist die eiiemaiige Existenz eines jetzt 
veraandeten Seegats an der genanuten Stelle, nllmlicb bei St. Victoria, in der 



0 So boi Pomp. Mula U f>, bei Pliniua III 5 Laous KubreoBis. S. Qbrigciu: Geogr. 
mtt 1885. 418. 

*i AokeroMm, Beitrttge $5. 

18* 



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246 



Beitrii^e zar Morpbologie der l iachkiiston. 



That nacbgewiesen >) , und noch jetzt tritt nnter Ums^ndeii das Keerwasaer 

direkt iiber die Nehrung in die Lagune — dennocli flchlieast da^ Vorhaiidea<- 

sein dieses Tiefs die KocxT«!tfTiz oinos nr»rdlicli gelegenen nicht nur koincswpfrs 
aus, sondern involviert dieselbe sogar, weiin man beide Laguneu ais gleich- 
zeitige und analogc Bildungen betraohtet. 

Der Anaatzpunkt ffir die Nehrung der Patoslagunc ist in der St*-lle 
gcgobrm, wo die Soira p^crnl mis ilirer NS. - Kiclitmit,' idotzlich in OW'. ul)er- 
gelit ; von bier aus konnte sie ungestiirt nacli 8. wacliseu. Fiir den Albardao, 
die iS'ehruug der L. Mirim -), ist dieser Fixpunkt cbeufalla im N. zu suchen, 
und swar als Kem der Landmasse, welcbc jetet beide Lagunen von einander 
trennt. Geolopische Untersucbungen liegen leider nicht vor; nacb v. .Tlierini| 
(196) bedecken aUuvinle Sande die nur 3 m bobe Kbi iie von Rio Grande 
vollsUindig. Dennocli muss an der I'liiexistenz cinea iillereu Kernes festge- 
halten werdeo^ dnmal, weil sich sonst Antagerungen in dem heutigeo Um- 
fange nicht vollzieben konnten (der Albardao ist nicbt nur an seinem Nord- 
endc, sondern in seiner ganzen Erstreckung viel massiger und breiter al^; dift 
nordlicbe Nehrung), dann aber aucb, well der Lauf des Rio Gon^alo uur auf 
diese Weise erUSrt warden kann. 

Bio Gongalo. 

Dieser Verbindungskanal der beiden Lagunen, welcber, obwohl er keinc 
ausgesprocljcne Stromunj^^rirbtting besitzt, sondern die Gewiisser des in ihn 
eiumiindendeu Kio riratinim bald der oincn, bald der andcren Lagune zu- 
fiihrt, dennoch mit dem Qattungsuamen Rio bezeichnet wird>), liegt nSmlich 
gar nicbt so wie er liegen mttsstc, wcnn das Kehmngsgebieli TOn Bio Grande 
erst jiiiigt l en Datums oder vom Piratinim angcschwenimt worden ware. Wic 
jcde besserc Karte zeigt, driiDgt er ziemlich uahe au den Fuss der Serra dos 
Tapes beran. Setzt man das zwischen ihm and diesem Waldgebirge sich 
ausbreitende Scbweinrnland auf seine Rechnang, so ist sein Effekt damit voUig 
dargelegt, von Anscbwemmungen sciner^eits an dcni Ostufer des K. Gongalo 
kann um so vreniger die Rede sein , als dieser im Gegenteil die Tendenz hat, 
dieses ITfer zu unterwiihleu uud Abbnichsinseln zn bilden *). Ancb aus dem 
Grundc ist die fiildung des Kordendes des AlbardaO nicbt auf Anschwemmung 
des R. Piratinim zuruckzufubren, weil snwobl der viel bedeuteiidcrc Carnacuam 
wie auch der Jar^uamn keineswegs umfangreicbc Aliuvialebenen in die Lagunen 
Yorgeschoben liaben. Um wieviol weniger musste dies erst bei dem klciuen 
Piratinim der Fall seint 

Die Lagoa Mirim eine selbstandige Bildong- 

So stellt sich denn die Laj^oa Mirim . ilem ersten Eindiuck entgcgen, 
dennoch als stdbstiindi^o Bildmi^' dar. Fiir den V'erscbluss des ein^^tij^en 
Tiefs am Sudfudo ziebt v. Jbering (19r>) eine geringe negative Strandver- 
sdiiebnng herbei, nnseres Brachtens zom Uebeifluss, aucb sind fielege 
eine solcbe nicht erbracbt. Eine soMie Strandverscbiebung braucht aus dem 
Grunde nicbt involviert zu wcrden, weil mit dem Verscblns'? dea Victoriatiets 
durch die Agentieu des Mccres dem iiberschiissigcn Wasser der L. Mirim 
ein nSrdlicher Answeg jederzeit offen stand. Denn es ist anznnebmeny dass 
entweder eine, wenn aucb scbmale Yerbindung mit der Lagoa doa Patoa fort- 



') Deataohe Geogr. Btttier. BremeD. Vm, 1885» 193 fll Dr. H. r. Jbering, Die Lagoa 

do» Pftto^ 

,lhPrin;r 103. 

' ) Ki><>n(J^ 17::. Aiu li iler C'.in:i1 do Norto worde Ton dSB Entdecfcem Miaem Weaea 
aach verkiinnt und Rio Grande genaani (165). 
*} Ebenda 178. 



Beitifige zur Moiphologid der FlAchkOflten. 



247 



irMlirend bestanden hat, oder aber, dass die Wasser dcs Jaguarau sicli mit 
leiditer Hfifae dneaWeg diu«h die lockeren ABsehwemmimgen des Piratinun 
za bahnen Tennocbteo. 

Die VertorfuDg, welche Hbrigetis auf Siiss- und Brackwasserlaganen be- 
schriinkt bleibt, zielt wpnicfer anf eino allmiihliche Verflachung als vielmehr 
auf eine successive Eineogung der Wasserilache von den Kiiuderu aus ah. 

Wasserfl&clieti bleibt sie meist auf die ruhigen Bacbten bescbrinki, 
Ideinere Becken dagegen wercU ii oft in ihrcr ganzen Aiudehming zu Strand- 
mooren umgcwanflelt. Von der Osf^eito dor Dievonow aus zieht cino mohr 
als 50 km lange Brucliniederung bis nach Kolberg bin, welcbe einst cineu von 
einem Odentna Oder der Rega dnrcbfloeeenen Strandsee Uldete. Ah Reete 
dieses Sees habon sich nobon dem Kampcr See nur einige ganz klehie Tiimpel 
erlmlton Mehr oder minder vcrtorft sind aucli die andercn pommeruscben 
Strandseen, wie denn die deutscbe Ostseekiiste uberbaupt cine reicbe Aus- 
bildung diescr Erscbcinung durbietet. In viel grossartigerem Mafsstabe je- 
docb ala bier tritt ne an der atiantischen Unionkiiste anf *). 

Die Ag«ntion dor La ft. 

ArealverminderQug dnrah Dfmenwanderang. 

Dor Thatigkeit des flicsst ndeu "Wassers ithiilich iiussprt sicb die Wirkung 
der Atmospbiinlien in Einenguug uud Verflacbung. Die erstere gescbiebt 
ausacbli^Iich durcb anflandige Winde und ist auf eolche Strandseen be- 
scbritnkt, deren Nehrung mit Wanderdiinen besetzt ist. Auf der kuriscben 
Nebrunj^ wandern die Diincn jiilirlich nm ca. 5.5 m (18') dem Haff zu; nimmt 
man aucb nur 17' jabrliche Durclisclinittsgescbwiudigkeit, so liegt bei un- 
aufbaltsamer Wanderung die Diine auf der ganzen Nehrung vollig im HafF 
schon nach 215 Jabren •). Bei der betriicbtlicben Kammbohe der einzi luou 
DiiiK^nziige (.30—50 rn) ist das in diesem Zeitraum dem Haff zugeiUbrte Ge- 
aamtvolomen eiu bedeutendes. 

Hakeabilda^ 

In § 13 ist auf den Gegensatz zwiscben der glatten Aussenseite 
und der gc^liederten Binnenseite der KiistenwiUIc biugewiesen wordon. Diese 
Gliederuii;^' ist in den meisten FSUen das. Werk des Seewindes. Derselbe 
tr< ibt den vom Hauptkamm der Diinenkette losgelosten Sand in die Lagunen 
and buut dort oft weit in dicsc liiiic>inrnf»onde Nebendiinen auf. Kleinc See- 
becken werdcii auf solcbe Weise ganz zugescbiittet , wie z. B. der Scbwarze 
See zwiscben Colberg and der Dierenow*). An der ostpreossiscben Ktiste 
verden die Nebendiinen „Haken" genannt. Aucb in uiuKk-i- Weise Tolkieht 
hier die Diinenwandertinp einc Einon^^ijnj^ dcs Hullareuls. Die Diinen stUrzen 
nacb der Haffseite iiberniscbeiid steii ab (Sturzdiinen), iiben desbaib in nsicbster 
H&he der Straudlinie eincn grossen Druck auf die UuterUige aus und pressen 
den Mergelboden des Hafb wobl 6 — 1& boch empor 

Aeolische Ablation. 

Dem Auge weiiiger sicblbar, ubcr nicbt minder btetig als die Einengung 
der SttandgewSner dureh DQnenwaudwung) vollzieht sicb die Verflacbung 



') Lehmann, 341. 
*) Ackermaim 58 tf. 

*) Geogr. Mitt. 18S*^. Littor. Boritlit png. 16. ?1i:i]it: Sca Coaet Survey pag. 5. 
*) Berendti Geologie d. kur. Hafik, K&nigsberg 18ti9. 104. Bessenberger^ d. kar. 
KduuDg, 285. 

*) Ackcrmann 70. 

*) bereadt, Geolog. Protil pag. 19. be^zeub. 172. 



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248 



Beitr&ge zur Morphologio der FlaolikttateiL 



derselben durcb ilolische Ablation. Der Seewind Ubt dieselbe tiberall am, 

fk-r Laiulwind dagegen nur in Gegendeu geringer Vegetation. Besoiulers 
gtinstig fUr den Ictztcrcn sind duher die Wiistengebiete. Die machtige 
Sclilammschicht, welche deu lioden des Sees von Tunis bis fast an den Wasser- 
spiegel bedeckt (die Tiefe betrfigt nur 0,3 — 1,0 m), ist aadi Partscb >) hernn- 
gefuhrt duTcfa die Effluvien und Abfiille einer schmutzigen Grofsstadt, machtiger 
abor durch die St«nbmassen der Atmosphiire und den von den Seewindeu 
iiber die Nchrung hereiugewehteu Sand. Gewaltig sind aucb die Staubmasseu, 
wekbe von Hai bis August durch die hossen Ostwinde in die Walfiach Ba]r 
und den Sandwich Hafen getragen werden 

Tordnostiuig. 

Ist in abgescUonenen StraDdwen die WassennfUhr gcxinger als die 

Abgabe an die darttber lagernden Luftscbichten , so entstehen mit der Er- 

niedrigung des Niveaus Depressionen. Ibre Bildiing wird begiinstigt durch 
heisse Kliniate (Chotts v. Tunis), dock sind sie auch in kalteren und feuchten 
Zoneu keine Selteuheit Die ganze Nord- und Westkilste der Insel Fehmam 
ist yon solcben Depressionen eingefasst . die 0,9 — 1,1 m unter dem Mittel- 
wasscr der Osisec licgen. Durch kunstliche Entwiisserung sind einzelne der- 
selben tUr die Kultur gewonneu wordeu^), Dasselbc gilt fiir das Maarlemer 
Meer. 

StnuidTOMiliiebung. 
FotitiTe. 

Eine poeitive StrandTerscbiebung bat naturgemfiss mit der TergrSssorang 

der Wassertiefe auch eine solche des Areals der Strandseen zur Folge. Oft- 
inals Schafft dieselbe iiljeiliaupt erst die Bedingungcn fiir Strandsecbildung. 
So fUbrt Penck *) die Entstehung der nieisien liinterpomniernschen iStrandsoen 
auf eine positive Strandverschiebung zuriick. Trotzdem sie in den letzten 
taiisend Jahren nicht messbar ist, hat sic dennoch das Land hinter den Donen 
untcr das ^Teerosniyeau getaucbt, der Fkt den Eintritt verschafft und die 
Fliisse gestaut 

Diti mechanischen AVirkuugeu des Meeres werden durch positive Strand- 
Terscbiebung vei^rdssert, dagegen die Bedingungen fiir Deltabildong TeRug^i. 
Schliesslich wird die Existenz des Strandsecs als solcher uberhaupt in Frago 
gestellt, indem die Ncbrung der abradierenden Brandungswelle zum Opter 
fallt. Das Gleiche kanu auch gescbeheu iufolge zersturender Eingriffe von 
Sturm- und Erdbebenfluten. Auf einen der beiden erstea Faktoren ist die 
Zerstttr^dung der einstigen Nehrung von Hdligenbafen zurUckzufUbren. 

Hegatiye. 

Die negative Strandverschiebung zeitigt zunacbst ganz entgegengesetzte 
Wirkungen : sie verilaclit die Wassertiefe und vevringert das Areal, sie ver- 
mindert den Eiiifluss des Meeres und begUnstigt die JJeltabildung und dadurch 
die Aust'iillung der Laguneu. Mit fortschroiteuder Yerschiebung zwingt sie 
jedocb die Eliisse zur Eronon ihrer vordem au^^ebauten Alluvionra. Indem 
dieae seewarta gefiibrt vrerden, konnen in See neue Nebrungen ratsteben. 

Thatsachliche Tiefenverhaltaisse. 

Unterziehen wir nun, nacbdem wir die Faktoren kennen gelernt habcn, 
durch wclehc die Tiefen der Strandgewasser beeinflusst werden konnen, die 
thats&cblicben Ttefenverhilltnisse derselben einer kurzen Betrachtuag, bo 



*) Geogr. lOtt. 1883, 205. 
^ ETionda 1S78. 305, 311. 
') Ackermanu 70 ti*. 

*) VvM, Vfm, T. d. Erde. J>. deuisdie Reich 616. 



id by GoogI 



Beitcfige zar Morphologid der FkcbkOtton. 



249 



kommen wesentlich zwei Vergleichsmomeute in Frage, ein statistisches uud 
cm anthiopogetfgraphisches. Das statiatische Tergleicht die Tiefen der Strftnd* 

Been untor einander und mit den ihnen benacbbarten Meeresteilen, das andere 
stellt dem ideellen Wert der firscheinung fiir den Meoscheii die thats&chliche 
Ausnutzung derselben durch diesen gegeniiber. 

Was das entere anbelatigt, so liegt eine Zaaammenstellttng eraQdender 
Zulilenreiheu una fern ; in ihren Qrundaiigeii lasaen aich die TiefeBTerhaltniase 
vielmehr wie fol<^t fostlogen r 

1. Die Stratidseeu siud seicbter als die flacbeu liandgebiete der Meere. 
DeiugemttsB bew^en sich die ITnteraGhiede ihrer Darcbschnittatiefen innerlialb 
noch engerer Grenzeu hIs bei jenen. Der Betrag, um wiovielmal die der 
Kebruug anliegenden Meeresteile , soweit sie die oberste SStvife des Meeres- 
bodens umfassen, tiefer sind als die Lagunen, scbwaukt vom Doppelten bis 
sum Sechsfachen, je nach der Entwickelongspbase derselben. Die Lagoa dos 
Patos hat an tieferen Stellen 6 — 8 a Tiefe, nur aelten 11 — 12 m'), die 
flache Randterrasse des atlantiscben Ozeans dagegeii liegt dort 2-3 nml so 
lief und bricbt sehr bald zu grosscn Tiefen ab ; 60 m finden sich sclion in 
20 km Abstand von der Nehrung. 4 — 5 mal tiefer als der bctreffende See 
li^en die Randterrasaen vor der Mobile Bay (Durchscbnittstiefe 2 — 4 m, 
Max. r> m). dtr ^Matii-^urda Bay (Max. 3—4 m), dem Kuriachea (6»6 Max.) 
uud dem Frischen HatV (5,1 m Max.) 

Bei deu kleinereu Strandseebildungeu Hind die Quotienten nuck grosser. 
Die dem Saadflng stark aiiBge8et9Efee& lUiigkjdbing und Nisaum Fjords an der 
jiitischen Westkiiste sind kaum ein Fiinftel so tief (Max. 4 m) wie die dortige 
Nordsee und das Flacbmeer an der Ostktiste von Florida weist sogar 6 mal 
so grosse Tiefen auf wie die Mebrzabl der lauggestreckteu „Rivers'^ £iue 
Ananahme macht nnr der Etang de Cazau in den Landes> wdcher die gana 
abnorme Tiefo von 50 m besitft »). Diese Tiefe dokunentiert ihn als den Rest 
oiner ehemaligcn Mccrcsbucht (dio Etanj^s sind nur z. T. aus solchen bervor- 
gegangen, z. T. jeduch Ansammluugen von .Niederscblags- uud Biunenwasser) 
weldie, die Etangs jetzt 20 — 25 ra fiber dem Meereanivean liegen, weit 
tiefer als 30 in gewesen sein muss. 

2. Es bestclit kciii durchgreifendcr Untcrscliii'd /wisclien den Tiefen der 
Strandseen, weicbo einst Meer und welclie einst Land waren. Die V ersenkungs- 
seen der Zuider See, dea Dollar t and der Jade, sowie das Karische (und das 
Frische?) Haff*) bieten genaa dieselbcn Yerbaltnisse dar via die al^pe- 
schlossenen Meeresbiichten. Eine Ananahme bildet wiedenun der Etang de 
Cazau (s. oben). 

Enlturwert der Strandseen. 

Fur die Scbiffubrt sind die Strandseen im allgenieineii wenig tauglicb. 
Qtosbb Seeschiffe konnen entweder gar nicbk einlanfen wegen der hinderlichen 
Barren (Pamplico Sound, die Bucliten von Texas, Ober-Guinea u. s. w.), oder 
aie finden uberhaupt kein geniigend tiefes Fahrwrisser. Dicsom Uebelstando 
vird dann entweder durcb Baggerung abgeboifen (PiUau und Koni^t^berg), 
oder der Verkehr wird doreh kleinere Fahrzenge bewerkstelligt (Lag. doa 
Patos bis Porto Alegre, Friscbes Haff, Mobile Bay). 

Binnantdluffidttt 

Die kldnoi Seen kommen kdchatena ftir den Lokalverkefar in Betracbt. 
Eine Erweitening eriahrt dieaer, wenn mebrere derselben nnter einander in 

0 Odogr. Mitt. 1887. 290. Das M. Eoloaialgebiet v. Rio Grande do Sol, Dr. 
T, JherinK u. P. T.aii^lianH. Nebifc Kaite. 

') S. Protil 4 und b. 

') T'n8. Wissen t. d. Krde. Frankreioli 54. 

*} Una. Wiss. v. d. Erdo. EI»oiidi». 
Beieudt, Geologic dm Kur. llulfs. 



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250 



Beitrftge zur Morphologie der Flachk Oaten. 



Verbinduiig stelien. Einen derartigen Binnenscliiffalirtskanal , der den ganzea 
dortigeu Haucklsverkebr vennittelt . bieten die „back\vater8" der siidliclifn 
Malabarkiisto dar. Id der nassen Jahreszeit reicht dicser Kanal in der Lange 
von mehr als 300 km von Cochin bis Trivandram und selbst zur Trockeozeit 
bestebt eine regelmSssige Sdiiffahrt zwiscben Cranganore^ Cochin and AUeppi 
(166 km)'). l.iTcrtT nocli ist der nntiirlidiP Kanal an der Ostkiiste von 
Madagaskar. Hiuter Kuralleuriiien sich hinziebend, welcbe, meist mit Sand- 
hligeln bedeckt, ibre wabre Natur zu verbergen streben, reicht er mit einer 
Iifinge von 485 km vom Ivandron bei Tainatavc bis zum Matitatana Aii<^ 
an der Nord- nnd Ostkiiste von Ceylon fiii(b.'t sicli . zur Rogcnzcit wenigsten?;, 
Biimcnscliiffahrt, die im N. ein mehr als 16 gcogr. Meilen lauges Fahwasser 
hudet 3). 

Kapitel m. 

Terindernngeii la lage nnd Oesialt. 
§ 23. Faktoren der VerSnderang. 

Die VM^hiderttngeii der Ejisten bestehen in ZerstSmng und Anwadis. 

Letztercr wird vermittelt durch den Transport der laudbildeiideii Uaterialieik. 

I. Die Zerstorung der Kii'^to ist 

A. eine konstaute, bervorgerufeu durch die Thiitigkeit der Brandungs- 
welle. 

Es ist V. Ricbtbofcns Ycrdicnst, auf die BedeutoDg imd Griisse dea 
mechaniscben Eft'ekts dor BrandungswcUe bcsonders an Steilkflsten hinge<- 
wiesen zu haben. (China II, 766 S. Fiihrer § 153 ff.) 

An flflchen Schvemmlandkasten ist der Effekt der Brandungswelle gering. 
Im allgomoinoii bcscbriinkt sich dieselbo auf die Umbigcrung der festen Be- 
standtcilo (S. 252) und nur dort . wo sie in ibrer Vorwlirtsbewegung lokal 
durch Steilufer gehenunt wird, tntt sie abradiereud auf. Derartige Henuu- 
nisse innerhalb der sonst allttTialen Strandflache sind an der dentsdlien Ost- 
seekiiste die diluvialen and tertiaren Scbollcn, welcbc an gcwiwen Stelien den 
Strand unmittelbar begrenzen. (Jersbofter, Rixbofter, Oxbofter Kempe, Sam- 
bmd u. s. w.). Die Abrasion solcber iiber die allgeraeine Kiistenricbtung 
vorspringenden Punkte kann weitere Veriiuderungen im Kiisteugcbiet nach 
sich Ziehen (S. 243) ; im Verein mit der Eorrasion liefert sie einen Teil der 
^Wandersando" (S. 252). 

B. Di(^ Zerstorung tritt nur zeitwcih'?^ aiif. Sie ist die Folge 

1. periodisch auftretendcr Ersebeinuiigen 

a) der Gezeiten und dee G^itenstroms. Ueber die Yer- 
grosserung der Wellendiinensionen s. § 4, die ErosioilB* 
wirkungcn der Gezeitenstromo §§ 20, 21, 

b) des luisten- und Grundcisos. 

Dieses nimmt mit dem Abtrieb von der Etiste oft bedentende Geacfaiebe- 
masaen mit sich in See, wo dieselben beim Abschmelzen dee Eiaes niedersinken. 

2. nnperiodiscb eiutn tendor Erpii;nis<?e. 

Die Sturratiuten sind, obwobl nicbt der biiuligste, so doch der in seinem 
Gesamteffddi gewaltigste Faktor in der Zerstorung besonders der geologisdi 
jangen Meeresablagerungen. (Deutsdie Noidseekiiste, Nordehineaische JSbene.) 

II. Der Auwachs sctzt sicb 7'i<;immcn 

A. aus den Denudatiouspioduktcn dcs Biunenlandes, 

B. den Abrasions- and KorraBiQnq[>xodukten des Strandea. 

RecluB, La terre VIIL b2b, 
RedM JLIV. 74 £ 
*)J0, Bitter VI, 69 £ 



Beitriige but Hofphologie der FlMlildltfeii. 



251 



HI. Der Transport der prstoren ins Mcor erfnlfjt wesentlich (lurch die 

Thiitigkeit der Fliisse. ircbcr div iml. Ablution s. S. 247.) 
Im Mecr selbst unterliegt der Transport der festcn Teilchen : 

1. der WelleDbewegutig in Gestalt des Kilsteiuitroms, 

2. den GezeitoikBtrfimen (§§ 20, 21), 

3. den Meeresstiomungen. 

§ 24 KliBtenstrom nnd MeeresstrSmnng. 

GtMldolifliolieB. 

Bis in die neneste Zeit wurde ftlr den Transport der festen Bestandteile 

ini Moer allgcmein die .J'^ustenstromung" verantwortlich geraacht. wcnn man 
nnch andcrerseits an deti mil Gczeiten hohafteton Meeren sich der Transport- 
krait des Ebbe- und Flutstroius wohi bewusst war. Noch jetzt begegnet man 
In Tielen Badiern Mnfig Plirasen dee Infaalte: die Ettetenstromung tragt die 
Sinkstoflfe dieses oder jenen Flusses da und da bin und setzt sie dort ab. 
IVIan wird ??chr seltcn irrcn , indcm man den Autoren dieser oder abnlich 
lautender iSiitze die Ansicht unterscbiebt , dass sie unter der Kustenstromung 
in der That regtiUlre Meereaatrfimnngen verstehen. Diese AnfflEweang findet 
ibro scheinbare Begrundung in der Thatsacbe, dass gerade einige der be- 
kanntesten oiiropaischen Kustenstreckcn. die sich duich ans^^ dehnte Neuland- 
gebilde auszeicbueu, unter der Einwirkuug ziemlich regelmiissig fliessender 
StrSmungen etehen, wie z. B. die preaBsisclie Osteeekttste, der G-. Venedig, 
der G. du Lion, die Landes. 

An diosoii Kiiston sali man , dass alle von den Landejewfissern dem 
jBleer zugefubrteu 8edimente in der Richtung der Stromung verschobcu ^Yurden, 
man bemerkte mae nacli derselboi Seite erfolgte Ablenkung der unteren Floss- 
l&nfe, aah, dass alle Nculandgebilde einc solcbc Lagc einnahmen, wie sie sich 
BUS der Riclituiifr der Stromung am t in^a^:ll^t^'n crklarte und land scliliesslich 
anch, dass alle ^sehrungen stcts an dem der Stromung abgckehrten Ende 
durcbbrochen waren. Nichts lag niUier, als dass man an audereu, weuiger 
bekannten Kiisten aus der Lage und Gestalt d&c Landgebilde in der Geetade* 
zone, der vielleiclit cigeuartigen Richtung des untorsten Lnnfs der Fliisse nnd 
der Anordnung dtr Nelinnigsdurcbbruche ebenfalls aut" das Vorhandtnsriu 
einer aus bestimmter Richtung kommenden JVleeresstromung schloss und uui- 
gekehrt deren Vorbandensein besweifelte, wo die erw&hnten UmstSnde nicht 
nut ihrer vorausgesetztcn Richtung in Einklang zu bringen waren. 

Das Verfahren ist niclit gerade ein sehr kritisches zn jiomien. J )or Fchler 
iiegt aber uicht so sehr in der Metliode selbst, die an und lUr tjicli nocb ge- 
reebtfertigt sein mochte, sondem er berubt in der Unkenntnis oder der Ver- 
kennung einiger sehr wesentlicher Nebenumstiinde. Zuniichst schricb man den 
Str'"Tminijcn cino zu frrosse Stetif^keit der Dauer und eine zu bedeutendo 
Ge^jchwuidigkeit zu, daiin unterliess man es, die von dem Stromen eines Flusses 
▼51Iig Tersdnedene Mecbanik der Meeressti^mungen in Bechnung zu nehen 
und schliesslicli war man noch nicbt im Besit/. der Brewerschen BIntdeckuDg — 
alles Umstande, welche wohl geeignet waren, das Aiisehen der MeweBStrdmungen 
als Faktor der Landbildung unangctastet zu lasscn. 

Bieees alte Ansehen nrasste zn wankm beginncn, als man entdeckte, 
dass es mit der vielgeriihmtcn Stctigkeit nichts sd, dass vielmehr ein einziger 
kriiftiger, langere Zeit andauemder Sturm die Stromung zum volligen Stillstand, 
wenn nicht gar zur Umkehr zwingen ktinne ; cs musste noch mehr sinken, als 
man weiter bemerkte, dass aucb die Geschwindigkeiten gar nicht so gewaltig 
gross seicn und dass das Strbmen im Meer sich in ganz anderer Weise voll- 
ziehe als wie im Flussbett. Den letzton Stoss nlu'r bekam rs , als durch 
Brewers Eutdeckung klargestellt wurdo, dass im Meerwasser alio mcchaiiisch 



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252 



Beiir&ge sur Morpbologia der FlachkOsten. 



beigemengten festen Bestandteile viele Mai schneller aich absetson als mi 
SfinwasBer, 

Besonden durch die BorttckBichtiguiig des ktztgenannten Moments trat 
ein volligpr llmsclnvunp: der Meinungen ein. Ein Ausdruc!: dorselben sind 
die auf cingehendeQ Beobachtuugen an Ort und Stelle basi^reudeu Verbli'cnt- 
lichuiigeu von Dr. Pechngl-LSache fiber die Bewegungserscheinungen dea Heeres 
an der Westkiiste des tropiscben Afrika^). Mit Beriicksichtigung aller oben- 
genannten Momentc wies or nacli (Bd. 50) , dass niclit die nach N. setzende 
Benguela-titromung, sonderu die dort brandende DUnuug, die Kalema (Bd. 32), 
das Agens ist, welches das bewegliche Material nacb N. transporUeit and 
dadvrch von wesentlidiem Einfluss anf die Geataltung der Kttstealinie wird. 

So wertvoU diese Untersucbnngen durch ihre Resultate auch sind, so 
gcniessen sic docli nicht den Vorzug der Prioritiit. Wie Kriiinmf'l fOzeano- 
graphie 511 f.) hervorhebt, ist die wahre Natur der die Siukbtotie seitiich 
fortbewcgenden Kraft den fachkuudigen Mannem der Praxis, den Wasserban- 
technikern , von jeher bekannt: nDie Wasaerbautechuiker kcuneii diese Stoffe 
als ,,Wanders;iiid('" (franz. sables voya^^ouses) und sind genotigt, sie hei alien 
t ier- uiid JIafeiibauten am Meere auf das sorgsamste zu beachtcu. Die iilratt 
aber, welche diese Geschiebe oder Situdo die Kiiste entlaug forttriigt, nennen 
sie den ffEOstenstrom**. 

Wesen des EiistenstTomes. 

„Wurden die Wellen genau senkrecht auf den Strand auflaufen, so "wiirde 
jedes Sand- und KieskiimcSen mit der Welle wohl vor- und znriickgescboben 
warden, aber im Grande genommen seiuen Platz nur in einer Kichtung mebr 
naeli secwilrts veriinderu kr>inicn. Das ist nun beinahe iiirgends der Fall, 
sondern die Wellcn laufen etwas sebriig auf das liter hinauf, und der Riick- 
Strom fiilirt die Wasserteiichen uiclit in derselben Babn wieder zuruck, sonderu 
man bemerld; bet stSrkerem Wellensdilag sehr deutlicb, dass es auch beim 
Rucklauf noch eine dem Strand parallele Koinponente in seiner fparabolischen) 
Bahn eiithalt. Die Gcschiebekornchen werden also in Zickzackbabueu nicht 
nur abwechseind auf- und abwaits getrieben, sondern erleiden auch eine ge- 
wisse horizontale Verscbiebung entlang dem Strande. Es ist hferbei gleich- 
giiltig, ob die Brandung von friscb erregten, „gezwungenen" Wellen, oder 
von r)ijnnnf» , also ,,freion" Wellcn orzeugt ist. Der sogenannte Kustenstrom 
ist damit seiner liichtung und Stiirke uach durchaus variabel; Stiirme mit 
anf landiger Ricbtung konnen in einzelnen Fallen einen sebr heftigen Kaaten- 
Strom und damit ganz staunenswerte Massenverschiebungen von Sand und Kies 
erzeufren. so dass hier, wic bei der abradierenden Thatigkeit der Brandungs- 
welle, die stiiiraischeu Windc von grosserer Bedeutung werden, wie die mittleren 
Windbewegungcu und die davou abhangigen „Trifter8cheuiung6n". 

Damit ist dargethan, dass „Kustenstrom<* und „Kii8tenstr5mung'* (tn 
dem S. 251 angegebenen Sinne) keineswe<,'s ideutiscb sind, weder ihrem Wesen, 
noch ihrer Wirknng nach. Wo die EtFekte beider we^^en gloicblaufondor 
Ricbtung einander summieren, wie an den S. 251 gcnannten Kiisten, tritt gleich- 
wohl eine Arbeitsteilung ein und zwar, wie Richtbofen (Fubrer 348) schreibt, 
in der ^'eise , dass die Brandungswcllo das grSbere Strandmaterial langsam 
fortscbiebt, dap^e^^cn ein in seineni Gesamtvolnmen viel masscnhaftorer Trans- 
port feinster fester Teilchen durch die Kiistenstromung erfolgt. — Die Brandung 
besorgt die feinere Feilung und Ausgleichung im einzdnen, die Stromung bin- 
gegen in viel aUgemeinoDer Weise. 



') Die deut«cho Loangoexpnd. III. Teil. Dio auf ilit'sea Oeigenatand beziiglieheu Teilo 
sind aach erachienen Globus XXXII 1877. 119. 136: PieKalema} Qud Globus L 188(». 39. 55. 
FlivcbkQsten^ Mcorciistriituaug und Brandung. 



BeiMge tur Morphologie der FlabiikQaten. 



253 



IM0 Keeventrdmimg. 

Auf grosserc Ftitff rrmniren vermag die MeeresstromuDg im allgemeinen 
nur die feinste Flusstrubf zu traiisportieren, wclche jedoch an der Zusammen- 
setzung del* 2^ehruugea, Bluiko utul Barren sich nieiaalB betciligt. Ausserdem 
tritt flie ajt den Flachkusten wohl nienuils bo nahe an den Strand heran, als 
dass ihre stetig gkitendc Stronibewegung nicht in cino orbitale Fluclnvasscr- 
Wellenbewegung verwandelt wiirde. Sie kann dpsbalb als direkt betciligt an 
der AasgestaltuDg der Kusten nicht gelten, wobl aber ist sie durch ilire auf 
die fiemen Schlammtdlchea sidi »8tredcende Ihmnsportkraft im stande, die 
BedeckiiDg des MeeorasbodeiiB Btark m beeinflnsseik. 

§ 25. Effekie des KiistenBtroms. 

Hela. 

An den deutseben Kiistrn der Ostsee tritt, ont.si)ro<"1i'^;id der vor- 
herrscheiideu Wnitlhcbtung , eiiien grosseu Teii des Jabres eine ostliche 
Str^nng auf, die, nach KrUmmel (Ozeanogr. 465), walmcheinlieh ein Kom- 
penaatioDsstrom fur den durch den Sund auslaufenoen Nordstrom, an einzelnen 
pommerschen Molenhafen so lieftig ist, dass die aus- und eiiigelienden Schiffe 
dem Ruder versagen und an den Molenkiipfen Beseliadigungeu erleiden (ebda.). 
Trotz dieser HefUgkeit vermag die Stromuug Sand cutwcder gar uichti oder 
doeb nicht anf lllngere Strecken sa Terscfaleppen. Dies gebt aus folgendem 
hervor. 

Ware dieser Komi)ensation8strom an dein saiidigeii Aufbau von Hela 
irgendwie beteiligt, so stiinde zu erwartcn, dass diese Nehruug sicli uuter- 
meerisch in Untiefen nnd Banken fortaetzte, Kuraal doch nicht anzunebmen ist) 
dass seine Transportkraft an dem Ende der Halbiusel plotzlich erschopft soi. 
Dies ist nun abpr nicht der Fall ; vielmebr bricht diese am K. Hela steil zu 
bedeutenden Tiefen ab') und zwar so, dass hart an ihrem Fuss die regiouale 
Thon- und ScUickbedeckung beginnt DieBS Thatsacbe ISmt aich wobl aus 
der Thatigkeit der BraDdungawelle erUiiren (§ 19), nidit aber ana der Mit- 
wilkung der Stromung. 

Auch ein anderer Umstand spricht uoch dagegen. Vom K. Heia zieht 
ein votersedBcber Steilrand in gerader Ricbtunf^ nach KNW. bis etwa sum 
65» n. Br. (b. Querschnitt Nr. 6 nnd Karte B), wo er nach W. umbiegt und 
in eine sanftere Buschung iibergebt. Der Fuss dieses Steilrandes bezeichnct 
die jeweiUge Grenze der Tiefenwirkuug der Wellen wahrend der Riickwiirts- 
yerlegung der Nehrung. £ame eine Sandverschleppung durch die oben ge- 
nannte Stromnng andi ifir kleinere Strecken in Betracbt, so mttsste bei der 
einstigen geringeren Langenausdehnunp dor Putziger Nehrunc: lorli wcnigstens 
hier im N. Seesand iibcr diesen Steilrand verscblcppt worden seiu. Doch 
auch dieses ist nicht der Fall, souderu mit dem Fuss der Tiefe beginnt der 
gSMB, wdcfae oder harte Thon. 

Kap Ganaveral. 

Ffir die Au^estaltung der atlantiscbeu Unionkiiste kommt der Florida- 
Strom ebenaowenig in Frage wie der noold waU**, der liberfaaupt nicht durch 
messbare Bewegung, sondern nur durch Temperatormessungen erkennbar ist »). 
Dies ist von den verschiedensten Seiten nacbgewiesen. Wenden wir nun die 
seither gebrauchte S. 251 gescbilderte Methode I'iir den Kusteustrom an, so 
invoMert duas fGr K. Canaveral an der OstkSste von Florida , 28,5 0, bei der 
Abhangigkeit dee Eustcnstroms von den Winden, entweder vorherrschende 
SturmxicbtiiDgQii am dem NO. Qoadranten, oder weoigBtens eine Tonriegend 



O 8. Karto B. 

^ T. Bogndawfky, OieuMgr. 



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254 



Beitrfige stir Morphologic der Flaolikasten. 



aus dieser Richtung brandende Dunung ; die Gestalt dea K. CanETeral, sovie 
die Konfiguration des Meeresbodens in seiner nntenneerischen VerlSogOTaog 
iSsst kriiic aitderc Dcuttinf? zu fTvarte IT). 

Wiudbeobaclituiigt'ii tiir diese Gegeud spezieli iiegen nicht vor, doch ist 
nacli Coffin (Winds 152> fiir St. Augustine (30») die mittlere jabrliche Wind- 
richtung N. TO" O. und die Fiinfgradfeldkarten des AUae der deutschon See- 
wnrto (Atlant, Ozean 22—25) gcben fur dif Ostkiiste Floridas wenigstons 
ftir das 2. bis 4. Qnartal (April bis December) NO.- bis O. - liichtung an. 
Nacb Stiiike und Gescbwindigkeit sind in Nordflorida die ^'0.-\\ iude ebon- 
&Us die bedeatendsten (Co£Sn 178), so daw mit einiger Wabrscheinliclikeit 
bier, an der Grenze voit Nerd- und Mittelflorida, die mittlere Starmrichtuiig 
auch NO. ist. 

Ist dies ricbtig, so erkliirt sich die EiitstebuDg von K. Canaveral aus 
Beiner Gestalt Ton sdbst 

I. Stadium. Vor der Entst^hung der jetzigen doppelten , ja z. T. drd- 
facben Nelirung am K. Canaveral verlief die StraiKlliuie nindlicli 28'' 50' in 
^'rraib r Richtung von NNW. nacli SSO. , siidlich dicser Breite fast geiiau 
von uacb S. Dieso Wendung erfolgte, wie die heutigen Kouturen noch 
deutUch erkennen lassen (Earte H), in scharfaa Knick. 

II. Stadium. An dicseii Puiilct lebute sich nun luiicbst eine Nebrung 
an, weli'lie das in'irdliclii' Ende des Indian River vom Jleere abscldoss. Die- 
selbe ist iiiter als die liculige Kiistc und bat zur Entfaltung der ungemein 
breit cntwickelten Anscliwenimungen zwischen Indian R. und Mosquito Lagoon 
einerseits und Indian R. und Banana £. andereneits (Merritts Island) sicber 
einer langen Periode bedurft. 

III. Stadiinii f jct/ii^er Zustand). Die Fortentwickelung dieses vormalis^en 
massigen Kaps wurde stiiigesteiit, als sicb, die Mosquito Lagoon abschbessend, 
die jetzigc, scbwacbe Strandnehrung vor derselben aus dem Heere erbob ond 
den bisherigen Strand zum lifer eines rubigen Knnensees umwandelte. Diese 
neue Nebrung lo^te sich mit iliroin Suilfiidr" zuniichst an das alte Kap an, 
ist aber jntzt liiiii^st iii)er dasselbe hinaus fortgowaclisen und bat dadureb 
wieder einen neuon und jiingsteu Binnensee, den liauana R., Tom Meere ab- 
getrennt. Das beutige K. Canaveral liegt 20 km sUdostlicb ron dem des 
U. Stadiums, dieses ca. 36 km siidostlicli von I. 

Ob diese umfanp^ciclipn Vcr:indoniiii;cn. iihrr welche weit zuriickieichende 
Beobacbtungen auf kein(;n Fall vorliegen, dem Kiisteustrom ausscbbesslicb 
zugesehrieben werden dtirfen, ist fragliob. Dass er gerade an dieser Stelle 
unter dem Einfluss 4—6' bober Gezeiten sebr thiitig ist, zeigen die in der 
Yerlangerung des Kaps sicb langlnn/iclifiub'n South East Shoals ; ausserdem 
wird seine Wirksamkcit dadureb in boheni (jrade geiordert, dass die in dieser 
Region zaUreicb aufbretenden Untiefen ibm fortdauemd nenes Baomaterial 
zu liefern im stande sind. Dcnnocb scbeint die Eercinziebung einer negativen 
Strandverscbicbung nnabweisbar zn sfin . wPTiiper fiir K. Canaveral , aus den 
soebeu augegebeueu Griindeii, als tiir die Entstebung der Lagunen an der 
gesamten Ostkfiste Floridas iiberbanpt Einmal fehlt ibren Nebrungen jeder 
markante Ansatzj)uidvt , dann aber wcist ncben ihrer iibereinstimmend lang- 
gcsti. ckton , schmalen Gestalt die Scbichtenfolge der Halbinsel an sicb auf 
eine bis in die gcologiscb jiingste Zeit andauernde negative Straudverscbiebung 
bin, die, wenn sie aucb messbar ist, dennodi den Aufbau dieser eigenartigcn 
Iduidgebilde begfmstigte. 

Lagoa doa Fatos JSIebning. 

Ein vielgenanntes Srhmcrzenskind der „Stroinun^stheorie" ist das Ticf 
der Lagoa dos Fatos, indera die Lage desselben absolut uicbt mit der dort 
angenommenen kalten KlistenstrSmung tibereiiistimmt Selbst t. Bicbtbofen 



fieitettge sar Mocphologie der FlachkOgten. 



265 



gerat mit sich selbst in W'iderspruch, indem er die Lage des Ticfs der an- 
genoiDineii6Q Stromung entgegen, also am Liivende der NelmiTig, atiffiidleod 
iindet (Fflhrer 350). Die Existcnz diesor Stromung ist, wi6 gesagt , iiur cine 
Annalmo . os ist also unter den obwultcnilcn Cnistandcn einrrscits doppelt 
gefahrlich , mit ihr zu rcchnen , andercrseits dagcgen hat die^s gar keine tie- 
fahr, weil sie, selbst wenu sie cxisticrt, fttr die Entwickelung der Nehruug 
Bchwerlich in Frage komrnen wUrde. 

Aus den FUnfgradfeldkarton dcs S. 254 genanntcn Atlas (22 — 25) geht 
hervor, dam die vorhcrrschende Windriciitung an der Kiisto von Hio Grande 
do Sul eiue nordiistliche ist. Diese ein/igo Tliatsacbe geuiigt vollstiindig, um 
nnserer 8. 245 ansgesprocbenen Bebauptung, nach welcher die Nehrnng von 
N. aus nach S. gewachsen ist , einen festen Halt zu vcrleihen. So lani^o 
keine geologisclun T'^iitiTsnrluintrpn dio Herkunft wcnigstfus lines 'I'rils rier 
sic zusaiumensetzenden Materia lien von der Serra do Mar (oder geral, s. 8. 24t)) 
nachweisen, grenzt diese Behauptung allerdings noch etwas an cine Hypothcsc, 
welche indesscn schon jetzt eine gewissc Untcrstiltzung durch den Unistand 
erfahren diirftr, dass , wie .fliering (103) Ix iut ikt , die Nehrung der Lagoa 
Mirim (s. dcri-n Kntstelnuii,' S. 245 ff . ) cin <,';iiiz aiulcrcs Profil hcsitzt als 
die Patosuehrung. Vielleicht hiingt dieser Umstaad uiit der geologischeu 
ZmaminfflisetBang znsaramen. 

§ 26. EinfliiBs der NiveauverSndernngen. 

Fiir die Strandsecn ist derselbe kurz dargelcgt auf S. 248. Fiir die 
FlacfakQste im allgeraeinen herrscbt das Prinzip: 

1. Wo negative Strandv i 1 iebung, da Landgcwinn und erhohte Aus- 
gleichung der Kiistenfornien. Dodi kann auch, wie rJiclithnfen (Fiilirer 371) 
bemerkt, durch Landt'estwerilung vorgelagerter luscln und Biinke die Uliede- 
ruug der KUste gesteigert werden. 

2. Bei positiver Strondversebiebung erfolgt eine Steigerung der mecha- 
niSGheii Wirkunij der AVellenbewegung und eine bis ins feinste gehende Gliede- 
rung des Festlaiuii s {§ 4). flierher sclieiiit die Kiiste von Virginten und 
Nord'Caroliaa zu gehoren. 

§ 27. Sicherung der Anschwemraungen. 

Mit jjleicher, ja vielfacli ^jrosseror Intensitlit als Flachen junf»en 
Landes bervorbringt, strebt das Mcer danach, dieselben wieder zu zerstoreu. 
Znm Teil vermag die Natnr sicli selbst gegen derartigc Yerluste zu aclitttsen, 
trie in den Tropen, wo die Mangrove sehr bald von dem Neuland Besitz er- 
greift und, mit ihron Luftwurzeln immer woit^r schrcitcnd, nicht iiur -/nr Er- 
haltung, soudern auch zur Erhuhuog und Ausbrcitung der Auschwcmmungeu 
beitrigt In nnseren nordischen Heeren ist das Neuland, wenn es tmter Hit- 
ivirkttng einer eigenartigen Flora uber die mittlere Fluthohe binausgewachsen 
ist, zwar gegen die snmmcilielien Flutcn cinigcrmasseii f»csicliert, auch wenn 
es durch keinen Diinengiirtel godeckt ist; dagcgen wiirde es niemals zu 
dauemder Besiodlung geeignet sein, wenn nicht der Mensch der Natur zu 
HOlfd k&ne. 

Zwar sind die r)t i( libauten eine ebcnsn fragliche Schutzwehr wie die 
Diinen, und "wie diese auf die Dauer znr Yerhiiidonin^ der Wnnderuni; einor 
Bepflanzung mit geeigaeteu Gewiichsen bediirieu, so beuiitigeu wie eiuer steteu 
Beaufsiehtigung und Ausbesserang. Der Umstand aber, dass dieser Ddchbau 
niemals das AVerk eines Einzelnen sein kann , wurde zu einem kultur- 
geographischen Moment von hoher Bedeutung. indem er an solcben Kiisten 
iiiih geordnete gesellschaitlicUe Zustaude hervorriet. 



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256 



.Beitr&ge zar Morphologie der FUchkftstea. 



S c h 1 u s 8. 

Blickcn wir auf daa im vorliorgohcndcn Gegebene zuriick , so mussen 
wir gestehen, dass eine ausfulirhche Darstellung aller im Gebiet der Flach- 
kliste sidi absp^ender VorgilDge nicht erreicht worden iat, dem Baam an- 
gemessen auch sicht angeatrebt warden konnte. Ausfiihrlicher behandelt ist 
die KUste nur in bezug auf ibre wesentlicbsten Unterscbeidungsmerkmale 
gegenuber der Hocbkiibte (Kap. I). Yon Einzelbeiten des Baues ist nnr die 
Konfiguration des Meeresbodens einer eingehenden Betracbtung unterzogen, 
dagegen die Erschemang der Dunen nor hier and doit gestreift. Ebenso 
konnten die Nivcauvcrandcrungnn nur kurz berahrf ^vcrden . und auf eine, 
weDQ auch noch so kurze Scliilderung der Verauderungeu musstea wir \on 
vornberein verzicbteu. 



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Die Plaine tie la Crau oder die prevenfaliseiie Saliara. 

YoD Dr. Ga«tftT Berndt. 



(Sehlnti.) 



Im allgemeinen nimmt man an . dass im Departement der Douches du 
£buQe 2ur Bewasserung von 1 ha Kulturland ein Zulluss von 1 1 Wasser per 
Sdnmde wilhrend der 6 Sommermonate auardeht. FQr gewittmlich betrSgt die 

Dauer der Bewasserung 6 Stunden per Woche; da diesube aber nor wiihrend 
des 28. Teiles dor S.ii'?nn stuttliiulet, so wird die "Wasserzufuhr von 1 1 auf 
28 1 per Sekuode erhuht. Mit 28 1 Wasser kunnte man also 28 ha Wiesen 
l)e?rt[MerD. WSJirend der 180 Tage der Bewftoserungsperiode empfftngt jedes 
Hektar otwa 15000 cbm Wasser, ein Quantum, welches einer fiber die ganze 
Oberflache gleichmiissig verteilten Wassprsdiicht von 1,50 m Bicke onlspricht. 
Thatsachlich ist die zur Bowiisserung erforderhche Wassermenj^e eine sehr ver- 
schiedene. Sie hangt teils von der Lage, toils von der Neigung und Boden- 
beecbaffenheit der zu bcwiissernden Flachen ab. In der Crau stellen die 
schon scit liinf^erer Zeit in Kultur befindlichen uiid auf gut kolinatit'rtem Roflcn 
angelegten Wiesen sehr massij]je Ansprucho an die Bewiisserung , insolVrn sie 
cewohDlicb nicht viel mehr als 1 1 Wasser bediirfen, wilhrend die ueueu auf 
niecb umgebrodieiiem Boden angelegteo Wiesen mindeBtens 8 1 erfordem. 
Das aus der Tiefe der Crau mittelst Pumpen emporgehobene Wasser steht 
dem aus der Durance hergeleiteton Kanalwasser nii Xtilirwcrt bei woitem nicht 
gleich, indem es der fiir die Yerbesscrung den iiodeiis und die Dunguog der 
auf ihiB gebavteo Kultorpflanzen so ungemein wicbtigen festen Stoffe, die im 
Kanalwasser der Darance suspendiert sind , fast g£iizlich entbehrt und daher 
niir zur Anfeuchtunj* und Erfriscliunf* dor Pfianzon vorwendbar ist. Trotzdom 
kann man mil demselben auf Boden, der von 8teineD gereinigt, gut gelockert 
und in der gehorigen Weose zug^chtet ist, ganz vortrefflicfae und reieUidie 
Emten Ton Fattmpflanzen aller Art erzielen. Bei Anwcndung eines rationellen 
Kultursystemj? jjcniifrcn einigo .Tahre schon, den sterilen Stein)>nd^-n in ertrag- 
(ahige kunstliche oder natUrliche Wiesen zu verwandelo und eiue Graanarbe 
auf deiuttlben herzustellen , die dicht genug gescblossen ist, um ein AbmShen 
des Grases zu ennoglichen. Viele altere Wiesen der Crau sind nichts anderes 
als verraste Liizeniefelder, auf welchcii die Luzerne n;i ■li uuil nach durch die 
Gramineeu ersetzt worden ist, welche ihren Platz eingeuommen haben. Trotz 
seiner anscheinenden Gleichfiirmigkeit bildet der Boden der Crau selbst auf 
Feldern von ganz beschrSnkter Ausdchnnng selten oder nie vuUig ebcne FlScben. 
Zur Durchfuliruiig einos ratioiu'llen Bewiisserungssystemes ist daher ein genatics 
Bodenuivellement durchaus uneiHisslicli. Die Niveaukurveu zeigen oft viillig 
uuvorhergcsehene Ausbuchtungen, die man bei obei tlachlicher Betruchtung des 
Terraine gar nicbt vwrnntet, die jedoeh den Um^sing der zu bewisseroden 
Peldparzellen sehr wesentlich modifizieren. So ist denn auch in der Crau wie 
in den Oasen der Wiiste das Wasser der Pionier der Kultur, der don Boden 
anbaufahig macht giebt aber auch Stellen, wo die Ueberfulle dcsselbeu 



uiyui^cu by LtOOQie 



258 



Die Flauie de la Crau oder die proren^aUsche Sahara. 



jegliche BelMiaung oder anderweitige Verweitung dea Bodens iinmdglicli machi 

Es siud dit's namentlich die weit<?C(lchiitt'n Sumpfgcbiete, welche die trockenen 
Weidetriftcn dor Crau gcgeii SUUen und Sudweston umgebcn und sic von dem 
Strando des Mecrcs und den IJfem des KLuaestromes trcnnen. Uier wird 
sich alBO nm Entw&Bsening handein, wetin man das anVaufilbige Are^ des 
Craugebictes erweitern und vonncliren will, Ermutigt durch altere Ent- 
wasscrungsarbi'itnn. wclchc giinstige Ergebnisse liefertcn, Imt mnn in nnirrer 
Zeit versucht, aucU die Siinipfe von i'os auszutrocknon uiul anbaufiihig zu 
maohen, indem man hoffte, man werde hter an den Ufern des ]^[ittelnieeres 
mindcstens ebenso gute llosultato cr/iolcn . m Ic «:ie die ITolliiiHler in iiirem 
Lando erzielt baben. Indesscn bat sicb diose Hoffnung als cine triigerische 
erwicsen. Die Bcseitigung der stagnierenden W'assor war cine viel miihsamere 
nnd kostspicligere , als man erwartet hatte und die Infiltrationen von siissem 
und sal/.i.m m Wasser vermcbrton die Kosten der Entwiisserungsarbeiten sehr 
erheblicL Dazu kommt nocb, dass die auf dicse AVeise trocken gelegten Lan- 
derden sidi als vQllig untauglich erwiesen zu irgcnd welclier Bcnntzung. Die* 
seiben bestehen ans eincr Anbilufung TOn Kesten organiscber Substanzen, 
welcbo cinpn scbwammi^f ii Boden bilden , mit welcliem sclileoliti'rilings nichts 
anzulangeu ist, da er wcdcr zum TorfbticU uocli als Ackcrland verwendbar ist. 
Han bat daher diese EntwSsaerungSTersucbe als Toltig nutzlos wiedw anfgeben 
mUssen i)* 

TI. Yegetaiiou uud Agrikultiir. 

Wic die Flora de<; si'ulliclien Spaniens vitlfacb an die der Provinz 
Oran ^) eriuuert, wie die Prianzenlormeu der Garrigues *) fast am ganzen nord- 
afrikanischen Litoral bis an die KUsten von Syrien bin sicb wfederbolen, so 
triigt auch die Vegetation der Provence *) ganz unverkeunbar einen afrikani- 
sclion Typus zur Sclian, der auf den SlciiitiiininierfcMfM-n der Crau einen ent- 
schiedcnen WUstencbarakter annimmt. Dem aus der ^'erne sie Uberschaueudcu 
Ange erscbeint die Sahara eine einzige wasser- und Tegetationstose fiinSdey 
bei dw Durebwandemng aber bietet sic dtm Forscber eine Menge der inier- 
es!?antpstf^n Pflanzen, die in Gestalt und Haliitus die Natur di s Bodens . dem 
sie entsprosseu, wio die Einfliisse des Kiimas, dencn sic expouiert siud, in 
ungemein cbarakteristtscher Weise zum Ausdraek bringen Anch die. Crau 
scheint, wenn man von einem Gipfel der sierrenartig zerkliifteten Alpinen sie 
iiberscbaut, alien Pllanzcnwnrhses zu cntbebren ; wenn man aher binabstcigt aus 
der Hohe und sich die Miibe nimmt, die triiinnierbesiiten Fliicbeu geuauer zu 
untertuchen, so iiberzeugt man sicb, dass dieselben durcbaus nicbt so pflanzen* 
arm sind, wie sie dem Hiicbtig iibcr sie binscbweifendcn Auge erscbeinen, dass 
sic vielmchr eine Reibe dor niprkwiirdi^^'stcn Vp*?r>tationsfornien Iht!.'' )) , die 
nach Art und Gcscblecbt fast durcbweg der spe/ilisch mediterraueu k lura au- 
geboren und in Gestalt und Habitus ivie in Wacbstum und Entvickelnng den 
Wiistencbarakter ilu-cs Standortos sohr ;lll.^lMl^■l!I^^^ /.um Ansdrucke bringen. 
Wie die Plateaus der iSahara wiilivi nd der Sommernionate last vDllstiindig 
ausgedorrt sind , bald nacb deiu Kiutritte der ersten Winterregen aber nut 
allerlei rasch aufspriesscnden Pflanzen sich bedeckcn , die ibren Vegctations- 
cykhis in kiirzcster Frist durcblaufeii ") , so bekleidcn sicli aucb die Stein- 
triimmerfelder der Crau, die wiibrend des Soramers wie ausgebrannt und ver- 
sengt daliegen, erst bei Beginn der Herbstregen mit kurzbalmigen Grasern 



>) Convi-rt, L C. p. 558-560. 

Martina, 1. c p. &34— 535. 
" Il>id. p. 58S. 

*) Ibid. II - Reel u 8, 1. c II, p. 18, 178, 269. 
*) Martins, i. c. p. 527—602. 
•J Ibid. p. 556. 



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IH« Plaiiie de h Cnm oclei di« prOTMf&liaelie SabsMW 259 

imd wiirzigen KrUutcrn , die deii uni diese Zeit hior cintrelienden AVander- 
herden von Schafcn und Ziegen eiue saftrcichc Wiuterwcide bieteni), mit der 
hSher flteigeuden Friihlingasonne and den alMdehenden Herdcn abcr ebenso 
sclinoll wieder verschwimL ii . wie sir aufs]iross( n. Hit r wie dort bringt das 
liiiutige Vorkommen der gaUischeii und ul'nkanischen Tamanske'), verschiedener 
Salsolaceen und andercr kalibaltigen Pflanzcn, die in der Crau und Camargue 
in ganz ebenso industrieller Weise ausgebeutet werden wie in den Huertas von 
Valencia iiml Alicante, dcii Sal/,;,'plialt dos FJodcns •/nm Aiisdruck nnd nianche 
Diatrikte der iSahara eriniuTU in ibren Vcgctatiuusformeu auf das Frappicrendste 
an die Pflanzen, welcbe die Strandsceen nnd Etangs dee litoralen Craiige1)iets